Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Der Silbergarten.

Das Abendlicht lag mit einem rötlichen Schimmer über den weiß

verschneiten Parkbäumen. Durch die hohen Fenster des Herrenhauses

leuchtete es nachdenklich und klar in das Kinderzimmer hinein.

An den weißen Wänden saß im Halbkranze eine zahlreiche Gesellschaft

stocksteif und winzig auf kleinen Stühlchen und starrte mit

teilnahmlosen Glasaugen in die Mitte des Raumes.

Hier ging etwas Seltsames vor.

Ein kleines weißgekleidetes Mädchen mit aufgelöstem Blondhaar schwang

sich mit feierlicher Anmut in einem Tanze, den es offenbar selbst

erfunden hatte, vor dem Puppenpublikum hin und her.

Bald glitt es in gebückter Haltung, die Händchen weit hinter sich

gestreckt, mit wunderlichen, schleichenden Bewegungen langsam vorwärts,

bald stand es auf den Zehenspitzen und hob die schmächtigen Arme in

einer verzückten Gebärde zur Zimmerdecke empor, bald drehte es sich,

wie zu einer getragenen Musik, langsam um sich selbst -- endlich blieb

es stehen, wie erstarrt, das lange Haar wie einen goldenen Schleier mit

den Händen fassend, die es auseinandergebreitet hielt, die verträumten

Augen ernsthaft vor sich hin gerichtet.

»Das war der Sonnentanz!« sagte die Kleine leise. »Habt ihr auch

ordentlich zugeschaut?«

Die steifen, rotbäckigen Puppengesichter mußten wohl genickt haben,

denn mit einer hoheitsvollen Bewegung hob die kleine Sibylle den Arm

und sprach: »Wenn ich einmal gestorben bin, dann werdet ihr nicht

trauern, das nutzt gar nichts -- aber da ich nun doch eure Königin bin,

so sollt ihr mir ein Denkmal setzen. Weiß muß es sein, ganz schneeweiß,

aus Marmor, wie Großmama eins hat, und darauf muß mit goldenen

Buchstaben stehen: Demut und Gerechtigkeit. Habt ihr's gehört? Hebt

also den rechten Arm und versprecht es!«

Wie ein Feldherr, der Umschau über seine Truppen hält, kreuzte sie die

Arme über der Brust, runzelte die Stirn und trat einen Schritt zurück.

Dann nickte sie herablassend und gnädig.

»Ich will euch aber auch eine gute Königin sein, solange ich lebe, und

niemandem werde ich unser Geheimnis sagen -- auch nicht Arno.«

Hierbei krauste sich die klare Kinderstirn wieder nachdenklich, ja fast

schmerzlich -- aber ruhig wiederholte das kleine Mädchen: »Nein, auch

nicht Arno, nur dann, wenn er ... euer König sein will.

Und jetzt -- seid gehorsam, schwatzt nicht und zankt euch nicht. Geht

artig zu Bett und schlaft bald ein. Dann sollt ihr auch morgen den

Schneetanz zu sehen bekommen.«

Die Tür ging auf und eine zarte Frau trat ein. »Mit wem redest du denn

da, Silly?«

Die Kleine lief der Mama freudig entgegen. »Mit meinen Puppen, Mama.

Ich muß sie noch zu Bett bringen.«

»Ich wollte dir etwas Hübsches sagen, Kind. Arnos Eltern reisen in der

nächsten Woche nach Italien, und solange sie fortbleiben, kommen Arno

und Elisabeth zu uns mit ihrem Hauslehrer. Nun, freust du dich denn

nicht?«

»Elisabeth auch?« fragte Sibylle ein wenig gedehnt. »Arno allein wäre

hübscher. Elisabeth ist immer so ... so schrecklich langweilig.«

»Aber, Silly!« sagte die Mutter mit leisem Tadel, »die Kinder werden

unsere Gäste sein -- und gegen Gäste ist man immer sehr liebenswürdig.

Komm jetzt mit nach unten, du sollst Arnos Mama begrüßen.«

Freifrau v. Wolf-Rüdinghausen fuhr nervös zusammen, als die Tür sich

öffnete und die Gräfin mit Sibylle am Arm in den Salon trat. Ihre Augen

lagen tief in den Höhlen, ihre Züge waren scharf und gespannt; jetzt

verklärten sie sich zu einem erfreuten Dulderlächeln.

Das Kind hatte sich zärtlich an die Mutter geschmiegt und sah dem Gast

mit einem frischen Glanz in den Augen erwartungsvoll entgegen.

»Ich freue mich sehr auf Arno und ... Elisabeth!« sagte die Kleine

artig und küßte der Freifrau nach einem schönen Knicks die Hand.

Während sich die Damen über den näheren Termin unterhielten, an dem die

Kinder in Wangen eintreffen sollten, hörte sie aufmerksam zu. Als die

Freifrau lachend erzählte, daß Arno und Elisabeth am liebsten ihren

ganzen Kaninchenstall auf dem Nachbargute einbürgern wollten, schlug

Sibylle die durchsichtigen grauen Augen bittend zu ihr auf.

»Ach ja, erlauben Sie es doch! Und Arnos Reitpferdchen lassen Sie doch

mitkommen, Tante Marga, bitte!« sagte sie leise. »Er wird sich doch

langweilen ohne sein Pony.«

Die Freifrau warf der Gräfin einen amüsierten Blick zu. »Mein Arno hat

eine tapfere Fürsprecherin in Silly,« sagte sie wohlgefällig. »Wenn die

Kinder doch nur künftig ebenso zusammenhielten wie wir Erwachsenen!«

fügte sie mit einem schmerzlichen Seufzer hinzu. »Wissen Sie auch,

Liebe, daß mein Mann sich mit dem Gedanken trägt, Rüdinghausen zu

verkaufen?«

Ihre eingesunkenen Augen füllten sich mit Tränen. Scharf zeichnete sich

unter der blaßgelben Haut der feine Backenknochen.

»Nein -- davon habe ich kein Wort gehört.«

»Es ist so -- leider!« erwiderte die Freifrau wehmütig. »Arno soll aufs

Gymnasium, ich unter die Obhut der Ärzte und vor allem -- meinen Mann

zieht's nach Berlin. Nun, hoffentlich findet sich sobald kein Käufer!«

schloß sie mit einem leichtsinnigen Lächeln, das sie sehr verjüngte,

»denn unter uns gesagt, Beste, die Männer lieben es, ihren eigenen

Wünschen das Mäntelchen eines Opfers für die Gattin umzuhängen. Gott,

ich fühle mich ja eigentlich ziemlich wohl -- das böse Husten, das sich

im Frühjahr immer regelmäßig einstellt, das werde ich auch in Berlin

behalten.«

»Sillchen, geh jetzt nach oben zum Fräulein,« sagte die Gräfin

freundlich.

Das Kind, das in den letzten Augenblicken ganz blaß geworden war,

verbeugte sich und bog den Kopf zurück, um sich von der Freifrau auf

die Stirn küssen zu lassen, dann glitt es aus dem Zimmer. Die Freifrau

verfolgte die zierliche Gestalt mit den Blicken.

»Was ist Ihre Silly für ein liebliches kleines Wunder!« sagte sie

enthusiastisch. »Ich war vorhin ganz frappiert, als Sie mit ihr

hereinkamen. Einen Charme hat sie, um den manche Prinzessin sie

beneiden dürfte!«

»Vor allem ein gutes, reines Herzchen, aber leider auch eine allzu

große Empfindsamkeit und -- eine Phantasie, für die es keine Grenzen

gibt. Ich freue mich von ganzem Herzen auf unsere jungen Gäste und

hoffe viel von dem gesunden Einfluß Ihrer Kinder!«

Die Freifrau erhob sich und stand lang und schmal der Gräfin gegenüber.

Sie streckte ihr herzlich beide Hände entgegen. »Nochmals vielen,

vielen Dank!« sagte sie bewegt. »Auch in Fritzens Namen. Und Ihrem

Gatten die schönsten Grüße. Auf Wiedersehen also im Sommer, liebe

Gerda!« -- --

Es war zwei Wochen später.

»Du, Arno, ich ... ich möchte dir etwas zeigen!« flüsterte Sibylle

eines Morgens, »komm mit mir ins weiße Zimmer, aber so, daß es

Elisabeth nicht merkt, ja, willst du?«

Elisabeth saß steif und gerade vor dem Piano und spielte gewissenhaft

ihre Tonleitern.

Arno sah leuchtend von seinem Buche auf und nickte. Er war ein schöner

Knabe von etwa zwölf Jahren. Seine Züge waren regelmäßig und klar. Das

nußbraune Haar lockte sich ein wenig und fiel in die hochgewölbte weiße

Stirn. An den Schläfen spielte leicht ein zartes blaues Geäder. Ein

paar stahlgraue Augen blitzten keck über der kühn geformten Nase und

widersprachen in ihrem Ausdruck der frauenhaften Zartheit des Mundes.

Lebhaft sprang er auf, aber Sibylle hielt ihn schüchtern am Arm fest.

»Möchtest ... möchtest du gern König sein?« flüsterte sie gespannt.

Er sah sie lachend an. »Lieber schon Indianerhäuptling, aber warum

fragst du, Silly?«

Sie antwortete nicht. Über ihr schmales Gesichtchen flog eine leise

Röte. Mit leichten Schritten verließ sie das Zimmer, Arno folgte ihr

hastig.

»Wohin gehst du, Arno?« fragte Elisabeth.

Er sah sie spöttisch an. »Wohin ich will!« sagte er ungeduldig. »Du

hast nicht immer aufzupassen.«

Er lief mit Sibylle die Treppe empor. Beide Kinder traten gleichzeitig

in das Kinderzimmer.

Aufrecht an die Wand gelehnt standen Sillys Puppen in Reih und Glied.

»Das ist ja wie zu einem großartigen Empfang!« rief er lachend. »Auf

wen warten denn deine Puppen, Sillchen?«

»Auf dich ... und mich!« sagte sie leise und feierlich. »Denn ich bin

ihre Königin. Sag das aber niemand. Möchtest du nicht ihr König sein?«

fragte sie mit einem flehenden Ausdruck.

»Puppenkönig ...?« Ihm spukten noch die Indianergeschichten im Kopf

herum, aber ein Blick in ihre gespannten Züge ließ ihn die entrüstende

Zumutung sanftmütiger hinnehmen. »Nein, Silly,« sagte er endlich

ehrlich, »alles, was du willst, aber das -- kann ich nicht.«

In ihre durchsichtigen grauen Augen traten Tränen. »Du sollst ja nicht,

wenn du nicht willst,« sagte sie traurig und hing den Kopf, »aber dies

mußt du doch von mir annehmen. Es ist die liebste und kleinste, die ich

habe, und sie heißt Lady Rosalind.«

Sie drückte ihm ein gewöhnliches Zündholzschächtelchen in die Hand und

bat flehend: »Geh, geh jetzt, Arno, mach die Schachtel nicht hier auf,

bitte. Später, wenn du allein bist!«

Betroffen von dem schmerzlich-leidenschaftlichen Ton ihrer Stimme blieb

der Knabe unschlüssig stehen und sah Sibylle an.

Aber sie drängte und schob ihn zur Tür hinaus.

»Bitte, bitte geh!« flüsterte sie.

Er ging.

Auf der Treppe öffnete er das Schächtelchen. Ein winziges,

rosagekleidetes Püppchen mit einer langen seidenen Schleppe lag darin.

Wie versteinert blieb Sibylle vor ihren Puppen stehen, dann brach sie

in ein leises, trostloses Weinen aus. Bittend und demütig trat sie den

Puppen näher.

»Er will nicht euer König sein -- ich kann nichts dafür,« sagte sie

gepreßt. »Und ich weiß wohl, daß ich nun auch nicht mehr Königin sein

darf, weil ich ihm das Geheimnis gesagt habe. Die weiße schöne Frau im

Traum hatte es mir ja verboten. Nun ist's zu spät. Verzeiht mir und

lebt wohl!«

Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen · 第 4 / 15 题