anzuführen, die bei unseren Vorfahren als Arznei und Zaubermittel
gebraucht wurden, und wie bei ihnen war es bei den anderen Völkern.
Das erkennen wir deutlich an der Herkunft des griechischen Wortes
~phármakon~, das unserer Bezeichnung Pharmazie zugrunde liegt und
sowohl Zauber- als Heilmittel heißt. Pharmakis bedeutet die Zauberin,
und diese war bei den alten Griechen zugleich Ärztin, die mit eigener
Hand die mancherlei ihr als heilkräftig bekannten Kräuter sammelte
und daraus die verschiedenen Heiltränke bereitete. Erst sehr spät
wandten sich die Männer berufsmäßig dem Sammeln und Verkaufen der
pflanzlichen Rohstoffe zu. Die Griechen nannten sie Rhizotomen oder
Wurzelschneider, und erst als sie nach und nach auch die Zubereitung
und den Verkauf der von den Ärzten angewandten Arzneien übernahmen,
wurden sie ~pharmakopóles~, d. h. Arzneiverkäufer, genannt. Aus ihnen
wurden dann die Pharmazeuten im Sinne von Arzneibereitern, die später
auch Apotheker hießen nach der griechischen Bezeichnung ~apothékē~
Aufbewahrungsort (für Kräuter nämlich). Dieser von den Römern als
~apotheca~ übernommene Ausdruck bedeutete später überhaupt das
Lager der Arzneipflanzen, weshalb es im Mittelalter als Krauthausz
verdeutscht wurde. In der mittelalterlichen Klosterwirtschaft wurde
unter dem Wort Apotheke der Raum für die Heilkräuter verstanden, der
im 13. Jahrhundert auch auf städtische Kräuterläden, in denen meist
getrocknete Heilpflanzen feilgehalten wurden, überging. Nun verstanden
begreiflicherweise die darin waltenden Apotheker Hilfe suchenden
Kranken auch verwickeltere Arzneien, die zu Hause nicht so leicht
bereitet werden konnten, herzustellen, was gerne benutzt wurde. So
wurden sie allmählich von Heilkräuterverkäufern zu Bereitern von aus
den Heilkräutern hergestellten Arzneien. Bei der Arzneibereitung
war das Mischen der verschiedenen Stoffe das Wichtigste; der dafür
im mittellateinischen gebrauchte Ausdruck ~conficere~ mengen führte
dazu, das Produkt als ~confectum~ zu bezeichnen. Da nun die meisten
Arzneistoffe des besseren Einnehmens wegen in Honig und später in
Zucker eingebettet wurden, so bekam dann das Wort Konfekt mit der
Zeit den Sinn einer künstlich bereiteten Süßware überhaupt, wobei der
ursprüngliche Bezug auf Heilkraft mehr und mehr verschwand, so daß
heute dieser Ausdruck nur Zuckerzeug bedeutet.
Nach dem Untergang der antiken Welt waren es in erster Linie die Araber
gewesen, die von den Kulturvölkern des Altertums die Arzneikunde und
Kenntnis der dabei angewandten Heilmittel übernahmen, um sie zur Zeit
der Kreuzzüge den Abendländern zu vermitteln. Dabei lehrten sie diese
auch allerlei neue Arzneiformen wie beispielsweise die Sirupe bereiten,
die durchaus ein Geschenk arabischer Heilkunst sind. Aus dem arabischen
~scharâb~ Trank wurde das spanische ~scharope~, das italienische
~sciroppo~, ~siropo~, das französische ~sirop~ und schließlich im 12.
oder 13. Jahrhundert das deutsche Sirup. Es war dies ein dickflüssiger
Trank, der sorgfältig aus allerlei Kräutern und Gewürzen mit Hilfe von
Honig und später Zucker bereitet wurde. Häufig wurde er nach arabischem
Muster mit Rosen- oder Veilchenwasser parfümiert. Sonst waren die
wichtigsten Arzneiformen des Mittelalters die Elektuarien, im Deutschen
zu ~latweri~ und zuletzt ~latwerg~ umgebildet. Es waren dies durch
Kochen eingedickte Säfte verschiedener Heil- und Würzkräuter, die nach
dem Wortlaute der ursprünglich griechischen Bezeichnung ~ekleiktón~
zerleckt werden sollten. Sie wurden entweder wie Salben in Büchsen,
oder in Würfel geschnitten als Zeltelîn, oder in Stangenform gegossen,
wie heute noch der eingedickte Lakritzensaft, aufbewahrt. Höchst selten
gelangten Pulver und gar nie Pillen zur Anwendung, welch letztere erst
in der Neuzeit in Aufnahme kamen.
Abgesehen von der arabischen Hochschule von Cordova, in der neben
anderen Wissenschaften auch die Medizin und Alchemie reiche Pflege
fanden, war Salerno in Unteritalien die älteste Pflegestätte der
wissenschaftlich betriebenen Medizin in Europa. Im 12. Jahrhundert
erließ König Roger von Neapel die erste Medizinalverfassung, die dann
der seiner Zeit weit vorauseilende Kaiser Friedrich II. ausbaute und
zu der er die erste Arzneitaxe hinzufügte. Erst sehr viel später wurde
dann in Mitteleuropa die staatliche Überwachung über Zubereitung und
Verkauf der Arzneimittel eingeführt, nachdem vom Beginne des 12.
Jahrhunderts an sich in Frankreich, Deutschland usw. die Pharmazie von
der Medizin getrennt hatte und reguläre Apotheken eingerichtet worden
waren. Schon im 14. Jahrhundert erblühte eine freilich der Hauptsache
nach alchemistische Literatur über die verschiedenen Präparate und
Rohstoffe des Arzneischatzes, als deren vornehmste Träger Raimundus
Lullus, Basilius Valentius, Albertus Magnus und Roger Baco zu nennen
sind. Erst ganz allmählich und besonders durch die immer bedeutendere
Förderung von seiten der Chemie konnte die Arzneimittellehre eine
einigermaßen rationelle Gestaltung annehmen und sich von dem ungeheuren
Wust und Ballast befreien, den viele Jahrhunderte in ihr aufgehäuft
hatten. Immer mehr wurde die einst ganz unglaublich zahlreiche Menge
der in den Apotheken gehaltenen Arzneistoffe eingeschränkt, so daß
heute weitaus die Mehrzahl der einst arzneilichen Pflanzen nur
durch das Anhängsel „~officinalis~“ hinter ihrem Namen als solche
gekennzeichnet ist, jedoch keinerlei Verwendung mehr im Arzneischatze
findet. Im folgenden sollen nun Herkunft und Verwendung nur der
wichtigsten pflanzlichen Arzneimittel in Kürze besprochen werden.
Das Wort ~droga~ bedeutete ursprünglich einen wertvollen Arzneirohstoff
vorwiegend aus der Gruppe der aromatischen Stoffe; doch scheint man
bereits im 16. Jahrhundert den Begriff des Getrockneten damit verbunden
zu haben. Sonst nannten die Lateiner des Mittelalters die arzneilichen
Rohstoffe ~simplicia~ im Gegensatz zu den zusammengesetzten
Arzneimitteln, die man als ~composita~ bezeichnete. Nach Tschirch ist
heute noch in den holländischen Apotheken der Ausdruck ~simplicia~ für
Drogen in Anwendung, und auch in Frankreich nennt man sie ~médicaments
simples~.
Solche Drogen waren um so geschätzter und teurer, je schwieriger sie zu
beschaffen waren. Dabei spielte vielfach schon die Art der Gewinnung
eine wichtige Rolle. Bis in die Neuzeit hinein waren nämlich nicht nur
vom Volke, sondern auch von den Ärzten genau einzuhaltene Vorschriften
bei der Herstellung von solchen gefordert. Wie bei den Menschen auf
niederer Kulturstufe die bei der Einnahme einer Arznei gesprochene
Zauberformel viel wichtiger als diese selbst ist, so achtete man auch
bei uns bis vor noch nicht sehr langer Zeit genau auf die „Segen“,
die bei der Gewinnung gewisser Drogen und dann wiederum bei der
Herstellung der einzelnen daraus bereiteten Medikamente gesprochen
werden mußten, wenn sie wirksam sein sollten. So sind nicht nur in
den mittelalterlichen Kräuterbüchern, sondern auch in den bis ins 19.
Jahrhundert hinein von Ärzten, Apothekern, aber auch allen besseren
Familien, besonders des Adels geführten Arzneibüchlein, in denen die
verschiedensten, von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Rezepte zur
Bereitung von Arzneien sorgsam zu allgemeinem Nutzen gesammelt wurden,
jeweilen auch gewissenhaft die bei der Bereitung und Anwendung der
betreffenden Heiltränke zu sprechenden „Segen“ notiert. Ließ man diese
außer acht, so glaubte man, werde auch die Arznei trotz sorgfältigster
Bereitung nicht die gewünschte Wirkung ausüben.
Wie für körperliche Krankheiten wurden Heiltränke aber auch für
Liebes- und andern Zauber von den Laien so gut als von den Ärzten und
Apothekern bereitet. Mit Vorliebe wurde das heilige Salböl und die
Hostie, die heute noch vom Volke kraft der Weihung durch den Priester
als mit besonderen Wunderkräften ausgestattet angesehen werden, zu
solchem Liebeszauber, wie auch zu Krankheitszauber aller Art benutzt.
Schon Kaiser Karl der Große verbot in einer Verordnung im Jahre 813 den
Priestern bei schwerer Strafe, solches unter keinem Vorwand zu Heil-
oder Zauberzwecken irgend welcher Art herzugeben. Und drei Jahrhunderte
später beschwor Bruder Berthold namentlich die Bauern, weder mit dem
Chrisma, noch gar mit der Hostie Zauberei zu treiben.
Auch ohne Beimengung von Pflanzenextrakten galt der +Wein+ an
sich schon als Heiltrank; er diente innerlich zum Kräftigen und
Wiederbeleben der Körperfunktionen, und äußerlich zum Waschen der
Wunden, bevor sie mit Öl getränkt wurden, wie dies ja schon im
Altertum der Fall war. Es sei hier nur an die bekannte Geschichte vom
barmherzigen Samariter erinnert. Mit Wein wurde unter anderm die im
Mittelalter sehr oft genannte ~potio Paulina~, der Trank des heiligen
Paulus bereitet, wohl so genannt mit Anspielung darauf, daß der
Apostel Paulus dem Thimotheus Wein gegen schwachen Magen und allerhand
Krankheitsbeschwerden empfiehlt. Diese ~potio Paulina~ war eine Art
Universalmittel, die alle Krankheiten des Kopfes, des Magens, der
Brust, Schlagfluß, Lähmung und Pest heilen und den Mensch verjüngen
und verschönen sollte; nur mußte sie häufig genossen werden, was sich
aber nicht jedermann leisten konnte. Die letztere Vorschrift hat nach
dem Berichte des Chronisten Thietmar von Merseburg (geboren 976 als
Sohn des Grafen Siegfried von Walbeck, seit 1009 Bischof von Merseburg,
gestorben 1019) der Markgraf Liuthar zu wörtlich befolgt; dadurch zog
er sich durch den paulinischen Trank einen schweren Rausch zu und starb
dabei plötzlich. Übrigens ist diese ~potio Paulina~ nichts anderes als
der aus dem Altertum überkommene, überaus geschätzte Alantwein, der aus
der Wurzel des +Alant+krautes (~Inula helenium~) mit Zusatz von Honig
durch ein umständliches Verfahren gewonnen wurde. Die Alantpflanze
ist eine hohe Staude mit großen, rauhen Blättern und umfangreichen
gelben, mit großen Strahlenblüten versehenen Köpfchen, die in ganz
Südeuropa bis Persien heimisch ist. Sie wurde schon bei den Griechen
und Römern kultiviert. Columella um die Mitte des 1. christlichen
Jahrhunderts gibt uns ausführliche Anweisungen über deren Anbau. Nach
ihm soll sie auf gut gedüngtem, tief gegrabenem Boden drei Fuß weit
auseinandergesät und möglichst wenig versetzt werden, damit sie besser
wachse. Sein Zeitgenosse, der ältere Plinius (gestorben 79 n. Chr. beim
Vesuvausbruch, der Pompeji und Herkulanum verschüttete), sagt in seiner
Naturgeschichte, der Alant sei an sich dem Magen nachteilig, werde aber
durch Zusatz von Süßem sehr heilsam. „Man trocknet die Alantwurzel,
stößt sie zu Pulver, tut dann eine Süßigkeit hinzu, oder man kocht sie
mit einer Mischung von Essig und Wasser und gibt dazu noch eingekochten
Weinmost, Honig, Rosinen und saftige Datteln. Man genießt sie auch mit
Quitten, Spierlingsfrüchten (einer Art Mehlbeeren), Pflaumen, wozu
man auch wohl Pfeffer und Thymian hinzusetzt. In dieser Weise dient
die Alantwurzel als Magenstärkung, und es ist bekannt, daß Julia, die
Tochter des Kaisers Augustus, sie in dieser Weise täglich aß.“ Diese
Wertschätzung blieb der Alantwurzel das ganze Mittelalter hindurch
erhalten. Noch in dem 1604 gedruckten Hausbuch des deutschen Arztes
Colerus wird dem Alantwein, dessen Zubereitung ausführlich geschildert
wird, ganz dieselben Eigenschaften zugeschrieben, die im Mittelalter
von der ~potio Paulina~ gerühmt wurden; er sollte wider alle Gifte
dienen, Brust und Lunge säubern, das Herz stärken und erfreuen, den
verschleimten Magen reinigen, die Verstopfung der Leber und Milz
beseitigen, sowie alle kalte, phlegmatische Feuchtigkeit wegnehmen,
den Weibern die monatliche Reinigung fördern, gegen den Husten dienen,
der von der Erkältung der Brust kommt, den Gries und Stein austreiben,
die Gebärmutter stärken, die natürliche Hitze und Kraft erhalten,
fröhlich und lustig machen und noch manches andere. Helena habe in
Ägypten den Alantwein machen lernen als einen bewährten Trank für
alles Gift, Leid und Trauern. Schon Plinius berichtet, daß die Pflanze
~helenium~ genannt werde, weil sie aus den Tränen der schönen Gattin
des Agamemnon, Helena, hervorgegangen sein soll. Seit alter Zeit wird
sie als sehr heilkräftig auch in Deutschland kultiviert und findet sich
namentlich um Gebirgsdörfer herum verwildert. Ihr dicker Wurzelstock
ist noch heute offizinell, weshalb die Staude auch an einzelnen Orten
auf Feldern gebaut wird.
Seit dem hohen Altertum werden die Blätter und Wurzeln der 1-1,25 m
hohen +Eibisch+staude (~Althaea officinalis~) gegen Husten und als
schleimige Beimengung zu Latwergen und Pillen verwendet. Bei den
alten Griechen und Römern hieß sie ~althaea~, bei Scribonius Largus
~ebiscus~ und ~hibiscum~, zur Zeit Karls des Großen ~mismalva~ oder
~ibischa~, welch letzterer Name sich bei der heiligen Hildegard im
12. Jahrhundert allein vorfindet und zum süddeutschen Ibsche, wie
auch zum norddeutschen Eibisch wurde. Sie wächst auf feuchtem, am
liebsten salzigem Boden in Süd-, aber auch Mitteleuropa bis zur Ostsee,
im gemäßigten West- und Nordasien, in Nordamerika und Australien.
Die 1-1,25 m hohe Staude besitzt filzige Stengel und Blätter, große
fleischfarbene Blüten und wird zur Gewinnung des starken Rhizoms
besonders bei Bamberg, Nürnberg und Schweinfurt im großen kultiviert.
Diese wird im Herbst von der zweijährigen Pflanze gesammelt und frisch
geschält, ist weißgelblich, riecht süßlich, schmeckt fade schleimig und
enthält 35 Prozent Schleim, 37 Prozent Stärke, 10 Prozent Zucker und 2
Prozent Asparagin. Sie dient neben den schleimig schmeckenden Blättern
zur Bereitung von Brusttee. Der mit Zucker gekochte wässerige Auszug
der Wurzel wird zu Sirup und gummöser Paste, ohne Zucker dagegen bei
der Appretur und sonst vielfach verwendet.
Uralt ist auch die Verwendung des +Baldrians+ (~Valeriana
officinalis~), der bekannten Staude mit kurzem, aufrechtem, bis 1 cm
dickem, oft Ausläufer und zahlreiche dünne, stielrunde Nebenwurzeln
treibendem Rhizom, 30-150 cm hohem, oben verästeltem Stengel und
rispigen Dolden von fleischroten, wohlriechenden Blüten. Diese in
ganz Nordeuropa, Nordasien und Japan wachsende Pflanze liefert in
ihrer Wurzel ein sehr wichtiges Arzneimittel. Diese hat eine braune
Außenrinde, riecht nach dem Trocknen eigentümlich kampferartig
unangenehm -- doch lieben bekanntlich die Katzen den Geruch sehr --
und schmeckt gewürzhaft bitter. Sie enthält 0,5-1 Prozent ätherisches
Baldrianöl, das bei der ~kisso~ genannten japanischen Abart mit
schmäleren Blättern bis 6, ja 8 Prozent steigt. Bei den alten
Griechen und Römern war sie unter dem Namen ~phu~ bekannt, der sich
bis zum 15. Jahrhundert in der Literatur erhielt. Daneben kam seit
dem 11. Jahrhundert der Name ~valeriana~ auf, der nach Linné von der
deutschen, auch im Schwedischen gebräuchlichen Bezeichnung Baldrian,
d. h. Baldrs (des Lichtgottes, der als Sohn Odins und Freyas als der
reinste der Asen galt) Kraut abzuleiten ist, vielleicht aber nach dem
römischen Arzte Plinius Valerianus so genannt wurde, oder nur mit dem
lateinischen ~valere~ gesund sein zusammenhängt. Dieser Ausdruck ist
aber vorzugsweise nur von den Ärzten gebraucht worden. Beim deutschen
Landvolk war sie im Mittelalter unter dem Namen Denemarcha, noch früher
Tenemarg bekannt, ein Ausdruck, der sich in einem Teil der Schweiz bis
heute erhielt. Das Infus der Wurzel dient gegen Krämpfe und Hysterie,
wie auch als Reizmittel bei schwachen Nerven.
Ein sehr altes deutsches Volksmittel ist die Bergwohlverleih oder
Mutterwurz genannte ~Arnica montana~, eine auf Bergwiesen Süd- und
Mitteleuropas, in Norddeutschland dagegen in der Ebene wachsende
Komposite mit 30-60 cm hohem, drüsig-kurzhaarigem Stengel und
großen, goldgelben, aromatisch riechenden Blüten, die neben dem in
der ganzen Pflanze enthaltenen Arnizin ein kamillenartig riechendes
ätherisches Öl enthalten. Im schwach aromatisch riechenden und scharf
gewürzhaft, etwas bitter schmeckenden Wurzelstock ist neben Arnizin,
Inulin, Gerbstoff und Gummi zu 1 Prozent das in größeren Dosen Brechen
erregende Arnikaöl enthalten. In gepulvertem Zustand erregt die
Wurzel Niesen. Seit alter Zeit diente die gepulverte Wurzel, in Bier
getrunken, gegen Blutungen, Durchfall, Fieber, Lähmung und Epilepsie,
die im Juni und Juli gesammelten Blüten aber, mit Weingeist ausgezogen,
als vielgerühmtes zerteilendes und Wundmittel. Die schon zu Ende des
16. Jahrhunderts von Joel in Greifswald empfohlene Heilpflanze wurde
erst seit 1712 von den Ärzten häufiger verwendet. 1777 stellte Collin
die Arnikablüten als Fiebermittel den Chinarinden gleich. Da die
heilige Hildegard die Pflanze im 12. Jahrhundert als ~wolfisgelegena~
bezeichnet, muß der Name Wohlverleih auf ~wolfsgele~ (Wolfsgelb)
zurückgeführt werden, der sich übrigens schon vom 10. Jahrhundert an
nachweisen läßt. Das jüngere, von den gelehrten Botanikern erfundene
Wort Arnika ist vom griechischen ~arnákis~ Lammpelz -- wegen der
drüsigen, weichhaarigen Blütenhülle -- abzuleiten. Schon der gelehrte
Basler Botaniker Kaspar Bauhin (1560-1624) bemerkt, daß der gemeine
Mann die Pflanze Wohlverleih, der Arzt aber sie Arnica nenne.
Als Giftpflanze war die +Herbstzeitlose+ (~Colchicum autumnale~, nach
der Stadt Kolchis in Kleinasien, wo die Pflanze nach Dioskurides häufig
vorkam, so geheißen) schon im Altertum und Mittelalter bekannt. Sie
wurde auch Ephemeron genannt, weil man glaubte, daß derjenige, der eine
Zwiebel derselben esse, noch an demselben Tage sterben müsse. Erst
in der Neuzeit fand sie als Gichtmittel arzneiliche Verwendung. Zum
erstenmal finden wir sie 1618 in der englischen Pharmakopoe erwähnt;
in Deutschland aber kam sie erst 1763 durch Störck in Anwendung.
Zeitlose heißt sie, weil sie sich an keine Zeit wie die übrigen
Blütenpflanzen hält, im Herbst blüht und die Samen mit den Blättern
erst im darauffolgenden Frühjahr treibt. Weil sie aber zuerst im Jahre
die Frucht und erst im Herbste die Blüte zeitigt, nannten sie die
Alten auch ~filius ante patrem~, d. h. Sohn vor dem Vater. Statt der
zuerst angewandten, frisch widrig rettigartig riechenden Knollen werden
seit der Empfehlung von ~Dr.~ Williams in Ipswich im Jahre 1820 die
weit haltbareren, im frischen Zustande weißlichen, aber beim Trocknen
dunkelrotbraun werdenden Samen zur Gewinnung des Colchicins angewandt.
Neben der Herbstzeitlose haben wir in der Familie der Giftlilien den
auf den Gebirgswiesen Europas und Nordasiens verbreiteten +Germer+
(~Veratrum album~), auch fälschlich weiße Nießwurz genannt, zu
erwähnen. Die eigentliche +weiße Nießwurz+ (~Helleborus albus~)
ist eine der sogenannten Christrose verwandte Hahnenfußart; beider
Wurzelstock enthält das scharf giftige Veratrin und wurde unter dem
gemeinschaftlichen Namen ~helléberos~, was eine Pflanze, deren Genuß
tödlich wirkt, bedeutet, als eines der berühmtesten Arzneimittel des
Altertums von den Griechen und durch die Vermittlung dieser auch bei
den Römern verwendet. Letztere gebrauchten dafür den einheimischen
Namen ~veratrum~, das von ~verare~ wahrsprechen -- das Niesen deutete
ja nach ihrer Meinung die Bestätigung der Wahrheit an -- abzuleiten
ist. Schon der große Schüler des Aristoteles, Theophrast, unterschied
erstere als weiße und letztere als schwarze ~helléboros~. Erstere sei
selten, und die beste Art derselben wachse auf dem Oeta, letztere
dagegen wachse allenthalben in Griechenland. Nach Dioskurides müssen
die Wurzeln zur Zeit der Weizenernte ausgegraben werden, und zwar
hat man dabei nach Plinius folgende Maßregeln zu beobachten: „Erst
schneidet man um sie herum mit dem Schwert einen Kreis, dann blickt
man nach Osten, fleht zu den Göttern, daß sie gütigst die Erlaubnis
erteilen, sie zu nehmen, und beobachtet dabei den Flug des Adlers. Ein
solcher befindet sich in der Regel in der Nähe; fliegt er näher heran,
so ist dies ein Zeichen, daß derjenige, der die Wurzel geschnitten hat,
noch in demselben Jahre sterben muß.“ Beide Wurzelarten wurden gegen
die verschiedensten Krankheiten gegeben und sollten auch Wahnsinn und
Epilepsie heilen. Heute werden die scharfen in ihnen enthaltenen Stoffe
meist nur noch äußerlich bei Rheumatismus angewandt.
Den Alten nicht bekannt war der +Stechapfel+ (~Datura stramonium~),
der wahrscheinlich aus Persien stammt und durch Vermittlung der aus
Nordindien stammenden Zigeuner erst im 16. Jahrhundert nach Deutschland
gelangte, wo er jetzt überall an Wegen und auf Schutthaufen in der Nähe
von Dörfern und Städten, wo einst die Vertreter jenes Wandervolkes
rasteten, verwildert angetroffen wird. Er wurde von den Zigeunern wie
die weißblütige ~Datura metel~ in Ostindien und Arabien zur Herstellung
von Berauschungsmitteln mit Hanf, Opium, Gewürzen usw. verwendet.
Ebenso bereiteten die alten Peruaner aus den Samen der strauchartigen
~Datura sanguinea~ mit großen, hängenden, halb roten, halb gelben
Blüten einen ~tonga~ genannten berauschenden Trank, den einst die
Priester des Sonnentempels zu Sogamossa, dem peruanischen Orakelsitz,
tranken, um sich mit den Geistern der Verstorbenen in Verbindung zu
setzen; deshalb wird sie heute noch in jenem Lande ~yerba de huaca~, d.
h. Gräberpflanze genannt. Als Arzneimittel gegen Krämpfe, Asthma und
Rheumatismus werden die Blätter und Samen unseres Stechapfels erst seit
1762, da sie Störck in Wien empfahl, angewendet.
[Illustration:
Tafel 125.
Der Baldrian. (Nach der Natur phot. von H. Dopfer.)]
[Illustration: Die Arnica. (Nach der Natur phot. von H. Dopfer.)]
[Illustration:
Tafel 126.
Tollkirsche (~Atropa Belladonna~) in einer Waldlichtung bei Weidling
nächst Wien. (Nach einer im Besitz des Botan. Institutes in Wien
befindlichen Phot. von A. Ginzberger.)]
[Illustration: Baumartig kultivierter Rizinus auf den Kanarischen
Inseln. (Nach einer im Besitz des Botan. Institutes zu Wien
befindlichen Phot. von G. Kraskovits.)]
Ebenfalls irgendwo aus Westasien zwischen dem Kaspischen Meer und
Afghanistan scheint das +Bilsenkraut+ (~Hyoscyamus niger~) nach
Europa eingeführt worden zu sein, und zwar schon im Altertum. Der
aus Kilikien gebürtige griechische Arzt Dioskurides beschreibt vier
Arten des Bilsenkrautes, die alle in Griechenland wachsen. Unter ihnen
war die weiße Abart (~H. albus~) die gebräuchlichste und wurde schon
von den Hippokratikern angewandt. Als dem Apollon geweihtes heiliges
Kraut wurde es alljährlich von Kreta nach Rom gebracht und stand als
Liebestrank neben der Mandragora in hohem Ansehen. Daß es Wahnsinn
veranlassen könne, wußte schon Sokrates. Von der Beobachtung, daß
Schweine nach dem Genusse des Krautes in Krämpfe verfallen, soll nach
Helianus der Name ~hyoskýamos~, d. h. Schweinebohne, herrühren, während
Bilsenkraut das Kraut des keltischen Sonnengottes Beal bedeutet. Erst
seit dem Jahre 1762, da eingehende Erfahrungen über die Wirkung des
Bilsenkrautes bekanntgegeben wurden, fand es bei den wissenschaftlich
gebildeten Ärzten als Beruhigungs- und Schlafmittel Anwendung.
Eine dritte Nachtschattenart ist die in Laubwäldern der Gebirgsgegenden
Europas wachsende +Tollkirsche+ (~Atropa belladonna~), die zuerst von
deutschen Botanikern und Ärzten als Giftpflanze erwähnt wird. Erst im
16. Jahrhundert wurde sie in den Arzneischatz eingeführt und findet
sich 1771 in der Württemberger Pharmakopoe angeführt. Die Bezeichnung
Belladonna kam im 16. Jahrhundert in Italien auf, als die Frauen sich
ihrer als kosmetischem Mittel zur Erweiterung der Pupillen bedienten,
während ihr von Linné gewählter Artname von der unerbittlichen Parze
Atropos, d. h. der Unabwendbaren herrührt. Das aus ihr gewonnene
Alkaloid Atropin, das in der Augenheilkunde und als krampfstillendes
Mittel eine große Rolle spielt, wurde 1831 von Mein zuerst isoliert.
Einen ähnlichen Stoff stellten 1833 Geiger und Hesse aus dem
Stechapfel dar, dessen Identität mit Atropin dann Planta nachwies. Zur
Verarbeitung gelangen die in der Blütezeit im Juni und Juli gesammelten
Blätter 2-4jähriger Pflanzen, die bei 30° C. rasch getrocknet werden,
aber nicht über ein Jahr aufbewahrt werden dürfen. Die Blätter wilder
Pflanzen enthalten etwas mehr Alkaloid als diejenigen kultivierter
Pflanzen.
Auch die Geschichte des neuerdings als ausgezeichnetes Herzmittel zu
so großem Ansehen gelangten +rotblühenden Fingerhutes+ (~Digitalis
purpurea~) läßt sich als innerlich angewandte Droge nur bis zum 16.
Jahrhundert verfolgen; äußerlich wurde diese Pflanze teilweise schon
im 10. Jahrhundert in Form von Umschlägen oder als Blätterdekokt
gegen Geschwüre verwendet. Gegen Wassersucht brauchte sie zuerst der
englische Arzt Withering (1741-1799) in Birmingham, und 1783 wurde sie
in die Edinburger Pharmakopoe aufgenommen. Das Wort Digitalis, das
zuerst der als Professor der Botanik in Tübingen verstorbene Bayer
Leonhard Fuchs (1501-1566) 1542 aufbrachte, ist vom lateinischen
~digitabulum~ Fingerhut abzuleiten. Auch vom Fingerhut werden die
sorgfältig im Schatten getrockneten, am besten zu Beginn der Blütezeit
gesammelten Blätter wildwachsender Pflanzen verwendet.