Ägypter, wie wir aus zahlreichen Darstellungen von Festen und Gelagen
besonders auf den Köpfen der Sängerinnen und Tänzerinnen bemerken,
auch mancherlei Stirnkränze. Zu allen Festen und Gelagen gehörten im
alten Ägypten nicht nur eine Ausschmückung der betreffenden Räume mit
blumengezierten Girlanden und auf den Tischen aufgestellten Blumen
in zierlichen Alabastervasen oder Krügen von gebranntem Ton mit einem
bis drei engen Hälsen, in denen auf den bildlichen Darstellungen noch
die hineingesteckten Blumen zu erkennen sind, sondern vor allem auch
Blumengewinde um Haupt, Hals und Brust, mit denen der Gastgeber seine
Gäste schmückte. Eine Korridorinschrift am großen Tempel der Hathor
in Denderah, welche die ausgelassene Techufeier zu Ehren der Göttin
zum Gegenstand hat, lautet: „Die Erde ist in Freude. Die Einwohner
von Denderah sind trunken von Wein, ein Kranz von Blumen ist auf
ihren Häuptern.“ Überhaupt sind die alten Ägypter nicht die düstern,
vom Gedanken an den Tod beherrschten Menschen gewesen, als die wir
sie wegen der weitgehenden Fürsorge für das Leben nach dem Tode zu
betrachten gewohnt sind. Sie waren vielmehr ein recht lebenslustiges
Volk, als welches sie uns bereits Herodot, der älteste griechische
Geschichtschreiber (484-424 v. Chr.), aus eigener Anschauung schildert.
Feste wurden viel gefeiert, und an ihnen ging es sehr hoch her.
Der Bedarf an Kränzen war demnach ein großer und das Kranzwinden
galt im Lande als geachtete Kunst, die gut lohnte. Der römische
Schriftsteller Plinius (23-79 n. Chr.) erwähnt unter den von den
ägyptischen Kranzwindern mit Vorliebe benutzten Blumen den brennend
roten alexandrinischen Amarant, dessen hahnenkammartig ausgebreitete
Blumenähre jedenfalls eine prächtige Zierde für Kränze abgab.
Eingehendere Nachrichten über die Bedeutung der Kränze im Altertum
haben uns verschiedene griechische Schriftsteller überliefert. So
berichtet der um 200 n. Chr. in Alexandreia und Rom lebende griechische
Grammatiker Athenaios aus Naukratis in Ägypten in seiner Schrift
Deipnosophistai: „Es ist eine alte Sitte, den Gästen vor dem Nachtisch
Kränze und Salben herumzugeben. -- Hellanikos erzählt, daß Amasis,
welcher ursprünglich ein Mensch aus gemeinem Stande war (er stürzte den
König Hophra, regierte von 570-526 v. Chr., begünstigte den Verkehr
mit den Griechen, denen er die Stadt Naukratis überließ, und war ein
Freund des Tyrannen Polykrates von Samos), durch einen Kranz König von
Ägypten geworden sei. Er hatte nämlich den Kranz aus den prächtigsten
Frühlingsblumen geflochten und dem damaligen Könige Ägyptens, Patarmis,
gesandt, als dieser seinen Geburtstag feierte. Dieser freute sich
sehr über den herrlichen Kranz, lud den Amasis zur Tafel, behandelte
ihn seitdem als Freund und sandte ihn einstmals mit einem Heer gegen
rebellische Truppen. Diese wählten aber den Amasis als König.“
Dieser Autor bespricht eingehend die verschiedenen Arten von Kränzen,
die man zu seiner Zeit trug, aus Lotosklee, wie ihn schon der jonische
Lyriker Anakreon (550-478 v. Chr.) schildert, aus Dill, wie ihn die
griechische Dichterin Sappho aus Mytilene auf Lesbos (um 600 v. Chr.)
beschreibt, aus andern wohlriechenden Kräutern, wie Majoran, Thymian,
Salbei, Seifenkraut, dann aus Lorbeer, Myrte und verschiedenen
wohlriechenden Blumen. „Im schönen Alexandreia gibt es auch Kränze,
die man (zu Ehren des schönen Lieblings des Kaisers Hadrian, Antinoos
aus Bithynien, der sich im Jahre 130 als Opfer für den Kaiser unweit
Besa in den Nil stürzte und ertrank, worauf der Kaiser sein Andenken
vielfach feierte und auch ein Sternbild in der Milchstraße dicht
beim Adler nach ihm benannte) Antinoeios nennt; sie werden aus der
ägyptischen Seerose (~lōtós~) angefertigt. Diese Blume wächst in
Sümpfen und zeigt sich in der Mitte des Sommers. Sie kommt in zwei
Farben vor, entweder rosa, und dann nennt man den Kranz eigentlich
~Antinoéios stéphanos~, oder himmelblau, und dann heißt der Kranz
~lṓtinos stéphanos~.“ -- Ein ägyptischer Dichter namens Pankrates hatte
den Einfall, dem römischen Kaiser Hadrian (76-138 n. Chr.), als er in
Alexandreia war, die rosenfarbene Seerose zu zeigen, sie für ein Wunder
auszugeben und zu sagen, sie sei aus dem Blute des maurusischen Löwen
entsprossen, den Hadrian in Libyen, nicht sehr weit von Alexandreia,
auf einer Jagd mit eigener Hand erlegt hatte. Dieser Löwe war ein
ungeheures Tier und hatte lange so arg in Libyen gehaust, daß ein Teil
des Landes von den Bewohnern hatte verlassen werden müssen. Hadrian
fand seinen Spaß an der Erfindung des Pankrates und befahl, daß er
auf Staatskosten im Museion leben solle. -- In dem von Pankrates dem
Hadrian übergebenen Gedicht kam auch folgende Stelle vor: „Ehe die
Blume des Antinoos (der Lotos) von der Erde erzeugt war, dienten
behaarter Feldthymian, weiße Lilie, purpurrote Hyazinthe und Blätter
des weißen Schwalbenkrauts nebst Rosen, die sich beim Zephyr des
Frühlings öffnen, zu Kränzen.“
Athenaios fügt dem hinzu, daß es auch Sitte sei, die Türen derjenigen,
die man liebt, mit Kränzen zu schmücken. Homer habe den Gebrauch von
Kränzen noch nicht erwähnt, er müsse bei den Griechen erst späteren
Ursprungs sein. Später sei er sehr häufig getragen worden. Anakreon
spreche von Myrtenkränzen, die mit Rosen durchzogen waren, und
Theopompos erzählt im dritten Buch seiner Hellenika, die Ägypter hätten
dem Agesilaos, als er in ihr Land kam, unter andern Geschenken auch
Papyros zu Kränzen geschickt. Die Sybariten stellten oft öffentliche
Schmausereien an und ehrten diejenigen, die die größten Beiträge dazu
lieferten, mit goldenen Kränzen; ja sie bekränzten auch diejenigen
Köche, die die Speise am delikatesten zubereiteten. -- „Bei dem großen
Feste, das Ptolemaios Philadelphos (der Gründer des Museions und der
Bibliothek in Alexandreia, regierte 285-247 v. Chr.) zu Alexandreia
in der Mitte des Winters gab, war sein Prachtzelt von Lorbeer, Myrte
und andern Bäumen umschattet und der ganze Boden mit Blumen aller
Art bestreut. Ägypten bringt nämlich sowohl durch sein mildes Klima,
als durch die Kunst seiner Gärtner zu jeder Jahreszeit Blumen im
Überfluß hervor, so daß man z. B. Rosen, Levkojen usw. zu jeder Zeit
in beliebiger Menge haben kann. Bei dieser Gelegenheit war in einer
Jahreszeit, da in einer andern Stadt kaum zu +einem+ Kranze Blumen
aufzutreiben gewesen wären, bei diesem Feste in Alexandreia Überfluß
an Blumenkränzen für die ungeheure Menge der Festgäste, und der Boden
war so dick mit Blumen bestreut, daß er wirklich einer göttlichen
Wiese glich. Bei dem feierlichen Umzug, der bei dieser Gelegenheit
abgehalten wurde, kam auch alles zur Schau, was sich auf die Geschichte
der einzelnen Gottheiten bezog. Im Gefolge des Bacchos erschienen
40 Satyrn, um deren Lampen von Gold strahlende Efeublätter gewunden
waren. Viktorienbilder trugen Räucherpfannen von 6 Ellen Länge, die
mit Efeuranken und goldenen Zweigen umgeben waren. Ein Altar von 6
Ellen folgte, geschmückt mit goldenem Efeulaub und einem Kranze von
goldenem Weinlaub. Dem Altare folgten 120 Knaben, in Purpur gekleidet
und Weihrauch, Myrrhe und Safran in goldenen Gefäßen tragend. Nach
ihnen kamen 40 Satyrn, die mit goldenen Efeukränzen geschmückt waren
und einen großen, aus goldenen Reb- und Efeuranken bestehenden Kranz
trugen. Ihnen folgte ein ausgezeichnet großes und stattliches, reich
mit Gold geschmücktes Weib, das in der einen Hand einen Kranz aus Myxa,
in der andern einen Stab aus Dattelpalmenholz trug. Hinter ihr gingen
wieder Viktorien mit Räucherpfannen, die mit goldenen Efeugirlanden
geschmückt waren, und Satyrn mit goldenen Efeukränzen einher. Ihnen
folgte ein von 180 Menschen gezogener Wagen, der die Bildsäule des
Bacchos trug; diese goß aus einem goldenen Becher Wein und hatte neben
sich ein großes Weingefäß und eine Räucherpfanne mit zwei Schalen, die
mit Zimtkassia und Safran gefüllt waren. Über dem Bacchos wölbte sich
eine Laube, die aus Efeu, Weinrebe und allerlei Bäumen gebildet war.
Rings hingen auch Kränze, Bänder und mit Efeu und Reblaub umwundene
Stäbe. Hinter diesem Wagen gingen Bacchantinnen einher mit fliegendem
Haar, mit Schlangen oder Eichenlaub, Reben- und Efeuzweigen bekränzt.
Dann folgte ein von 300 Mann gezogener Wagen, 20 Ellen lang und 16
breit; auf ihm stand eine mit Trauben gefüllte Kelter, die 24 Ellen
lang und 14 Ellen breit war. 60 Satyrn traten die Trauben und sangen
unter Flötenspiel ein Kelterlied; dabei floß der Most auf den ganzen
Weg hin. Der nachfolgende von 60 Mann gezogene Wagen war 25 Ellen
lang und 14 Ellen breit, und trug einen ungeheuren, aus Pantherfellen
genähten Schlauch, aus welchem auf den ganzen Weg allmählich
auslaufender Wein floß usw. usw.“
Das Tragen von goldenen Kränzen galt im Altertum als besonders
feierlich und wird uns ziemlich häufig angegeben. So erzählt Athenaios
an einer andern Stelle: „Bei einem feierlichen Umzuge, den der König
von Syrien, Antiochos der Tolle (im 2. Jahrhundert v. Chr.) hielt,
befanden sich 3000 leicht bewaffnete, in Purpur gekleidete, mit
goldenen Kränzen geschmückte Kilikier, 2000 Reiter in Purpurkleidern,
von denen die meisten goldene Kränze trugen, und hinter den Soldaten
folgten 800 Jünglinge mit goldenen Kränzen.“
Im gewöhnlichen Leben waren Kränze von allerlei bunten und
wohlriechenden Blumen die gebräuchlichsten. Dabei sagt uns das
Onomastikon des Pollux: „Die Blumen, welche man zu Kränzen verwendet,
sind Rosen, Veilchen, Lilien, Minze, Anemonen, Feldthymian, Safran,
Hyazinthen, gelbe Strohblumen, rotgelbe Taglilie, grauer Thymian,
Königskerze, Nadelkerbel, Narzissen, Steinklee, Hundskamille, Kamille
und andere Blumen, die entweder schön oder wohlriechend sind.“ So sagt
ein nicht genannter Dichter: „Hier schicke ich dir einen Kranz, den ich
mit eigenen Händen aus schönen Blumen gewunden habe, aus Lilien, Rosen,
Anemonen, Narzissen und blauen Veilchen.“ Ein anderer singt: „Ich will
Levkojen, zarte Myrten, Narzissen und leuchtende Lilien winden, ich
will süßduftenden Safran, purpurrote Hyazinthen und liebliche Rosen
winden, und damit das lockige Haar der Heliodora bekränzen.“
Die Sitte, sich bei Festen zu bekränzen, übernahmen dann die Römer
von den Griechen. Der ältere Plinius (23-79 n. Chr.) schreibt darüber
in seiner Naturgeschichte. „Anfangs kannte das römische Volk nur
Kränze, die durch Kriegstaten erworben wurden; jetzt aber hat es mehr
Arten von Kränzen als alle andern Völker zusammen. Und zwar werden
zumeist Blumen dazu verwendet, die die Natur nur für Tage erschuf.
Einst hat das römische Volk nur einen Scipio, der den Beinamen Serapio
führte, mit Blumen geehrt. Er starb als Tribun und war beim Volke sehr
beliebt. Da er kein Vermögen hinterließ, so besorgte das Volk auf
eigene Kosten das Begräbnis, indem jeder das Seinige dazu beitrug, und
warf ihm überall, wo der Leichenzug vorbeiging, Blumen zu. Während in
Athen Jünglinge noch vor der Mittagsstunde die Versammlungen weiser
Männer mit einem Kranze auf dem Kopfe besuchten, herrschte in solchen
Dingen bei den Römern stets große Strenge. So wurde beispielsweise im
zweiten punischen Kriege (218-201 v. Chr.) der Geldwechsler Lucius
Fulvius kraft eines Senatsbeschlusses ins Gefängnis geführt und erst
am Ende des Krieges wieder in Freiheit gesetzt, als er sich unterfing,
bei hellem Tage aus seiner Bude mit einem Rosenkranze auf dem Kopfe
auf das Forum hinauszusehen. Auch den Publius Munatius ließen die
Triumvirn fesseln und ins Gefängnis abführen, als er von der Bildsäule
des Marsyas einen Blumenkranz nahm und sich aufsetzte. Er bat zwar
die Tribunen, ihm beizustehen; doch taten diese keinen Einspruch. --
Unter allen Kränzen aus Blumen haben diejenigen aus Rosen den größten
Vorzug, und zwar legt man denen den höchsten Wert bei, die nur aus
zusammengehefteten Rosenblättern bestehen. Heute aber nimmt man den
Stoff zu Kränzen aus Indien oder aus Ländern, die jenseits von Indien
liegen. Für die herrlichsten gelten die aus Nardenblättern, oder
die mit bunten, von wohlriechenden Salben triefenden Seidenstoffen
durchflochtenen. So weit geht jetzt die Verschwendung der Weiber!“
„In Sicyon wetteiferte die Kranzflechterin Glycera durch immer schönere
natürliche Kränze mit dem Maler Pausias, der ihre Kränze malte, so
daß Natur und Kunst sich gegenseitig zu übertreffen suchten. Auf dem
berühmten Gemälde, das Die Kranzflechterin (~stephanoplocos~) heißt,
und noch heutigentags vorhanden ist, hat er die Glycera gemalt. Dies
geschah nach der hundertsten Olympiade (um 380 v. Chr.). -- Wie man nun
einmal angefangen hatte, Blumen in die Kränze zu flechten, wurden auch
die Winterkränze Mode, deren Blumen, weil dann die Jahreszeit keine
natürlichen liefert, aus künstlich gefärbten Hornspänen bestehen. In
Rom schlich sich auch allmählich für die Kränze, wegen ihres zarten
Wesens, der Name ~corolla~, und dann der Name ~corollarium~ für Kränze
aus vergoldetem oder versilbertem Kupferblech ein. -- Zuerst ließ sich
der reiche Crassus (der wegen seines ungeheuren Reichtums von 30
Millionen Mark den Beinamen ~dives~ „der Reiche“ führende Triumvir,
geboren 115 v. Chr., besiegte als Prätor 72 den Sklavenaufstand unter
Spartacus, ward 70 mit Pompejus Konsul, schloß sich dann an Cäsar an
und bildete 60 mit diesem und Pompejus das 1. Triumvirat, ward 55 zum
zweitenmal Konsul, ging als Prokonsul nach Syrien und ward 53 nach der
Niederlage bei Carrhae gegen die Parther hinterlistig getötet) die
Blätter aus Gold nachbilden und verschenkte die daraus verfertigten
Kränze bei den Spielen, die er gab. Es kamen dann noch zur Erhöhung
der Schönheit der Kränze Bänder hinzu; an den etruskischen durften
nur goldene Bänder angebracht werden. Lange Zeit hindurch waren sie
einfach; erst Publius Claudius Pulcher ließ sie in getriebener Arbeit
darstellen und brachte sogar am Baste, womit die Kränze gewunden waren,
Goldblättchen an.“
„Zwei griechische Ärzte, Mnesitheos und Kallimachos, haben eigens über
die Kränze geschrieben, die dem Kopfe und somit der Gesundheit schaden.
Bei Wein und Fröhlichkeit kann der Blumenduft schaden, ohne daß man
daran denkt. -- Daß aber auch absichtlich durch die Kränze, die man bei
Gastmählern zu tragen pflegt, Unheil gestiftet werden kann, ersieht
man aus folgendem Beispiel: Vor der Schlacht bei Actium (Stadt und
Vorgebirge Aktion an der Westküste Griechenlands, südlich vom Eingang
des Ambrakischen Golfes, wo Octavianus -- der spätere Augustus -- am 2.
September 31 v. Chr. durch seinen Seesieg über Antonius und Kleopatra
die Alleinherrschaft gewann) begann Antonius den Verdacht zu fassen,
Kleopatra möchte einmal den Versuch machen, ihn durch Gift aus dem
Wege zu räumen, und genoß nichts mehr, bevor es von andern gekostet
war. Dies merkte nun die Königin. Bei einer lustigen Mahlzeit setzte
sie sich einen Kranz auf, dessen Blumen sie mit Gift bestrichen hatte,
und tat im Laufe des muntern Gesprächs den Vorschlag, die Blumen des
Kranzes zu zerpflücken und mitzutrinken. Antonius ahnte nichts Böses,
ließ die Blumen in seinen Becher werfen, setzte an und wollte trinken.
Da hielt Kleopatra schnell die Hand vor und sagte: „Sieh, Antonius, du
denkst dich dadurch zu schützen, daß du alle deine Speisen und Getränke
erst kosten lässest; aber das würde dir alles nicht helfen, wenn ich
nicht wüßte, daß ich ohne dich nicht leben kann.“ Sie ließ nun, um zu
beweisen, wie sie über Tod und Leben gebiete, einen Menschen aus dem
Gefängnis kommen und befahl ihm, aus dem Becher zu trinken. Er tat’s
und sank auf der Stelle nieder.“
Derselbe Plinius sagt, daß in alten Zeiten nur Göttern Kränze
gegeben worden seien; später sollen auch die Opfernden zu Ehren der
Götter Kränze auf ihr Haupt gesetzt und zugleich die Opfertiere
bekränzt haben. Dann seien sie auch bei den heiligen Kampfspielen in
Gebrauch gekommen, wurden aber eigentlich nicht dem Sieger, sondern
dessen Vaterland zugesprochen. Solche Siegeskränze pflege man als
Weihgeschenke in den Tempeln aufzuhängen. -- Der ums Jahr 1000 n. Chr.
lebende Suidas gibt dem Empfinden der antiken Welt Ausdruck, wenn er
sagt: „Den Toten gab man einen Kranz, weil sie den Kampf des Lebens
bestanden hatten.“ In diesem Sinne erzählt Valerius Maximus vom
karthagischen Feldherrn Hannibal, er habe den römischen Feldherrn
Marcus Marcellus, als er im Lande der Bruttier kämpfend gefallen
war, mit einem Lorbeerkranze schmücken und standesgemäß begraben
lassen. Auch der Scheiterhaufen, auf dem die Leiche verbrannt wurde,
pflegte mit Blumen, Weihrauch und anderem kostbarem Räucherwerk und
wohlriechenden Essenzen bestreut zu werden. War der Leichnam verbrannt,
so löschte man die glimmende Asche mit Wein, füllte sie in eine Urne
und stellte sie in einem Grabmal an der Heerstraße auf.
In der Biographie des Feldherrn des Achäischen Bundes, Philopömen, der
183 v. Chr., als er von den Messeniern gefangen genommen wurde, den
Giftbecher trinken mußte, sagt Plutarch, daß bei dessen Beerdigung
der Sohn des achäischen Feldherrn, Polybios, die Aschenurne trug, die
aber vor der Menge der Bänder und Kränze kaum zu sehen war. In den
Grabschriften der Heroen des um 309 in Burdigala (Bordeaux) geborenen
und nach 393 verstorbenen römischen Dichters Ausonius, der Christ und
Erzieher des Kaisers Gratian war, wird der Besucher aufgefordert:
„Besprenge die Gebeine mit Wein und lieblich duftendem Nardenöl,
füge purpurfarbige Rosen und Balsam hinzu.“ Der Dichter Properz
(45-22 v. Chr.) singt in einer seiner Elegien: „Wäre ich gestorben
und legte jemand meine Gebeine in zarte Rosenblätter, so würde mir
die Erde leicht sein.“ Sein Zeitgenosse Tibull (43 vor bis 20 n. Chr.)
aber meint: „In schwarzem Trauergewande mögen sie meine Gebeine
sammeln, sie mit Wein und dann mit Milch abwaschen, sie mit Tüchern
wieder abtrocknen, in ein Marmorgefäß tun und die Zwischenräume mit
morgenländischen Gewürzen füllen.“ Gerade diese letztere Sitte muß bei
den Vornehmen Roms zu Beginn der Kaiserzeit sehr beliebt gewesen sein.
So beschwört der produktivste und phantasiereichste aller römischen
Dichter, Ovid, der im Jahre 7 n. Chr. 50jährig von Augustus wegen
einer Skandalaffäre mit dessen Tochter Julia nach Tomi am Schwarzen
Meer verbannt wurde und 17 daselbst starb, seinen besten Freund mit den
Worten: „Bin ich tot, so lege meine Gebeine mit Blättern und Pulver von
~amomum~ (den aus Indien bezogenen Kardamomen) in eine kleine Urne und
bestatte sie in der Vorstadt Roms.“
Auch die Gräber wurden in der Antike mit Vorliebe durch Blumen
geschmückt. Schon Sophokles (497-406 v. Chr.) läßt in seiner Elektra
sagen: „Als ich an das alte Grab des Vaters kam, sah ich, daß auf die
Mitte frische Milch gegossen und der Rand rings mit Blumen aller Art
belegt war.“ In der Äneis Vergils (70-19 v. Chr.) läßt der Dichter
den Äneas, als er das Grab seines Vaters Anchises wieder besuchte,
zwei Becher Wein, dann zwei mit frischer Milch und zwei mit heiligem
Blute ausgießen und purpurfarbige Blumen darauf streuen; und an
einer andern Stelle jenes Epos, das den Ahnherrn des julischen
Geschlechts verherrlichen sollte, heißt es: „Streut mit vollen Händen
Lilien und purpurne Blüten auf das Grab!“ Tibull sagt in einer
seiner Elegien: „Bist du gut gewesen, so werden Tränen bei deiner
Bestattung fließen und werden deine alten Freunde jährlich deinen
Grabeshügel mit Blumengirlanden schmücken und sagen: „Schlummre sanft
den Todesschlummer!“ Selbst von dem Scheusal Nero weiß sein Biograph
Suetonius zu melden, daß es doch Leute gab, die noch viele Jahre lang
sein Grab mit Blumen schmückten.“
Bei diesem zweifellos großen Bedarf an Blumen, der uns nach den
Berichten der Schriftsteller des Altertums im ganzen Bereich der
hellenisch-römischen Kultur entgegentritt, ist es sehr merkwürdig,
daß so überaus selten von Blumengärten, die doch überall in der Nähe
der Städte vorhanden gewesen sein müssen, die Rede ist. Nur der
prosaische Cato (234-149 v. Chr.) rät in seiner Schrift über den
Landbau: „Wer einen Garten bei der Stadt hat, der ziehe Kranzblumen
aller Art.“ Schon der Vater der griechischen Botanik, der Schüler des
großen Aristoteles, Theophrast (390-286 v. Chr.), zog in seinem durch
die Freigebigkeit seines Kollegen Demetrios Phalereus, der von 318
bis 307 Athen verwaltete und für kurze Zeit dessen Blüte herstellte,
unterhaltenen Garten in Athen auch allerlei Blumen, wie Veilchen,
Nelken und Klebnelken, von denen er sagt, daß sie zur Ausschmückung von
Kränzen verwendet werden. Und der ältere Plinius weiß uns zu melden:
„Um die Pflanzen kennen zu lernen, bin ich bei Antonius Castor in die
Lehre gegangen, der zu unserer Zeit in dieser Wissenschaft das größte
Ansehen genoß. Ich besuchte ihn sehr oft in seinem Gärtchen, in welchem
er die meisten Pflanzen zog. Dabei war er schon über hundert Jahre
alt, hatte nie eine Krankheit gehabt und durch sein hohes Alter weder
an seinem Gedächtnisse, noch an seiner körperlichen Munterkeit eine
Abnahme erfahren.“
Wie wir aus einigen literarischen Angaben und Darstellungen auf
Vasen wissen, pflegten die Griechen der klassischen Zeit mit Erde
gefüllte, meist mit Henkeln versehene irdene Töpfe mit allerlei rasch
aufsprießenden Pflänzchen zu besäen. Wenn sie dann grün bewachsen
waren, trug man sie am Adonisfeste im feierlichen Zuge daher. Mit
diesen rasch dahinwelkenden „Adonisgärtlein“ wollte man den frühen
Tod des Jünglings andeuten, der ein Sinnbild des südlichen Sommers
darstellte, in welchem alles Grün unter der Glut der erbarmungslosen
Sonne allzuschnell dahinstirbt. Dieser Adonis war eigentlich ein
syrischer Naturgott, ein Abbild der nach kurzer Blüte immer wieder
ersterbenden Vegetation. Nach griechischem Mythos war er der Sohn
des Kypriers Kinyras und dessen Tochter Myrrha und wurde aus einem
Myrrhenbaum geboren, in welchen letztere verwandelt worden war.
Er erwuchs zu einem wunderschönen Jüngling, in den Aphrodite, die
Liebesgöttin, und Persephone, die Beherrscherin der Unterwelt, die
mit Bewilligung ihres Vaters Zeus zwei Drittel des Jahres bei ihrer
Mutter Demeter, der Erdgöttin, auf der Oberwelt zubringen durfte, sich
gleicherweise verliebten. Als er dann auf der Jagd von einem Eber
getötet wurde, stritten beide Göttinnen um seinen Besitz. Da entschied
Vater Zeus, daß er abwechselnd bei der ersteren auf der Oberwelt und
bei der letzteren in der Unterwelt leben sollte.
Wie schon bei den ältesten Ägyptern und Babyloniern wurden auch bei den
Griechen und Römern allerlei fremdländische, gegen die klimatischen
Verhältnisse empfindliche Pflanzen in Töpfen gezogen, die man über die
kälteste Zeit zum Schutze in die Häuser stellen konnte. So schreibt
Theophrast in seiner Pflanzengeschichte: „Die Stabwurz (~abrótonon~)
wird öfters in Blumentöpfe (~óstrakon~) gepflanzt wie die Adonisgärten
im Sommer.“ In späterer Zeit baute man zum Zwecke des Überwinterns
gegen Kälte empfindlicher Pflanzen eigentliche, mit Glimmerplatten
statt wie bei uns mit Glas gedeckte Treibhäuser. So berichtet uns der
witzige Epigrammendichter Martial, 40-102 n. Chr., daß man hinter
Scheiben von „durchsichtigem Edelstein“ feinere Obstsorten vor der
Winterkälte schütze; er dagegen habe in seinem Stübchen nicht einmal
einen ganzen Fensterladen und müsse dann beim eisigen Nordwind
nicht übel frieren. Und in der wahrscheinlich ums Jahr 912 n. Chr.
veranstalteten, Geoponika genannten Sammlung von Auszügen guter alter
griechischer Schriften über die Land- und Gartenwirtschaft steht zu
lesen: „Frühzeitige Rosen nennt man diejenigen, die in Körben oder
Töpfen gezogen und wie Kürbisse oder Gurken behandelt werden (d. h.
im Winter bei kaltem Wetter in sonnigen, mit Glimmer gedeckten Räumen
geschützt, bei mildem aber ins Freie getragen werden). Im Freien
stehende treibt man, wenn man will, dadurch, daß man zwei Hände breit
um sie herum einen Graben zieht und täglich zweimal Wasser in diesen
gießt.“