Bei solch großer Bedeutung, die der Rose in Volkssitte und Religion

zukam, kann es uns nicht wundern, daß ihre von den Römern durch

Vermittlung der Klöster übernommene Kultur auch in den trüben Zeiten

des Mittelalters in Europa erhalten blieb und mancherorts sogar die

Kunst des Treibens derselben geübt wurde. So berichtet uns der Chronist

Johann von Beka von einem am 6. Januar 1249 vom gelehrten Dominikaner

Albertus, wegen seiner ausgedehnten Gelehrsamkeit Magnus, der Große,

zubenannt (1193-1280), in Köln Wilhelm von Holland gegebenen großen

Bankett, an welchem „durch wahrhaft magische Kunst“ -- wie sich der

erstaunte Berichterstatter ausdrückt -- blühende Rosen zu sehen

waren. Wenn diese Blume auch späterhin bei allen Völkern Europas die

wohlverdiente Wertschätzung genoß, so spielt sie doch im Leben des

an bunten Farben und Wohlgerüchen sich ganz besonders erfreuenden

Orientalen eine noch viel wichtigere Rolle. Speziell in ihrer alten

Heimat Persien blüht sie beinahe das ganze Jahr hindurch in köstlicher

Fülle und in herrlich duftenden gefüllten Sorten, die bei den auch dort

noch seit alter Zeit gefeierten Frühlingsfesten eine wichtige Rolle

spielen. Wie haben die persischen Dichter seit dem Firdûsi, d. h. der

Himmlische, genannten Abul Kâsim Mançûr (940-1020) bis heute die Rose

als Königin der Blumen immer wieder gefeiert und die Liebe zwischen

ihr und der Nachtigall (einer Bülbül genannten Kurzfußdrossel aus

der Gattung ~Pycnonotus~ und nicht unsere einheimische Nachtigall)

besungen. Welche Wichtigkeit kommt ihr nicht zur Herstellung des dort

allgemein beliebten Rosenzuckerwerks und der köstlichen Rosenessenz zu,

welch letztere persische Ärzte im 9. Jahrhundert zuerst destillierten.

Ersteres, das wie im ganzen Orient, so auch in der Türkei und in

Griechenland durch Einlegen der wohlriechenden Rosenblätter in Zucker

gewonnen wird, ist der volkstümlichste Leckerbissen, während mit Honig

gekochte Rosenblätter in Limonaden das beliebteste Volksgetränk der

muhammedanischen Welt bilden.

Der Gesandte des deutschen Kaisers Ferdinand II. am türkischen Hofe

in Konstantinopel, Ghislenius Busbequius, erzählt im ersten, 1554

geschriebenen Briefe aus jener Stadt, die Türken dulden nicht, daß ein

Rosenblatt auf der Erde liege, denn sie glauben, die Rose sei aus den

Schweißtropfen hervorgegangen, die Muhammed auf seiner nächtlichen

Himmelfahrt vergoß -- also die alte, nur islamisierte und ins

Prosaische übertragene Adonissage! Auf dem angeblichen Grabe des von

den schiitischen Persern verehrten 4. Kalifen Ali ben Abu Taleb, dem

treuesten Gefährten Muhammeds und Gemahl seiner Tochter Fatime, der 656

nach Othmans Ermordung zum Beherrscher der Gläubigen erhoben, aber 661

in Kufa ermordet wurde, bei Messar in der Nähe des heutigen Belch --

früher Bactra -- sah der Reisende Vambéry die wunderwirkenden roten,

angeblich aus dessen Blut hervorgesprossenen Rosen (~güli surch~), die

ihm in der Tat an Geruch und Farbe alle andern zu übertreffen schienen

und die, weil sie nach der islamitischen Lokalsage nirgends anderswo

gedeihen sollen, auch nirgends angepflanzt werden.

Diese aus Persien stammende und im Altertum über die Mittelmeerländer

verbreitete Centifolie, von der bisher ausschließlich die Rede war,

ist diejenige Unterart der in Südeuropa und Westasien heimischen

Provencerose (~Rosa gallica~), die hier im Altertum und Mittelalter

ausschließlich bekannt war. Nun wurde in der Folge die Centifolie

vielfach mit der Provencerose gekreuzt und ergab die ältesten

Rosenhybriden der Ziergärten des Menschen. Eine uralte Gartenrose

ging auch durch Kreuzung der Centifolie mit der Hundsrose hervor; es

ist dies die +Damascenerrose+, die uns wohl schon im Altertum als

zweimal blühend gerühmte Rose von Paestum entgegentritt. Wie die

Centifolie 1332 aus Persien zunächst nach Südeuropa gelangte, so

brachte der französische Ritter Robert von Brie schon vorher, zur Zeit

der Kreuzzüge, die Damascenerrose nach seinem Schloß Provins in der

Champagne, wo sie kultiviert und durch Ableger weiter verbreitet wurde.

Alle diese Rosen der älteren Gärten empfehlen sich durch

Widerstandskraft und Frosthärte von selbst, blühen aber nur einmal im

Jahre. Diesem Übelstand wurde erst in der Neuzeit abgeholfen durch

das Aufkommen der „Remontant“-Rosen, die auf verschiedene, sehr

lange Zeit blühende ostasiatische Arten zurückzuführen sind. Durch

die Einführung dieser hochkultivierten prächtigen ostasiatischen

Rosenarten nahm erst die Rosenkultur den großen Aufschwung, der

diese Pflanze heute noch mehr als früher zum bevorzugten Liebling

zahlreicher Blumenfreunde machte. Und zwar ist die +indische Rose+

(~Rosa indica~) die Ursprungsform der prächtigen ostasiatischen Rosen,

die besonders in China und Japan seit sehr alter Zeit kultiviert

werden, frühe nach Indien kamen und um 1698 aus China auch in unsere

Gärten gelangten. Zu ihnen gehören die +Bengalrosen+, die +Teerosen+

und die +Monatsrosen+. Letztere werden meist niedrig gehalten

und sind zur Einfassung von Rabatten, wie auch in Töpfen gezogen

als Stubenpflanzen beliebt und besitzen mehr flatterige, weniger

gefüllte, hellrosa Blüten. Bemerkenswerte Formen unter ihnen sind die

Hermosa und die Zwergröschen. Eine echte Edelrose ist die von ~Rosa

chinensis~ abstammende Teerose, deren Kreuzung mit der Provencerose

die Bourbonenrose, die ~Gloire de Dijon~ und ~Malmaison~ (nach der

Besitzung der rosenfreundlichen Gattin Napoleons I., Josephine,

so genannt), wie auch die ~La France~, die bevorzugte Rose der

deutschen Kaiserin, hervorgehen ließ. Letztere, die erst 1868 in den

Handel gelangte, will, wie so manche andere, nur durch Ableger auf

ungeschlechtlichem Wege sich fortpflanzende Form, schon jetzt nicht

mehr recht gedeihen. Alle diese prächtigen Rosen, zu denen auch die

angenehm duftende, gelbblühende Marschall Niel gehört, besitzen die

vorzügliche Eigenschaft, zu „remontieren“, d. h. nicht die Periode des

Blühens auf eine kurze Zeit zu beschränken, sondern ihre prächtigen

Blüten Wochen und Monate hindurch unausgesetzt zu entfalten. Sie

verdanken diese Eigenschaft der Einwirkung der indischen Rose, welche

überhaupt keiner Winterruhe bedarf und deshalb auch zur Kultur in den

Tropen empfohlen werden kann. Da aber die Stammart ein Kind der Tropen

ist, so müssen diese gegen Kälte empfindlichen Rosensorten im Winter

sorgfältig vor dem Erfrieren geschützt werden.

Schon in England, aber noch viel häufiger in Südeuropa, besonders

der Riviera, begegnet uns die in Südwestchina (Yün-nan) heimische

kletternde, stachellose +Banksrose+ (~Rosa banksiae~) mit

halbgefüllten hellgelben oder weißen Blüten und kleinen Früchten.

In unsern Gewächshäusern ist es nicht möglich, sie in so prächtiger

Entfaltung wie beispielsweise an der Riviera zu erhalten. Auch die

eigentlichen +Kletterrosen+ mit kleinen weißen oder rosenroten Blüten

in Büscheln sind in China und Japan heimisch. Zu ihnen gehört vor

allem die japanische +Büschelrose+ (~Rosa multiflora~), die mit ihren

pyramidenförmigen, reichblühenden Rispen in vielen Farben und Formen

unsere Lauben und Hauswände zieren. Die in dunkelroten, kleinblütigen

Büscheln blühende ~Crimson Rambler~ dagegen stammt von der Prärierose

des östlichen Nordamerika. Sie dauert auch in unserem Klima gut aus

und ist eine sehr anspruchslose, reichblühende Pflanze, die deshalb

sehr häufig bei uns angetroffen wird. Von Abessinien bis Yünnan in

Südwestchina heimisch ist die in den Mittelmeerländern verwilderte

+Bisamrose+ (~Rosa moschata~) mit weißen, angenehm nach Moschus

duftenden, kleinen Blüten in großen Endrispen. Sie wird neuerdings

auch bei uns kultiviert, muß aber gegen Kälte geschützt werden.

Ähnlich wie die schwarze Johannisbeere leicht nach Wanzen riechen

dagegen die dottergelben Blüten der von Kleinasien bis Afghanistan

heimischen, ebenfalls im Mittelmeergebiet häufig verwilderten +gelben

Rose+ (~Rosa lutea~), die mit den ostasiatischen Teerosen in keinerlei

verwandtschaftlicher Beziehung steht. Eine ähnliche Blütenfülle und

denselben Duft entwickelt die wahrscheinlich nur als eine Abart

dieser aufzufassende zweifarbige +Kapuzinerrose+ (~Rosa bicolor~),

deren Blumenblätter außen gelb, innen aber scharlachrot gefärbt sind.

Die +Zimtrose+ (~Rosa cinnamomea~) mit rosa bis karminroten Blüten

und braunroten Zweigen ist auf den Gebirgen Mittel- und Südeuropas

heimisch, während die auch bei uns als Fruchtstrauch kultivierte

„Kaiserin des Nordens“ mit rundlichplatten, großen, roten Früchten

in Nordasien zu Hause ist. Es ist dies ein Abkömmling der durch ihre

Frosthärte ausgezeichneten chinesischen +Runzelrose+ (~Rosa rugosa~),

die sich durch kräftiges, etwas runzliges Laubwerk auszeichnet, von

dem sich die großen dunkelpurpurroten Blüten ebenso prächtig abheben,

wie im Herbste die hochroten, kleinen Äpfeln nahekommenden Früchte,

deren Kelchblätter nicht einschrumpfen, sondern frisch und grün stehen

bleiben. Japan eigentümlich ist die +Chamäleonrose+, so genannt,

weil sie ihre Farbe wechselt. Im Schatten ist sie weiß, im Lichte

dagegen rot. Bei Nacht nimmt sie eine wachsartig weiße Farbe an.

Dies geschieht nicht auf einmal, sondern die Blüten wechseln durch

einen blauen Ton schnell zum blassen Rosa, um schließlich wachsweiß

zu werden. Bringt man die Rose dann wieder an das helle Sonnenlicht,

so nimmt sie sehr rasch wieder ihre Scharlach- oder Päonienfarbe an.

Die reizende +Moosrose+ aber ist ein Abkömmling der Centifolie, wie

die +französische+ oder +Essigrose+ mit gefüllten und halbgefüllten,

wohlriechenden, roten Blüten, die man zur Herstellung von Rosenbonbons

und Rosenlikör verwendet, ein solcher der Provencerose ist. Wie man

bei uns gelegentlich die Marschall Niel-Rose wegen ihres feinen Duftes

zur Herstellung von Bowle benutzt, so wird die herrlich duftende

morgenländische Centifolie zur Herstellung des kühlenden Scherbets,

d. h. arabisch Trank, wovon das italienische ~sorbetto~ stammt,

verwendet. Ihr gehören auch die Ölrosen von Kasanlik an, aus denen das

Rosenöl dargestellt wird. Aus zerstampften Rosenblättern fertigt man

in der Türkei mit Zusatz von Gummi schwarze Perlen an, und schwach

eingesalzene Rosenblätter finden in der Schnupftabakfabrikation

Verwendung.

Im Winter versorgt uns die Riviera mit Rosen, wie mit andern Blumen.

So führt Deutschland von dort jährlich für 3 Millionen Mark ein,

führt aber andererseits für 15 Millionen Mark veredelte Rosenpflanzen

aus. Überhaupt hat die Rosenzucht für die Gärtnerei eine sehr große

Bedeutung. Die Rosen variieren ungemein leicht und bis 1850 hat man

Neuheiten unter denselben fast nur durch Sammeln und Vermehren der

spontan entstandenen Sprungvarietäten gewonnen. Eine solche ist

beispielsweise die aus der Centifolie hervorgegangene Moosrose und

die Bourbonrose. Bei allen Pflanzen entstehen solche neue Formen

unvermittelt und zufällig. Der Mensch kann sie nicht erzeugen, nur

entdecken. Er kann dann allerdings nachträglich durch Kreuzung mit

einer verwandten Art, die gewisse, der Sprungvarietät abgehende Vorzüge

besitzt, diese seinen Wünschen entsprechend zu vervollkommnen suchen.

Die Kreuzung setzt er so lange fort, bis die gewünschte Kombination von

Eigenschaften bei seinen Pfleglingen eingetreten ist. Auf solche Weise

sind die meisten Neuheiten geschaffen worden, deren die Rosenzüchter in

ihren Katalogen insgesamt etwa 4000 aufzählen.

Noch der 1560 in Basel geborene und von 1588 bis zu seinem Tode 1624

als Professor der Botanik und Medizin daselbst wirkende gelehrte

Pflanzenkenner und Schöpfer der binären Nomenklatur, Kaspar Bauhin,

unterschied außer 19 wilden bloß 17 zahme Rosenarten. In solch

ungeahnter Fülle hat sich also seither unser Besitztum an Kulturrosen,

besonders seit der Einführung der ostasiatischen hochgezüchteten

Sorten, vermehrt. Und zwar kam zuerst 1780 die Bengalrose von niedrigem

Wuchs aus Kanton zu uns, dann 1807 die Banksrose aus Japan und China

und erst 1825 die hochstämmige Teerose ebenfalls von dorther. Die

neue Zeit vermehrte dieses Material durch Einführung weiterer neuer

Sorten und durch systematische Kreuzung. In Frankreich erreichte die

Rosenkultur durch Kaiserin Josephine in den Gärten ihres Schlosses

Malmaison und den wissenschaftlichen Begleiter Alexanders von Humboldt

auf seiner berühmten südamerikanischen Reise, den Botaniker Bonpland,

seit 1800 ihre höchste Entwicklung. In England geschah dies durch

verschiedene Privatpersonen, besonders in der Grafschaft Hertford. In

Deutschland war die Rosensammlung des kurfürstlichen Gartens in Kassel

berühmt; auch die Rosenau bei Koburg und die Pfaueninsel bei Potsdam

wiesen bedeutende Rosenkulturen auf. Die bedeutendste Rosensammlung

findet sich zurzeit im Schloßgarten zu Friedrichshof bei Kronberg im

Taunus, in denjenigen des Schlosses Monrepos bei Geisenheim am Rhein

und des Schlosses Königstein unweit von Homburg vor der Höhe.

Die Vermehrung der Edelrosen geschieht in der Weise, daß man ein Auge

auf einen Wildling der +Hundsrose+ (~Rosa canina~) überträgt, und

zwar am Wurzelhals, wenn man Buschrosen ziehen will, sonst aber auf

einem niedrigen, mittelhohen oder hohen Stamm. Auch durch Ableger,

Wurzelschnittlinge, Ausläufer und Stecklinge werden die Rosen vermehrt.

Sie können unter Umständen ein Leben von mehreren hundert Jahren

erreichen. So galt der mit seinen Ausläufern 6,5 m hohe und 7,5 m

breite Rosenstrauch auf dem Friedhof an der Außenmauer der Apsis

des Domes von Hildesheim schon im 17. Jahrhundert als uralt. Nach

Alexander von Humboldts „Ansichten der Natur“ wird dieses Rosenstocks

vermutlich schon im 11. Jahrhundert Erwähnung getan, und zwar durch

die Haushaltungsregister des Doms, in denen Ausgaben für die Pflege

eines Rosenstocks verzeichnet sind. Er ist über der Erde 50 cm dick.

Im Garten der Marineverwaltung von Toulon steht ein von Bonpland

eingesandter, 1813 gepflanzter Banksrosenstock, der heute über dem

Boden 90 cm Umfang hat und mit seinen Zweigen eine 25 m breite und

6-8 m hohe Mauer bedeckt und während seiner Blütezeit im April und

Mai oft 25000 Blüten zu gleicher Zeit aufweist. Der größte Rosenstock

Europas befindet sich aber im Wehrleschen Garten in Freiburg im

Breisgau. Dieser, ein Wildstamm, wurde von seinem Besitzer im Jahre

1881 mit einer Teerose okuliert. Diese Veredlung machte gleich gute

Fortschritte und trug im folgenden Jahre bereits 27 Blüten. Vor einem

Jahrzehnt hatte der Baum einen Flächenraum von 88 qm erreicht und

trug 7400 Blüten. Ein Jahr später entwickelte er 8000 Blüten; zwei

Jahre später nahm er schon einen Flächenraum von 89 qm ein und besaß

über 10000 Blüten. Heute wird diese Zahl noch weit überschritten. Der

1,10 m hohe Stamm besitzt einen Umfang von 34 cm. Das an Draht gezogene

Zweigwerk bildet eine große Laube.

Auch in China, das uns so herrliche Kulturrosen lieferte, wurde die

Rose seit dem hohen Altertum aus den einheimischen Wildlingen als

bevorzugte Gartenblume gezogen. Die Chinesen exportieren große Mengen

Rosenwasser, machen auch Riechkissen und Rosenbutter. In den Gärten des

chinesischen Kaisers werden Rosen in solcher Menge gezogen, daß die

daraus gewonnene Essenz jährlich gegen 100000 Mark einträgt. Aber nur

die kaiserliche Familie und die Mandarinen dürfen sich dieses Parfüms

bedienen.

Nächst der Rose ist die +weiße Lilie+ (~Lilium candidum~) eine der

vornehmsten und geschätztesten Zierpflanzen. Diese auf 1 m hohem

Stengel 5-20 reinweiße Blüten mit 5 langgestielten, in große gelbe

Antheren endigende Staubfäden tragende Pflanze wächst im östlichen

Mittelmeergebiet bis Persien und zum nördlichen Kaukasus wild,

verwildert auch sehr leicht und wurde ebenfalls in Westasien zuerst

vom Menschen in den Gärten kultiviert. Sie wird schon in den ältesten

auf uns gekommenen Gesängen der Perser und Syrier hoch gefeiert und

galt wegen der schneeweißen Farbe ihrer Blüten als das Sinnbild der

Unschuld und Reinheit. Wir sahen bereits, daß die im Alten Testament

als ~schuschan~ bezeichnete Blütenpflanze nicht die Rose, sondern eine

Lilienart, und zwar nicht sowohl die weiße, als eine farbige Lilie,

wahrscheinlich die ebenfalls glockige Blüten aufweisende Kaiserkrone

bedeutet. Mit dieser Bezeichnung einer auf dem Felde wildwachsenden

Lilie hängt auch der Name der persischen Hauptstadt Susa zusammen;

und zwar bedeutete dieses persische ~susan~ höchstwahrscheinlich die

weiße Lilie, nach der die Stadt genannt wurde. Spricht doch noch der

griechische Arzt Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. von einer

Liliensalbe (~chrísma leírinon~), „die auch die von Susa stammende

(~súsinon~) genannt wird“, und meint damit bestimmt eine aus der

weißen Lilie hergestellte wohlriechende Salbe. Wenn nun in der

Bibelübersetzung Luthers steht, daß die Baumeister den Säulen und deren

Kapitälen die Gestalt von Lilienstengeln mit deren Blüten gaben, so ist

dies dahin zu berichtigen, daß damit die auch von den Griechen als

Lilie (~leírion~) bezeichnete weiße Lotosblume, die heilige Blume des

Nils, verstanden war, die die phönikischen Baumeister in Nachahmung

der ägyptischen Vorbilder an den Stützen des reich mit Gebälk aus

Zedernholz vom Libanon ausgestatteten Tempels Jahves in Jerusalem

darstellten.

[Illustration:

Tafel 141.

Die Wasserrose des Amazonenstromes (~victoria regia~) im Botanischen

Garten von Buitenzorg auf Java.]

[Illustration: Der „tausendjährige“ Rosenstock am Hildesheimer Dom.]

[Illustration:

Tafel 142.

Eine Tulpenanpflanzung in Hillegom (Holland).]

[Illustration: Eine Hyazinthenanpflanzung in Hillegom (Holland).]

Bei den alten Griechen erwähnt schon Homer die weiße Lilie als

~leírion~ mit dem schmückenden Beiwort ~tháuma idésthai~, d. h. ein

Wunder zu sehen, und nennt die als besonders schön weiß zu bezeichnende

Haut des Helden Ajax als ~leírios~, d. h. weiß wie die Lilie. Wie die

orientalische gefüllte rote Rose der Liebesgöttin Aphrodite-Venus,

so war die hehre weiße Lilie bei den Griechen und den später von

jenen hochgradig beeinflußten Römern der Hera-Juno, der Gattin des

höchsten der Götter, Zeus-Jupiter, heilig. Ein in den Geoponika uns

überlieferter griechischer Mythos tut uns kund, daß diese Blume aus der

Milch der Himmelsfürstin hervorgegangen sei. Es heißt dort nämlich:

„Als Alkmene (die Tochter des Königs Elektryon von Mykene und Gemahlin

des Amphitryon, Enkels des Perseus und Sohnes des Alkaios, Königs von

Tiryns) den Herakles -- den sie von Zeus empfing -- geboren hatte,

welcher eigentlich sterblich war, wollte ihm Zeus (sein Vater) die

Unsterblichkeit verleihen und legte ihn zu diesem Zwecke heimlich an

die Brust der schlafenden Hera. Der Knabe trank sich da tüchtig satt,

aber wie er abließ, floß noch Milch in Strömen aus, und was davon an

den Himmel kam, bildete dort die Milchstraße, was aber auf die Erde

lief, das brachte die Lilie hervor, die demnach die milchweiße Farbe

trägt.“

Im alten Griechenland wurde im Gegensatz zur einheimischen wilden

Lilie, die ~krínon~ hieß, die aus dem Orient dahin gelangte weiße Lilie

als ~leírion~ bezeichnet. Der griechische Komödiendichter Aristophanes

(455-387 v. Chr.) erwähnt aus ersterer hergestellte Kränze, letztere

dagegen beschreibt Theophrast in seiner Pflanzengeschichte. Von den

Griechen Unteritaliens lernten dann die Römer die weiße Gartenlilie

des Orients kennen, wobei sie das griechische ~leírion~ sich als

~lilium~ mundgerecht machten. In einer der Eklogen Virgils (70-19

v. Chr.) trägt der altitalische Wald- und Feldgott Silvanus einen Kranz

von (vermutlich bunten wilden) Lilien, und an einer Stelle der Aeneis

summen die Bienen um weiße Lilien (~candidum lilium~). Bei Columella

werden weiße Lilien für die Bienen in Gärten gezogen, und in einer

Elegie läßt Properz (45-22 v. Chr) das Wohlwollen der Nymphen durch

weiße Lilien gewinnen. Plinius schreibt über sie: „Fast so edel wie

die Rose ist die Lilie, die ebenso zur Herstellung von Salbe und Öl

benutzt wird; letztere heißt ~lirinon~. Die Lilie beginnt in der Zeit

zu blühen, da die Rosen in voller Blüte stehen, und gewährt dann,

zwischen ihnen stehend, einen herrlichen Anblick. Der Stengel, auf dem

die Blume steht, hat oft drei Ellen Höhe, die Blume selbst aber steht

auf einem schwachen Stiele, der nicht imstande ist, sie aufrecht zu

tragen. Sie ist blendend weiß, auswendig gestreift, am Grunde schmal,

nach außen allmählich becherförmig erweitert, mit zurückgebogenen

Rändern. Der Stempel (~pilum~) ist dünn, die Staubgefäße (~stamina~)

haben die Farbe des Safrans (~crocus~). Der Geruch des Kelches

(~calyx~) ist von demjenigen der Staubgefäße etwas verschieden: bei

Bereitung der Salbe und des Öles werden aber auch die Blätter nicht

verachtet.“

Wie die Lilie nach griechischem Vorbild der Juno heilig war, galt

sie den Römern auch als Sinnbild der Hoffnung und in der Kaiserzeit

als Emblem des Thronfolgers. Auf einigen römischen Münzen, die

solchen Thronfolgern galten, findet sich auf der Rückseite eine

Lilie abgebildet mit der Umschrift: ~spes populi romani~ (Hoffnung

des römischen Volkes). Die ältere antike Auffassung, die in dieser

reinweißen Blume ein Symbol der Reinheit und Unschuld sah, übernahm

dann die christliche Kirche, die die schöne, feierliche Blume der

Himmelskönigin Maria als Sinnbild ihrer reinen, unbefleckten Empfängnis

in die Hand gab. Später bemächtigte sich der Aberglaube dieser Blume

und ließ sie aus den Gräbern unschuldig Hingerichteter hervorwachsen.

Allgemein herrschte im Mittelalter der Glaube, daß der Mönch, der eine

Lilie in seinem Chorstuhle fand, drei Tage hernach sterben müsse. Ein

hochbegabter Abt der Benediktinerabtei Corvey an der Weser wurde,

wie eine Chronik meldet, durch einen solchen Fund in so gewaltigen

Schrecken versetzt, daß er den Tod davontrug. Sein Nachfolger bekannte

sich in seiner letzten Beichte schuldig, die Lilie selbst hingelegt zu

haben, um sich die angesehene Stellung seines Opfers zu verschaffen.

Wie in der Geschichte Englands die rote und weiße Rose, so spielte

in Frankreichs Geschichte die Lilie eine bedeutende Rolle. Nach der

Legende überreichte ein Engel dem Frankenkönig Chlodwig aus dem

Geschlechte der Merovinger, der 16jährig seinem Vater Childerich als

König der salischen Franken im heutigen Belgien folgte, 486 durch

den Sieg bei Soissons über den römischen Statthalter Syagrius das

Seinegebiet eroberte und 496 die Alamannen schlug, als er darauf mit

3000 Franken in Reims zum Christentume übertrat, einen Lilienstengel.

Später waren -- seit 1150 nachweisbar -- vermutlich aus Lanzenspitzen

zu stilisierten Blumen umgewandelte Lilien das königliche Wappen

Frankreichs, das von da an durch die ganze Geschichte Frankreichs

als Symbol des legitimen Königtums eine wichtige Rolle spielte, und

zwar waren es seit Karl VI. (1380-1422) deren in der Regel drei,

während vorher ihre Zahl unbestimmt gewesen war. Nicht nur in Wappen

und Siegel, auch auf Szepter, Kronenreifen, in Stickereien auf den

Gewändern der Könige und auf Wappenröcken der Herolde erschienen die

berühmten ~fleurs de lis~. Und nach dem Aussterben der Kapetinger

mit Karl IV. im Jahre 1328 hielt die Seitenlinie der Valois bis zur

Hinrichtung Ludwigs XVI. und dann von 1815-1830 die Bourbonen die drei

Lilien als königliches Abzeichen bei.

Daß eine solche schon in ihrem stolzen Aussehen wahrhaft königliche

Blume auch sonst ohne sinnbildliche Bedeutung dekorativ eine große

Rolle spielte und auf allerlei Geweben, besonders Tapeten, nachgebildet

wurde, ist selbstverständlich. Außerdem wurden von mehreren Regenten

auch Lilienorden gestiftet, so z. B. um 1413 von Ferdinand, König von

Arragonien, 1546 vom Papste Paul III. (Alexander Farnese, geb. 1468,

regierte von 1534-1549, bestätigte den Jesuitenorden, ordnete 1542

eine allgemeine Inquisition zur Unterdrückung des Protestantismus an,

eröffnete 1445 das bis 1563 dauernde Konzil von Trient, war ein Gönner

der Künstler und Literaten), und zuletzt 1814 von dem nach dem Sturze

Napoleons I. zum Könige erhobenen Ludwig XVIII. Die Anhänger der mit

ihm zur Herrschaft gelangenden Bourbonen trugen die Lilien als Protest

gegen das Veilchen, womit sich die Getreuen des gestürzten Korsen

kenntlich machten.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 49 / 81 段