ihre Kolonien daselbst gründenden Griechen. In ihrer Gesellschaft
befand sich jedenfalls auch die morgenländische weiße Lilie, deren
griechischer Name ~leírion~ in das lateinische ~lilium~, und der
griechische Pluralis ~róda~ in ~rosa~ verwandelt wurde. Im späteren
Italien hat diese heilige Blume der Aphrodite-Venus bei den Festen der
Vornehmen eine sehr bedeutende Rolle gespielt. Schon der Redner Cicero
(106-43 v. Chr.) nennt die Rose da, wo er ein Leben voll Üppigkeit
bezeichnen will. Und es war in der Tat orientalische Ausschweifung,
wenn, wie Athenaios (um 200 n. Chr.) uns berichtet, Kleopatra in
Kilikien, wohin sie dem Marcus Antonius, um ihn für sich zu gewinnen,
entgegengezogen war, diesen in Speisezimmern bewirtete, deren Boden
eine Elle hoch mit Rosen bedeckt war. Damit man sich nicht in ihnen
mit den Füßen verfing, war über sie ein feines Netz gezogen. Die
Kosten für diese kleine Überraschung betrugen ein Talent, d. h. 4500
Mark. Derselbe Athenaios berichtet von dem im 4. Jahrhundert v. Chr.
über Syrakus herrschenden grausamen Tyrannen Dionysios, daß er die
Fußböden seines Palastes mit Feldthymian und Rosen bedecken ließ und
sich dann darauf herumwälzte, um in Wohlgerüchen zu schwelgen. Es war
eine Nachahmung der üppigen Sitten bithynischer Fürsten, wenn sich der
römische Beamte Gajus Verres, der von 73-71 v. Chr. Statthalter von
Sizilien war und während seiner dortigen Amtsführung nicht weniger als
40 Millionen Sesterzien, d. h. 6 Millionen Mark erpreßte, weswegen
er im Jahre 70 angeklagt wurde, wobei Cicero als Anwalt der Bewohner
Siziliens seine berühmten Verrinischen Reden hielt, den für die
Begriffe der Römer der damaligen Zeit ganz unerhörten Luxus leistete,
mit Rosen bekränzt in seiner Sänfte auf Rosenkissen zu ruhen und
dabei ein mit Rosen gefülltes Netzchen an die Nase zu halten. Die
diesbezügliche Stelle in der Rede Ciceros gegen Verres lautet wörtlich:
„Als unser Feldherr Verres seine Residenz in Syrakus aufgeschlagen
hatte, ließ er sich, sobald es Rosen gab, in einer Sänfte herumtragen,
in welcher das Polster mit Rosen ausgestopft war; dabei hatte er einen
Kranz von Rosen auf dem Kopfe und einen andern solchen um den Hals, und
vor die Nase hielt er sich ein aus ganz zarten Leinfäden gestricktes,
engmaschiges, mit Rosen gefülltes Netzchen.“
Solche Verschwendung wurde noch bei weitem von den an Größenwahn
leidenden Cäsaren Roms übertrumpft. Berichtet doch Spartianus von
dem römischen Kaiser Aelius Verus, dem Adoptivsohn des Antoninus
Pius, der 161 von Mark Aurel zum Mitregenten erhoben wurde und 169 zu
Altinum in Venetien starb, er habe auf einem Bett geschlafen, das mit
Rosenblättern gefüllt war, denen das Weiße, also der Nagel, genommen
worden war. „Seine Decke bestand aus Lilien und sein Körper war mit
persischen Salben parfümiert. Von ebenso gereinigten Rosenblättern und
von Lilien ließ er oft die Polster machen, worauf beim Schmause die
Gäste lagen, desgleichen auch die Tische selbst.“ Es handelt sich also
hier um mit Rosen- und Lilienblättern gefüllte Kissen, die gelegentlich
auch von anderen üppigen Kaisern benutzt wurden, wenn es sich um
besonderen Pomp bei festlichen Anlässen handelte. So berichtet uns der
Geschichtschreiber Aelius Lampridius in seiner Biographie des Kaisers
Heliogabalus (der auf Anstiften seiner Großmutter Julia Maesa, der
Schwägerin des Kaisers Septimius Severus, 218 17jährig als Oberpriester
des Gottes Elagabal, dessen Namen er annahm -- er hieß eigentlich
Avitus Bassianus -- in Emesa in Syrien von den syrischen Legionen zum
Kaiser ausgerufen wurde, 219 in Rom einzog, wohin er den orgiastischen
Dienst seines syrischen Gottes verpflanzte und wo er schwelgerisch
und wollüstig lebte, bis er 222 von den Prätorianern ermordet wurde):
„Kaiser Heliogabalus speiste öfter auf Kissen, die mit Rosen(blättern)
gefüllt waren, hatte mit Rosen(blättern) ausgestopfte Betten und
spazierte in Säulenhallen, deren Boden mit Rosen bedeckt war. Er
wechselte auch mit der Blume und gebrauchte statt der Rosen Lilien,
Veilchen, Hyazinthen oder Narzissen. Er füllte auch Bassins mit Rosen-
oder Wermutwein, badete sich darin, trank sich dabei an dem Wein, worin
er saß, voll und lud zugleich das Volk ein mitzutrinken.“
Von Kaiser Gallienus (253 Mitregent seines Vaters Valerianus, von 260
an Alleinherrscher, bis er 268 in Mailand ermordet wurde) berichtet
uns Trebellius Pollio: „Kaiser Gallienus baute öfter im Frühjahr ganze
Villen von Rosen und Burgen aus Obst, bewahrte Trauben drei Jahre lang
auf, traktierte seine Freunde mit Melonen und setzte ihnen in Monaten,
in welchen eigentlich keine zu haben waren, frische Feigen und andere
Obstarten vor.“
Sich mit Rosen zu umgeben galt bei den Machthabern des Altertums als
ein Zeichen fürstlichen Prunkes. So berichtet Florus von dem syrischen
Könige Antiochos III., dem Großen, der seine Herrschaft über Kleinasien
auszudehnen suchte und infolge davon 192 mit den Römern in Krieg geriet
und nach zwei unglücklich verlaufenen Schlachten 190 ganz Kleinasien
diesseits des Taurus an jene abtreten mußte: „Als Antiochus, König von
Syrien, gegen die Römer Krieg führte, hatte er sich zur Winterszeit
auf Euboea gelagert; seine Zelte bestanden aus Gold und Seide, von
allen Seiten waren Rosen herbeigeschafft und Flötenspieler sorgten
für gute Unterhaltung.“ In diesem Bericht und in anderen ähnlichen
Inhalts besteht das Luxuriöse gerade darin, im Winter Rosen haben zu
wollen, wenn sonst niemand welche hatte. Dazu wurden sie entweder
in mit Marienglas gedeckten Kästen getrieben, wie uns dies Martial
in einem Epigramm für Rosen und Lilien mitteilt und auch Palladius
im 4. Jahrhundert n. Chr. noch erwähnt, oder aus wärmeren Gegenden,
besonders Nordafrika, bezogen. Auch Süditalien, wo, wie in Paestum
nach der Angabe des Dichters Vergil in seiner Georgica die Rosen
zweimal Blüten trugen, lieferte solchen Leuten, die sich nach der
Bezeichnung des Seneca, des Erziehers und Leiters des jugendlichen
Nero (2-65 n. Chr.), in einer seiner Episteln „durch naturwidrige
Mittel im Winter Rosen zu verschaffen suchen“, das Gewünschte. Hier
wurden die Rosen nach der Angabe des Plinius (23-79 n. Chr.) in der
Weise vorzeitig zum Blühen gebracht, daß man „einen Fuß von der Wurzel
des Stockes entfernt einen Graben zog und in diesen warmes Wasser
goß“. Dasselbe empfiehlt auch drei Jahrhunderte später Palladius,
der rät, zweimal täglich warmes Wasser hineinzugießen. Auf solche
Weise war es den Herren der Welt möglich, wie der jüngere Claudius
Mamertinus in seinem ~Panegyricus Juliani~, d. h. der Lobschrift
über den Kaiser Julianus Apostata (361-363), sagt, an den Tafeln bei
ihren Gastmählern „wunderbare Vögel und Fische aus fernen Meeren,
Obstsorten, die zu ganz anderer Zeit reifen, Schnee im Sommer, Rosen
im Winter beim Schmause zu verbrauchen“. Daß solche Extravaganzen
nicht billig zu stehen kamen, ist sehr wohl begreiflich. Doch in Rom,
das so viele andere Völker ausgeraubt hatte, gab es genug sehr reiche
Leute, die sich diese Vergnügungen leisten konnten. So berichtet der
römische Geschichtschreiber Suetonius (70-140 n. Chr.), der einstige
Geheimschreiber des Kaisers Hadrian, daß bei einer Festlichkeit, die
ein Freund des Kaisers Nero (geboren 37, regierte von 54-68 n. Chr.)
mitten im Winter gab, die Beschaffung der Rosen allein die Kleinigkeit
von 4 Millionen Sesterzien = 600000 Mark kostete.
Diese nun einmal zum Lebensgenuß gehörende schöne Blume zierte auch
die Liebenden, um so mehr, weil sie das Sinnbild der Liebesgöttin
selbst war. Wie die Reichen beim Schmause in Rosen lagen, schenkte der
Liebende seiner Geliebten die Blume Aphrodites. Schon beim römischen
Komödiendichter Plautus (254-184 v. Chr.) treffen wir als liebkosende
Anrede den Ausdruck ~rosa~, ~mea rosa~, meine Rose. Wie das Haupt
der Tänzerin, der Flötenspielerin und des weinschenkenden Knaben von
einem Rosenkranze umwunden war, bekränzte der Trinkende sich selbst
und seinen Becher mit der Dionysos selbst geheiligten Blumenzier. Von
Anakreon im 6. vorchristlichen Jahrhundert an tönt uns bei den Lyrikern
immer wieder als Ausdruck ausgelassener Lebensfreude die Aufforderung
entgegen: Laßt uns mit schönblühenden Rosen bekränzen und trinken! Vom
Griechen lernte der Römer, so daß bald auch bei ihm Sinnentaumel und
Rosen zusammengehörten. So singt Martial: „Wenn der Sorgenlöser rast,
wenn die Rose herrscht, wenn die Haare feucht sind vom Taumel, dann...“
Und wie Dionysos, der Gott des Natursegens, zugleich auch der Führer
und Herrscher der Abgeschiedenen war, so schmückte man auch die Toten
und deren Gräber mit Rosen. Wie der Lorbeer Ruhm, so bedeutete die Rose
Liebe und Verehrung, und beides wollten die Einwohner von Cremona dem
Kaiser Vitellius bezeugen, als er, nachdem sein Heer bei jener Stadt
im Herbst 69 von den Legionen Vespasians geschlagen worden war, das
Schlachtfeld besichtigte. „Da“, so sagt uns der Geschichtschreiber
Tacitus, „bestreuten die Cremonenser seinen Weg mit Lorbeer und Rosen,
errichteten ihm Altäre und brachten ihm Opfer dar.“
Auch zu wohlriechenden Essenzen und Salben fand die Rose vielfach
Verwendung. So findet Plinius, daß kein Land so passend sei zur
Bereitung wohlriechender Salben, als Ägypten und dann Campanien wegen
seines Überflusses an Rosen. Derselbe Autor gibt an, daß aus Rosen
das Rosenöl (~oleum rhodinum~) bereitet werde, worunter aber nicht
das von uns verstandene Produkt zu verstehen ist; denn die Kunst
der Destillation war dem Altertum noch unbekannt. Palladius im 4.
Jahrhundert n. Chr. sagt uns, wie solches bereitet wurde: „Um Rosenöl
(~oleum roseum~) zu bekommen, braucht man auf 1 Pfund Olivenöl 1
Unze gereinigte Rosenblätter und hängt die Mischung 7 Tage lang in
Sonnen- und Mondenschein.“ Sehr beliebt war auch der Rosenhonig und
der Rosenwein, deren Herstellung uns derselbe Autor in folgender Weise
schildert: „Rosenhonig (~rhodomeli~) entsteht, wenn man Rosensaft mit
Honig mischt und die Masse 40 Tage an die Sonne hängt. -- Der Rosenwein
(~vinum rosatum~) ist ein Wein, in welchem 30 Tage lang Rosenblätter
gelegen haben und der alsdann einen Zusatz von Honig erhält.“ Plinius
aber rät den Rosenwein in der Weise zu bereiten, „daß man zerstoßene
Rosenblätter in einem Leinwandsäckchen drei Monate in Most liegen
läßt. Man preßt auch die Blumenblätter entweder für sich samt den
Nägeln (~unguis~, d. h. den farblosen Blumenblattstielen), oder man
legt sie, nachdem man die Nägel abgeschnitten hat, in Öl oder Wein,
läßt sie so an der Sonne stehen und sondert sie dann durch Pressen von
der Flüssigkeit. Einige fügen auch Salz bei. Man nimmt auch recht gut
riechenden Blumenblättern die Nägel, zerreibt sie, preßt sie in dichter
Leinwand aus und kocht den Saft bei gelindem Feuer bis zur Honigdicke
ein.“ Auch Rosenplätzchen (~rodís~), die uns der griechische Arzt
Dioskurides um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt, waren
beliebt, und sein 150 Jahre später in dem üppigen Alexandreia lebender
Volksgenosse Athenaios empfiehlt als Leckerbissen: „Es gibt eine
herrlich duftende Speise, welche ~rodoniá~ heißt. Um sie zu bereiten,
mischt man Rosenblätter, die im Mörser zerrieben sind, Gehirn von
Hühnern und Schweinen, Eidotter, Olivenöl, Fischsülze, Pfeffer, Wein,
reibt alles gut durcheinander und kocht bei gelindem Feuer.“
Plinius schreibt der Rose zusammenziehende und kühlende Eigenschaften
zu. Er sagt von ihr in seiner Naturgeschichte: „Von den Blumen unserer
Gärten werden fast nur Rosen und Veilchen zu Kränzen verwendet. Aber
noch mehr Rosen als zu Kränzen werden zu anderen Zwecken gebraucht.
Man legt sie in Öl, was schon zur Zeit Trojas geschehen ist; man
verbraucht sie zu Salben; auch werden sie zu Pflastern und Augenmitteln
verwendet; sie würzen die Speisen und solche Würze schadet nicht.
Unsere Gärtner geben den Rosen aus Praeneste (in Latium) und aus
Campanien den Vorzug; andere rühmen die milesischen (von Milet an der
kleinasiatischen Küste), welche die glühendste Farbe, aber nicht über
12 Blumenblätter haben. Überhaupt unterscheidet man die Rosen nach
der Menge der Blumenblätter, nach Farbe und Geruch und danach, daß
sie mehr rauh oder glatt sind. Die kleinste Zahl der Blumenblätter
ist 5; es gibt aber auch welche mit mehr, und selbst eine mit 100
Blumenblättern (~centifolia~), sie wächst in Campanien und bei Philippi
(in Mazedonien), zeichnet sich aber nicht durch Wohlgeruch aus. Caepio,
der unter Kaiser Tiberius schrieb, daß man die Centifolie nicht zu
Kränzen verwende, sie höchstens an den Enden solcher anbringe, da sie
sich weder durch ihren Geruch, noch durch Schönheit empfehle. Die in
der Cyrenaika (zwischen Tripolis und Ägypten) heimischen Rosen riechen
am besten und geben daher die beste Salbe. Die Rosen zu Karthago und
in Spanien blühen den ganzen Winter hindurch. Nur eine Rosenart wird
gepfropft, nämlich die blasse, stachelige mit 5 Blumenblättern.“ Und
Palladius empfiehlt: „Um Rosenknospen lange frisch zu erhalten, macht
man in ein grünes, stehendes Pfeilrohr (~canna~ = ~Arundo donax~) von
der Seite einen Spalt, schiebt die Knospe hinein und läßt das Rohr
sich wieder schließen. Zur Zeit, da man die Knospe wieder haben will,
schneidet man das Rohr durch. Manche tun auch Rosen in einen weder
ausgepichten, noch glasierten Topf, schließen ihn gut und vergraben ihn
unter freiem Himmel.“
Bei solchem großen Bedarf an Rosen ist es begreiflich, daß die Rosen
sehr häufig neben anderen Blumen in den Gärten der Griechen und
Römer gezogen wurden und vielfach von stationären und wandernden
Blumenhändlern feilgeboten wurden. Schon Varro empfiehlt in der
republikanischen Zeit Roms als vorteilhaft für solche, die in der Nähe
der Stadt ein Grundstück besitzen, Veilchen- und Rosengärten (~violaria
ac rosaria~) anzulegen. Wie solche zu behandeln seien, erklärt
Palladius. „Im Februar werden die Rosenbeete (~rosarium~) angelegt,
und zwar durch Stecklinge (~virgultum~) oder durch Samen. Nicht die
gelben Blütenteile (also die Staubbeutel) mitten in der Rose sind die
Samen, diese stecken vielmehr in den birnförmigen Beeren, deren Reife
man daran erkennt, daß sie braun und weich werden. Alte Rosenbeete
werden im Februar behackt und alle dürren Zweige an den Sträuchern
werden dann abgeschnitten. An leere Stellen pflanzt man aus Stecklingen
gezogene junge Stöcke. -- An warmen Stellen kann man die Rosenbeete
auch im November anlegen. Hat man nicht Reiser genug, um Stecklinge zu
machen, so schneidet man Zweige ab, legt sie wie Ableger (~propago~) in
die Erde und hilft mit Dünger und Wasser nach.“ Und in den Geoponika
rät ein griechischer Autor: „Will man Rosen haben, die früh blühen, so
setzt man sie in Blumentöpfe, stellt diese in der kalten Jahreszeit
bei Kälte in ein sonniges Zimmer, bei Sonnenschein und warmem Wetter
aber ins Freie, wie man es mit den Kürbissen und Gurken macht. Hält
man Rosen, die sich eben öffnen, in Schwefeldampf, so werden sie
augenblicklich weiß.“
Wie die Rose das Sinnbild der blühenden Jugend, der Liebe und
Fruchtbarkeit war, so galt sie den Römern auch, weil die zahlreichen
Blumenblätter das Innere verhüllen, als Zeichen der Verschwiegenheit
und wurde deshalb in den Speisesälen über der Tafel aufgehängt
und bei Trinkgelagen in Kränzen um die Becher gewunden, um vor
Plauderhaftigkeit in der Weinseligkeit zu warnen. Eine Nachahmung
dieses altrömischen Brauches war es, wenn der mönchisch strenge Papst
Hadrian VI. (1522-1523), der auf die Abstellung der kirchlichen
Mißbräuche und Zurückführung des römischen Hofs auf apostolische
Einfachheit bedacht war, als Symbol der Verschwiegenheit Rosen an den
Beichtstühlen anbringen ließ. Der bekannte Ausdruck: ~sub rosa~ (unter
der Rose, d. h. im Vertrauen) hat hierin den Grund seiner Entstehung.
Bei der Christianisierung des sich zersetzenden Römerreiches zog mit
dem Eindringen der neuen Religion die sogenannte Arkandisziplin, d. h.
Geheimlehre, welche die von den heidnischen Mysterien herübergenommene
Praxis, Taufe, Abendmahl, Salbung, Glaubensbekenntnis und Herrengebet
vor den Nichtgetauften geheim zu halten gebot, auch die Rose in ihren
symbolisierenden Kreis, indem sie das rote Blut Christi und rote
Rosen in Wechselbeziehung zueinander treten ließ, wie verschiedene
Katakombenbilder andeuten. Rosen und Rosenkränze wurden zu Symbolen
des Martyriums und dienten den die Gedenktage solcher Feiernden
zum Ausschmücken der Martyrergräber. Da mit der Erklärung des
Christentums als Staatsreligion durch Konstantin im Jahre 323 die
heidnischen Kulte unter christlichem Gewande weiterbestanden, so
ging die Rose von dem Dienste der Isis mit dem Horusknaben auf dem
Arm in denjenigen der gleicherweiser dargestellten und verehrten
Maria mit dem Jesusknaben auf dem Arm über. Als Himmelskönigin wurde
Maria durch die Rose symbolisiert (~rosa mystica~) und diese Blume
-- einst der Aphrodite-Isis heilig -- wurde die Marienblume ~par
excellence~, mit der man die Marienbilder im Marienmonat, dem Mai,
vorzugsweise schmückte und über die sich die Dichter des Mittelalters
in überschwenglichen Allegorien ergingen. In vielen Legenden wird sie
gefeiert und dient öfter als Veranlassung zur Gründung einer Kirche
oder Kapelle. Man denke nur an die berühmte Sage, die sich an den
uralten Rosenstock von Hildesheim knüpft. In anderen Fällen wird sie
als Liebeszeichen der Himmelskönigin vom Himmel auf die Erde gesandt,
und dieser zu Ehren wird auch die bei Buddhisten und Muhammedanern
gebräuchliche Gebetschnur, als deren Vorgänger sich christliche Mönche
und Einsiedler zum Abzählen ihrer Gebete und Psalmen loser kleiner
Steinchen bedienten, Rosenkranz genannt.
Im Mittelalter, wo so viele Kulturen zugrunde gingen, blieben doch
Rose und Lilie als besonders der Himmelsmutter geweihte und mit ihr
in Zusammenhang gebrachte Blumen, die zudem verhältnismäßig leicht
zu ziehen waren, in den Gärten Mitteleuropas gewöhnlich. Die Dichter
dieser Zeit, denen keine große Auswahl solcher Blumen für ihre
Schilderungen zu Gebote standen, sprechen öfter von diesen beiden
Edelblumen, die die himmlische Anmut und Reinheit der heiligen
Jungfrau darstellen sollten. Und wie gotische Kirchen sich mit
steinernen mystischen Rosen schmückten, so pflegte auf den Bildern
der Verkündigung der Erzengel Gabriel den schlanken Lilienstengel
zu tragen, deren weiße Blüten aber charakteristischerweise nur
Blumenkelche ohne Staubfäden -- zur Versinnbildlichung der unbefleckten
Empfängnis -- aufweisen.
Auch in die Wappensprache jener infolge des starken Vorherrschens
der Analphabeten bildlich denkenden Zeit gingen beide Blumen über.
Wie drei Lilien, die angeblich aus Lanzenspitzen hervorgegangen sein
sollten, seit 1150 das königliche Wappen und das Sinnbild des legitimen
Königtums Frankreich waren, die auch der Jeanne d’Arc, der Jungfrau
von Orleans, bei ihrer Erhebung in den Adelstand durch Karl VII. am
17. Juli 1492 verliehen wurden, so bildete im 15. Jahrhundert die rote
und die weiße Rose das Abzeichen der Parteigänger der Häuser Lancaster
und York in den Wirren, die bei der Schwäche des Königtums in England
wüteten.
Auch auf Münzen erscheint die Rose nicht selten; ferner gewann sie
als geheimnisvolles Symbol der mittelalterlichen Bauhütten eine große
Bedeutung, die sich bei den Freimaurern bis auf den heutigen Tag
erhielt. In den Kelchblättern der Rosenknospe ist nämlich deutlich
das Pentagramm oder der Drudenfuß, das wahrscheinlich von den alten
Ägyptern übernommene geheime Erkennungszeichen der Pythagoräer, das
auch bei den Kelten als Druidenfuß ein heiliges Zeichen war und auf
alten gallischen Münzen nicht selten abgebildet ist, in der spiraligen
Aufeinanderfolge der einzelnen Blätter zu erkennen. Die geometrischen
Proportionen desselben bezeichneten die Jünger der Baukunst seit dem
hohen Altertum als göttliche Proportionen oder goldenen Schnitt, weil
alle ästhetisch schöne Baukunst von den altägyptischen Tempeln bis zu
den gotischen Domen des Mittelalters bewußt oder unbewußt in deren
Gesetzen wurzelt. Am häufigsten sind sie im Grundriß des Hauptschiffes
und in der Fassadengliederung zu erkennen.
Wie bei den Kulturvölkern des Altertums wurden auch bei den
Deutschen und den anderen europäischen Völkern des Mittelalters als
Frühlingsfeier Rosenfeste in sogenannten Rosengärten gefeiert; es
waren dies von Rosenhecken umgebene Plätze, in denen die Festfeiernden
mit Rosen geschmückt zusammenkamen. Solche Rosengärten gab es bei
allen größeren Städten, in Worms sogar zwei. Und da später statt
~rosa~ mehrfach die Bezeichnung ~flos campi~ benutzt wird, so läßt
sich daraus schließen, daß sich die Rosengärten allgemein als mit
Blumen eingefaßte Plätze zur Abhaltung von Volksfesten umschreiben
lassen. Schon der altdeutsche Sänger sagt: „Diu rôse ist diu schoenste
under aller blüete“, daher ist auch jener höchst anspruchslosen
Zeit der Rosengarten der schönste unter allen Gärten, mit dem die
herrlichsten Dinge verglichen werden. Bei dieser großen Beliebtheit und
Volkstümlichkeit der Rosengärten ist es kein Wunder, daß sie dann auch
in Sage und Dichtung eine nicht unwichtige Rolle spielten. Es sei hier
nur an den zu Ende des 13. Jahrhunderts von einem ritterlichen Sänger
gedichteten „Kleinen Rosengarten“, der die Kämpfe Dietrichs von Bern
(des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen, der 489 Odoaker bei Verona
besiegte und deshalb in der Sage als Dietrich von Bern weiterlebt)
mit dem Zwergkönig Laurin und dessen Zaubergarten schildert, und
an den von demselben Verfasser stammenden „Rosengarten von Worms“
erinnert, welch letzterer, der neben Rosen auch andere schöne Blumen
trug, vom Nibelungenhelden Siegfried mit elf anderen Helden für die
von ihm in Liebe umworbene Kriemhild, der Tochter des Königs Giebich
von Worms, bewacht wurde. Auch bei den festlichen Veranstaltungen
der Ritterzeit, besonders des 14. Jahrhunderts, spielte die Rose mit
anderen Blumen eine große Rolle. In diesem kriegerischen Zeitalter
wurden mit Vorliebe, wie wir auch auf zeitgenössischen Malereien und
Elfenbeinschnitzereien sehen, von festlich geschmückten Damen eine
für diesen besondern Zweck erbaute sogenannte Minneburg verteidigt,
die dann von den Herren eingenommen werden mußte. Als Wurfgeschosse
dienten allerlei Blumen, besonders Rosen, dann kleine Früchte,
Kuchen und andere Leckereien, statt siedenden Wassers wurden Parfüms
herabgegossen, bis endlich die Ritter unter einem Blumenregen die Burg
erstürmten und die Damen gefangen nahmen.
Die bei den Römern noch in spätester Zeit gefeierten Rosenfeste,
~rosaria~ oder ~rosalia~ genannt, bei welchen man an verschiedenen
Tagen des Mai und Juni die Gräber mit Rosen schmückte und gemeinsame
Mahlzeiten abhielt, bei denen den Teilnehmern Rosen als die Gabe der
Jahreszeit verabreicht wurden, erhielten sich in Illyrien und auf der
Donauhalbinsel als ~rusalia~ weiter, und aus diesem mit Pfingsten in
Zusammenhang gebrachten Frühlingsfest entwickelte sich bei den Serben,
Slowenen, Weiß- und Kleinrussen, in ähnlicher Weise auch bei den
Walachen und Albanesen das fröhliche Naturfest ~rusalija~. Bei diesem
wurde dann in Mißverstehung des ursprünglichen Sinnes des von ~rosa~
her genannten Festes die Sage von Russalky geheißenen überirdischen
weiblichen Wesen abgeleitet, die um diese Zeit Feld und Wald beleben
und Fruchtbarkeit spenden sollen.
Mit diesem römischen Rosenfeste hängt auch die im Frühling, am vierten
Fastensonntage, dem Sonntage Lätare, vom Papst in feierlichem weißem
Gewande in Gegenwart des Kardinalkollegiums in einer mit Rosen
geschmückten Kapelle am Altare geweihte goldene Rose, die hernach
als segenbringend an Fürsten und Fürstinnen, auch Kirchen und Städte
verschenkt wurde. Er tauchte sie zuerst in Balsam, bestreute sie dann
mit Weihrauch, besprengte sie mit Weihwasser und betete indessen
zu Christus als der Blume des Feldes und zu Maria als der Lilie
des Tales. Als besondere Auszeichnung erhielt unter anderen auch
Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen kurz vor der Einführung der
Reformation, ebenso in jüngster Zeit die wahnsinnige Kaiserin Charlotte
von Mexiko und die bei aller Lasterhaftigkeit höchst bigotte Königin
Isabella II. von Spanien die goldene Rose. Nachrichten über diesen
Gebrauch, der auf altrömische Vorstellungen von der Bedeutung der Rose
als Symbol des Lebens und der Vergänglichkeit zurückgeht, gehen bis
ins 11. Jahrhundert, in die Zeit Leos XI., zurück. Dann werden in der
katholischen Kirche als weiterer Überrest der altrömischen ~rosalia~
bis auf den heutigen Tag am Pfingstsonntage, den ~pascha rosata~
(italienisch ~domenica de rosa~), Rosen von der Höhe der Kirche auf den
Boden herabgelassen.