Die Mistel ist neuerdings dadurch sehr interessant geworden, daß

verschiedene, äußerlich nicht unterscheidbare Rassen von ihr

festgestellt wurden, die jeweilen nur auf bestimmten Baumarten

gedeihen. So geht die auf unsern Apfelbäumen und Schwarzpappeln

verbreitete Form wohl auf andere Laubhölzer, am seltensten auf

Eichen, nicht aber auf Nadelhölzer über, während die Tannenmistel

ausschließlich auf der Weißtanne wächst, Kiefern und Fichten dagegen

gemeinsam eine dritte Form zu besitzen scheinen. Daß die mitten im

Winter in den kahlen Baumkronen grünenden Büsche in der Mythologie

und im Volksglauben unserer Vorfahren eine gewisse Rolle spielten,

ist sehr begreiflich. Nach der germanischen Sage wurde der lichte

Gott des Sommers, Baldur, vom blinden Wintergott Hödur durch einen

Mistelpfeil getötet. Es ist dies der strahlende Sonnengott, der

im Winter von der Macht der Finsternis dahingerafft wird, um im

Frühling aufs neue in jugendlicher Pracht zu erstehen. Und daß dies

der Fall sein werde, dafür bietet der Mistelzweig Gewähr, den man

in Nachahmung angelsächsischer Sitte am Julfest neuerdings auch bei

uns bei der Wintersonnenwende in den Wohnungen aufhängt; denn der

gabelige Mistelzweig ist das Symbol der Wiederbelebung der erloschenen

Sonnenkraft, die nach altem Volksglauben in der Mistel allein lebendig

bleibt, wie schon äußerlich ihr Weitergrünen auf den im Winter wie

erstorben ihrer Blätter beraubt dastehenden Laubbäumen beweist.

Daher rührt die allheilende und belebende Kraft desselben gegen alle

Übel. Am Tage von Baldurs Neugeburt, wenn die größte Sonnenschwäche

vorüber ist, am Julfest oder am Neujahr, sammelte man feierlich die

„Allheilende“, um die Wohnung während der Festzeit damit zu schmücken

und zu weihen. Ähnliche mythologische Beziehungen haben unzweifelhaft

auch zu der außerordentlichen Verehrung Veranlassung gegeben, die

die Mistel bei den keltischen Volksstämmen genoß. Ihre Priester, die

Druiden, berichtet Plinius, kennen nichts Heiligeres als die Mistel

und ehren auch den Baum, auf dem sie wächst, namentlich wenn es eine

Eiche ist. Dies ist aber nur äußerst selten der Fall. Hatte man nun

ausnahmsweise eine solche auf dem dem Donnergotte heiligen Eichbaum

entdeckt, so wurde sie mit großer Feierlichkeit am sechsten Tage nach

dem Neumond zu Jahresbeginn eingeholt. Nachdem man unter dem heiligen

Baum die gehörigen Opfer dargebracht und die Festmahlzeit veranstaltet

hatte, bestieg der in weiße Gewandung gekleidete oberste Druide den

Baum, schnitt mit einer goldenen Sichel die Mistel ab und warf sie

in seinen Mantel. Diese von den Kelten die „Alles heilende“ genannte

Pflanze durfte den Boden nicht berühren und half dann angeblich gegen

alle Leiden, wurde nach Plinius insbesondere zur Heilung der Epilepsie

verwendet. Derselbe römische Autor bezeichnet das Neujahrsfest als

den Hauptsammeltag für die Mistel, und in Frankreich hat sich noch

in manchen Gegenden die uralte Sitte erhalten, daß Kinder am Neujahr

mit einem Mistelbusch von Haus zu Haus laufen und mit dem Ruf:

~Aguillaneuf~ (entstanden aus: ~au gui l’an neuf~) Eßwaren und ein

Geldgeschenk verlangen. In Deutschland scheint der Ruf „Guthyl“ und das

Neujahrs-„Anklopfen“ mit grünen Ruten dem zu entsprechen. Zum Schluß

soll noch die Eigentümlichkeit erwähnt werden, daß auf den faulenden

Stengeln der Mistel ein besonderer Pilz (~Tubercularia visci~) und auf

den Blüten ein bestimmter Blattfloh (~Psylla visci~) lebt.

[4] 2. Band betitelt: +Das Leben der Erde+ mit 380 Abbildungen im

Text, 21 Vollbildern und 2 Stammbäumen, München 1908, Verlag von

Ernst Reinhardt.

[5] S. Näheres nebst Abbildung in dem Abschnitt über akarophile

Gewächse auf Seite 492 ff. in Band II des: Vom Nebelfleck

zum Menschen, betitelt das Leben der Erde, Verlag von Ernst

Reinhardt, München 1908.

XXXI.

Die Nutzhölzer.

Eines der wichtigsten Rohprodukte des Pflanzenreiches, das auf allen

Gebieten menschlicher Tätigkeit die mannigfaltigste Verwendung

findet, ist das Holz. Aus ihm hat sich der tertiäre Urmensch neben

den aufgelesenen Steinen seine ersten Werkzeuge und Waffen zur

Unterstützung und Verlängerung seiner Arme gemacht, bevor er sich noch

Geräte aus Feuerstein herzustellen begann. Und je höher er später

in der Kultur fortschritt und je mehr er zum Herren der Erde wurde,

um so größere Bedeutung gewann für ihn das Holz als unentbehrliches

Rohmaterial für alle Bedürfnisse des täglichen Lebens, zu allerlei

Hantierung und zum Brennen.

Unter den mannigfaltigen Holzarten, die ihm in verschiedenen Gegenden

und zu verschiedenen Zeiten in wechselnder Menge und Beschaffenheit

zu Gebote standen, wußte er dabei für die verschiedenen Zwecke eine

Auswahl zu treffen, indem er bald die Eigenschaften der verschiedenen

Holzarten kennen lernte. Dabei stand ihm gerade in unserm Kontinent

gegenüber Ostasien und besonders Nordamerika eine sehr geringe Auswahl

von Holzarten zur Verfügung. So setzen kaum 40 einheimische Baumarten

den Wald des nördlichen Europa zusammen, den Wald der Vereinigten

Staaten dagegen 400. Die Zahl der Eichenarten ist in Europa ganz

außerordentlich gering, in den Vereinigten Staaten und in Mexiko

dagegen recht groß; die Zahl der Kiefernarten beträgt in Europa 10, in

Nordamerika aber 40; selbst Kanada weist noch 15 Nadelhölzer auf.

Aber nicht bloß sind im nordamerikanischen Wald fast alle Baumgattungen

des europäischen Waldes in einer größeren Artenzahl vertreten, so

Eichen und Eschen in 13 Arten, Ahorne in 8 Arten, Birken in 7 Arten,

Ulmen und Nußbäume in je 5 Arten usw., sondern es sind in ihm eine

große Zahl von Gattungen vorhanden, die dem europäischen Walde

vollkommen fremd sind, darunter die Hickorybäume (~Carya~) mit 9

weitverbreiteten Arten, die Magnolien mit 7, die Platanen mit 3, die

Catalpa mit 2 Arten, der Tulpenbaum (~Liriodendron~), der Sassafras,

die Sequoia mit 2 Arten, die Douglastanne und verschiedene andere. Die

beiden zuletzt genannten Gattungen, ebenso wie die Riesentanne (~Abies

gigantea~), die Riesenceder (~Thuja gigantea~), die Zuckerkiefer

(~Pinus lambertiana~) mit ihren vielfach über 100 m emporragenden

und mehrere Meter dicken Stämmen veranschaulichen zugleich am besten,

zu welcher Riesenhaftigkeit sich der nordamerikanische Baumwuchs nicht

nur in Kalifornien und Oregon, sondern auch im appalachischen Osten

gestaltet, wo die Weiß- und Roteichen (~Quercus alba~ und ~Q. rubra~),

die Magnolien (~M. grandiflora~), die Kastanien (~Castanea americana~),

die Platanen und Pappeln vielfach gewaltige Baumgestalten darstellen.

Noch artenreicher als selbst das appalachische Gebiet an der

atlantischen Seite Nordamerikas ist das asiatische Florenreich,

das zudem eine auffallende Ähnlichkeit mit ersterem zeigt; hat es

doch nicht weniger als 250 Arten in 65 Gattungen mit jenem gemein.

Beide Florenreiche aber stehen dem tertiären Florenreiche Europas

zum größten Teil ziemlich nahe. Zur Tertiärzeit wuchsen nämlich

in Europa Riesencedern, Sumpfcypressen, Storax- und Walnußbäume,

Liquidambar, Tulpenbäume, Catalpa und Sassafras, die vor der von

Norden her vordringenden Vereisung im südlichen Teil Nordamerikas eine

Zuflucht fanden und am Leben blieben, während sie bei uns vernichtet

wurden, und zwar ganz wesentlich infolge der ostwestlich gerichteten

Gebirge, die ein Entweichen nach dem Süden über den Wall der Alpen und

Karpaten nicht erlaubten. Auch ein Entweichen nach Osten war durch die

Verbindung des Kaspischen Meeres mit dem Mittelmeere verhindert. So

war ein Zurückweichen und ein Wiederkehren wie in Nordamerika weder im

Süden, noch im Osten Europas möglich.

Als die niederschlagsreichen, kalten Winter der Eiszeit nachließen und

die letzte Vereisung wich, drangen in Europa von Süden nach Norden

Bäume ein, die geringere Wärmemengen als die einstigen tertiären

zur Vollendung ihrer Vegetationsperiode verlangen. So war nach den

Ablagerungen in den Torfmooren die +Kiefern+periode die älteste

Waldperiode der mittel- und nordeuropäischen Länder. Nur in Dänemark

scheint der Kiefernperiode eine ganz kurze Übergangszeit mit Espen und

Birken vorausgegangen zu sein. Mit dem Wärmerwerden des Klimas folgten

der Kiefer die Eiche nebst Spitzahorn, Esche, Mistel und Efeu und

gelangten in der jüngeren Ankyluszeit, während noch die Landbrücke

zwischen Jütland und Schonen bestand, auch nach Schweden. In diese

+Eichen+zeit fällt die frühneolithische Stufe der Kjökkenmöddinger mit

ihren Abfallhaufen von Meereskonchylien, die zu einer Zeit entstanden

sein müssen, als das Meer an der Ostsee noch salziger und wärmer war

als heute. Auf diese wärmere Eichenzeit folgte mit der Entstehung der

vom Meere erfüllten Litorinasenkung eine Klimaverschlechterung, welche

zur Folge hatte, daß zunächst die +Fichte+ und dann die +Buche+ immer

weiter nach Norden rückten. In diese Zeit fällt die ältere nordische

Steinzeit. Während der jüngeren Stein- und Bronzezeit war der häufigste

Nadelholzbaum der Schweiz die +Weißtanne+, die wir neben viel Eichen

und besonders auch Buchen, seltener Kiefern, als hauptsächlichstes

Nutzholz der Pfahlbauzeit antreffen.

Damals so wenig als in früherer prähistorischer Zeit war übrigens

Mitteleuropa von einem geschlossenen Urwalde bedeckt, vielmehr

waren die Wälder in großem Umfange von Steppengebieten, Mooren,

Heiden und andern waldfreien Flächen durchzogen. Und gerade die

Steppenstriche waren für die älteste menschliche Siedelungsgeschichte

von hervorragender Wichtigkeit, denn die ältesten Ansiedler folgten

durchweg bei der Besiedelung des Landes den waldfreien Strecken.

Erst in dem Maße als später die Bevölkerungsdichte zunahm und

leistungsfähige Metallwerkzeuge zum Roden und dann Verbrennen des

Waldes aufkamen, wurde mit der zunehmenden Waldvernichtung begonnen,

die selbst heute noch nicht überall zum Stillstand gekommen ist.

Viel schlimmer als einst unsere Vorfahren haben neuerdings die

Nordamerikaner mit dem Walde, dem größten Reichtum ihres Landes,

gehaust. Weite Gebiete der Vereinigten Staaten sind durch den größten

Raubbau des einst sie bedeckenden Waldes verlustig gegangen, was auch

direkt durch Klimaverschlechterung für die Einwohner fühlbar wurde.

In Florida, Georgia und Carolina wurden von den Terpentinausbeutern

die Wälder der Küstenkiefer, welche unter einer maßvolleren Methode

jahrhundertelang die beste Einnahmequelle für die Bevölkerung der

Südwestküste hätte bilden können, in einer Weise ausgeraubt, daß 9/10

des Terpentingehaltes jedes Baumes weggeworfen und der ausgeraubte

Baum gefällt und seinem Schicksal überlassen wurde, bis das ganze

Land verödet war. In derselben Weise sind die schier endlosen

Pinienwälder von Wisconsin und Michigan, die ausgedehnten Gebiete der

weißen Rieseneiche im westlichen Ohio, Indiana, Illinois, Kentucky,

Missouri und Arkansas und die unvergleichlichen Wälder der schwarzen

Walnuß, welche die Ländereien von Indiana und Illinois bedeckte,

vernichtet worden. Aus einer jungen Weißeiche stellte man eine einzige

Eisenbahnschwelle her und ließ den Rest verfaulen. Das beste Holz war

in solchem Überflusse vorhanden, daß es völlig wertlos schien. Und so

wirtschaftete der rücksichtslose Amerikaner gedankenlos weiter, bis

das Holz begann selten zu werden; da erst dachte man daran, die Wälder

zu schützen. Ginge nun der Raubbau in der bisherigen Weise weiter, so

würde in etwas mehr als 25 Jahren Amerika keine Wälder mehr besitzen.

Man hat ausgerechnet, daß das Land infolge Schwindens der Wälder mehr

als 100 Quadratmeilen fruchtbaren Boden jährlich durch Austrocknung

verliert. In genauem Verhältnis zum Raubbau der angrenzenden Wälder

vermindern sich die Wassermassen des Mississippi; denn die Wälder sind

es, die die rasche Verdunstung des gefallenen Regens verhindern und

überhaupt die Niederschläge veranlassen oder wenigstens begünstigen.

Nimmt man die Wälder fort, so nimmt man den Flüssen ihre Nahrungsmittel

weg, wenigstens das, was ihnen Nahrung mittelbar zuführt.

Was nicht die Gier nach Gewinn am Walde sündigte, das

verschuldete in der Union der grenzenlose Leichtsinn und die

Schlechtigkeit der Holzarbeiter, Jäger und Abenteurer, denen jedes

Verantwortlichkeitsgefühl abgeht. Unfreiwillig oder freiwillig

gelegt, entflammt sich alljährlich in der Trockenzeit, bald hier,

bald dort der unheimliche Waldbrand, nimmt durch die Lässigkeit der

spärlichen Einwohner meist ungeheure Dimensionen an und vernichtet das

Baumwachstum vieler Jahrzehnte. In den letzten 20 Jahren sind durch

Waldbrände in den Vereinigten Staaten etwa 2000 Menschen umgekommen

und ist für verschiedene Milliarden Mark Materialschaden erwachsen.

Der jährliche Durchschnittsverlust an Holz durch solche Waldbrände

läßt sich auf etwa 100 Millionen Mark schätzen. Der Waldbrand des

Jahres 1910, von dem in den Zeitungen zu lesen war, hat hunderte von

Menschenleben, zahlreiche Ortschaften, 8 Städte und Wälder im Wert von

50 Millionen Mark zerstört. Er war klein zu nennen gegenüber demjenigen

von 1908, der herrliche Wälder in einer Längenausdehnung von 300 km

im Werte von 400 Millionen Mark zerstörte, oder gar gegenüber

demjenigen von 1871, der für über 8 Milliarden Mark, d. h. mehr als der

zehnjährige Holzverbrauch des Landes beträgt, Wald vernichtete.

Zu den Waldbränden kommen noch die gewöhnlichen Feuersbrünste, die

jedes Jahr für nahezu 1000 Millionen Mark Gebäude und Einrichtungen in

den Vereinigten Staaten zerstören. Natürlich nimmt diese Zerstörung das

Kapital der Wälder in entsprechendem Maße in Anspruch. Dazu kommt der

stetig wachsende Verbrauch von Holzpapier, der ausgedehnten Waldungen

das Leben kostet. Die zahlreichen Zeitungen allein verschlingen

jährlich etwa 3000 Millionen kg Holz. Die Menge des jährlich in

der Union geschlagenen Holzes ist schon jetzt dreimal größer als

der jährliche natürliche Zuwachs. So hat man ausgerechnet, daß das

unermeßlich erscheinende Kapital, das die Union in ihren Waldungen

besaß, schon in einem oder spätestens zwei Generationen aufgebraucht

sein wird, wenn nicht vorher dem unsinnigen Holzkonsum Halt geboten

wird.

Während das Holz für unsere Altvordern außer dem Verbrennungswert noch

einen gewissen Wert als Bau- und Werkmaterial besaß, ist in unserer

Zeit seine Verwendungsmöglichkeit ins Ungeheure gestiegen; denn wir

machen nicht nur Papier damit, aus welchem ganze Häuser und selbst

Eisenbahnräder hergestellt werden, sondern wir verfertigen daraus sogar

Kunstseide, die immer weitere Verwendung findet. Welche Wertsteigerung

dabei das Holz erfährt, können wir aus einer diesbezüglichen

Zusammenstellung ersehen. Ein Raummeter Holz wiegt nach O. N. Witt

400-500 kg und kostet im Walde 3 Mark. Derselbe Raummeter, als

Brennholz an Ort und Stelle befördert, erhöht seinen Wert auf 6 Mark.

Durch Kochen mit Soda oder Sulfitlauge lassen sich aus dem Holze etwa

150 kg Zellstoffasern isolieren; da 100 kg davon einen Wert von

15-20 Mark besitzen, läßt sich der Nutzungswert des Raummeters auf etwa

30 Mark schätzen. Wandelt man die Zellstoffaser durch dünnes Ausbreiten

auf der Papiermaschine zu Papier um, so ergibt sich ein Wert für die

Zellulose des angewandten Raummeters Holz von 40-60 Mark. Verspinnt

man die Zellstoffaser zu Zellstoffgarn für Jute- und Baumwollersatz,

so erzielt man Verkaufswerte von 50-100 Mark. Überführt man die

Zellstoffaser durch Lösen in einer Mischung von Kupferoxyd und Ammoniak

(Salmiakgeist) und Pressen durch feine Düsen in eine Säurelösung, in

der sie sofort zu einem feinen Faden erstarrt, in künstliche Seide, so

kommt man zu einem Werte von 3000 Mark pro Kubikmeter. Und gewinnt man

schließlich ein für spezielle Zwecke ganz besonders wertvolles Produkt

künstlicher Seide daraus, so stellt sich der Wert auf den angewandten

Raummeter Holz, der also ursprünglich 3 Mark wert war, auf reichlich

5000 Mark. Diese Kunstseide wird hauptsächlich zur Herstellung von

Spitzen, Borden, Bändern und Quasten verwendet. Auch für Krawatten-

und Möbelstoffe, Vorhänge und Tapeten bildet die Kunstseide ein

ausgezeichnetes Material, das in immer steigendem Maße in den Handel

gelangt. Schon heute wird die Gesamtwelterzeugung dieser jungen

Industrie auf 5 Millionen kg -- allerdings gegen etwa 50 Millionen

kg Naturseide -- geschätzt. Allein Deutschland verbraucht etwa 1,5

Millionen kg im Jahresdurchschnitt, und das Inland war 1909 imstande,

Kunstseide im Betrage von etwa 10 Millionen Mark an das Ausland

abzugeben.

In bezug auf Holzertrag sind die +Nadelhölzer+ die ausgiebigsten und

werden daher vielfach in Waldgebieten, die früher ausschließlich

Laubwälder trugen, in ausgedehnter Weise angebaut. Ihr Holz ist viel

einfacher gebaut als dasjenige der Laubbäume; Gefäße fehlen ihm

ganz, doch enthalten die meisten Arten besondere Harzgänge, die beim

Eröffnen durch Einschnitte in der Richtung des Stammes das balsamartige

+Terpentin+ liefern. Die Lärche wird hierzu im Frühjahr nahe dem Boden

angebohrt, das Bohrloch durch einen Zapfen verschlossen und im Herbst

entleert. Bei der Tanne sammelt sich das Terpentin in Harzhöhlen der

Rinde an und fließt nach Öffnung der Beulen ab. In Österreich gewinnt

man auf den Stamm jährlich 2 kg Terpentin, in Westfrankreich etwa

3,6 kg. Von starken Fichten, besonders alleinstehenden, auf deren

Erhaltung es nicht ankommt, kann man bis 40 kg Terpentin gewinnen. In

Frankreich werden Bäume im Alter von 20-40 Jahren 20-40 Jahre hindurch,

kräftigere Individuen noch längere Zeit, auf Terpentin ausgebeutet.

Meist wird dort die Strandkiefer (~Pinus maritima~) dazu verwendet. Das

deutsche Terpentin gewinnt man von der Kiefer (~Pinus silvestris~) und

Fichte (~Picea excelsa~), das Straßburger Terpentin von der Weißtanne

(~Abies pectinata~), das venezianische Terpentin in Südösterreich

von der Lärche (~Larix europaea~), das amerikanische Terpentin

hauptsächlich von ~Pinus australis~, ~P. palustris~ und ~P. taeda~ und

den Kanadabalsam von der Balsamtanne (~Abies balsamea~ und ~fraseri~).

Letzterer unterscheidet sich vom gewöhnlichen Terpentin vor allem

durch seine starke Lichtbrechung, weshalb er besonders zur Einbettung

mikroskopischer Präparate dient.

Eine weitere wichtige Nutzung der Nadelhölzer ist die Gewinnung von

+Holzteer+, die in folgender Weise von Fichten gewonnen wird: Die

betreffenden Stämme werden im Juni von Ästen und Rinde bis zum Holz

in der Höhe von etwa 2,5 m befreit. Nur an der nördlichen Seite der

Baumstämme wird ein etwa 5 cm breites Band der Rinde gelassen, um

den Baum am Leben zu erhalten. Man läßt den Baum 2-5 Jahre so stehen,

worauf die Rinde in derselben Weise von den Stämmen abgeschält wird,

doch etwa 1,5 m höher, so daß die Stämme jetzt 4 m hoch kahl

sind, mit Ausnahme des Bandes der nördlichen Seite. Wiederum läßt man

den Baum 2 Jahre so stehen. Dabei bedeckt sich der kahle Teil der

Stämme mit einer dicken Lage von Harz. Dann schneidet man den an der

nördlichen Seite gelassenen Rindenstreifen los. Die Bäume werden im

Oktober oder November gefällt und das so behandelte Holz zum Meiler

gebracht, wo es etwa 1,8 m hoch aufgestapelt wird. Hierauf wird das

Holz der Länge nach gespalten und nach dem Trocknen im kommenden Sommer

in Teermeilern unter Luftabschluß verbrannt. Ist dann in 4-5 Tagen das

Brennen beendet, so sind bei der trockenen Destillation etwa 7500 Liter

Teer von dunkelbrauner Farbe und sirupartiger Konsistenz ausgeflossen.

Er wirkt durch seinen Gehalt an Kreosot fäulniswidrig und dient daher

zum Anstreichen von allem der Feuchtigkeit ausgesetztem Holz und

Tauwerk. Bei der fraktionierten Destillation gibt er zuerst leichte,

dann schwere Teeröle, zuletzt Kreosot und als Rückstand Pech ab, womit

die Schiffe kalfatert werden. Birkenholzteer dient zur Bereitung von

Juchtenleder. Aus Torf- und Braunkohlenteer bereitet man Leuchtöle,

Schmieröle und Paraffin. Der übelriechende, schwarze Steinkohlenteer

gibt bei der Destillation zuerst leichte Kohlenwasserstoffe (Benzol,

Toluol usw.) ab, die, mit Schwefelsäure und Natronlauge gereinigt und

rektifiziert, als Benzin in den Handel kommen. Bei weiterem Erhitzen

erhält man die leichten Teeröle, die hauptsächlich zur Darstellung der

Anilinfarben, als Leuchtöle und zum Lösen des Kautschuks dienen, dann

schwere Teeröle, die zum Imprägnieren des Holzes und als Schmieröle

dienen. Aus ihnen wird die Karbolsäure isoliert. Weiterhin werden

wiederum Kohlenwasserstoffe gewonnen, die als Schmieröle verwendet

werden. Aus ihnen isoliert man auch Naphthalin und Anthracen,

die Farbstoffe und einige pharmazeutische Produkte liefern. Der

Destillationsrückstand ist das Steinkohlenpech, das als Asphaltsurrogat

und zu Firnissen dient. In Europa werden jährlich über 700 Millionen

kg Teer verarbeitet, wovon über die Hälfte allein in England. Wird

Teer bei unzureichendem Luftzutritt verbrannt, so scheidet sich

viel Kohlenstoff ab, der als +Ruß+ benutzt wird. Der Teer ist seit

dem Altertum bekannt und gebräuchlich. Der ältere Plinius berichtet

eingehend über die Herstellung und Verwendung desselben, den er ~pix

liquida~ nennt.

Zur Erzeugung intensiver Hitze überall da, wo Rauch- und

Flammenbildung vermieden werden muß, z. B. im Schmiedefeuer, beim

Erhitzen von Gegenständen, wie Bügeleisen, im Zimmer usw. benutzt man

+Holzkohle+, die ein weiteres wichtiges Produkt der Holzausbeutung

ist. Sie wird durch Erhitzen von Holz bei Luftabschluß gewonnen.

Bei dem aus dem Altertum stammenden Meilerbetrieb wird das Holz

in annähernd halbkugelförmigen Haufen, Meiler genannt, in großen

Scheiten regelmäßig um drei in der Mitte errichtete Pfähle aufgesetzt

und mit einer Decke von Rasen, Erde und Kohlenklein bedeckt. Unter

dieser Decke entzündet man das Holz und leitet die Verbrennung bei

sorgsam geregeltem, sparsamem Luftzutritt in der Weise, daß nicht

mehr Holz verbrennt, als erforderlich ist, um die gesamte Holzmasse

auf die Verkohlungstemperatur zu erhitzen. Im wesentlichen sollen

nur die aus dem erhitzten Holze sich entwickelnden Gase oder Dämpfe

verbrennen. Ist die Verkohlung vollendet, was man an der Farbe des

entweichenden Rauches erkennt, so läßt man den Meiler abkühlen und

nimmt ihn auseinander. Runde oder eckige gemauerte Meileröfen gestatten

eine leichtere, vollständigere Gewinnung der Nebenprodukte, wie Teer

und Holzessig, die beim Meilerbetrieb verloren gehen, liefern aber

geringere Ausbeute und weniger gute Kohle. Eine bessere Leitung

des Verkohlungsprozesses erreicht man bei Anwendung von Retorten.

Hierbei gewinnt man „destillierte“ Kohle, wie sie besonders für die

Schießpulverfabrikation erforderlich ist.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 70 / 81 段