Tafel 133.
Ein japanischer Tempelgarten in Kyoto.]
[Illustration: Ein altrömischer Hausgarten. (Das nach den Funden wieder
hergestellte Peristyl im Hause der Vettier in Pompeji).]
[Illustration:
Tafel 134.
Der päpstliche Garten des Quirinal in Rom gegen das Ende des 17.
Jahrhunderts. (Nach dem Kupferstichwerk von G. B. Falda „~Li giardini
di Roma~“ 1683.)]
[Illustration:
Tafel 135.
Die ursprüngliche Gartenanlage der Villa d’Este in Tivoli. (Nach einem
Stich von J. B. Piranesi).]
[Illustration:
Tafel 136.
Gartenanlage von Schloß Linderhof in Südbayern.]
Derselbe Autor schildert uns einen vornehmen ägyptischen Garten des
Mittelalters nach der Beschreibung eines Zeitgenossen: „Im Garten
stand ein Pavillon auf vier Marmorsäulen an einem Teich, drum herum
Zitronenbäume, denen man die Früchte ließ, bis sie abfielen. Vier
Pumpen füllten den Teich, dessen Wasser oft gewechselt wurde. Darauf
lag ein Kahn aus ziseliertem Erz. Singvögel, Tauben und Pfauen
tummelten sich herum. Die Wege waren mit feinen, bunten Matten belegt,
als Tore dienten Ketten aus Eisen. Der Rosengarten lag besonders.
Dort wurde beim Rosenfest aus Girlanden ein Rosenschloß erbaut, in
dem gegessen und gesungen wurde. Auch Parke von großen Bäumen hatte
man, aber ohne Rasen. Und nirgends Wald! Dadurch sind dem Araber fünf
Sechstel unserer Romantik abgeschnitten und auch der romanischen; denn
selbst Ariosts Abenteuer spielen in Waldluft. Das romantische Land der
Muslims ist die Wüste.“
Im ganzen zeigen die muhammedanischen Hausgärten eine nicht weiter
überraschende Ähnlichkeit mit denjenigen der Römer, denen sie
nachgebildet waren. Indem der Orientale sein Haus in Nachahmung des
römischen, in welchem sich das häusliche Leben ebenfalls von der
Außenwelt abgekehrt abspielte, um innere von Säulen umgebene Höfe
aufbaute, wurden diese die Grundlage des Hausgartens, in welchem die
Familie sich an der frischen Luft erging. In der Mitte befand sich
wie beim römischen Hausgarten ein Brunnenbecken mit meist springendem
Wasserstrahl, ringsherum regelmäßige Rasenflächen mit Blumenbeeten und
Ziersträuchern, die Wege mit Marmorplatten belegt. Solche Höfe zeigt
uns heute noch das im 13. Jahrhundert erbaute maurische Königsschloß
der Alhambra bei Granada, allerdings ohne die ursprüngliche
Bepflanzung. Das durch seine äußerst zierliche und geschmackvolle
Architektur und Bemalung ausgezeichnete, in Abbildungen allgemein
bekannte Schloß besteht aus einer ganzen Reihe solcher rechteckiger
Gartenhöfe, deren größter der Hof der Alberca, auch ~Patio de los
arrayanes~, d. h. Myrtenhof, genannt ist. In ihm befindet sich eine der
drei im 16. Jahrhundert im Innern der Alhambra gefundenen berühmten
Vasen aus emaillierter Fayence. Der Länge nach durchschneidet ihn ein
schmales, marmornes Wasserbecken, das zwei Springbrunnen miteinander
verbindet. Östlich davon befindet sich der berühmteste dieser Höfe,
der Löwenhof, so genannt, weil in seiner Mitte eine von zwölf recht
mangelhaft geratenen steinernen Löwen getragene Doppelschale aus
Alabaster sich findet, die von einem Springbrunnen gekrönt wird. Das
von diesem abfließende Wasser ergießt sich durch die Löwenmäuler in ein
unteres Bassin, um von da weitergeleitet zu werden.
Wie die mittelalterliche Kirche des Abendlandes die getreue
Nachfolgerin der christlich-römischen war, so führten die Klöster des
Mittelalters das aus der Römerzeit übernommene Erbe in bescheidener
Weise fort. Auch ihnen bot das römische Haus ein willkommenes Vorbild
zu einer nach außen abgeschlossenen Wohnung. Dem Peristyle desselben
entsprach der Kreuzgang, und der von diesem eingeschlossene Hof hatte
anfänglich eine ganz ähnliche Teilung wie der Löwenhof der Alhambra,
wie der zu Anfang des 9. Jahrhunderts gezeichnete Plan für einen
Neubau des Klosters St. Gallen deutlich erkennen läßt. Die späteren
Klöster schmückten diese Höfe oft mit zierlichen offenen Brunnenhäusern
und legten diese unmittelbar an den Kreuzgang, so daß man vom
Refektorium oder Speisesaal aus einen reizvollen Durchblick durch das
Brunnenhäuschen auf die Büsche und Blüten des Hofes genoß.
Abgesehen von diesem Klosterhofgarten scheint nichts von der römischen
Gartenkunst auf die nordischen Völker im Mittelalter übergegangen
zu sein, obwohl die Römer auch in ihren nordischen Provinzen, in
Gallien, Germanien und Britannien, ebenso wie in den übrigen Teilen des
Reichs, ihre Villen und Villengärten besaßen, die als Vorbilder hätten
dienen können. Die Wirren der Völkerwanderung ließen solches nicht
zu, und auch als ruhigere Zeiten kamen, verhinderten die politischen
und sozialen Zustände die Ausbildung einer Gartenkunst, trotz des
lebendigen Gefühls für die Schönheit der Blumen, das in den Dichtungen
des späteren Mittelalters zum Ausdrucke kommt. Der Bürger saß in den
unruhigen, von Kriegslärm durchtosten Zeiten in der ihm Sicherheit des
Lebens und Eigentums gewährenden eng ummauerten Stadt, der Adelige auf
hohem, eingeschränktem Burgsitz. Hinter den Mauern der Befestigungen
hatte der eine so wenig wie der andere Raum für ein Gartenleben, wie
es die vornehmen Römer geführt hatten, ganz abgesehen von dem Fehlen
einer Kultur, die das Bedürfnis nach einem solchen Leben hervorgebracht
hätte. Das Einzige, was von römischer Gartenkultur in diesen Ländern
zurückblieb, waren der Weinstock, die verschiedenen Obstbäume, Gemüse
und Blumen, die von den einstigen Herren aus Italien mitgebracht worden
waren.
Nach und nach erwachten die Geister aus der dumpfen Enge der geistigen
Beschränktheit, in der sie das ganze Mittelalter hindurch verharrt
hatten. Langsam erwachte die Freude an dem bis dahin für sündliche
Fleischeslust gehaltenen Naturgenuß, das ästhetische Vergnügen an
schönen Landschaftsbildern, an zierlichen Pflanzen, an der Form und
Farbe ihrer Blüten. Aus dem praktische Zwecke verfolgenden Arzneigarten
wurde am Bauernhause das rein idealen Zwecken der Freude an schönen
Farben und Formen dienende Blumengärtchen. Gleicherweise fand dieser
Prozeß in den Gärten zwischen den Höfen der Bürgerhäuser und vor den
Stadtmauern, wie bei den Adeligen an der Burgmauer statt. Gleichzeitig
erwachte die Freude an schönen Bäumen; namentlich die Linde stand
neben der Eiche und der Eberesche in hohem Ansehen, wie im Orient die
Platane als Schattenbaum bevorzugt wurde. Um die Linde waren Bänke
errichtet, die zum Ruhen einluden, und der umgebende Rasen war mit
„geschachzabelten und gevierten“, d. h. in schachbrettartig, mit
Vierecken gemusterten Blumenbeeten ausgestattet, die dem Auge Freude
gewährten. Dazwischen fanden sich allerlei Gemüse und Arzneikräuter.
War der Besitzer reich, so schmückte ein Vogelhaus den Garten und
wurden seltene Tiere in Käfigen gehalten. Manchmal war in einer
lauschigen Ecke noch eine dichte Geißblattlaube vorhanden, in die
Liebende sich mit Vorliebe zurückzogen, um ihrem jungen Glücke zu leben.
Mit der Befestigung der politischen Zustände und dem allmählich durch
den regen Handel mit dem Morgenlande beförderten Wohlstand, der die
Vorbedingung einer die Gartenkunst übenden vornehmen Lebenshaltung
bildet, erwachte in den leitenden Kreisen der Stadtrepubliken und
Tyrannenstaaten Italiens, durch die noch von den Gelehrten und den
Vertretern der Kirche gesprochene lateinische Sprache und die Menge
der noch vorhandenen Erinnerungen und Denkmäler begünstigt, in der
Renaissance die Wiedergeburt antiken Denkens und Lebens. War schon am
Ausgange des Mittelalters namentlich in den Dichtungen der Minnesänger
das Naturgefühl wieder so weit zum Durchbruche gekommen, daß die
einfachsten Erscheinungen in der Natur, wie das Erwachen des Frühlings,
das Knospen und Blühen der Bäume, das wohltuende Grün des Grases und
der Blätter in Wald und Feld, der liebliche Gesang der Vögel, wieder
als etwas Schönes empfunden wurden, so entstand in den Italienern
mit der Renaissance zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte die
selbst den Gebildetsten des Altertums versagte Fähigkeit, die Gestalt
der Landschaft als Ganzes in ihrer mehr oder weniger ausgesprochenen
Lieblichkeit oder Grandiosität zu erfassen. Sie kommt in der Malerei
vom 15. Jahrhundert bereits zum Ausdruck, indem die Landschaft
nicht mehr nur mit dem Bestreben, einen Schein der Wirklichkeit
hervorzubringen, sondern schon mit der Absicht, ihr einen besonderen
poetischen Gehalt unterzulegen, dargestellt wird. Dieses modern
empfindende Naturgefühl kommt auch in der italienischen Literatur
dieser Zeit zum Ausbruch. So genießt der 1405 zu Pienza in Toskana
geborene Äneas Sylvius de Piccolomini, der von 1458-1464 als Pius
II. auf dem päpstlichen Throne saß, mit Entzücken das Panorama, das
sich ihm vom höchsten Gipfel des Albanergebirges, vom Monte Cavo aus,
darbot, oder die Schönheit des Hügellandes um Siena mit seinen Villen
und Klöstern auf den Höhen.
[Illustration: Bild 73. Anlage eines italienischen Renaissancegartens
mit Architektur.
(Nach J. B. Ferrarii „~De florum cultura~“ 1633.)]
Aus dem wachsenden Verständnisse für die landschaftliche Schönheit
erwuchs dem gebildeten Italiener eine Vorliebe für das Landleben,
die um so stärker zum Ausdruck kam, je größere politische und
polizeiliche Sicherheit die einzelnen Städte und Staaten gewährten.
Dabei waren von Sizilien und Unteritalien ausgehende Einflüsse, die
auf arabischen Einfluß zurückzuführen sind, nicht zu verkennen. Wie
die Normannen manche Feinheiten der arabischen Sitten angenommen und
an ihre Nachbarn, die Italiener des Festlandes weitergegeben hatten,
verbreitete sich die Freude an hübsch eingerichteten Gärten langsam
über die italienische Halbinsel. Und so füllte sich denn bald wieder
die Umgegend gewisser Städte, hauptsächlich Florenz, später auch Rom,
mit den Landhäusern der durch Handel und Industrie reich gewordenen
Städter. Damit war die Wiederanknüpfung an die noch vorhandenen Reste
einer der köstlichsten Schöpfungen des alten Römertums gegeben, um
so mehr, als inzwischen auch die Architektur bei den zahlreichen
Überbleibseln der altrömischen Baukunst in die Schule gegangen war und
einen neuen Baustil hervorgebracht hatte, eben den der italienischen
Renaissance. Denn der +italienische Garten der Renaissance+, der nun
entstand, war eine Schöpfung der Architektur, wie es wahrscheinlich
der altrömische Garten auch gewesen war. Die ihn schufen, waren
Architekten, jene Künstler der Renaissance, die nicht bloß Baumeister,
sondern Universalkünstler waren, die alle bildenden Künste
beherrschten und dadurch allen ihren Bauschöpfungen den Stempel völlig
einheitlicher Kunstwerke aufprägten. So kam es, daß der Garten in der
italienischen Renaissance nicht eine Kunstgattung für sich darstellte,
sondern stets Teil eines Kunstwerks war, indem Villa und Garten als ein
einheitliches Ganzes aufgefaßt wurden. Mit der Aufgabe, einen Palast,
eine Villa zu bauen, übernahm der Architekt zugleich die Aufgabe, auch
den dazu gehörenden Garten zu schaffen. Und da in dieser Verbindung
von Haus und Garten für die künstlerische Lösung der Aufgabe das
Haus mit seiner Lage und der Anordnung seiner Teile notwendigerweise
die Richtschnur abgab, so hatte sich die Einteilung des Gartens der
des Hauses unterzuordnen. Das Haus aber wurde von diesen Architekten
in der Anordnung der Räume, wie im ganzen Aufbau strenger Symmetrie
unterworfen; die Folge davon war, daß diese Gesetze auch auf den Garten
übertragen wurden.
Da nun Italien durchweg ein gebirgiges Land ist, und für die Lage der
Villen in erster Linie die Schönheit der Aussicht bestimmend war, sie
also meistens an den Abhängen errichtet wurden, so mußte der Garten
terrassiert werden, was an sich schon wesentlich dazu beitrug, ihn zu
einem architektonischen Kunstwerk zu gestalten. Die Anlage solcher
Terrassen aber erforderte das Aufführen von Mauern und Brüstungen,
und untereinander mußten die Terrassen durch Treppenanlagen verbunden
werden. So wurden die Terrassenanlagen mit ihren Brüstungsgeländern
und ihren Freitreppen zu dem Hauptelemente bei der architektonischen
Gestaltung, das den Charakter dieser italienischen Gärten bestimmte.
Der regelmäßigen Anlage des Ganzen entsprechend, wobei die Mittelachse
des Gebäudes sich in den Garten fortsetzte, traten auch die
schmückenden Pflanzengruppen und Blumenbeete in architektonischen
Formen auf und mußte sich der Pflanzenwuchs der Schere beugen. Die
Blumen wuchsen in geometrisch geformten Beeten, und dazwischen stellte
man die zahlreichen wieder ausgegrabenen, der Farbe beraubten,
antiken Statuen oder Nachahmungen derselben zum Schmucke als
willkommene Abwechslung für das Auge auf. Wenn immer möglich, durfte
zur Belebung des Ganzen auch das strömende Wasser nicht fehlen. In
rauschenden Kaskaden strömte es von oben herab, um, unten angelangt,
in Springbrunnen wieder aufzusteigen und sich schließlich in weiten,
gemauerten Bassins zu sammeln. Eine der ältesten solcher Anlagen war
diejenige der Villa Rucellai in Florenz, die die durch die Einführung
der Orseilleflechte aus dem Orient in die Färberei des Abendlandes
reich gewordenen Nachkommen des im 13. Jahrhundert in der aufstrebenden
Stadt ansässig gewordenen Deutschen Federigo, d. h. Friedrich, sich
bauten. In ihr waren zur Staffage zahllose antike Trümmer aufgestellt,
an denen der junge Michelangelo Studien als Zeichner und Bildhauer
machte.
Als später in der Architektur ein anderer Geschmack aufkam und die
noch maßvolle Hochrenaissance in die weniger ruhigen Formen des Barock
überging, nahmen die Wasseranlagen in den Gärten derart überhand,
daß sie in vielen Fällen durchaus den Eindruck beherrschten. Da
konnte man bald der Wasserkünste nicht genug bekommen. Zahllose
Springbrunnen in ganzen Alleen -- in der Villa d’Este in Tivoli bei
Rom z. B. zählte man deren an 1000 -- schleuderten ihre Wasser in
die Höhe, und die reiche, in Marmorfiguren wieder auflebende Welt
der heidnischen Götter und Halbgötter, die als plastischer Schmuck
sich nicht nur auf den Terrassen, den Treppen und ihren Balustraden
erhob, sondern auch die Springbrunnen und Wasserbecken belebte, spie
ebenfalls in oft recht geschmackloser Weise Wasser. Brunnen entsprangen
den Treppen, sprudelten aus den Wänden der Terrassen hervor und
selbst die Kaskaden, die sogenannten Wassertreppen, wurden von ihnen
unterbrochen. Die Bergwände wurden ausgehöhlt und die Grotten, die
man hier bildete, füllte man mit allerlei Wassereffekten. Schließlich
arteten die Wasserkünste in Spielereien aus. Man ließ in den Grotten
Wasser in hohle Röhren fallen und trieb dadurch die Luft hinaus in
eine Pfeife, die tönte. Aus einer Anzahl solcher Pfeifen stellte man
ganze Wasserorgeln her. Berühmt war in dieser Beziehung der Garten
der vom Neapolitaner Pierro Ligorio für den Kardinal Hippolyto
von Este erbauten Villa d’Este in Tivoli, in welchem zwischen den
architektonischen Prospekten nicht bloß Äolsharfen, sondern auch vom
Wasser getriebene Musikwerke für den Kardinal und seine Freunde ihre
Melodien erschallen ließen. Der Vogelbrunnen in baumbeschatteter Grotte
ahmte allerlei Vogelstimmen nach, bis das plötzliche Erscheinen einer
großen, künstlichen Eule den kleinen Vögeln Schweigen gebot. Außerdem
wurde das Wasser zu allerhand schlechten Scherzen gegen uneingeweihte
Besucher benutzt, die unvermutet bespritzt wurden, wenn sie in den
Grotten oder auf den beim Herumspazieren begangenen Wegen auf bestimmte
Stellen des Fußbodens traten. Betrügerische Sitze waren angebracht;
setzte man sich auf sie nieder, so spritzte ein Wasserstrahl unter den
Füßen des Sitzenden hervor. In manchen Grotten standen Bildsäulen, die
sich bei Berührung einer bestimmten Stelle umdrehten und den harmlosen
Zuschauer mit Wasser begossen, und andere dergleichen Späße mehr.
Eine weitere, noch bedenklichere Ausartung betraf den Pflanzenwuchs.
Die meisten Schmuckbäume des italienischen Gartens, vor allem die
Pinie und Zypresse, welch letztere in ihrer aufstrebenden, scharf
umrissenen Form etwas durchaus architektonisches hat, das keiner
Nachhilfe bedurfte, dann die immergrüne Eiche, der Orangenbaum, der
Lorbeer, ferner die Gesträucher, wie Myrten, Azaleen, Rhododendren
und andere, haben von vornherein so bestimmte, feste Umrißlinien,
daß die Versuchung, ihre Kronen zu beschneiden, durchaus fern lag.
Anders war es schon mit den Hecken, mit denen die verschiedenen
Teile des Gartens umschlossen waren. In den älteren Gärten waren die
Flächen zwischen den Hauptrichtungslinien, die durch die Achsen der
Villa bestimmt wurden, meist in quadratische oder doch wenigstens
rechteckige Felder aufgeteilt, wobei die Kreuzungspunkte der Wege durch
Baumgruppen, Springbrunnen oder Lauben geziert waren, während Alleen
von Zypressen, den wichtigsten Bäumen des italienischen Gartens, die
Hauptwege begleiteten. Die einzelnen Felder dieses Parterres, deren
Begrenzung mit der Zeit von der einfachen, geradlinigen Linienführung
zu gewundenen, selbst verschnörkelten Formen überging, waren in ihrem
Innern mit saftig grünem Rasen, mit blühenden Gesträuchern und Blumen
aller Art erfüllt. Da begann man statt der natürlich gewachsenen
Formen allerlei aus Buchs und Eibe geschnittene Figuren, wie sie
schon die Römer der Kaiserzeit geliebt hatten, zur Ausschmückung zu
verwenden. Manche der Felder wurden auch als sogenannte Labyrinthe
ausgebildet, d. h. zwischen mit der Schere zu grünen Wänden
beschnittenen Hecken führten verschlungene Wege zu einem Platze im
Mittelpunkt des Labyrinths, den man auffinden mußte, wobei man in
allerhand Sackgassen geriet. Alle diese Buchs- und Eibenhecken reizten
begreiflicherweise dazu, außer den geradlinig beschnittenen auch andere
Formen herzustellen, z. B. die Endpunkte der Hecken durch Halbkugeln
oder Kugeln auszuzeichnen oder den Heckenrändern statt einer geraden
eine geschwungene obere Begrenzung zu geben. Solche Gärten aus dem 16.
Jahrhundert finden wir noch andeutungsweise im heutigen Italien, z. B.
in der berühmten, jetzt leider stark verfallenen Villa Aldobrandini in
Frascati bei Rom, in den Giardini Giusti in Verona und Boboli hinter
dem Palazzo Pitti in Florenz. In ihnen sind allerdings die einst in
strengen Formen gehaltenen Gewächse der Schere entwachsen und haben
riesige Dimensionen angenommen, die das einstige Aussehen nicht mehr
wiedergeben, heute aber nach unserem Geschmack großartiger und schöner
wirken.
Italien galt damals für tonangebend in Geschmack und Sitten der großen
Welt. So konnte es nicht fehlen, daß die französischen Könige wie die
deutschen Kirchenfürsten seinen Gartenbau nachahmten. Claude Mollet,
der Gärtner Heinrichs IV. von Frankreich, errichtete in dieser Weise
die Gartenanlagen der Schlösser von Blois, Fontainebleau und St.
Germain en Laye. Zwischen den geradlinigen Alleen waren kunstvolle
als ~parterres en broderie~ bezeichnete Blumenbeete errichtet,
zwischen denen die Kavaliere und Damen des Hofes lustwandelten. Aus
verschiedenfarbigen Pflänzchen mühsam hergestellte Buchstaben und
Sinnsprüche erfreuten die Besucher. Aus Hainbuchen und Weißdorn schnitt
man Tiergestalten, Menschen und Schiffe, zwischen welchen weiße
Marmorstatuen eine wohltuende Abwechslung boten. Und während die Gärten
der Renaissance sich auf die nähere Umgebung der sie schmückenden
Paläste beschränkt hatten, ging man mehr und mehr zu dem weiten,
ausgedehnten Garten des folgenden Barock über.
Die Gärten der Barockzeit, wie sie uns in Italien in der Villa Borghese
und in der Villa Pamphili Doria in Rom, leider stark verballhornisiert,
entgegentreten, zeigen alle mehr oder weniger entwickelt schon
Vorboten des freien Landschaftstils in Gestalt von in rein natürlichen
Formen gehaltenen Waldpartien, die auf begrenztem Raum möglichst viel
Naturschönheit künstlich vereinigen. Nach diesem Muster entstand in
Frankreich allmählich der nach dem Architekten und Gartenkünstler
Le Nôtre benannte regelmäßige Gartenstil zur Zeit Ludwigs XIV., der
vorbildlich für ganz Europa wurde. Le Nôtre war 1613 als Sohn des
Palast- und Gartenintendanten der Tuilerien geboren und mag sich
schon früh mit Gartenangelegenheiten beschäftigt haben. Doch wurde
er zunächst Maler und ging als solcher nach Italien, wo er besonders
in Rom die dortigen Gärten kennen lernte. Die Eindrücke, die er hier
vom Zusammenwirken von Haus und Garten als einheitlichem Kunstwerk
und von der Wirkung und verschiedenen Verwendung des Wassers erhielt,
sind zweifellos bestimmend für sein späteres Schaffen gewesen. Als
Ludwig XIV. an Stelle des von Heinrich IV. angelegten und von Ludwig
XIII. erweiterten Jagdschlosses im Walde von Versailles mit einem
Aufwand von insgesamt mehr als einer Milliarde alter Franken eine üppig
ausgestaltete neue Residenz baute, berief er Le Nôtre zur Anlage
des gewaltigen, das Schloß umgebenden Gartens und fand in ihm den
geeigneten Mann zur Verwirklichung seiner großartigen Pläne. Bis an das
Ende seines langen Lebens -- er starb 87jährig im Jahre 1700 -- blieb
er im Dienste des Königs, der ihm stets seine volle Gunst zuwandte, und
schuf die Gärten der übrigen Königsschlösser der französischen Krone
um. Er hat das große Verdienst, aus dem bis dahin nur regelmäßigen
französischen Garten einen architektonischen geschaffen zu haben.
Nicht, daß er dazu etwas Neues hätte erfinden müssen, er wandelte
vielmehr nur um, was schon vorhanden war, unter dem Eindrucke dessen,
was er in Italien gesehen hatte. Er verband Haus und Garten zu einem
künstlerischen Ganzen und tat das in einer Weise, die dem nach
theatralischen Effekten verlangenden Geiste seiner Zeit durchaus
angemessen war.
[Illustration: Bild 74. „Wahrer Grundriß des weltberühmten kgl.
Lustgartens zu Versailles.“
(Nach einem Stich von M. Diesel.)]
Vor ihm hatte sich die Gartenkunst Europas nördlich der Alpen unberührt
von derjenigen der Renaissance entwickelt. Hier war man noch viel
ärmer als dort und fühlte sich außerhalb der ummauerten Städte und
Burgen nicht sicher genug, um den vorhandenen kleinen Ziergarten hinaus
in die Landschaft zu verlegen. Und als auch die wirtschaftlichen
und politischen Zustände sich hier so weit gebessert hatten, daß
man an ein Landhausleben wie in Italien denken konnte, so blieb die
Gartenanlage wie sie im Mittelalter gewesen war, eine „geschachzabelte
und gevierte“, d. h. eine schachbrettartig regelmäßig aufgeteilte,
ebene Anlage. So sehen wir diese Gärten, von denen kaum etwas erhalten
ist, noch in den Kupferstichwerken des 17. Jahrhunderts als eintönige,
regelmäßige Anlagen, deren meist gleich große quadratische Felder mit
geschnittenen Hecken umgeben waren. Die Wege waren oft mit Laubengängen
aus Gitterwerk überdacht, die zu zierlichen Pavillons führten. Auch
Springbrunnen und Skulpturen fehlten nicht, ebenso waren mit Vorliebe
verwickelte Gänge in Form von zu senkrechten Wänden geschnittenen
Buchs- und Eibenhecken als Labyrinthe vorhanden, die den Besucher nach
langer Irrfahrt endlich zu einem Platze im Mittelpunkt der Anlage
führte; doch war bei ihnen von einer einheitlichen Kunstwirkung,
zusammen mit dem Hause, keine Rede, wie sie im italienischen Garten
so eindrucksvoll durchgeführt war, ganz abgesehen davon, daß diese
kleinen Anlagen sich in der Ebene befanden und schon deshalb für einen
architektonischen Aufbau, wie im italienischen Garten, keine Keime in
sich trugen.