Von Pflanzenstoffen, die zur Vertreibung von Bandwürmern dienen, ist

teilweise schon im Altertum neben der allerdings gebräuchlicheren

Wurzel des Wurmfarns (~Aspidium filix mas~), die wir bereits

besprachen, der Saft der Granatäpfel gebräuchlich gewesen. Schon der

ältere Cato (234-149 v. Chr.) empfiehlt ihn dagegen. Auch die sonst zum

Gerben dienenden Fruchtschalen des +Granatbaumes+ (~Punica granatum~)

waren im Mittelalter offizinell. Die Rinde von Stamm und Wurzel

desselben hat erst Buchanan 1807 als Bandwurmmittel empfohlen, nachdem

er diese Verwendung bei den Hindus in Indien kennen gelernt hatte. 1878

entdeckte dann der französische Apotheker Tancret die Alkaloide der

Rinde, unter denen das Pelletierin das wichtigste ist. Außerdem enthält

sie 22-28 Prozent Gerbsäure, dient daher technisch zum Gerben des

Marokkoleders (französisch ~marrocain~ genannt). Die meiste Granatrinde

kommt aus Algier und Südfrankreich in den deutschen Handel und wird in

der Regel nur von den als Obstbäume nicht mehr verwendbaren Exemplaren

geerntet. Sie wird als Pulver, Dekokt oder Extrakt verwendet.

Ein seit uralter Zeit in Abessinien, wo infolge des beständigen

Essens von rohem Fleisch, besonders Rindfleisch, fast jedermann an

Bandwürmern leidet und regelmäßig von Zeit zu Zeit das Mittel einnimmt,

gebräuchliches Anthelmintikum sind die getrockneten, abgeblühten

weiblichen Blütenstände des +Kusso+ genannten Baumes (~Hagenia

abyssinica~). Es ist dies ein in den gebirgigen Teilen Abessiniens, am

Kilimandscharo und im Usambaragebirge in Deutsch-Ostafrika wachsender,

bis 20 m hoher Baum mit zottig behaarten Zweigen, gefiederten

Blättern, großen Rispen reich mit Drüsen besetzter weißer Blüten

und eiförmigen Nüßchen. Die bis 30 cm langen, bereits abgeblühten

weiblichen Rispen, bei denen die ausgewachsenen Kelchblätter

dunkelpurpurrot geworden sind, bilden das offizinelle Kusso oder Koso,

das in Bündeln von etwa 50 cm Länge verpackt, mit gespaltenen Halmen

des gegliederten Zypergrases umwickelt, über die an Riffen reiche

Meerenge von Bab-el-mandeb, d. h. wegen der vielen dort gescheiterten

Schiffe „Tor der Tränen“ genannt, nach Aden gebracht wird, um dann

von dort aus in Säcken von 15 kg nach Triest, Livorno und Bombay in

den Handel zu gelangen. Der kräftige, charakteristische, unangenehme

Geruch und die verhältnismäßig lebhaftrote Farbe sind Zeichen für die

Güte der Droge, während alte, unwirksame Ware braun und schwachriechend

ist. Der Geschmack ist anfangs schleimig, dann unangenehm bitter und

zusammenziehend. Die Blüten enthalten neben 24 Prozent Gerbstoff

als hauptsächlich wirksamen Stoff das Kosotoxin, außerdem Kosidin,

Kosoin und Protokosin. Der erste Europäer, der den Baum auf seiner

Entdeckungsreise nach den Nilquellen 1769 bis 1771 in Abessinien

beobachtete und den Gebrauch der Blüten von seiten der Eingeborenen

gegen Eingeweidewürmer sah, war der Engländer James Bruce. Er beschrieb

ihn unter dem Namen ~Bankesia abyssinica~. Getrocknete Zweige mit

Blättern und Blüten des Baumes brachte 1822 der französische Arzt

Brayer nach Paris. Danach wurde die Pflanze von Knuth, der die ältere

Brucesche Bezeichnung nicht kannte, ~Brayera anthelminthica~ genannt.

1834 wurde die Droge in Deutschland eingeführt, gelangte aber erst

seit 1852 in größeren Mengen durch Jabot zu sehr teuren Preisen in den

Handel. Frische Kussoblüten befördern ebenso rasch als das Extrakt der

Wurmfarnwurzel und der Granatrinde die drei hauptsächlich in Betracht

kommenden Tänien-Arten aus dem Darm, in welchem sie schmarotzen.

In Ostindien und Indonesien werden vielfach die gepulverten

gerbstoffreichen +Arekanüsse+, von ~Areca catechu~, die sonst von

jedermann mit einem Blatte des Betelpfeffers und etwas gelöschtem

Kalk als Genußmittel gekaut werden, mit Kaffee oder heißer Milch

vermischt, zum Abtreiben von Würmern verwendet. Noch beliebter, weil

viel wirksamer, ist dort der von den etwa 1 cm großen Früchten

des kleinen, immergrünen +Kamála+baumes (~Mallotus philippinensis~)

abgeriebene drüsighaarige Überzug, der als ein leichtes, feines,

weiches, ungleichförmiges, nicht klebendes braunrotes Pulver ohne

Geruch und Geschmack in den Handel kommt. Der zu den Euphorbiazeen

oder Wolfsmilchgewächsen gehörende kleine Baum oder Strauch mit

abwechselnden, gestielten, ovalen, zugespitzten, unterseits filzig

behaarten und mit roten Drüsen besetzten Blättern, innen rotdrüsigen

Blüten in achselständigen Blütenständen und mit scharlachroten Drüsen

dicht besetzten kirschgroßen Kapseln wächst in mehreren Varietäten in

ganz Südasien, der malaischen Inselwelt, Neuguinea und Nordaustralien

und liefert in den Früchten ein zum Brennen und als Abführmittel

benutztes fettes Öl. Der als Kamála in den Handel gelangende drüsige

Überzug der Früchte dient in Indien außer als Bandwurmmittel auch seit

alter Zeit zum Färben von Seide und gibt ein schönes Orangebraun.

Siedendes Wasser wird von ihm nur schwach gelb gefärbt; Eisenchlorid

färbt diesen Auszug braun, Alkalien dagegen färben ihn dunkelrot. Die

wirksame Substanz im Kamála ist außer 80 Prozent Harz das von Anderson

in gelben Nadeln isolierte Rottlerin und ein gelber, kristallisierbarer

Farbstoff. Im ~hortus malabaricus~ hat Rheede 1678 den Kamálabaum

zuerst abgebildet. Die anthelminthische Wirkung des Drüsenüberzuges

seiner Früchte wurde erst 1841 von Irvine in Kalkutta empfohlen. 1864

wurde es in die englische Pharmakopoe, 1871 auch in die deutsche

aufgenommen. Man sammelt die Handelsware in Indien fast ausschließlich

von wildwachsenden Bäumen. Man pflückt die Früchte im März, schüttelt

sie in Sieben und reibt den Rest der Drüsen vollends ab. Zu einer

Bandwurmkur genügen 6-10 g davon. Vor dem Kusso hat es den Vorzug,

weniger leicht Übelkeit und Erbrechen zu erregen und zugleich abführend

zu wirken. Auch gegen Hautkrankheiten wird es benutzt.

In Südarabien und den gegenüberliegenden afrikanischen Ländern wird

seit alter Zeit ein als +Wurrus+ bezeichnetes, dem Kamála ähnliches

Präparat als Bandwurmmittel benutzt. Es sind die kleinen Drüsen der

jungen Hülsen eines Schmetterlingsblütlers (~Crotalaria erythrocarpa~),

die dem Kamála analoge Substanzen enthalten und Seide goldgelb färben,

und zwar noch intensiver als Kamála.

Als Volksmittel gegen Bandwurm sind endlich noch die +Samen+ des aus

Amerika bei uns eingeführten +Riesenkürbis+ (~Cucurbita maxima~) zu

erwähnen, die zu 60-80 Stück, zerstoßen und mit Wasser verrieben, als

Emulsion getrunken werden.

Im Klistier gegen Eingeweidewürmer, besonders aber äußerlich in Form

von Pulver oder Tinktur gegen Läuse werden die aus Mittelamerika

stammenden +Sabadillsamen+ oder Läusekörner benutzt. Sie werden von

einem stattlichen, bis 2 m hohen Zwiebelgewächs aus der Familie

der Liliazeen (~Sabadilla officinarum~) hervorgebracht, das in ganz

Mittelamerika und Venezuela heimisch ist und an den Küsten des Golfes

von Mexiko auch kultiviert wird. Die Handelsware wird vorzugsweise in

Venezuela meist von wildwachsenden Pflanzen gesammelt und kommt über

Caracas beziehungsweise La Guayra, dem Hafen von Caracas, an erster

Stelle nach Hamburg. Sie sind bis 8 mm dick, länglich, unregelmäßig

kantig und von einer dünnen, glänzend braunschwarzen Samenschale

umgeben. Sie enthalten etwa 4 Prozent Alkaloide, die das offizinelle,

käufliche Veratrin bilden. Dieses ist kein einheitlicher Körper,

sondern ein inniges Gemenge mehrerer Alkaloide, nämlich vorwiegend

Cevadin und Veratrin, außerdem Cevadillin, Sabadin, dem zum Teil an

Cevadinsäure und Veratrumsäure gebundenen Sabadinin und Veratramarin.

Die wichtigste Anwendung der Sabadillsamen ist die Gewinnung des

Veratrins, das bei Neuralgien, Rheumatismus und Lähmungen als Irritans

meist in Salbenform eingerieben wird.

Die Spanier lernten um 1570 als erste Europäer den Sabadillsamen als

Mittel gegen Läuse bei den Azteken Mexikos kennen. 1572 erhielt bereits

der Arzt Nikolaus Monardes in Sevilla ein Muster davon zugeschickt.

Dieser und der später lebende Hernandez, der eine Abbildung der Pflanze

1651 veröffentlichte, verglichen die Pflanze ihres Blütenstandes wegen

mit der Gerste, spanisch ~cebada~, und nannten sie im Gegensatz zu

jener mit dem Diminutiv ~cebadilla~, woraus dann später ~sabadilla~

wurde. Lemery bezeichnet die Pflanze direkt als eine Art Gerste. Im

Jahre 1726 bildete der Sabadillsamen einen wichtigen Bestandteil des

französischen „Kapuzinerpulvers“ und kam in der Folge auch unvermischt

zur Vertilgung von Ungeziefer in allgemeinen Gebrauch. Für den vom

Apotheker Wilhelm Meißner in Halle 1818 in den Läusesamen aufgefundenen

basischen Körper Sabadillin gebrauchte der Entdecker 1821 zum erstenmal

den Ausdruck „Alkaloid“, der dann zur Bezeichnung aller Pflanzenbasen

in Aufnahme kam. Die beiden französischen Apotheker Pelletier und

Caventou stellten 1819 zum erstenmal den von ihnen Veratrin genannten

Stoff dar. Die Stammpflanze wurde nämlich zu dieser Zeit mit der

wissenschaftlichen Bezeichnung ~Veratrum officinale~ belegt.

Schon im Altertum wurde der +Senf+ sowohl als Gewürz, als auch als

Arzneimittel innerlich und äußerlich gebraucht. Die Griechen nannten

ihn ~sinēpi~ oder ~nápy~, eine Bezeichnung, die dann die Römer mit

der Pflanze von ihnen übernahmen. Wahrscheinlich wurde im Altertum

vorzugsweise der schwarze Senf (~Brassica nigra~) angebaut, der heute

noch in Südeuropa bevorzugt wird. Wenigstens verlangt der um die Mitte

des 1. Jahrhunderts n. Chr. lebende griechische Arzt Dioskurides als

Merkmal eines guten Senfes, daß er gestoßen grün aussehe, womit nur

der schwarze Senf gemeint sein kann. Auch Palladius im 4. Jahrhundert

n. Chr. spricht sich in demselben Sinne aus. Die Hippokratiker wandten

ihn besonders bei Brustkrankheiten zur Beförderung des Auswurfs an.

Dioskurides sagt von ihm, er erwärme und ziehe, wenn er gegessen

wird, den Schleim an sich. Gepulvert geschnupft errege er Nießen. Er

werde außer innerlich auch äußerlich als Reizmittel verwendet. In

Wasser erweichte, dann zerriebene und mit Olivenöl gemischte Senfsamen

reibe man in schmerzende Stellen ein. Scribonius Largus und Alexander

Trallianus (im 6. Jahrhundert) empfehlen den Senf als Heilmittel. Auch

im Mittelalter wurde er als solches verwendet. 1607 wird Senfmehl in

der Apothekertaxe der Stadt Schweinfurt angeführt. 1608 meldet der

Italiener Porta, daß das aus den Samen gepreßte fette Öl flüssiger

und schärfer erhalten werde, wenn die Samen vorher in Wasser erweicht

würden. Die Notwendigkeit des Wassers zur Senfölbildung wies zuerst

Glaser 1825 nach, und 1840 fanden Boutron und Frémy, daß dabei ein

Ferment wirke. Heute wissen wir, daß in den Senfsamen außer Sinapin und

Sinapinsäure das aus myronsaurem Kalium bestehende Glykosid Sinigrin

enthalten ist, das unter dem Einfluß des ebenfalls darin enthaltenen

Fermentes Myrosin bei Gegenwart von Wasser (unter Aufnahme eines

Molekels desselben) Allylsenföl, Traubenzucker und Kaliumhydrosulfat

und als Nebenprodukte Allylcyanid, Schwefelkohlenstoff und freien

Schwefel liefert. Meist wird das Senfmehl als Senfteig und Senfpapier

zur Ableitung von allerlei Schmerzen und Entzündungen innerer Organe

äußerlich angewendet, wobei eine hauptsächlich durch das Allylsenföl

hervorgerufene Rötung der Haut eintritt.

Auch die 6 Prozent Schleim enthaltenden +Leinsamen+ wurden schon

im Altertum innerlich als reizmilderndes, einhüllendes Mittel

bei Darmkatarrh mit Diarrhöe und Blasenentzündung und äußerlich

zu Kataplasmen verwendet. Als solches benutzten sie sowohl die

Hippokratiker als die Ärzte der römischen Kaiserzeit. Im 12.

Jahrhundert empfahl sie die heilige Hildegard von Rupertsberg bei

Bingen zu Umschlägen. Zu letzteren ist das entölte Leinsamenmehl besser

als das ölhaltige, da es mehr Wasser als jenes bindet.

Die 22 Prozent Schleim enthaltenden +Quittenkerne+ wurden erst von den

Arabern medizinisch benutzt; von diesen lernten die europäischen Ärzte

deren Verwendung als einhüllendes Mittel und Beigabe zu Augenwässern.

Heute werden sie nur noch selten dafür gebraucht.

Als reizmilderndes, einhüllendes Mittel bei Husten wird seit 1837 in

Deutschland der durch Graefe nach Berlin gelangte krause +Knorpeltang+

(~Chondrus crispus~) verwendet. Dieser wächst überall an der felsigen

Küste des nördlichen Atlantischen Ozeans und dient den armen

Küstenbewohnern Irlands als Nahrungsmittel und Volksheilmittel. Von

der irischen Bezeichnung Carraigeen, d. h. Felsenmoos, rührt die bei

uns dafür gebräuchliche Bezeichnung +Carrageen+ her. In Dublin wurde

es 1831 als Ersatz des teuren arabischen Gummis angewandt. Außer dem

Norden und Nordwesten Irlands liefert die Küste von Massachusetts

in den Vereinigten Staaten die größte Menge der Droge in Form der

getrockneten, höchstens handgroßen, gelappten Vegetationskörper dieser

Meeresalge teilweise mit ~Gigartina mamillosa~ vermischt. Andere

Meeresalgen dürfen nur in sehr geringer Menge darin vorhanden sein.

Die im frischen Zustande schwarzrot, violettrot bis grünrot gefärbten

Algen werden in Fässern mit Süßwasser ausgewaschen, an der Sonne

gebleicht und getrocknet. Der rote, Phycoerythrin genannte Farbstoff

zersetzt sich in den toten Pflanzen und läßt sich mit Wasser ausziehen.

Die getrocknete Droge ist bräunlich- bis weißgelb, steifknorpelig,

durchscheinend und entwickelt, mit kaltem Wasser aufgequollen, den

charakteristischen Meeresgeruch. Sie schmeckt schleimig-fade und

enthält neben 6,3 Eiweißstoffen 80 Prozent Carrageenschleim, der in der

lebenden Pflanze den Zweck hat, sie während der Ebbe durch Zurückhalten

von reichlich Wasser vor dem Austrocknen zu bewahren. Außer in der

Medizin und als leichtverdauliches Nahrungsmittel finden die Carrageen

auch in der Technik als Klär- und Klebemittel, als Bindemittel bei

Wasserfarben usw. viel Verwendung. Die 18 Prozent Asche, die sie beim

Verbrennen zurücklassen, enthält reichlich Chloride und Sulfate,

weniger Jodide und Bromide. Letztere sind reichlicher in der Asche

anderer Meeresalgen enthalten, so vor allem im Blasentang (~Fucus

vesiculosus~) und seinen Verwandten, die als +Kelp+ oder +Varek+ an

den Küsten der Bretagne und Irlands gesammelt und getrocknet werden,

um nach ihrer Verbrennung daraus durch Destillation mit Braunstein

und Schwefelsäure das im Meerwasser nur in Spuren vorhandene Jod zu

gewinnen.

In derselben Weise wie die Carrageen dient eine im Indischen und

Stillen Ozean weitverbreitete Rotalge (~Eucheuma spinosum~) besonders

an den Küsten Chinas und Japans als Volksnahrungsmittel. Sie enthält

als Hauptbestandteil eine pektinartige Gelose und kam im Jahre 1840

unter dem Namen +Agar-agar+ als Heilmittel nach Europa. Sie dient in

der Appretur, Konditorei und Küche. Für die Heilkunde ist sie insofern

sehr wichtig, weil aus ihr die Gallerte gewonnen, die zur Herstellung

von festen Kulturböden zur Reinzucht von Bakterien in der Bakteriologie

eine so große Bedeutung erlangt hat, weil sie im Brutschrank bei viel

höherer Temperatur als die gewöhnliche Gelatine tierischen Ursprungs

noch in festem Zustande verharrt. Deshalb ist sie zur Kultur aller

nur bei Bluttemperatur gedeihender Bakterien unumgänglich nötig. Wie

sie enthält auch die an denselben Meeresküsten wachsende ~Gracilaria

lichenoides~ nicht unbedeutende Mengen von Nährstoffen und wird

daher ebenfalls sowohl direkt als Speise genossen als zu Agar-agar

verarbeitet.

In etwas höheren Wasserschichten als die Rottange siedeln sich an den

Meeresküsten die Brauntange an, die die Leitpflanzen der oberen,

zwischen Ebbe- und Flutgrenze gelegenen Litoralzone darstellten.

Vermöge ihrer durch den braunen Farbstoff Phycophäin, der das

Chlorophyll oder Blattgrün verdeckt, hervorgerufenen Braunfärbung

vermögen sie sogar direkte Besonnung zu ertragen, ohne Schaden zu

leiden. Außerdem entwickeln sie zum Schutze ihres Thallus oder

Vegetationskörpers allerlei Haarbildungen, die ihn „wie eine Wolke“

umgeben. Zu ihnen gesellen sich noch einige Rottange, die aber

hier zum Schutze gegen das grelle Sonnenlicht meist bräunlich oder

schwärzlich gefärbt sind. Solche Brauntange der Uferzone sind die

+Laminaria+-Arten, von denen die in den Polarmeeren verbreitete

~Lammaria digitata var. cloustoni~, der gelappte Fingertang, die

offizinellen ~Stipites laminariae~ liefert. Aus dem stammartigen Teile

des Thallus werden die in der Chirurgie und Frauenheilkunde früher mehr

als heute gebrauchten +Laminariastifte+ hergestellt, die zum Erweitern

von Kanälen, besonders des Uterushalses, dienen. Beim Eintrocknen der

Alge sind sie stark zusammengeschrumpft und dünn, quellen aber infolge

ihres großen Schleimgehaltes bei späterem Feuchtigkeitszutritt stark

auf und schaffen so eine ausgiebige Erweiterung der Kanäle, in die sie

eingelegt werden. Nur weil sie sich nicht sicher sterilisieren lassen,

sind sie neuerdings mehr und mehr außer Gebrauch gekommen.

Gleicherweise verhält es sich mit den blutstillenden Spreuhaaren von

den Stengeln verschiedener meist baumartiger Farne aus der Gattung

Cibotium, die in ihrer Heimat Südasien von alters her zur Blutstillung

auf Wunden gelegt wurden. Sie bilden sehr weiche, seidig-wollige,

goldgelbe oder gelbbraune, fast metallisch schimmernde Massen und

kommen als +Penghawar-Djambi+ (nach der Provinz Djambi auf Sumatra

so genannt) in den Handel. In Europa wurden sie erst gegen die Mitte

des vorigen Jahrhunderts bekannt. Sie enthalten außer ihrer auf die

Kapillarität zurückzuführenden Hauptwirkung Gerbstoff, Harz, Wachs und

Humussäure. Infolge der Endosmose füllen sich die Hohlräume zwischen

den einzelnen Härchen augenblicklich mit dem austretenden Blut und

bewirken so eine Gerinnung desselben. Früher wurden sie besonders

gegen Nasenbluten viel verwendet. Dies ist in ganz Südasien heute noch

der Fall, außerdem dienen sie vielfach zur Ausfüllung von Kissen und

Matratzen, da sie ein sehr weiches Polster liefern.

Endlich haben wir noch der +Bärlappsamen+ zu gedenken, die als

austrocknendes Streupulver bei Wunden (dasselbe ballt sich nicht

zusammen und wird vom Wundsaft so wenig als vom Wasser benetzt), zum

Bestreuen der Pillen, damit sie nicht zusammenkleben, zu Feuerwerk

und als Blitzpulver reiche Verwendung finden. Es sind dies die auf

ungeschlechtlichem Wege in besonderen Gehäusen der fruchtenden

Blätter von Wasserfarnen der Gattung ~Lycopodium~ entstandenen

Sporen, die einst als Erdschwefel, Druden- oder Hexenmehl zu allerlei

abergläubischen Kuren Verwendung fanden; auch wurden sie samt dem

sie erzeugenden Kraut als harntreibendes Mittel bei Blasenleiden

benutzt. Gegenüber der Mannigfaltigkeit und Größe der Bärlappgewächse

der paläozoischen Zeit, die besonders in der Karbonperiode in den

Sigillarien und Lepidodendren Riesen von 30-40 m Höhe hervorbrachten,

sind die heute noch lebenden Vertreter winzige Kräutlein, die

hauptsächlich in den Tropengebieten der Erde verbreitet sind; doch

kommen mehrere Arten auch bei uns vor und sind besonders im Gebirge

stellenweise sehr häufig. Der gewöhnliche Lieferant des Bärlappsamens

ist ~Lycopodium clavatum~, der „genagelte“ Bärlapp, nach den langen,

nagelförmigen Blättern so genannt. Im Deutschen Reich, in der Schweiz

und dem für uns als Hauptproduktionsland mit in Betracht kommenden

Rußland werden die endständigen, dachziegelartig sich deckenden

Fruchtblätter mit den an deren Innenseite befindlichen nierenförmigen,

zweiklappig aufspringenden Sporangien im Juli und August kurz vor

der Sporenreife geschnitten, an der Sonne getrocknet, ausgeklopft

und zum Ausscheiden von Verunreinigungen gesiebt. In manchen Teilen

Europas finden auch ~L. annotinum~ und ~complanatum~, seltener auch

~L. alpinum~ und ~innundatum~ Verwendung zur Gewinnung der Sporen, die

blaßgelb, sehr beweglich und leicht sind und sich fettig anfühlen. Die

verschiedenen Lycopodiumarten waren den alten Botanikern als „Erdmos“

bekannt. 1587 führte Dodonäus für ~L. clavatum~ die Bezeichnung ~pes

lupi~ (= griechisch ~lykopodion~) Wolfsfuß -- wegen der weichhaarigen

Zweigspitzen -- ein. Bock bildete die Pflanze unter dem Namen

„Beerlapp“, d. h. Bärenfuß -- nach der Form der Zweigspitzen -- ab.

1649 finden wir ~Lycopodium~ als Puder zum Bestreuen von Wunden

medizinisch verwendet, und seit 1664 wird es als ~Lycopodium~ in den

Apothekertaxen angeführt.

XXVIII.

Die Geschichte des Ziergartens.

Die ersten Gärten der Menschheit waren begreiflicherweise rohe,

ausschließlich für die Küche berechnete Nutzgärten, aus denen sich

erst auf einer beträchtlichen Höhe der Kultur eigentliche Ziergärten

entwickeln konnten, die nicht mehr nur praktischen Zwecken, sondern

vielmehr zur Befriedigung ästhetischen Lebensgenusses dienten.

Solche sind wohl zweifellos an den Urstätten menschlicher Kultur

in Zentralasien zuerst geschaffen worden. Beim kurzköpfigen,

uralaltaischen Volke von Sumer und Akkad, das den Grund zur

altbabylonischen Kultur in Mesopotamien legte, werden sie vor 6000 und

mehr Jahren ebensogut vorhanden gewesen sein, wie bei den ältesten

Chinesen, bei denen sich schon 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung

Ziergärten um die königliche Residenz und um die Landhäuser der

Vornehmen vermuten lassen. Gemäß den verfeinerten Lebensgewohnheiten

dieses uralten, aus Zentralasien stammenden Kulturvolkes schufen

sich dessen Herrscher und Fürsten in ihren geräumigen Gärten ideale

Landschaften, die in bunter Abwechslung allerlei Szenerien in

verkleinertem Maßstabe vorführten. Die älteste Beschreibung solcher

chinesischer Ziergärten verdanken wir dem Engländer William Chambers,

der in China gewesen war und in den Jahren 1757 und 1772 zwei Bücher

über chinesische Gebäude und chinesische Gärten herausgab, die

seinerzeit in Europa außerordentliches Aufsehen erregten und hier zur

Nachahmung wenigstens der letzteren reizten, woraus dann der neue

englische Landschaftsgarten hervorging. Nach seiner Beschreibung gab es

in diesen chinesischen Gärten bald sanft gerundete, bald felsige Berge

von wenigen Metern Höhe, von denen sich Wasserläufe in schäumenden

Kaskaden herabstürzten, um sich durch liebliche, baumbestandene und

grasige Ebenen zu winden und in mit Wasserpflanzen und Getier aller

Art belebten Seen zu sammeln. Brücken in allen möglichen Formen,

geschweift und eben, gerade oder im Zickzack, führten von einem

Ufer zum andern oder auf blumenbedeckte, kleine Felseninseln. An den

Ufern der Teiche, in den Ebenen zwischen Blumenpflanzungen und im

Schatten von majestätischen Baumgruppen, auf den Gipfeln der Berge

und Felsen standen die mannigfaltigsten, bunt bemalten und lackierten

Lusthäuschen, deren Dachecken mit zierlichen Glöckchen behängt

waren. Der ganze Garten war mit Leben erfüllt; im Gebüsch erscholl

der liebliche Gesang der Nachtigallen und anderer Sänger aus der

Vogelwelt, das Girren der Turteltauben, das Rufen der Pfauen, Gold- und

Silberfasanen, Hühner verschiedenster Art, Wachteln usw., während von

den Teichen das Geschnatter der Enten und Gänse erklang.

Ebenso lieblich wie diese waren die Parkgärten Japans, die in

Nachahmung der chinesischen, der Bevölkerungsdichte und dem damit

zusammenhängenden Raummangel des Landes entsprechend, in Verbindung mit

einer hoch ausgebildeten Liebe und Kenntnis der Natur eine gleichsam

potenzierte Ausbildung des chinesischen Gartenstils aufwiesen und

heute noch aufweisen. Alles im japanischen Garten ist noch weiter ins

Kleine und Feine reduziert und, um auf dem beschränktesten Raum einen

Park mit allem Zubehör errichten zu können, lernte man die sonst groß

werdenden Bäume in Zwergformen ziehen, so daß es möglich wurde, selbst

hundertjährige Exemplare in Töpfen zu halten.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 40 / 81 段