Das Puppenreich hatte seine kleine Königin auf immer verloren. -- --

Die Obstbäume standen in Blüte. Baum an Baum reihten sich die

schneebedeckten Kuppeln. Ein leichter Wind fuhr durch die weißen Wipfel

und wehte die Blütenblätter ins Gras.

Sibylle stand unter den Kirschbäumen und fing die Blüten in ihrem

Kleide auf, das sie wie ein Schürzchen hochhielt. Blüten über Blüten

fielen über sie hin, blieben in ihrem Haar hängen und rieselten leicht

zur Erde nieder.

Graf Theodor stand am Fenster und schmunzelte. »Sieh nur, Gerda,« sagte

er, »ist das nicht ein hübsches Bild?«

Langsam kam die Gräfin herbei und lehnte sich an ihren Gatten.

»Mir ist manchmal um das Kind bange, Theo,« sagte sie wehmütig.

»Sibylle ist so anders wie andere Kinder. Statt sich zu Elisabeth oder

Arno zu halten, den sie offenbar bevorzugt, geht sie immer eigene Wege.«

Graf Theodor zog die Augenbrauen hoch. »Die Exklusivität liegt ihr eben

im Blut, mag sie doch!« meinte er zufrieden. »Mir ist sie gerade recht,

wie sie ist.«

»Du verstehst nicht, wie ich's meine. Das Kind ist seelisch so zart und

verletzlich, dazu so wunderlich verschlossen -- wie wird sie das Leben

tragen können?«

»Ist sie denn etwa nicht glücklich?« forschte der Vater. Sein kluges,

hochmütiges Gesicht wurde weich.

Gerda schüttelte den Kopf. »Es gibt Seelen, so zart und keusch, daß

sie sich vor ihrer eigenen Verletzlichkeit scheuen. Wie die Bäume des

Winters kommen sie mir vor, wenn sie sich in den Rauhreif hüllen. So,

unter dieser weißen silbernen Hülle, entfaltet sich ihr stilles Wesen

und spinnt eigene leise Träume. Die Welt aber nennt sie kalt. Hast du

schon bemerkt, Theo, wie ähnlich Sibylle solchen Winterbäumen ist?«

»Meiner Treu,« sagte der Graf behaglich, »mich dünkt, sie gleicht eher

unseren Kirschbäumen. Übrigens ist dein Vergleich sehr hübsch, Gerda,

es fragt sich nur, ob er stimmt.«

»Seltsam ist auch ihre Vorliebe für alles Weiße,« fuhr Gerda fort.

»Farbige Blumen mag sie fast gar nicht, aber weißen Flieder, weiße

Rosen, weiße Nelken trägt sie sich immer behutsam zusammen.«

Der Graf stutzte. »Sieh!« flüsterte er aufmerksam.

Sibylle hatte das Röckchen voller Blüten mit einer raschen Bewegung

hochgeschnellt -- wie Schneeflocken wirbelten die Blüten um ihren

Kopf, um Haar und Arme, flogen und tanzten lustig an ihr nieder. Nun

kniete das Kind unter diesem Blütenregen ins Gras und breitete selig

die Arme aufwärts. Es war, als sähe es in den weißen Baumwipfeln eine

Erscheinung.

»Wie so 'n Elfenmädel!« brummte der Graf wohlgefällig. Energisch

pochte er an die Fensterscheibe. »Ich will sie mal fragen, was all der

Hokuspokus bedeuten soll,« sagte er mit gutmütigem Lachen.

Doch Gerda fiel ihm rasch in den Arm. »Ich bitte dich, tu's nicht!«

rief sie. »Du würdest dem Kinde die Unbefangenheit nehmen. Wenn Silly

sich beobachtet wüßte, es wär' ihr auch nicht lieb. Ich habe auch sonst

allerlei Wunderliches an ihr bemerkt,« fuhr sie zögernd fort; »neulich

als sie mir aus meinem eigenen früheren Kinderbuche vorlas, ließ sie

die Worte Demut und Gerechtigkeit in der Erzählung, die ich genau

kannte, absichtlich aus und ersetzte sie durch andere. Dabei wurde sie

blutrot, der Atem stockte ihr, und ich fühlte, wie ihr Herzchen pochte.

Was mag nur in ihr vorgegangen sein?«

»Kinderphantasien! Auch ich hab' einmal als Tertianer das Kunststück

fertiggebracht, einen Aufsatz einzuliefern, in dem kein einziges Mal

der Buchstabe r vorkam. Diese Leistung brachte mir die ungeteilte

Anerkennung meiner Klassenkameraden ein, unser Lehrer war freilich

anderer Meinung.«

»Silly ... Silly! Wo bist du?« hörte man jetzt rufen.

Arno stürmte durch den Obstpark. Er hielt einen flatternden

beschriebenen Bogen hoch.

Sibylle trat langsam unter den Kirschbäumen hervor. Der Knabe ergriff

sie bei der Hand und zog sie eifrig zu einer Bank.

Sie setzte sich ruhig. Arno warf sich der Länge nach ins Gras, stützte

die Ellbogen auf den Boden und den Kopf in die Hände. Dann begann er

ihr ernsthaft vorzulesen. Sie nickte und faltete still die Hände. -- --

Viermal hatte die Erde ihr grünes Kleid mit dem weißen vertauscht, und

wieder war es Winter. Und Jahr um Jahr gleichförmig, und dennoch im

Innersten wunderseltsam bewegt, spann sich Sibylles Leben durch die

wechselnden Jahreszeiten.

Schlanker und zarter war Sibylle geworden, verständiger und wehrloser.

Ihre durchsichtigen Augen voll feiner Schwermut sahen ernsthaft und

groß ins Weite. Ihr schüchterner junger Mund flüsterte oft heiße,

abgerissene Dichterworte vor sich hin, die sie irgendwo gelesen, deren

dunklen Sinn sie mehr ahnte als begriff. Wenn sie nachts in ihrem

kühlen Bett wach lag, regte sich ein geheimnisvolles Träumen in ihren

jungen Gliedern, und sie fühlte, daß das Leben viel, viel schöner sein

müsse, als sie es bisher gekannt.

Die Eltern nahmen sie einmal mit in die Stadt, und sie hatte

zum erstenmal eine naturwissenschaftliche Bilderfolge in einem

Kinematographen gesehen.

Wie die Raupen sich seltsam verpuppten, wie sie sich, ihrem Instinkt

zufolge, selbst einspannen in das starre graue Gehäuse, in dem

sie nun wehrlos gefangen waren, bis aus der unschönen Hülle, in

glänzender Verwandlung, fremdartig und lieblich, das geflügelte

Schmetterlingsinsekt herausschlüpfte -- das hatte Sibyllens Herz vor

Spannung und heiligem Staunen klopfen gemacht. Nun begann sie sich

eifrig mit naturwissenschaftlichen Büchern zu beschäftigen. Die Mutter

sah das gern. So würde ihr Kind aus seinem Hinträumen zu positiven

Kenntnissen geleitet.

Arnos früherer Hauslehrer, Herr Brandt, der nach Übersiedlung der

freiherrlichen Familie nach Berlin ins Haus gezogen war, unterstützte

Sibylle darin. Im übrigen hatte er sich nicht so recht an seine neue

Schülerin gewöhnt. Elisabeths eiserne Pflichttreue und ihr Ehrgeiz

waren Sibylle ebenso fremd wie Arnos leidenschaftliche Hingabe an

alles Neue. Sie lernte nicht eigentlich ungern, doch wollte es Herrn

~cand. theol.~ Tobias Brandt scheinen, als glaube die kleine Gräfin,

ihm persönlich einen gnädigen Gefallen zu erweisen, wenn sie lerne,

so völlig gleichgültig ließen sie die Ereignisse der Weltgeschichte,

die Taten, Meinungen und Dogmen der großen Männer aller Zeiten. Das

empörte Herrn Brandts Autoritätsbewußtsein. Dagegen begrüßte er das

Interesse Sibyllens an den Vorgängen der Natur mit gemischten Gefühlen.

Auf diesem Gebiet fühlte er sich nicht heimisch, auch hatte es ihn

nie sonderlich beschäftigt, und ihre ernsten Fragen setzten ihn oft

in Verlegenheit. Immerhin war es ihm eine Genugtuung, daß seine

Schülerin sich für etwas Besonderes interessierte, denn er stand nun

einmal in dem Rufe, ein anregender Lehrer zu sein, und er hätte von

seinem schwerverdienten Renommee auch nicht ein Titelchen freiwillig

hergegeben.

So wuchs Sibylle eigengeartet und fremd unter den Augen ihrer

liebevollen Eltern heran, gehütet, umhegt, halbverstanden und einsam.

Das Land lag weiß und still verschneit in fleckenloser Reinheit, wie

Sibylle sie liebte. Sie kam von einem Gange durch den Park zurück,

erfrischt und geheiligt. Da hörte sie vom Fenster her die Stimme der

Mutter, die sie rief.

Die Gräfin trat in der Vorhalle ihr entgegen, einen Brief in der Hand.

Sie ließ Sibylle, ihrer Gewohnheit entgegen, kaum Zeit, den Mantel und

die weißgestrickte Sportmütze abzunehmen. Erregt sagte sie: »Weißt du,

Kind, Arno ist todkrank gewesen.«

Sibylle blieb wie angewurzelt stehen. »Todkrank ...?« wiederholte sie.

»Ja, denke dir, eine schwere Lungenentzündung. Tante Marga muß eine

entsetzliche Zeit durchgemacht haben. Immerzu hat der Junge geredet

und phantasiert, keine Minute ist er ruhig gewesen. Elisabeth hat sich

musterhaft benommen -- wie zur Krankenschwester geboren, schreibt Tante

Marga.«

Sibyllens leicht gerötete Wangen waren blaß geworden. »Elisabeth ist ja

immer musterhaft,« sagte sie kurz.

Die Gräfin überhörte den bitteren Unterton in ihres Kindes Stimme. »Ich

will dich etwas fragen, Silly,« sagte sie zögernd; »es ist mir nicht

ganz verständlich, wie die Sache zusammenhängt -- aber ... in seinen

Fieberphantasien hat Arno immerzu von einem Versprechen geredet, das er

dir halten müsse -- was ist das für ein Versprechen gewesen?«

Sie sah Sibylle an und erschrak.

Völlig verstört stand das Kind da, sehr blaß, die Arme schlaff

niederhängend, die Augen voll eines wunderlichen, hilflosen Ausdrucks.

»Was ist das für ein Versprechen gewesen, Silly?« wiederholte Gerda

eindringlich und beruhigend. »Hast du denn kein Vertrauen zu mir?«

fragte sie nach einer Pause schmerzlich verwundert.

Sibylle zuckte zusammen. »O ja, Mama -- aber -- aber bitte, frage mich

nicht.«

Sollte es gar eine frühreife Liebesaffäre sein? dachte Gerda ängstlich,

doch nein, das ist ja nicht möglich -- solche Kinder!

Nach einer Weile sprach sie weiter: »Die andere Frage betrifft nicht

dich, doch nehme ich an, daß du etwas davon weißt: wer ist Lady

Rosalind?«

Jetzt wurde Sibylle rot wie mit Blut übergossen -- ihre Finger

krampften sich unstet ineinander, ihre zarte, lang aufgeschossene

Gestalt zitterte, sie schlug die Augen auf und zu und blinzelte, als

sähe sie in die Sonne.

»Weißt du es?«

»Ja!« flüsterte Sibylle bedrückt. Sie schien einer Ohnmacht nahe.

Flehend sah sie ihre Mutter an.

Ach, es war ja eigentlich kein Geheimnis, nur eine Kinderei -- gab es

etwas Harmloseres, als daß Arno ihr versprochen hatte, zum Zeichen, daß

er an sie denke, ein Tagebuch im Namen des rosenfarbenen Püppchens,

das Sibylle ihm geschenkt, zu schreiben? Es war dies eine ritterliche

Pönitenz, die er sich selbst auferlegt, weil er Sibylle mit seiner

Weigerung, Puppenkönig zu werden, so weh getan. Nachher hatte ihm die

Sache Spaß gemacht, und der begabte, phantasievolle Knabe fand ein ganz

ungewöhnliches Vergnügen daran, sich in die Seele einer englischen

holdseligen Lady hineinzudenken und aus dieser heraus die Welt zu sehen

und das Leben zu beschreiben. Den ersten Teil dieses literarischen

Machwerkes kannte Sibylle bereits und hatte ihn begutachten müssen.

Sollte sie das jetzt preisgeben? Nein, es war unmöglich.

»Es ... es ist nichts Unrechtes --« stotterte sie endlich mühsam.

»Das setze ich auch nicht voraus,« erwiderte die Gräfin gehalten, »aber

gerade deshalb ...«

Sibylle trat einen Schritt vor, auf die Mutter zu und hob die Arme.

»Bitte ... bitte, nicht fragen, Mama ...«

Die Gräfin wurde einen Moment irre an ihrem Kinde. Nicht ohne

Härte sagte sie kühl: »Gut, ich will nicht mehr fragen, aber du

selbst, Sibylle, vergiß das nicht, hast eine Schranke zwischen uns

aufgerichtet.«

Sie bereute sofort das gesprochene Wort. Sibylle sah sie starr an und

schwankte ein wenig, dann fiel sie still und schwer zu Boden. -- --

Ein wunderliches Innenleben, ein Traumleben, fern, still und abseits

von allem Hergebrachten, hielt Sibylle in seinem zwingenden Bann.

Sie wuchs, erblühte und wurde fast schön. Sie sah die Dinge um sich

her und sah sie doch wieder nicht. Es war, als hätte sie kein Organ

für die täglichen kleinen Geschehnisse ringsum; für den Wandel der

Natur jedoch, für den großen allgemeinen Zug allen Werdens und Wirkens,

Blühens und Vergehens hatte sie weit offene Sinne.

Sie liebte die Dämmerstunden der heißen Juli- und Augusttage, wenn

die Bäume zu horchen schienen und die Springbrunnen lauter murmelten;

sie liebte die klaren Herbstnächte mit ihrem zärtlichen Sternenglanz,

liebte die frühen Maimorgen, wenn die Obstbäume, noch betaut von der

Nacht, ihre weißen Blütenreigen spannten; vor allem aber liebte sie den

Winter, zu allen Stunden des Tages und der Nacht.

Ihr Verhältnis zu Herrn Tobias Brandt war unpersönlich geblieben wie

am ersten Tage. Pflichtgemäß lernte sie, was sie zu lernen hatte, nur

fühlte sie jetzt manchmal einen sonderbar aufdringlichen Blick aus

seinen runden blauen Augen, den sie instinktmäßig von ihrem Antlitz

wegzuwischen versucht war.

Der Sommer brütete heiß über dem Park. Die Blumen schlossen müde ihre

Kelche, der weidenumsäumte Parkteich schillerte wie aus Stahl gegossen,

und der Hauslehrer ging schwitzend und rot die Kastanienallee auf und

nieder, ein Buch in der Hand.

Sibylle sah ihn von weitem und schlüpfte an den Obstbäumen vorbei,

zwischen den Beerenhecken an ihr Lieblingsplätzchen, den Teich. Hier,

im Schutz der alten Bäume und des dichten Gestrüpps, pflegte sie

manchmal in der Dämmerung unbemerkt zu baden.

Sie zog ein Buch aus der Tasche, setzte sich auf einen alten, weit

über den Teich hineinragenden Stamm einer Weide, entkleidete ihre Füße

und ließ sie in die kühle Frische hineinhängen. In einem halbwachen

Zustande von Traum und Leben schaute sie auf die glatte, silberne

Fläche. Schwärme von Mücken tanzten im Abendsonnenschein, hin und

wieder hüpfte ein Fischlein aufwärts und zog schnell sich weitende

Wasserringe. Schweigsam und reglos, sommermüde und träumend, standen

die Bäume. Ihr war sehnsüchtig und fragend zumute. Mit scheuer Schwere

war zum erstenmal bange die Frage in ihr aufgetaucht, wer das Ich sei,

das sie als das ihre empfand -- warum war sie gerade -- sie selbst?

Woher kam sie? Wohin trieb sie? Warum mußte sie sein wie sie war?

Gehörte sie außer sich selbst, außer ihren Eltern, einem unbekannten

Reiche an, wie die Bäume und Pflanzen der Natur? Glich sie der

silberstämmigen Birke oder gar der ernsten dunklen Tanne? Konnte sie

für ihre Wesensart?

Die Fragen jagten einander in wunderlicher Hast. Sie wurde sich des

erwachten Zustandes ihrer Seele fast schmerzhaft bewußt.

Langsam begann sie ihr Blondhaar aufzulösen. Wie ein lichter

Mantel hing es weit über die Hüften nieder und verhüllte das weiße

Sommerkleid. Ein Durst nach Kühlung dehnte ihr die Glieder. Die

Schatten der Bäume waren länger geworden und senkten sich weit über das

ruhende Wasser. Sie widerstand nicht länger, rasch schlüpfte sie aus

ihren Kleidern und ließ sich in das Wasser hineingleiten.

Sibylle stand vorgeneigt und horchend im Wasser, mit einem scheuen

Ausdruck in dem schmalen Gesicht -- hatte es nicht soeben im Gebüsch

geknackt?

Das Wasser stieg ihr bis über die Knie, sie faßte ihr Haar wie

einstmals als Kind mit den Fingerspitzen und ging, sich leise wiegend,

weiter hinein. Sie mußte an ihre Puppen denken, die seit Jahren in enge

Kisten verpackt, einen totenähnlichen Schlaf schliefen. »Die Armen,«

sagte sie mitleidig vor sich hin, »das Puppenreich ist zu Ende -- kommt

jetzt ein anderes Reich ...? Ja es kommt,« flüsterte sie freudig, »ich

fühl's --« Um ihre Lippen war ein Lächeln von einer scheuen, verirrten

Seligkeit.

Wieder knackte es im Gebüsch, und sie schrak zusammen. »Ist jemand da?«

fragte sie halblaut.

Stille, Schweigen. Jetzt fiel ihr ein, daß sie schon manchmal beim

Baden gemeint hatte, jemand könnte da sein und sie belauschen.

»Wie dumm!« murmelte sie vor sich hin -- und nun kam ein Hochgefühl,

etwas wie ein Wonnerausch über sie -- sie bückte sich tief, teilte

das Wasser mit ihren schlanken Armen, ließ ihre jungen, schüchternen

Glieder von dem schmeichelnden Gewässer umkosen, glitt behutsam weiter,

hob die Arme dem verglühenden Abendhimmel entgegen und begann leise

zu summen: »Es kommt -- es kommt ... das neue Königreich kommt ...«

Ihr war töricht leicht ums Herz geworden -- vorbei alle düsteren,

sehnsüchtigen Fragen.

Unbefangen und froh wie ein Kind spielte sie dahin -- irgendeine Macht

weihte sie, sich eins zu fühlen mit der träumenden Stille, die sie

umgab, eins mit Luft und Wasser, Laub und Sonne.

Endlich hatte sie genug und warf langsam und müde ihre Kleider wieder

über.

Sie flocht sich das Haar, steckte es ruhig auf, saß noch ein Weilchen

träumend und ließ die Füße im Wasser plätschern. Ohne Eile zog sie

Strümpfe und Schuhe an, nahm ihr Buch und schritt durch die dämmernden

Schatten der Bäume wieder dem Hause zu, die Augen zu Boden gesenkt.

Da blieb sie plötzlich stehen -- verwundert, betroffen -- auf dem

Boden, etwa zehn Schritte vom Ufer, lag ein kleines rotes Notizbuch.

Sie kannte es wohl, es gehörte Herrn Brandt. Wie war es dahin

gekommen? Vorhin war es nicht dagewesen ...

Ah! Nun wußte sie. Ihr Herz tat einen ungeheuren Schlag -- alles Blut

strömte ihr ins Antlitz -- so hatte er sie belauscht ... pfui!

Ein Ausdruck unsäglichen Ekels spannte ihre Züge; sie hob das Büchlein

auf, weit ab von sich mit gespreizten Fingern hielt sie es ... endlich

pflückte sie ein großes Klettenblatt und wickelte es hinein.

Sibylle sah an diesem Tage Herrn Brandt nicht wieder.

Am nächsten Morgen um neun wartete sie wie gewöhnlich im Schulzimmer

auf ihren Lehrer. Sie sah eigentümlich blaß aus; ein Zug von einsamer

Entschlossenheit lag um ihren Mund. Die überwachten Augen waren von

dunklen Rändern umsäumt.

Herr Brandt trat geschäftig herein, begrüßte sie und setzte sich an den

Tisch.

Mit einer ihm eigentümlichen Bewegung strich er sich flott zweimal

durch das struppige Blondhaar, zupfte seine maisgelbe Krawatte zurecht,

räusperte sich, schlug das Geschichtsbuch auf und begann: »Wir waren

also bei der Verfallszeit Roms stehengeblieben. Was wissen Sie mir

darüber zu sagen?«

Sibylle sah auf ihren Schoß nieder und schwieg.

»Nun?« sagte er ermunternd, »es handelt sich um die letzte Kaiserzeit,

geben Sie mir ein Bild dieser Cäsaren. Auf Caligula also folgte wer?«

Zwei brennrote Flecken flogen wie fremde Gäste auf Sibyllens Wangen,

sie atmete schwer und preßte die Lippen fest zusammen.

Herr Brandt sah sie erstaunt an und fuhr fort: »Am 13. Oktober 54

nach Christo bestieg Claudius Nero, 17 Jahre alt, den römischen

Kaiserthron, der Sohn der Agrippina, einer Schwester des Caligula. Was

wissen Sie von Nero?«

Ein wunderliches Schweigen wie vorhin.

»Wollen Sie mir etwa nicht antworten?« fragte Herr Brandt streng.

Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen · 第 5 / 15 题