+isländische Moos+ (~Cetraria islandica~) bescheert, die nicht bloß die
wichtigste Nahrung der Renntiere bildet, sondern auch von den Menschen
als Gemüse verzehrt und zu Brot verbacken wird. Sie enthält 70 Prozent
durch Jod nicht gebläute Flechtenstärke Lichenin, 11 Prozent durch Jod
gebläutes Dextrolichenin, die beide nährend und reizmildernd wirken,
und 2-3 Prozent des Bitterstoffes Cetrarin, der zwar appetitanregend
wirkt, aber vor dem Genusse durch den Menschen durch Mazeration mit
schwach alkalischem Wasser völlig entfernt werden muß. 1542 findet
sich bei Valerius Cordus eine Angabe, welche auf diese Droge schließen
läßt, doch wurde sie mit Sicherheit erst seit 1666 durch Bartolin
bekannt; 1671 empfahl sie Borrich als Abführmittel und 1683 Hjärne
gegen Lungenleiden. Als Mittel für Lungenkranke fand sie erst durch die
Empfehlung von Linné und Scopoli allgemeinere medizinische Anwendung;
auch als blutbildendes Mittel wird sie mit Erfolg angewandt, da die
Zahl der roten und weißen Blutkörperchen durch deren Genuß vermehrt
wird. Sie wird in größeren Mengen aus Skandinavien, den Alpen, den
Pyrenäen, dem Harz und dem Fichtelgebirge, nicht aber aus Island
eingeführt.
Als uraltes, reizmilderndes und stopfendes Mittel war wohl zuerst in
Westasien der als +Opium+ bezeichnete, durch Einritzen der unreifen
Fruchtkapseln des +Schlafmohns+ (~Papaver somniferum~) gewonnene und
durch Eintrocknen an der Luft durch Sauerstoffaufnahme eingedickte
Milchsaft in Gebrauch. Von den Anwohnern der kleinasiatischen Küste
lernten dann die alten Griechen den von ihnen ~mḗkon~ genannten
Schlafmohn und seine betäubenden Eigenschaften kennen. Vielleicht war
er schon in homerischer Zeit bekannt. Nicht nur wird in der Ilias die
Pflanze ~mḗkon~ erwähnt, sondern in der Odyssee auch ein ~nepénthes~
genannter, die Erinnerung auslöschender Zaubertrank genannt, der
möglicherweise aus Mohnsaft, vielleicht in Verbindung mit Hanfextrakt,
bereitet wurde. Diese betäubende Wirkung des Mohnsaftes muß sehr früh
auch ärztlich benutzt worden sein, obschon keine diesbezüglichen
Mitteilungen auf uns gekommen sind. Den anfänglich ~mēkṓnion~ und erst
viel später nach der griechischen Bezeichnung ~opós~ für Milchsaft als
~ópion~ bezeichnete eingedickte Mohnsaft, das Opium, hat der größte
griechische Arzt Hippokrates (460-364 v. Chr.) nicht gekannt oder doch
nicht benutzt, obschon er den Milchsaft der Blätter und Fruchtkapseln,
wie die Fruchtkapseln selbst leer oder mit den Samen als Heilmittel
anwandte. Wie die Hippokratiker, wendet auch der pflanzenkundige
Schüler des Aristoteles, Theophrast (390-286 v. Chr.), die Bezeichnung
~mēkṓnion~ auf den betäubenden Milchsaft einer Wolfsmilchart
(~Euphorbia peplus~) an. Erst die griechischen Ärzte Diokles von
Karystos und Herakleides von Tarent sollen im 3. vorchristlichen
Jahrhundert den eingedickten Mohnsaft als Medikament benutzt haben,
und Nikander von Kolophon in Ionien lieferte um 200 v. Chr. eine
Beschreibung der gefährlichen Wirkung desselben. Der um die Mitte
des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Rom lebende, aus Kilikien stammende
griechische Arzt Dioskurides kennt diese Droge genau und berichtet
bereits auch von deren Verfälschung. In dem von ihm auf uns gekommenen
Arzneibuch heißt es: „Die Abkochung der Blätter und Köpfe des Mohns
(~mḗkon~) macht schläfrig, was auch bei der Klatschrose (~rhoiá~)
der Fall ist. Letztere hat ihren Namen ~rhoiá~ davon, daß Milchsaft
(~opós~) aus ihr fließt (~rhei~). Der Milchsaft der Mohnarten, in
der Größe einer Erve (~órobos~) -- etwa einem kleinen Linsenkorn
entsprechend -- eingenommen, beschwichtigt Schmerzen, bringt Schlaf
und fördert die Verdauung. In größerer Gabe ist er gefährlich, da er
Schlafsucht und Tod bewirken kann. Der beste, durch Einschnitte mit dem
Messer in die unreifen Mohnköpfe nach dem Trocknen des Taues gewonnene
Mohnsaft (~opós~) ist dick, riecht stark, macht schon durch den Geruch
schläfrig, schmeckt bitter, löst sich leicht in Wasser auf, ist glatt,
weiß, weder rauh noch krümlig, schmilzt an der Sonne, brennt hell, wenn
er von der Flamme berührt wird und behält seinen Geruch, auch wenn man
ihn gelöscht hat. Man verfälscht ihn mit ~glaucium~ -- dem Saft des
großblütigen Schöllkrauts (~Chelidonium glaucium~), das in Italien und
Griechenland wild wächst --, mit Gummi -- und zwar arabischem Gummi
-- und dem Saft des wilden Salats (~thrídax~). Ist er mit ~glaucium~
verfälscht, so gibt er, mit Wasser vermengt, eine gelbe Farbe; enthält
er Saft vom wilden Salat, so ist der Geruch schwach und rauher; Gummi
dagegen macht ihn schwach und durchscheinend. Manche treiben den Unsinn
so weit, daß sie ihn sogar mit Fett verfälschen.“
Auch Plinius berichtet ausführlich über Gewinnung und Eigenschaften
des von ihm ~opion~ genannten Opiums, das damals schon nach ihm
hauptsächlich in Kleinasien gewonnen wurde. Er sagt ferner, daß nach
Andreas, dem Leibarzt des Ptolemaeus Philopator (221 bis 205 v. Chr.),
das Opium in Alexandrien verfälscht wurde. Im 6. Jahrhundert wird
~Opium thebaicum~ (aus Oberägypten) von Alexander Trallianus und im 7.
Jahrhundert von Paulus Aetius genannt. Das ägyptische Opium rühmt der
um 200 n. Chr. verstorbene griechische Arzt Galenos als das beste und
kräftigste, auch spricht er von libyschem und selbst spanischem Opium.
Der arabische Arzt Avicenna (eigentlich Ibn Sina, 980-1037) spricht
ebenfalls von ägyptischem Opium. Durch Araber soll bereits im 7.
Jahrhundert Opium nach Persien, im 8. nach Indien und im Laufe des 10.
nach China gekommen sein, wo es 973 in einem Arzneibuch erwähnt wird.
Die ersten Nachrichten über in Indien selbst gewonnenes Opium verdanken
wir Odoardo Barbosa, der solches 1516 auf dem Markte von Kalikut nebst
kleinasiatischem antraf. Derselbe Portugiese, der nach der Entdeckung
des Seeweges ums Kap der Guten Hoffnung nach Ostindien fuhr, gibt uns
auch die frühesten Nachrichten über Versendung indischen Opiums nach
China, wo allerdings der Schlafmohn schon seit dem 11. Jahrhundert zur
Gewinnung von Opium angepflanzt wurde. Doch wurde er auch hier zunächst
nur als Medizin benutzt und gelangte erst im 17. Jahrhundert in großem
Umfange als Genußmittel zum Rauchen zur Anwendung. Dieser Gebrauch
soll aus Formosa nach China gelangt sein, und Formosa soll sein Opium
aus Java bezogen haben. In einem zwischen 1552 und 1578 verfaßten
chinesischen Kräuterbuch wird die Gewinnung des Opiums und seine
Verwendung, aber nur in der Medizin, beschrieben.
Die europäischen Ärzte des Mittelalters hielten das Opium für sehr
gefährlich und wendeten es deshalb nur selten an, so daß sein Gebrauch
gegenüber dem Altertum stark abnahm. Meist wurden nur die Mohnfrüchte
verordnet, deren schlafbringende Wirkung man sehr wohl kannte. In
Deutschland soll das aus dem Orient eingeführte Opium erst durch
den weitgereisten Schwyzer Arzt Paracelsus (1493 bis 1541) unter
der Bezeichnung ~laudanum~ eingeführt worden sein. In dem in regem
Handelsverkehr mit dem Morgenlande stehenden Italien war es schon viel
früher im Gebrauch; so erwähnt es 1290 Simon Jamensis, der Leibarzt
des Papstes Nikolaus IV. Als Bestandteil des bereits erwähnten
Theriaks wurde es in der Folge viel gebraucht. Die wissenschaftliche
Grundlage für die Verwendung des Opiums in der Medizin legte der
englische Arzt Sydenham (1624 bis 1689). Nachdem schon 1688 Ludwig
und nach diesem Wedelius, Hofmann und andere die narkotischen
Wirkungen des Opiums zum Gegenstand eingehender Untersuchungen
gemacht hatten, gelang es erst 1803 Derosne aus dem Opium eine
kristallisierbare Substanz, das Narkotin, herzustellen. 1804 stellte
dann der Paderborner Apotheker Sertürner die Mekonsäure und 1806 das
von ihm Morphin genannte „schlafmachende Prinzip“ dar. 1832 entdeckte
Robiquet das Codein und fast zu derselben Zeit Dublanc das Mekonin,
eine indifferente Verbindung. Heute kennen wir etwa 20 verschiedene
Alkaloide als Bestandteile des hauptsächlich zur Anwendung gelangenden
kleinasiatischen Opiums, unter denen das Morphin, das darin zu 10 bis
12 Prozent enthalten ist, die erste Rolle spielt. Nach ihm kommen an
Wichtigkeit das darin zu 0,2-0,8 Prozent enthaltene Codein, das zu
4-10 Prozent enthaltene Narkotin, das zu 0,2-0,3 Prozent enthaltene
Thebain, das zu 0,1-0,4 Prozent enthaltene Narcein usw. und schließlich
4 Prozent Mekonsäure.
Schon im Altertum benutzte man den Mohnsaft als Gegengift, und das
Opium war eines der wichtigsten Bestandteile des +Theriaks+, eines
Latwerges, das Neros Leibarzt Andromachos gegen den Biß giftiger
Schlangen erfunden haben soll und das nach dem Arzte Claudios Galenos
(133-200 n. Chr.) aus 70 Ingredienzen bestand. Dem Namen ~thēriakón
antídoton~ (von ~tḗr~ Tier und ~akéomai~ abwehren), d. h. Tierbiß
heilendes Gegenmittel, entsprechend war der Theriak eigentlich ein aus
giftigen Tieren bereitetes Gegengift gegen Tiergift, dem Grundsatze
der alten Heilkunde gemäß, daß das, was schädigt, auch heilen muß.
Dazu kamen später auch zahlreiche Pflanzengifte und die heterogensten
Stoffe hinzu und damit konnte es ebensogut gegen Pflanzen- und
mineralische Gifte genommen werden. Seit dem 12. Jahrhundert finden
wir das Mittel unter der volkstümlichen Bezeichnung ~Trîak~ oder
~Trîakel~ auch in Deutschland verbreitet. Der Verfasser der ersten
in deutscher Sprache geschriebenen Naturgeschichte, Konrad von
Megenberg (um 1309 auf dem Schlosse Megenberg bei Schweinfurt in
Franken als der Sohn des Schloßvogtes geboren und 1374 als Kanonikus
am Dom zu Regensburg gestorben), läßt ihn aus dem Fleisch der
Schlange ~tirus~ und aus anderen ähnlichen Dingen bereitet werden
und gegen jegliches Gift wirksam sein, mit Ausnahme desjenigen, das
von jener Schlange selbst kommt. Schon vor dem 15. Jahrhundert gab
es verschiedene Arten von Theriak, was daraus hervorgeht, daß damals
die „~grosz tiriaca~“ als die allein echte, nach altbewährtem Rezept
ausgeführte, den geringwertigen Surrogaten entgegengestellt wurde,
die von herumziehenden Quacksalbern als Universalmedizin ebenfalls
unter der reklamehaften Bezeichnung Theriak verkauft wurden. Letztere
enthielten eine mehr oder weniger große Zahl heilkräftiger Stoffe in
Honig gemischt. Der Hauptfabrikationsort für den echten Theriak war
Venedig, wo er unter großem Pomp beim Schalle von Trompeten und Pauken
öffentlich hergestellt wurde. Daneben bereitete man auch welchen in den
heimischen Apotheken unter Aufsicht von Ärzten aus den erlesensten
dazu gehörigen Sachen. Seine Anwendung geschah nicht nur innerlich,
sondern auch äußerlich; so galt er in die Nase gestrichen als das beste
Schutzmittel gegen Pestilenz.
Wie das Opium zum Stopfen bei Diarrhoe und seine Salze zur Herabsetzung
von Hustenreiz und Schmerzen aller Art dienen, so steht seit dem
Mittelalter die +Faulbaumrinde+ (von ~Rhamnus frangula~) als
Abführmittel in Gebrauch. Diese hat vor dem Gebrauch mindestens ein
Jahr zu lagern, da frische Rinde brechenerregend wirkt. Sie enthält als
wirksames Prinzip das Glykosid Frangulin, das in frischen Rinden fehlt,
dagegen reichlich in älteren vorhanden ist. Das Frangulin spaltet sich
in Rhamnodulcit und Frangulinsäure. Erst seit dem Jahre 1848 wird die
Faulbaumrinde in Deutschland medizinisch verwendet.
Demselben Zwecke dient auch die als +~Cascara sagrada~+ bezeichnete
nordamerikanische Faulbaumrinde (von ~Rhamnus purshiana~), die in
ihrer Heimat schon längere Zeit als mildes Abführmittel im Gebrauche
steht und 1878 von ~Dr.~ J. H. Bundy in Calusa (Kalifornien) gegen
gewohnheitsmäßige Verstopfung empfohlen wurde. Nach Europa kam zuerst
das Fluidextrakt und seit 1883 auch die Rinde, die infolge der
unsinnigen Ausbeutung des im westlichen Nordamerika (Kalifornien,
Oregon, Washington und Britisch-Kolumbien) heimischen Gewächses in
letzter Zeit sehr selten und deshalb auch sehr teuer geworden ist.
Als mildes Abführmittel dient sonst bei uns das sehr viel billigere
+Rizinusöl+, das von den Samen einer im tropischen Afrika heimischen
und von da über die ganze Welt verbreiteten Wolfsmilchart (~Ricinus
communis~) gewonnen wird. Dieses einjährige, sehr rasch zu gewaltiger
Höhe aufschießende und deshalb bei uns, wo es in mehreren Varietäten,
meist mit ~Canna indica~ zusammen, als Zierpflanze auf Rasen kultiviert
wird, auch als „Wunderbaum“ bezeichnete Kraut mit sehr großen,
gelappten Blättern und ansehnlichen, getrennt geschlechtlichen Blüten
ist überaus anpassungsfähig und läßt sogar noch in Christiania seine
Samen reifen. In Indien, wo es schon im frühen Altertum als Ölpflanze
eingeführt wurde, dienen seine Blätter der bengalischen Seidenraupe
(vom Eria-Seidenspinner, ~Saturnia cynthi~) als Futter, und in Italien
wird es als ~palma Christi~ geschätzt. Die von Luther mit Kürbis
übersetzte, aus einem kleinen Samenkorn zur schattenspendenden Staude
herangewachsene Pflanze ~kikajon~ vor des Propheten Jonas (im 8.
vorchristlichen Jahrhundert) Hütte, in deren Schatten er bei Ninive
ruhte und die dann ein Wurm stach, so daß sie verdorrte, kann nichts
anderes als eine Rizinuspflanze gewesen sein, die in der Tat gegen
Verletzungen sehr empfindlich ist.
Ihrer eiförmigen, marmorierten, ölreichen Samen wegen wird die
Rizinuspflanze schon seit sehr langer Zeit in Ägypten und Vorderasien
angepflanzt. So fand man solche als Totenbeigaben schon in ägyptischen
Gräbern aus der Zeit um 4000 v. Chr. Hier hieß die Pflanze ~dekam~
und deren Samen ~kiki~, und das aus den letzteren gepreßte Öl wurde
nach den Berichten von Herodot (484-427 v. Chr.) und Strabon (63 vor
bis 20 n. Chr.) ausschließlich als Brennöl und zum Salben verwendet.
Auch in Griechenland wurde die Pflanze, wie übrigens noch jetzt, unter
dem Namen ~kiki~ angepflanzt. Weil die Samen einer gehörig mit Blut
vollgesogenen Hundszecke (~Acarus ricinus~) täuschend ähnlich sehen,
wurde die Pflanze nach diesen im Altgriechischen auch ~króton~ genannt,
wie uns Dioskurides um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. berichtet.
Dieser Autor schreibt in seinem Arzneibuche: „Das Rizinusöl (~kíkinon
élaion~) wird folgendermaßen gewonnen: Man nimmt die reifen Samen
(~króton~) und trocknet sie in der Sonne, bis ihre Schale abfällt.
Dann wirft man sie, von der Schale befreit, in einen Mörser, stößt sie
sorgfältig, tut sie in einen mit Wasser gefüllten, verzinnten Kessel
und kocht sie; so geben sie ihr Öl von sich, es schwimmt auf dem Wasser
und wird abgeschöpft. Die Ägypter, die dessen mehr gebrauchen als wir,
verfahren anders. Sie reinigen die Samen gut, mahlen sie dann in einer
Mühle und pressen das Öl aus. Dieses Öl taugt nicht zur Speise, wohl
aber für Lampen und Pflaster.“ Dagegen wandte dieser griechische Arzt
die zerstoßenen Rizinussamen als Abführmittel an.
Durch die Kreuzzüge gelangte die Rizinusstaude als Zierpflanze
in die Gärten Mitteleuropas, wo sie noch im 16. Jahrhundert
gelegentlich anzutreffen war, doch geriet sie in der Folge bei uns
in Vergessenheit. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das
Rizinusöl von Westindien aus, wo es reichlich erzeugt wurde, in
Europa als Abführmittel eingeführt und fand hier bald in Ärztekreisen
Anerkennung. Durch eine 1764 veröffentlichte Dissertation von ~Dr.~
Cauvane wurde es in weiteren Kreisen bekannt. 1788 fand es Aufnahme
in der Londoner Pharmakopoe. Als offizinelle Handelsware ist in den
Apotheken heute nur das aus den geschälten reifen Samen kalt gepreßte
und mit Wasser ausgekochte Öl zulässig, das eine Ausbeute von 40-45
Prozent liefert. Es enthält im wesentlichen das Triricinolein, das
Triglycerid der laxierend wirkenden Ricinolsäure, daneben Tripalmitin
und geringe Mengen von Tristearin. In den Samen, den Preßrückständen
und im unreinen Öle findet sich das außerordentlich giftige Ricin,
welches durch Kochen des frisch gepreßten Öles mit Wasser ausgeschieden
wird. Prof. Ehrlich in Frankfurt a. M. berechnete, daß 1 g Ricin
genüge, um 1½ Million Meerschweinchen zu töten. Diese enorme Giftigkeit
übersteigt bei weitem diejenige des Zyankaliums und Strychnins. Durch
Einspritzung von immer größeren, nicht tödlichen Dosen von Ricin gelang
es Ehrlich, in den betreffenden Tieren durch Bildung eines Gegengiftes
eine so weitgehende Giftfestigkeit zu erzeugen, daß die tausend-, ja
zehntausendfache Dosis unbeschadet ertragen wurde. Dieses im Blutserum
der mit Ricin vorbehandelten Tiere kreisende Antitoxin vermag die roten
Blutkörperchen normalen Blutes sehr rasch in eine gallertartig-klumpige
Masse zu verwandeln, ganz analog dem bakteriellen Antitoxin, das die
Bakterien seiner speziellen Art sofort zusammenballt, zur Agglutination
bringt, während normales Blutserum diese Eigenschaft nicht besitzt. Das
unreine Rizinusöl dient endlich als Brennöl und zur Seifenfabrikation.
Vielfach kommt Verfälschung desselben mit gebleichtem Sesamöl vor.
Eine seit uralter Zeit in China als Abführmittel gebrauchte
Pflanzenwurzel ist der echte +Rhabarber+ (~Rheum officinale~), der als
„große gelbe Wurzel“ schon in einem angeblich von Kaiser Shen-nung um
2800 v. Chr. verfaßten Kräuterbuche erwähnt wird. Um die Wende der
christlichen Zeitrechnung scheint diese Droge in den Mittelmeerländern
bekannt geworden zu sein. Als erster erwähnt der griechische Arzt
Dioskurides um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Wurzel ~rha~,
nach dem Flusse Rha, der Wolga, aus welcher Gegend sie bezogen wurde,
so genannt. Sein Zeitgenosse Plinius spricht von einer ~rhacoma~, die
wohl auch als Rhabarber zu deuten ist. Bei den späteren Autoren werden
zweierlei Rhawurzeln nach ihrer Herkunft unterschieden, nämlich ein
~rha ponticum~, d. h. eine pontische Wurzel, nach ihrem Bezug aus der
Gegend des Schwarzen Meeres so geheißen, und ein ~rha barbarum~, das
von der Indusgegend über das Rote Meer und den alten Hafenort Barbarike
zunächst nach Alexandrien eingeführt wurde. Aus dieser letzteren
Bezeichnung, die allgemein im Sinne von „fremde, ausländische Wurzel“
gebräuchlich wurde, entstand dann unser Wort Rhabarber, während die
lateinische Bezeichnung ~Rheum~ aus dem ~rhéon~ des Galenos hervorging.
Im 6. Jahrhundert verordnete der Arzt Alexander Trallianus das eine
Mal ~Rheum~, das andere Mal ~Rheum barbarum~ und ~ponticum~. Darunter
wurden, wie schon Scribonius Largus und Celsus vom ~Rha barbarum~
und vom ~Rha ponticum~ berichten, verschiedene Rhabarberpräparate
verstanden, obschon diese Ausdrücke ursprünglich ein und dasselbe
bezeichneten. Im 11. Jahrhundert wußten die arabischen Ärzte schon,
daß der Rhabarber aus China komme. Der erste Europäer, der in die
Rhabarbergegend gelangte, war der Venezianer Marco Polo, der nach
seiner Rückkehr aus China im Jahre 1295 in seiner Reisebeschreibung
über Rhabarberkulturen in Tangut berichtet. Von dort und aus dem
Gebirge um den See Kuku-nor wurden die getrockneten Rhabarberwurzeln
an die Chinesen verkauft, welche sie nach Si-ning am Hwang-ho, d. h.
dem Gelben Flusse, brachten, das von jeher der Hauptstapelplatz dieser
Droge gewesen zu sein scheint.
Im Mittelalter war der Rhabarber sehr kostbar und selten und
wurde deshalb nur wenig gebraucht. Erst durch die Entdeckung des
Seeweges nach Ostindien und dadurch, daß die Russen mit den Chinesen
Handelsverbindungen anknüpften, wurde er wohlfeiler und gelangte
aus diesem Grunde auch mehr zur Anwendung. Bis zum Ende des 17.
Jahrhunderts wurde Rhabarber über Kanton und Macao verschifft,
teilweise aber auch auf dem Landwege in die Länder im Westen
gebracht. Dann suchten die Russen den Handel damit in ihre Hände zu
bekommen. Im Jahre 1704 gelang es ihnen, denselben durch Verträge mit
der chinesischen Regierung zu monopolisieren. Über die Grenzstadt
Kiachta, wo die getrockneten Wurzeln Stück für Stück geprüft und die
verdorbenen und unansehnlichen Stücke verbrannt wurden, gelangten sie
in einer Schlittenkarawane einmal jährlich über Irkutsk nach Moskau.
Hier wurden sie nochmals revidiert und die für brauchbar erkannten
Stücke dem Handel übergeben. Dieser vorzügliche „moskowitische“ oder
„Kronrhabarber“ war bis 1842 der einzige des Handels. In jenem Jahre
öffneten nämlich die Chinesen außer Kanton und Macao weitere Häfen dem
Fremdenverkehr, wodurch den chinesischen Rhabarberhändlern Gelegenheit
gegeben wurde, sich der strengen Kontrolle der Russen in Kiachta zu
entziehen und auch schlechtere Sorten zu verkaufen. Hierdurch und durch
den Taipingaufstand von 1852-1858, der die Karawanen an der sibirischen
Grenze sehr gefährdete, verringerte sich die Zufuhr über Kiachta immer
mehr und hörte 1860 ganz auf; 1863 wurde der Rhabarberhof daselbst ganz
aufgehoben. Seither gibt es keinen moskowitischen oder Kronrhabarber
mehr im Handel. Was so bezeichnet wird, ist nach Art dasselbe, d. h.
eine kantig beschnittene und durchbohrte, dunkelgefärbte, rotbrüchige
Sorte, während der gewöhnliche chinesische Rhabarber weniger stark
beschnitten und in der Qualität viel gemischter ist.
Die Stammpflanze des Rhabarbers blieb dem Abendlande unbekannt, bis im
Jahre 1758 durch die Vermittlung eines tartarischen Rhabarberhändlers
Samen einer Rheumart als die der echten Rhabarberpflanze von Kiachta
nach St. Petersburg kamen. Carl von Linné beschrieb 1762 die hieraus
gezogenen Pflanzen als ~Rheum palmatum~. 1867 sandte der französische
Konsul in Han-kau am Mittellauf des Blauen Flusses (Yang-tse-kiang),
~Dr.~ Dabry de Thiersant, lebende Wurzeln, die er durch Vermittlung
eines Missionars in Sze-tschwan aus dem östlichen Tibet erhalten
hatte, mit der Angabe nach Paris, daß sie von der echten, der
Rhabarbergewinnung dienenden Pflanze stammten. Abkömmlinge aus diesen
Wurzeln wurden dann von Baillon als ~Rheum officinale~, eine neue Art,
beschrieben, welche aber der vorigen nahe steht. Sie ist mit dem vom
russischen Reisenden Przewalski auf seinen Reisen in der westlichen
Mongolei und in Kan-su 1871-1873 in der Gegend von Kuku-nor und in
der Berglandschaft Tangut, dem Zentrum der Verbreitung der besten
Rhabarberpflanzen, gefundenen ~Rheum palmatum tanguticum~ der Lieferant
des echten Rhabarbers. Das Hauptverbreitungsgebiet der 1,5-2,5 m
hohen, breite, handförmige, dunkelgrüne Blätter und weiße Blüten
aufweisenden offizinellen Rhabarberpflanze ist das Hochplateau von
Osttibet und das westchinesische Gebirgsland zwischen dem Blauen und
Gelben Fluß, das zu den Provinzen Sze-tschwan und Kan-su gehört. Die
Hauptmasse des Rhabarbers kommt von ~Rheum officinale~ aus Osttibet
und der chinesischen Provinz Sze-tschwan, nur ein geringer Teil
nördlich davon aus der Provinz Kan-su von ~Rh. palmatum tanguticum~;
und zwar wird die beste Sorte von wildwachsenden Pflanzen gewonnen.
Der wahrscheinlich nur in geringen Mengen angebaute Rhabarber gilt
als minderwertig. Noch sehr viel geringer an wirksamer Substanz
ist natürlich der in Europa gepflanzte echte Rhabarber, was leicht
begreiflich ist, wenn man bedenkt, daß er in seiner Heimat in
3-4000 m Höhe gedeiht und bis 6300 m Höhe steigt. Zur Gewinnung der
offizinellen Droge benutzt man mindestens 8-10 Jahre alte Pflanzen,
deren Wurzelstöcke kurz vor der Blütezeit und wieder vor der Samenreife
gegraben, vom oberen Teil und der Rinde befreit, in kleinere Stücke
gespalten, durchbohrt und an Schnüre aufgezogen ziemlich oberflächlich,
teils an der Luft, teils am Ofen getrocknet werden. Dann gelangen
sie an die großen Häuser, die sie vollkommen putzen, sortieren und
noch besser trocknen. Die Ware kommt dann in großen, außen mit gelbem
oder rotem Papier überzogenen und mit chinesischen Schriftzeichen
signierten, innen mit Zinkblech ausgeschlagenen Kisten aus der Provinz
Schen-si dem Gelben Fluß entlang nach Tien-tsin und Peking, aus der
Provinz Sze-tschwan mit dem Hauptstapelplatz Kwan-juön dem Blauen
Fluß entlang nach Schang-hai und aus Tibet und Yün-nan zum Teil auch
dem südlicheren Perlfluß entlang nach Kanton in den Handel. Die
beste, orangegelbe Sorte stammt aus Schen-si und ist auch weitaus die
teuerste; die andern, billigeren Sorten sind ockergelb und werden
hauptsächlich von der großen Handelsstadt Han-kau am Mittellauf des
Blauen Flusses aus ausgeführt, von wo der meiste Rhabarber über
Schang-hai in den Welthandel gelangt.