Sibylle war aufgesprungen. »O nein ... bitte.«

Die alte Dame setzte sich neben sie und streichelte zärtlich ihre

Hände. »Ja, ja,« sagte sie dabei und nickte, »ja ja.« Ihre weißen

Lockenwickel zitterten. »Ich habe Ihnen auch einen Gruß zu bringen --«

»Von Leutnant Zur-Linden?« fragte Sibylle.

Die alte Dame nickte wieder und fuhr fort, die jungen Mädchenhände zu

streicheln. Ihre zarte Art griff Sibylle ans Herz. Gedämpft und voll

eines plötzlichen Vertrauens, das sie sich nicht zu erklären wußte,

begann sie zu sprechen.

»Es ist so unbegreiflich, so schmerzlich ...« murmelte sie stockend in

die heiße Sommerluft hinein, »man will doch niemandem wehe tun und tut

doch wehe. Da kommen sie und bringen einem Blumen und Verse und sind

betrübt und enttäuscht und reisen ab, wo es für ihre Gesundheit gut

wäre, die Kur zu Ende zu brauchen, und quälen sich und andere ...«

Das alte Fräulein nickte wieder und sah sie gütig an. »Ist es denn

eine so schwere Last, Liebe zu erwecken? Ja ja, ich verstehe, wenn man

selbst nicht --«

»Ja!« rief Sibylle, »und ach, ich weiß nicht ... vielleicht kann ich

überhaupt nicht ... ich muß doch sein, wie ich bin!«

»Sie haben Ihr eigenes Leben und Ihren eigenen Maßstab, Kindchen, da

haben Sie recht. Aber das Leben liegt noch vor Ihnen, und es kann gut

und schön werden so oder so. Wir Alten -- wir sind über all das hinaus;

für uns haben sich die goldenen Tore des Lebens geschlossen, was wir

sehen, wenn wir zurückblicken, ist wie Traum und Schatten, auch das

Leid, das wir erlebt haben. Wie in einem winterlichen Silbergarten

stehen wir, bereifte alte Bäume, und schauen nach innen und träumen und

warten ...«

»Ach ja!« seufzte Sibylle, »so gerade, so ist mir's auch, das kenn' ich

so gut.«

»Sie ...?« Die alte Dame sah sie grübelnd an und lächelte mild. »In

unseres Herrgotts Garten wachsen verschiedene Bäume und Blumen,« sagte

sie leise. »Jedes hat sein Recht und seine Art, da läßt sich nichts

dreinreden. Es gibt Blumen, die nur einmal blühen, aber zum Blühen und

zur Vollendung soll ein jedes kommen, früher oder später. Sieh da --

Sibylle, ist das nicht Ihre Mutter, die Sie sucht?«

Sibylle trat vor den Laubeneingang und schaute hinaus. Die Gräfin stand

an der Biegung eines Parkweges, hielt die Hand über die Augen gebreitet

und spähte umher. »Sibylle!« rief sie.

»Ja, Mama, ich komme!« Dann eilte das junge Mädchen noch einmal in die

Laube zurück, beugte sich über die Hand der alten Dame und küßte sie.

»Ich danke Ihnen.« -- --

Nach Zur-Lindens Abreise gestaltete sich das Verhältnis der Eltern

zu Sibylle liebevoller als je. Sie hatte der Mutter offen von

seinem Antrage erzählt. Glaubte das Ehepaar, seinem Kinde für den

jugendlichen, sympathischen Verkehr, der mit Zur-Linden verloren

gegangen war, einen Ersatz bieten zu müssen, oder war den Eltern bewußt

geworden, daß sie Sibylle schwerlich lange für sich allein würden

behalten dürfen, kurz, das Zusammenleben der drei war von erquicklicher

Harmonie und Innigkeit.

Auch nach ihrer Rückkehr in die Heimat. Wie ein kostbares Kleinod, das

fremden Augen nicht preisgegeben werden durfte, hüteten und wahrten

diese drei Menschen den Schatz ihrer gegenseitigen Liebe und ihres

Verständnisses füreinander.

Der Graf hatte für Sibylle als Überraschung daheim ein

Jungmädchenzimmer von auserlesener Zartheit herrichten lassen, das

Sibylle bewundernd ihr Silberparadies nannte. Es war in der Tat ein

solches. Silberweiß die Wände und weißlackiert die Möbel, selbst die

Bücher im zierlichen Schrank waren in weißes Leder gebunden. Duftige

Fenstervorhänge und eine schwere, weißseidene Portiere schlossen diesen

festlich-anmutigen Raum vor der übrigen Welt ab.

Hier stand Sibylle oft träumend an einem der Fenster und blickte in die

Winterpracht hinaus. Im Frühjahr, Herbst und Winter, wenn die Bäume

noch nackt aufragten, konnte sie von ihrer Höhe einen See erspähen,

der wie ein unheimliches Auge in den grauen Wolkenhimmel emporstarrte

oder an schönen Tagen die Bläue des Himmels glitzernd widerspiegelte.

An diesen See knüpfte sich eine Sage: alle zehn Jahre, hieß es, müsse

er sein Opfer haben, und Sibylle erinnerte sich, als Kind von einem

blinden Manne gehört zu haben, der beim Überschreiten des Eises

eingebrochen und ertrunken war. Jenseits des Sees lag ein Gutshof, in

den jetzt das Glück eingekehrt war. Die älteste Tochter des Freiherrn

v. Wrede hatte sich verlobt.

Der gesellschaftliche Verkehr beschränkte sich hauptsächlich auf diese

Familie Wrede und den alten Pastor, der Sibylle konfirmiert hatte, und

dem sie herzlich zugetan war.

Wenn der verwitwete alte Herr mit dem klugen, ehrwürdigen Gesicht

ins Schloß kam, war's immer eine Freude für Sibylle, und die beiden

pflegten sich in einer Art zu unterhalten, die an das Gespräch mit dem

greisen Fräulein im Sanatorium erinnerte. Pastor Büttner behauptete oft

der Gräfin gegenüber, er erbaue sich an der Weise Sibyllens, die eine

stille Naturfrömmigkeit zum Ausdruck bringe, mehr als an den frommen

Redensarten seiner anderen Gemeindeglieder.

»Lieber Herr Pastor,« sagte Sibylle einmal nachdenklich, »warum

fürchten die Menschen den Tod, da er doch nur ein Übergang ist? Sterben

wir nicht alle viele Male, wenn wir aus einem Zustande in einen anderen

übergehen? Stirbt nicht die Natur, um zu leben? Ich weiß nicht, wie es

kommt, aber ich fühle mit dem Wasser, wenn es langsam zu Eis erstarrt;

mir ist, als sei ich mitten unter den absterbenden Herbstblättern, und

ich bin auch wieder in den jungen treibenden Knospen -- ich fühle mich

als sie, und mir ist, als wüßten alle diese Dinge viel mehr und als

seien sie viel weiser als wir Menschen.«

Der alte Geistliche wiegte den grauen Kopf, sah das junge Mädchen

sinnend an und sagte sanft: »Sie denken mit dem Herzen, Sibylle, und

darum sind Sie reich -- wie die Kindlein, derer das Himmelreich ist.

Aber warum meinen Sie, daß die Dinge weiser sind als wir?«

»Sie widerstreben nicht, sie tun, was die Jahreszeit von ihnen will und

ihre eigene Art,« antwortete Sibylle. »Wir Menschen aber, wir wollen

uns nicht fügen -- das ist ja auch manchmal sehr schwer,« fügte sie

entschuldigend mit einem verirrten Lächeln hinzu.

Im Laufe dieses Winters ward Sibylle von seltsamen Träumen heimgesucht,

die sich ihr mit außerordentlicher Deutlichkeit einprägten.

Insbesondere war es ein immer wiederkehrender Traum; sie sah ihm mit

einem Gefühl von Unruhe, ja Angst entgegen, weil er immer, in derselben

ihr unbekannten Gegend anhebend, sich mit wenigen Veränderungen

abspielte und ihr ein schweres Wehegefühl hinterließ. Sie stand in

einer hohen Felsschlucht, auf einer schwebenden Brücke, unten kochte

der Gebirgsbach, oben sah der freie Himmel hinein, und zu beiden Seiten

wand sich die Schlucht in einen finsteren Grund weiter. Neben ihr, auf

der Brücke, stand ein Mann in einem dunklen, faltigen Mantel, und sie

hörte ihn die Worte sprechen: »Natur und eine geliebte Menschenseele --

welch ein wundervoller Zusammenklang!« Dann aber, wie sie sich nach ihm

umsah, war sie allein auf der Brücke, und unten in der tosenden Tiefe

sah sie sehnsüchtige Hände, die nach ihr langten und sie nicht fassen

konnten. Und es war ihr, als seien es die Hände ihrer Eltern. Sie

sprach zu niemand von diesem furchtbaren Gesicht. Die Worte des alten

Fräuleins fielen ihr ein: »Was wir sehen, wenn wir zurückblicken, ist

nur Traum und Schatten, auch das Leid, das wir erlebt.« War nicht auch

Traum und Schatten, was man vor sich sah? Sibylle wußte es nicht.

Inzwischen begann man sich zur Hochzeit Selma Wredes zu rüsten.

Da Sibylle Brautschwester sein sollte, so gab das eine angenehme

Geschäftigkeit. Immer wieder fand die Gräfin etwas an den Toiletten zu

verändern und zu vervollkommnen. Schneiderinnen bekamen alle Hände voll

zu tun, und auch die Gräfin fand noch eine wehmütige Freude daran, sich

selber zu schmücken. Botschaften gingen über den See hin und her.

Endlich war alles, wie man es sich wünschen konnte, und strahlend

in Heiterkeit und Anmut, trat die Mutter am Hochzeitsmorgen Selma

Wredes in Sibyllens Stübchen. Wie erschrak sie, als sie ihr Kind mit

dunkelumränderten, fiebrigen Augen im Bett sitzen sah.

»Sibylle, was ist?«

»Ach, Mamachen, nichts von Bedeutung, aber ich fürchte, ich werde

das Fest nicht mitmachen können, ich habe die ganze Nacht durch

Halsschmerzen gehabt.«

Bestürzt beugte sich die Mutter zu Sibylle nieder und faßte ihre Hände.

»Du fieberst ja, Kind!«

Sibylle lächelte, bog sich zurück und küßte die Hand ihrer Mutter.

»Nein, küsse mich nicht, Mama, ich könnte dich anstecken --

wahrscheinlich nur eine gewöhnliche Halsentzündung.«

Der Arzt ward geholt und bestätigte Sibyllens Annahme. Die Sache sei

durchaus nicht gefährlich, natürlich aber dürfe die Komtesse nicht

ausfahren.

Nun wollte auch die Gräfin zu Hause bleiben, aber Sibylle ließ ihr

keine Ruhe, das würde Selma doch zu sehr enttäuschen. Sie bat und

flehte, bis ihre Mutter endlich nachgab und auf das Fest zu gehen

versprach. Vor Sibyllens Augen ließ sich die Gräfin von der Jungfer

ankleiden, obwohl ihr die Freude an dem Tage gänzlich verdorben war.

»Was habe ich noch für eine schöne, junge Mama!« sagte Sibylle zärtlich

mit feucht glänzenden Augen -- »wie heller Flieder bist du, laß dich

von allen Seiten anschauen! Und Väterchen soll sich auch präsentieren!«

Betrübt nahmen die Eltern Abschied, und Sibylle horchte angestrengt auf

die verhallenden Schlittenglocken.

Eine halbe Stunde etwa mochte vergangen sein, als Sibylle von einer

grauenvollen Unruhe befallen ward. Unheimlich kroch eine Angst, die

sie sich nicht zu erklären vermochte, über ihre Glieder und schüttelte

sie. Von Schauern durchrieselt, warf sie sich in ihrem Bett hin und

her, ächzend richtete sie sich auf, langte mühsam nach einem Schal,

hüllte sich hinein und starrte verloren vor sich hin. Was sie empfand,

war nahezu Verzweiflung -- warum? weshalb? Sie wußte es sich nicht zu

erklären. Ich bin doch kränker als ich glaubte, dachte sie; gut, daß es

Mama nicht gemerkt hat!

Vor Erschöpfung schlief sie endlich ein.

Als sie erwachte, war es heller Tag. Sie griff erschreckt nach der

Glocke, um dem Mädchen zu klingeln. Es war doch unerhört, daß sie

die Rückkehr ihrer Eltern verschlafen hatte! Aber kaum schrillte

der Glockenton durch das Haus, als im Zimmer nebenan ein erregtes

Flüstern hörbar wurde -- Sibylle vernahm ein Huschen, ein unterdrücktes

Räuspern, die Tür ward aufgeklinkt, der weiße Vorhang beiseite

geschoben, und vor ihr stand der alte Pastor.

Er sah feierlich und so blaß aus, daß Sibylle ihn entsetzt anstarrte.

»Lieber Herr Pastor -- was ist ...« flüsterte sie.

Der alte Mann trat näher, setzte sich auf ihr Bett und nahm ihre beiden

Hände. Er mußte reden. Nie war ihm eine Aufgabe so jammervoll schwer

geworden.

»Mein liebes Kind,« murmelte er, »Gott der Herr muß wohl unbegreifliche

Dinge mit Ihnen vorhaben, Geben und Nehmen liegt in seiner Hand --

liebe Sibylle -- er helfe Ihnen in Ihrem Leide ... Ihre Eltern sind

beide ...«

»Tot --?« flüsterte Sibylle erstarrt.

Der Pastor beugte sein greises Haupt und brach in Tränen aus, er

zitterte vom Kopf bis zu den Füßen.

Sie saß da in ihrem Bett wie zusammengebrochen, den Kopf kraftlos

gebeugt, die Augen halb geschlossen, totenblaß. Alles um sie herum

schien zu kreisen. Es war, als habe sie einen Schlag vor die Stirn

bekommen wie ein zum Töten bestimmtes wehrloses Tier.

»Tot ...« murmelte sie mit irrem Lächeln, »tot -- Herr Pastor, nein,

das ist ja nicht möglich -- ein böser Traum ... sagen Sie, daß es nicht

wahr ist, bitte, bitte, Herr Pastor ...«

Sie sprach wie im Schlafe mit einer kleinen, zerbrochenen Stimme, die

fremd und wunderlich klang.

Als der Pastor schwieg, malte sich ein steinernes Grauen auf ihren

Zügen, der Kopf sank tief auf die Brust nieder, und flüsternd fragte

sie: »Der See ...?«

Der alte Mann nickte nur, dann fiel er vor dem Bett in die Knie, rang

die Hände hoch empor und begann laut zu beten: »Herr, hilf deinem

Kinde! Herr, sei deinem Kinde barmherzig und gnädig, Herr, gib Kraft zu

tragen ...«

Scheu hob er das Haupt und sah Sibylle an.

»Ertrunken ...« murmelte sie abwesend, »ertrunken -- zuviel, zuviel --«

Sie ächzte leise auf, stieß einen furchtbaren, durchdringenden Schrei

aus und fiel vornüber, bewußtlos.

* * * * *

Die ersten Wochen nach dem entsetzlichen Ereignis vergingen dumpf

wie ein lastender Traum. Sibylle war in einen Zustand teilnahmloser

Schwäche geraten, aus dem sie nichts, weder die zärtliche Hingabe der

Wredeschen Familie, noch die liebevolle Fürsorge ihres geistlichen

Freundes zu reißen vermochte. Die Baronin Wrede war für einige Tage

ganz zu Sibylle hinübergezogen; eine ältere Verwandte, ein Fräulein v.

Trebnitz, hatte man aus Berlin herbeidepeschiert zur Pflege Sibyllens

und zur Leitung des Hauswesens. Unter ungeheurem Zudrang der nahen und

ferneren Nachbarschaft waren die Leichen, die man aus dem See gezogen

hatte, in der Familiengruft beigesetzt worden. Nur der alte Kutscher

allein hatte sich gerettet. In dem Moment, als der Coupéschlitten

einbrach, war er halb besinnungslos vor Schrecken ins Wasser geglitten.

Die stolpernden, bäumenden Pferde hatte er zuvor noch zurückreißen

können, hinter sich aber hatte sich das Coupé plötzlich gesenkt --

ein Krachen, Bersten, Auseinanderklaffen und eiskalte Fluten Wassers

-- als er wild um sich greifend, eine Eisscholle gepackt hatte, war

alles verschwunden, versunken. Geschrien hatte er wie ein Wahnsinniger

-- einen Pferdekopf hatte er noch einen Moment gesehen, dann nichts

mehr. Laut weinend erzählte er den furchtbaren Hergang und nahm sofort

seinen Abschied. »Ich könnte ja der Komtesse nie mehr unter die Augen

treten,« sagte er, »obwohl ich ja bei Gott keine Schuld habe. Noch tags

zuvor bin ich ja mit dem Lastschlitten, den Möbelkisten, die unsere

Herrschaft der Baroneß Wrede geschenkt hatte, über dieselbe Stelle

gefahren, und die Kisten waren wahrhaftig schwerer als das leichte

Coupé. Da hat der Teufel seine Hand im Spiel gehabt -- ich kann das

Unglück nicht begreifen!«

Es verhielt sich in der Tat so, wie der alte Mann ausgesagt hatte.

Untersuchungen und Vernehmungen ergaben die Richtigkeit seiner

Behauptungen. Man mühte sich, die Ursache des Unglücks in einer

verstärkten Strömung des Unterwassers zu erklären, die durch

außerordentliche Herbstregengüsse hervorgerufen sein könne und

vielleicht das unterseeische Strombett eines durchziehenden Flüßchens

verändert habe; man erschöpfte sich in Hypothesen und Vermutungen --

die ältesten Bauern aber schüttelten düster die Köpfe und meinten,

der See habe nun wohl auf zwanzig Jahre Ruhe, da er mit einem Male

zwei Opfer gefordert -- daß es aber die liebe, gütige Herrschaft habe

treffen müssen -- das sei bitter hart.

Daß Sibylle zur Beisetzung ihrer Eltern nicht hatte zugegen sein

können, empfand man als ein Glück für sie. Es war auch ein Glück, daß

sie die lieben, entstellten Züge nicht mehr gesehen hatte. Täglich

regnete es von allen Seiten Erkundigungen und Nachfragen, und täglich

konnte Fräulein v. Trebnitz nur dieselbe trübe Antwort finden: »Immer

noch völlig teilnahmlos.«

Sibylle war wie ein gebrochenes Rohr. Still, blaß und wie bewußtlos lag

sie viele Stunden, ohne sich zu rühren, mit geschlossenen Augen und

nahm gehorsam Stärkungsmittel und Nahrung zu sich mit einem gemurmelten

Danke. Arzt und Pastor kamen täglich, verhandelten flüsternd

miteinander und mit Fräulein v. Trebnitz, und verließen bekümmert das

Haus.

»Sie sollte sich doch einmal aufraffen können,« meinte die ältliche,

spitznasige Verwandte seufzend und schüttelte ergeben in fremdes Leid

den dünnen, graubezopften Kopf. »Wo bleibt denn das Vertrauen zu

unserem Herrgott?«

»Man muß ihr Zeit lassen; eine so zarte Seele wie die ihre, die sich

die Erleichterung des Aussprechens versagt, braucht mehr Zeit als

andere!« murmelte der alte Pastor weich. Im geheimen wünschte auch er

schmerzlich, Sibylle möge ihren Trost dort suchen, wo er ihn selbst

gefunden: im Glauben und im Gebet.

Und eines Tages, als er wieder bei ihr saß und sie wie immer liebevoll

nach ihrem Befinden gefragt hatte, hob Sibylle mühsam den Kopf aus den

Kissen, sah ihn mit einem scheuen, langen Blick an und streckte ihm

eine abgezehrte Hand entgegen.

»Sie sind so gut und geduldig, mein lieber alter Freund, viel zu gut

sind Sie, und ich ...« Sie schwieg, ein wundes Zucken rann über ihr

Gesicht.

»Und Sie ...?« fragte der alte Herr gespannt.

»Ich habe vor, sehr undankbar zu sein,« sagte Sibylle matt, »und Sie

alle zu verlassen -- ich kann es nicht mehr ertragen, in meinem Heim zu

leben wie früher -- zu schwer, zu entsetzlich ist das. Fort will ich --

irgendwohin, in den Süden, in die Berge, wo es -- so anders ist. Ich

will Wangen verkaufen und nie, nie mehr wiederkehren ...«

»Wangen -- verkaufen?« Der Pastor starrte sie entsetzt an.

»Ja ... kann ich denn hier leben? Sagen Sie selbst, Herr Pastor, wo

alle Dinge tausend Augen haben und mich so weh anstarren --« Schnell

und leise sprach sie weiter: »Fort, fort muß ich um jeden Preis -- in

die Berge, in die Stille, in den tiefen, einsamen Winter hinein, wo

niemand mich kennt, niemand fragt, niemand weiß. Dann will ich sehen,

was mir zu lernen not tut -- nicht vergessen, Herr Pastor, o nein, nur

mich selbst finden, wenn ich -- anderen -- etwas sein kann.«

Der alte Mann seufzte tief auf und schwieg. Hatte er sich früher in

den hellen, glücklichen Tagen an Sibyllens Weise gefreut, so erschien

ihm jetzt ihre Art fremd. Die Kinder des Glaubens pflegten sich

Schicksalsschlägen gegenüber zu beugen mit Weinen, mit Beten, mit

Reue und Selbstanklagen, mit Flehen um Trost und Gnade, oder aber

sich aufzulehnen mit Empörung, Trotz und Hader. Sibylle aber duldete

schweigend wie eine gebrochene Blume, und da, wo man es am wenigsten

erwartete, da handelte sie. Er empfand, daß er wenig von ihrer Seele

wußte, so gut er sie auch zu kennen geglaubt. Ihre Natur zog sich still

und stolz in sich selbst zurück und wich einfach aus, wo sie sich

gebunden und gehemmt fühlte, ohne sich über sich selbst zu äußern.

»Wen Gott der Herr liebt, den züchtigt er,« sagte er leise.

Sibylle schlug die durchsichtigen Augen zu ihm auf und sah ihn

schmerzlich an. »Es ist ja gleich,« flüsterte sie, »ob wir leiden oder

uns freuen -- im letzten Grunde kommt es darauf nicht an für unsere

Seele, so schwer auch das Leiden ist, nur wir selbst müssen wir zu

bleiben suchen und die Wege gehen, die uns dazu führen.«

Es lag eine Art schmerzlicher Stille über ihrem schmalen Gesicht, wie

sie bei Menschen erscheint, die sich zu einer läuternden Wahrheit

durchgerungen haben.

»Dürfen wir aber die Aufgaben verlassen, in die uns Gott hineingesetzt

hat?« fragte der alte Herr zögernd, von ihren frühreifen Worten

betroffen.

»Wenn uns eine Wahl bleibt -- ich glaube ja. Ich muß innen gesund

werden, ehe ich an Aufgaben denken kann, und das kann ich nur allein

und fern von hier.«

»Sie sind ja noch so jung, Sibylle -- wenn Sie später anders

dächten ...«

»Ich bin mündig, Herr Pastor. Bitte, seien Sie gut und veranlassen Sie

meinen Vormund, Baron Klaus Wrede, morgen zu mir zu kommen. Ich muß

alles mit ihm besprechen.«

Sibyllens Entschluß, abzureisen und das Stammgut ihrer Eltern zu

verkaufen, rief eine allgemeine Mißbilligung hervor. Baron Klaus Wrede,

ein Freund ihres Vaters und der Vater Selmas, ein Mensch von strengen

Grundsätzen, widersetzte sich mit Entschiedenheit ihren Wünschen.

Der stattliche Herr mit dem Wallensteinkopf wurde fast ausfahrend.

Mit rotem Gesicht und gerunzelten Brauen saß er Sibylle gegenüber und

räusperte sich bei jedem Satz, den er mißmutig hervorstieß.

»Ahem, nein, Sibylle, solche Auffassungen kann ich nicht begutachten,

da verlangen Sie zuviel -- wie? was? Wangen verkaufen? Das geht denn

doch nicht, Kindchen, hm.«

Sibylle sah ihn durchdringend an. »Ich muß darauf bestehen!« sagte sie

sanft.

Er fuhr auf, sich während des Sprechens immer mehr und mehr ereifernd.

»Hm, was verlangen Sie? Ich kann das nicht verantworten. Reisen Sie

denn in Gottes Namen, aber so wie es für eine Dame Ihres Standes

schicklich ist, mit Begleitung. Ich will meinetwegen den Verwalter Berg

hersetzen, das ist ein ordentlicher Mensch, und Ihnen halbjährlich

eine Summe hinaussenden -- aber -- verkaufen? Ne -- wäre ja Unvernunft,

Kindchen!«

Gequält schloß Sibylle die Augen. »Ich reise allein,« murmelte sie,

»weil ich muß, gleichviel, was die Leute denken, und Wangen möchte ich

verkauft haben ...«

Baron Klaus wurde blaurot. Mühsam beherrschte er sich. »Nach zwei

Jahren wollen wir uns wieder darüber aussprechen,« sagte er kühl. »Wenn

Sie dann noch auf Ihrem Willen bestehen, hm, dann ja, meinetwegen.

Aber das sind so kranke Ideen, man verkauft doch nicht ohne weiteres

ein Prachtgut wie Wangen; Ihre Eltern, die hier gewirkt und gearbeitet

haben, wären schwerlich damit einverstanden gewesen!« schloß er wieder

zornig.

Er hatte mit Härte das schroffste Argument hervorgeholt, das ihm zu

Gebote stand. Nun war er selber darüber erschrocken.

Sibylle schwieg lange. Endlich sagte sie einfach: »Das ist keine

Laune, Baron Klaus. Wenn meine Eltern wüßten, wie es in mir ist, sie

würden mich verstehen und meinen Wunsch billigen. Man kann auch -- an

Überwindung -- zugrunde gehen,« hauchte sie, blaß wie eine Sterbende.

Es blieb Baron Wrede nichts übrig, als ihr zu willfahren.

So reiste denn Sibylle an einem trüben Märztage nach Süden, von den

guten Wünschen und kritischen Prophezeiungen ihrer nachbarlichen

Freunde begleitet. Fräulein v. Trebnitz besonders fühlte sich tief

verletzt, sie konnte es nicht fassen, daß ihre junge Verwandte ihre

Gegenwart so offenbar scheue und meide.

Wohin Sibylle sich wenden wollte, wußte sie selber kaum, es trieb sie

nur fort von den tausend Augen der Dinge im heimatlichen Hause, die ihr

Glück und ihre Qual angesehen hatten und kannten.

In ihrem Coupéabteil saß sie endlich allein und rang die schmalen

Hände, die sich wie weiße Blütenblätter von dem Schwarz des

Trauergewandes abhoben.

»Ich wollte ja niemand wehe tun,« flüsterte sie und weinte leise vor

sich hin, »und ich habe es doch getan, weil niemand weiß, wie ich

leide. Niemand, niemand weiß ...« wiederholte sie und sah starr vor

sich hin, »und ich bin daheim viel einsamer als allein.«

Als sich der Wagen allmählich zu füllen begann, glitt mancher

neugieriger Blick über die junge Fremde hin, die versunken dasaß, das

leibhaftige Leid, und niemand wagte es, sie anzureden. Wie Rauch und

Ruß hingen die Wolken dunkel und niedrig am Himmel und zogen langsam

vorüber. Städte, Dörfer und Ortschaften tauchten auf, verschwanden.

Müdigkeit und Trauer wiegten Sibylle traumhaft in einen zeitlosen

Zustand von innerer Tiefhörigkeit. Zwischen Möglichkeiten, halb

verhüllten Reichtümern, seltsamen Offenbarungen und unbekannten

Hoffnungen schwebte ihre Seele wie ein taumelnder Schmetterling über

bunte Wiesen ...

Ich muß wieder leben lernen, sann sie, leben lernen ... als ich ein

Kind war, da lebte ich ... ich hatte meine Puppen lieb und Arno und

Mutter ... jetzt will ich die Berge lieben. Lieben -- lieben muß ich

etwas außer dem Unsichtbaren ...

Die Großstadt Berlin, eine rauhe Wirklichkeit, riß sie aus ihren

Träumen. Sie empfand jedoch mit einer flatternden Freude, daß etwas

Neues und Bedeutsames über sie gekommen sei. Der Lärm, das Tosen der

wechselnden Bilder hatte nur auf einige Zeit vermocht, ihren seelischen

Zustand zu überdecken. Die Gewißheit dessen, was sie wollte, trat

wieder unversehrt und klarer in ihr hervor. Und als sie auf dem Wege

nach München von einigen Mitreisenden laut die Schönheit der Tiroler

Dolomiten rühmen hörte, beschloß sie in sich, dorthin zu ziehen.

Von nun an handelte sie wie nach inneren unbekannten Gesetzen,

planmäßig und überlegt. Die Großartigkeit des Hochgebirges versetzte

ihr immer wieder den Atem. Ja, hier in dieser stolzen Schneeeinsamkeit,

in dieser winterlichen Ruhe, angesichts dieser steinernen Riesenwunder

mußte sie Frieden, mußte sie sich selbst finden.

Sie scheute keine Mühe. In einer Talschlucht, die von beiden Seiten

mit dunklen, aufklimmenden Tannenzügen bewachsen war, nahm sie bei

einfachen Bauersleuten Quartier auf einige Tage und erbat sich deren

Rat und Hilfe. Die ältliche Bäuerin war eine prächtige Frau. In ihrer

biederen, schnellerfassenden Art hatte sie bald heraus, was das

blasse junge Blut wollte -- einen Herzenskummer überwinden. Da tat es

nichts zur Sache, daß sie die Trauerkleidung ihres Gastes mit einem

verlorenen Liebsten in Zusammenhang brachte. Sie umgab Sibylle mit

der derbfreundlichen Sorgfalt, die durch ihre Ehrlichkeit wohltat,

und verletzte sie nicht durch aufdringliches Ausfragen. Ihre beiden

Söhne, den Jockel und den Franzl, schickte sie in die umliegenden

Gastwirtschaften und Sommerhäuser auf Kundschaft aus, und so kam es,

daß sie Sibylle eines Tages mit freudestrahlendem Gesicht begrüßte,

die Hände in die breiten Hüften gestemmt, lachend wie eine runde, gute

Sonne.

»Die Buabn han schon was Guats g'funden, Freili.«

»Wo denn, Mutter Walser, ist's weit?«

»Sell schon, aber guat ischt's.«

So stieg denn Sibylle in Begleitung der beiden Burschen auf mühsamen

verschneiten Pfaden durch einsame Wälder aufwärts und fand sich endlich

vor einer seltsam geformten Burg. Ein paar alte Leute hausten als

Kastellane darin und waren von den Besitzern befugt, einen Teil der

Räume an Fremde zu vermieten.

Die Burg stand keck und wuchtig hoch über dem Dorfe auf einer

Bergkuppe; dicht darunter lag eine Gastwirtschaft mit mehreren

Gehöften, wo Sommerfrischler einzukehren pflegten. Ein dunkler

Gebirgsbach brodelte mit steilem Gefälle an den vereisten weißen

Ufern vorüber, überschlug sich und tanzte jäh zu Tale nieder. Was

aber Sibyllens Freude zum Entzücken steigerte, war ein ausgedehnter,

parkartiger Wald von Tannen und Lärchenbäumen, der die Rückseite der

Burg erhellte, da er in ein silbernes Prachtgewand gekleidet war.

Hoch, hoch darüber stiegen, unnahbar und fern, schroffe Gesteinswände,

türmten und zackten in königlicher Majestät ihre Zinken wolkenwärts.

Sibylle beschloß sofort, hier zu bleiben. Das war es, was sie gesucht

hatte.

Eine Zimmerflucht der alten Burg war in gutem Zustande, da die Besitzer

ab und zu einmal einen Sommer hier zu verleben pflegten. In den

letzten Jahren aber, so erzählte die greise Kastellanin, lebten die

Herrschaften da unten in Italien, denn ihr Sohn sei länger krank, und

die Familie wolle sich nicht von ihm trennen. »Machen Sie es sich nur

bequem, gnädiges Fräulein,« sagte die saubere alte Frau knicksend;

»es ist durchaus nicht gesagt, daß Sie bloß Ihre zwei Zimmer benutzen

dürfen. Uns Alte wird es freuen, mitten in der harten Winterwelt ein

junges Blut in den dunklen Räumen zu sehen. Ein Klavier ist auch zur

Verfügung,« setzte sie ermutigend hinzu, »und drüben in der Kapelle

haben wir ein Harmonium. Früher hat mein Alter darauf gespielt.«

So richtete sich denn Sibylle häuslich ein. Sie packte ihre Bücher

in den weißen Lederbänden aus und ordnete sie auf den geschnitzten

Regalen. Sie stellte die Bilder ihrer Eltern, des alten Pastors und

ein Kinderbild Arnos auf einen Ecktisch, die Photographie ihres

heimatlichen Hauses ließ sie tief unten im Boden ihres Koffers ruhen.

Sie versank in den dunklen Möbeln, stand oft wie verzaubert vor den

hohen Bogenfenstern und schaute in das Wunder von Tiefeinsamkeit und

Bergesfrieden hinaus. Oder sie ließ träumerisch eine Melodie auf dem

alten Klavier erklingen, und niemand störte sie in ihrem Tun und Lassen.

Wenn des Morgens lebendiger Hauch den lockeren Schnee von den Bäumen

wehte, wenn das junge Licht purpurn durch die Tannen blinkte, wenn

der Felsen Wolkenzinken im goldenen Flammenstrahl erblitzten, und

wenn der Silbermond sein sanftes Licht flimmernd über das reißende

Gewässer streute und die ganze Welt in seinen keuschen Mantel hüllte --

dann weinte wohl Sibylle vor Weh und Lust, und sie kam sich vor wie

verwunschen und verzaubert. Das Leben aber schien ihr schmerzlich süß

und lebenswert.

Es kamen aber auch Tage, wo die Wälder wimmerten, ächzten und

erzitterten und der Sturmwind heulend um die einsame Burg fuhr, Tage,

an denen die Welt erstorben dalag wie verpackt in dichte weiße Tücher,

in unablässig wandernde Schneeflockenwände, wo ein banges Gefühl

Sibyllen übermannte, und es ihr war, als gehe sie am Leben vorüber.

An solchen Tagen wanderte sie ruhelos durch die dunklen braunen

Schloßräume wie ein Gefangenes und gedachte des fernen, verwaisten

Heims mit bitteren Tränen. Wie unbestimmt und lückenhaft aber auch die

Erkenntnisse auf sie einströmten, die die Einsamkeit und das Schweigen

ihr zuflüsterten -- Erkenntnisse waren es dennoch, und sie füllten ihre

trauernde Seele mit Stille und Frieden.

Es machte sich allmählich von selbst, daß man die Fremde drunten in

der Gastwirtschaft und den zerstreuten Gehöften ringsum kannte. Wenn

die junge zarte Gestalt in den Trauerkleidern an den Kindern und

Erwachsenen vorüberwanderte, grüßte man sie freundlich. Sie kannte

schließlich die verschiedenen kleinen Resis, Vronis, Seppls und Tonis

bei Namen, und obwohl sie selten mit ihnen sprach, hatte sie doch ihre

Lieblinge unter ihnen. Als die Kastellanin eines Tages seufzend von der

schweren Erkrankung eines kleinen Mädchens sprach, faßte sich Sibylle

ein Herz, stieg den Berghang hinab, klopfte an die Tür der Bauersleute

und fragte nach der kleinen kranken Resi.

Man ließ sie eintreten. Das hübsche blonde Kind lag in seiner

Wandbettlade in hitzigem Fieber und ächzte. Vater und Mutter standen

ratlos dabei.

»Dreie sein uns scho wegstuorben -- d' Hals geht dem Resele so vial

zua!« klagte weinend die Frau.

Sibylle faßte die heißen Kinderhände, richtete das Kind auf, bat um

einen Löffel und ermöglichte es, der Kleinen in den entzündeten,

verschwollenen Rachen zu schauen.

Sie sah beruhigt auf. »Es ist nur eine schlimme Halsentzündung liebe

Frau,« sagte sie lächelnd, »das habe ich selber vielmal durchgemacht

und bin doch immer wieder gesund geworden. Jetzt wollen wir dem Resele

einen Halsumschlag machen, und nachher komm' ich wieder und bring'

ein Gurgelwasser, und wenn sie's artig nimmt, soll sie was Schönes

geschenkt bekommen. Gelt, Resele, du willst doch gesund werden?«

Sibyllens liebe Art weckte Vertrauen. Als sie fand, daß die Leute ihre

Verordnungen nicht richtig einhielten und das Fieber des Kindes durch

übermäßige Stubenwärme und erhitzenden Wein steigerten, bat sie sich

aus, die Kleine auf ihre Weise pflegen zu dürfen, und blieb halbe Tage

bei den Hubersleuten. Sie hatte den schönsten Erfolg, das Dirnchen

genas, das Vertrauen der Umgebung war ein für allemal gewonnen. Man

wandte sich auch in anderen Krankheitsfällen an sie, und da Sibylle

einsah, wie wenig erfahren sie sei, ließ sie sich medizinische

Handbücher kommen und begann sich gründlich mit diesen Dingen zu

beschäftigen.

Eine Tätigkeit war gefunden, ohne daß sie sie gesucht hatte. Mit dem

gleichen Vertrauen begannen sich die Leute auch in schweren Fällen an

sie zu wenden. Sie lernte es, Notverbände bei Quetschungen und Wunden

aller Art anzulegen, und wo sie nicht Rat wußte, da schickte sie zum

Arzt. Bald war auch die weitere Umgegend ihres Lobes voll, und die

Leute kamen aus dem Dorf, um sich Rats bei ihr zu erholen.

Ein schmerzliches Mitgefühl mit allem, was lebte und litt, beseelte

sie, und mit ihrem stillen Wirken wuchs auch eine eigene Ruhe und

gesammelte Stimmung in ihr und breitete einen seltsamen Schimmer über

ihr Wesen.

Allmählich begannen die Wälder von Vogelstimmen zu hallen, die

Bäche brausten wilder von den Bergen, erwärmend ruhte die Sonne

auf Wiesen und Auen und lockte das feine Grün hervor, und auch in

diese hohen Regionen zog der König Frühling. Wie lebte da Sibylle

mit den knospenden Blüten und Blättern, wie freute sie sich an

den silberglänzenden Wiesen, wo das taubedeckte Gras schüchtern

hervorsproßte, wo hin und wieder ein farbiges Blümchen fromm-verwundert

in den blauen Himmel blickte, umgaukelt von eifersüchtigen

Schmetterlingen und Bienen -- wie von neuem staunte sie das heilige

Wunder alles Werdens an! Liebte sie auch den Winter um seiner herben

Reinheit willen mehr als die übrigen Jahreszeiten -- ein Frühling im

Hochgebirge war etwas Berauschendes, und die alten steinernen Riesen

hüllten sich noch immer in ihre Schneemäntel, das hatten sie nun einmal

vor der Ebene voraus, und Sibylle liebte sie um so mehr dafür.

Wie kurze, grelle Visionen flogen oft die Bilder ihres jungen Lebens

an ihr vorüber. Jene Zeit war die glücklichste gewesen, da sie, ein

fröhlich-ernstes Kind, über ihrem Puppenreich gewaltet hatte. Wie ein

Traum leuchtete der Sommerabend vor ihr auf, als sie in grenzenlos

gesteigertem Lebensgefühl und seliger Ahnungen voll im Bade von

ihrem Hauslehrer belauscht worden war. Hernach die Erkrankung ihres

Vaters, Arnos Verlobung -- wie war das alles schon lange her -- und

die unruhige Zeit im Sanatorium. Warum hatte ihre frohe Ahnung nicht

gehalten, was sie versprochen? Lag das nicht auch an ihr? Aus dem

Reiche der Kindheit war sie leise, leise in das Reich der Jugend

hinübergeglitten, und tottraurige, furchtbare Dinge hatte sie erlebt.

Wer hinderte sie aber nun, sich ein eigenes, stilles Reich zu schaffen,

ein Reich, da sie herrschte durch Liebe und durch Dienen?

Und Sibylle schrieb an ihren Vormund, sie befinde sich wohl und bereue

ihren Auszug nicht, sie bitte ihn jedoch, ihr die Kisten mit ihren

alten Puppen senden zu lassen.

Um Pfingsten bereitete sie sich ein Fest. Wo Kinderaugen lachten,

wurden sie groß und strahlend vor Entzücken: Sibyllens alte Puppen

fanden Eingang in die engen Bauernstuben und brachten ein wenig

Märchentum und Poesie und viel Glückseligkeit mit hinein. Sich

selbst aber hatte Sibylle am seligsten beschenkt: Für die vergebenen

Puppen gewann sie sich die Kinderherzen. Wo sie an den Bauernhäusern

vorüberging, grüßten sie zutrauliche, glänzende Kinderaugen, und das

»schiane Freili« stand, ehe sie's selber wußte, mit beiden Füßen in

einem holden, sonnigen Reich der Liebe.

Aber Liebe erlegt Pflichten auf, und Herrschen ist nur ein versetztes

Dienen. Das mußte Sibylle an ihrem Teil erfahren. Es dauerte gar

nicht lange, so wußte sie um die Sorgen und Kümmernisse der großen

und kleinen Leute Bescheid und teilte auch ihre einfachen Freuden mit

ihnen. Den kümmerlichen Alten las sie vor und verplauderte manch

Stündlein mit dem rüstigen blinden Sepp, der ihr ergeben war wie ein

treuer Hund. In letzter Zeit beschäftigte sie sich damit, ihn die

Blindenschrift zu lehren.

Und über all ihrem stillen Tun erfuhr sie, daß sie nicht leer ausging.

Sie sah und lernte das Hinleben dieser einfachen Menschen mit ihren

einfachen Bedürfnissen verstehen, sie tat blitzartige Einblicke in das

Kreisen von Lust und Schmerz, sie erfaßte das große und wunderliche

Leben und die notwendige Folge von Schuld und Leid.

Wogende Nebel schwammen über dem Tale, und die Sonne konnte nicht

durchblitzen, obwohl in der Höhe ein klarer Maimorgen lachte und

strahlte. Im Dorf unten hatten sich schon die ersten Ausflügler

und Sommerfrischler gezeigt; auf den Gassen regte sich ein buntes

Treiben. Kinder standen vor den Häusern und betrachteten neugierig

die städtischen Fremden, die, Maireiser auf dem Hut und Rucksäcke

auf dem Rücken, zu Fuß in das Dorf gewandert kamen oder auf dem Rade

lustig hineinfahren. Eine Gesellschaft hielt gar mit einem prächtigen

Zweispänner vor der Gastwirtschaft, und unter den geputzten Federhüten

neigten sich lachende Frauengesichter aus dem Wagen.

Die Straße herauf kam eine schlanke, schwarzgekleidete Mädchengestalt

daher; »'s schiane Freili«, jauchzten die Kinderstimmen, Kinderaugen

funkelten, Mützen und Kappen flogen von den struppigen Bubenköpfen.

Sibylle schritt lächelnd und grüßend an den Kindern vorüber, die sie

umdrängten, ließ sich hier und da ein Händchen geben und fragte nach

diesem und jenem.

Heute war die Lust jählings über sie gekommen, auch einmal einen

weiteren Ausflug zu machen und andere Menschen zu sehen als diese

Dörfler. Die Kastellanin hatte ihr schon lange von der Falkenschlucht

gesprochen und ihr den Weg dahin, der zunächst durch das Dorf führte,

genau beschrieben.

Sibylle war so recht von Herzen froh. Eine ruhige, erwartungsvolle

Heiterkeit war in ihr, deren sie sich fast schämte, wenn sie des

furchtbaren Unglücks gedachte, das sie in diese stille Welt getrieben.

Die ganze, in Blütenwonne aufgelöste Natur atmete Duft und Frische.

Die Nebel hatten sich allmählich geteilt und verzogen sich wie

lichtdurchwobener Dampf und Rauch; hellfreundlich strahlten die

Bergwände die Morgensonne wieder. In zackigen Schneelinien hob sich

hoch und herrlich die ferne, wogende Bergwelt.

Rüstig schritt Sibylle die Talmulde entlang, die von beiden Seiten eng

in Bergwände hineingelagert war; immer enger schoben sie sich zusammen,

immer steiler wurden sie. Bäche rieselten nieder ins duftende Gras,

flüsterten und rauschten, junge Birkenbäume schmiegten sich vereinzelt

in geschützte Eckchen und schüttelten ihr lichtdurchstrahltes zartes

Laub, bunte Blumen tanzten auf dem sonnigen Grün, ein leiser Wind

wehte, der Himmel lachte ...

Und mit blitzartiger Erkenntnis wurde der Gedanke in Sibylle lebendig,

daß die Natur selbst ein Spiegel unserer eigenen, inneren Welt sei.

Wer sie anschaut, wer in ihre Tiefen dringt, dem muß sie manche Frage

beantworten, dem kann sie innere Rätsel lösen, und wer sie liebt, so

recht aus voller Seele, der wird sich in ihr verstanden fühlen. Sie

lügt und schmeichelt nie, sie schüttet Reichtümer aus über Bedürftige,

sie erfreut und bezaubert unsere Augen und erleuchtet unseren Geist

durch ihre tiefere Bedeutung.

Sibylle lächelte in sich hinein, während sie weiterschritt. War nicht

auch eine übereinstimmende Bedeutung in der weißsilbernen Winternatur

und ihrer eigenen, scheuen Seele, die aus Gefühlsüberschwang herbe

wurde und kalt zu sein schien? Hatte sich der Rhythmus ihres eigenen

Wesens nicht schon in jenen feierlichen, einsamen Tänzen geäußert, die

sie als Kind vor ihren Puppen aufzuführen gepflegt? Weshalb war sie

nie mit ihren stummen porzellanenen Untertanen intim geworden? War

ihr nicht das Bedürfnis, Distanz zu halten, eingeboren? Warum wohl?

Sie wußte es jetzt mit einem Male: es war Selbstschutz, nicht Mangel,

sondern Tiefe des Empfindens. Und taten nicht die schneebedeckten Berge

das gleiche? War da nicht eine innere Verwandtschaft?

Sie nickte ihren weißen, glitzernden Freunden heimlich zu und lächelte

glücklich. Nie hatte sie sich nach der üppigen Natur der Tropen mit

ihren glänzenden, prallen Farben, mit ihrer tastenden Aufdringlichkeit

gesehnt. Ihr Reich war der reifbedeckte Märchenwald, der Silbergarten,

wo das Schneelicht leuchtete, wo der Mond kühl und geheimnisvoll durch

die flimmernden Zweige spielte, wo die Stille horchte und das Schweigen

redete ...

Der Wagen mit den nickenden Federhüten holte sie rollend ein, sie hörte

Stimmen lachen und schwatzen -- wie er an ihr vorüber war, erschien ihr

alles ringsum lebendiger. Hastiger quirlten und sprudelten die Bäche,

liefen eiliger an ihr vorüber, lauter flüsterte das Birkengezweig,

tönender summten die Bienen -- die lustige Gesellschaft hatte die

Stille mit fortgenommen.

In Gedanken wanderte Sibylle dahin. Ihre Seele war wach und rege. Die

Felsschlucht begann einen düsteren, schwermütigen Charakter anzunehmen,

steiler und drohend drängten sich die Wände zusammen, enger, kühler und

dunkler ward es. Die spielenden Gewässer hatten sich, ehe sie es gewahr

wurde, in einem steinigen Flußbett gefangen und schwollen zu einem Bach

an, der düster grollend an ihr vorüberrauschte. Bedrückt und seltsamer

Ahnungen voll wanderte sie wohl eine halbe Stunde weiter -- plötzlich

stand in einer Wegbiegung ein gewaltiger Felsblock vor ihr auf, hoch

und still wie eine Mauer, als wolle er ihr den Weg versperren. Ein

ängstliches Vorgefühl machte ihre Pulse klopfen -- was würde nun noch

kommen? Sie schloß die Augen und eilte vorwärts, erst hinter jener

jähen Wegbiegung wollte sie wieder hinsehen, sie zählte ihre Schritte,

15, 30, 60, sie blinzelte zwischen den halbgeschlossenen Wimpern --

noch etwa zehn Schritte, die Wendung war erreicht. Verwirrt blieb sie

stehen und spürte einen furchtbaren Ruck in ihrem Körper: kannte sie

denn etwa diese Gegend nicht? Wenn etwas in der Welt, so sollte sie

dieses Bild kennen, war es doch mit ihr gewandert in ahnungsvollen

Schauern, hatte es sich ihr leidvoll eingeprägt und war von ihr oftmals

und immer wieder und wieder in ihren Träumen gesehen worden!

Das war die finstere Schlucht ihrer Träume, ja, das war sie -- hier das

treibende Gewässer, dort die hängende Brücke, vor ihr die düsteren, eng

aneinander gerückten Felsen, hoch oben in dem schmalen Spalt ein blauer

Himmelsstreif -- und dort, Herr Gott, es war so, schritt ein Mann in

dunklem Faltenmantel über die Brücke --

Sibylle fühlte, wie ihr Herz stillstand -- war nicht alles wieder nur

Traum? Etwas Entsetzliches ging in ihr vor. »Kehre um, kehre um!« rief

eine Stimme in ihr, und »Nein, bleibe, steh und erkenne!« eine andere.

Dumpf und starr vor Grauen schritt sie weiter, die Augen fest auf die

Brücke gerichtet. Wie im Nebel gewahrte sie, daß die Schlucht sich in

zwei Arme gabelte; der eine Arm wand sich, von dem Bache begleitet, in

eine vertiefte, unheimliche Finsternis hinein, der andere, breitere,

schien wieder allmählich in die grüne Gotteswelt hinauszuführen. Hier

stand, eng an die Felswand gedrückt, das Gefährt, das an Sibylle

vorbeigerollt war. Es war leer. -- Helle Frauengestalten traten aus dem

dunklen Gang ans Licht. Ein kleiner Knabe eilte ihnen voraus und kam

hastig auf den Mann, der auf der Brücke stand, zugelaufen.

Eine junge Frau folgte. »Arno,« rief sie ängstlich, »nicht so schnell,

vorsichtig, Arno!«

»Papa!« jauchzte der Kleine und umfaßte die Knie des einsamen Mannes.

Dieser hob das Kind hoch empor, küßte es und stellte es wieder auf die

strammen Beinchen.

Sibylle fühlte, wie alles Blut ihr nach dem Herzen trieb. »Arno ...«

wiederholte sie flüsternd, »der Mann da ist Arno, und das ist sein

Kind!«

Sie betrat die Brücke nicht. Während sie daran vorüberschritt, warf

sie einen scheuen Blick in das dunkle Männerantlitz. Er ist's! jubelte

sie innerlich, das sind seine grauen Augen, das ist seine Stirn, sein

Mund, sein Lächeln ... aber ist er denn nicht glücklich ...?

Sie zögerte einige Augenblicke, sie sehnte sich, seine Stimme zu hören;

ob sie in ihr wohl den warmen Klang seiner Knabenstimme wiederfände?

Die Dame nahm zuerst das Wort. »Ich finde es hier schauerlich öde,

ich dächte, wir brächen wieder auf. Was fesselt dich eigentlich so an

dieser unheimlichen Gegend, Arno?«

Die Stimme gefiel Sibylle nicht, sie hatte einen oberflächlichen Ton.

Er reichte seiner Frau die Hand. »Also dann auf Wiedersehen in zehn bis

vierzehn Tagen am Gardasee, Pension Dante, Garda, vergiß das nicht.

Ich mache meine Dolomitenreise zu Fuß weiter, wie verabredet. Viel

Vergnügen!«

Sibylle ging ruhig weiter. Ihre seelische Tiefhörigkeit raunte ihr eine

schwere, bange Wahrheit zu: sie wußte, Arno war es, und Arno war nicht

glücklich. Wie kühl hatte sein Abschied geklungen! O fort, fort von

hier, ehe er sie erkannte!

Schnell entschlossen kehrte sie um und eilte beflügelten Schritts den

Weg zurück, den sie gekommen war. Hinter sich her hörte sie scherzen

und lachen, hörte durcheinander schwirrende, mutwillige Frauenstimmen,

sie hörte wie der Wagen aus der Stelle rückte, wie der Kutscher den

Pferden zuredete -- noch einmal schaute sie zurück: in dem Gefährt

unter den anderen Damen saßen Arnos Frau und Arnos Kind -- jetzt rollte

es mit seiner munteren Bürde nach der entgegengesetzten Seite hinaus

ins Freie. Sie sah es nicht wieder.

Und jetzt kam ein brennendes Weh über sie -- sie senkte das Haupt

-- über ihre schmalen Wangen stürzten schnell hintereinander bittere

Tränen. Das Bewußtsein ihrer schmerzlichen Einsamkeit beugte sie nieder

wie ein Rohr im Winde.

So würde sie auch Arno nie wieder sehen! Ein Fremder war er ihr

geworden, ein Fremder mußte er ihr bleiben. Sie vermochte das Weh, das

sie gepackt hatte, kaum zu fassen, noch weniger zu bändigen. Weshalb

hatte dieses Wiedersehen ihr Wesen in den furchtbaren Aufruhr versetzt?

Wußte sie es nicht seit Jahren, daß Arno verheiratet war? »Aber er war

doch mein einziger Freund, mein letztes Stückchen Heimat ...« klagte

ihre weinende Seele. Doch groß und schwer wie eine verhüllte Frau stand

plötzlich die Wahrheit vor ihr auf und sprach herb und streng: »Du

betrügst dich selbst; Arno hast du geliebt seit deinen Kinderjahren um

seiner selbst, nicht um deiner Heimat willen. Die Heimat hast du ohne

besondere Kämpfe verlassen.«

Betreten stand Sibylle still und schaute wirr um sich. Ja, ja -- es war

so. Sie hatte ihn immer geliebt, liebte ihn immer noch, trotzdem er

einer anderen gehörte -- sie liebte ihn jetzt mehr als jemals. O fort,

fort mit diesen Gedanken, fort aus Arnos Nähe!

Besinnungslos begann sie zu laufen, als hetzten sie Gespenster ... sie

lief und lief atemlos, ohne nach rechts und links zu sehen, sie lief,

als liefe sie um ihr Leben -- da -- schlug ihr Fuß an einen Stein, sie

stürzte jählings und blieb mit einem schneidenden Schmerz im Knöchel

liegen.

Betäubt richtete sie sich auf und brachte sich mühsam in eine sitzende

Stellung, sie konnte den Fuß nicht bewegen -- er war verstaucht.

Der ganze Jammer ihrer Verlassenheit brach über ihr zusammen -- was nun?

Da saß sie, hilflos, allein in der feierlichen Einsamkeit, das

brennende Bewußtsein einer furchtbaren Entdeckung in der Seele,

preisgegeben dem Mitleide jedes Vorübergehenden, unfähig sich auch nur

zu rühren und ein Stück vorwärts zu kriechen. Der Schmerz in ihrem

Knöchel wurde immer heftiger -- »Wasser, ach Wasser!« ächzte Sibylle

mit zitternden Lippen; halb ohnmächtig schloß sie die Augen.

Die Zeit ging hin; langsam, unerträglich langsam schlichen die Minuten

dahin, oder waren es Stunden? Schon stand die Sonne im Zenit und sandte

ihre heißen Strahlen auf den steinigen Weg. Ermattet, erschöpft, völlig

unfähig zu denken, schmerzlich ergeben in ihr Schicksal, versuchte es

Sibylle, ihren Fuß in eine erträgliche Lage zu bringen. Sie starrte

versunken vor sich nieder, ihre Lider wurden schwerer und immer

schwerer, endlich schlief sie ein.

Sie erwachte von einer leisen Berührung.

Ein Ton, der sich erschüttert wie aus einer dunklen Tiefe rang, schlug

an ihr Ohr: »Mein Gott, sind Sie -- bist du es -- Sibylle?«

Noch benommen von Schlaf und Weh, streckte sie die Arme empor und

stammelte mit einem leisen Aufschluchzen: »Arno ...!«

Er kniete zu ihr nieder, er küßte ihre Hände -- ach, nun war ja alles,

alles gut. Er faßte sie und hob sie empor -- mit einem Wehlaut brach

sie zusammen und wies auf ihren Fuß.

Schnell, gewandt knüpfte er den kleinen Stiefel auf, entblößte den Fuß

-- jetzt sprang er an den Bach, tauchte sein Taschentuch in das kalte

Wasser und legte es sorglich auf das geschwollene Gelenk.

»Liebling,« flüsterte er, »armes Herz, wie ist denn das gekommen? Ach,

wenn du einen Moment Mut haben wolltest, ich glaube, ich könnte es

richten.«

»Nur zu!« murmelte sie lächelnd, »ich halte aus.«

Mit weichen, sorgsamen Händen faßte er das Füßchen, dehnte, zog und

richtete -- »Da, nun ist's gut, schon vorüber!« sagte er triumphierend.

»Aber sag, Kind, um des Himmels willen, wie kommst du denn hierher? Und

allein?«

»Ich ... ich lebe ja hier -- schon seit Monaten, seit das Furchtbare

mit den Eltern geschah, daheim konnt' ich nicht bleiben.«

»Ich verstehe,« sagte er hastig, als fürchte er, die Wunde ihrer Seele

zu berühren, »ich hörte davon. Ich wagte dir nicht zu schreiben --

Worte sind ja so armselig -- Und hast du mich denn gleich erkannt?«

Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen · 第 7 / 15 题