ein neuer großzügiger Geist in die Gartenanlagen der französischen
Königsschlösser zu kommen. Man brachte wie in Italien die Linien des
Hauptgebäudes, des Schlosses, mit dem Garten in Verbindung und schuf
damit einen weiten Durchblick, eine Perspektive; auch legte man um das
Schloß einen freien Platz, um dadurch das Gebäude als den Mittelpunkt
der ganzen Anlage hervorzuheben. Durch diese Neuerungen, die Claude
Mollet, der Gärtner Ludwigs XIII., an den königlichen Gärten von
Fontainebleau in Verbindung mit der Anlage großer Wasserbecken mit
Springbrunnen zuerst in Frankreich einführte, erhielt der Garten
einen Zug ins Großartige und begann sich damit dem Glanze der
französischen Kultur anzupassen, die im 17. Jahrhundert diejenige
der Nachbarländer, namentlich Deutschlands, das währenddem unter
den Schrecknissen des Dreißigjährigen Krieges zu leiden hatte, weit
überragte. Ihren Höhepunkt erreichte diese Zeit unter der Regierung
des Sonnenkönigs, Ludwigs XIV., und die Gärten, die in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts für ihn und die Ersten des Landes angelegt
wurden, spiegeln deutlich die Eigentümlichkeiten des französischen
Hoflebens dieser Periode wieder mit der Gemessenheit und Steifheit
seines Zeremoniells und seiner theatralischen Grandezza, die ihren
bezeichnenden Ausdruck in den schwülstigen Allongeperücken und den die
Gestalt erhöhenden Stöckelschuhen fand.
Aus dem Geiste dieser vornehm tuenden Zeit heraus bildete André Le
Nôtre den regelmäßigen französischen Garten zum architektonischen um.
Das Haus, das Schloß, war der Brennpunkt seines Gartens und sollte
möglichst von allen Hauptpunkten der ausgedehnten Anlage sichtbar
sein; andererseits sollte vom Schloß aus der ganze Garten überblickt
werden können. Um dies leichter zu ermöglichen, wurde es auch in der
Ebene auf eine erhöhte Terrasse von gewaltigen Dimensionen gebaut,
wodurch es frei aus dem Garten herausgehoben wurde. Dasselbe Ziel
verfolgte die Hervorhebung der Mittelperspektive auf das Schloß
und vom Schlosse aus. Die von der Mitte des Schlosses ausgehende
Hauptallee durchschnitt den Garten seiner ganzen Länge nach und war mit
hohen geschnittenen Baumwänden eingefaßt. Längliche Wasserbecken in
derselben Richtung unterbrachen sie. In dieser Perspektive schweifte
nun der Blick über eine Fülle von Wasserbecken mit Springbrunnen
in die Ferne, und umgekehrt bot sich vom Ende des Gartens, ja von
weither gesehen, das Schloß auf seiner Terrasse eindrucksvoll dar.
Außer dieser Mittelperspektive wurden überall, kreuz und quer durch
den Garten, andere Durchblicke angelegt und damit das eintönige
Schema der schachbrettartigen Aufteilung der Fläche durchbrochen. Um
möglichst Abwechslung zu bringen, wurde jede dieser Nebenperspektiven,
deren meist mehrere strahlenförmig von einem Punkte ausgingen, mit
einem ~point de vue~, einer Fontäne, einer Statue, einem kleinen
Gartenhäuschen oder etwas Ähnlichem ausgestattet. Die abgelegenen
Gartenpartien wurden von hohen Heckenwänden, meist geschnittenen
Hainbuchen, umgeben und ihr Inneres mit Baumwuchs erfüllt, was
den Eindruck hervorrief, als seien alle den Garten durchquerenden
Perspektiven mit hohen grünen Kulissen umstellt. Zwischen diesen
stilisierten Anlagen waren, damit neben der strengen Form auch die
spielende Phantasie ihr Recht bewahre, allerlei Labyrinthe und
Irrgänge, Grotten, Naturtheater und verschieden ausgestattete Plätze
mit Lusthäusern aus Gitterwänden oder Springbrunnen und plastischen
Gruppen jeder Art zerstreut. Der ganze Garten war nach italienischem
Muster mit Statuen der antiken Götter- und Halbgötterwelt belebt, die
frei oder in nischenartigen Vertiefungen der Heckenwände aufgestellt
waren und mit ihrem Weiß das eintönige Grün des Hintergrundes
unterbrachen. Noch mehr als im italienischen Garten war das Wasser
zur Mitwirkung herangezogen. War es dort das lebendige, in Kaskaden
herabrauschende und in Fontänen aufsprudelnde Wasser gewesen, so waren
es hier ausgedehnte Wasserbecken, die an sich schon durch die Masse
wirkten, gleichfalls belebt von Springbrunnen, welche aus plastischen
Gruppen hervorschossen, und hintereinanderstehenden Wasserstürzen.
Als ein Hauptstück des Gartens breitete sich unmittelbar vor dem
Schlosse das Blumenparterre in Gestalt von Blumenteppichen aus,
wie es schon der ältere französische Garten, gleich demjenigen der
italienischen Renaissance, besaß. Um ihre Zeichnung gehörig zur Geltung
zu bringen, beschränkte man sich ebenso wie in Italien nicht auf
Blumen, die nicht ausreichten, als die Muster feiner und zierlicher
wurden, sondern man verwendete dazu Rasen und geschnittenen Buchs und
füllte die Zwischenräume zwischen den einzelnen Figuren mit gefärbtem
Sand, mit Ziegelmehl oder Kohlenstaub. In der Mitte der Blumenbeete
waren die hohen Ziergewächse, wie Sonnenblumen und Malven, gruppiert
und wurden von immer niedrigeren eingefaßt. Für den Frühling wurden
Tulpen, Hyazinthen und Narzissen in schachbrettförmiger Anordnung auf
die Beete gepflanzt, um nach dem Verblühen durch anderen Blumenflor
abgelöst zu werden. Selten fehlte auch die Orangerie, die meist ein
besonderes Parterre an geschützter Stelle bildete, an welche sich die
zum Überwintern nötigen Kalthäuser anschlossen. Hier standen in Reihen
südliche Gewächse in Kübeln, wie Orangen, Zitronen, Myrten und Lorbeer.
Aber ihre Verwendung war durchaus nicht auf die Orangerie beschränkt,
sie begleiteten vielmehr auch die Linien des Parterres und umgaben
die Wasserbecken. In diesen großartigen Anlagen, die durchaus keine
bürgerlichen Hausgärten waren, sondern den Bedürfnissen von Königen
und Herren mit großer Hofhaltung entsprachen, dienten als Schauplätze
glänzender Feste, ihre Boskets und ~cabinets de verdure~ waren
der Ort für die arkadischen Schäferspiele der Hofgesellschaft. Ihre
Kosten waren derart, daß sie nur entstehen konnten, wo den Launen eines
absoluten Herrn unbeschränkte Mittel zur Verfügung standen, die durch
rücksichtslose Besteuerung der Untertanen beschafft wurden.
Nächst Versailles war einer der schönsten von Le Nôtre angelegten
Gärten derjenige von Marly, von dessen wundervollen Wasserwerken uns
alte Kupferstiche ein gutes Bild geben. Der Garten von Groß-Trianon war
kleiner und einfacher. Auch den Garten von St. Cloud baute Le Nôtre
um und legte an der ziemlich steilen Talwand der Seine die berühmten
Wasserwerke an. Der Garten von Chantilly kam an Ausdehnung demjenigen
von Versailles gleich; er hatte einen Kanal von 3 km Länge, der 80 m
breit war, während derjenige von Versailles bei 1600 m Länge nur 60 m
Breite besaß. Auch die Gärten von St. Germain, Meudon und Fontainebleau
baute er um und machte die Pläne zu zahlreichen auswärtigen Gärten;
denn wie das Zeremoniell und die Sitten der Versailler Hofhaltung
überall in Europa Nachahmung fanden, so war auch der Versailler Garten
das vielbewunderte Muster für die übrigen Höfe, die es in allem dem
„Sonnenkönige“ gleichtun wollten. Gärten dieser Art schossen sozusagen
wie Pilze aus dem Boden hervor. Wir lernen sie wie die französischen
am besten durch die Kupferstiche kennen, in denen die berühmtesten
Gärten der damaligen Zeit abgebildet und beschrieben wurden. Da ist
z. B. in England der Garten von Hamptoncourt, in Rußland derjenige
von Peterhof, in Schweden derjenige von Drottningholm bei Stockholm.
Die meisten Nachahmer fand aber der französische Garten, wie andere
französische Dinge auch, in Deutschland, wo alle die zahllosen größeren
und kleineren, bis zu den kleinsten Höfen, die sich, so gut oder so
schlecht es ging, nach französischem Muster einzurichten suchten,
eine Nachahmung des Versailler Gartens zur Erhöhung ihres Glanzes für
unbedingt notwendig hielten. Von den vielen deutschen Anlagen dieser
Art sind vor allem die Gärten von Schönbrunn bei Wien, Nymphenburg und
Schleißheim bei München, Schwetzingen bei Heidelberg, Wilhelmshöhe bei
Kassel, dessen Kaskadenanlage allerdings eine Nachahmung derjenigen
der Villa Aldobrandini in Frascati bei Rom ist, dann in Hannover,
Charlottenburg usw. zu nennen. Auch die geistlichen Fürsten wollten
nicht hinter den weltlichen zurückbleiben; davon zeugen die Gärten der
Fürstbischöfe von Salzburg (Hellbrunn und Mirabellgarten), Olmütz zu
Kremster, Würzburg und Mainz. Einer der spätesten französischen Gärten
war auch die jetzt ganz veränderte Schöpfung Friedrichs des Großen in
Sanssouci, die bezeichnend für die Vorliebe des großen Königs für alles
Französische ist.
Le Nôtres Nachfolger suchten den Mangel großer Verhältnisse in ihren
Anlagen durch die Bereicherung der Einzelheiten zu ersetzen. Die als
Fortsetzung der Räume des Hauses gedachten, von glatt geschnittenen,
hohen Laubwänden umschlossenen Gartenräume des klassischen Le
Nôtreschen Stils erschienen ihnen langweilig, und so gaben sie den
langen Heckenwänden die bewegten Formen der Steinarchitektur, was sehr
unnatürlich aussah. Man versah sie mit Säulen, Pfeilern und Gesimsen,
man schnitt Tür- und Fensteröffnungen in sie hinein, bekrönte sie mit
Kugeln und Obelisken, alles aus dem lebendigen Grün geschnitten. Die
Laubengänge bildete man in Form von Kreuzgewölben oder gab ihnen aus
Laubwerk geschnittene Dächer. Damit nicht genug, ahmte man schließlich
ganze Gebäude, ja selbst Ruinen aus Heckenwerk nach. Mit dieser Unnatur
hielt die künstliche Behandlung der Buchs- und Eibenpflanzungen
Schritt, indem man von der Wiedergabe einfacher stereometrischer Körper
zu derjenigen von Tier- und Menschenfiguren, ja zu ganzen aus solchen
Figuren gebildeten bewegten Szenen überging. Je kleiner der Garten war,
um so mehr ging er in solchen Künsteleien auf und um so unnatürlicher
erschien er.
Die unausbleibliche Reaktion gegen diese Ausartung einer in ihren
Anfängen groß und ernst angelegten Kunstweise ging von England aus.
In diesem Lande, das durch seine Inselnatur vor den kriegerischen
Einfällen der Nachbarn geschützt war und sich schon seit dem 14.
Jahrhundert geordneter sozialer Zustände erfreute, hatte die
Kulturentwicklung keine Unterbrechung erfahren, und der zunehmende
Seehandel brachte dauernden Wohlstand und teilweise sogar bedeutenden
Reichtum weiter Kreise. Zu einer Zeit, da auf dem mitteleuropäischen
Festlande Adel und Bürger noch hinter ihren Mauern saßen, konnte
der englische Lord schon seine Burg, den ~keep~, verlassen und sich
ein bequemes Haus inmitten seines Gutsbezirkes bauen. Namentlich in
dem glücklichen Zeitalter der Königin Elisabeth von 1558 bis 1603
füllte sich das Land, das seit der Eroberung durch die Normannen
im 11. Jahrhundert das Übergewicht über die Städte erlangt hatte,
mit prächtigen Landsitzen, deren Gärten sich allerdings im großen
und ganzen nicht allzusehr von den gleichzeitigen in Frankreich und
Deutschland unterschieden. Die Einteilung in rechteckige Felder,
die Laubengänge und Irrgärten, die Wasserbecken und Springbrunnen
waren wie diejenigen der mitteleuropäischen Gärten. Dagegen spielte
bei ihm die terrassenförmige Anlage eine größere Rolle, vielleicht
als eine Folge der hügeligen englischen Landschaft, vielleicht
aber auch auf italienische Einflüsse zurückzuführen. Ferner hatte
der englische Garten eine ausgeprägte Vorliebe für beschnittene
Buchs- und Eibenpflanzungen, die wohl durch die Kenntnis des hierin
gleichgearteten holländischen Gartens verstärkt wurde, zumal zur Zeit
der Königin Elisabeth eine starke holländische Einwanderung stattfand.
Dieser Einfluß wurde naturgemäß mit dem Erscheinen Wilhelms von Oranien
in England und während seiner Regierung verstärkt.
Der holländische Garten war recht eigentlich, vermöge der Natur des
Landes, ein Garten der Ebene mit schachbrettartiger Einteilung der
von geradegeschnittenen Hecken umgebenen Felder. Da nun die kleinen
Landsitze, die sie aufwiesen, sich meist an den die holländischen
Provinzen in großer Zahl durchschneidenden Kanälen hinzogen, waren
sie von dorther reich mit geradlinigen Wasseradern durchzogen, ohne
Kaskaden und hohe Fontänen aufzuweisen. Selbst für die wenigen und
spärlich fließenden Springbrunnen war man auf Maschinen angewiesen,
die durch Wind- oder Pferdekraft in Bewegung gesetzt werden mußten.
Schon durch die meist geringe Größe der Gärten begünstigt, waren alle
seine Teile in kleinem Maßstabe gehalten, wodurch etwas Kleinliches,
Langweiliges, jeden großen Zuges, wie er z. B. durch Terrassenanlagen
in die Gärten hätte hineingelegt werden können, Bares in sie
hineingelangte. Die peinliche Ordnung und Sauberkeit seiner Wohnung
übertrug der Holländer in seinen Garten, dessen Baum- und Strauchwerk
stets unter der Schere gehalten, ja mit Vorliebe zum Ausschneiden
künstlicher Figuren benutzt wurde. Manchmal wurden sogar die Baumstämme
weiß angestrichen, um sie schöner und sauberer erscheinen zu lassen.
Die häufige Verwendung von künstlich gezogenen Zwergobstbäumen in
Kübeln und Töpfen, wie die Aufstellung von Muscheln, Korallenstücken,
Porzellanfiguren und anderen solchen Dingen, die der lebhafte Handel
des aufblühenden Landes in Menge aus fremden Ländern herbeibrachte,
war ein Ausfluß derselben Neigung. Was aber den holländischen Garten
vor allem auszeichnete, das war sein reicher Blumenflor. Es war wohl
eben jener Hang zum Kleinen und Zierlichen, der sich in der Freude
des Holländers an der Schönheit und Farbenpracht der einzelnen Blume
äußerte, namentlich der Tulpen und Hyazinthen, die in immer neuen
Farbenvariationen und Formen zu ziehen der die Gartenkunst völlig
beherrschende Ehrgeiz der Holländer wurde.
[Illustration:
Tafel 137.
Der Rundtempel Monopteros im Englischen Garten in München.]
[Illustration:
Tafel 138.
Der chinesische Turm im Englischen Garten in München.]
[Illustration:
Tafel 139.
Die Wasserfälle im Englischen Garten in München.]
[Illustration:
Tafel 140.
Ein Tempelteich bei Tokio mit der blaublütigen heiligen Lotosblume aus
Indien (~Nelumbium speciosum~).]
Trotz seiner Absonderlichkeiten übte der holländische Garten im 16.
und 17. Jahrhundert einen nicht geringen Einfluß auf die Gartenkunst
der übrigen Länder Mitteleuropas, namentlich auch auf England und
Deutschland aus. Es mag das wohl mit daran gelegen haben, daß
holländische Gärtner einen guten Ruf genossen, den sie sich in der
Baum- und Blumenzucht ihrer Heimat erworben hatten. Wir merken diesen
Einfluß heute noch in manchen absonderlichen Zieraten kleiner Gärten,
an der Verwendung von Muscheln und ähnlichen Dingen zum Einfassen
von Beeten, an glänzenden Glaskugeln und beschnittenen Bäumen und
Sträuchern. Als dann der französische Garten Le Nôtres sich dem
holländischen und englischen Geschmack unterwarf, da begegnete diese
Vorliebe seinem beschnittenen Buschwerk, und bald wurden darin wahre
Orgien gefeiert, aus den Bäumen und Sträuchern die bizarrsten Formen zu
schneiden, nicht bloß Nachbildungen von Tier- und Menschengestalten,
sondern auch die mannigfaltigsten frei erfundenen phantastischen
Gebilde. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte der geniale
Reformator auf dem Gebiete der Wissenschaften und zugleich Staatsmann
Francis Bacon (1561-1626) -- seit 1619 Lordkanzler und Baron von
Verulam in einer Schrift „~Essay on the gardens~“ sich gegen die
geschmacklosen, aus Buchs und Eibe geschnittenen Figuren ausgesprochen,
die nur für Kinder paßten, und hatte Grundsätze aufgestellt, nach denen
der Garten anzuordnen sei. Derselbe solle aus drei Teilen bestehen,
von denen die beiden ersten nicht wesentlich von dem damals Üblichen
abwichen, während der dritte Teil eine Wildnis sein sollte. Es war dies
also schon ein deutlicher Anklang an den späteren Landschaftsgarten.
In der Folge erhoben sich immer mehr Stimmen gegen den herrschenden
Gartengeschmack. Sie trafen zusammen mit den Vorboten jener sentimental
romantischen Epoche, die auf das verschnörkelte, im Zeremoniell
erstarrte Zeitalter Ludwigs XIV. folgte. In England leitete Milton mit
seinem „verlorenen Paradies“ (zuerst gedruckt 1667), in Frankreich
Rousseau mit seinem „Emile“ (1761), in Deutschland Albrecht von Haller,
Kleist und Geßner mit ihren Naturdichtungen diese Periode ein, alle
predigten die Rückkehr zur Natur. Von diesem Standpunkte aus ging man
dem herrschenden französischen Garten zu Leibe, in welchem man in
seinem damaligen englischen Zustande allerdings ein Muster von Unnatur
erblicken konnte. Der englische Dichter Pope (1688-1744) verspottete
seine Baum- und Wasserkünsteleien; er und der englische Philosoph
Addison (1672-1719) waren unter den Ersten, die in der Praxis völlig
mit dem herrschenden Gartengeschmack brachen. Letzterer legte seinen
eigenen Garten nach dem philosophisch von ihm begründeten Grundsatze:
„Nachahmung der Natur“ an. Nach seiner eigenen Beschreibung sollte
sein Garten den Eindruck einer von selbst entstandenen Wildnis machen.
Küchengewächse und Blumen standen durcheinander wie wildwachsend auf
den Gartenplätzen; Feld- und Gartengewächse, Obst- und andere Bäume
wuchsen gemischt und eine Quelle war als Bach in vielen Windungen und
Verzweigungen durch den Garten geleitet.
Bei dieser absonderlichen Art der Naturnachahmung kam nichts
Vernünftiges heraus. Den ersten Schritt zu einer neuen Gartenkunst
tat im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts William Kent, der als
Landschaftsmaler sein Auge für die besonderen Reize der englischen
Natur geschärft hatte. Diese Naturschönheiten im Garten darzustellen,
also ein künstlerisch schönes Landschaftsbild mit dem Wechsel grüner,
vom Wasser belebter Wiesenflächen mit Baumgruppen und Gehölzen zu
schaffen, war sein Ziel. Dadurch mußte jede gerade Linie aus dem Garten
verschwinden, und um ihn mit der Umgebung zu verbinden und in Einklang
zu bringen, fielen auch die umgrenzenden Mauern und wurden durch Gräben
ersetzt. So sollte unter allen Umständen die Täuschung aufrechterhalten
werden, daß man sich nicht in einem Gebilde von Menschenhand, sondern
in der freien Natur befinde. Diese an sich gesunde Richtung artete
nun bald zur widerlichen Manier aus, als der phantasielose und nicht
das geringste Verständnis für malerische Naturschönheit besitzende
Gärtner des Königs in Hamptoncourt, Brown, sie in seiner Art in die
Praxis umsetzte. Als gesuchter Landschaftsgärtner gestaltete er um die
Mitte des 18. Jahrhunderts mit seinen Schülern die alten Gartenanlagen
Englands der Reihe nach um, durch seine armselige, handwerksmäßige
Manier jene verwüstend und ihren reizvollen alten Baumwuchs zerstörend.
Spott und Ärger über dieses Treiben konnten nicht ausbleiben. Der
vielgereiste Architekt William Chambers klagte, wie die Axt oft an
einem Tage das Wachstum eines Jahrhunderts vernichte, wie tausende
ehrwürdiger Bäume, ja ganze Wälder weggeschlagen würden, um schlechtem
Grase und einigen amerikanischen Kräutern Platz zu machen. Er
beschreibt sehr anschaulich die neuen Anlagen: wenn man sie betreten
habe, erblicke man ein weites grünes Feld, worauf in geringen Abständen
Bäume wachsen, umgeben mit einer verworrenen Einfassung von Gesträuchen
und Bäumen. Ein in regelmäßiger ~S~-Form geschlängelter Fußweg winde
sich zwischen Einfassungen von Gebüsch hindurch. Auf der andern Seite
des Gartens erblicke man genau dasselbe, was man vorher gesehen habe.
Nirgends biete sich Schatten, und wenn der Wanderer ermüdet und aus
Mangel an Erquickung sich entschließe, nichts mehr zu sehen, so bleibe
ihm doch nur die Wahl, den Weg weiter bis zum Ausgange zu verfolgen
oder umzukehren und den langweiligen Weg noch einmal zu machen.
William Chambers war in China gewesen und seine in den Jahren 1757
und 1772 herausgegebenen zwei Bücher über chinesische Gebäude und
Gärten erregten nicht nur in England, sondern auch in Frankreich und
Deutschland, wo sie in Übersetzungen erschienen, ungeheures Aufsehen.
Ohnehin fanden damals, unter der Herrschaft des Rokoko, Erzeugnisse
und Formen des chinesischen Kunstgewerbes in Europa weite Verbreitung.
Gegenüber der Eintönigkeit des damaligen Landschaftsgartens konnten
die Schilderungen, die Chambers in seinen Büchern vom chinesischen
Garten gab, ihren Eindruck nicht verfehlen. Dieser letztere war im
Gegensatz zum neuen englischen Garten sehr abwechslungsreich und
bildete eine Vereinigung aller möglichen landschaftlichen Szenerien,
wie zu Eingang geschildert wurde. Nach seinem Vorbilde errichtete
man Berge, türmte Felsen auf, über die das Wasser in rauschenden
Fällen herabstürzte, bildete Inseln, die man mit Brücken verband,
baute griechische Tempel, chinesische Pagoden, ägyptische Pyramiden,
türkische Moscheen mit Minarets. Um alles recht natürlich zu machen,
kostümierte man die Dienerschaft so, wie es der Stil der einzelnen
Gebäude verlangte. Da die führenden Geister der Zeit, wie Rousseau,
die Rückkehr zum einfachsten Leben, zum Urzustande der Menschheit
predigten, so errichtete man auch ländliche Gebäude und vor allem mit
Baumrinde bekleidete Einsiedeleien, die Eremitagen, die den rechten
Hintergrund für die Schäferspiele hergeben sollten, mit denen man in
seidenen Hirtengewändern und mit bebänderten Hirtenstäben dem Rufe nach
Natürlichkeit Folge zu leisten glaubte.
Das Ganze fand reichliche Nahrung an einem besonderen Zuge der Zeit, an
der Empfindsamkeit, an dem Verlangen nach Rührung, an der Sucht, große
Gefühle zu haben, wovon die ganze damalige Zeit erfüllt war. Man denke
nur an Werthers Leiden von Goethe. Auch der Garten sollte bestimmte
Empfindungen wecken, sollte nach dem Prinzip der Abwechslung mit seinen
einzelnen Teilen verschieden auf die menschliche Seele wirken. In
Deutschland wurde das alles mit bekannter Gründlichkeit in ein System
gebracht. Der Kieler Philosoph Hirschfeld gab in den Jahren 1777-1782
ein fünfbändiges Werk: Theorie der Gartenkunst heraus. Er dachte sich
den Garten als eine Anstalt, Bewegungen der Seele zu erregen wie
Vergnügen, Wonne, Schwermut, Erstaunen, Andacht, Ehrfurcht, Ruhe,
Frieden, und demgemäß unterschied er in ihm Teile, die solche seelische
Empfindungen auslösen sollten. Dem Anmutigen und Heitern sollte das
Erhabene oder Melancholische, dem Lieblichen und Sanften das Wilde oder
Romantische folgen. Eine Überraschung sollte die andere ablösen und
dadurch den Eindruck der Szenerien steigern. Dazu hatte man auch noch
andere Mittel, die zur Anwendung gelangten. Man erbaute Tempel, die der
Freundschaft, der Liebe, der Einsamkeit, der Tugend gewidmet waren.
Um menschliche Großtaten auf sich einwirken zu lassen, errichtete man
berühmten Männern, Helden, Dichtern, Gelehrten, Philosophen im Garten
Monumente. Die Schauer der Wehmut, denen man sich nur allzugern hingab,
weckte man an einsamen Stellen des Gartens durch Grabdenkmäler, durch
den Genius des Todes mit gesenkter Fackel, durch epheubewachsene
Sarkophage und von Trauerweiden beschattete Urnen. Da man gleichwohl
das Gefühl hatte, daß alles dies nicht ausreiche, um den gewünschten
Effekt zu erzielen, suchte man die nötige Stimmung durch Inschriften zu
erzeugen. Überall waren gereimte oder ungereimte Sprüche, meist Zitate
aus lateinischen und einheimischen Dichtungen, angebracht, in denen die
Natur mit bestimmten seelischen Erregungen in Einklang gebracht wurde.