Stolz der europäischen Gärten; während aber letztere in der Neuzeit
seit der Einführung der edlen ostasiatischen Schwestern durch Kreuzung
und Variation eine große Fülle verschiedener Sorten bildete, hat sich
die Lilie unverändert in ihrem alten Adel erhalten und bildet den
vornehmsten Repräsentanten der Zierblumen des ländlichen Gartens,
während sie in den Städten eher zurücktrat und erst neuerdings wieder
neben ihren seither eingeführten farbenprächtigen ostasiatischen
Schwestern einige Bedeutung erlangte. Schon im Altertum hören wir
einige Stimmen, die von bunten Lilien reden. So sagt Dioskurides im
1. Jahrhundert n. Chr.: „Manche behaupten, es gebe auch purpurfarbige
Lilien,“ damit soll wohl eine Abart der weißen Lilie verstanden sein,
die er selbst noch nie sah. Wie eine solche erzeugt werden könne, sagen
uns die Geoponika, in denen es heißt: „Florentinus behauptet, man
könne die Lilien rot färben, wenn man zwischen die Schuppen der Zwiebel
die Farbe streue, welche ~cinnabari~ heißt (damit ist das Drachenblut
genannte dunkelrote Harz des Drachenbaums der Insel Sokotra gemeint).
Mit anderen Farben kann man die Lilie anders färben.“ Ein anderes
Rezept dazu gibt ein anderer griechischer Schriftsteller in diesem
Sammelwerke: „Will man Lilien von Purpurfarbe haben, so reißt man 10
oder 12 blühende Lilienstengel aus und hängt sie in Rauch. Aus ihnen
wachsen kleine, zwiebelförmige Wurzeln hervor. Ist dann die Zeit des
Pflanzens da, so legt man den Stengel in Hefe von rotem Wein, bis sie
durch und durch rot sind. Nun pflanzt man sie in Erde und begießt sie
gehörig mit Hefe. Die aus solchen Stengeln wachsenden Lilien blühen
rot.“ Dieses phantastische Verfahren gibt dann Plinius als erwiesene
Tatsache wieder. Palladius (um 380 v. Chr.) schreibt: „Im Februar
bringt man die Lilienzwiebeln in die Erde, oder behackt sie, wenn
sie schon darin sind, mit großer Sorgfalt, damit die jungen Zwiebeln
nicht verletzt werden. Diese kann man später von der Mutterzwiebel
ablösen, verpflanzen und auf solche Weise neue Lilienbeete (~lilietum~)
erzielen.“ Nach Dioskurides wurden Lilienblätter auf Schlangenbiß- und
Brandwunden und mit Essig auf Quetschwunden gelegt und die gebratene
und mit allerlei anderen Stoffen vermischte Wurzel zu Heilzwecken
verschiedener Art benutzt; daneben war das Lilienöl als Arznei berühmt
und erhielt sich bis in die Gegenwart beim Volke in Ansehen. Ein
Rezept dazu gibt uns Palladius: „Um Lilienöl (~oleum liliaceum~) zu
bereiten, gießt man 1 Pfund Olivenöl auf 10 Lilienblüten, die sich in
einem Glase befinden, und stellt dieses 40 Tage an die Sonne.“ Ein
Konservierungsmittel für Lilien teilt uns ein Grieche in der Geoponika
mit: „Um Lilien das ganze Jahr hindurch frisch zu erhalten, verfährt
man folgendermaßen: Man pflückt die Blüten, ehe sie sich öffnen, samt
den Blütenstielen und legt sie in neue, irdene, nicht ausgepichte
Töpfe, deckt diese zu, und so bleiben die Blüten das ganze Jahr frisch.
So oft man welche brauchen will, nimmt man sie heraus, setzt sie der
Sonne aus, und sie öffnen sich, sobald sie warm werden.“
Im frühen Mittelalter wurde die Lilie, wie auch die Rose, mehr als
Arzneipflanze zur medizinischen Verwendung, denn als Zierpflanze
in den Gärten Mitteleuropas angepflanzt. Das besondere Lob der
Schönheit, das ihr der 849 verstorbene fränkische Mönch Walahfrid
Strabo spendet, als er sie im Klostergarten wachsen sah, beweist
aber, daß neben der Nützlichkeit auch die Freude an deren Schönheit
für die Kultur dieser Pflanze maßgebend war. Im späteren Mittelalter
bedienten sich die Ritter gerne der Gilgen oder Ilgen, wie damals
die Lilien im deutschen Sprachgebiet genannt wurden, als Zier, und
auch beim Volke waren sie beliebt, bis im Laufe der Neuzeit nach und
nach das Interesse an ihnen abnahm und sie infolgedessen nur noch
selten angepflanzt wurden. Erst in unserer Zeit ist wiederum eine
erhöhte Wertschätzung dieser prächtigen Zierpflanze, die nicht bloß
den schlichten Bauerngärten, sondern auch den schönen Parkanlagen der
Vornehmen sehr wohl ansteht, eingetreten. Dazu trug ganz wesentlich
die Einführung der nicht minder schönen ostasiatischen Lilien bei.
Eine erste Auswahl solcher brachte der 1796 in Würzburg geborene und
1866 in München gestorbene Arzt Philipp Franz von Siebold, der 1822
als Sanitätsoffizier in holländischen Diensten nach Batavia ging und
von 1823-1830 und abermals von 1859-1862 sich in Japan aufhielt, aus
letzterem Lande nach Europa. Unter diesen ist vor allem die auch als
Königin aller Lilien bezeichnete japanische +Goldlilie+ (~Lilium
auratum~) zu nennen, die wie die weiße westasiatische Lilie 1 m
hoch wird und bis 26 cm große, perlweiße, wohlriechende Blüten
mit rotbraun bis purpurn punktierten und dem Mittelnerv entlang,
goldgelb gebänderten Blumenblättern besitzt. Auch sie wird heute wie
die weiße Lilie in mehreren Varietäten bei uns kultiviert. Ebenso
die +prächtige Lilie+ (~Lilium speciosum~) aus Japan mit 0,6-1 m
hohem Stengel, eirunden Blättern und sehr großen, überhängenden, mit
zurückgeschlagenen rosenroten Blumenblättern gezierten, nach Vanille
riechenden Blüten und die +getigerte Lilie+ (~Lilium tigrinum~) aus
China und Japan, die an der Spitze des 2 m hohen Stengels zahlreiche
feuerrote, schwarzpunktierte Blüten in pyramidenförmiger Rispe trägt.
Von den feuchten Bergwäldern des Himalaja in 2000-3000 m Höhe stammt
die +Riesenlilie+ (~Lilium giganteum~) mit 2-3,6 m hohem Stengel,
gestielten, herzförmigen Blättern und weißlichgrünen, innen schwach
purpurgeflammten, höchst wohlriechenden Blüten, während die dem
einheimischen Türkenbund sehr nahe stehende ~Lilium superbum~ mit 2 m
hohem Stengel und scharlachroten Blüten aus Nordamerika zu uns kam.
Von Sibirien erhielten wir die +Prachtlilie+ (~Lilium pomponium~ --
seitdem Plinius eine gewisse Birnensorte nach einem gewissen Pomponius
benannte, pflegte man überhaupt schöne Früchte und auch Blumen
pomponisch zu nennen) mit einfarbigen, mennig- bis scharlachroten
Blüten. Ihr in bezug auf Gestalt und Farbe der Blüte sehr ähnlich ist
die im Orient und in Kleinasien heimische +Scharlachlilie+ (~Lilium
chalcedonicum~), die Frank-Leunis für die eigentliche ~krínon~
Theophrasts und die ~hēmerokallís~ des Dioskurides hält. Jedenfalls
scheinen die alten Griechen sie gekannt und gelegentlich auch in ihren
Gärten angepflanzt zu haben. Neben allen diesen werden aber auch
bescheidenere Lilienarten bei uns angepflanzt, so die aus dem Piemont
zu uns gekommene +Feuerlilie+ (~Lilium croceum~) und der in Laubwäldern
Mitteleuropas wachsende +Türkenbund+ (~Lilium martagon~) -- so genannt
weil seine Blüte mit den zurückgeschlagenen Blumenblattzipfeln an einen
türkischen Turban erinnert. Alle diese verschiedenen Zierlilien werden
bei uns besonders in Südfrankreich und den englischen Scillyinseln im
Ärmelkanal, in Nordamerika hauptsächlich in Südkarolina und auf den
Bermudasinseln im großen kultiviert, um von dort aus die Zwiebeln in
den Handel zu bringen. Noch viel mehr als hier werden aber die schönen
farbigen Zierlilien in Japan angepflanzt, von wo aus jährlich über 5
Millionen Zwiebeln derselben ausgeführt werden.
Eine der schönsten Zierpflanzen Ostindiens, speziell Malabars, ist
die auch bei uns in Gewächshäusern gezogene +rankende Prachtlilie+
(~Gloriosa superba~), während die aus Südrußland und der Tartarei
eingeführte +Zahnlilie+ (~Erythronium dens canis~) -- so genannt, weil
die Zwiebeln in 3-4 Zähne gespalten sind -- auch bei uns eine nicht
selten angetroffene Gartenzierpflanze ist. Die Zwiebeln der letzteren
Art dienen den Tartaren als Nahrungsmittel und ~Aphrodisiacum~, werden
in Rußland auch als Mittel gegen Eingeweidewürmer und Fallsucht
verwendet.
In Persien, Afghanistan und Kaschmir heimisch ist die häufig in
unseren Gärten angetroffene +Kaiserkrone+ (~Fritillaria imperialis~,
ersteres Wort stammt von ~fritillus~, Knobelbecher, aus dem die Würfel
geworfen werden), die zu Anfang des 16. Jahrhunderts von Persien nach
Konstantinopel und 1570 durch Vermittlung des deutschen Gesandten am
türkischen Hofe Gislenius Busbequius in die kaiserlichen Gärten zu
Wien eingeführt wurde, von wo aus sie sich bald in fast allen Gärten
Mitteleuropas einbürgerte. Sie wird bis 1,2 m hoch und trägt unter
einem Schopfe grüner Blätter hängende gelblich- bis bräunlichrote
Blüten in Büscheln. Sie wird in vielen Varietäten mit gelben,
orangefarbenen bis feuerroten Blüten kultiviert und blüht im ersten
Frühling, wenn noch wenig andere Blüten zu finden sind. Die Zwiebeln
werden alle drei Jahre verpflanzt. Sie sind stärkemehlreich, riechen
höchst unangenehm, sind sehr scharf, selbst giftig, und wurden früher
auch arzneilich benutzt. Sie sind nach dem Kochen genießbar, indem
dadurch der scharfe Stoff sich verflüchtigt. Seit einiger Zeit wird sie
besonders in Frankreich zur Stärkegewinnung kultiviert. Von 1 Hektar
soll man 6300 kg Stärkemehl erhalten. Der reichlich von den Blüten
zur Anlockung der die Befruchtung besorgenden Insekten ausgeschiedene
Honigsaft soll brechenerregend wirken. Die ihr nah verwandte
+schwarze Lilie+ (~Fritillaria kamtschatcensis~) mit schwarzpurpurnen
Blüten wächst in Ostsibirien, Kamtschatka, Japan und dem westlichen
Nordamerika. Für die Bewohner Ostsibiriens und Kamtschatkas sind ihre
rundlichen, stärkemehlreichen Zwiebeln ein wichtiges Nahrungsmittel.
Zu dem Zwecke werden sie den Sommer über mühsam auf den Grasfluren
eingesammelt, weil die Pflanze nie gesellig wächst; jedoch gewährt
ihnen dabei die Tätigkeit der Kamtschatkaratten oder Sammelmäuse
(~Hypudaeus oeconomus~) große Erleichterung, weil sie in ihren
Vorratskammern vorzüglich diese Zwiebeln als Winterproviant anhäufen,
die dann der Mensch für sich in Anspruch nimmt.
Als letzte Verwandte ist noch die +Brettspiel-+ oder +Schachblume+, in
Norddeutschland Kibitzei genannt (~Fritillaria meleagris~ -- letzteres
Wort heißt Perlhuhn, wegen der ähnlich gescheckten Zeichnung der
Blüte), zu nennen, die in Mitteleuropa bis Norwegen und Südrußland
sehr zerstreut auf feuchten Wiesen wächst. Die 30-40 cm hoch
werdende Pflanze treibt 1-2 hängende Blüten mit roten und weißlichen
viereckigen Flecken und wird in verschiedenen Varietäten: weiß, gelb,
gefleckt, rot, purpurrot, schwarz, braungefleckt und aschgrau als
Zierpflanze gezogen. Schon Kaspar Bauhin (1560-1624), der von seiner
Doktorpromotion im Jahre 1581 an als Botaniker in seiner Vaterstadt
Basel wirkte und von 1614 an an Stelle des verstorbenen Felix Platter
als Stadtarzt und Professor der Anatomie und Botanik daselbst amtete,
kannte früh- und spätblühende Spielarten der Schachblume. Diese muß
also schon recht früh in die Gärten übergesiedelt und in Kulturpflege
genommen worden sein.
In dieselbe Familie der Liliazeen gehören auch die +Tulpen+, die ihren
Namen vom türkischen ~tulbend~, d. h. Turban, erhielten. So nannten
die Türken die Gartentulpe, die wir von ihnen bekamen. Von den etwa
50 Arten, die von Mittel- und Südeuropa bis Japan am zahlreichsten
wildwachsend angetroffen werden, ist bei uns die 25 bis 50 cm hohe
+gelbe Tulpe+ (~Tulipa silvestris~) heimisch, die früher auf Waldwiesen
häufig war und jetzt vielfach in Obstgärten und Weinbergen in Menge
angetroffen wird. Sie hat als Kulturpflanze keinerlei Bedeutung
erlangt, wohl aber die +Gartentulpe+, die ein durch Kultur veredelter
Abkömmling der in den Steppen am Kaspischen Meer, im Gebiet des Don
und in der Krim heimischen ~Tulipa suaveolens~ mit sehr kurzem Stengel
und roten, am oberen Ende gelben, wohlriechenden Blüten ist. Unsere
Gartentulpe (~Tulipa gesneriana~, so genannt weil sie vom Züricher
Naturforscher Konrad Gesner 1559 zuerst beschrieben wurde) ist aber
keine einheitliche Art, sondern ein Sammelbegriff für zahlreiche in den
Gärten kultivierte Tulpensorten der verschiedensten, zum größten Teil
unbekannten Herkunft. Dem vorhin bei der Einführung der Kaiserkrone
in die Gärten Mitteleuropas erwähnten Gislenius Busbequius, dem
Gesandten Kaiser Ferdinands I. am türkischen Hofe in Konstantinopel,
verdanken wir die Einführung der türkischen Gartentulpe -- wohl der
~Tulipa suaveolens~ -- im Abendlande. Im Frühjahr 1554 sah er auf
einem Ritte zwischen Adrianopel und Konstantinopel die von den Türken
in mehreren Arten in Gärten kultivierte rotgelbe Tulpe zusammen mit
Narzissen und Hyazinthen blühen. Sie gefiel ihm so gut, daß er sich
alsbald Samen von ihr zu verschaffen suchte. Dies gelang ihm auch nach
einiger Mühe, und diesen sandte er nun an einen Freund in Deutschland,
dessen Name uns unbekannt ist. Auch dessen Wohnort kennen wir nicht;
wir wissen nur, daß der Züricher Naturforscher und Arzt Konrad Gesner
(1516-1565) die damals neu in Europa eingeführte Zierpflanze im April
1559 in Augsburg blühen sah und sie als erster Abendländer beschrieb.
Im Jahre 1573 erhielt sie der Botaniker Clusius (Charles de l’Ecluse,
geb. 1526 in Arras, 1573-1587 Hofbotaniker in Wien, von 1593 bis zu
seinem Tode 1609 Professor in Leiden) und kultivierte sie als große
Rarität in den kaiserlichen Gärten Wiens. Auch von Leiden aus war er
für die Verbreitung dieser schönen neuen Blumenart sehr tätig. Diese
war aber schon lange vor ihm nach den Niederlanden gekommen; denn wir
wissen, daß sie schon ums Jahr 1570 in Mecheln blühte und damals bei
den Holländern freudige Bewunderung gefunden hatte. 1577 kam sie nach
England und eroberte sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte ganz Mittel-
und Westeuropa.
Bevor wir uns weiter mit dem Triumphzuge der Gartentulpe durch das
Abendland beschäftigen, ist es am Platze, hier einige Worte über
die Türken, die sie uns mit der Kaiserkrone und den Hyazinthen
verschafften, und ihre Freude an Blumen zu sagen. Schon der
französische Reisende Belon spricht mit Bewunderung von den Gärten,
die er 1558 in der Türkei sah. Er sagt darüber: „Es gibt kein Volk,
das mehr die Blumen als Zierde liebt und sie höher schätzt, als die
Türken; dabei würdigen sie weniger deren Geruch, als besonders deren
Formen und Farben. Sie tragen mehrere Arten derselben in den Falten
ihres Turbans mit sich, ja, die Handwerker haben bei der Arbeit
Blumen von verschiedenen Farben in Wassergefäßen vor sich stehen. Das
Gartenwesen ist bei ihnen so gut als bei uns in großem Ansehen und sie
scheuen keine Kosten, sich fremde Bäume und Pflanzen zu verschaffen,
besonders solche, die schöne Blüten besitzen.“ Ähnlich drückt sich
Gislenius Busbequius aus, der von 1550 an als deutscher Gesandter
in Konstantinopel weilte, und fügt dem hinzu, daß die Türken häufig
Blumen verschenken und, obwohl geizig in andern Dingen, viel Geld
dafür ausgeben. Außer Rosen, Flieder, Veilchen, Anemonen, Lilien und
Hyazinthen zögen sie mit Vorliebe Tulpen. In jedem Frühjahre feierten
sie ein Tulpen- oder Lampenfest, indem sie den Tulpenflor abends mit
verschieden gefärbten Lampions beleuchteten. Einmal habe ein Großvezier
den Einfall gehabt, lebende Schildkröten zu Trägern seiner Lampen zu
verwenden; diese wandelnden Leuchter zwischen den blühenden Tulpen- und
Hyazinthenbeeten müssen allerdings dem Feste einen eigenartigen Reiz
verliehen haben.
Das türkische Erbe der Tulpen- und Hyazinthenverehrung traten die
Holländer an, die außer der Freude am Kleinen, Zierlichen besonders
die Farbenpracht der einzelnen Blüten schätzten. Und das Bestreben,
diese in immer neuen Farben und Formen zu züchten, beherrschte bei
ihnen vollständig die Gartenkunst. Diese sonst so nüchternen und ruhig
abwägenden Leute wurden bald von einer geradezu leidenschaftlichen
Begeisterung für diese schönen türkischen Ziergewächse ergriffen.
Schon lange vorher waren sie ja große Blumenfreunde gewesen. Der
französische Botaniker Lobel -- nach welchem die schönen Lobelien den
Namen erhielten -- betont in der Vorrede seiner 1576 erschienenen
~Histoire des plantes~ die Liebhaberei der Vlämen für die Blumen
schon während der Kreuzzüge und zur Zeit der reichen, prunkliebenden
burgundischen Herzöge. Als dann die Holländer deren Erbe antraten,
brachten sie von ihren ausgedehnten Handelsreisen aus der Levante und
beiden Indien verschiedene Blumensorten mit nach Hause und zogen sie
mit Erfolg in ihren Gewächshäusern. Lobel urteilt, daß sie besser als
irgend eine andere Nation die exotischen Pflanzen zu behandeln wüßten,
so daß man in ihren Gärten mehr seltene Gewächse finde als im ganzen
übrigen Europa. Leider seien dann durch die Bürgerkriege und den Kampf
der protestantisch gewordenen Bewohner gegen das sie bedrückende
katholische Haus Habsburg viele der schönsten Gärten zerstört und die
Blumenkultur vielfach vernachlässigt worden.
Vorbildlich wirkte später in Holland der 1577 angelegte botanische
Garten der Universitätsstadt Leiden, in welchem als erstem in Europa
1599 ein Gewächshaus für ausländische Pflanzen angelegt wurde. Im Jahre
1633 enthielt das Pflanzenverzeichnis des dortigen botanischen Gartens
bereits 1104 Arten. Damals beschäftigten sich Magistratspersonen,
Gelehrte und wohlhabende Bürger der verschiedensten Berufszweige
mit Vorliebe damit, durch Einführung neuer Pflanzen die Botanik und
besonders die Blumenzucht zu fördern. Kein Kauffahrteischiff verließ,
wie ein damaliger Gelehrter bemerkt, einen holländischen Hafen, dessen
Kapitän nicht dazu verpflichtet wurde, von allen Orten, an denen er
landete, Samen, Wurzelknollen und, wenn möglich, auch lebende Pflanzen
mit nach Holland zu bringen. Die angesehensten Bürger Hollands
zeichneten sich besonders durch oft recht kostspielige Bepflanzung
ihrer Gärten mit ausländischen Gewächsen aus, und es war ihnen eine
Freude, Ableger davon dem botanischen Garten in Leiden zu schenken.
Dieser Garten enthielt, als der berühmte Hermann Boerhave (geb. 1668
in Voorhout bei Leiden, seit 1709 Professor der Medizin und Botanik,
später auch der Chemie in Leiden bis zu seinem 1738 erfolgten Tode)
dort als Lehrer wirkte und alles tat, um ihn zu mehren, bereits 6000
Pflanzenarten. Dieser Gelehrte gab zuerst den Fenstern der Treibhäuser
eine schiefe Lage, indem so, wie er sagte, die größte Menge von
Sonnenstrahlen Einlaß finden konnte. In diesem für ganz Europa als
Vorbild dienenden Garten wurden übrigens zuerst zu Anfang des 18.
Jahrhunderts Pelargonien (Geranien) vom Kap der Guten Hoffnung und
andere ausländische Zierpflanzen, die bald die Gunst auch der Laien
erlangten, eingeführt und zu Zierpflanzen mit größeren Blüten gezüchtet.
Als zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Holland zuerst aus den
orientalischen Gartentulpen gefüllte gezogen wurden, brach eine neue
Ära in der niederländischen Blumenzucht an. Im Jahre 1629 zählte der
Engländer Parkinson bereits 140 Spielarten von Tulpen auf, die dort
kultiviert wurden. Bald brach in Holland eine eigentliche Tulpomanie
aus, deren Hauptsitz das diese Zierpflanze vor allem züchtende Harlem
war und hier in den Jahren 1634-1640 ihren Gipfel erreichte. Diese
Tulpenliebhabersucht, die auf einmal in Tulpenzwiebeln das höchste,
kostbarste Gut der Erde sah, ergriff Hoch und Niedrig, Arm und Reich.
Fabelhafte Preise wurden für neu auftauchende Spielarten bezahlt, so
daß ein wahrer Taumel die sonst so kaltblütigen Holländer ergriff.
Jedermann spekulierte in Tulpen und ganze Vermögen wechselten ihre
Besitzer. Durch die Tulpe Van Eyck wurde ein blutarmer Handelsgehilfe
zum mehrfachen Millionär. Eine einzige blühbare Zwiebel der Sorte
~Semper Augustus~ brachte dem glücklichen Besitzer 13000 und eine
solche von Admiral Erckhuizen 6000 holländische Gulden ein, während
eine solche von Admiral Lietkens bis 5000 Gulden eintrug. Eine Zwiebel
der Marke ~Vive le roi~ wurde gegen 2 Lasten Weizen, 4 Lasten Roggen,
4 fette Ochsen, 8 Ferkel, 12 Schafe, 2 Oxthoft (= 450 Liter) Wein,
4 Tonnen Achtguldenbier, 2 Tonnen Butter, 1000 Pfund Käse, 1 Bündel
Kleider und einen goldenen Becher eingetauscht. Im Jahre 1637 wurden
nach Hirschfeld laut vorgelegtem Register in der kleinen Stadt Alkmar
zugunsten des Waisenstifts 120 Tulpen mit ihren Brutknollen für 9000
Gulden verkauft und ein einziges Exemplar der Sorte „Vizekönig“ trug
4203 Gulden ein. In Anbetracht des damaligen Geldwertes sind das
ungeheure Summen; denn zu jener Zeit galt ein Gulden in Holland so
viel, daß man damit 1 Bushel (= 36 Liter) Weizen kaufen konnte. Ganze
Vermögen wurden in Tulpen angelegt, so daß manche Reiche in ihren
Tulpenbeeten mehr als 500 klassifizierte Varietäten besaßen. Erst als
die Behörde 1637 ein Gesetz gegen das schwindelhafte Gebaren vieler
Tulpenhändler erließ, verlor sich nach und nach dieses Tulpenfieber
und wurde die Zucht dieser Zierblume, von der man später über 1000
Spielarten unterschied, in normale, gesunde Bahnen gelenkt.
Unsere Gartentulpen entstammen also mehreren Kreuzungsprodukten,
die allerdings nicht näher bekannt sind. Der wichtigste Grundstamm
derselben bildet jedenfalls die vorgenannte, in den Steppen Südrußlands
und Westasiens heimische ~Tulipa suaveolens~, von der auch direkt
mehrere Varietäten, zum Teil mit gefüllten Blüten gezüchtet wurden.
Eine der beliebtesten Formen derselben ist die bekannte ~Duc van Toll~.
Andere, im Orient wildwachsende Arten gelangten durch Kauffahrer
nach Italien und Südfrankreich, wo sie sich teilweise einbürgerten
und verwilderten, unter ihnen vor allem ~Tulipa clusiana~, die 1606
von Konstantinopel nach Florenz kam und von hier nach Südfrankreich
weitergegeben wurde. Von ihr und von der aus der Türkei eingeführten
~Tulipa turcica~, wie auch von der in Südfrankreich, Italien und
Kleinasien gedeihenden ~Tulipa praecox~ zog man die verschiedensten
Varietäten. Von ~Tulipa turcica~ speziell stammen die monströsen
Perroquetten oder Papageitulpen mit sehr großen Blumen von schöner
gelber und roter Farbe mit weit abstehenden, zerrissenen und gefransten
Blumenblättern. Auch die ~Tulipa greigi~ aus Turkestan mit bräunlich
gefleckten Blättern und purpur- oder scharlachroten, am Grunde
schwarzen Blumenblättern ist mehrfach zur Kreuzung herbeigezogen
worden. Durch Hybridisation dieser Wildlinge mit den bereits
vorhandenen Arten von Gartentulpen und der letzteren wieder unter
sich sind seit 1800 die verschiedenen, in der Färbung von Violett-
bis Blutrot durch alle Schattierung von Gelb ins Weiße spielenden,
ein- oder mehrfarbigen bis gefleckten „Neutulpen“ entstanden. Unter
diesen unterscheidet man gegenwärtig als Hauptvarietäten Früh- und
Spätsorten. Erstere, die Frühtulpen, mit kürzerem Stengel, blühen an
einem warmen Standorte schon im April oder noch früher und lassen sich
gut treiben. Unter den Spät- oder Landtulpen -- so genannt, weil ihre
Zwiebeln kaum je in Töpfe, sondern direkt ins Gartenland gepflanzt
werden -- unterscheidet man einfarbige oder Muttertulpen (~couleurs~),
buntfarbige oder gebrochene (~parangons~), und unter diesen wiederum
Bizarden mit gelbem und Flamandes mit weißem Blütengrund. Violette
Flamandes heißen mit einem holländischen Namen ~bijbloemen~, rote
dagegen nach den Franzosen ~roses~. Die gefüllt blühenden Varietäten
werden von den Blumisten den einfachen Sorten nachgesetzt und meist
zu Teppichbeeten und Gruppen benutzt. Die Kultur der Tulpen stimmt im
wesentlichen mit derjenigen der Hyazinthen, die alsbald besprochen
werden soll, überein. Die zur Erlangung neuer Spielarten aus Samen
gezogenen Tulpen blühen meist erst im 7. Jahre, während die aus
Zwiebeln gezogenen dies im 3., ja teilweise schon im 2. Jahre tun.