den Monokotylen die +Orchideen+ zu nennen, die in bezug auf
Mannigfaltigkeit und absonderliche Gestaltung und Färbung der Blüten
im Pflanzenreich ganz einzigartig dastehen. Sie erhielten ihren
Namen vom griechischen ~órchis~, was Hoden bedeutet, weil die damit
zunächst bezeichneten Erdorchideen der Gattung ~Orchis~ an dieses
Organ erinnernde doppelte Wurzelknollen besitzen, von denen die eine
jeweilen für das nächstfolgende Jahr angelegt wird. Schon im Altertum
wurden diese Knollen vom Menschen gesammelt und gegessen. Wegen ihrer
hodenartigen Gestalt glaubte man, daß ihr Genuß die sexuelle Potenz
beeinflusse. So schreibt schon Theophrast im 4. vorchristlichen
Jahrhundert: „Die ~órchis~ hat zwei Wurzelknollen, einen großen und
einen kleinen; der große soll sexuell kräftig machen, wenn man ihn
in Milch von einer auf den Bergen weidenden Ziege kocht, der kleine
soll aber die Kraft mindern.“ Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr.
schreibt: „Die ~órchis~ hat ihre Blätter an der Erde um den Stengel;
dieser wird eine Spanne hoch und trägt purpurrote Blüten. Die Wurzel
ist knollig, länglich, doppelt, olivenförmig; die eine steht höher,
die andere tiefer. Diese ist voll, jene weich und runzlig. Sie werden
zum Verspeisen gekocht. Die Pflanze wächst in steinigem und sandigem
Boden.“ Noch heute werden die Knollen von verschiedenen Orchisarten
gesammelt und getrocknet, um als +Salep+ oder +Geilwurz+ in den Handel
zu kommen. Das Wort Salep ist aus der arabischen Bezeichnung für
diese Doppelknollen ~chusjata sslalab~, d. h. Fuchshoden verstümmelt.
Bei allen polygamen Orientalen steht diese Speise als angeblich die
sexuellen Funktionen beförderndes Mittel in hohem Ansehen und wird von
vielen derselben mit Honig gekocht regelmäßig zum Frühstück gegessen.
Von Erdorchideen finden wir am häufigsten verschiedene der in
schattigen Bergwäldern Asiens, Europas und Nordamerikas auf kalkreichem
Humusboden wachsenden +Frauenschuh+arten in Gärten angepflanzt. So
zumeist den europäischen Frauenschuh (~Cypripedium calceolus~), der bis
nach Ostsibirien vorkommt und in Deutschland besonders in Buchenwäldern
auf Kalkboden vorkommt. Von anderen, noch prächtigeren Arten, die
als dankbar blühende und leicht zu erhaltende Zierpflanzen im Zimmer
kultiviert werden, sind zu nennen ~Cypripedium venustum~ aus Neapel mit
hellgefleckten Blättern, schönen rötlichgrünen, purpurrötlichen und
blaßbraun gezeichneten Blüten und ~C. barbatum~ in Südindien und auf
Java mit schwärzlichgrün, netzartig gezeichneten Blättern und schönen,
violett und weißgefärbten Blüten.
Gleich den Erdorchideen legen auch die als Überpflanzen (Epiphyten)
auf Bäumen der dichten, feuchten Wälder der Tropen lebenden
+Baumorchideen+, die ihre Nahrung und die zum Wachstum nötige
Feuchtigkeit vermittelst mehr oder weniger langer, weißer Luftwurzeln
aus der umgebenden Luft schöpfen, solche Reservestoffbehälter an.
Wie sie durch ihren buntfarbigen Blütenschmuck in Gesellschaft mit
den leuchtenden Blüten der Schlingpflanzen dem Urwald der heißen
Landstriche ihren besonderen Reiz verleihen, haben sie sich durch ihre
aparte Schönheit die Liebe vieler vornehmer Blumenfreunde erworben und
sind besonders beim Geburts- und Geldadel Englands zu eigentlichen
Modepflanzen geworden, für deren Kultur besondere Gewächshäuser
erstellt werden. Auch werden einzelne seltene Arten um ein Vielfaches
ihres Gewichtes mit Gold aufgewogen. Um diese verführerische
Blumenkönigin der von Malaria durchseuchten, von reißenden Tieren und
feindlich gesinnten Menschen bevölkerten Baumwildnis der Tropen zu
erlangen, sind schon unzählige, von den großen Orchideenimporteuren
ausgesandte Europäer in den Tod gegangen. Das gefährliche Geschäft des
Orchideensammelns im Urwald hat für die kühnen Menschen, die sich damit
abgeben, einen besonderen Reiz, sonst würden sie nicht ihr Leben wagen;
außerdem ist es eine sehr lohnende Arbeit und ein höchst einträgliches
Geschäft. Da ein solcher Mann seinen Auftraggeber nahezu 60000 Mark
jährlich kostet, und damit dessen Arbeit noch nicht einmal bezahlt
ist, kann es uns nicht wundern, daß es nur wenige Orchideenimporteure
gibt. Die vier bedeutendsten derselben leben in St. Albans in
England, in New Jersey in den Vereinigten Staaten, in Paris und in
Berlin. Die englische Firma besitzt ungefähr 15 Sammler in den dafür
einträglichsten Gebieten, nämlich in Mexiko, Venezuela, Guatemala,
Honduras, Nicaragua, Columbia, Brasilien, Bolivia, Peru, Neuguinea,
Holländisch-Indien, besonders Java und Sumatra, dann Borneo, Birma,
Assam und in den Gegenden am Fuße des Himalaja.
Wenn auch die Orchideen über die ganze Erde verbreitet sind, so
nimmt ihre Zahl nach dem Äquator hin bedeutend zu, und der heißen
Zone gehören alle Baumorchideen mit den mannigfaltigsten, größten
und schönsten Blüten an. Bis in die Neuzeit kannten die Europäer
nur die Erdorchideen mit weniger auffallenden Blüten. Schon die
Väter der Botanik beschäftigten sich eingehend mit ihnen, und manche
Tierähnlichkeit der schon unter ihnen auftretenden bizarren Blüten
verführte zu dem wunderlichsten Aberglauben. Mit der Entdeckung
Indiens und der Neuen Welt traten erst die tropischen Orchideen in
den Gesichtskreis der diese Länder zu Handelszwecken aufsuchenden
Europäer. Da diese Pflanzen keinen praktischen Nutzen gewährten, nahmen
die Krieger und Kaufleute, die die Tropenländer zuerst betraten,
keinerlei Notiz von ihnen. Als erster erwähnte der große französische
Arzt und Botaniker Clusius (Charles de l’Ecluse, 1526 in Arras in
Nordfrankreich geboren und 1609 als Botanikprofessor in Leiden in den
Niederlanden gestorben) die Frucht der Vanille, als dem einzigen dem
Menschen Nutzen gewährenden Produkt der Orchideen im Jahre 1605. Erst
am Ausgange des 17. Jahrhunderts kamen Beschreibungen und Abbildungen
tropischer Baumorchideen nach Europa. Karl von Linné, der Begründer der
modernen Botanik (1707-1778), kannte 1764 nur insgesamt 102, meist der
gemäßigten Zone angehörende Orchideenarten und nur 30 Baumorchideen.
Der Berliner Botaniker Karl Ludwig Willdenow (1765-1812), der
bedeutendste Systematiker seiner Zeit, beschrieb 1805 391 Arten mit
140 Epiphyten. In seinem 1830-1840 erschienenen Hauptwerk beschrieb
der Engländer Lindley bereits gegen 2000 Arten, unter denen sich fast
1000 Baumorchideen befanden, und 1880 schätzte de Puydt die Zahl aller
bekannten Orchideen auf 6000! So sehr hat sich unser Gesichtskreis
in diesem Gebiet erweitert. Dennoch kennen wir noch lange nicht alle
überhaupt auf der Welt existierenden Orchideenarten, von denen sich
viele ganz hoch im Astwerk der Tropenbäume verstecken, so daß man sie
erst erlangt, wenn man aufs Geratewohl Bäume fällt und sie von den
höchsten Ästen jener ablöst.
[Illustration:
Tafel 145.
Gruppe verschiedener Orchideen, zusammengestellt von der
Orchideengärtnerei von Otto Beyrodt in Marienfelde b. Berlin.]
[Illustration:
Tafel 146.
Blumenstand am Viktualienmarkt in München.]
Was die Kultur der tropischen Orchideen betrifft, so gelang es erst
am Ausgange des 18. Jahrhunderts einige Epidendronarten in einem
europäischen Treibhause zu ziehen. Im Jahre 1813 kultivierte man in
dem weltberühmten botanischen Garten von Kew bei London nicht mehr als
40 Orchideenarten. In den 1830er Jahren befanden sich Orchideen in
Privatgärten Hamburgs und Dresdens, und 1851 kultivierte man im Garten
des Grafen Thun schon gegen 500 tropische Arten derselben. Bald wurden
an den verschiedensten Orten eigene Orchideenhäuser gebaut, und vor
etwa 40 Jahren begann das Populärwerden dieser Zucht bei den Vornehmen
besonders Englands. Gegenwärtig schätzt man die Zahl der kultivierten
Orchideenarten auf etwa 2000. Dabei hat die Liebhaberei für diese
eigenartig zierlichen Blütenpflanzen eine erstaunliche Höhe erreicht
und werden einzelne derselben mit Zehntausenden von Mark bezahlt.
Unglaublich mannigfaltig ist wie die ganze Form, so auch die Gestalt
und Farbe der verschiedenen Orchideenblüten. Manche der letzteren sehen
aus wie gewisse Insekten, Kraken, Vögel, besonders Pinguine, dann
kleine Gnomen usw.
In Mittelamerika wächst die San Espiridoorchidee, die ihren Namen
und eine sich daran anschließende fast abgöttische Verehrung bei den
bigotten Spaniern in ihrer Heimat davon erhielt, daß ihre zierliche
Blüte an eine herabschwebende weiße Taube erinnert, in Gestalt welcher
der heilige Geist sich auf Christus bei seiner Taufe im Jordan
herabgesenkt haben soll. Von den winzigsten, zu lang herabhängenden
Trauben vereinigten Blüten gibt es alle Übergänge zu solchen, die so
groß sind wie zwei zusammengelegte Männerhände, von weißen, einfachen
bis zu den in den leuchtendsten, buntesten Farben gefärbten, von
duftlosen bis zu solchen, die weithin einen fast betäubenden Wohlgeruch
aushauchen. Dabei sind die Orchideenblüten noch mehr als diejenigen der
anderen Blütenpflanzen dem Besuche ganz spezieller Insekten angepaßt;
und daß solche Besucher sie an ihren oft sehr versteckten Standorten
finden und die Befruchtung der Blüten vornehmen können, sind sie mit
einer im übrigen Pflanzenreich meist beispiellosen Dauerhaftigkeit der
vielfach sehr dicken, mit wachsglänzender Oberfläche versehenen Blüten
begabt, so daß sie unter Umständen viele Wochen warten können, bis
endlich das zur Vornahme der Befruchtung erwartete Insekt erscheint
und dieselbe vornimmt. Gerade diese Dauerhaftigkeit ihrer wunderbaren
Blüten macht sie zu besonderen Lieblingen aller Blumenfreunde, die sich
den Luxus einer solchen Kultur leisten können.
Der hohe Preis der für viele dieser Orchideen bezahlt wird, findet
sehr leicht seine Erklärung in der oft äußerst schwierigen und mit
Lebensgefahr verbundenen Beschaffung derselben; denn kaum eine andere
Beschäftigung bringt so viel Mühen und Abenteuer mit sich als diejenige
eines Orchideensammlers. Nur gesunde, intelligente, kühne und dabei im
Verkehr mit den Eingeborenen höchst diplomatisch handelnde, sprach-
und lebensgewandte Männer eignen sich zu diesem schweren, aber schönen
und gutbezahlten Beruf. Die besten unter ihnen sind die Deutschen, die
alle nach einem gewissen, bewährten System arbeiten und an Ort und
Stelle zahlreiche Eingeborene in ihren Dienst nehmen, ohne die sie
nur wenig ausrichten würden. Es ist eine überaus schwierige Sache,
den Standort seltener Orchideen, die sich so hoch in den Wipfeln
angesiedelt haben, daß man sie vom Boden aus überhaupt nicht zu sehen
vermag, auszukundschaften. Und ist dies endlich gelungen, so beginnt
erst die Mühe des Sammlers; denn, um sie zu erlangen, muß er oft
mächtige Urwaldstämme mit der Axt umhauen lassen, bis er endlich zum
heißerstrebten Ziele gelangt.
So wurde festgestellt, daß für drei Exemplare des schönen, durchaus
nicht seltenen ~Odontoglossum~ mindestens ein solcher Baum mühsam
gefällt werden muß. Wieviel Urwaldriesen haben schon ihr Leben lassen
müssen, um die zahlreichen Orchideensorten von oft sehr beschränkter
Verbreitung in unsere Orchideenhäuser zu liefern! Und sind endlich die
Orchideen glücklich erlangt, so heißt es, sie durch kunstgerechtes,
vorsichtiges Trocknen überhaupt versandfähig machen. Diese Prozedur
nimmt oft viele Wochen in Anspruch. Wenn dadurch alle austreibbare
Feuchtigkeit aus ihnen entwichen ist, werden sie in luftdurchlässige
Behälter gepackt und müssen auf den Köpfen von Menschen oft viele
Tagereisen weit über reißende Ströme und bodenlose Sümpfe, durch
gefährliche Dschungeln und schwer passierbare Gebirge mühsam
transportiert werden, bis sie auf die Eisenbahn gebracht und dann in
Schiffe verladen werden, und so die Reise nach ihrem Bestimmungsorte
antreten können. Wie vor Feuchtigkeit müssen sie gleicherweise auch
vor zu großer Hitze und vor Licht geschützt werden. Und hat man auch
alle diese Bedingungen sorgsam erfüllt, so ist es gleichwohl möglich,
daß schließlich die meisten oder gar alle Exemplare unterwegs Schaden
gelitten haben und zugrunde gegangen sind, so daß alle Arbeit und
alle Auslagen umsonst waren. Für solche Verluste kann der Sammler
natürlich nicht verantwortlich gemacht werden; sie gehören eben zum
selbstverständlichen Geschäftsrisiko, der oft viele Tausende von Mark
beträgt und deshalb diese wunderbaren Erzeugnisse der Tropen so teuer
macht.
Wie manche durch ihre Größe ausgezeichnete Diamanten, haben gewisse
Orchideen ihre eigene, vielfach höchst interessante Geschichte
aufzuweisen, die über ganze Menschenschicksale entschied und nicht
selten den Kühnen, die sie für die Bewunderung der Kultureuropäer
zu erobern suchten, den Tod brachte. Manche derselben sind an ganz
bestimmte Standorte und Höhenlagen, andere wieder an kleinere
Bezirke des Vorkommens gebunden, sterben leicht vollständig aus und
verschwinden vom Schauplatz, und an ihrer Stelle erscheinen dann
plötzlich zum Erstaunen der Blumenfreunde neue, bis dahin gänzlich
unbekannte Orchideenarten.
Ein Kenner, Oliver Bartlett, schreibt in bezug auf die Gewinnung
solcher seltener Orchideenarten: „Vor einigen Jahren bot eine Firma
in St. Albans ihrem Vertreter in Kalkutta die Summe von 1000 Pfund
(also 20000 Mark) für die Beschaffung eines blühenden Exemplars von
~Cypripedium fairrieanum~, von welchem ein Forscher eine einzelne Art
zufällig entdeckt hatte. Diesen hatte ein wilder Volksstamm auf dem
abgeschlossenen Gebiet von Bhutan ergriffen und gezwungen, an ihren
Kämpfen teilzunehmen, bei denen er schließlich den Tod fand. Noch
tragischer ist das Ende des berühmten französischen Orchideensammlers
Leon Humblot. Er ging vor einigen Jahren mit seinem Bruder und sechs
französischen Landsleuten nach Madagaskar. Sie alle waren engagiert,
um Insekten aller Art, Schmetterlinge, Vögel und Orchideen zu sammeln.
Humblot, der eine völlig unbekannte Gegend durchforschte, hatte das
Unglück, eine Ladung Vogelschrot in ein Götzenbild der Eingeborenen
zu schießen, worauf die erzürnten Priester des Stammes ihn mit Öl
begossen, anzündeten und lebendig verbrannten.“
Eine weniger tragische Geschichte weist die berühmte ~Cattleya
skinneri~ auf, die eine hervorragend schöne, fleckenlose Blüte
aufweist. Ihre Heimat ist Costarica, wo sie ursprünglich von
Jesuitenpatres entdeckt wurde, die sie schleunigst auf die Dächer ihrer
Kirchen verpflanzten; diese bedeckt sie nun zur Zeit der Blüte mit
ihren reizenden, schneeigen Blüten.
Auch die ~Cattleya labiata~ hat ihre Geschichte. Sie war die erste
ihrer Art, die, wie man vermutete, aus dem brasilianischen Organgebirge
bei Rio de Janeiro stammend, in Europa eingeführt wurde. Plötzlich
ging die Kenntnis ihres Standortes verloren, und da keine neuen
Exemplare eingeführt werden konnten, wurde sie, selbst unter der
geschicktesten Pflege, ganz außerordentlich selten. Verschiedene
kostspielige Expeditionen wurden nach Brasilien und den angrenzenden
Ländern gesandt, doch wurden nur andere wertvolle Cattleyas, nicht aber
sie entdeckt. So fanden z. B. Arnold die ~Cattleya gaskelliana~ im
schwer zugänglichen Carribogebirge und Seydl die herrliche ~Cattleya
laurentiana~. Jahre danach sandte der Forscher Bungeroth eine Pflanze
in die Heimat, die er als eine neue Abart mit dem Namen ~Cattleya
warroqueana~ bezeichnete, und die sich dann schließlich als die
langgesuchte ~Cattleya labiata~ erwies.
Ein deutscher Orchideensammler, der dem Ufer des gewaltigen Flyflusses
in Neuguinea entlang ging, stieß plötzlich auf eine papuanische
Begräbnisstätte, auf welcher die gewaltige, hochrotblühende Orchidee
mit dem Übernamen „Elefantenmotte“ in üppiger Fülle zwischen Knochen
und Schädeln wucherte. Als er sich daran machte, einige derselben
auszugraben, widersetzten sich die ihn begleitenden Eingeborenen
aufs energischste gegen solches nach ihrem Glauben frevelhaftes und
gefährliches Vorhaben. Erst nach langen Unterhandlungen und durch
Geschenke an Baumwollstoff, Kupferdraht und Perlen vermochte er die
abergläubischen Eingeborenen dazu zu bringen, ihn ungestört gewähren zu
lassen. Als diese Orchideen in London zur Versteigerung kamen, war ein
Exemplar derselben am meisten begehrt, das mit seinen prächtigen Blüten
aus der Augenhöhle eines menschlichen Schädels herauswuchs. Diese
Orchidee wurde für 120 Pfund (= 2400 Mark) verkauft.
Den Wert neu eingetroffener Orchideen kann auch der beste Kenner nicht
genau beurteilen. So durchstreifte eines Tages ein gewisser Herr
Harvey, ein begüterter Advokat aus Liverpool, die Treibhäuser von
Herrn Frederick Sander, als er plötzlich auf ein Exemplar der ~Laelia
anceps~ stieß, welche das Merkzeichen auf der Knolle viel höher trug,
als dies sonst üblich ist. Da Herr Harvey schon viel von den „Launen“
der Orchideen gesehen und gehört hatte, kaufte er die Pflanze sofort
für 48 Schilling (ebensoviel Mark), und in einer der späteren Saisons
verkaufte er sie wiederum an Herrn Sander um den Preis von 200 Pfund
Sterling (= 4000 Mark). Sie hatte Blüten getrieben, die einzig in ihrer
Art waren.
Ein anderes Mal erhielt Herr Sander eine große Anzahl von ~Cypripedium
insigne~ und bemerkte unter den Pflanzen eine, die statt der typischen
braunen Blütenstengel solche von hellgelber Farbe aufwies. Er stellte
die Pflanze besonders, und als sie zum Blühen kam, trieb sie Blumen
von einem herrlichen Goldgelb -- es war eine neue Spielart einer sehr
kostbaren Sorte.
Wenn eine solche Abart einzig in ihrer Art und als das Produkt einer
von der Natur selbst herbeigeführten Kreuzung dasteht, so wird sie
niemals ergiebig sein; denn die Blüten können nicht, wie dies sonst
üblich ist, mit dem Blütenstaub anderer Blüten befruchtet werden, und
das einzige Mittel, sie zu vermehren, besteht darin, das Original zu
teilen.
Für eine einzige Orchidee sind schon 2080 englische Pfund (gleich 41600
Mark) angeboten und abgelehnt worden, und 100 Pfund (gleich 2000 Mark)
sind für einen mikroskopisch kleinen Fleck Blütenstaub zum Bastardieren
bezahlt worden. In Privatgeschäften wurden von wohlhabenden Amateuren
1200 Pfund Sterling (24000 Mark) für ein Exemplar einer besonderen
Gattung und 700 Pfund Sterling (14000 Mark) für ein Duplikat oder eine
geteilte Pflanze bezahlt.
In den großen Treibhäusern bemüht man sich soviel wie möglich die
Bedingungen zu erfüllen, die zum Gedeihen der einzelnen Spielarten
unerläßlich sind. So muß man beispielsweise ein Gewächshaus, in
welchem Orchideen aus dem heißen Borneo kultiviert werden, fast noch
einmal so warm halten als ein anderes, in welchem Orchideen aus
den Hochtälern Mexikos und den luftigen Abhängen der Kordilleren
Südamerikas untergebracht sind. In einem dritten Treibhaus muß die Luft
mit Tabakrauch erfüllt sein. Ein großer europäischer Händler empfängt
jährlich 2 Millionen Pflanzen; dabei ist man so unsicher in bezug auf
ihr Fortkommen, daß sie auf der Versteigerung meist ohne Garantie
verkauft werden. Selbstverständlich sind so kostbare Pflanzen auf
die mannigfaltigste Weise miteinander gekreuzt worden und haben sehr
wertvolle Blendlinge ergeben. Man hat schon Bastarde von ihnen erzielt,
in welchen drei verschiedene Gattungen vertreten sind. Darin hat sich
der bereits erwähnte deutsche Gärtner Friedrich Sander, der in St.
Albans bei London und in Brügge in Belgien gärtnerische Riesenbetriebe
besitzt und seiner reichen Orchideengeschäfte wegen in England
allgemein als Orchideenkönig bekannt ist, hervorgetan. So hat er u.
a. zwei durch seinen Sammler Godseff in Neuguinea und Neukaledonien
gesammelte Acalyphaarten miteinander gekreuzt und damit wunderbar
schöne Hybriden erzielt, deren erste schon im April 1898 auf der großen
internationalen Gartenbauausstellung zu Gent in Belgien allgemeines
Aufsehen erregte. Die Blüten haben bis 50 cm lange Schwänze, sind
zuerst grünlichweiß und gehen dann in Rosa und Orangerot, bei manchen
auch in Gelb über. Sie sind, wie übrigens viele andere Orchideen,
besonders auch dadurch wertvoll, daß ihre Blütezeit sehr lange währt.
Von den Ranunkelgewächsen sind von den bei uns einheimischen nur wenige
als Zierpflanzen in unsere Gärten aufgenommen worden. Unter ihnen ist
die auf Wiesen auch in Deutschland wachsende +Trollblume+ (~Trollius
europaeus~) mit großen, geschlossenen, gelben Blüten zu nennen, die
wie ihre nordasiatische Verwandte (~T. asiaticus~) und andere Arten
als Zierpflanzen in Gärten kultiviert wird. Die weitaus schönste der
altweltlichen Ranunkeln ist die in Südeuropa heimische +Pfingstrose+
(~Paeonia officinalis~) mit unterirdischem, knollig verdicktem
Wurzelstock, 30-60 cm hohem Stengel und 5 cm im Durchmesser
haltenden karminroten Blüten. Sie wird in zahlreichen Varietäten
von Purpur bis Weiß meist in gefüllten Formen in Gärten kultiviert.
Wurzel und Samen wurden früher arzneilich benutzt. Die Blumenblätter
verwendet man wegen ihrer Farbe zu Räucherungen. Im Altertum galt
sie als Schutzmittel gegen die Neckereien der Faune, d. h. der als
„Wohlwollenden“ bezeichneten guten Geister der Fluren und Felder, die
nach dem Volksglauben namentlich dem Vieh Fruchtbarkeit und Schutz
gegen die Wölfe verliehen. Sie wurde von den alten Griechen ~paiōnía~
und von den Römern, die sie durch jene kennen lernten, ~paeonia~
genannt. Noch mehr als ihre wurden aber von ihnen die Wurzeln der in
den Mittelmeerländern heimischen korallensamigen Pfingstrose (~Paeonia
corallina~) arzneilich besonders gegen Gicht gebraucht, weshalb die
rosenrot blühende Pflanze auch Gichtrose genannt wird. Bei deren
Gewinnung mußten gewisse Riten geübt werden. Gegen die gebräuchlichste,
das Ausgraben bei Nacht, wendet sich schon der pflanzenkundige Grieche
Theophrast im 4. Jahrhundert v. Chr. indem er sagt: „Es wird aber wohl
ohne Grund vorgeschrieben, man solle die Päonie (~paiōnía~), welche
auch ~glykysídē~ heißt, bei Nacht ausgraben; denn wenn man bei Tage
danach grübe und dabei von einem Specht gesehen würde, so erlitte man
Unglück.“ Ihre roten Samen wurden als Amulett getragen und sollten,
auf Fäden gereiht und um den Hals befestigt, Kindern das Zahnen
erleichtern, weshalb sie beim Volke Zahnkorallen heißen. Neben der
offizinellen Pfingstrose Südeuropas werden auch die schmalblättrige
Pfingstrose (~Paeonia tenuifolia~) aus Südrußland mit tiefroten Blüten
und die weißblühende Pfingstrose (~P. albiflora~) aus Südsibirien,
dem Himalaja und Japan, wie auch die 1-2 m hohe baumartige
Pfingstrose (~P. moutan~ -- letzteres ist ihr chinesischer Name) mit
5-10blätteriger Blumenkrone in zahlreichen, auch gefüllten Varietäten
bei uns als Zierpflanzen kultiviert. Letztere, die in China und Japan
hochgezüchtet wurde, eignet sich besonders zu Einzelpflanzungen
in Rasen, verlangt aber Winterschutz. Ihre stechend aromatische
Wurzelrinde wird in Japan arzneilich viel gebraucht.
Scharf giftig ist der blaue oder echte +Eisenhut+ oder +Sturmhut+
(~Aconitum napellus~), so genannt nach der helmartigen Form seiner
hübschen Blüten. Anderswo heißt er Mönchskappe, in Norwegen Tor-
oder Tyrhialm, d. h. Helm der Kriegsgötter Tor oder Tyr. ~Akṓniton~,
d. h. auf felsigem Boden (im Gebirge) wachsende Pflanze, nannten
sie die Griechen, und nach den Metamorphosen des römischen Dichters
Ovid (43 v. bis 7 n. Chr.) soll sie aus dem Geifer des Höllenhundes
Cerberus entstanden sein, als dieser von Herkules aus der Unterwelt
heraufgeschleppt wurde. Ihre giftige Wurzel wurde schon im Altertum
zum Vertilgen von Raubtieren, denen sie im Köder gegeben wurde,
benutzt, daneben auch als Arzneimittel gegen Gicht, Rheumatismus
und Lungenkrankheiten gegeben. Als offizinelle Pflanze kam sie
dann im Mittelalter in die Bauerngärten und hat sich hier das
Bürgerrecht erworben. Ebenso verhält es sich mit dem +Rittersporn+,
dessen südeuropäische, blau oder weißblühende Abart (~Delphinium
staphisagria~), die ~staphís agría~ der Griechen, ebenfalls arzneiliche
Verwendung fand. Ihre scharfschmeckenden, schwarzgelblichen Samen
dienten gepulvert und mit Olivenöl vermischt, wie uns der griechische
Arzt Dioskurides berichtet, zum Vertilgen von Läusen und Krätze.
Deshalb wurden sie von den Römern ~pedicularia~ (von ~pediculus~
Laus) und bei uns Läuserittersporn genannt. Meist werden in unseren
Gärten der in den Gebirgen Mitteleuropas wachsende hohe Rittersporn
(~Delphinium intermedium~), dann der aus dem Orient stammende
Gartenrittersporn (~D. ajacis~, nach dem homerischen Helden Ajax so
genannt, weil die Pflanze aus dessen Blut hervorgewachsen sein soll,
nachdem er sich aus Unmut, im Streite mit Odysseus besiegt worden zu
sein, selbst den Tod gab) und der aus Nordamerika zu uns gebrachte
dreifingerige Rittersporn (~D. exaltatum~) kultiviert.