Ebenfalls im tropischen Amerika heimisch sind die +Gloxinien+, deren

wundervolle, farbenprächtige Blüten die Zierde unserer Gewächshäuser

bilden. Diese Gattung aus der Familie der Gesnerazeen hat ihren Namen

nach dem Straßburger Botaniker P. B. Gloxin, der 1785 botanische

Beobachtungen veröffentlichte, und besteht aus ausdauernden Kräutern

mit knollenartigem Wurzelstock, saftigem Stengel, gegenständigen,

einfachen Blättern, einzeln oder gebüschelt stehenden, großen,

langgestielten, glockenförmigen Blüten mit ausgebreitetem, ungleich

fünflappigem Saum. Die sechs Arten sind von Mexiko bis Brasilien und

Peru zu Hause. Von ihnen werden vorzugsweise die ~Gloxinia speciosa~

von Brasilien und Hybriden von dieser und ~Gloxinia maculata~ mit

aufrechten, horizontalen oder hängenden, vielfach im Innern getüpfelten

blauen, roten oder weißen Blüten aus Brasilien kultiviert. Diese

prachtvollsten aller Florblumen gedeihen aber auch gut im Zimmer.

Zum Winter ziehen sie ein und die Knollen können trocken aufbewahrt

werden. Jedes Blatt entwickelt an dem der Quere nach abgeschnittenen

Blattstiel, aber auch, wenn man es auf Erde befestigt, an allen

durchschnittenen Blattnerven Knöllchen, so daß man von einem großen

Blatt deren fünfzig erzeugen kann. Übrigens werden unter dem Namen

Gloxinien auch zahlreiche Formen und Farbenspielarten der brasilischen

~Sinningia speciosa~, auch Kreuzungen derselben mit den eigentlichen

Gloxinien, bei uns kultiviert.

Gleicherweise südamerikanischen Ursprungs sind die +Petunien+, nach

~petun~, der brasilianischen Bezeichnung für den nahe mit ihnen

verwandten Tabak, mit dem man diese Pflanzenart wegen der Ähnlichkeit

der Blätter verwechselte, so genannt. Diese Gattung der Solanazeen

oder Nachtschattengewächse umfaßt mit klebrigen Drüsenhaaren besetzte

niedere Kräuter mit großen, vielfarbigen Blüten und vielsamigen

Kapseln. Die 14 Arten kommen ausschließlich in Südamerika, speziell

in Südbrasilien und Argentinien vor und wurden erst seit 1824 in

Europa bekannt. Durch Kreuzung von ~Petunia nyctaginiflora~, einem

Sommergewächs im Gebiete des La Platastromes mit weißen, und von

~Petunia violacea~, einem Sommergewächs in Argentinien, Montevideo und

Chile mit leuchtend dunkelkarminroten, im Schlund schwarzvioletten,

gestreiften Blüten hat man eine Menge schöner, auch gefüllter

Varietäten und Blendlinge (~Petunia hybrida~, ~P. grandiflora~)

erzeugt, die sich vorzüglich zur Bepflanzung von Gruppen auf

Rasenflächen, auch zur Kultur in Töpfen eignen und häufig zu sehen sind.

Weiter hat uns Südamerika mit der +spanischen+ oder +Kapuzinerkresse+

(~Tropaeolum~) beschenkt. Von den 35 ausschließlich dort vorkommenden

Arten dieser Gattung brachten die Spanier zuerst ~Tropaeolum minus~

1575 aus Peru nach Spanien, während die größere Art, ~Tropaeolum

majus~, erst 1684 von dorther nach der Iberischen Halbinsel kam,

von wo aus sie schon 1686 nach England gelangte. Alte Berichte tun

uns kund, wie groß das Entzücken der Blumenfreunde jener Zeit über

die Einführung dieser schönen, reich blühenden und anspruchslosen

einjährigen Staudenpflanzen war. Besonders ~Tropaeolum majus~ findet

sich jetzt als eine der gemeinsten Florblumen in zahlreichen Varietäten

in unseren Gärten. Am meist kletternden Stengel finden sich bei ihr

schildförmige Blätter und große, gelbe, orange- bis purpurbraune

Blüten, die geruchlos sind. Doch riecht und schmeckt die ganze Pflanze

durch ein ätherisches Öl kressenartig, was ihr zu ihrem Namen verhalf.

Sie wird als Salat gegessen; die Blütenknospen und die unreifen Früchte

werden auch in Essig und Salz eingelegt und wie Kapern gebraucht. Daher

wird sie oft „unechte Kaper“ genannt. Durch Kreuzung dieser Art mit

dem ähnlichen ~Tropaeolum minus~ werden zahlreiche Varietäten, auch

Zwergformen, gewonnen. ~Tropaeolum tuberosum~ mit knolligem Wurzelstock

und vierlappigen Blättern wird in ihrer Heimat Peru der genießbaren

Knollen wegen kultiviert und gedeiht auch bei uns. ~Tropaeolum

lobbianum~ aus Kolumbien mit leuchtend kapuzinerroten Blüten klettert

3-4 m hoch, dauert in Gewächshäusern aus und blüht dort auch im

Winter. ~Tropaeolum pentaphyllum~ aus Montevideo hat scharlachrote

Blüten mit spitzen, grünen Kelchzipfeln und hält bei uns im Freien

aus. Die kletternde +Kanarienvogelrebe+ (~Tropaeolum aduncum~) mit

schwefelgelben Blüten und zerschlitzten Blumenblättern eignet sich

besonders zur Bekleidung hoher Wände.

Wie die Kapuzinerkresse stammt auch die +Feuerbohne+ (~Phaseolus

multiflorus~) mit feuerroten bis weißen Blüten aus Peru, wo sie

schon von den Inkas zur Gewinnung der Samen als Speise kultiviert

wurde. Wie die Samen der gemeinen Schminkbohne fanden sie sich als

Totenbeigabe in den Gräbern der Peruaner. Bei uns wird sie nicht

sowohl als Nutz-, sondern vorwiegend als Zierpflanze kultiviert und

dient vorzugsweise zum Hinaufspinnen und zum Bekleiden von Lauben. Der

französische Arzt und Botaniker Clusius (Charles de l’Ecluse, geb.

1526 in Arras, 1573-1587 Hofbotaniker in Wien, seit 1593 Professor der

Botanik in Leiden, wo er 1609 starb) sah die Feuerbohne mit purpurnen

Blüten zuerst 1564 in einem Kloster zu Lissabon und bekam dort auch

Feuerbohnensamen aus Brasilien zum Geschenk. Diese brachte er nach der

Rückkehr in seiner Heimat zum Wachsen; sie blühten blaßrot. Die daraus

erzielten Samen schenkte er an Freunde weiter, die sie wiederum als

interessante Novität in ihren Gärten pflanzten. So verbreitete sich

diese schönblühende Kletterpflanze wie die übrigen südamerikanischen

Eßbohnenarten als „welsche“ (spanische) oder „Stangenbohnen“ immer

weiter unter den Völkern Europas.

Rein amerikanische Bäume und Sträucher mit ansehnlichen Blüten in

rispigen Blütenständen sind die +Jasmintrompeten+ (~Tecoma~), eine

Gattung der Bignoniazeen, die von Mexiko bis Argentinien, zumeist

aber in Brasilien heimisch ist. Ihnen nahe verwandt sind die beiden

kletternden Campsisarten, von denen ~C. radicans~ mit scharlachroten

Blüten den östlichen Vereinigten Staaten von Illinois bis Florida

und ~C. grandiflora~ mit größeren, mattfarbigen Blüten aus Japan bei

uns an warmen Mauern angepflanzt werden. In Mittel- und Südamerika,

besonders auf den Berghöhen Chiles und Perus wachsen die 81 Arten

Loasa, von denen ~L. lateritia~ mit gelbroten Blüten aus Chile bei uns

in Gärten, an Lauben usw. kultiviert wird. ~L. urens~ mit gelben Blüten

stammt aus Peru, ist einjährig und wird in ähnlicher Weise verwendet.

Im westlichen Nord- und Südamerika dagegen, besonders in Kalifornien,

sind die in etwa 20 Arten vorkommenden +Godetien+ heimisch. Es

sind einjährige Pflanzen mit großen, roten oder weißen Blüten in

beblätterten Trauben oder Ähren. Mehrere Arten derselben, wie besonders

~Godetia amoena~, ~romanzowii~ und ~whitneyi~ werden in verschiedenen

Varietäten als Zierpflanzen kultiviert.

In Peru und Ekuador ist der +Vanillenheliotrop+ (~Heliotropium

peruvianum~) heimisch, ein bis 2 m hoher Zierstrauch, der wegen

des köstlichen Vanillegeruchs seiner Blüten sehr beliebt ist und

in mehreren Spielarten mit weißen, hell- oder dunkelblauen Blüten

kultiviert wird. In Südfrankreich bereitet man aus seinen Blüten

die für die Parfümerie wichtige Heliotropessenz, doch wird der

Heliotropgeruch sehr oft auch durch Mischung von Vanille mit

Orangenblüten, Rosen und Bittermandelöl, ebenso mit Piperonal

nachgeahmt. Außer ihm wird das ebenfalls südamerikanische

~Heliotropium corymbosum~ mit größeren Blättern und dunkleren,

narzissenhaft duftenden Blüten in unseren Gärten kultiviert. Der mit

dem Vanillenheliotrop sehr nahe verwandte, ebenfalls in Südamerika

heimische Strauch ~Tournefortia heliotropioides~ dagegen wird in

Treibhäusern gezogen.

Ebenfalls südamerikanischer Herkunft sind die +Passionsblumen+

(~Passiflora~), die in etwa 250 Arten in ihrer Heimat den Schmuck

der Wälder bilden. Sie klettern dort von Baum zu Baum und entfalten

dabei ihre schönen, vielfach wohlriechenden Blüten, die meist angenehm

schmeckende Früchte hervorgehen lassen. Die erste Passionsblume,

die nach Europa kam, war die fleischfarbige ~Passiflora incarnata~,

die ein Jesuit 1609 nach Bologna brachte. Im Jahre 1625 kam sie

nebst der weißen ~P. coerulea~ mit blauem Fadenkranz unter dem Namen

„amerikanische Clematis“ nach Rom. In einem 1633 erschienenen Buch:

~de florum cultura~ gab ihr der 1653 in Siena verstorbene Jesuit J.

B. Ferrari den Namen ~Passiflora~, indem er die Blütenteile der ~P.

coerulea~ mit den Marterwerkzeugen Christi verglich. Die drei Narben

sollten die Nägel, mit der die Kreuzigung vorgenommen wurde, der

rotbesprengte Fadenkranz die Dornenkrone, der gestielte Fruchtknoten

den Kelch, die fünf Staubbeutel die Wunden, die dreilappigen Blätter

die Lanze, die Ranken die Geißeln, die weiße Farbe der Blumenblätter

die Unschuld des Erlösers darstellen. Daß die fromme Einbildungskraft

in den verschiedenen Teilen der seltsamen Blüte die Attribute des

Leidens Christi dargestellt fand, machte diese Zierpflanze im

katholischen Südeuropa, wo sie gut fortkam, bald so populär, daß sie

hier, wie in ihrer Heimat Peru und Brasilien, viel gepflanzt wurde,

um so mehr, da sie 5 cm lange, eiförmige, orangegelbe, eßbare

Beeren lieferte. Als eigentliche Fruchtpflanze wird in Südamerika die

+vierkantige Passionsblume+ (~P. quadrangularis~) wie der Weinstock an

Spalieren gezogen. Ihre 11 cm im Durchmesser haltenden, vanilleartig

riechenden Blüten mit weißen, purpurn und violett gescheckten

Blumenblättern lassen gänseeigroße, rötliche Früchte hervorgehen, deren

breiiges, süßliches Fruchtmark gerne gegessen, als Heilmittel und zur

Herstellung von wohlschmeckenden Getränken verwendet wird. Wegen der

Ähnlichkeit der Früchte mit Granaten wird diese, wie überhaupt alle

Passionsblumen, im Spanischen ~granadilla~ genannt. Noch größere,

ebenfalls häufig gegessene purpurne Früchte hat die +eßbare Granadilla+

(~P. edulis~) in Peru.

Ausschließlich amerikanisch sind auch die den Myrten verwandten 157

+Cuphea+arten, von denen mehrere bei uns als Zierpflanzen kultiviert

werden. Aus Mexiko stammen die 0,5 m hohe ~Cuphea silenoídes~, eine

der schönsten Gartenpflanzen, und ~C. platycentra~ mit scharlachroten,

röhrenförmigen Blüten. Von dorther stammt auch die unseren

Steinbrechen verwandte ~Echeveria metallica~ mit sehr großen, runden,

schön metallisch gefärbten Blüten, die in Gärten zu Einfassungen und

Teppichbeeten sehr beliebt ist, wie auch ~Cotyledon gibbiflora~ und

~secunda~ mit prächtigen, roten Blüten. Ihnen nahe verwandt sind die

als Topfzierpflanzen bei uns gehaltenen ~Crassula coccinea~ mit großen,

scharlachroten, wohlriechenden Blüten, und ~C. arborescens~, beide vom

Kap der Guten Hoffnung.

Von Kalifornien bis Mexiko wachsen in 10 Arten die zu den Mohngewächsen

gehörenden +Eschscholzien+, so genannt nach dem 1793 in Dorpat

geborenen und 1831 als Professor der Medizin gestorbenen Joh.

Friedr. Eschscholtz, der 1815 und 1823 Kotzebue als Arzt auf dessen

Entdeckungsreisen begleitete. Diese dem Mohn verwandten Pflanzen sind

durch einen verwachsenblätterigen Kelch ausgezeichnet, der, über seinem

Grunde umschnitten, in Form einer geschnäbelten Mütze abfällt. Häufig

findet man in unseren Gärten die 30 cm hohe ~E. californica~ mit

großen, glänzendgelben, im Grunde orangefarbigen Blüten; sie ist sehr

dankbar, vom Sommer bis in den Herbst blühend und ausdauernd, erfriert

zwar bei uns, sät sich aber von selbst aus und verbreitet sich dabei

sehr leicht. Sie enthält mehrere Alkaloide und wird in ihrer Heimat als

schlafmachendes und schmerzstillendes Mittel benutzt.

Eine Amerikanerin ist auch die bei uns beliebte +Flammenblume+

(~Phlox~, wegen der leuchtenden Blüten so, d. h. Flammenfeuer,

genannt). Von den 30 nordamerikanischen Arten werden mehrere wegen

ihrer schönen, vorherrschend roten Blüten in zahlreichen Spielarten

und Blendlingen als eine Hauptzierde unserer Gärten kultiviert. ~Phlox

drummondi~ (nach dem englischen Naturforscher James L. Drummond, der

1826 Nordamerika bereiste und 1835 auf Kuba starb, so genannt) aus

Texas mit lilafarbigen, am Schlunde dunkelpurpurrot gefleckten, auch

hell- und dunkelpurpurroten oder rosenroten und weißen Blüten ist

einjährig, und wurde 1835 von Drummond im Garten von Kew bei London

eingeführt, von wo aus sie bald nach dem Kontinent verbreitet wurde und

hier überall willige Aufnahme fand, da sie reich blüht, ausdauernd und

winterhart ist. Dieselben Vorzüge besitzt der 1 m hohe +Staudenphlox+

(~Ph. paniculata~) aus Nordamerika mit ursprünglich hellilafarbenen

Blüten in großen Doldentrauben. Er wird wie die ebenso hohe ~Ph.

divaricata~ und die übrigen Phloxarten in vielen Varietäten in den

prächtigsten Farben und Zeichnungen, auch in wohlriechenden Formen

gezogen. Unter ihnen eignen sich die niedrigen ~Phlox procumbens~ und

~reptans~ besonders zu Einfassungen.

Eine einjährige, 30-60 cm hohe Zierpflanze unserer Gärten aus

dem westlichen Nordamerika, die auch bei uns verwilderte, ist die

+großblütige Collomie+ (~Collomia grandiflora~) mit rötlichen

Blüten. Eine ebenso beliebte nordamerikanische Zierpflanze ist

das ausgezeichnete +Hainschönchen+ (~Nemophila insignis~) mit

kornblumenblauen, seltener weißen Blüten aus Kalifornien, während die

ihr nahe verwandte +himmelblaue Wasserwinde+ (~Hydrolea azurea~) eine

hübsche, kleine Treibhauspflanze aus Mexiko ist.

Verwandt mit dem südamerikanischen Chinabaum sind die +Bouvardien+,

kleinwüchsige Sträucher oder Kräuter mit präsentiertellerförmigen,

weißen, gelbroten oder roten, besonders am Abend sehr wohlriechenden

Blüten. Mehrere von den in Mexiko und Mittelamerika heimischen Arten

werden als Garten- und Zimmerpflanzen kultiviert, so besonders die

+langblütige Bouvardia+ (~B. longiflora~) mit langen, weißen, abends

herrlich duftenden Blüten, die in ihrer Heimat Zentralamerika als Flor

de San Juan (d. h. Johannesblume) sehr beliebt ist.

Aronsgewächse des tropischen Südamerika sind die +Caladium+arten,

von denen ~Caladium bicolor~ aus dem Gebiet des Amazonenstromes mit

pfeilförmigen Blättern, die einen großen rötlichen Fleck in der Mitte

aufweisen, und ~C. picturatum~ nebst deren Hybriden die zahlreichen

buntblätterigen Caladien lieferten, die als Zierpflanzen in Warmhäusern

gezogen werden. Im entwickelten Zustande halten sie bei guter Pflege

einige Zeit im Zimmer aus. Alle 10 Arten haben scharfschmeckende

Blätter und Knollen, wegen der letzteren werden manche Arten in ihrer

Heimat als Nährpflanzen kultiviert. Besonders zahlreich ist auch die

Pfeffergattung ~Peperomia~ in Amerika vertreten. Von ~P. scandens~ von

Peru bis zu den Antillen, ~P. elliptica~ auf den Maskarenen, östlich

von Madagaskar, und ~P. maculosa~ in Peru und auf San Domingo werden

die scharfschmeckenden Blätter wie Betel gekaut. Mehrere Arten, wie

~P. marmorata~ und ~P. arifolia~, kultiviert man als Blattpflanzen im

Warmhaus und Zimmer.

Eine ausschließlich amerikanische Pflanzengruppe sind endlich auch

die +Kakteen+, dickfleischige Gewächse, die wegen ihrer wunderlichen

Gestalt und schönen Blumen sich in der Gegenwart bei uns besonderer

Beliebtheit erfreuen. Sie sind Produkte der Anpassung der Pflanze an

die regenarme Wüste, Erzeugnisse der heißglühenden Sonne in einem

fast niederschlagsfreien Gebiet, wo mit jedem Tropfen Wasser gegeizt

werden muß. Ihr ganzer Leib besteht aus dem zu einem Wasserreservoir

verdickten Stengel, an welchem die Blätter zu spitzen Stacheln

geworden sind, die manchmal sich auch zu weißen, lufthaltigen

Haaren verdünnen wie beim Greisenhaupt. Neben der wechselvollen, an

Monstruositäten reichen Körperform liegt ein Hauptreiz der Kakteen in

ihren wundervollen Blüten, die es an Schönheit mit jeder andern im

Pflanzenreiche aufnehmen können. Während manche Kakteen nur selten

und erst im hohen Alter blühen, zeichnen sich andere durch einen

stattlichen Blütenflor aus. Besonders große und schöne Blumen treffen

wir bei den Säulenkakteen, namentlich bei denjenigen, die am Gestein

emporklettern; unter ihnen ist ja die „Königin der Nacht“ durch ihre

herrlichen, fein duftenden, leider nur eine Nacht über offenen Blüten

berühmt. Auch die zarten, köstlichen Blüten der andern Kakteen, die

bei den Säulenkakteen, Fackeldisteln und Igelkakteen meist weiß, bei

andern gelb und bei den Phyllokakteen in allen Nuancen von Rot gefärbt

sind, dauern oft nur wenige Stunden und im besten Falle einige Tage,

im Gegensatz zu den oft viele Wochen ausdauernden Orchideenblüten. Bei

einzelnen Arten, wie etwa bei ~Echinopsis eyriesii~, ist der Vorgang

des Blühens ein so kurzer, daß sich das Entfalten und Verwelken der

Blüten geradezu mit den Augen verfolgen läßt. Doch haben es die

Kakteenzüchter in neuerer Zeit verstanden, durch Kreuzbefruchtung

von rasch verblühenden Arten mit den länger blühenden Phyllokakteen

herrliche Bastarde, sogenannte Hybriden, zu erlangen, die zu den

hervorragendsten Blütenpflanzen überhaupt gehören, so z. B. den

herrlichen ~Phyllocactus pfersdorffii~.

Weil durchweg alle Kakteen in Verbindung mit großer Anspruchslosigkeit

eine außerordentliche Lebensfähigkeit besitzen, eignen sie sich ganz

besonders zur Zimmerkultur, wie sie bei uns gewöhnlich betrieben

wird. Deshalb werden in Europa zahlreiche Vertreter der etwa 900

ausschließlich dem warmen Amerika angehörenden Arten gezogen, da sie

bei aller Leichtigkeit der Kultur durch ihre interessanten exotischen

Formen und die prächtigen Blüten erfreuen. Wenn sie auch als Kinder

des Lichts die Sonne lieben und große Hitze ertragen, aber auch

erhebliche Mengen des oft genug verweigerten Wassers verlangen, so

ist es falsch, in ihnen Pflanzen zu sehen, die zu ihrem Gedeihen

unbedingt eine Backofentemperatur nötig haben. Ja, umfangreiche ältere

Exemplare mancher Arten haben sich bei uns so eingewöhnt, daß sie im

Winter ungedeckt im Freien aushalten, ohne Schaden zu nehmen. Von

wirklichen Kulturschwierigkeiten ist übrigens bei den Kakteen kaum die

Rede. Sie lassen sich mühelos durch Stecklinge, wie auch durch Samen

vermehren. Sind sie in letzterem Falle einmal dem Keimlingsstadium

entwachsen, dann sind selten noch Verluste zu befürchten. Allerdings

muß in der Kultur derselben bei uns die Wasserzufuhr regelmäßiger als

in ihrer Heimat erfolgen. Zudem nimmt man an ihnen vielfach Pfropfung

und Veredelung vor, um langsam wachsende Pflanzen zu kräftigerer

Entwicklung zu bringen und selten blühende Arten zur Entfaltung

ihrer Blumen zu veranlassen. Stets aber müssen sie die schöne,

frostfreie Jahreszeit im Freien zubringen, wenn sie gut gedeihen

sollen, und bedürfen der künstlichen Befruchtung, um keimfähige

Samen hervorzubringen, da bei uns die Insekten fehlen, die in ihrer

Heimat die künstliche Übertragung des Blütenstaubes auf die Narben

vollziehen. Unter den Krankheiten der Kakteen ist die Kaktusfäule

am verderblichsten. Als Schutzmittel dagegen muß man für reichliche

Zuführung von Luft und Licht und für angemessene Bewässerung sorgen.

Das Endziel der Kakteenpflege ist für uns die Erzielung von schönen

Blüten. Und man kann unbedenklich sagen, daß dieses Bestreben lohnend

ist; denn an Schönheit der Form, Größe und Farbenpracht vermögen,

wie gesagt, die Kakteenblüten mit allen Blüten des Pflanzenreichs zu

wetteifern. Die Nuancen der meist radförmigen oder trichterförmigen

Blüten sind durchweg leuchtend und überaus kräftig, dabei doch niemals

grell und scharf. Reinweiß, Schwefelgelb, Hochgelb, Dunkelrosa,

Scharlachrot und Orange herrscht vor. Dabei sind durch Kreuzung

zahlreiche Zwischenformen entstanden. So erscheinen mehrere Farben

der Skala an ein und derselben Blüte, aber niemals hart nebeneinander

gesetzt, sondern in Flammenform oder in zarter Verreibung und Tönung

ineinander übergehend. Die Prunkhaftesten und dabei doch wieder

zartesten in der Farbe sind die Blattkakteen, jene Epiphyllum-

und Phyllokaktusarten, die in den deutschen Häusern gewöhnlich um

Weihnachten ihre Blüten entfalten.

Der Deutsche mit seinem lebhaften Sinn für das Farbenfrohe, Leuchtende,

sah in diesen Blattkakteen, von denen besonders die Phyllokaktus in

etwa 12 Arten aus Mittel- und Südamerika, speziell aus Brasilien bei

uns eingeführt wurden, sogleich einen neuen geeigneten Schmuck seiner

Fenster, neben den von ihm bis dahin bevorzugten Geranien, Begonien

und großblütigen, gefüllten Nelken. Dieser Blumenliebe, namentlich der

Landbewohner, haben wir es zu danken, wenn wir bei unsern sommerlichen

Wanderungen durch die Dörfer neben jenen älteren auch diese in reichem

Maße antreffen.

Da man nun mit Recht vermuten kann, daß sich die Bauernfrauen mit

ihrer Kakteenpflege wohl kaum so viel Mühe geben, wie ihre Gatten

und Brüder beim Kartoffelbau, so läßt sich schon hieraus unschwer

schließen, daß die Pflege der akklimatisierten Amerikaner nicht

allzuschwer sein kann. Auch hier gilt, wie übrigens bei allen

Blütenpflanzen, durch vielfache Experimente begründete Regel, daß

möglichste Vernachlässigung und Schlechtgehaltenwerden der Stöcke sie

eher zu reichlichem Blühen bringt als sorgfältige Pflege und Hegung.

Die Gärtnereien haben die Sache von der praktischen Seite aufgefaßt.

Wiederum waren es namentlich die Phyllokakteen, die in Kreuzungen

und neuen Formen die Farbenskala fast erschöpften, -- allerdings

ohne jemals Blau hervorzubringen. „John Baker“, „Franceschi“, „Jules

Simon“, „Wrayi“ usw. gehen vom prachtvollsten Gelb und Rot bis zum

Kompromiß beider Farben, bis zur Halbblutorangefarbe von „Victoria“.

Die Erzeugung dieser neuen Arten ist ein ganz besonderes Kapitel

gärtnerischer Kunst, und man ist sehr auf dem Holzweg mit der Annahme,

daß solche praktisch verwertbare Kreuzung nur ein Kinderspiel sei.

Häufig kommt erst nach hundert Fehlschlägen ein Erfolg und auch dann

oft nur ein halber.

Merkwürdig bei diesen Blattkakteen ist, daß sie ähnlich wie die

Camellien mit ihren Blüten gewissermaßen eine Art sensiblen Empfindens

zeigen. Rückt man nämlich ein mit Blütenknospen bedecktes Epiphyllum

vom Fenster ab und gibt ihm nur eine leichte Drehung, so kann man

in neun von zehn Fällen darauf rechnen, daß der Blütenansatz binnen

wenigen Tagen abfällt, womit leider die Herrlichkeit für ein volles

Jahr vorbei ist. In ihrer Heimat sind diese Blattkakteen nicht am

Boden, sondern als Epiphyten auf Bäumen wachsende Überpflanzen, die mit

ihren hübschen Blüten im Verein mit den in nicht minder leuchtenden

Farben prangenden Lianenblüten den schönsten Schmuck der Urwaldbäume

des tropischen Amerika bilden.

[3] Band II, „Das Leben der Erde“ behandelnd, mit 380 Abbildungen

im Text und 21 Vollbildern, 1908, im Verlag von Ernst Reinhardt,

München, erschienen.

XXX.

Die Zierbäume und Ziersträucher.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 60 / 81 段