prächtigen immergrünen Bäumen der zu den Rubiazeen oder Krappgewächsen
gehörenden Gattung Cinchona gewonnen. Die ursprünglich allein
verwendete gelbe Chinarinde von Loxa stammt von der hauptsächlich in
Ekuador wachsenden ~Cinchona officinalis~, deren in Bolivia heimische
Varietät ~C. ledgeriana~ heute besonders auf Java, Ceylon und in
Britisch Indien kultiviert wird. Sonst wird zur Gewinnung von Chinin
zurzeit namentlich auch die in Peru und Bolivia heimische ~C. calisaya~
gepflanzt, die die gelbe Königsrinde -- so genannt weil sie als die
beste erkannte Art früher für den spanischen Hof in Madrid bestimmt
war -- in starken Platten oder Röhren mit dunkler, tiefrissiger Borke
liefert. Außerdem ist die von Ruiz und Pavon beschriebene, in Nordperu
und dem südlichen Ekuador wachsende ~C. succirubra~ (d. h. rotsaftige
Cinchona) mit rötlicher Rinde sehr beliebt, ebenso die von denselben
Autoren geschilderte ~C. micrantha~ (d. h. kleinblütige Cinchona),
deren schön gelbe Rinde als Huanacorinde in den Handel gelangt.
Die bei weitem alkaloidreichste Chinarinde liefert die in den
bolivianischen Provinzen Enquisivi, Yungas, Larecaja und Caupolican
und in der südperuanischen Provinz Carabaya zwischen 1500 und 1800 m
Seehöhe wachsende ~C. ledgeriana~, so genannt, weil zuerst am Rio
Mamore in Bolivia mit Hilfe des Indianers Manuel Juera Mamani durch
den Engländer Charles Ledger 1865 gesammelte Samen von Bolivia der
englischen und holländischen Regierung gesandt wurden, welch letztere
sie auf Java anpflanzen ließ, während erstere damit Kulturen in
Ceylon und Indien beschickte. Dieser dickstämmige, hohe Chinabaum
mit ausgebreiteter, reichbelaubter Krone hat schmalelliptische,
unterseits rote, fast lederartige, kahle Blätter, kleine, gelbliche,
nickende Blüten in Rispen und kreisförmige, braune Fruchtkapseln, die
zahlreiche kleine, geflügelte Samen enthalten. Ebenfalls bis über
25 m hoch, bei einem Stammdurchmesser von fast einem Meter an seinem
Grunde, wird der Erzeuger der gelben Königsrinde ~C. calisaya~ mit
8-15 cm langen, eiförmigen Blättern mit rötlichen Blattstielen und
Mittelrippen und beinahe doldentraubigen Blütenrispen von fleischroten,
weichhaarigen, wohlriechenden Blüten. Große, saftiggrüne, kurz
behaarte, breitelliptische Blätter und große Rispen 2 cm langer, innen
kurz behaarter, rosenroter, ähnlich den Syringen duftenden Blüten
mit fünfzipfliger Blumenkrone besitzt der rotsaftige Chinabaum, ~C.
succirubra~. Beim Austritt aus der Knospe sind die jungen Blätter
purpurrot gefärbt, und an dieser Farbe gibt sich der die übrigen
Waldbäume meist überragende Chinabaum oft weithin zu erkennen.
Die Rinden der vorzugsweise die Ostabhänge der Anden des nördlichen
Südamerika zwischen 10° nördlicher und 19° südlicher Breite (die besten
Arten gedeihen von 7° nördlicher bis 15° südlicher Breite) in
1000-3400 m Höhe bewohnenden Chinaarten wurden von besonderen,
Cascarilleros genannten Sammlern aus den Wäldern geholt. Unter einem
Majordomo zogen sie in die Chinagebiete und säuberten zunächst an
den von ihnen entdeckten Bäumen mit einem säbelartigen Messer,
dem ~machete~, die Stämme von allen Lianen und Überpflanzen. Dann
entfernten sie die wertlose Borke und schnitten Längs- und Querrisse
in die Rinde, um diese in großen Stücken abzulösen. Zuletzt wurde der
Baum gefällt, um auch die dickeren Äste und dünneren Zweige von der
Rinde zu befreien, die möglichst rasch an Ort und Stelle meist über
einem gelinden Feuer getrocknet wurde. Zu diesem Zwecke wurden leichte
Hütten errichtet, auf deren Boden ein möglichst rauchloses Feuer aus
trockenem Holz unter Hürden von Palmblattstielen, auf denen die häufig
zu wendenden Rinden aufgeschichtet waren, entzündet wurde. Dabei mußte
zu starkes Feuer vermieden werden, weil durch eine hohe Temperatur die
wirksamen Bestandteile der Rinde zersetzt werden. Nach spätestens vier
Wochen waren auch die dickeren Rindenstücke genügend getrocknet, um als
haltbare Ware in den Handel zu gelangen.
Obschon in späterer Zeit den Cascarilleros vorgeschrieben war,
dort, wo sie einen Chinabaum gefällt hatten, einige Stecklinge der
Pflanze in den Boden zu stecken, so nahm doch mit der Zeit der Betrag
der jährlichen Ernte dermaßen ab, daß man mit Sorgen der Zukunft
entgegensah; denn bei dem nicht eigentlich massenhaften Auftreten der
Cinchonen und ihrer rücksichtslosen Ausbeutung erwuchs die berechtigte
Befürchtung der gänzlichen Ausrottung dieser kostbaren Bäume. Zuerst
machte der Deutsche Wedell die Kulturmenschheit auf den Schaden des
fortgesetzten Raubbaues aufmerksam, und der Straßburger Botaniker Fée
wies bald darauf auf die Wichtigkeit der Kultur der Chinabäume, um
zur wirksamen Bekämpfung der Malaria das aus ihrer Rinde gewonnene
Chinin zu einem möglichst billigen Preise in den Handel bringen
zu können. Zwischen 1830 und 1849 beschäftigten sich holländische
Botaniker wiederholt mit dem Gedanken der Kultur der Chinabäume in
den Hochtälern der südamerikanischen Anden. Dieser Anregung ist es
zweifellos zuzuschreiben, daß Jesuiten in der peruanischen Stadt
Cuzko, der einstigen Residenz der Inkas, 1849 junge Chinapflanzen nach
Zweigniederlassungen ihres Ordens in Algier sandten. Hier aber gediehen
die Kinder des Hochgebirges nicht, und auch 1850 und nochmals 1866
bewerkstelligte Nachsendungen aus Peru blieben erfolglos.
Nachdem auch La Condamines Bemühungen, lebende Cinchonen nach Europa
zu bringen, mißglückt waren, gelang es dem vorhin genannten Wedell,
wenigstens Samen herbeizuschaffen, die in Paris keimten. Damit auf
der Insel Réunion vorgenommene Akklimatisationsversuche brachten aber
keinen nennenswerten Erfolg. Glücklicher bei der Übertragung der so
wichtigen Arzneipflanze waren die Holländer, die das Gelingen des
für die Menschheit so überaus wichtigen Problems der Ansiedelung
von Chinabäumen in ihren indischen Kolonien in erster Linie den
unablässigen Bemühungen des holländischen Ministers Pahud, namentlich
von der Zeit an, da er Generalgouverneur von Java wurde, zu verdanken
haben. Auf Veranlassung des deutschen Botanikers Miquel, des Bruders
des einstigen preußischen Finanzministers, wurde 1852 der Deutsche
J. K. Haßkarl zur Gewinnung des erforderlichen Kulturmaterials
nach Peru gesandt. Oftmals vom Tode bedroht, gelang es ihm nach
Überwindung großer Gefahren und zahlloser Schwierigkeiten 1854 in 21
Wardschen Kulturkästen eine Menge von jungen Chinapflanzen nach Java
einzuschiffen. Auch in Europa wurden mittlerweile in den botanischen
Gärten von Paris und Leiden Chinapflanzen aus Samen gezüchtet, die
ebenfalls ihren Weg nach Java nahmen. Dort führte von 1855 an der
in holländischen Diensten stehende Deutsche Franz Wilhelm Junghuhn
(1819-1864) die Bepflanzung mit Chinabäumen in großem Maße durch, so
daß er den Bestand von 149 Pflanzen auf über 1 Million erhöhte. Im
Jahre 1876 besaßen die Holländer auf Java bereits über 2 Millionen
Cinchonen und seither haben die Chinaanpflanzungen auf jener Insel eine
solche Ausdehnung gewonnen, daß sie heute etwa 80 Prozent der gesamten
Weltproduktion von über 10 Millionen kg Chinarinde liefern.
Erst in weitem Abstand folgt auf Java Ostindien mit einer jährlichen
Produktion von nicht ganz 1½ Millionen kg Chinarinde, an
welchem Betrage Ceylon bloß mit einem Sechstel beteiligt ist. Die
Anregung zu diesem Unternehmen gab Royle der englisch-ostindischen
Handelsgesellschaft, wobei er die Nilagiris oder Blauen Berge an
der Malabarküste als besonders geeignet für die Kultur dieses
südamerikanischen Gebirgsbaumes empfahl. Die ersten Versuche damit
hatten einen wenig befriedigenden Erfolg. Erst als der mit den
Verhältnissen in Peru und Bolivia vertraute Markham durchsetzte, daß
man den in Ekuador sammelnden Botaniker Spruce mit der Gewinnung
des Samens der rotsaftigen Art beauftragte, blühte die Chinakultur
in Indien seit 1859, besonders durch Spruces Begleiter, den Gärtner
Croß, gefördert, sehr schnell auf. Die Hauptplantagen wurden nun in
Utakamund auf den Blauen Bergen und seit 1861 auf Ceylon zum Teil in
einer Höhe von 2600 m angelegt. Hier sowohl, wie in Java, vermochte
man nach und nach bessere Vermehrungsarten ausfindig zu machen und
besonders chininreiche Arten heranzuzüchten. 1867 kamen die ersten in
Indien gewachsenen Rinden auf den Londoner Markt und 1870 die ersten
javanischen Rinden nach Amsterdam. Der indische Export stieg dann
dermaßen, daß im Jahre 1886 Ceylon allein gegen 7 Millionen kg nach
London lieferte. Da aber sank der Preis des Chinins so sehr, daß die
Chinaplantagenbesitzer Ceylons es vorzogen, die Chinabäume, deren
im Jahre 1882 noch 90 Millionen sollen gestanden haben, abschlagen
zu lassen und das betreffende Land zur Teekultur zu verwenden. Noch
im Mai 1870 kostete das Kilogramm schwefelsaures Chinin 545 Mark,
dann sank der Preis, zuweilen wieder etwas ansteigend, im Juni 1889
auf 31 Mark. An diesem starken Preisabschlag war nicht sowohl die
große Produktion von Chinarinde schuld, als vor allem die durch die
Auffindung zahlreicher, das Fieber herabsetzender chemischer Stoffe,
wie Antipyrin, Antifebrin usw., bewirkte Ersetzung des Chinins durch
Surrogate. Einzig als Spezifikum gegen Malaria und teilweise als
Heilmittel gegen Keuchhusten ist das Chinin heute noch allein in
Frage kommend und deshalb von ungeheurem Werte für die Menschheit,
so daß die Kultur des Chinarindenbaumes nach wie vor von der größten
Wichtigkeit für die Weltwirtschaft ist. So hat man den Chinarindenbaum
seit 1865 erfolgreich auf Réunion, Mauritius, Madagaskar, Teneriffe
und seit 1900 und 1902 von Java aus auch in Kamerun angepflanzt. Der
anfänglich (1868) gute Resultate aufweisende Anbau auf St. Helena ging
infolge Vernachlässigung zugrunde. In Dardschiling in Sikkim, wo der
Chinabaum 1862 eingeführt wurde, wie auch in Neuseeland und Australien,
wohin der Anbau desselben 1862 beziehungsweise 1866 gelangte, hat die
Cinchonenkultur keinerlei Bedeutung erlangt. Die Bäume lieben ein
wechselvolles, feuchtes Klima und eine mittlere Temperatur von 12-20°
C. Diese klimatischen Verhältnisse finden sie in den Tropen besonders
in einer Höhe von 1600-2400 m. Dort wachsen sie, dem Charakter jener
Gebiete entsprechend, meist zerstreut, höchstens da und dort zu kleinen
Gruppen vereinigt.
Veranlaßt durch die große Konkurrenz der südasiatischen Kulturen
sind neuerdings auch im Heimatlande der Cinchonen, von Kolumbia
bis nach Bolivia, Chinaanpflanzungen angelegt worden und wird der
rationellen Gewinnung der Rinde erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. In
allen Plantagen nutzt man die Kulturbäume viel planmäßiger aus als
früher die wildwachsenden Bäume. Dabei beobachtet man ein doppeltes
Verfahren. Entweder richtet man den Niederwaldbetrieb ein, indem man
die Bäume 6-8 Jahre alt werden läßt und sie dann etwa 15 cm über dem
Boden abschlägt. Hierauf entsteht ein kräftiger Stockausschlag, mit
dem man nach 5-8 Jahren in gleicher Weise verfährt. Oder man zieht
den lebenden Bäumen etwa 4 cm breite Rindenstreifen der Länge nach
ab. Die Wunden werden dann sorgfältig mit einem Schutzmittel -- meist
Moos oder Lehm -- bedeckt, unter welchem eine merkwürdigerweise noch
alkaloidreichere Rinde erzeugt wird. Eine weitere Art der Gewinnung
besteht im Abschälen der Rinde mit scharfen Schabeisen bis auf das
Kambium, das dann neue Rinde erzeugt. Deutschland mit seinen vier sehr
bedeutenden Chininfabriken bezieht die Hauptmasse der Chinarinde aus
Java über Amsterdam und nur einen kleinen Teil über London und aus Peru
direkt, um aus ihr Chinin zu gewinnen. Doch wird neuerdings das meiste
Chinin auf Java und in Indien in inmitten der Pflanzungen gelegenen
Fabriken gewonnen, so daß die Einfuhr der Rinde nach Europa immer mehr
zurückgeht und keinen Maßstab mehr für den Konsum abgibt. Deutschlands
Einfuhr betrug im Jahre 1906 3678000 kg im Wert von 4781000 Mark.
Ältere Rinden weisen einen höheren Alkaloidgehalt auf als jüngere,
Stammrinden mehr als Zweigrinden, und zwar bei kultivierten Pflanzen
in weit höherem Maße als bei wildgewachsenen. In jungen Organen sind
die Alkaloide im Zellsaft gelöst, in älteren in festem, amorphem
Zustand in der Zelle, oft in gerbsaurer Verbindung, abgelagert.
Oxalsauren Kalk führende Zellen enthalten niemals Alkaloide. Im
parenchymatischen Gewebe der Mittelrinde findet man bei den in
ihrer Heimat wildgewachsenen Pflanzen nur etwa 2 Prozent Alkaloide,
während es die kultivierten Bäume Javas auf 10-17 Prozent daran
bringen. In europäischen Gewächshäusern, also unter ungünstigen
Bedingungen erzeugte Rinden enthalten dagegen gar kein Chinin, das
sonst bis zu 13 Prozent darin enthalten sein kann. Daneben sind in
den alkaloidreichsten Rinden bis 4 Prozent Chinidin, bis 8 Prozent
Cinchonidin, bis 8 Prozent Chinasäure, 2-3 Prozent Chinagerbsäure und
2 Prozent des bittern Glykosids Chinovin enthalten. Das wichtigste
Alkaloid, das Chinin, besitzt antipyretische und antiseptische Wirkung
und ist ein spezifisches Gift für die im Blute der Malariakranken
kreisenden ungeschlechtlichen Plasmodien besonders der Tertiana und
Quartana, weniger greift es die Erreger des bösartigen tropischen
Fiebers an und ist nur gegen die Geschlechtsformen der letzteren ganz
unwirksam.
Solange früher die offizinellen Chinarinden in Südamerika von
wildwachsenden Pflanzen gewonnen wurden, waren meist durch wertlose
Rinden verwandter Gattungen vorgenommene Verfälschungen häufig. Jetzt
kommen solche nur noch selten vor, da bloß Rinden kultivierter Pflanzen
Südasiens von den Arzneiverordnungen zugelassen werden. Im allgemeinen
kommt das Chinin allein den Chinabäumen zu. Einzig die den Cinchonen
verwandte, in Venezuela und Kolumbia wachsende ~Remijia purdieana~
enthält auch Chinin, und zwar bis zu 2 Prozent.
Ebenfalls als Fiebermittel und Stomachicum wie die Chinarinde wird die
von einer bis 6 m hohen, in Westindien, besonders den Bahamainseln
und Kuba, heimischen Wolfsmilchart, ~Croton eluteria~, gewonnene
+Cascarillrinde+ verwendet. Cascarilla heißt im Spanischen kleine
Rinde. Anfänglich (1640) hielt man diese schon damals gegen Ruhr und
Fieber angewandte Rinde für eine kleine Form der Chinarinde; daher
jener Name. Zu Ende des 17. Jahrhunderts wurde sie in Deutschland
als ~China nova~ oder ~Cortex eluterii~ bekannt. Sie kommt in
röhrenförmigen Bruchstücken von graugelber bis brauner Farbe,
eigenartig aromatischem Geruch und unangenehm bitterem Geschmack in den
Handel und enthält außer dem Bitterstoff Cascarillin 15 Prozent Harz,
Gerbstoff und ätherisches Öl.
Noch weniger wichtig als sie ist die einst als Ruhrmittel benutzte
+Simarubarinde+, die von ~Simaruba officinalis~, einem stattlichen, in
Französisch-Guiana und Nordbrasilien heimischen Baum gewonnen wird.
Heute kaum mehr gebraucht, kam die Rinde 1713 als Mittel gegen blutige
Diarrhoen aus Cayenne nach Paris; 1718 wurde sie daselbst gegen die
damals epidemisch herrschende Ruhr angewandt. 1723 brachte Barrère
eine größere Menge der Droge nach Europa und gab 1741 eine genauere
Beschreibung der Stammpflanze. Die früheste Nachricht über letztere
scheint von Desmarchais aus dem Jahre 1728 zu stammen, wobei er schon
von ~Simaruba~ oder ~bois amer~ spricht. 1775 gab dann der Apotheker
Aublet eine weitere eingehende Beschreibung der Pflanze unter dem Namen
~Simaruba amara~. Der jamaikanische Baum wurde 1772 von Wright entdeckt
und ein Jahr später von ihm als ~Quassia simaruba~ beschrieben. Die
gelbbraune, geruchlose, stark bitter und etwas schleimig schmeckende
Rinde der dicken Wurzeln, die meist über Ciudad Bolivar am Orinoko, der
vormals Angostura (weil an einem Engpaß gelegen) genannten Hauptstadt
von Venezuela, in den Handel gelangt, enthält ein benzoëartig
riechendes Öl, Harz, Gerbstoff und einen kristallisierbaren Bitterstoff.
Ebenso wie diese heute außer Gebrauch gekommen ist die nach demselben
Verschiffungsort als +Angosturarinde+ bezeichnete stark bittere
Wurzelrinde des im nördlichen Südamerika heimischen, 20-25 m hohen,
immergrünen Baumes ~Galipea officinalis~ (nach dem Indianerstamme
der Galiponen so genannt) aus der Familie der Terebinthineen oder
Balsamgewächse, die früher als Heilmittel gegen Wechselfieber berühmt
war. Im Gegensatz zu dieser echten bezeichnete man die Rinde des in
Südasien heimischen +Brechnußbaumes+ (~Strychnos nux vomica~) als
falsche Angosturarinde. Sie ist schwärzlich aschgrau, schmeckt sehr
bitter und wurde zu Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts
der außer als Fiebermittel auch als Heilmittel gegen Ruhr angewandten
echten Angosturarinde beigemischt.
Heute werden von dem in ganz Indien, Siam, Kochinchina und
Nordaustralien heimischen niederen Baum mit orangeähnlichen, etwa
4-5 cm langen, graugelben Früchten nur die in einem sehr trockenen,
gallertartig weichen Fruchtfleisch eingebetteten scheibenförmigen, am
Rande verdickten, 2,5 cm breiten und 0,5 cm dicken, graugrünlichen,
mit seidenglänzenden, in radialer Ausstrahlung angedrückten Haaren
dicht besetzten Samen als +Krähenaugen+ oder +Brechnüsse+ medizinisch
verwendet. Sie enthalten bis zu 5 Prozent der sehr giftigen Alkaloide
Strychnin und Brucin, beide annähernd zu gleichen Teilen, doch ist
das Strychnin meist in etwas geringerer Menge vorhanden. Sie sind
in der Pflanze an die Igasur- oder Strychnossäure gebunden. Weitere
Bestandteile sind Eiweiß, Zucker, Fett, Gerbsäure und in geringen
Mengen ein Loganin genanntes Glykosid. Wenn auch die giftigen Glykoside
im hornigen Nährgewebe der Samen in größter Menge vorhanden sind, so
ist doch die ganze Pflanze damit getränkt; gleichwohl soll der Inhalt
der Früchte von Vögeln unbeschadet genossen werden. Die Giftwirkung
beruht vorzugsweise auf dem Strychnin, das tetanische Krämpfe bewirkt
und zuerst die Atmungsmuskeln, dann auch die übrigen, mit vorwiegender
Beteiligung der Strecker, in Starrheit versetzt, so daß rasch der Tod
durch Erstickung eintritt. In kleinen Dosen erhöht es den Tonus der
Muskeln und Nerven; deshalb wird es mit gutem Erfolg bei Lahmheit der
Muskeln, namentlich der Darmmuskulatur, gegeben.
Die reifen, von wildwachsenden Bäumen gesammelten und getrockneten
Samen kommen meist aus Indien nach London auf den Markt. Aus ihnen
stellt man außer Extrakten und Tinkturen das Strychnin dar, mit dem man
die schädlichen Raubtiere vermittelst Köder vergiftet. In Südasien war
die Giftwirkung der Brechnüsse schon längst bekannt; auch wurden sie
dort in früherer Zeit zur Herstellung eines Pfeilgiftes, daneben auch
als Betäubungsmittel benutzt. So sollen sie nach Royle im ~Ayur veda~
Charakas als Narkotikum des indischen Arzneischatzes erwähnt werden.
In Europa wurden sie durch Vermittlung der Araber gegen Ende des 15.
Jahrhunderts in den Arzneischatz eingeführt; als solche führt sie
Brunfels 1531 unter dem Namen ~nux vomica~ an. Zuerst finden wir sie um
1500 als ~Kraen Eugeln~ im Inventar der Apotheke zu Zwickau angeführt.
1520 und 1521 werden sie als ~nux vomica~ neben ~nux indica~ (Kokosnuß)
in der Arzneitaxe von Annaberg erwähnt. 1561 gab Valerius Cordus eine
sehr gute Beschreibung der Samen, die er irrtümlich für Früchte hielt.
Auch Bauhin und Gesner berichten von ihnen; doch waren sie noch im
17. Jahrhundert wenig verbreitet und kaum je als Arznei gebraucht.
Als solche fanden sie erst von 1770 an Verwendung. Das in ihnen und
in anderen Strychnosarten enthaltene Strychnin wurde nicht zuerst
in ihnen, sondern 1819 und 1824 von Caventou in den einst ebenfalls
offizinellen +Ignatiusbohnen+ nachgewiesen. Dieselben stammen von
einem ebenfalls zur Familie der Loganiazeen gehörenden Schlingstrauch
der Philippinen (~Strychnos ignatii~), den der Jesuit Camelli 1699
als erster Europäer kennen lernte und nach dem Stifter seines Ordens,
Ignatius Loyala, Ignatiusstrauch nannte, und enthalten fast dieselben
Bestandteile wie die Brechnüsse. Früher wurden sie besonders gegen
Wechselfieber und Epilepsie gebraucht. Ein naher Verwandter desselben
ist der sich an den hohen Waldbäumen der Insel Java emporschlingende,
25-32 m lange +Upasstrauch+ (~Strychnos tieuté~), aus dessen
Wurzelrinde die Eingeborenen durch Auskochen mit Wasser und nachherigem
Eindicken zu Sirupkonsistenz ihr überaus gefürchtetes Pfeilgift
herstellen, das ebenfalls Strychnin als Hauptbestandteil enthält und
sehr rasch den Tod des damit getroffenen Tieres herbeiführt.
Gleicherweise bereiten die Indianer Venezuelas aus der Rinde des sich
um andere Urwaldbäume schlingenden +Curarestrauches+ (~Strychnos
crevauxii~, nach dem 1882 als Forschungsreisender in Südamerika
ermordeten französischen Arzte Crevaux so genannt) ihr nicht minder
wirksames Pfeilgift, das die Enden der motorischen Nerven lähmt,
die Tiere so bei erhaltenem Bewußtsein lähmt und durch Lähmung der
Atmungsmuskeln rasch den Tod herbeiführt. Deshalb wird es vielfach
bei physiologischen Untersuchungen benutzt, wobei man die Tiere, wenn
nötig, durch künstliche Atmung am Leben erhält; doch ist dies bei
kleineren Dosen durchaus nicht nötig.
Im Gegensatz zu diesem Curarin, das die motorischen Muskeln lähmt,
steht das +Strophantin+, das die Zusammenziehbarkeit der Muskeln,
besonders des Herzmuskels steigert, und deshalb bei Schwächezuständen
des Herzens vielfach als Ersatz der langsamer wirkenden und die
Verdauungsorgane mehr angreifenden Digitalis gegeben wird. Als eines
der stärksten Herzgifte, die es gibt, wird es in seiner Heimat,
Westafrika, vielfach auch als Pfeilgift benutzt. Sein Erzeuger ist ein
holziger Kletterstrauch Oberguineas aus der Familie der Apocynazeen
oder Hundsgiftgewächse -- zu denen u. a. auch unser Oleander gehört --
(~Strophantus hispidus~), der sich an den höchsten Bäumen des Urwalds
emporwindet und kreuzgegenständige, breitelliptische, rauhhaarige
Blätter, gelbe Blüten mit lang herabhängenden Blumenblattspitzen und
30 cm lange, an beiden Enden zugespitzten Kürbissen mit tief gefurchter
Oberfläche ähnliche Fruchtkapseln -- meist zwei nebeneinander --
besitzt, die bis 200 Samen enthalten. Letztere sind bis 15 mm lang
und 3,5 mm breit, braun und etwas filzig behaart und dienen den
Eingeborenen vorzugsweise zur Gewinnung von Pfeilgift, während eine
Abkochung der Wurzeln und der Rinde innerlich gegen Malaria und
Dysenterie und äußerlich zur Behandlung von Geschwüren aller Art, auch
des Guineawurms, dient.