Grundsätze wurden für den Bau der Gärten aufgestellt. Besonders
brachte der englische Gärtner Repton von 1794 an den Gartenbau auf
einen besseren Weg, indem er die Forderung aufstellte, daß der Boden,
auf dem der Garten angelegt werden soll, nach seiner natürlichen
Beschaffenheit zu benützen sei, womit er die künstlichen Berge, Seen
und dergleichen verwarf. Auch trennte er die nächste Umgebung des
Hauses, den ~pleasureground~, von der weiteren Umgebung, dem Park,
und forderte für ersteren eine architektonische Ausbildung unter
Wiedereinführung der blumengeschmückten Terrasse. Mit Repton schließt
die Entwicklung des englischen Landschaftsgartens ab; er fand keine
größeren Nachfolger, und seine Grundsätze blieben während des ganzen
19. Jahrhunderts herrschend. Wer heute dieses Land bereist, wird in
manchen Gegenden, wo die Landwirtschaft fast völlig durch die großen
Landsitze zurückgedrängt ist, den Eindruck bekommen, als ob das ganze
Land ein großer Park sei, so dicht reihen sich die einzelnen Anlagen
aneinander. Immer ist es dasselbe Bild: Wiesen, Waldstücke, Baumgruppen
und Einzelbäume, dazwischen die sanftgewundenen Bäche und Flüsse. Diese
in verschönertem Bilde sich zeigende typische englische Landschaft
suchte man seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts auf dem Kontinente
nachzuahmen, auch da, wo der Charakter der Gegend ein ganz anderer war,
also bei Befolgung der englischen Grundsätze ein durchaus anderes Bild
sich hätte ergeben müssen. Ein Landschaftsgarten in der Lüneburger
Heide z. B. würde einen ganz andern Charakter zeigen müssen, als ein
Landschaftsgarten im Harz. In diesen Fehler verfielen auch die ersten
Nachahmer des Reptonschen Gartens in Deutschland zu Beginn des 19.
Jahrhunderts, so von Sckell, dessen Hauptwerk der englische Garten in
München ist. Erst Fürst von Pückler (1785-1871) betrat in Deutschland
den richtigen Weg. Unter dem Eindruck der großen englischen Anlagen,
die er selbst studiert hatte, schuf er in den Jahren 1816-1845 den
Park der ihm gehörenden Standesherrschaft Muskau in Schlesien um und
gab 1834 eine Schrift über Landschaftsgärtnerei heraus, worin er seine
Anschauung begründete. Er unterscheidet vor allem scharf zwischen dem
Garten, der nach der Weise der älteren Gartenkunst eine Fortsetzung des
Hauses sein sollte, und dem Park in der weiteren Umgebung des Hauses,
der stets dem Charakter des Landes und des Klimas angepaßt sein müsse.
Nach diesen Grundsätzen schuf er aus Muskau eine mustergültige Anlage,
einen Park, der aus wirklichen, natürlichen Wäldern, Wiesen, Gewässern,
Hügeln und Tälern besteht. Unter seiner Mitwirkung entstanden in
der Folge eine große Anzahl fürstlicher Gärten, die heute zu unsern
schönsten Anlagen zählen, so z. B. diejenigen von Babelsberg und
Potsdam.
[Illustration: Bild 75. Plan einer englischen Gartenanlage. (Nach einem
Stich von 1802.)]
Fast gleichzeitig mit ihm war als ausübender Gartenkünstler der
spätere Generaldirektor der königlich preußischen Gärten Peter Joseph
Lenné tätig. In den Jahren von 1816-1866 schuf er ganz in dem vom
Fürsten Pückler geforderten Sinne um Potsdam herum die Schloßgärten
von Babelsberg, Klein-Glienicke und Sanssouci. Inmitten dieser reich
verschönerten Landschaft aber legte er 1825 im Vereine mit dem großen
Architekten Schinkel den Garten der lieblichen Villa Charlottenhof an,
die dem damaligen Kronprinzen, dem nachmaligen Könige Friedrich Wilhelm
IV., gehörte. Schinkel hatte das Haus nach Art einer altrömischen Villa
entworfen, und dem mußte sich der Garten anpassen. So entstand denn
hier ein überaus reizvoller Garten mit Terrassen, regelmäßig geordneten
Blumenbeeten, Laubengängen, Fontänen und Teichen. Nach der Beschreibung
des jüngeren Plinius, die wir zu Eingang gaben, wurde sogar ein
römischer Hippodrom angelegt. Die schon bei Lenné hervortretende
Neigung zum regelmäßigen architektonischen Garten entwickelten seine
Nachfolger weiter, wie z. B. der regelmäßige Königsplatz am Tiergarten
in Berlin beweist. Sie erwachte aber auch an andern Orten Deutschlands,
so in München, wo im Jahre 1862 von Effner das ausgedehnte Parterre im
französischen Garten des Schleißheimer Schlosses im Auftrage Ludwigs I.
wieder herstellte. Im Garten des Schlosses Linderhof in den bayrischen
Voralpen schuf dann Ludwig II. eine Anlage ganz italienischen
Charakters mit Terrassen, die sich vom Schlosse zu einem großen, in
Marmor gefaßten Wasserbecken senken, dessen Wasser in Kaskaden und
Fontänen, begleitet von Marmortreppen, hinter dem Schlosse von der
Berglehne herabströmt.
Zu einem Abschluß und zur theoretischen Begründung des neuen
Gartenbaustils, dem heute mehr oder weniger alle Gartenkünstler folgen,
brachte es erst der frühere königliche Hofgärtner in Sanssouci und
spätere städtische Gartenbaudirektor von Berlin, Gustav Meyer, dessen
berühmteste Schöpfungen der Marlygarten bei der Friedrichskirche in
Potsdam, der Friedrichs- und der Humboldtshain bei Berlin, der Bremer
Stadtpark usw. sind. Wie der Hausgarten zum Privatpark, so verhält sich
zum Stadtpark der öffentliche gartenmäßig geschmückte Platz im Innern
der Stadt. Auch er, der ganz von Häusern umgeben ist, hat sich nach
der neueren künstlerischen Anschauung den Gesetzen der Architektur
zu unterwerfen; doch kommen hier vor allem die Verkehrsrücksichten
in Betracht, denen sich die Anlage anzupassen hat. Ihn schmücken vor
allem Teppichbeete und Gruppen von Zierpflanzen, deren die moderne
Gartenkunst eine Menge besitzt.
Dadurch, daß man erkannt hat, welch große Bedeutung sowohl in
ethischer, als sanitarischer Beziehung der Gartenkunst zukommt,
hat man vor allem die durch die Beseitigung der Bollwerke um die
Städte zur Bepflanzung freigewordenen Plätze zur Herstellung von
Gartenanlagen benutzt, die den Erholung suchenden Städtern einen
angenehmen Aufenthalt darbieten. In den neueren Stadtteilen sucht man
von vornherein schattige Alleen und durch die Gärtnerkunst geschmückte
Anlagen zu schaffen, die mit ihrem frischen Grün und den bunten Farben
der in ihnen gepflanzten Blumen dem Auge eine wohltuende Abwechslung im
Einerlei der Häusermassen verschaffen. Und wie im öffentlichen Leben,
so ist auch in die Häuslichkeit der minder Bemittelten die Freude an
Pflanzengrün und Blütenschmuck immer mehr eingedrungen, besonders
seitdem der Jugend in der Schule die Liebe und das Verständnis zur
Pflanze zugleich mit einer Anleitung zu deren Pflege und Aufzucht
vermittelt wird. Um aber auch einen Wettstreit unter den Erwachsenen
hervorzurufen, durchwandern in vielen Städten die Mitglieder gewisser
Kommissionen die Straßen, um den am schönsten geschmückten Balkonen und
Fenstern Preise und Belobungen zu erteilen.
In den Großstädten sucht man immer mehr auf die Dächer der Häuser
ein Stückchen Natur zu bringen, indem man Blumen auf ihnen ansiedelt
und ganze Gärten darauf schafft. Schon in den großen Städten des
Altertums haben sich die ärmeren Leute, denen kein Stückchen Land zum
Bepflanzen zuteil geworden war, mit solchen Dachgärten beholfen, wie
uns die alten Schriftsteller berichten. Besonders liebte man Reblauben,
~pergulae~ genannt, anzulegen, welche die Terrasse oder den Garten
an der Wohnung anmutig beschatteten. Selbst größere Bäume wurden in
großen Tonkübeln in solcher Menge gezogen, daß bei manchen Autoren von
förmlichen Lusthainen auf den Dächern der großen Städte des Altertums
die Rede ist. Durch Pumpen hinaufgeleitetes Wasser sprang aus dem
marmornen Becken eines Springbrunnens, floß dann vielfach in geräumige
Fischbehälter und diente, rund um das Haus geleitet, zur Sicherung
desselben bei Feuersgefahr. Und wer zu arm für solchen Aufwand war, dem
mußten wie bei uns einige in den Fenstern seiner Wohnung in irdenen
Töpfen gezogene Blütenpflanzen genügen. Der sarkastische, unter Nero
aus Bilbilis in Spanien nach Rom gekommene und ums Jahr 102 verstorbene
römische Epigrammdichter Martialis ließ in einem uns erhaltenen
Gedichte einen seiner Gönner wissen: „Der Garten, lieber Lupus, den
du mir unter der Stadt geschenkt hast, ist sehr klein, fast kleiner
als das Gärtchen in meinem Fenster.“ Und daß dieser Schmeichler und
Günstling verschiedener Kaiser lange Zeit kärglich genug lebte, bezeugt
eine Stelle aus einem anderen seiner Poeme, worin er sagt: „Mein
Stübchen, guter Freund, ist im Winter eisig kalt und hat nicht einmal
einen ganzen Fensterladen; selbst Boreas (der Nordwind) würde sich für
eine solche Wohnung bedanken. Besser als ich sind deine Obstkulturen
daran; diese stehen hinter Scheiben von Marienglas (Glimmer), und
freundlich scheint von Süden die Sonne hinein.“
Wie einst die prachtliebenden Tyrannen der reichen griechischen
Handelsstadt Siziliens Syrakus, wollten auch die prunksüchtigen
Kaiser des weltbeherrschenden alten Rom Gärten sogar auf ihren großen
Lustschiffen haben. So ließ schon der spätere Bundesgenosse der Römer,
Hieron II., der von 269-215 v. Chr. über Syrakus herrschte, auf
seinem Prachtschiff einen ganzen schwimmenden Garten mit Lusthäusern,
Pergolen, Blumenrabatten, Schwimmbassins und Ringplatz anlegen. Diesen
Luxus suchten die römischen Kaiser noch zu übertrumpfen. So berichtet
uns der Geheimschreiber des Kaisers Hadrian, Suetonius (70-145
n. Chr.), von dem nach den Soldatenstiefelchen, die er als Kind im
Lager trug, Caligula genannten dritten römischen Kaiser, Gajus Cäsar,
Sohn des Germanikus und der Agrippina, der von 37-41 n. Chr. herrschte,
daß er sich Schiffe mit zehn Reihen von Ruderbänken übereinander
bauen ließ. Dieselben waren auf das Köstlichste eingerichtet und mit
Kunstgegenständen aus Gold und Edelsteinen reich geschmückt. Die
Segel waren buntfarbig, und große Bäder aus Marmor, Säulenhallen und
prunkvolle Speisesäle waren vorhanden. Weinstöcke und Obstbäume aller
Art standen in Menge auf dem Verdeck. Unter diesen lagerte sich der
Kaiser mit seinem Gefolge und fuhr unter schallender Musik den Küsten
Kampaniens entlang. Bekanntlich sind neuerdings prächtige Überreste
zweier solcher luxuriös eingerichteter altrömischer Kaiserschiffe
von 76 beziehungsweise 64 m Länge, die den prunkvollen Festen dieses
Kaisers und vielleicht auch schon seines Vorgängers Tiberius als
Hintergrund dienten, aus dem Nemisee nördlich von Rom gefischt worden.
Schon sie geben uns einen Begriff von der kostbaren Einrichtung dieser
Riesenschiffe, zu deren Hebung man eine zeitweilige Trockenlegung des
Sees plant, da man zahlreiche wertvolle Kunstgegenstände in ihnen zu
finden hofft.
XXIX.
Die Zierblumen.
Schon auf niederer Kulturstufe muß sich der Mensch an den bunten
Farben und am Wohlgeruche der Blumen mancherlei Art erfreut haben,
die ihm je und je auf seinen Wanderungen entgegentraten. Wenn sie
ihm auch nicht Nutzen gewähren konnten, es sei denn als Arznei, so
befriedigten sie wenigstens sein erwachendes ästhetisches Empfinden.
Deshalb pflückte er sie gelegentlich, um sich damit zu schmücken. So
bekränzen sich die leichtlebigen Bewohner der Samoainseln nicht bloß zu
festlichen Anlässen, sondern tagtäglich Haupt und Brust mit Girlanden
wohlriechender Blumen, was einen sehr hübschen Anblick gewährt.
Begreiflicherweise mußten solche Stämme sehr bald darauf verfallen,
solche Blütenpflanzen in der Nähe ihrer Wohnungen zu ziehen, damit sie
jederzeit den begehrten Schmuck zur Verfügung hatten.
Von den ältesten Blumengärten der Menschheit wissen wir nichts; denn,
ganz abgesehen davon, daß damals die Schrift noch nicht erfunden
war, hätte es niemand der Mühe wert erachtet, uns davon Kunde zu
geben. Das erste Volk, von dem wir Kunde haben, daß es sich gewisser
Blumen erfreute und diese teilweise auch anpflanzte, um sie in
genügender Menge zur Hand zu haben, war das uralte Kulturvolk der
Ägypter, das der +weißen+ und +blauen Seerose+ des Nils (~Nymphaea
lotus~ und ~coerulea~) ein besonderes Interesse, ja als Kinder des
lebenspendenden, heiligen Stromes geradezu Verehrung entgegenbrachte.
Nil und weiße Seerose -- von den alten Ägyptern ~suschin~, von den
Griechen jedoch ~lōtós~ geheißen -- gehörten nach seinem Empfinden
zusammen wie Mutter und Kind, eines ohne das andere undenkbar. Wenn der
heilige Strom nach den starken Regen in seinem äquatorialen Quellgebiet
anzuschwellen begann, erwachte der im Schlamme desselben wurzelnde
Lotos zu neuem Leben; wenn der Strom das Land weithin mit seinem
Fruchtbarkeit spendenden Naß überschwemmte, stand die Pflanze in voller
Blüte, und wenn er langsam zu sinken begann, so reiften ihre Früchte
heran, deren Samen der Bevölkerung eine willkommene Speise darboten
und als Nahrungsmittel eine wichtige Rolle spielten. So berichtet uns
der Vater der griechischen Geschichtschreibung, Herodot aus Halikarnaß
an der kleinasiatischen Küste (484-424 v. Chr.), der Ägypten selbst
bereiste, von der weißen Seerose: „Im Nil wachsen, wenn er die Felder
überschwemmt, viele Lilien (~krínon~), welche die Ägypter ~lōtós~
heißen. Deren mohnkapselartigen Früchte sammeln die Leute, dörren sie
an der Sonne, zermahlen dann deren Samen und backen mit Hilfe des
Feuers Brot daraus. Auch die Wurzel ist eßbar und schmeckt nicht übel;
sie ist rundlich und von der Größe einer Quitte. Außer diesem Lotos
haben die Ägypter noch andere im Wasser wachsende Lilien, deren Frucht
einer Wespenwabe gleicht, worin Samen, so groß wie Olivenkerne, in
Menge sitzen; man ißt sie frisch und gedörrt.“ Mit diesen letzteren
meint Herodot die erst kurz vor seiner Zeit in Ägypten eingeführte
rosenrote +indische Seerose+ (~Nelumbium speciosum~), deren Blüten
wenigstens ein Drittel größer als diejenigen unserer weißen Seerose
sind und einen angenehmen Anisduft aushauchen. Sie ist in Indien
heimisch, wo sie als ~padma~ in Sage und Kult der Inder dieselbe Rolle,
wie der heilige Lotos bei den Ägyptern spielt. Auf ihr, die der zweite
Gott der indischen Göttertrias (Trimurti), Wischnu, als er auf der
Milchstraße das Universum durchschwamm, um die Welt zu erschaffen,
als Symbol der entstehenden Erde aus seinem Nabel hervorgehen ließ,
ist dessen Gemahlin Lakschmi, die Göttin der Liebe, die Tochter des
Weltmeers und der Nacht, schwimmend gedacht. In der eben erschlossenen
Blüte sitzt sie in ihrem unvergleichlichen Liebreiz, wie später der
zum Gott erhobene Königssohn Siddharta aus dem Geschlecht der Sakja
-- daher auch Sakjamuni, d. h. Einsiedler der Sakja genannt, besser
aber unter dem Ehrennamen Buddha „der Erleuchtete“ bekannt (623-543
v. Chr.) -- in ihr sinnend als der Weisheit Fülle von seinen zahlreichen
Anhängern, den Buddhisten, dargestellt wurde. Deshalb rufen ihn seine
Anhänger tagtäglich unter der stehenden Formel: ~om mani padme hum~,
d. h. „du Juwel in der Lotosblume“ an, ein Gebet, das in zahllosen
Tempeln, wie auf den Gebetsmühlen der Tibeter geschrieben steht und in
dem sich die Religion der gedankenlosen Menge niedergeschlagen hat. Auf
einem schwimmenden Blatte der ~padma~ ist auch Brahma, der erste Gott
der indischen Götterdreiheit, der Ursprung aller Wesen, zu dem sie
auch zurückkehren, in der für die Inder charakteristischen Weise mit
gekreuzten Beinen sitzend gedacht. Diese heilige Pflanze ist dem Inder
das Symbol des sich stets erneuernden Lebens, das sichtbare Zeichen der
ungeschwächten Schöpfungskraft der Götter, der Inbegriff alles Schönen
und Lieblichen; mit ihren Blättern und Blüten schmückt er heute noch
wie vor Jahrtausenden die Tempel und Altäre seiner Gottheiten.
Dieser heilige indische Lotos, deren der Brause einer Gießkanne
ähnliche Früchte in ihren nach oben zu offenen Fächern vom Volke grün
oder getrocknet gerne verspeiste Samen von der Größe von Olivenkernen
enthalten, gelangte in der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen
Jahrhunderts aus dem Gebiet des Ganges und Indus nach Persien und
eroberte sich erst ums Jahr 500 v. Chr. das Heimatrecht in den
Gewässern Ägyptens. Hier wurde er in der hellenistisch-römischen Zeit
als Zier- und Nutzpflanze im ganzen Lande viel angebaut, war aber
schon im 10. Jahrhundert n. Chr. wieder aus dem Lande verschwunden. Er
war also dem alten Ägypten fremd, und die weiße einheimische Seerose
(~Nymphaea lotos~), die heute noch mit der himmelblauen Verwandten in
den Wässern des Niltals wächst und zur Zeit der Nilüberschwemmung ihre
hübschen Blüten entfaltet, nach deren Zahl der Fellache den kommenden
Jahressegen abschätzt, war die heilige Pflanze der Ägypter, das Symbol
des Nils selbst und zugleich das hieroglyphische Wortbild für das ganze
Land Kemi, d. h. Ägypten. Ihre Blüte galt als Sinnbild der Lebensfülle
und des Überflusses, war das Zeichen der Zahl 1000, mit welcher der
Ägypter den Begriff der Menge und des Segens verband. Sie war den
Gottheiten Osiris, Isis, deren Sohn Horus, wie auch Hathor, der von
den Griechen mit ihrer Aphrodite identifizierten Göttin der Liebe und
des Lebensgenusses, heilig und wurde von diesen als Diadem getragen.
Osiris, der ägyptische Gott der schaffenden Kraft des Lichts und der
gleicherweise Leben spendenden Feuchtigkeit, das allverehrte Prinzip
des Guten und Schönen, der von seinem Bruder Seth, dem Dämon des Dürre
und Mißwachs erzeugenden Glutwindes der Wüste, getötet wurde, um dann
in der Unterwelt über die Geister der Verstorbenen zu herrschen,
war auf einem Lotosblatt thronend gedacht. Er wie seine Gemahlin
Isis, das weibliche, empfangende und gebärende Prinzip, waren mit
Lotosblumen geschmückt. Letztere wird mit Vorliebe, den Nilschlüssel,
das Zeichen der erschlossenen Fruchtbarkeit, in der Rechten, in einem
Papyrusnachen über die prangenden Blütenkelche der heiligen Pflanze
gleitend dargestellt, während ihr Sohn Horus (ägyptisch Har), der die
dem Leben feindliche Dunkelheit und Dürre überwindende Lichtgott, der
Rächer seines Vaters Osiris an dessen Mörder Seth, sich beim Schwinden
der Nacht in einer halbgeöffneten Lotosblüte als das Symbol der neu
aufwachenden Sonne aus den Fluten des Weltmeers erhebt. Wie er, seine
Eltern und seine Amme Hathor, die Göttin des Ehesegens und Freundin der
Kinderwelt, waren auch die ägyptischen Königinnen mit den Blüten der
heiligen Lotospflanze als ihrer schönsten Zier geschmückt.
Keine andere Pflanze, selbst nicht der in seiner Wurzelknolle ebenfalls
eine angenehme Speise darbietende Papyrus, auch ein Geschenk des Nils
und in der Hieroglyphik das Zeichen des Nordens, wo er in den Sümpfen
des Deltas in Menge wuchs, spielte im täglichen Leben des Ägypters als
Zier- und Opferblume eine so wichtige Rolle und hat seine ganze Kunst,
die Architektur, Skulptur und Malerei so weitgehend beeinflußt, wie
der heilige Lotos. Auf allen Darstellungen aus dem Leben der alten
Ägypter begegnen wir ihm, wo auch immer sich jemand auf oder am Wasser
beschäftigt, wo Opfertische gedeckt sind, wo Gesellschaften gegeben
werden. Wenn reichgeschmückte vornehme Damen beisammensitzen und
Sängern oder Lautenspielern zuhören oder Tänzerinnen zusehen, stehen
Blumenvasen mit Lotosblüten auf den Tischen und halten sie Lotosblüten
in den Händen. Von flüchtigen Skizzen bis aufs Feinste ausgeführte
Darstellungen wechseln die Lotosbilder durch die mehrtausendjährige
Geschichte Altägyptens. Und zwar war bis zum alten Reich ums Jahr
3000 v. Chr. speziell die weiße Lotosblume die heilige, die auch zur
Verzierung der Tempel bei Festen, wie auch zum Schmücken der Sarkophage
in Girlanden benutzt wurde. Von da an gewann der blaue Lotos -- von
den Ägyptern ~sarpat~ genannt -- die Überhand über den weißen und war
im mittleren und neuen Reiche die fast ausschließlich benutzte, bis
erst wieder zur Ptolemäer- und Kaiserzeit (333 vor bis 362 n. Chr.)
die weiße Lotosblume einigermaßen zu Ehren kam. Wie bei uns seit alter
Zeit die Rose, so war die Blüte des Lotos im alten Ägypten die Königin
der Blumen, die man überall antraf, die auf allen Märkten zu kaufen
war und an deren Farbe und zimtartigem Duft man sich in frohen Tagen
erfreute. Sie war auch das bevorzugte Geschenk der Liebenden und wurde
als Amulett aus Holz oder gebranntem Ton auf der Brust getragen. Wie
eintretenden Gästen als Zeichen des Willkomms eine einzelne Blüte oder
ein Strauß derselben von Dienern oder Dienerinnen überreicht wurde,
so prangte sie im schwarzen Haar der sorgfältig frisierten Dame. Im
neuen Reiche (1580-1205 v. Chr.) war es in feinen Kreisen Sitte, zu
Gastmählern Geladenen einen Kranz aus Lotosblüten um den Hals zu
hängen und ihr Haupt mit Blumengewinden zu zieren, aus denen eine
halberschlossene Lotosblüte über die Stirne herabhing.
[Illustration: Bild 76-78. Altägyptische Darstellungen von Lotosblumen.
Links ein Diener mit abgeschnittenen Blütenstengeln, in der Mitte und
rechts Vasen mit Lotosblüten. (Nach Lepsius und Woenig.)]
Bei keinem Opfer fehlte die heilige Pflanze, das Attribut der höchsten
Gottheiten. Weizenähren oder Lotosblüten in den Händen sehen wir die
mächtigen Herrscher sich den Götterbildern opfernd nahen und die
Götter sich gegenseitig beschenken. Und einst selbst eine „reine, in
den Strahlen der Sonne leuchtende, heilige Lotosblume im Garten des
Sonnengottes Ra“ zu werden, war, wie in den Totengebeten steht, der
sehnlichste Wunsch eines jeden Ägypters. Mehrere der in der Totenstadt
westlich von Theben aufgefundenen Königsmumien fanden sich noch mit
Kranzresten geschmückt, in denen sie vorherrscht. So war die noch im
Tode Ehrfurcht gebietende Mumie des großen Ramses II. der 19. Dynastie
(1292-1225 v. Chr.) mit Gewinden aus Blättern des von alters her der
Isis geheiligten Baumes ~Mimusops schimperi~, des „Lebensbaumes“ mit
in Form und Farbe den Hagebutten nicht unähnlichen Früchten mit dünnem
Überzug von mehligem, wohlschmeckendem Fruchtfleisch, abwechselnd
mit den blauen Blumenblättern des Lotos verflochten. Und zwar wurden
diese Blumengewinde dem beigegebenen Totenbuche zufolge bei einer zur
Zeit der 21. oder 22. Dynastie (1090 bis 745 v. Chr.) vorgenommenen
prunkvollen neuen Bestattung um die Mumie des großen Toten geschlungen.
Von anderen altägyptischen Gartenblumen sind uns nur spärliche Reste
erhalten geblieben. So fanden sich in einem die Brust der Mumie des
Königs Amenhotep II. aus der 18. Dynastie (1580-1547 v. Chr.)
bedeckenden Blumengewinde Reste des arabischen Jasmins, der
feigenblätterigen Malve und einer blauen Ritterspornart, die in
Westasien heimisch sind und im Niltal in Gärten gezogen worden sein
müssen. Zwischen ihnen hingen gelbe Blütentrauben der im Lande selbst
wachsenden Nilakazie und eines andern Schmetterlingsblütlers (~Sesbania
aegyptiaca~) mit rotgelben Blüten. In den Weidenlaubgewinden der
Prinzessin Nsi-Chonsu, der Tochter des Tont-hont-huti der 22. Dynastie
(945-745 v. Chr.) fanden sich neben Blüten der asiatischen Kornblume
diejenigen einer in Ägypten nur im April blühenden Komposite, eines
Bitterkrautes, die uns sogar von der Jahreszeit der Schmückung dieser
Leiche genaue Kunde geben. In einem Grabe der 20. Dynastie (1200-1090
v. Chr.) lagen die Blüten und vollständig geschwärzten Blätter der
Pfefferminze. Mehrfach haben sich auch bei Mumien dieser und späterer
Perioden Überreste der hochgelben Blüte einer Komposite, der kretischen
Wucherblume, neben denjenigen des rotblühenden Schotenweiderichs
gefunden.
Neben Girlanden sind auch Blumensträuße in größerer Zahl in den
Katakomben der Totenstadt von Theben gefunden worden. Sie lagen in den
Sarkophagen auf den Mumien, zwischen diese und die innere Sargwand
eingezwängt. Diese Sträuße, aus Feld- und Gartenblumen, Wedeln der
Dattelpalme (altägyptisch ~utu~ genannt) und verschiedenartigen
Laubblättern gefertigt, sind länglich, ähren- oder zapfenförmig und
kurz oder lang gestielt. Sie wurden in der Weise hergestellt, daß
man die Blumen und Blätter um einen kürzeren oder längeren Stab
mit Baststreifen umwickelte. Auch die Holzstiele der Sträuße waren
häufig kunstvoll mit Bast umflochten. Noch heutigentags werden die
Blumensträuße in Ägypten, wie im ganzen Orient, auf diese Weise
gebunden.