Als in den Wirren der Völkerwanderung die antike Kultur zu Grunde

gegangen war und nur noch in Byzanz eine länger dauernde, den Arabern,

nicht aber den Christen des Abendlandes zugute kommende Nachblüte

erlebte, ging auch die künstliche Zucht und das Treiben von Blumen

in Europa verloren. Erst mit dem Erwachen der Geister in der Neuzeit

kam sie, vom Morgenlande beeinflußt, bei uns in Flor. Der erste,

der die Treiberei von Blumen in größerem Maßstabe in Mitteleuropa

ausübte und zur Modesache bei den Vornehmen erhob, war der berühmte

Gärtner Ludwigs XIV., La Quintinie, der dafür sorgte, daß sein Herr

und Gebieter, der ein großer Blumenfreund war, stets in den Räumen

seines Schlosses irgend welche Blütenpflanzen, besonders Rosen, Tulpen,

Hyazinthen, Narzissen und Anemonen besaß. In der Folge ist dieser

Zweig der gärtnerischen Tätigkeit in hohem Maße gepflegt und mit allem

Raffinement ausgebildet worden.

Mit dieser gärtnerischen Kunstfertigkeit hängt auch die Einführung

neuer Blumenarten und die Züchtung neuer Sorten aus denselben und

den schon vorhandenen zusammen. Diese Zucht neuer Zierblumen ist

im wesentlichen eine Errungenschaft der zweiten Hälfte des 19.

Jahrhunderts. Sie ist der Ausfluß des Strebens der Handelsgärtner,

immer neue Formen hervorzubringen, um damit bei dem danach

lüsternen Publikum ein gutes Geschäft machen zu können. Für gewisse

seltene Formen und Neuheiten werden von den reichen Blumenfreunden

tatsächlich Unsummen bezahlt, und der große Gewinn treibt die Züchter

zu fortgesetzten Anstrengungen an, etwas Seltenes oder noch nie

Dagewesenes auf den Markt zu bringen. Das Hauptmittel dabei bildet das

Warmhaus, das die Kultur von Blumen und Ziergewächsen von der örtlichen

Lage unabhängig macht und die Vereinigung aller möglichen Pflanzen

gestattet, mit denen dann experimentiert wird.

Am häufigsten tritt in der Kultur, zunächst schon durch die bessere

Ernährung bedingt, eine Vergrößerung der Blüte ein. Solche Riesenformen

kehren aber bei der Weiterkultur, wenn sie nicht sehr kräftig ernährt

werden, leicht zur Stammform zurück. Nicht selten sind Änderungen

der Farbe, doch beschränken sie sich gewöhnlich auf einen bestimmten

Farbenkreis. So variiert Blau (durch Hinzutreten einer Säure zu dem

betreffenden Farbstoff) in Violett oder Rosa und schließlich Weiß,

Blutrot in Rosa oder Weiß, Zinnoberrot in Orange und Gelb, Violett

in Blau und Weiß, seltener in Rosa, Gelb fast nur in Weiß, Weiß

meist gar nicht oder allenfalls in Zartrosa oder Zartblau. Neben den

Farbenvariationen treten gefüllte Formen auf, indem sich Staubblätter

in Blumenblätter verwandeln. Diese beiden Veränderungen der Farbe und

die Füllung oder +Petalodie+ (von ~pétalon~ Blumenblatt) der Blumen

hängen nun ebenfalls vielfach mit Ernährungsursachen zusammen. So

füllen sich beispielsweise vielfach die Blüten der Levkojen, wenn

man die betreffenden Pflanzen eine Zeitlang kümmerlich ernährt. In

den weitaus meisten Fällen aber lassen sich solche Veränderungen

nicht erzwingen, sondern treten spontan, ohne für uns erkennbare

Ursache auf. Der Mensch muß sie abwarten und entdecken; dann aber

kann er großen Gewinn daraus ziehen. Da solche neue Varietäten ihre

besonderen neuen Eigentümlichkeiten auf ihre Nachkommen vererben,

hat der Mensch nichts anderes zu tun, als diese, wenn er sie

zufällig fand, weiter zu züchten. Dieses merkwürdige, für uns völlig

unerklärliche Auftreten neuer, bis dahin nicht existierender Formen

bezeichnet man als +Mutationen+ oder +Sprungvariationen+. Das älteste,

historisch beglaubigte Beispiel einer solchen Sprungvariation ist das

schlitzblättrige Schillkraut, das jetzt schon über 300 Jahre bekannt

ist. Eine der jüngsten dagegen ist die Erdbeere ohne Ausläufer.

Vilmorin fand sie in einem einzigen Exemplar unter einer Aussaat der

gewöhnlichen Erdbeere. Solche neue Formen sind je und je aufgetreten,

nur nahm man davon keine Notiz, bis in der Gegenwart die Wissenschaft

die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese Tatsache lenkte. In dieser

Beziehung waren die Beobachtungen des holländischen Botanikers Hugo

de Vries bahnbrechend, die er an solchen neuen Sprungvarietäten einer

aus Nordamerika bei uns eingeführten gelbblühenden Nachtkerzenart

(~Oenothera lamarckiana~) machte. Über diese und andere bisher an

Mutationen festgestellten Beobachtungen und die daraus zu ziehenden

Schlüsse habe ich eingehend auf S. 464-471 des zweiten Bandes meiner

gemeinverständlichen Entwicklungsgeschichte des Naturganzen, betitelt

„Vom Nebelfleck zum Menschen“[3], berichtet, so daß ich Interessenten

darauf verweise.

Solche Sprungvarietäten und seltene, neue, wilde Arten nun hat der

Pflanzenzüchter unter Beobachtung gewisser Vorsichtsmaßregeln zu

kultivieren, bis er eine für den Verkauf genügende Menge Samen,

Wurzelknollen oder Zwiebeln besitzt. Dieses Ziel ist dann meist in 4-5

Jahren erreicht. In der Regel ist aber seine Aufgabe durchaus nicht

so einfach. Er muß in vielen Fällen erst ungünstige Eigenschaften der

neuen Arten ausmerzen und durch andere, bessere ersetzen. In anderen

Fällen ist es überhaupt nur eine einzige Eigenschaft, durch die sich

die neue Art auszeichnet, dann gilt es, diese auf die schon bekannten

alten Sorten zu übertragen. Dies geschieht durch +Kreuzung+ oder

+Hybridisation+, wie der technische Ausdruck lautet. Das Ergebnis ist

eine Nachkommenschaft von +Bastarden+ oder +Hybriden+, die wie die

Kinder verschieden gearteter Eltern die Mischung der mütterlichen und

väterlichen Eigenschaften in verschiedenem Grade zeigen. In der ersten

Generation sind sie noch einförmig. Der ganze Reichtum der Formenfülle

bricht erst bei weiteren Kreuzungen hervor. Der Züchter setzt die

Kreuzung so lange fort, bis die von ihm gewünschte Kombination von

Eigenschaften erreicht ist. Ist dies geschehen, so sucht man sie

samenbeständig zu machen. Dies gelingt oft durch wiederholte Inzucht.

Je länger die Inzucht fortgesetzt wird, um so größer wird die

Samenbeständigkeit. Dieser Weg muß bei den Pflanzen, die nur einmal

blühen und Frucht tragen und dann absterben, in den meisten Fällen

eingeschlagen werden. Bei allen Pflanzen, die erst nach mehreren

Jahren zur Blüte gelangen, also sehr vielen Stauden und Holzgewächsen,

wählt man die vegetative Vermehrung. Jede aus einem Steckling oder

Edelreis der neuen Form erwachsene Pflanze zeigt genau dieselben

Eigenschaften wie die Mutterpflanze, von der sie stammt. Hierauf

beruht die Vermehrung unserer meisten Obstarten, der Kartoffeln,

Georginen, Canna-, Coleusarten usw. Manche Pflanzen, wie Blattbegonien,

Gloxinien, Peperonien u. dergl., lassen sich auch ganz einfach durch

abgeschnittene Blätter vermehren, die im Boden alsbald Wurzel fassen.

Noch viel mehr als der höchst zufälligen und selten eintretenden

Mutation verdanken wir es der planmäßigen Hybridisation, daß wir

heute über eine solch ungeahnte Menge von Zierblumen, die noch nie

in der Vorzeit existiert haben, sondern erst in unserer Zeit aus oft

sehr unscheinbaren, einheimischen oder ausländischen Stammformen

hervorgezaubert wurden, besitzen. Wir werden im folgenden sehen, wie

überaus bescheiden und begrenzt der Besitz an Zierpflanzen bei den

Kulturvölkern des Altertums war, und wie unermeßlich dagegen die

Blumenfülle ist, über die wir heute verfügen. Alle Weltteile haben

ihren Tribut geliefert, um unsere Gärten und Gewächshäuser damit zu

füllen und unser Auge mit deren Farben- und Formenreichtum, wie unsere

Nase mit ihren teilweise herrlichen Düften zu erfreuen.

Beginnen wir nun mit der Betrachtung und kulturgeschichtlichen

Würdigung der wichtigsten Zierpflanzen des Menschen, unter denen schon

im Altertum die +Rose+ als die vornehmste galt. Wie wir dies heute

noch tun, betrachteten die alten Kulturvölker Vorderasiens, wie auch

die Griechen und Römer, die Rose als die Königin der Blumen. Dieser

Anschauung gibt Achilles Tatius beredten Ausdruck, wenn er sagt: „Wenn

Zeus der Blumenwelt eine Königin hätte geben wollen, so hätte er die

Rose dazu gemacht; denn sie ist die Zierde der Erde, der Stolz der

Pflanzenwelt, die Krone der Blumen, der Purpur der Wiesen, der Abglanz

des Schönen. Sie ist der Liebe voll und steht im Dienste der Aphrodite;

sie prangt mit duftenden Blüten und wiegt sich auf beweglichem Laube,

das sich des fächelnden Zephyrs erfreut.“ Sie war aber nicht blos

das Symbol der Liebesgöttin und ihr geweiht, sondern soll nach alter

griechischer Sage direkt von deren Blut die rote Farbe erhalten haben.

So sagt uns ein ungenannter griechischer Dichter in den Geoponika: „Die

Rose, so erzählt man, war ursprünglich weiß und geruchlos. Einst ritzte

Aphrodite ihren Fuß an einem Rosenstachel und von dem hervorquellenden

Blute der Göttin nahm die Rose ihre rote Farbe und den Wohlgeruch an.“

Diese also von der Liebesgöttin selbst gefärbte Blumenkönigin kam

mit der weißen Lilie erst nach dem ersten Viertel des letzten

vorchristlichen Jahrtausends von Westasien her nach Griechenland.

Die griechischen Bezeichnungen ~vródon~ und ~leírion~ dafür sind

Entlehnungen der Sprache Irans. Und wie die Namen, so stammen auch

die Pflanzen selbst aus dem Hochlande von Persien, wo aus einer nahe

Verwandten der in Südeuropa wachsenden wohlriechenden +Provencerose+

(~Rosa gallica~) mit fünf weißen bis rosenroten Blumenblättern

durch Umwandlung fast aller Staubblätter in Blumenblätter die als

Centifolie, d. h. Hundertblumenblättrige, bezeichnete gefüllte Form

hervorging. Weil diese Füllung auf Kosten der Möglichkeit Samen tragen

zu können geschah, so können diese Edelrosen nicht gesät werden,

sondern müssen auf vegetativem Wege vermehrt und fortgepflanzt werden.

Dies geschieht meist durch Okulieren, d. h. Einsetzen einer Knospe

(„Auge“) der edeln Pflanze auf einen Wildling. Als hochstämmige

Wildlinge dienen in erster Linie die ein- oder zweijährigen Stämmchen

der einheimischen +Hundsrose+ (~Rosa canina~), die selbst zur Züchtung

von Edelrosen nicht verwendet wird.

Jedenfalls waren aber die Centifolien der Alten noch lange nicht in dem

Maße gefüllt, wie sie es heute sind. Gleichwohl haben sie dieselben in

hohem Maße entzückt. In den homerischen Epen erscheinen sie mit der

Lilie als der Inbegriff des Wunderbaren und Göttlichen. Die Pflanzen

selbst scheint der Dichter derselben überhaupt noch nicht gekannt

zu haben; er nennt sie, oder besser gesagt, gewisse Eigenschaften

von ihnen, wenn er etwas unbestimmt Herrliches ausdrücken will. So

bezeichnet er die Morgenröte als rosenfingerig, und Aphrodite salbt

den Leichnam des ihr sympathischen Hektor mit rosenduftendem, d. h.

besonders herrlich duftendem Öl. Ajax soll eine lilienzarte Haut

besitzen, die Hektor mit seinem Speer durchbohren will. Auch bei dem

im 8. vorchristlichen Jahrhundert in Böotien lebenden griechischen

Dichter Hesiod war es nicht anders. In seiner Theogonie spricht er von

zwei rosenarmigen Töchtern des Meergottes Nereus und bezeichnet die

Stimmen der Musen und Zikaden als Lilienstimmen, aber was Rosen und

Lilien tatsächlich sind, ist ihm völlig dunkel geblieben. Wie hätte er

auch diese Blumen kennen sollen, wenn noch in einem von der Forschung

in die Mitte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts gesetzten Hymnus

des alteleusinischen Demeterdienstes erzählt wird, wie Persephone,

die Tochter des Zeus und der Erdgöttin Demeter, auf der Wiese mit

ihren Gespielinnen gespielt und außer Veilchen, Krokos, Hyazinthen

und Schwertlilien auch Rosen (nicht vom Strauch gebrochen und nicht

mit Stacheln bewehrt, wie wirkliche Rosen, sondern Phantasierosen)

gepflückt habe und die Wunderblume Narkissos „-- ein Wunder zu sehen

für Menschen und Götter -- die sich mit hundert Häuptern aus der Wurzel

erhebt, deren Duft Himmel, Meer und Erde erfreut“ (also ebenfalls

nicht die wirkliche, sondern eine Phantasienarzisse, die, wie der Name

bezeugt, der mit dem Wort Narkose zusammenhängt, eine exotische Blume

mit berauschendem Dufte bezeichnen sollte). An einer späteren Stelle

desselben Hymnus erzählt Persephone ihrer Mutter, wie sie auf einer

reizenden Wiese gespielt und „Kelche der Rosen und Lilien -- ein Wunder

zu schauen“ gepflückt habe. Dieser Zusatz des Wunderbaren erhebt ja

an sich schon diese Blumen ins Fabelhafte, Unglaubliche, noch nie

Geschaute.

In einem Fragment des um ein Menschenalter älteren griechischen

Lyrikers Archilochos von Paros (um 700 v. Chr.), der aber weiter

in der Welt herumgekommen zu sein scheint als der Verfasser jener

eleusinischen Tempelpoesie und außer den Ägäischen Inseln auch

Thrakien und Lydien kannte, tritt uns erst unverkennbar die Kenntnis

des Rosenstrauches entgegen, dessen schöne Blüte (~rodḗs te kalón

anthós~) der Dichter neben dem Myrtenzweig als Schmuck des Mädchens,

ohne Zweifel seiner Geliebten, der Neobule, erwähnt. Hundert Jahre

später war die Rose ein Liebling der Dichterin Sappho aus Mitylene

auf der Insel Lesbos (um 600 v. Chr.), von der sie häufig gepriesen

und als Gleichnis schöner Mädchen herangezogen wurde. Nach ihr hat

der lebensfrohe Lyriker Anakreon aus Teos in Ionien (550-478 v. Chr.),

der in Samos und Athen lebte, sie vielfach in seinen Gedichten

verherrlicht. Er sagt von dieser Blume: „Mit schönblühenden Rosen

bekränzt wollen wir trinken. Die Rose ist die herrlichste Blume; sie

ist bei den Göttern beliebt; mit ihr bekränzt sich der Sohn Kytherens

(der Liebesgott Eros -- bei den Römern Amor genannt), wenn er mit den

Grazien tanzt. So will auch ich mit Rosen bekränzt tanzen.“

Von da an finden wir die Rose neben der Lilie als beliebten

Blumenschmuck eingebürgert und bei keinem griechischen Feste fehlend.

Zweifellos war sie aus der Landschaft Phrygien im mittleren Kleinasien

über Thrakien und Makedonien nach Griechenland eingewandert. Das

nyseische Gefilde, auf dem Persephone nach dem homerischen Hymnus Rosen

und Lilien pflückt, ist nach den Angaben in der Ilias in Thrakien zu

denken, und der Name einer ihrer Gespielinnen, Rhodope, ist zugleich

derjenige des thrakischen Gebirges, in welches jene Nymphe verwandelt

sein sollte. Und Herodot aus der dorischen Stadt Halikarnassos an der

kleinasiatischen Küste südlich von Milet (484-424 v. Chr.) sagt: „In

einer Landschaft Makedoniens liegen die sogenannten Gärten des Midas,

des Sohnes des Gordios (eines phrygischen Königs und der Kybele, dem

Dionysos den Wunsch gewährte, daß alles, was er berühre, sich in Gold

verwandle, von welcher lästigen Wohltat er sich dann durch ein Bad im

Flusse Paktolos befreite, der seitdem Gold führt). In diesem Garten

wachsen die Rosen wild, jede hat 60 Blätter, und sie riechen besser als

andere Rosen.“ Gleicherweise drückt sich der bei Athenaios erwähnte

alexandrinische Dichter Nikander im zweiten Buche seiner Georgika aus,

wenn er sagt: „Midas von Odonien (einer Landschaft in Thrakien) erzog,

nachdem er die Herrschaft von Asis (in Kleinasien) verlassen, zuerst in

den Gärten von Emathia (einer Landschaft in Makedonien) die Rosen, die

mit 60 Blumenblättern umsäumt sind.“ Schon diese bei ihm und Herodot

hervorgehobene altbabylonische Zahl 60 weist auf die Herkunft dieses

Mythos aus Asien, woher mit dem Dienst der Aphrodite und des Gottes des

Natursegens Dionysos auch die ihnen geweihte Blume zu den Griechen kam.

Noch der pflanzenkundige Schüler des großen Aristoteles, Theophrast

(390-286 v. Chr.), schreibt in seiner Pflanzengeschichte, daß die

meisten reichgefüllten Rosen, die er bereits ~hekatonphylla~, d.

h. hundertblätterig -- identisch mit dem römischen ~centifolia~ --

nennt, in der Gegend von Philippi in Makedonien wachsen. An der

diesbezüglichen Stelle teilt er uns sein ganzes Wissen über diese

Pflanze mit: „Es gibt verschiedene Arten von Rosen (~ródon~); sie haben

mehr oder weniger Blumenblätter (~phýllon~), sind mehr oder weniger

rauh oder glatt, an Farbe und Wohlgeruch verschieden. Die meisten sind

fünfblätterig; es gibt aber auch zwölf- bis zwanzigblätterige, ja

die Zahl der Blumenblätter soll bis auf hundert steigen, und solche

nennt man ~hekatonphylla~. Die meisten Hekatonphyllen wachsen um

Philippi, wohin man sie vom (benachbarten) Pangaiosgebirge, woselbst

sie in Menge vorkommen, verpflanzt hat. -- Im allgemeinen richtet sich

bei den Rosen die Schönheit der Farben und der Wohlgeruch nach dem

Standort; jedoch kann auf demselben Boden der Geruch verschieden sein.

Den besten Geruch haben die Rosen von Kyrene (in Nordafrika zwischen

Tripolis und Ägypten); daher wird dort die kostbarste Rosensalbe

(~mýron~) gemacht. Man kann den Rosenstrauch (~rodōniá~) auch durch

Samen vermehren; dieser liegt unter der Blüte in der Frucht (~mélōn~,

eigentlich Apfel) und ist mit Wolle umgeben. Da aber das Wachstum aus

den Samen sehr langsam vor sich geht, so pflegt man die Rosen durch

Stecklinge zu vermehren. Übrigens trägt der Rosenstrauch schönere

Blumen, wenn man ihn abgebrannt oder abgeschnitten hat; dagegen treibt

er wilde Schößlinge, wenn man ihn nach Belieben wachsen läßt. Auch

durch oftmaliges Verpflanzen werden seine Blumen schöner. Die wilden

(~ágrios~) Rosen haben rauhere Zweige und Blätter, weniger stark

gefärbte und kleinere Blüten.“

Die ältesten Babylonier haben so wenig wie die übrigen

vorderasiatischen Völker und die Ägypter der älteren Zeit die Rose

gekannt. Erst bei den jüngeren Assyriern tritt sie uns als viel

gebrauchtes Ornament, nämlich stilisiert als Rosette, entgegen, und bei

den jüngern Babyloniern, wie sie uns der griechische Geschichtschreiber

Herodot aus eigener Anschauung um die Mitte des 5. vorchristlichen

Jahrhunderts schildert, hatte sie auch erst durch Vermittlung ihrer

persisch-medischen Überwinder Eingang gefunden. So schreibt er im

ersten Buche seines Geschichtswerks: „Jeder Babylonier trägt auf

seinem Stock das Bild entweder eines Apfels oder einer Rose oder einer

Lilie oder eines Adlers oder irgend eines andern Gegenstandes.“ Auch

die alten Hebräer zur Zeit Salomos (993-953 v. Chr.), der in seinen

wohlgepflegten Gärten eine Menge aus dem Auslande eingeführter neuer

Kulturpflanzen ziehen ließ und sich an seinem prunkhaften Hofe gern mit

einer so schönen Blume geschmückt hätte, wenn er es hätte tun können,

kannten die Rose, dieses herrliche Geschenk Irans, noch nicht. Wenn

Luther, der Auslegung der Rabbinen folgend, das hebräische ~susan~

mit Rose übersetzt, so ist dies ein heute vollständig klargelegter

Irrtum; es bedeutet vielmehr Lilie, und zwar nicht sowohl die weiße,

sondern die farbige Feuerlilie oder noch wahrscheinlicher eine überall

in Palästina wildwachsende, ebenfalls glockenförmige Blüten besitzende

Kaiserkrone. Dahin sind die Stellen zu berichtigen, wie z. B. bei

dem (im 8. Jahrhundert v. Chr. lebenden) Hosea, wo es in den bisher

gebräuchlichen Bibelübersetzungen heißt: „Ich will Israel wie ein Tau

sein, daß er soll blühen wie eine Rose“, oder an mehreren Stellen des

nicht lange nach der Salomonischen Zeit gedichteten Hohen Liedes,

wie: „Ich bin eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal“, oder: „wie

eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern“

usw. Erst den Verfassern der schon in die griechische Zeit fallenden

Apokryphen war die Rose bekannt. Nach allem scheint diese Zierpflanze

von dem im Jahre 536 aus dem Exil in Babylon, wohin sie Nebukadnezar

nach der Zerstörung Jerusalems 586 geführt hatte, auf Grund der vom

Perserkönige Kyros erteilten Erlaubnis nach Palästina zurückgekehrten,

etwa 42000 Juden nach Syrien gebracht worden zu sein. Demgemäß wird sie

zuerst in den nach dieser Zeit verfaßten Büchern der Weisheit und Jesus

Sirach erwähnt.

Auch nirgends in den altägyptischen Inschriften und Papyri wird die

Rose angeführt. Auch Herodot, der Ägypten aus eigener Anschauung

kannte, erwähnt wohl die Lotosblume, die er als Lilie des Nils

bezeichnet, aber nicht die Rose als Zierpflanze Ägyptens. Erst etwa

ums Jahr 600 v. Chr. kam die Rose wahrscheinlich von Syrien her und

nicht durch Griechen, die allerdings der Handel schon damals zu den

Nilmündungen führte, wo ihnen dann König Amasis II. (570 bis 526

v. Chr.), der Freund des Polykrates von Samos, die Stadt Naukratis

überließ, nach dem Niltal, wo sie in der Folge besonders in der

Landschaft Arsinoe, dem heutigen Fajum, viel angepflanzt wurde. Zur

Zeit der Herrschaft der Ptolemäer (323-30 v. Chr.) und der Römer war

diese Landschaft bei allen Völkern des Mittelmeerbeckens wegen ihrer

Wein- und Rosengärten berühmt. Schon Theophrast berichtet, daß die

Rosen und Veilchen Ägyptens, die wie alle Blumen des Landes, außer der

Myrte, geruchlos sein sollten, um zwei Monate früher blühen als in

Griechenland. Diesen Umstand benutzten die üppigen Einwohner Roms zur

Kaiserzeit, um sich zu einer Zeit, da es noch keine blühenden Rosen im

eigenen Lande gab, welche von dort kommen zu lassen. So sagt Martial

(40-102 n. Chr.), der unter Nero aus seinem Vaterlande Spanien nach Rom

kam, in einem seiner Epigramme: „Im Winter schickt der Nil Rosen nach

Rom, aber mehr und schönere sendet Paestum (die griechische Pflanzstadt

Poseidonia in Unteritalien, dessen verhältnismäßig noch gut erhaltener

Poseidontempel aus Abbildungen genugsam bekannt ist).“ Diesen Tatsachen

entsprechend hat man erst in den der griechisch-römischen Periode

angehörenden Gräbern der Nekropole von Hawara im Fajum Überreste

der Rose gefunden, für die es auch keine einheimische ägyptische

Bezeichnung gab. In demotischen Texten findet sich dafür der Name

~uartu~, der semitischer Herkunft zu sein scheint, da er sich als

~uard~ im Arabischen wiederfindet. Dies würde für einen Import der

Rose durch semitische und nicht griechische Vermittlung sprechen.

Bekanntlich hat der Ägyptologe Georg Ebers diese Bezeichnung der Rose

als Name der Heldin seines Romanes Uarda benutzt.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 47 / 81 段