Seine Züge strafften sich. »Ja, o ja!«

»Und dein Söhnchen erst!«

»Ich habe auch noch ein Töchterchen,« sagte er gepreßt, »das ist bei

den Großeltern, es heißt Marie-Sibylle.«

»O!« rief sie strahlend. »Und wie alt?«

»Erst ein Jahr.«

»Wie mußt du glücklich sein mit den Kindern!« sagte sie träumerisch.

Er schwieg und beugte sich über den kranken Fuß. »Das sieht ja schon

besser aus,« sagte er froh. »Jetzt ziehen wir den Strumpf wieder an und

tragen unser müdes Kind heim.«

»Ach ja,« murmelte sie, »ich wäre gern dein Kind, Arno.«

Er hob sie auf, sie schlang ihre Arme vertrauend um seinen Nacken und

schmiegte ihr Köpfchen an seine Schulter. »Bin ich dir auch nicht zu

schwer?« fragte sie, vor Behagen blinzelnd.

»Kinderleicht!« rief er feurig. Und wacker begann er auszuschreiten.

Sibylle lachte leise vor sich hin. »Was werden meine guten Dörfler

sagen, wenn sie ihr ›schianes Freili‹ so wiedersehen? Die Kastellanin

kriegt sicher Krämpfe vor Mitleid.«

Er drückte seine leichte Bürde zärtlich an sich. »Sonnenkind!«

flüsterte er zärtlich und dann: »Willst du nicht schlafen?«

»Schlafen? Wie kann man denn schlafen, wenn man so glücklich ist?

Nach dem Furchtbaren, weißt du, da hab' ich wochenlang nicht schlafen

können. Und als ich fort wollte, da waren alle bös mit mir, die Tante

Betty Trebnitz und der Vormund Klaus Wrede, auch der gute Pastor

... das war schrecklich, aber fort mußte ich dennoch, denn alle

Dinge hatten Augen bekommen und sahen mich fürchterlich an in meiner

Verlassenheit -- ich wäre wahnsinnig geworden. Am schwersten war es,

so mitten im Winter fortzuziehen -- die lieben alten Bäume ... unser

Garten ... die Gräber, aber es mußte ja sein. Daheim glauben sie, ich

hätte kein Herz für die Heimat. Aber konnt' ich denn anders? Und hier

hat's lange gedauert, bis ich ruhiger wurde. Die weißen Berge und die

feierlichen Bäume machten mich allmählich ruhig, und dann zuletzt auch

meine Pflichten.«

»Pflichten?« fragte er lächelnd.

»Aber ja, gewiß. Siehst du, man kann doch nicht nur für sich selbst

dahinleben.« Und sie begann ihm ausführlich zu erzählen von ihrem

blinden Sepp, den sie die Blindenschrift gelehrt hatte -- die habe sie

ja selbst zunächst lernen müssen, und da habe es anfangs gar nicht

geklappt, von der Großmutter Gräsern, der alten Mutter Koppen, den

beiden Hubergreisen, von den medizinischen Büchern, die sie studiert

habe, und von dem Vertrauen, das die Leute ihr schenkten.

Ein reines, reiches Leben voller Unschuld, Tiefe und Tätigkeit tat sich

vor ihm auf, und während sie sprach, wußte er: so mußte es sein, so war

Sibylle, und nur so hatte sie werden können. Das entsprach ihrem Sein,

ihr Wesen aber hatte sich ihm in seiner Ganzheit offenbart und intuitiv

eingegraben, und wenn er immer wieder neue Fragen einwarf, so tat er es

kaum, um mehr von ihr zu erfahren, denn er kannte sie ja schon, sondern

um ihre holde, süße Stimme zu hören, die ihn bezauberte und beruhigte

wie Brunnenplätschern und Quellengeriesel.

Traumhaft fragte Arno, während er mit Sibylle dahinschritt: »So fühlst

du dich denn niemals einsam?«

Sie sah ihn sehnsüchtig an. Sich selbst erkannte sie nicht wieder. Wie

ein entfesselter Strom brauste ihr Wesen frei dahin, das sonst immer

so gehalten zu sein pflegte. Das macht, weil ich ihn liebe! dachte sie

voll Jubels, und er hat mich ja auch lieb, und ihm allein kann ich

alles, alles sagen.

»Jetzt erst weiß ich, daß ich einsam war,« sagte sie leise. »Aber dann

-- hatte ich ja meine Bücher. Einige davon lese ich immer und immer

wieder, ich kenne ganze Seiten davon auswendig.«

Er nickte. Auch das stimmte zu ihr. Tastend fragte er weiter: »Sehnst

du dich denn nie nach Menschen? Nach Standesgenossen, meine ich.«

Sibylle schüttelte langsam den Kopf. »Im Leid sind wir alle

Standesgenossen, und Leid gibt's überall, nur zuviel. Ich habe auch

früher niemand vermißt, weil ich ja nicht ahnte, daß ich jemals zu

einem Menschen so frei reden könnte wie zu dir, denn auch Mama ...

kannte mich nicht, wie ich mich von dir gekannt fühle.« Ihre Augen

füllten sich mit Tränen.

»Nicht weinen, Liebling!« sagte er weich. Seine ganze Seele war

gefangen, berauscht und zugleich geheiligt durch ihr liebliches

Vertrauen. Ja, er verstand sie, weil er sie liebte -- wie er sie aber

liebte, durfte er ihr das sagen?

»Ja, so ist es,« plauderte sie unbefangen weiter, »ich bin ein

richtiger Einsiedler. Die Leute erzählen mir von ihrem Kummer, ihrem

Leide. Nach dem meinen fragen sie nicht, und ich möchte auch um alles

in der Welt nicht gefragt werden. Sie meinen, ich trüge Trauer um

meinen Bräutigam.«

»Aber, Herz, so könntest du doch nicht weiterleben.« Er wußte genau,

daß sie es konnte.

»Warum nicht?« fragte sie unschuldsvoll. »Ich bin im Grunde sehr

bedürfnislos, Arno, nur frei muß ich mich fühlen können. Und was gibt

es Freieres und Schöneres als die Schnee-Einsamkeit der Berge! Da ist

auch Religion, Arno. Einsam bis ins innerste Mark, fühle ich doch das

Leben der Natur mit, das ich in seiner Größe und Schönheit anschauen

darf. So wird die Natur ein Spiegel der Seele.«

Er war hingerissen. Fast schämte er sich, sie durch seine nichtigen

Einwürfe zu veranlassen, immer mehr die Schönheit ihrer Seele zu

offenbaren.

»Aber du hast ja noch gar nicht gelebt,« sagte er leise im Gefühl

seiner Schuld.

Sie kniff die Augen ein und lachte glücklich. »Meinst du? Ich glaube,

ich lebe nur zu intensiv. Ich habe aber auch Männer kennen gelernt,

dein Regimentskamerad Zur-Linden wollte mich heiraten.«

Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen · 第 12 / 15 题