Niederguinea und im ganzen Kongogebiet der gleicherweise kletternde
~Strophantus gratus~ bei allen Negerdörfern in Halbkultur angetroffen.
Seine Balgfrüchte werden kurz vor der Reifezeit gesammelt und bilden
ein nicht unwichtiges Handelsprodukt im Verkehr der Eingeborenenstämme,
indem diese aus den leuchtend gelben, unbehaarten, außerordentlich
stark bitter schmeckenden Samen ein sehr wirksames Pfeilgift
herstellen. In gleicher Weise werden in Ostafrika die graugrünen,
weißseidig behaarten Samen von ~Strophantus kombe~ benutzt, die heute
in den deutschen Apotheken ausschließlich offizinell sind. Die sie
erzeugende Liane wächst hauptsächlich am Sambesi und wird ebenfalls
vielfach von den Eingeborenen in Halbkultur um ihre Dörfer gehalten.
Schon David Livingstone machte auf seinen Forschungsreisen von
1858-1864 auf das ostafrikanische Pfeilgift ~kombe~ und auf die den
Herzschlag verlangsamende Wirkung desselben aufmerksam. 1861 ermittelte
dann der englische Konsul in Zanzibar, John Kirk, daß dieses Kombegift
aus Strophantussamen bereitet wird. Fagge und Stevens, später Fraser,
untersuchten dieses vom Sambesi erhaltene Kombegift und letzterer
stellte 1872 das Strophantin dar, dessen physiologische Wirkung er
auch klarlegte. Zugleich erkannte er die Identität dieses Giftes mit
dem 1864 von Pélikan untersuchten westafrikanischen Pfeilgift ~inée~
oder ~onage~ (von den Samen von ~Strophantus gratus~) aus Gabun. 1867
waren die Samen als neues Herzgift auf der Pariser Weltausstellung
ausgestellt. Schon 1802 beschrieb A. de Candolle den ~Strophantus
hispidus~ aus Sierra Leone.
Von weiteren Apocynazeen, die als wichtige Giftpflanzen bei den
Eingeborenen eine große Rolle spielen, ist der +Odallam+ und die
+Tanghinpflanze+ zu erwähnen. An den Küsten des Indischen Ozeans
bis Neuguinea wächst ersterer (~Cerbera odallam~) als häufige
Strandpflanze. Seine dicken, fleischigen Äste tragen ziemlich große,
breitlanzettliche Blätter und endigen in einer Rispe stark duftender,
weißer Blüten. Die Früchte sind faustgroße, dunkelgrün gefärbte
Steinfrüchte, in deren fleischiger Schale ein äußerst zähes Netz
eingebettet ist, das mit seinem Geflecht das Eindringen von Meerwasser
zu den Samen verhindern soll; denn die Früchte sind für den Transport
mit den Meeresströmungen eingerichtet. Auf diese Weise wird die Pflanze
über alle Küsten des Indischen Ozeans verbreitet.
Noch viel giftiger als er ist die berüchtigte Tanghinpflanze
(~Tanghinia venenifera~) von Madagaskar, deren Früchte bei den
Gottesurteilen des dort lebenden Malaienstammes der Hova Verwendung
finden. Derjenige, der im Verdacht steht, ein Verbrechen begangen zu
haben, muß von der Frucht genießen. Ist er schuldig, so geht er daran
zugrunde; ist er aber unschuldig, so erbricht er sie und kommt mit
dem Leben davon. Natürlich ist dabei die Hand der Zauberpriester im
Spiele, die solchen, die sie retten wollen, zugleich ein Brechmittel
verabreichen.
In der europäischen Medizin haben diese beiden Drogen noch keine
Verwendung gefunden, wohl aber eine andere, die bei den Gottesurteilen
der Neger Westafrikas eine nicht unwichtige Rolle spielt, nämlich
die +Kalabarbohne+. Ihr Erzeuger ist die vom Kap Palmas bis Kamerun
heimische, neuerdings auch in Indien und Brasilien eingeführte, mehr
als 15 m emporsteigende Leguminose ~Physostigma venenosum~ mit
holzigem Stamm von 4 cm Dicke, gefiederten Blättern, achselständigen,
hängenden Trauben von großen, purpurroten Blüten und etwa 14 cm
langen, leicht zusammengedrückten Hülsen, die 1-3 nierenförmige,
schokoladenbraune, glatte Samen mit einer tiefen, von erhabenen Rändern
umgebenen Rinne enthalten. Diese sind sehr giftig, wenn auch beinahe
geruch- und geschmacklos. Wer von den Eingeborenen der Zauberei
beschuldigt wird, muß davon genießen. Stirbt er daran, so ist er
schuldig, bricht er es aus, so ist er unschuldig. Letzteres hängt
natürlich auch wieder davon ab, ob ihm die allmächtigen Fetischpriester
wohlwollen oder nicht. Ist ersteres der Fall, so bekommt er im geheimen
ein Brechmittel mit seiner Dosis Gift eingeführt, das bald seine
Wirkung tut und den Schützling des Fetisches rettet. Die Pflanze
wurde 1840 durch Daniell bekannt, 1859 beschrieb sie Balfour, und
wenige Jahre später entdeckte Fraser ihre eigentümliche arzneiliche
Wirkung. Diese beruht auf dem Gehalt an dem Alkaloid Physostigmin =
Eserin, das farb-, geruch- und geschmacklose Kristalle bildet und
direkt lähmend auf das Zentralnervensystem, zuerst das Gehirn und dann
das Rückenmark, wirkt. Da es schon in minimalen Dosen eine starke
Zusammenziehung der Pupillen bewirkt, benutzen es die Augenärzte,
um die nach Atropineinträufelung entstandene Pupillenerweiterung zu
beseitigen, auch als Heilmittel bei Augenkrankheiten. Daneben wird es
bei Erschlaffung des Darmes mit Kotstauung und gasiger Auftreibung des
Leibes, bei Starrkrampf, Neuralgien, Epilepsie usw. gegeben. Neben
Physostigmin ist in den Kalabarbohnen noch das dem Strychnin ähnlich
wirkende Alkaloid Calabrin und ein indifferentes Physosterin enthalten.
Von einer nahen Verwandten dieser stammt die als Ersatz der Chinarinde
gegen Fieber 1878 nach Europa eingeführte Rinde des in Argentinien
heimischen +Quebracho+ (sprich kebratscho) (~Aspidosperma quebracho~).
Es ist dies ein Baum oder Strauch aus der Familie der meist ziemlich
giftige Vertreter aufweisenden Apocynazeen oder Hundsgiftgewächse
mit sehr hartem Holz, dünnen, hängenden Zweigen, kleinen, stachlich
zugespitzten, bräunlichgrünen Blättern, gelben Blüten und großen,
holzigen, rundlichen Fruchtkapseln. Die Quebrachorinde enthält
sechs verschiedene Alkaloide, die der Zusammensetzung nach einigen
Chinarindenalkaloiden ähneln. Heute wird sie nur noch gegen Asthma
gebraucht.
Häufigere Verwendung in der Arzneikunde finden die Blätter der
südamerikanischen Rutazee ~Pilocarpus pinnatifolius~ und anderer
verwandter Arten. Diese Rautengewächse aus der Verwandtschaft der
Zitronen-, Orangen- und Quassiabäume ist ein in Brasilien heimischer,
etwa 3 m hoher Strauch mit dicht rotgelb behaarten Zweigen,
lederigen, kurzgestielten, unpaariggefiederten, großen, unterseits
kurzhaarigen Blättern, dichten Trauben mit kleinen grünen Blüten und
einsamigen Kapseln. Die Blätter dieser Art, wie auch von ~Pilocarpus
jaborandi~ in Nordbrasilien, von ~P. selloanus~ und ~P. trachylophus~
in Südbrasilien und verschiedener anderer Arten wurden von den
Indianern zum Schweißtreiben bei Krankheiten, wie auch als Gegengift
bei Schlangenbissen unter dem Namen +Jaborandi+ verwendet. Die erste
Kunde über diese Droge findet sich in der 1648 erschienenen ~Historia
naturalis Brasiliae~ von Piso und Marcgraf; doch machte sie erst der
brasilianische Arzt S. Continho in Pernambuco 1873 bekannt. Er bediente
sich derselben als schweißtreibendem Mittel und sandte in jenem
Jahre Proben der Blätter zur Prüfung nach Paris. Diese riechen beim
Zerreiben aromatisch, schmecken scharf und enthalten als hauptsächlich
wirksame Substanz das 1875 gleichzeitig von Hardy und Gerrard isolierte
Pilocarpin, das die gesteigerte Absonderung von Schweiß-, Speichel-
und sonstigen Drüsen bewirkt, neben Pilocarpidin, Isopilocarpin, dem
atropinartig wirkenden Jaborin und Gerbstoff. Das Jaborin des Handels
ist ein Gemisch dieser letzteren mit einer Spur Pilocarpin. Der Gehalt
an freien Alkaloiden beträgt in den Jaborandiblättern durchschnittlich
0,75 Prozent. Nur infolge Beimengung minderwertiger Sorten wird er
geringer. Als Surrogat werden verschiedene andere Blätter von ähnlicher
Wirkung verwendet, auf die wir hier nicht eintreten wollen.
Weit größere Bedeutung haben in der modernen Medizin die gleichfalls
in Südamerika heimischen +Kokablätter+ erlangt, aus denen das zur
Schmerzbetäubung und zur Anregung der seelischen und motorischen
Zentren der Großhirnrinde in so reichem Maße dienende Cocain gewonnen
wird. Seit Urzeiten werden sie von den Indianern der Westküste
Südamerikas als ~koka~, d. h. Pflanze (also Pflanze ~par excellence~)
-- von den Spaniern ~coca~ geschrieben -- als Anregungsmittel und
zur Vertreibung der Müdigkeit während der Ruhepausen zusammen mit
etwas ungelöschtem Kalk oder der Asche von ~Chenopodium quinoa~,
einer dort viel angepflanzten Nährfrucht aus der Familie der Melden,
gekaut. Dadurch wird eine reichliche Absonderung grünen Speichels
bewirkt, daneben aber ein Gefühl der Leichtigkeit, eine lebhafte,
freudige Aufregung bewirkt, die es ermöglicht, ohne spürbare Ermüdung
schwerbeladen die anstrengendsten Märsche über die höchsten Pässe
der Anden zu bewältigen. Mäßig genossen haben die Kokablätter keine
schädliche Wirkung, nur in größeren Mengen und gewohnheitsmäßig
gebraucht, wirken sie lähmend und rufen einen als Kokakachexie
bezeichneten Zustand hervor, der sich durch Abmagerung, Verfall der
Körperkräfte und Herabsetzung aller geistigen Tätigkeit bekundet.
Daß nun die Peruaner schon sehr lange vor der Entdeckung ihres Landes
durch die Europäer eine für sie so wichtige Pflanze für heilig
hielten und sie um ihre Ansiedlungen herum kultivierten, kann uns
nicht wundern. Ihre Blätter waren im ganzen Lande sehr begehrt und
galten als beliebtestes Tauschmittel an Stelle des Geldes. Bei der
Eroberung Perus unter Francisco Pizarro 1532-1533 lernten die Spanier
dieses Genußmittel kennen, wandten es aber selbst nicht an; vielmehr
verboten sie auf Veranlassung der christlichen Priester die Kultur der
Pflanze. Nach wenigen Jahren aber gestatteten sie dieselbe wieder;
denn der Anbau dieser Pflanze war seit den ältesten Zeiten eine der
Hauptarbeiten der Eingeborenen. So kommt es, daß die ursprünglich wilde
Form derselben im Lande fast nicht mehr gefunden wird. Der 1,5 m
hoch werdende Kokastrauch mit bis 8 cm langen und halb so breiten,
oben oliven- und unten graugrünen, eiförmigen, lederartigen, kahlen
Blättern wird außer in Peru und Ekuador vorzugsweise in Kolumbia an
den östlichen Abhängen der Anden in einer Höhe von 1000-2000 m
in ausgedehnten, ~cocales~ genannten Plantagen angepflanzt. Alle
2-3 Monate werden die reifen Blätter, die einen Stich ins Gelbliche
zeigen, bei trockenem Wetter gesammelt und sofort getrocknet, um dann
fest in Wollsäcke eingepreßt versandt zu werden. Da sie aber durch
längeren Transport bis zur Hälfte ihres Gehaltes an wirksamer Substanz
einbüßen, werden sie vielfach schon an Ort und Stelle verarbeitet,
wobei 1 kg trockene Blätter 2 g Cocain geben. So nannte Niemann
1860 das höchstens bis zu 1 Prozent in den Kokablättern enthaltene
wirksame Alkaloid, das Gädicke 1855 zuerst entdeckt und Erythroxylin
genannt hatte. 1884 erst führten Freund und Koller das Cocain als
die damit bepinselten Schleimhäute unempfindlich machendes Mittel in
die Heilkunde ein. Bald wurde es auch innerlich als Anästhetikum der
Magenschleimhaut und die seelischen und motorischen Funktionen des
Gehirns anregendes Mittel gegeben und führte auch wie das Morphin
vielfach zu Mißbrauch.
Mit dem beginnenden starken Verbrauch der Droge in der ganzen
Kulturwelt wurde der in den östlichen Andengebieten Perus und Bolivias
in den nie vom Frost heimgesuchten warmen Hochtälern bis dahin
ausschließlich von den Indianern kultivierte Kokastrauch (~Erythroxylon
coca~) nach Westindien, Ostindien, Ceylon, Java, Australien, Zansibar
und Kamerun gebracht und dort im großen angepflanzt. Diese Länder
versorgen nun auch den Weltmarkt mit ihren Produkten. Am üppigsten
gedeiht der Strauch in feuchten Lagen; doch gewinnen seine Blätter
in trockenen Lagen an Güte, deshalb werden nur solche zum Anbau
ausgewählt. Schon nach 2½ Jahren geben sie vier Ernten im Jahr und
bleiben bis zum 40. Jahr ertragsfähig. Die ersten Nachrichten von
dieser Pflanze datieren von 1499. Im Jahre 1570 machte dann der
spanische Arzt Nicolaus Monardes nach seiner Rückkehr aus Südamerika
die Wirkung des Kauens der Kokablätter, die von über acht Millionen
Menschen im Andengebiet täglich geübt wird, in Sevilla bekannt, und
Joseph de Jussieu sandte 1750 die erste Kokapflanze aus Peru nach
Europa, wo sie im ~Jardin des plantes~ Aufnahme fand.
Ein narkotisches, krampfstillendes Harz liefert der +indische Hanf+
(~Cannabis indica~). Es ist dies eine Varietät des in Westasien
heimischen gewöhnlichen Hanfes (~Cannabis sativa~), die nur im warmen
Ostindien dieses Harz reichlich erzeugt und hier in erster Linie zur
Gewinnung desselben gepflanzt wird. Erst in gebirgigen, kälteren
Distrikten, wie z. B. im Himalaja, wo die Pflanze ihr narkotisches Harz
nicht mehr produziert, wird sie, wie bei uns, zur Gewinnung ihrer Faser
angebaut. Das schon unter 50° C. schmelzende Harz wird besonders
von den weiblichen Blütenständen der bis 2 m hoch werdenden Pflanze
ausgeschwitzt und durch eingeborene Arbeiter in der Weise gewonnen, daß
sie, in der Regel nackt und nur ausnahmsweise mit einem Lederanzuge
bekleidet, durch die Hanfpflanzungen hindurchgehen, wobei sich das Harz
an ihnen festsetzt. In Persien dagegen wird es meist dadurch erhalten,
daß man die in Blüte stehenden Spitzen und die Blätter der Pflanze
stundenlang kräftig auf rauhen, groben, wollenen Teppichen reibt, so
daß sich das Harz auf der Oberfläche des Teppichs ablagert, von wo es
mit einem Messer abgeschabt und zu Kuchen geformt wird. Die Stücke,
wie sie auf den Märkten Zentralasiens verkauft werden, stellen dicke
Tafeln von außen dunkelbrauner, innen grünlicher bis bräunlicher Farbe
und fester Konsistenz dar. Dies ist der Haschisch, ein persisches
Wort, das Kraut bedeutet, weil früher an seiner Stelle die harzreichen
Blütenteile selbst, sei es zum Rauchen, sei es als innerlich genommenes
Medikament, zur Anwendung gelangten. Der Haschisch enthält bis 37
Prozent Harz und ätherisches Öl, daneben 3,3 Prozent Cannabinol (ein
giftiges rotes Öl aus der Reihe der Phenole), das die hauptsächlich
wirksame Substanz darstellt. Die Droge muß sehr vorsichtig aufbewahrt
werden und verliert mit dem Alter bedeutend an Wirksamkeit. In Südasien
war die narkotische Wirkung des Hanfharzes schon im 8. Jahrhundert
v. Chr. bekannt; die Handelsnamen lassen sich alle auf Indien
zurückführen. Als Berauschungsmittel ist es in Vorderasien erst durch
die Muhammedaner eingebürgert worden. In Deutschland kam die Droge erst
im 17. Jahrhundert zur medizinischen Verwendung, und wissenschaftliche
Versuche über die Wirkung desselben wurden in der Mitte des 19.
Jahrhunderts auf Veranlassung von O’Shaughnessy in Kalkutta angestellt.
Sehr nahe mit dem Hanf verwandt ist der +Hopfen+ (~Humulus lupulus~),
dessen Fruchtzapfen außer Harz und einem ätherischen Öl, ein von
Griesmayer zuerst Lupulin, später aber, um Verwechslungen zu vermeiden,
Humulin genanntes Alkaloid von narkotischer, krampfstillender Wirkung
enthalten. Deshalb dienen sie außer in der Bierbrauerei auch in der
Medizin, seitdem sie 1813 der französische Apotheker Planche als
Heilmittel empfahl. 1821 destillierten dann Payen und Chevalier
zuerst das ätherische Hopfenöl. Später kam dann von Amerika her die
Bezeichnung Lupulin für die Fruchtzapfen der allein kultivierten
weiblichen Pflanze auf. Die Droge wird nur von in Kultur stehenden
Pflanzen gesammelt und gut getrocknet, vor Licht und Luft geschützt
aufbewahrt, hält sich aber auch so nicht über ein Jahr in voller
Wirkung.
Mit dem Oleander und dem westafrikanischen Strophantus zu den
Apocynazeen oder Hundsgiftgewächsen gehörig ist der +kanadische
Hanf+ (~Apocynum cannabinum~), dessen Wurzel seit langer Zeit von
den Indianern als Medikament verwendet wurde. Von ihnen lernten die
Weißen in Nordamerika sie kennen. Das neuerdings aus den Vereinigten
Staaten in größerer Menge besonders nach Rußland importierte, daraus
hergestellte Fluidextrakt enthält das nach Art der Digitalis auf das
Herz wirkende Glykosid Apocynin. Das Mittel verdient auch bei uns
öfter zur Anwendung zu gelangen, da ihm eine sehr gute Wirkung auf das
erkrankte Herz nachgerühmt wird.
Ebenfalls schon lange von den Indianern Nordamerikas medizinisch,
besonders als Wundmittel, benutzt wurde die nach ihrer Ähnlichkeit mit
unserer Haselnuß von den Weißen als Zauberhasel bezeichnete +Hamamelis+
von Virginien (~Hamamelis virginiana~). Dieser bis 7 m hohe Strauch
ist ein Hauptbestandteil der Wälder der atlantischen Staaten der
nordamerikanischen Union, der besonders viel zur bunten herbstlichen
Verfärbung der Wälder beiträgt. Seine holzige Kapseln darstellenden
Früchte öffnen sich mit solcher Gewalt, daß die Samen bis 4 m weit
fortgeschleudert werden. Das alkoholische Fluidextrakt aus der Rinde
enthält neben einem glykosidischen Gerbstoff und Fett etwa 8 Prozent
Hamamelitannin und wird als tonisches und adstringierendes Mittel gegen
Diarrhöen und Blutungen angewandt. Auch äußerlich wird dieses Hazeline
genannte Präparat als blutstillendes Mittel und gegen Hämorrhoiden
gegeben, daneben das aus der Hamamelis gewonnene Fett zu der höchst
angenehmen Hazelinecrême verarbeitet.
Als Tonikum und Sedativum des Uterus bei habituellem Abort ist
auch bei uns seit etwa 40 Jahren das aus Nordamerika eingeführte
Fluidextrakt der +Rinde+ des amerikanischen +Schneeballenbaums+
(~Viburnum prunifolium~) im Gebrauch. Es ist dies ein in den östlichen
und mittleren südlichen Staaten der Union bis zum Mississippi, aber
auch in Kanada, wenn auch dort kleiner an Wuchs, heimischer 3-5 m
hoher Strauch oder Baum, der neuerdings auch bei uns als Zierstrauch
gepflanzt wird. Das flüssige Extrakt der Wurzel-, Stamm- und
Zweigrinden enthält neben verschiedenen Pflanzensäuren und Gerbsäure
ein bitterschmeckendes, gelbbraunes Harz, welch letzteres in derselben
Beschaffenheit auch in unserem einheimischen Schneeball (~Viburnum
opulus~) enthalten ist, weshalb dessen Rinde in derselben Weise
arzneilich verwendet wird.
Ein im südlichen Teile der brasilianischen Provinz Bahia häufiger
Baum mit violetten Blüten aus der Familie der Schmetterlingsblütler
ist der +Ararobabaum+ (~Andira araroba~), der in kleineren und
größeren Hohlräumen des 1-2 m dicken Stammes eine zerreibliche, fast
erdige, gelbbräunliche, stark abfärbende Masse ausscheidet, deren
Anwendung als Heilmittel die in Brasilien eingewanderten Portugiesen
von den Indianern kennen lernten. Von dort brachten sie die Droge
nach ihrer ostindischen Besitzung Goa, wo sie hauptsächlich gegen
parasitäre Hautkrankheiten Anwendung fand. Dort lernte Kemp im Jahre
1864 das Mittel kennen und machte in der Folge die europäischen
Ärzte darauf aufmerksam. Da stellte Silva Lima 1875 fest, daß die
~araroba~ der brasilianischen Eingeborenen, die, weil von Bahia aus
verschifft, als ~Polvo de Bahia~ in den Handel gelangte, mit dem
~Polvo de Goa~ aus Ostindien identisch sei, und fast gleichzeitig
wies Attfield Chrysophansäure in derselben nach. 1878 erkannten
Liebermann und Seidler als Hauptbestandteil der Droge (nämlich 90
Prozent) das Chrysarobin, das sich bei Gegenwart von Luft und Alkalien
zu Chrysophansäure oxydiert; daneben sind noch 10 Prozent in Benzol
lösliche harzartige Substanzen darin enthalten. 1879 beschrieb Aguiar
die Stammpflanze als ~Andira araroba~. Das gelbbraune Ararobapulver
wird aus ihr in der Weise gewonnen, daß man die Bäume fällt, ihren
Holzkörper in Blöcke zersägt, spaltet und die mit der gesuchten
Masse gefüllten Hohlräume auskratzt. Die rohe Ware gelangt seit 1875
aus Brasilien direkt, statt wie früher aus Bahia über Goa, in den
europäischen Handel und wird in Europa von den darin enthaltenen
Holzsplittern und Rindenteilen gereinigt. Besonders zur Behandlung
der Psoriasis genannten Schuppenflechte hat sich das daraus gewonnene
Chrysarobin als außerordentlich nützlich erwiesen.
Neuerdings kommen aus Mittelchile die Früchte des +Bóldo+ (~Boldoa
fragrans~) als besonders gegen Leber- und Gallensteinleiden empfohlenes
Mittel nach Europa. Es ist dies ein immergrüner, stark duftender,
dicht belaubter kleiner Baum oder Strauch, der ziemlich häufig wild
angetroffen und nicht kultiviert wird.
In mannigfaltigster Weise wird innerlich und äußerlich in der Medizin
das +Terpentinöl+ verwendet, das von verschiedenen Fichtenarten
gewonnen wird. Beim Verwunden der Stämme derselben fließt eine
gelblichweiße, honigdicke, klebende, Terpentin genannte balsamartige
Masse aus, aus der dann durch Destillation mittels Wasserdämpfen das
neben wenig Harzen und Pflanzensäuren hauptsächlich Pinen, Dipenten
und polymere Terpene enthaltende ätherische Terpentinöl gewonnen wird.
Von Bedeutung für den Handel sind nur die nordamerikanischen, aus
~Pinus australis~ (teilweise aber auch aus der Hemlockfichte, ~Tsuga
canadensis~) gewonnenen, etwas nach Kolophonium riechenden Terpentinöle
und das noch bessere, von der Strandfichte ~Pinus pinaster~ gewonnene,
nach Wacholder riechende französische Terpentinöl. An dritter Stelle
kommt die Produktion Rußlands, die, wie die französische, zum
größten Teil im Lande selbst Verwendung findet. Die Produktion der
Vereinigten Staaten Nordamerikas beträgt jährlich nicht weniger als
470000 Fässer zu 50 Gallonen (etwa 150 kg) = 70 Millionen kg
Öl im Werte von 32 Millionen Mark, die mehr als zur Hälfte über
Savannah, den bedeutendsten Handelsplatz Georgias exportiert werden.
Die bedeutendsten europäischen Märkte dafür sind London, Hamburg und
Antwerpen.
Schon im klassischen Altertum war aus dem Harz verschiedener
Fichten gewonnenes ätherisches Öl meist unter dem Namen Zedernöl in
technischem und arzneilichem Gebrauch, während man unter Terpentinöl
(~terebínthinon élaion~), wie uns der um die Mitte des 1. Jahrhunderts
n. Chr. lebende griechische Arzt Dioskurides berichtet, das aus
den Früchten der in den Mittelmeerländern heimischen Terebinthe
oder Terpentinpistazie (~Pistacia therebinthus~) -- griechisch
~terébinthos~ -- gepreßte, später auch durch Einschnitte in den
Stamm des betreffenden Baumes gewonnene ätherische Öl verstand. Auch
in China und Japan hat auf Grund der frühen und hohen Entwicklung
der Lackindustrie die Gewinnung destillierter Koniferenöle schon in
früher Zeit stattgefunden. Aber mit der altweltlichen hat sich die
nordamerikanische Terpentinölindustrie erst seit dem Anfang des 18.
Jahrhunderts entwickelt.
Wie das Terpentinöl findet auch der durch trockene Destillation aus
dem Holze der Stämme und Zweige von Koniferen, vornehmlich ~Pinus
silvestris~, gewonnene ~Holzteer~ in der Arzneikunde innerlich als
sekretionsbeschränkendes Mittel und äußerlich bei Hautkrankheiten
vielfach Verwendung. Er bildet eine dickflüssige, braunschwarze
Masse von eigentümlichem brenzlichem Geruche und widerlich bitterem,
brennendem Geschmacke und enthält außer indifferenten Ölen und
Pflanzensäuren Paraffin, Kreosot, Brenzkatechin, Guajakol, Phenol oder
Karbolsäure, Kresol, Benzol, Toluol, Naphthalin und andere wertvolle
Stoffe, die teilweise daraus isoliert werden, um als solche gegeben
werden zu können. Der meiste Holzteer wird im waldreichen Nordeuropa
entweder in besonderen Teerschwelereien oder als Nebenprodukt der
Holzkohlenbereitung und der Holzessigfabrikation gewonnen. Schon
im Altertum kannte man dieses Produkt, das die Römer ~pix liquida~
nannten. Plinius beschreibt ausführlich dessen Gewinnung und Verwendung.
Ärmer an harzartigen Stoffen, dafür aber reicher an brenzlichen Ölen
als der Koniferenteer ist der aus dem Holz der Rotbuche (~Fagus
silvatica~) destillierte Buchenteer, aus welchem das bis zu 25 Prozent
in ihm enthaltene Kreosot gewonnen wird, und der hauptsächlich in
Rußland und Polen aus dem Holz von verschiedenen Birkenarten, besonders
~Betula verrucosa~, ~pubescens~ und ~alba~, destillierte Birkenteer
von an Juchtenleder (das auch damit behandelt wird) erinnerndem
Geruch. Eigentümlich naphthalinartig riecht dagegen der durch trockene
Destillation der Steinkohlen bei der Leuchtgasfabrikation erhaltene
Steinkohlenteer, der allerdings im Gegensatz zu den vorigen kaum in der
Medizin Verwendung findet, aber das Rohprodukt sehr zahlreicher aus
ihm gewonnener chemischer Stoffe bildet und daher für die chemische
Industrie von der größten Bedeutung ist.