Einer der ersten vornehmen Römer, der orientalischen Gartenluxus in

Rom trieb, war Lucius Licinius Lucullus, der Besieger der Könige

Mithridates von Pontus und Tigranes von Armenien, der nach seiner

Abberufung aus Kleinasien im Jahre 64 v. Chr., den Staatsgeschäften

fern, seinen Liebhabereien lebte. Wie er aus Kerasos im Pontusgebiet

den Kirschbaum nach Italien brachte, war er einer der ersten, der in

der Baumzucht und Blumenkultur gewandte orientalische Gärtner nach der

Heimat überführte, um hier solch schöne Gärten, wie er sie in den

Kulturzentren des Ostens gesehen hatte, für sich erstehen zu lassen.

Der griechische Schriftsteller Plutarch (50-120 n. Chr.) nennt die

einst von Lucullus eingerichteten Gärten, von denen der bedeutendste

auf dem heutigen Monte Pincio sich befand, geradezu märchenhaft.

Zwischen Alleen von Obstbäumen lagen blühende Blumenbeete. Von Hecken

versteckt befanden sich darin Mästereien für feines Geflügel und Teiche

mit feinen Speisefischen. Daß dieser Römer den Freuden der Tafel

huldigte, ist ja bekannt genug, so daß die Bezeichnung lucullische

Mahlzeiten bald in Rom das Nonplusultra von Üppigkeit bezeichnete, was

gewiß zu jener Zeit des aufkommenden Luxus etwas besagen wollte.

Die üppige Lebenshaltung dieses Lucullus läßt uns bereits den

unerhörten Luxus mancher Reicher in der Kaiserzeit ahnen. Plutarch

kennzeichnet uns sein Treiben mit folgenden Worten: „Nachdem Lucullus

ein berühmter Staatsmann und Feldherr geworden und ungeheure Reichtümer

gewonnen hatte, verwendete er diese auf Lustbarkeiten, Schmausereien,

Maskeraden, Fackeltänze, prunkende Gebäude, prachtvolle Alleen und

Bäder, auf Gemälde, Bildsäulen und andere solche Dinge, namentlich

aber auf seine Gärten, so daß noch zu unserer Zeit (2 Menschenalter

nach des Lucullus Tod), wo doch die Pracht und Verschwendung aufs

höchste gestiegen ist, die lucullischen Gärten unter den kaiserlichen

für die allerprächtigsten gelten. -- Er ließ auch am Meere und bei

Neapel gewaltige Bauten aufführen, die größten Berge durchstechen,

Kanäle und Seen, in die das Meereswasser geleitet wurde, rings um seine

Häuser graben, ließ auf dem Meere selbst Paläste bauen, so daß ihn der

Stoiker Tubero den römischen Xerxes nannte. Bei Tusculum hatte er eine

Menge Villen, sie hatten hohe Warten mit weit in die Ferne reichender

Aussicht und zahlreiche schöne Alleen und Pavillons. Dabei hatte er

die Einrichtung getroffen, daß er, wie er selbst äußerte, gleich einem

Kranich oder Storche zu jeder Jahreszeit eine andere Wohnung beziehen

konnte.“

Schon zu des Lucullus Zeit, zu Ende der römischen Republik, umspannte

ein reicher Kranz der schönsten Villen mit ausgedehnten Gärten die

Umgebung Roms. Nicht bloß die Abhänge des Sabinergebirges, sondern

auch die Campagna di Roma besaß ausgedehnte Villen, wie diejenigen des

Cicero, Quintilius, Pompejus, der Valerier, Voconier und Claudier.

Sie waren meist nach dem Muster eines Soldatenlagers angelegt und

das Hauptgebäude hieß auch ~Praetorium~, d. h. Feldherrnhaus.

Ihr Reichtum an Teichen, Fontänen, Pflanzen, seltenen Tieren,

Luxusgegenständen aller Art und architektonischen Nachahmungen

griechischer und orientalischer Vorbilder muß geradezu erstaunlich

gewesen sein. Einzelne Villen der Campagna hatten so große Gärten, daß

diese von zwei bis drei der öffentlichen Heerstraßen durchschnitten

wurden. Der Luxus stieg noch im Laufe der Kaiserzeit, während welcher

ein prunkvoller Garten mit schönen Gebäuden, Tempeln und Bildsäulen

sich an den andern reihte.

Einen guten Begriff der Anlage solcher Villen geben uns zwei

Beschreibungen aus Briefen des jüngeren Plinius, des Schwester- und

Adoptivsohnes des im Jahre 79 n. Chr. beim Vesuvausbruch umgekommenen

älteren dieses Namens, der von 62-114 lebte und 103 Prokonsul in

Bithynien und Pontus war, von wo aus er dem ihm befreundeten Kaiser

Trajan Mitteilung von der bis dahin kaum gekannten Sekte der Christen

machte. Er beschreibt seine beiden eigenen Villen, von denen die

eine bei Ostia an der Tibermündung am Meere lag und nach der Fülle

von Lorbeergebüsch ~Laurentinum~ hieß, während die andere sich

in den Bergen Toskanas, also im Lande der Tusker befand, deshalb

~Tuscum~ hieß und ihrer kühlen Gebirgslage wegen im Sommer bewohnt

wurde. Die erstere beschreibt er in einem Briefe an seinen Freund

Gallus folgendermaßen: „Meine laurentische Villa, mein lieber Gallus,

macht mir sehr viel Freude. Von dem einen Speisesaal hat man weithin

die Aussicht aufs Meer, auf das Ufer und die reizendsten Villen. Ein

anderer Speisesaal liegt dagegen so, daß man in ihm vom Meere nichts

sieht und selbst bei tosendem Sturm das Brausen der Wogen kaum hört.

Dieser Saal hat aber die Aussicht auf den Garten und den ihn umgebenden

Weg für Wagen und Sänften. Derselbe ist mit Buchs und stellenweise

mit Rosmarin eingefaßt. Denn der Buchs gedeiht nur da üppig, wo er

von Häusern geschützt wird; wo er dagegen freisteht und vom Winde

getroffen wird, verdorrt er. An der einen Seite des Weges zieht sich

eine schattige Rebenpflanzung hin, in der man auch mit bloßen Füßen

weich und bequem gehen kann. Der Garten ist dicht mit Maulbeer- und

Feigenbäumen bepflanzt, denen dieser Boden ganz besonders zusagt,

während andere Bäume nicht sonderlich gedeihen. Mitten im Garten steht

ein Speisesaal, von dem man landeinwärts eine herrliche Aussicht hat.

Man sieht auch von hier nach der Villa und einem Wirtschaftsgarten. An

das Gebäude stößt ein bedeckter Gang, der an beiden Seiten Fenster hat,

welche bei heiterem, ruhigem Wetter alle geöffnet werden, bei windigem

aber nur auf der Seite, wo es windstill ist. Vor dem Gange ist eine von

Veilchen duftende Terrasse.“

Letztere dagegen schildert er in einem andern Briefe folgendermaßen:

„Mein tuskisches Landgut, lieber Apollinaris, liegt in einer sehr

gesunden Lage am Fuß des Apennins. Im Winter ist zwar die Luft so rauh

und kalt, daß Myrten, Ölbäume und andere Gewächse, die eine anhaltende

Wärme verlangen, absterben; doch gedeiht der Lorbeer ganz vortrefflich

und leidet zuweilen vom Frost, jedoch nicht mehr als bei Rom. Der

Sommer ist dagegen sehr mild und die Luft fast immer von sanften Winden

bewegt. Die ganze Gegend ist höchst reizend. Stelle dir ein ungeheures

Amphitheater vor, wie nur die Natur es schaffen kann. Eine sich weithin

dehnende Ebene wird von Bergen umringt; die Berge tragen auf ihrem

Rücken hohe, alte Wälder, in denen die Jagd reiche Beute gewährt. Am

Gebirgshang entlang zieht sich ein Schlagwald und zwischen diesem

erheben sich Hügel mit gutem, urbarem Boden. Der Wand entlang erstreckt

sich eine ununterbrochene Reihe von Weinbergen, die unten von Buschwerk

eingefaßt sind; dann kommen Wiesen und tiefgründige Felder. Die Wiesen

sind dicht mit Blumen wie mit lauter Edelsteinen übersät. Der Klee

und die übrigen Kräuter sind stets saftig; denn das Ganze wird durch

nie versiegende Bäche bewässert. Gleichwohl ist es nirgends sumpfig.

Mitten durch die Fluren fließt der Tiber und führt auf Schiffen die

Erzeugnisse des Bodens zur Stadt.

Meine Villa liegt am Fuße eines sanft ansteigenden Hügels. Vor der

Hauptfront derselben zieht sich eine Säulenhalle hin und vor dieser

eine Terrasse mit vielen, von Buchs eingefaßten Beeten. Weiter

unten kommt eine größere Rabatte und auf beiden Seiten derselben

stehen Buchsbäume, die so geschnitten sind, daß sie Gestalten von

verschiedenen Tieren vorstellen. Noch tiefer, da, wo der Boden

eben ist, wächst weicher, zarter Akanthus. Rings herum zieht sich

ein Heckengang mit niedrigem und mannigfach geschnittenem Gebüsch.

Gleich daran stößt eine Allee in Gestalt eines Zirkus mit niedrig

gehaltenem und in verschiedene Gestalten geschnittenem Buchs. Das

Ganze ist von einer Mauer umgeben, die treppenförmig gezogener Buchs

dem Auge entzieht. In einiger Entfernung liegt ein Wiesenplan, von

Natur ebensoschön wie die eben beschriebenen Kunstanlagen; weiterhin

erstrecken sich Felder und viele andere Wiesen und Gehölze.

Von dem Speisesaal aus übersieht man die Terrasse, die Wiese, das Feld

und den Wald. Es ist eine Rennbahn, ein Säulengang und weiter rückwärts

ein Sommerhaus vorhanden, das einen kleinen, von vier Platanen

beschatteten Platz einschließt. Auf ihm springt aus einem Marmorbecken

ein Brunnen, der die Platanen und den unter ihnen befindlichen

Grasplatz besprengt und erfrischt. Weiter unten im Garten sprudelt eine

kleine Quelle hervor, welche in ein Becken fließt und lieblich murmelt.

Es ist auch ein Teich im Garten, dessen Wasser sich in ein Marmorbecken

stürzt und sich dabei in lauter Schaum auflöst.

Die Rennbahn, welche zu der Villa gehört, dehnt sich weithin aus, ist

von Platanen umgeben, in der Mitte aber ganz frei. Die Platanen sind

von Epheu umrankt, also unten von fremdem Laub grün, oben von eigenem.

Der Epheu windet sich girlandenartig von einer Platane zur andern.

Unten steht Buchs zwischen den Platanen; er ist nach außen von Lorbeer

eingefaßt, dessen Schatten mit dem der Platanen zusammenfällt. Die

Rennbahn läuft eine Strecke gradaus, bricht am Ende im Halbkreis ab,

ist dort von Zypressen eingefaßt, durch deren dichteren Schatten kühl

und finster. In den innern Kreisen und Gängen dagegen wechselt kühler

Schatten mit Sonnenschein, und dort steht auch das Rosengebüsch. Aus

diesen sich mannigfaltig krümmenden Gängen kommt man wieder auf gerade

Wege, deren mehrere, von Buchs eingefaßt, nebeneinander laufen. Dort

findet sich auch ein kleiner Grasplatz, dort in tausend Gestalten

geschnittener Buchs und hier und da ist er selbst so geschnitten, daß

er Buchstaben bildet, welche den Namen des Herrn und den des Gärtners

darstellen. Dazwischen stehen kleine, zu Pyramiden geschnittene

Obstbäume. Dieser schöne Platz ist auch mit niedrig gehaltenen Platanen

geschmückt; hinter ihm steht glatter, sich ringelnder Akanthus (d. h.

kultivierter ~Acanthus mollis~ im Gegensatz zum wildwachsenden ~A.

spinosus~, dem stachligen A.) und auf diesen folgen wieder verschiedene

Gestalten und Namen.

Am Ende des Ganzen steht eine halbkreisförmige Bank von weißem Marmor,

beschattet von Weinreben, die sich um vier Säulen aus karystischem

Marmor schlingen. In der Bank sind Röhren angebracht, und aus diesen

fließt Wasser; dasselbe strömt in ein niedliches Marmorbassin, das

immer voll bleibt, ohne überzufließen. Will man auf der Bank speisen,

so werden die Schüsseln und schweren Gerichte auf den breiten Rand

des Beckens gestellt. Die leichteren schwimmen auf Schiffchen oder

künstlich gebauten Schwimmvögeln und können so zu jedem Gaste gelangen.

Dem Marmorbassin gegenüber steht ein Springbrunnen, dessen Wasser in

die Höhe getrieben, dann aber in Röhren aufgefangen und weitergeleitet

wird.

Nicht weit von der Bank steht ein Pavillon, um den sich bis aufs Dach

hinauf Reben freundlich emporranken. Man ruht hier wie im Walde, ist

aber in voller Sicherheit vor Regen. Auch hier ist ein Springbrunnen,

dessen Wasser gleich weiter fließt. Hier und da findet man Marmorbänke,

welche den Müden zu sanfter Ruhe einladen. An jedem Ruheplatz ist ein

kleiner Brunnen, und die Einrichtung überhaupt so getroffen, daß der

ganze Garten bewässert werden kann.“

In den Gärten der vornehmen Römer sorgte man vor allem für reichlichen

Zufluß von Wasser, um allenthalben Kühlung zu spenden, rauschende

Sturzbäche zu bilden, große, mit buntbemalten Marmorfiguren geschmückte

Bassins zu füllen und Springbrunnen und andere Brunnen zu speisen.

Hier ließ eine Nymphe Wasser aus einer Urne in ein Becken laufen,

dort entquoll es dem Schnabel einer von einem Knaben gebändigten Gans

als Springbrunnen. In seiner berühmten ~Villa tiburtina~, die sich

Kaiser Hadrian bei Tibur im Sabinergebirge erbaut hatte, war sogar ein

großer künstlicher See mit kunstvoll gezimmerten Miniaturschiffen, auf

dem sich der Kaiser Seeschlachten vorführen ließ. So zahlreich und

kompliziert waren in manchen dieser Gärten die Wasserkünste, daß außer

den zahlreichen Gärtnern ein eigener Wassertechniker, der ~aquarius~,

für ihre Instandhaltung angestellt werden mußte. Oft war auch ein

Tiergarten damit verbunden, indem in eingehegten Räumen allerlei

zahme Tiere, besonders Ziervögel, und in marmornen Becken Fische der

verschiedensten Art gehalten wurden. Durch Tacitus kennen wir den

Park am „Goldenen Hause“ des Kaisers Nero, der von beispielloser

Pracht war, nicht bloß in bezug auf den architektonischen und den

plastischen Schmuck, sondern auch was die zauberhaften Blumengärten und

mannigfaltigsten Wasserkünste betrifft.

Wie Vespasians üppiger Sohn Domitian, der nach seines älteren Bruders

Titus Tode am 13. September 81 den Thron der Cäsaren bestieg, um am 18.

September 96 unter den Schwertstreichen des Prokurators Stephanus, des

Gardeoffiziers Cornelius und mehrerer Gladiatoren aus sieben Wunden

blutend sein durch gräuliche Schandtaten und übermäßige Grausamkeit

verwirktes Leben auszuhauchen, die prunkvollste und ausgedehnteste

aller Kaiserbauten auf dem Palatin mit Riesensälen in einem Walde von

Säulen aus den kostbarsten Steinarten erbauen ließ, so ließ er sich

ein an Pracht mit seinem Schlosse wetteiferndes Lustschloß auf dem

Albanergebirge errichten. Es erhob sich in vier Terrassen, die ganze

Ebene um Rom beherrschend, und umschloß in seinen ausgedehnten Gärten

auch ein Theater und ein Amphitheater, in welchen zahllose Feste,

besonders zu Ehren Minervas, gefeiert wurden.

An Ausdehnung und Mannigfaltigkeit der Bauten wurde diese Villenanlage

Domitians noch weit durch die gewaltige, einen Umfang von 12 römischen

Meilen aufweisende Villa Hadrians in Tibur überboten, deren großer

künstlicher See vorhin erwähnt wurde. In seinem Landsitze, an dem

er vom Jahre 118 bis zu seinem Tode 138 bauen ließ, suchte er die

Erinnerungen seines rastlosen Wanderlebens durch die herrlichen

Schöpfungen der griechischen Welt festzuhalten. Zwischen prächtigen

Gartenanlagen erhoben sich über das Areal zerstreut zwischen Bergen

und Tälern mit Wäldern, Wasserfällen und Grotten ein Hippodrom und ein

Theater, eine griechische und eine lateinische Bibliothek. Großartige

Prunksäle für festliche Empfänge wechselten mit einfacheren Bauten

des täglichen Lebens, durch den erfreuenden Ausblick in mannigfache

Gärten belebt. Im Hintergrunde scheinen die beiden berühmten Stätten

attischer Philosophie, das Lykeion und die Akademie gelegen zu haben,

schattige Haine mit Ruheplätzen, der Erinnerung an die großen Meister

geweiht. Von ihnen gelangte man zu einem Prytaneion, einem kleinen

Kuppelbau, das Solons alten Bau auf dem Markte in Athen wiederholte.

In gleich spielendem Sinne hieß ein Bau die Poikile wie das athenische

Vorbild, das nach den farbigen Wandgemälden die „Bunte“ hieß und

vermutlich eine Gemäldesammlung barg. Zwischen ihnen lag die Canopus

genannte Anlage, wo sich der Kaiser in den Frohsinn des namentlich

von den lebenslustigen Griechen aus Alexandreia besuchten ägyptischen

Badeortes zurückversetzen konnte bei dem Anblick eines mit ägyptischen

Denkmälern geschmückten Wasserlaufs. An einer andern Stelle war das den

Musen geweihte idyllische Tempetal -- eine Nachahmung des thrakischen

Vorbildes --, dann der heitere Hain des Elysiums neben dem düstern

der Unterwelt zu sehen. Dazwischen sprangen wundervolle Wasserwerke,

die von Flußläufen aus dem nahen Sabinergebirge gespeist wurden und

den Kaiser, den Segner der griechischen Welt, der mit beispielloser

Freigebigkeit den Griechenstädten Wasserleitungen und Wasserwerke

wunderbarster Art erbaut hatte, an seine Tätigkeit als Kulturbringer im

Osten des Reiches erinnern sollten.

Einen schwachen Abglanz dieser altrömischen Kaiserherrlichkeiten

bewahrte das die Ansprüche des Imperiums an sich reißende Byzanz, bis

auch dieses in greisenhafter Entartung dahinzuwelken begann. Nach dem

endlichen Untergange der Weltherrschaft Roms verschwand in den Wirren

und der Not der Zeit allmählich alle diese bis dahin beispiellose

Pracht im Abendlande, wo die durch die Völkerwanderung mobil gewordenen

Barbarenstämme die Schöpfungen der Römer wohl anstaunten, aber kein

Verständnis für sie hatten, geschweige denn sie mit Sachverständnis

übernehmen und weiterbilden konnten. Die politischen und zugleich auch

geistigen Erben der Römer waren zunächst die Araber, denen im Laufe des

frühen Mittelalters der größte Teil des römischen Weltreiches, nämlich

Vorderasien, Afrika, Südspanien und Sizilien, zufiel. Aus den einstigen

umherschweifenden Hirtenstämmen waren seßhafte Stadtbewohner geworden,

die in den von ihnen eroberten alten Kulturländern die feinere

Lebensführung der unterjochten Völker verständnisvoll übernahmen und

ihren persönlichen Bedürfnissen anpaßten. So wurden die Villen und

Gärten ihrer Vorgänger, die sie überall auf ihrem Siegeszuge vorfanden,

für sie Vorbilder, nach denen sie ihre Städte mit einem Kranze üppiger

Gärten umgaben, wie sie heute noch beispielsweise die Stadt Damaskus

aufweist, eingeschlossen von hohen Mauern, wie es die Abgeschlossenheit

des häuslichen Lebens ihrer Bewohner verlangte. Es waren regelmäßige

Anlagen, mit breiten, geraden Hauptwegen und rechteckigen Feldern, auf

denen im bunten Wechsel ein reicher Blumenflor mit lauschigen Plätzen

von Schattenbäumen und farbigen Kiosken sich fanden. Auf abschüssigem

Boden senkte sich der Garten in Terrassen, die mit Treppengängen

verbunden waren. Mit raffiniertem Geschick war die Bewässerung,

namentlich in wasserarmen Gegenden, durchgeführt. Offene Kanäle und

unterirdisch geführte Ton- oder Kupferröhren durchzogen den Boden,

jeden der Bäume des Gartens besonders speisend. Unter diesen spielte

naturgemäß die Dattelpalme aus alter Anhänglichkeit die größte Rolle.

Im Garten des maurischen Sommerpalastes von Generalife (arabisch

~dschenat al arif~, d. h. Garten des Baumeisters) in der Nähe der

Alhambra (arabisch ~kelât al hamrah~, d. h. die rote Burg) bei Granada

aus dem 13. Jahrhundert führt ein in Marmor gefaßter Kanal das Wasser

aus weiter Entfernung vom Gebirge in den hoch gelegenen Garten. In

ununterbrochenen Kaskaden stürzt es in ihm hinab, um schließlich in ein

Becken mit einem hohen Springbrunnen zu fließen, von wo es dem Garten

in kleinen Rinnsalen zur Tränkung der Pflanzen zuströmt. Überaus groß

war der Blumenreichtum dieser Gärten. Eine arabische Inschrift an einem

der zierlichen Kioske dieses Gartens von Generalife sagt: „Dein Garten

ist geziert mit Blumen, die von ihren Stengeln die süßesten Düfte

aushauchen. Frische Luft durchstreicht den Zitronenbaum und verbreitet

den Wohlgeruch seiner Blüten weit umher. Rund um mich her verbreitest

du Harmonie, Blumen und Grün.“ Begreiflicherweise war der Eindruck,

den die abendländischen Kreuzfahrer von solchen arabischen Gärten des

Morgenlandes erhielten, ein sehr starker und nachhaltiger. „Darinne

stund manig zederbaum mit eßten laubes riche“ heißt es von einem

sarazenischen Garten in einem Gedicht des Minnesängers Heinrich von

Veldeke aus dem Jahre 1180, und man empfindet die große Bewunderung der

Beschauer, wenn in solchen Springbrunnen von „grunem mermelstein“ und

die das dazu nötige Wasser herbeiführenden Leitungen „mit funffzig hoen

swybogen“ beschrieben werden.

Es ist immerhin wenig, was wir von den arabischen Gärten des

Mittelalters wissen. Schlösser von märchenhafter Pracht mit den

prunkvollsten Gärten müssen nach den Schilderungen der arabischen

Schriftsteller aus jener Zeit die Kalifen aus dem Geschlechte der

Abbasiden in Bagdad, der damals größten und in bezug auf Industrie und

Wissenschaft bedeutendsten aller arabischen Städte, besessen haben.

Von dem damals hier getriebenen Luxus meldet uns ein Gesandter des

griechischen Kaisers in Byzanz, der im Jahre 917 mit einer Botschaft

an den Fürsten der Gläubigen von Mosul aus den Tigris hinunterfuhr.

Die Truppen bildeten vom Stadttor an im Paradeanzug Spalier und

saßen auf silbernen und goldenen Sätteln. Das Schloß wimmelte von

Hunderten von Kammerherrn nebst Tausenden weißer und schwarzer

Diener. 38000 der kostbarsten Teppiche waren überall aufgehängt und

22000 waren zum Beschauen ausgestellt. Im kostbaren, mit Arkaden aus

Marmor geschmückten Stall standen tausend Pferde, von denen jedes

von einem kostbar gekleideten Bereiter am Zaum gehalten wurde. Im

Tiergarten sah der Gesandte unter anderem vier prächtig aufgezäumte

Elefanten und hundert Löwen. Dann führte man ihn zu einem zwischen

zwei Wäldchen gebauten Pavillon. Darin war ein mit Zinn belegter

Teich, 30 Ellen lang und 20 Ellen breit, der wie Silber glänzte.

Darauf ruhten vier leichte, vergoldete und mit gestickter Leinwand

ausgeschlagene Kähne. Um den Teich herum standen 400 Palmen, den

unansehnlichen Stamm mit kostbarem indischen Tiekholz bekleidet, das

von vergoldeten Reifen zusammengehalten wurde. Am besten aber gefiel

dem Gesandten das „Baumhaus“; darin stand ein aus Silber und Gold

verfertigter Baum, dessen Blätter im Winde zitterten. In den Zweigen

saßen künstliche Vögel, welche sangen und girrten. In allen Teilen

des auf das kostbarste ausgestatteten Schlosses boten Diener und

Sklaven in Schnee gekühltes Wasser, Fruchtsäfte und Reisbier herum.

Zuletzt kam man vor den Kalifen, der in schwarzen, goldgestickten

Kleidern auf einem schwarzen Thron von Ebenholz saß, auf dem Haupte

die edelsteingeschmückte Mitra. Vor ihm standen fünf Söhne, drei zur

Rechten und zwei zur Linken. Die Audienz nahm den üblichen Verlauf.

Nachher schickte man dem Gesandten 50 Beutel mit je 4000 Mark in sein

Absteigequartier. Der Ehrenadjutant erhielt Ehrenkleider, da es noch

keine Orden gab.

Den von prunkvollen Gärten umgebenen Schlössern liebte man schöne

Namen zu geben, wie „das Liebesgestirn“, „die Braut“, „der König“,

„die Krone“, „der Liebende“, „der Geliebte“. Außen erschienen sie

ziemlich einfach, waren aber innen um so luxuriöser eingerichtet. Von

den üppigen Sitten der hier Wohnenden zeugt die eine Tatsache, daß,

als dem Statthalter Chumarnje vom Arzte Massage verordnet wurde, er,

um dem Daumen des Masseurs zu entgehen, den Teich seines Gartens mit

Quecksilber füllen und eine seidene, an goldenen Bolzen straffgespannte

Matte darauflegen ließ. Darauf wurde er die ganze Nacht hindurch

geschaukelt und so auf das Zarteste massiert.

Über die Privatgärten aus Bagdads Blütezeit sagt uns der Orientalist

A. Mez, dem wir auch obige Angaben verdanken: „Einen großen Garten am

Hause konnten sich nur die Allerreichsten leisten, die Wohlhabenden

hatten ihn draußen vor den Toren. Da es keinen Rasen gab und der

Palmstamm als häßlich empfunden wurde, so mußte man mit der Mischung

von Blumen und Wasser auskommen; dazwischen stand als Gartenbaum die

köstliche, ernste Zypresse. Blumenkönigin war auch hier die Rose,

danach kam die Narzisse. Gern wurde das helle Rot der Rosen mit dem

dunkeln der Anemonen zusammengestellt.“

„Rosen stehen um Anemonen herum in deinem herrlichen Garten,

Als ob Menschengesichter ringsum in eine Feuersbrunst starrten.“

(Sanaubari in Schabuschtis Klosterbuch, Handschrift Berlin, Folio

96 ~b~.)

Dann das Veilchen „im Trauerkleide“, Jasmin, weißer Mohn, Granaten,

Minze, Nelken, Lilien, Myrten und ein paar orientalische Spezialitäten:

Churram, Sausam und Behâr. Auf dem Teiche lag „wie große Goldstücke“

der Lotos. Also kein Vergleich mit der ostasiatischen und

amerikanischen Pracht, über welche der heutige Blumenfreund verfügt;

sogar die Tulpe fehlte. In diese bunte Welt wurde eine Loggia oder

ein Pavillon mit Kuppelhut hineingebaut; dorthin lud man die Freunde

ein, aß und trank, labte das Auge an Schänke und Schänkin, am Tanz

von Knaben und Mädchen, das Ohr am Singen der Vögel, an kunstreichem

Saitenspiel und Gesang. Man freute sich der Aussicht, wenn nachts der

Vollmond am Horizont lag „wie Gold auf blauen Hyazinthen“, oder bleich

und dünn der junge Mond „wie, was man sich vom Nagel abschneidet“,

wenn die Zypressen als hochgeschürzte junge Mädchen im Windeswehen

spielten. Hier zechte man gerne nachts beim Schall von Zithernlaute,

Flöte und Pauke. Das Gemach war mit Blumen bestreut. Die Zecher

trugen Blumenkränze auf dem Haupt und warfen sich Blumengrüße zu.

Sie erwarteten vom Wein und der Musik, daß „ihre Seele flog“; dann

„tanzten“ sie, hüpften auf einem Bein, seufzten oder rannten mit dem

Kopf gegen die Mauer, -- letztere Übung sah man auch an der Inbrunst

der Frommen gern.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 42 / 81 段