Herr Brandt glaubte nicht recht gehört zu haben. »Wie? Sie wollen nicht
antworten? Wie soll ich das verstehen? -- Sind Sie krank?« Sein Ton war
ängstlich besorgt.
Sibylle schüttelte den Kopf.
»Nun also -- erklären Sie sich. Wollen Sie antworten oder nicht?«
Wieder ein stummes Kopfschütteln, diesmal energisch, ja heftig.
»Ja, wissen Sie, für Launen bin ich nicht zu haben,« sagte Herr Brandt
selbstbewußt; »ich will Ihnen Zeit zum Nachdenken geben.« Er legte
seine Taschenuhr auf den Tisch. »Wenn Sie mir innerhalb einer Minute
nicht sagen, was los ist, gehe ich zu Ihrer Frau Mutter und beschwere
mich -- ja!«
Eine Reihe von blitzschnellen Augenblicken jagte stürmisch vorüber.
Sibylle fühlte ihre Pulse pochen.
Herr Brandt bemühte sich gewaltsam, sie nicht anzusehen, und blickte
mit gekränkter Würde zum Fenster hinaus.
Mit einem Male sah sie von ihrem Schoß auf und sprach langsam: »Ich
werde Ihnen nie mehr antworten, Herr Brandt. Bitte ... nehmen Sie Ihren
Abschied von sich aus.«
Er fuhr zusammen, kalt überlaufen, und starrte seine junge Schülerin
an.
Da saß sie, weiß, großäugig und fein -- einen stahlharten Zug um den
Mund.
»Wa--was soll denn das heißen ...? Sind Sie -- Sind Sie ...?« Er brach
ab.
Ganz still legte sie ein grünes Etwas auf den Tisch. Aus einem welken
Klettenblatt sah sein rotes Notizbüchlein schämig hervor.
»Sie wissen schon warum ...« murmelte Sibylle tonlos. Dann stand sie
auf und glitt aus dem Zimmer.
An demselben Tage hatte Herr Brandt einen dringenden Brief von daheim
erhalten, nahm unverzüglich seinen Abschied und verließ das gräfliche
Haus. -- --
Wieder war es Winter. Der Himmel hing wie eine riesige weiße Glocke
über der silbernen Winterwelt. Die Bäume träumten schneebedeckt vor
sich hin.
Unter der Kastanienallee hervor traten zwei Mädchengestalten ins Freie.
»Ja, Sibylle, Arno macht sich, er ist in maßgebenden Kreisen ungeheuer
beliebt, die Uniform steht ihm großartig.«
»Und du, Elisabeth -- wirst du wirklich Diakonissin? Dein Vater wird
dich doch furchtbar entbehren.«
Elisabeth streckte ihre herbe Gestalt im Trauerkleide und ließ ihre
kühlen blauen Augen auf Sibylle ruhen.
»Ja, weißt du -- zum Dahinträumen haben wir keine Zeit. Seit unsere
gute Mama starb, geht jedes von uns seinen Pflichten nach. Werte müssen
wir schaffen, Nutzen bringen. Der Diakonissenberuf ist ja nicht leicht,
Demut vor allem müssen wir lernen, dann aber --« sie atmete tief auf,
»haben wir auch einen herrlichen Lohn -- Einfluß auf die Kranken und
Leidenden und ihr Vertrauen. Wir ersetzen ihnen ja auch ihre Familien
und alle, die ihnen nahestehen -- nicht?«
Sibylle schauerte in sich hinein. Weshalb hörte sie unter Elisabeths
Worten, die so gut und vernünftig klangen, einen Unterton von
Herrschsucht heraus?
»Die armen Menschen,« murmelte sie, »leiden müssen und dann noch von
denen getrennt, die sie lieben.«
»Ja, meinst du denn, daß wir unsere Kranken nicht lieben? Freilich,
die egoistische, persönliche Liebe, die auf Gegenliebe rechnet, fällt
bei uns weg. Wir müssen einen Trunkenbold, ein unappetitliches altes
Weib ebenso umsorgen, wie das liebenswürdigste junge Mädel oder
ein sympathisches Kind aus gutem Hause. Auch kommen wir kaum zur
persönlichen Anhänglichkeit, das Material wechselt ja beständig -- was
hast du, Sibylle?«
Das Wort Material hatte Sibylle einen Ruck gegeben. Jäh stand sie
still, über und über mit Rot übergossen. Ach, sie fühlte es, mit der
nüchternen, braven Verständigkeit Elisabeths konnte sie sich nimmer
befreunden.
So schleppten sich ihr die Wochen von Elisabeths Besuch mühselig
dahin. Wenn die Nachbarn nicht genug Worte des Lobes für Elisabeth und
ihre entsagungsvolle Tätigkeit finden konnten, so hörte Sibylle fast
teilnahmlos zu, denn die Wahrhaftigkeit und Zartheit ihrer Wesensart,
die durch Elisabeths Auffassung schmerzlich berührt worden war, ließ
sich weder irre machen noch beeinflussen.
Um die Frühjahrszeit erkrankte Sibyllens Vater unvermutet an einer
Lungenentzündung. Und nun war es, als habe die schlummernde Kraft in
Sibylle nur auf ein Ereignis dieser Art gewartet, um sich zu bewähren.
Sie begann den Vater mit einer Umsicht, Geduld und Treue zu pflegen,
die sie ihm unentbehrlich machte. Sie wurde der Trost und die Stütze
ihrer Mutter. Ihr Vertrauen zu seiner Genesung gab der Gräfin den
verlorenen Mut wieder; ihre Ruhe und Anmut, die ein Ausströmen ihrer
inneren Harmonie war, wirkte Außerordentliches, während sie sich nur
bewußt war, einfach ihre Pflicht zu tun.
In der Tiefe ihrer Seele lebte ein stiller Glaube, den ihr nicht der
Unterricht Herrn Brandts und nicht Bücher, nicht Angeerbtes und nicht
Erworbenes gegeben hatten, sondern der von Anfang an in ihr war -- ein
Geschenk der Gnade, das ihre Kräfte immer wieder am rechten Ort und an
rechter Stelle wach und tätig sein ließ. Sie wußte: die Welt war voller
Schönheit und Gott war gut. Es verstand sich von selbst für sie, daß
sie streben müsse, gut zu werden, und alle Forderungen der Sittlichkeit
faßte sie, wie schon unbewußt als kleines Kind, in zwei einfache
Begriffe zusammen: Gerechtigkeit und Demut. In ihrem Verhalten zu den
Menschen, deren es manche gab, die sie nicht lieben konnte, glaubte
sie Gerechtigkeit üben zu müssen, und aus dem Gefühl der Schönheit der
Dinge und dem Bewußtsein der Größe ihres Schöpfers entsprang ihr ganz
naturgemäß jene kindliche Stimmung vertrauender Ehrfurcht, die sich als
Demut zu äußern pflegt.
Das unbestimmte Gefühl ihres inneren Reichtums erfüllte sie mit
einer zuversichtlichen Ahnung kommenden Glücks. Vorbei war ihr
Kindertraum vom Puppenreich -- ein anderes, schöneres Reich schwebte
wie eine duftige Verheißung in der Ferne. Durfte ihr denn unter diesen
Vorgefühlen etwas so Schmerzliches widerfahren wie der Tod ihres
Vaters? Nein, sie wußte, ihr Vater würde und mußte genesen.
Und er genas.
Der Arzt war heute dagewesen und hatte Sibylle und ihre Mutter
beglückwünscht, und die Gräfin hatte Sibylle, die in der letzten Zeit
wenig in die frische Luft gekommen war, ins Freie geschickt.
Dämmerung lag auf dem Frühlingsgelände. Wieder standen die Kirschbäume
in Blüte und reihten sich duftig Baum an Baum. Im grünlichen Himmel
hing ein mattgoldener Mond. Sibylle zog die reine Luft ein, wandelte
unter den Bäumen, wiegte sich erleichtert in den Hüften und dachte.
Ja so -- heute war ein Brief von Elisabeth gekommen, Arno habe sich
verlobt, schrieb sie.
Sibylle hatte im Laufe des Tages nur flüchtig daran gedacht, da sie
um den Vater beschäftigt gewesen war, nun aber stand die Tatsache
plötzlich klar und sonderbar vor ihr, so als gewahre sie nach einem
langen Gang durch einen Tunnel plötzlich einen rotfarbenen Himmel, den
sie zuvor anders gesehen. Sie empfand etwas wie einen Schrecken und
schüttelte mehrmals leise den Kopf.
Nicht Wehmut, nicht Schmerz fühlte sie, nur eine Art Leere. Wie war das
nur gekommen? Und mußte es so sein? Elisabeth schrieb über Arnos Wahl
sehr befriedigt. »Ella ist sehr tüchtig,« schrieb sie, »liebenswürdig
und talentvoll. Die Beverns machen ein großes Haus, und in pekuniärer
Hinsicht ist Arno völlig gesichert.«
Wie seltsam das alles war -- gerade wie bei einem Pferdekauf! dachte
Sibylle verwundert.
Sie zog den blütenbedeckten Zweig eines Kirschbaums zu sich nieder und
versenkte ihr Gesicht in die kühlen Blüten.
Ist nicht überall Zufall? Wäre Arno in Paris gewesen statt in Berlin,
er hätte sich wahrscheinlich mit einer Französin verlobt -- und wäre er
hier in Wangen, dann -- wer weiß ...?
Sie lächelte träumerisch und schüttelte wieder den Kopf.
Unser Pastor sagt, es gebe keinen Zufall, alles sei Gottes Wille, spann
sie weiter. Wer kann das entscheiden? Nehmen wir nicht die Dinge, die
für uns viel bedeuten, zu schwer, und andere wieder zu leicht? Wenn ich
Arno auf der Straße begegnet wäre, während ich an ihn gedacht hätte, so
wäre das nichts, ein Zufall; da er sich nun aber verlobt hat, wo ich in
dieser Woche so oft in Gedanken bei ihm war, kommt mir das ungeheuer
wichtig vor -- warum? So mag er sich doch verloben -- was ist denn
weiter dabei?
Sie lachte leise, bog wieder einige Zweige zu sich nieder und ließ sie
spielerisch zurückschnellen -- die Blütenblätter regneten sanft über
sie hin.
Da legte sie die Hände ineinander und sah mit sehnsuchtsschweren Augen
ins Weite. »Ich wollte, es wäre wieder Winter,« flüsterte sie, »und ich
wäre alt, steinalt wie die weiße Trude im Armenhause. Die freut sich
wie ein Kind auf ihre Abendsuppe und über jeden Groschen. Und ich? Ich
kann mich nicht einmal freuen, wenn Arno sich verlobt. Ja, ich bin
recht schlecht.«
Und auf einmal begann sie zu weinen, hilflos wie ein Kind. Weinte sie
über ihre eigene Schlechtigkeit oder über Arnos Verlobung ...? -- --
Der Doktor hatte Sibyllens Vater eine Nachkur in einem Sanatorium
verordnet, und da der Graf sich von Frau und Kind nicht trennen mochte,
reiste man gemeinsam in eine süddeutsche Heilstätte.
Hier sah Sibylle zum erstenmal Berge. Die Pracht der schneebedeckten
fernen Gebirgszüge stand vor ihr auf -- ein schimmerndes Wunder -- und
füllte sie mit Ehrfurcht und Begeisterung. Wenn nun noch die sinkende
Sonne Kuppen und Grate in Röte und Glanz tauchte, staunte sie wie
verzaubert und wagte kaum zu atmen. Sie bedurfte keiner Beziehungen zu
neuen Menschen, um ein gesteigertes Lebensgefühl zu empfinden, ihre
Welt war von jeher die Natur gewesen und das Reich, das ihre Phantasie
sich selber schuf und bevölkerte.
Aber wie sich auch Sibylle von den Gesunden und Kranken zurückhalten
mochte, sie konnte es nicht hindern, daß ihr bewundernde Blicke folgten
und daß dieser oder jener Sanatoriumsgast merklichen Anteil an ihr zu
nehmen begann. Einmal in die eigentümliche Luft eines Genesungsheims
mit seinen vielen verschiedengearteten Insassen versetzt, mußte sie
sich der Lebensweise der Gesündesten unter ihnen anpassen, und das gab
natürlich Gelegenheit zu Berührungen.
Da waren vor allen zwei junge Leute, die ihr bei jeder Gelegenheit in
den Weg zu kommen versuchten.
Der eine war Polytechniker, ein braver, blonder Bursch, dessen blaue
Augen sich vor Innigkeit mit einem schüchternen Glanze füllten,
wenn er Sibylle erblickte. Sie brachte die rätselhaften Spenden von
Alpenveilchen und anderer Gebirgsflora, die sie morgens auf dem Flur
in ihren gesäuberten Stiefeletten zu entdecken pflegte, mit ihm in
Zusammenhang, denn er galt als tüchtiger Bergsteiger.
Der andere war Balte, ein langhaariger, düsterer Jüngling; er fristete
in München ein ärmliches Bohêmedasein und hatte es der Gunst eines
reichen Freundes zu verdanken, daß er seine angegriffenen Lungen
im Sanatorium zurechtpflegen durfte. Mit so gewöhnlichen Dingen,
wie Blumen es sind, befaßte er sich nicht, doch schien Sibyllens
Fußbekleidung auch für ihn von besonderer Anziehungskraft zu sein,
denn alle drei Tage etwa fand sie neben den duftenden Blüten ein
formvollendetes Sonett in einem ihrer kleinen Schuhe, die sie abends
auf den Gang hinauszustellen pflegte, und da Herr Bruno Treu jedesmal,
wenn sie eine poetische Gabe erhalten hatte, in ein grüblerisches Auf-
und Niedergehen verfiel, wobei er mit gerunzelten Brauen die Lippen
bewegte und skandierend den Arm hob und senkte, so bedurfte Sibylle
keines besonderen Scharfsinns, um in ihm den Urheber jener Verse zu
erraten.
Übrigens waren diese Sonette keine Liebesgedichte, weit gefehlt. Sie
bezogen sich teils auf die schönsten und lautersten Dinge der Natur,
auf Quell und Strom, die Gebirgswelt und die weite Ebene, teils auf
die erhabensten Gefühle der Menschenseele. Immer aber brachten sie ein
künstlerisches, höchst empfindliches Schönheitsgefühl zum Ausdruck, und
nur wie ein Hauch zog sich eine Stimmung von Sehnsucht und verhaltener
Leidenschaft durch sie hin.
Sibylle wurde unter diesen ungewohnten Huldigungen, die die jungen
Leute mit Ausdauer und Eifer fortsetzten, fast ein wenig übermütig,
ohne jedoch etwas von ihrer Zurückhaltung zu verlieren.
An einem sonnigen Morgen war Sibylle nacheinander ihren beiden
heimlichen Verehrern im Sanatoriumsparke begegnet.
Irgendein Schalk hüpfte ihr in den Nacken, rasch trat sie auf den
Polytechniker zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen
herzlich für Ihre schönen Gedichte, Herr Weber,« worauf der arme Junge
mit puterrotem Kopf stotterte:
»Aber, Komtesse, die ... die sind ja gar nicht von mir -- ich ... ich
habe mir ja nur erlaubt, Ihnen die Blumen ...«
Sibylle lachte hell auf. »Aber Ihre Blumen sind ja auch Gedichte, nur
in einer anderen Sprache geschrieben. Vielen schönen Dank, Herr Weber.«
Als sie um die Wegbiegung schritt, traf sie den Balten, der mit
schwungvoller Miene vor sich hinredete. Als er Sibylle sah, ruckte
er zusammen und machte ihr eine ausdrucksvolle Verbeugung. Sie blieb
stehen, sah ihn an und lächelte schelmisch.
»Es ist wirklich zu freundlich von Ihnen, Herr Treu, mich mit den
köstlichen Blumen zu bedenken. Tausend Dank!«
»Blumen ...?« Der Poet starrte sie wild an. »An den Blumen bin ich,
weiß Gott, unschuldig, wenn Sie aber, gnädigstes Fräulein, meine Verse
für Blumen zu nehmen geneigt sind, so habe ich nur zu danken!«
Von nun an änderte sich das Bild. Sibylle fand jetzt Verse, die in
hergebrachten Reimen hergebrachte Gefühle schüchtern zum Ausdruck
brachten, und Wiesenblumen, ungeschickt zusammengestellt und in solcher
Menge, daß ihre Schuhe bis in die Spitzen hinein damit vollgepfropft
waren. Die Verehrer hatten ihre Rollen getauscht, und die Beteiligten,
Sibylle mit eingeschlossen, befanden sich im Nachteil dabei.
Wie das so oft im Leben zu gehen pflegt, daß die Mühen einzelner
Personen nicht gewertet werden und andere, die sich nach keiner
Richtung besonders hervorgetan haben, ihnen den Rang ablaufen, so
geschah es auch hier zum Kummer der beiden Liebenden.
Sibylle lernte einen Offizier kennen, der mit Arno in einem Regiment
diente und sofort allein dadurch ihr Interesse erweckte. Freiherr
v. Zur-Linden, ein hagerer, überschlanker Leutnant mit aufgewecktem
Gesicht und treuherzigen blauen Augen, wurde oft mit Sibylle von den
unglücklichen Nebenbuhlern erspäht, wenn er im Gespräch mit ihr die
Parkgänge auf und nieder wandelte.
Sibyllens Interesse wuchs, als sie hörte, daß er auch Arnos Braut
kannte. Er mußte ihr von Ella Bevern erzählen. Und er erzählte so
geschickt, daß seine Schilderungen stets ein unausgesprochenes
Kompliment für seine Zuhörerin enthielten.
So hatten sich die beiden jungen Menschen einander unwillkürlich
genähert, doch wie unbefangen und ruhig auch Sibylle blieb -- der
Leutnant hatte sich trotz seines wohlgezügelten Temperaments über Hals
und Kopf in sie verliebt. Sie trafen einander wieder und wieder. Er
kannte die Wege alle, die Sibylle zu wandern liebte, und er stellte
sein Wild wie nur ein geübter Jäger. An einem heißen Sommertage trat
er ihr aus einem Boskett entgegen, in das sie sich vor der Schwüle des
Tages mit einem Buche zurückziehen wollte.
Er sah hagerer und leidender aus denn je.
»Ist Ihnen heute nicht gut, Herr von Zur-Linden?« fragte Sibylle
teilnehmend.
»Seit einem Augenblick geht's mir ausgezeichnet.«
Sie sah in sein gequältes Gesicht, und ihr wurde weh zumute.
»Ich habe mich oft gefragt,« begann er leise und entschlossen, »ob das
Interesse, das Sie meinem Kameraden Wolf-Rüdinghausen schenken, nicht
so stark ist, daß es anderen Empfindungen hinderlich sein könnte.«
Es schien, als habe er sich diesen Satz wohl einstudiert.
Sibylle war blaß geworden. »Ich verstehe nicht,« sagte sie verwirrt,
»ich ... es ist nur eine Kinderfreundschaft, ich habe Arno seit seinem
dreizehnten Jahre nicht wieder gesehen.«
»Bei Ihrer Veranlagung, Komtesse -- es gibt Tiefen, die ein
gewöhnlicher Sterblicher nicht zu ermessen vermag --«
Das junge Mädchen zuckte zusammen und schlug die Augen nieder. »Ich
weiß nicht ...« murmelte sie hilflos, »bin ich denn --?«
»Sie sind eigenartig, einzig -- wie im Traum leben Sie Ihr Leben dahin
-- wie eine geheimnisvolle Blume -- und dennoch wissen Sie, was Sie
wollen.«
»Was ich will?« wiederholte Sibylle und sah ihn mit erschreckten
Kinderaugen an, »ich will ja nichts Besonderes -- nur in meiner Art
sein, in meiner Art -- leben --, das tut doch ein jedes,« setzte sie
etwas kühner hinzu, mit einem zarten Lächeln, das über ihre Züge
hinrieselte.
»Ihre Art zu sein, ist mir heilig, Sibylle --« er stockte, »soll mir
heilig sein bis ans Ende, wenn Sie, o Sibylle, sprechen Sie nur ein
Wort, sagen Sie, daß Sie mir ein wenig gut sind, daß Sie mein Kleinod,
meine Frau sein wollen!«
»Ihre ... Frau?«
Ihre Augenwimpern zitterten, ihr Gesicht zuckte. Sie schüttelte kaum
merklich den Kopf und sah mit starren Augen vor sich hin. »Ich bin
Ihnen recht gut,« flüsterte sie, »aber das, das -- kann ich nicht.«
Er trat einen Schritt zurück. »Ich wußte es ja!« sagte er schwer.
Sibylle kam ihm näher und legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm.
»Bitte, bitte, seien Sie mir nicht böse ... aber nicht wahr, was man
nicht aus vollem Herzen tun kann, das soll man nicht. Ich bin Ihnen
herzlich gut wie einem Kameraden, mehr ist nicht in mir und --« Sie
brach in ein leises, kummervolles Weinen aus. -- --
Einige Tage später saß Sibylle allein in dem efeuumrankten Boskett,
grübelte und sann. Der Leutnant war in der Morgenfrühe ohne Abschied
abgereist. Die poetischen und Blumengaben waren seltener geworden.
Scheu und vorwurfsvoll suchten die beiden bekümmerten Jünglinge die
schöne Ursache ihres Leides zu meiden. Sibylle kam sich auf einmal frei
und erleichtert vor, und doch ...
Der Laubeneingang verdunkelte sich. Ein altes Fräulein, das Sibylle
gern mochte, auch eine Rekonvaleszentin, hüstelte und trat ein wenig
näher. »Störe ich Sie nicht, mein liebes Kind?«