Gärten von Arbeiterwohnhäusern in Port Sunlight.]

[Illustration:

Tafel 149.

Blumengarten in Verbindung mit einem Gemüsegarten in Port Sunlight.]

[Illustration:

Tafel 150.

Der Garten von Tafel 147 drei Monate nach seiner Anlegung.]

Ebenso werden die knolligen Wurzeln der mittelamerikanischen

+Sauerklee+arten ~Oxalis tuberosa~ und ~esculenta~ gegessen. Zu

diesem Zwecke werden diese Pflanzen in ihrer Heimat angebaut, wie

auch der dickstengelige Sauerklee (~Oxalis crassicaulis~), dessen

in Aussehen und Geschmack unsern Kartoffeln ähnliche Wurzelknollen

verspeist werden, während die Blätter als Salat dienen. Die dicken

Stengel sind reich an oxalsaurem Kalk, der aus dem ausgepreßten Safte

derselben in Kristallen aufschießt. Die ganze Pflanze dient auch zu

Rabatteneinfassungen. Gleicherweise enthält das Kraut des +gemeinen

Sauerklees+ (~Oxalis acetosella~) viel Oxalsäure, das früher daraus

gewonnen wurde und als Sauerkleesalz in den Handel kam. Zu 1 kg

desselben waren 150 kg Blätter nötig. Neuerdings wird dieses

künstlich hergestellt. Die Blätter des Sauerklees werden indessen

wie Sauerampfer zu Salat benutzt. Sie standen früher als heraldische

Pflanze im Wappen der Irländer. Als ~shamrock~ wurde die Pflanze von

englischen Dichtern häufig besungen. Alljährlich am 17. März, am Tage

des heiligen Patricius (Patrik), des Schutzpatrons von Irland, wird

ein Sauerkleeblatt von jedem patriotischen Irländer im Knopfloch

oder am Hut getragen, da jener Schutzheilige des Landes durch dieses

Sinnbild den Iren das Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit erklärt

haben soll. Mit der Ausrottung der Wälder auf dieser Insel wurde auch

der nur in Wäldern wachsende Sauerklee ausgerottet und der kriechende

Klee (~Trifolium repens~) erschien durch die Kultur. Deshalb werden

nun die Blätter dieser Pflanze an Stelle derjenigen des Sauerklees als

~shamrock~ getragen und vielfach für das echte Nationalabzeichen der

Irländer gehalten.

Von den Malvengewächsen sind die +Moschus+- und +Rosenmalve+ (~Malva

moschata~ und ~alcea~), beide mit rosenroten, erstere ausnahmsweise

auch mit weißen Blüten, zu Gartenzierpflanzen erhoben worden. Die

+wilde+ oder +Roßmalve+ (~Malva silvestris~), auch Käsepappel genannt,

mit hellpurpurnen, dunkler gestreiften Blüten, die beim Kochen ihres

Krautes eine schleimige Lösung liefert, wird seit dem frühen Altertum

äußerlich zu erweichenden Umschlägen und innerlich zu Gurgelwässern

und als beruhigendes Mittel gebraucht. Außerdem wird sie auch als

Gemüse angepflanzt. Schon der griechische Dichter Hesiod erwähnt

sie unter der Bezeichnung ~maláchē~ als eßbar. Dioskurides im 1.

Jahrhundert n. Chr. sagt in seiner Arzneimittellehre: „Die im Garten

gezogene Malve (~maláchē~) paßt besser zur Speise als die wilde. Man

braucht die Pflanze auch äußerlich und innerlich als Heilmittel.“

Palladius (um 380 n. Chr.), der sie, wie schon der ältere Plinius,

~malva~ nennt, rät, sie im Oktober zu säen und sagt, daß man sie auch

im Februar säen könne. Sie liebe einen fetten, feuchten, gedüngten

Boden. „Haben die Pflänzchen 4-5 Blätter, so versetzt man sie; denn

ist sie größer, so wächst sie nicht leicht an. Sie schmeckt übrigens

besser, wenn sie nicht versetzt wird. Man kann sie dadurch zwingen,

nicht emporzuschießen, daß man auf ihre Spitze ein Steinchen oder

Erdklümpchen legt. Sie gedeiht am besten, wenn sie fleißig gehackt

wird, wobei man aber ihre Wurzeln nicht berühren darf.“

Von der in Syrien heimischen +krausen Malve+ (~Malva crispa~) wird

der Bast des Stengels als Gespinstmaterial gebraucht, ebenso von der

ostindischen +Hanfrose+ (~Hibiscus cannabinus~), einer einjährigen,

krautigen Pflanze, welche in ihrer Heimat seit alter Zeit in

ausgedehntem Maße kultiviert wird und den weißlichen, geschmeidigen,

weichen, dem Flachs ähnlichen +Gambohanf+ liefert. Auch der

+veränderliche Eibisch+ (~Hibiscus mutabilis~), dessen schöne Blüten

morgens beim Aufblühen weiß, mittags rosenrot und abends beim Verblühen

purpurrot sind, liefert einen guten Bast. Blätter und Blüten werden

in China und Ostindien als Heilmittel benutzt. Die Pflanze wird in

Südspanien kultiviert.

Ebenfalls strauchartig ist der +chinesische Roseneibisch+ (~Hibiscus

rosa chinensis~), der gleich dem vorigen in Ostindien und China als

schöne Zierpflanze kultiviert wird. Seine großen, stark variierenden

Blüten dienen dazu, Kopfhaare, Augenbrauen und auch Schuhe schön

schwarz zu färben. Auch sein Bast wird technisch verwendet. Der

+syrische Eibisch+ (~Hibiscus syriacus~), ein Strauch von 1,5-3 m

Höhe mit 8 cm breiten, violetten, roten oder weißen, im Grunde

schwarzroten Blüten, ist bei uns eine beliebte, im Freien unter

Bedeckung überwinternde Zierpflanze. Winterhärter ist der noch häufiger

in Gärten angetroffene, aus Südeuropa stammende +Stundeneibisch+

(~Hibiscus trionum~), dessen zarte Blüten sich zu bestimmten

Tageszeiten öffnen und nur wenige Stunden offen bleiben. Wegen dieser

Eigentümlichkeit wird er auch Stundenblume oder Wetterrose genannt.

Der arzneilich von uns gebrauchte +gemeine Eibisch+ (~Althaea

officinalis~) mit bis 1,25 m hohem, aufrechtem Stengel, beiderseits

weichfilzigen Blättern und weißen, ins Rötliche spielenden Blüten

wächst auf feuchten Wiesen, besonders auf Salzboden, wild und wird

in Mitteldeutschland im großen kultiviert. Er stand wegen seiner

Heilkraft seit den ältesten Zeiten bei den europäischen Völkern in

hohem Ansehen. Schon der griechische Pflanzenkenner Theophrast im

4. Jahrhundert v. Chr. erwähnt ihn als ~althaía~, Vergil (70-19

v. Chr.) in einer seiner Eclogen als ~hibiscus~. Der griechische Arzt

Dioskurides schreibt von ihm: „Die ~althaía~ heißt auch ~ibískos~,

ihre Blätter sind rund, flaumig; die Blüte ist rosa, der Stamm zwei

Ellen hoch, die Wurzel schleimig, inwendig weiß. Die Pflanze leistet,

innerlich und äußerlich angewendet, treffliche Dienste und heißt eben

deswegen ~althaía~ (von ~althaínein~ heilen).“ Noch heute sind Blätter

und Blüten, besonders aber die Wurzel wegen ihres Schleims offizinell.

Ein beliebtes Hausmittel bei Bronchitis mit Husten zur leichteren

Lösung des Schleims und Beförderung des Auswurfs ist die aus einer

Abkochung der Eibischwurzel mit Eiweiß, arabischem Gummi und Zucker

hergestellte Eibischpaste oder weiße Lakritze. Bei Landleuten ist

auch die gelbe Eibischsalbe als Heilmittel sehr beliebt. Eine aus dem

Orient in unsere Gärten gekommene und als beliebte Zierpflanze in den

mannigfaltigsten Farben darin kultivierte Malvenart ist die 2,5 bis

3,8 m hohe +Stockmalve+ oder +Stockrose+ (~Althaea rosea~) mit einer

langen, aufrechten Ähre von ursprünglich roten bis weißen Blüten.

Letztere enthalten sehr viel Schleim und werden, wie diejenigen des

gemeinen Eibischs, zu schleimlösenden Medizinen gebraucht. Besonders

aber dienen die Blumenblätter der als schwarze Malve bezeichneten

schwärzlich blühenden Spielart zum Färben, speziell zum Rotfärben

des Weins. Jetzt geschieht dies noch mehr als mit dem Safte der

Heidelbeeren; deshalb sind sie von den Weinhändlern sehr gesucht. Aus

diesem Grunde breitet sich die Kultur der schwarzen Malve immer mehr

aus. Besonders groß ist ihr Verbrauch zum Färben von Zuckerwaren in

der Türkei. Die Bastfasern der Stengel können zur Papierfabrikation

verwendet werden.

Zu den Malven gehören auch die +Staudenpappeln+ (~Lavatera~), deren

20 Arten meist im Mittelmeergebiet heimisch sind. Mehrere derselben

dienen als Zierpflanzen, so ~Lavatera olbia~, ein schöner 2-2,5 m

hoher Halbstrauch mit purpur- bis rosaroten Blüten, der auf den

Inseln Südfrankreichs zur Umzäunung der Gärten benutzt wird, bei uns

aber im Kalthaus überwintert werden muß; dann die schöne, 1,25-2 m

hohe +Sommerpappel+ (~Lavatera trimestris~) mit rosenroten, dunkler

geäderten oder weißen Blüten und die ausdauernde ~Lavatera arborea~ mit

4 cm im Durchmesser haltenden purpurroten Blüten. Sie wächst in den

Mittelmeerländern und auf den Kanaren und eignet sich zur Anpflanzung

auf Rasenplätzen; doch muß sie bei uns im Kalthaus überwintert werden.

Außer als Küchengewächs findet sich wegen seiner großen Blätter sehr

häufig ~Rheum undulatum~, der +Rhabarber+ mit am Rande welligen

Blättern, als Zierpflanze in Anlagen angebaut. Die saftigen, dicken

Blattstiele geben mit Zucker gekocht ein treffliches Kompott. In

Schlesien wie in England wird die Pflanze auch zur Weinbereitung

angepflanzt. Nahe verwandt damit ist der +Amarant+ oder die

+Samtblume+. Von ihnen sind beliebte Gartenzierpflanzen: der aus

Persien stammende +rote Fuchsschwanz+ (~Amarantus caudatus~), der

oft über und über rot ist, mit sehr langer, schlaff überhängender,

hellroter Blütenähre. Dann der aus Ostindien zu uns gekommene

+dreifarbige Fuchsschwanz+ (~Amarantus tricolor~) mit grün, gelb

und hochrot gefärbten Blättern. Der mehlreiche Fuchsschwanz (~A.

frumentaceus~) liefert ein stärkemehlreiches, als wichtiges

Nahrungsmittel verbackenes Samenmehl und wird deshalb in Ostindien

im großen angebaut. In Brasilien dagegen dient als Gemüse und in

Westindien als Heilmittel ~Amarantus melancholicus~, dessen rote

Spielart als Dekorationspflanze in Gärten sehr beliebt ist. Nicht

minder häufig treffen wir in Gärten den in Mittelamerika heimischen

+blutroten Fuchsschwanz+ (~A. sanguineus~) mit sehr langer, aufrechter,

blutroter Rispenähre. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ist der auf

bebautem Boden und auf Schutt angetroffene rauhhaarige Fuchsschwanz

(~A. retroflexus~) aus Amerika zu uns eingewandert.

Von den +Glockenblumen+ (~Campanula~) wird der einjährige

+Frauenspiegel+ (~C. speculum~) in mehreren Varietäten als Zierpflanze

kultiviert. Von den zweijährigen zieht man ebenso das +Marienveilchen+

(~C. media~) aus Südeuropa mit großen, blauen, auch rosaroten und

weißen, traubig oder rispig angeordneten Blüten, nicht selten mit

mehreren Kronen, auch kronenartigem Kelch und eßbarer Wurzel, und

~C. pyramidalis~ aus den Mittelmeerländern mit noch größeren Blüten

in straußförmiger Rispe. Von den ausdauernden Arten eignet sich die

von den Gebirgen Mitteleuropas stammende rasenartige ~C. caespitosa~

mit hellblauen Blüten in Trauben zur Verschönerung künstlicher

Felsenpartien und zu Einfassungen, ebenso die aus europäischen Gebirgen

genommene zierliche ~C. pusilla~ mit überhängenden, hellblauen Blüten.

Auch die in fast ganz Europa, wie auch in Sibirien heimische ~C.

persicifolia~ mit wenigen, aber schönen, großen, blauen Blüten wird

als Zierpflanze gezogen, während die zweijährige ~C. rapunculus~ aus

den Wäldern Europas wegen ihrer fleischigen, wohlschmeckenden Wurzel in

Frankreich und England als Gemüse gepflanzt wird.

Sehr zahlreiche Zierpflanzen für Garten- und Topfkultur hat die Familie

der +Nelken+ geliefert, deren wilde Vertreter die Poesie unserer

Wiesen bilden. Sie sind vorzugsweise in der gemäßigten, ja teilweise

in der kalten Zone und in höheren Gebirgsregionen heimisch. Bei den

Kulturvölkern des Altertums spielten sie als Gartenpflanzen keinerlei

Rolle. Der Gattungsname ~Dianthus~ (verkürzt aus dem Griechischen ~Diós

ánthos~ Zeusblume), den Karl von Linné den Nelken im engeren Sinne

verlieh, war schon den Alten bekannt. So spricht der Grieche Theophrast

im 4. Jahrhundert v. Chr. von ihr als einer zu Kränzen beliebten

Blume, und der Grammatiker Athenaios um 200 n. Chr. überliefert uns

ein Fragment des Dichters Nikandros, in welchem von der wohlriechenden

Zeusblume (~enôdēs Diós ánthos~) die Rede ist. Damit dürfte wohl die

strauchartige +Baumnelke+ (~Dianthus arboreus~), welche an den felsigen

Küsten des Ägäischen Meeres wild wächst, gemeint sein.

Jedenfalls haben die Griechen und Römer unsere klassische +Gartennelke+

(~Dianthus caryophyllaceus~ -- letzteres Wort bedeutet Nußblatt) nicht

gekannt. Die Stammpflanze derselben ist im Mittelmeergebiet heimisch,

wächst an felsigen Stellen und hat einzeln stehende, höchst angenehm

gewürzhaft riechende Blüten und treibt zahlreiche ästige, verlängerte

Stengel. Sie variiert in der Färbung der Blüten ganz außerordentlich

und wurde in der Neuzeit in allen nur erdenkbaren Farbenvarietäten

gezüchtet. Diese heute so außerordentlich beliebte Zierblume wurde

im muhammedanischen Orient zur Kulturpflanze erhoben und kam im 13.

Jahrhundert durch Kreuzfahrer von dort nach Mitteleuropa. In einer

noch wenig hochgezüchteten, fünfblättrigen Form finden wir sie in der

Hand des „Mannes mit der Nelke“ von Jan van Eyck (zwischen 1430 und

1440 in Brügge gemalt, jetzt in Berlin) als eine für die damalige Zeit

moderne Blume dargestellt, während sie in dem ebenfalls in Berlin

befindlichen, 1532 entstandenen Ölgemälde des deutschen Kaufmanns Georg

Gisse im Stahlhof in London von Hans Holbein dem Jüngeren, wo deren

drei in einer durchsichtigen Glasvase mit zwei Henkeln stehen, schon

in mehreren Nuancen von Rot in teilweise gefüllten Exemplaren zu sehen

sind. In dem noch später entstandenen Porträt des englischen Edelmannes

Simon George aus Cornwall von demselben Maler (jetzt im Städtischen

Museum zu Frankfurt a. M.) ist in der rechten Hand des mit hübschem

Barett geschmückten Mannes eine ungefüllte rote Nelke mit fünf ziemlich

großen Blumenblättern dargestellt. Damals müssen die einfachen,

ungefüllten Nelken in dunkleren und helleren Tönungen von Rot die fast

ausschließlich in Europa gezogenen Nelken gewesen sein.

In Frankreich begann die Nelkenzucht schon seit der Zeit Ludwigs

IX. des Heiligen (geb. 1215, folgte seinem Vater 1226 unter der

Vormundschaft seiner Mutter Blanca von Kastilien, unternahm 1248

einen Kreuzzug, von dem er gegen ein Lösegeld von 100000 Mark Silber

von den Sarazenen in Ägypten mit seinen Brüdern Karl und Alfons 1254

nach Frankreich zurückkehrte, unternahm im Juli 1270 einen Zug gegen

Tunis, auf welchem er am 25. August 1270 im Lager von Tunis starb).

Aber erst im 17. Jahrhundert war die Kultur dieser Gartenpflanze

in Mitteleuropa zu einiger Blüte gelangt. Der erste, von dem wir

wissen, daß er die Gartennelke leidenschaftlich liebte, war Ludwig II.

von Bourbon, Prinz von Condé, der große Condé genannt (1621-1668),

einer der hervorragendsten französischen Feldherren in den Kriegen

des 17. Jahrhunderts. Ihm zu Ehren trugen seine Soldaten, die er in

der Schlacht bei Rocroi am 19. Mai 1645 zu ruhmreichem Siege über

die Spanier, und am 3. August desselben Jahres zum Sieg über den

bayerischen General Mercy bei Allersheim geführt hatte, die Nelke als

Sinnbild der Tapferkeit und Unerschrockenheit. Zur Zeit der großen

französischen Revolution von 1793 war die rote Gartennelke, von der

bisher allein die Rede war und die wohl bis dahin allein gezüchtet

wurde, das Emblem der in stolzer Todesverachtung das Schaffot

besteigenden Royalisten. Wie sie heute die Blume des Volkes ist, war

sie damals noch die Blume der Aristokratie, wie in Frankreich, so auch

in England und den übrigen Kulturstaaten Europas. Bei den Briten heißt

der ganze Farbenbegriff Rot nach der roten Nelke ~pink~. Erst später

wurde sie beim Volke populär und wurde bei ihm die Blume der Liebe.

Zuletzt spielte sie eine vorübergehende Rolle als Erkennungsmittel der

Anhänger des revanchelustigen französischen Generals Boulanger, der

dann, als er seinen ehrgeizigen Plan scheitern sah, sich in Belgien am

Grabe seiner einstigen Geliebten erschoß.

Mit Vorliebe trägt der Torrero die rote Nelke als Kampfesschmuck und

weiht sie nach erlangtem Sieg über seinen spitzgehörnten Feind der Dame

seines Herzens. Wenn die junge Spanierin in Begleitung ihrer Duenna,

d. h. Hüterin, nach der Messe aus der Kirche tritt, richtet sich der

erste Blick ihres verstohlen draußen auf sie wartenden Amorosos auf

die Nelke, die auf einen Moment unter der graziös gelüfteten Mantilla

sichtbar wird. Die Farbe der Nelke bezeichnet ihm die Stunde, zu der

er die Angebetete ungestört sprechen kann. Auch bei anderen Romanen

wird ihr solch stumme Liebesbotschaft anvertraut, wie der Hyazinthe

bei den Türkinnen. Die Italienerin weiht vor dem Muttergottesbilde

am Kreuzweg den für ihren Geliebten bestimmten Nelkenstrauß durch

inbrünstiges Gebet und steckt ihn jenem als Schutz- und Gedenkzeichen

zu, bevor er mit den beladenen Maultieren den gefahrvollen Weg über

das Gebirge antritt. Auch der rote Nelkenstrauß am Hute des „Jagers“

gibt von der guten Aufnahme bei seinem „Dearndel“ Bescheid. Diese

selbst trägt Sonntags beim Kirchgang eines ihrer blutroten „Nagerle“

auf ihrem „Betbüchel“ als schönste Zier. Von Bauernhaus zu Bauernhaus

und von Pfarre zu Pfarre werden Nelkensenker getauscht und wird

so die schöne Blume, der besondere Liebling der Landbevölkerung,

überallhin verbreitet. In den Alpen heißt es, man soll die Nelken

beim Glockenklang säen, dann werden sie reich gefüllt. Überall ist

sie neben den als Geranien bezeichneten, in allen Farbennuancen

von Rot leuchtenden Pelargonien in Töpfen auf den Fenstersimsen

der Bauernhäuser zu finden und ist hier gleichsam das Symbol des

glücklichen Zusammenlebens und häuslichen Friedens. Und je höher man

ins Gebirge steigt, um so herrlicher leuchten die bunten Farben dieser

Wunderblume. So sind die Engadiner Nelken wegen der Intensität ihres

Kolorits und der Größe ihrer Blüten weltberühmt; auch die Blüten

von 14 : 9 cm Durchmesser aufweisenden, meist lachsrosa gefärbten

Harznelken erfreuen sich besonderer Beliebtheit.

Das Wort Nelke ist aus Nägelein, Nägelken -- wie sie heute noch beim

Volke heißt -- verkürzt. Ursprünglich bezeichnete man damit die

Gewürznägelein wegen ihrer Ähnlichkeit mit Nägeln; und als die Blume

aus dem Oriente bei uns eingeführt wurde, übertrug man diesen Namen

auf die ähnliche Nagelgestalt und nicht minder aromatischen Geruch

aufweisende Blütenpflanze. Gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts

machte der Lyoner Gärtner Léon Lille die Nelkenkultur zu seiner

Spezialität und von da an wurde die Zucht dieser schönen Blume auch

von zahlreichen anderen Gärtnern mit besonderem Eifer betrieben, so

daß es heute gegen 2000 Varietäten der Nelke gibt. Am beliebtesten

sind die +Remontantnelken+, d. h. solche, die nach dem Hauptflor an

neugebildeten Trieben nochmals blühen.

Ebenfalls als Gartenzierpflanze sehr geschätzt ist die leider duftlose

+chinesische Nelke+ (~Dianthus chinensis~), eine, wie schon der Name

sagt, aus China zu uns gekommene, hochgezüchtete, ein- oder zweijährige

Pflanze mit prachtvollen, bis 8 cm im Durchmesser haltenden, in

allen Nuancen von Rot, Purpur, Schwarzrot und Weiß leuchtenden,

außerordentlich zierlich gezeichneten, sowohl einfachen als gefüllten

Blüten. Die schönste derselben ist die von einem russischen Gärtner

eingeführte ~D. heddewigi~ (~Dianthus chinensis imperialis~), eine

ungefüllte Art mit fünf ganz zerschlissenen, karminroten Blumenblättern

mit weißen Saftmalen und schwärzlicher Zone. Die in Südosteuropa

heimische, ausdauernde +Federnelke+ (~D. plumarius~) mit 2-5 sehr

wohlriechenden, weißen oder blaßroten Blüten, die auch in gefüllten

Spielarten vorkommen, wird häufig zur Einfassung von Blumenbeeten

benutzt. Auch die +Studenten-+ oder +Bartnelke+ (~D. barbatus~), eine

rosenrot blühende süddeutsche Alpenpflanze, und ihre Spielart mit

breiteren Blättern (~D. latifolius~) sind beliebte Gartenzierpflanzen.

Nur ausnahmsweise kultiviert werden dagegen die auf feuchten Waldwiesen

ziemlich selten angetroffene +Prachtfedernelke+ (~D. superbus~) mit

fein zerschlitzten, blaßlila oder blaß rosenroten Blumenblättern, die

nach dem botanischen Schriftsteller und Reisenden Joh. Franz Suegier

genannte ~Dianthus seguieri~ in Süd- und Mitteldeutschland und die zu

Ehren der beiden Naturforscher Joh. Karthauser († 1777) und Friedrich

Karthauser († 1796) getaufte +Karthäusernelke+ (~D. carthusianorum~),

die ebenfalls blutrot, nur mit drei dunkleren Purpurstreifen durchzogen

ist. Einige dieser Nelken, besonders die Gartennelke, dienten früher

als Heilmittel.

Von den 10 Arten +Lichtnelken+ (~Lychnis~, nach der Theophrastischen

Bezeichnung ~lychnís~ d. h. Leuchte), die in der Alten Welt,

vornehmlich in Sibirien, wachsen, ist die 50-80 cm hoch werdende

„+brennende Liebe+“ oder +Feuernelke+ (~Lychnis chalcedonica~) mit

scharlachroten Blüten und zweiteiligen Blumenblättern aus Westsibirien,

Mittel- und Südrußland zu nennen. Sie wird auch in Varietäten mit

fleischfarbenen und weißen, auch gefüllten Blüten bei uns als

Rabattpflanze gezogen. Ihre Wurzel enthält Saponin und wird wie

die Seifenwurzel zum Waschen gebraucht. Auch die +Kranzlichtnelke+

(~L. coronaria~) mit an die Kornrade erinnernden purpurroten Blüten

und ungeteilten Blättern aus Südosteuropa wird bei uns häufig als

Zierpflanze kultiviert. Ebenso dienen die 20-30 cm hohe ~L.

fulgens~ aus Sibirien mit lebhaft roten, vierteiligen Blumenblättern,

~L. haageana~ aus Japan, wohl nur eine Kulturform der vorigen, mit

orangeroten, rosenroten oder weißen Blüten, ~L. grandiflora~ aus Japan

mit sehr großen, scharlachroten, ungeteilten Blumenblättern und ~L.

sieboldi~, ebenfalls aus Japan, mit noch größeren, weißen Blüten als

auch bei uns sehr geschätzte Gartenzierpflanzen.

Von +Abendlichtnelken+ (~Melandryum~) werden ~M. album~ mit weißen,

seltener rötlichen Blüten aus Mittel- und Nordeuropa, wie auch

Sibirien und die im arktischen Gebiete wachsende ~M. rubrum~ mit

hellpurpurnen Blüten, auch in gefüllten Formen als Zierpflanzen

kultiviert. Ebenso wird von +Pechnelken+ (~Viscaria~) besonders ~V.

viscosa~ aus Mittel-, Nordeuropa, dem Kaukasus und Westsibirien mit

roten Blüten in mehreren Varietäten, auch gefüllt, gezogen. Von den

+Klebnelken+ der Gattung ~Silene~ werden besonders das einjährige

+Marienröschen+ (~S. armeria~) aus Mitteleuropa, das aber auch nach

Nordamerika, Brasilien und Ostindien verschleppt wurde, mit karminroten

Blüten in großen Doldentrauben, dann die im Mittelmeergebiet heimische

~S. pendula~ mit rosaroten Blüten in mehreren Varietäten als

Zierpflanzen kultiviert. Sie dienen namentlich auch zu Einfassungen

auf Teppichbeeten und Felsgruppen. Für letztere eignet sich besonders

die niedrige, rotblühende, arktische und hochalpine stengellose

Klebnelke (~S. acaulis~). Endlich werden auch verschiedene Arten der

Gattung ~Statice~, deutsch +Strandnelken+ genannt, weil sie meist in

Küstengegenden oder Salzsteppen heimisch sind, aus Süd- und Osteuropa,

von den Kanarischen Inseln und aus Mittelasien als Zierpflanzen

kultiviert. Ihre ährigen oder traubigen Blütenstände dienen in der

Blumenbinderei, werden auch getrocknet für Dauersträuße benutzt.

Bei den alten Griechen und Römern wurde das +Seifenkraut+ (~Saponaria

officinalis~) an Stelle der fehlenden Seife verwendet und zu diesem

Zwecke auch kultiviert. Es enthält besonders in den Wurzeln das

Glykosid Saponin, das in Wasser wie Seife schäumt. Die Griechen nannten

es ~strúthion~. Theophrast sagt von ihm, es habe eine schöne, aber

geruchlose Blume. Columella gibt an, daß die Schafe vor der Schur

mit der Wurzel desselben gewaschen wurden, und Dioskurides meint:

„Das Seifenkraut, das die Walker zur Reinigung der Wolle gebrauchen,

ist allgemein bekannt. Seine Wurzel besitzt Schärfe und Heilkraft.“

Sein Zeitgenosse Plinius sagt: „Das Seifenkraut (~herba lanaria~) hat

eine große Wurzel, die man in Stücke schneidet und zum Waschen der

Wolle benutzt; diese wird dadurch außerordentlich weiß und weich. Man

kultiviert sie eigens zu diesem Zwecke.“ Ihre Wichtigkeit verlor sich,

als die in Germanien erfundene Seife den Römern bekannt wurde und ihre

Stelle einnahm.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 55 / 81 段