Bei den alten Germanen wurde kein besonderer Heilgott verehrt. Wie bei

allen Völkern auf primitiver Kulturstufe war bei ihnen die Heilkunst

kein Privileg einer besonderen Kaste, sondern wurde von sämtlichen

älteren und durch Erfahrung belehrten Volksgenossen, besonders weisen

Frauen, denen man besondere Zauberkräfte zuschrieb, ausgeübt. Als

Heilmittel wurden außer mineralischen und tierischen Produkten die

Säfte der verschiedensten Pflanzen verwendet, wie dies heute noch bei

allen Völkern der Erde geschieht. Hat man doch ausgerechnet, daß bei

diesen gegenwärtig noch etwa 40000 Pflanzen in arzneilichem Gebrauche

stehen. Die zufällige Entdeckung einer heilsamen Eigenschaft erweckte

begreiflicherweise die Begierde nach weiteren solchen Offenbarungen der

Natur, und wenn diese ausblieben, so bemächtigte sich die Phantasie des

Wunsches und dichtete vielen Gewächsen Heilkräfte an, die diese gar

nicht besaßen. So wurde aus geringem Wissen ein hoffendes Glauben und

aus diesem ein üppiger Aberglaube. Man glaubte, daß alle durch Gestalt,

Farbe und Entwicklungsweise ausgezeichneten Pflanzen besondere Kräfte

haben müßten, so beispielsweise das Farnkraut, das keine Blüten aufwies

und bei dem man auch keine Sämlinge fand. Dieses Kraut sollte in der

an Zauber reichen Johannisnacht seinen Samen fallen lassen, der sofort

tief in den Boden verschwinde und sich deshalb dem menschlichen Auge

entziehe. Das in den halbdunkeln Klüften goldigschimmernde Leuchtmoos

wurde als das Gold der Kobolde gedeutet, das wie die meisten Heilsäfte

aus Kräutern nur durch Zauber gewonnen werden könne. Man glaubte,

daß sich die geheimen inneren Kräfte der Pflanzen vielfach schon an

besonderen Merkmalen der äußeren Erscheinung erkennen lassen. Das

leberartig gestaltete Blatt des Leberblümchens (~Hepatica triloba~)

sollte heilsam sein bei Leberkrankheiten, das ohrförmige Blatt der

Haselwurz (~Asarum europaeum~) sollte gut sein gegen Gehörleiden,

die am Stengel entlang laufenden Blätter des Beinwells (~Symphytum

officinale~) sollten Knochenbrüche heilen, wie die um den Stengel herum

verwachsenen Blätter des Hasenohrs (~Bupleurum rotundifolium~) Wunden

zusammenschließen sollten.

Gegen alle möglichen Leiden wurde das Schellkraut (~Chelidonium majus~)

verwendet, das seinen Namen vom Vermögen Warzen abzulösen und die Haut

bei Krankheiten derselben abzuschälen -- vom althochdeutschen ~sceljan~

schälen -- erhielt. In Rußland wird es gegen Krebs gegeben und wurde

von dorther erst kürzlich auch bei uns als Krebsheilmittel empfohlen.

Sein dunkelgelber Milchsaft sollte Gelbsucht heilen und wurde von den

Alchemisten des Mittelalters vorzugsweise zum Goldmachen verwendet,

daher die Pflanze auch Goldwurz heißt. Wegen dieser seiner Fähigkeit,

die zugleich das Vermögen der Herstellung des „Steines der Weisen“ in

sich schloß, der nach dem damals allgemein verbreiteten Glauben seinem

Besitzer ewige Jugend und unermeßliche Reichtümer brachte, da er alle

vier Elemente: Feuer, Luft, Wasser und Erde enthalten sollte, hieß das

Schellkraut bei den Alchemisten „~coeli donum~“, d. h. Himmelsgabe.

Der botanische Gattungsname ~Chelidonium~ ist aber nicht etwa daraus

hervorgegangen, wie man vermuten könnte, sondern aus dem griechischen

~chelidón~ Schwalbe. Die Pflanze hatte nämlich schon im Volksglauben

des Altertums mancherlei Beziehungen zu diesem Zugvogel. Sie blüht bei

der Ankunft der Schwalben und welkt nach deren Wegzug. Aristoteles, der

Vater der Naturgeschichte und Metaphysik (384-322 v. Chr.), der den

Gelehrten des Mittelalters als absolute Autorität galt, sagt von ihr:

die Schwalben hätten ihren erblindeten Jungen durch deren Milchsaft die

Sehkraft wieder verschafft: dadurch seien überhaupt die Menschen auf

die Heilwirkung der Pflanze aufmerksam geworden. Der 1590 als Leibarzt

des Pfalzgrafen Johann Kasimir in Heidelberg gestorbene berühmte Arzt

Tabernaemontanus (nach seinem Geburtsorte Bergzabern so genannt) gibt

in seinem Kräuterbuch, an dem er -- nebenbei bemerkt -- 36 Jahre

gearbeitet hat, etwa 30 Rezepte an, in denen das Schellkraut einen

wesentlichen Bestandteil bildet; in einem derselben wird der Blütensaft

mit Honig zu Sirup gesotten. Als Amulett sollte die Wurzel stets bei

sich tragen, wer bei seinen Mitmenschen zu hohem Ansehen gelangen

will. Und wer über den Ausgang einer schweren Krankheit Bescheid haben

möchte, der braucht die Pflanze dem Kranken nur auf den Kopf zu legen;

weint der Kranke dabei, so wird er genesen, singt er aber laut und

hell, so muß er sterben.

Auch die +Raute+ (~Ruta graveolens~) sollte mancherlei Zauber- und

Heilkräfte in sich bergen, weshalb sie schon bei den Römern in

hohem Ansehen stand. Aus ihr hergestellte Tränke sollten gegen die

verschiedensten Krankheiten, besonders aber gegen Kolikschmerzen

heilsam sein; gegen diese sollte schon ein über den Kesselbalken des

Herdes aufgehängtes Stengelbündel der Raute helfen. Stücke der Pflanze

um den Hals gehängt sollten Blatternkranken die Sehkraft erhalten;

wer sich vor Schlangengift schützen wollte, der brauchte nur die

Füße damit einzureiben. Der ums Jahr 180 n. Chr. lebende griechische

Sophist Claudius Älianus erzählt in seinen Tiergeschichten: das Wiesel

kenne diese Wirkung sehr wohl. Sobald es den Kampf mit Giftschlangen

zu unternehmen beabsichtige, fresse es Rautenblätter und dann könnten

ihm diese mit ihrem Gifte nichts anhaben. Besondere Bedeutung erlangte

die Raute durch das Christentum. Es sollte die bösen Geister und das

Ungeziefer vertreiben und, kreuzweise im Zimmer aufgehängt, gegen

Alpdrücken schützen. Aus Rautenöl wurde der „Diebsessig“ hergestellt,

der alle Ansteckungsstoffe unschädlich machen konnte und bis vor kurzem

ein in Apotheken erhältliches Desinfektionsmittel bildete. Seinen

Namen erhielt dieser Stoff von dem Umstande, daß ihn Diebe gewöhnlich

brauchten, um zu Pestzeiten ungefährdet die Wohnungen der Kranken

und Toten plündern zu können. Sie wurde und wird noch jetzt viel in

Bauerngärten angepflanzt und so mancher Bauer im östlichen Deutschland

genießt in jedem Frühjahr ein mit Raute bestreutes Brot, um den Magen

zu reinigen, das Jahr über guten Appetit zu haben und von Krankheiten

verschont zu bleiben.

Noch mehr Zauber wurde mit dem +Johanniskraut+ (~Hypericum perforatum~)

getrieben, dessen Blätter durch das Vorhandensein von Öldrüsen

durchsichtig punktiert erscheinen und dessen Blütenknospen einen an

der Luft sich rot färbenden Saft enthalten, weshalb es auch Blutkraut

genannt wurde. Nach der deutschen Sage war es zur Sommersonnenwende aus

dem Blute des von einem Eber geritzten Gottes Odin hervorgesproßen,

während die christliche Kirche das Kraut aus dem Blute Johannes des

Täufers hervorgehen ließ. An der Johannisfeier wurden Häuser und

Kirchen damit geschmückt, damit Leib, Seele und Besitztum vor Schaden

bewahrt blieben. Man trug das Blutkraut immer bei sich, um vor

Verwundung und Verhexung geschützt zu sein; gefolterte Hexen erhielten

einen aus ihm und Distelsamen gekochten Trank „~Olebanum~“, damit

der Teufel ausfahre und sie bekennen sollten. Deshalb war der Teufel

gegen das Kraut sehr erbost und wollte es vernichten. Zu diesem Zwecke

ließ er sich viele Nadeln machen und zerstach damit die Blätter; doch

verdorrte das Kraut nicht, aber seine Blätter zeigen die Nadelstiche

noch heute. Will man erkennen, ob ein Hexenmeister zugegen sei, so legt

man unter das Tischtuch von der Wurzel des Johanniskrauts, ohne daß

jemand es merkt; sitzt nun ein Zauberkundiger mit zu Tisch, so wird

es ihm sofort übel und er muß hinausgehen. Das Kraut dient auch zu

Liebeszauber, wenn man es sich an die Brust steckt und der betreffenden

Person, deren Liebe man sich zu erringen sucht, begegnen kann. Es kann

aber auch Liebe vertreiben, wenn man es der betreffenden Person in die

Schuhe oder in ein Kleid hineinpraktiziert.

Die +Springwurz+ (~Euphorbia lathyris~) ist eine aus dem

Mittelmeergebiet stammende Pflanze, deren Früchte bei der Reife mit

starkem Geräusch aufspringen, wobei die Samen heftig herausgeschleudert

und so verbreitet werden. Darin glaubte man die Kraft zu erkennen,

wonach die Pflanze die Fähigkeit besitze, alles Geschlossene oder Feste

aufzusprengen und Nägel, Pflöcke usw. auszuziehen. Schon Salomo soll

den „Schamir“ als felsenspaltendes Mittel beim Bau seines Tempels in

Jerusalem benutzt haben. Er hatte sich ihn dadurch verschafft, daß er

das Nest und die Brut eines „Urhahns“ mit einem „Kristall“ bedecken

ließ; der Vogel holte nun den Schamir herbei und wollte damit den Stein

wegsprengen, da liefen die Leute des Königs mit großem Geschrei herbei,

und der Urhahn ließ vor Schreck die Wurzel fallen, die man dem Könige

brachte. In Deutschland wuchs diese Springwurz nicht, man konnte sie

sich nur in der Weise beschaffen, daß man das Nest eines Schwarzspechts

mit einem Pflock verschloß, dann holte der Vogel die Springwurz herbei

und hielt sie an den Pflock, wie der ältere Plinius nach Demokrit und

Theophrast erzählen; in diesem Moment mußte man unter dem Nest einen

roten Mantel ausbreiten und ein lautes Geschrei erheben, dann erschrak

der Vogel und ließ die Springwurz zu Boden fallen. Der gelehrte

Konrad von Megenberg (um 1309 auf dem Schlosse Megenberg in Franken,

dessen Vogt sein Vater war, geboren und 1374 als Kanonikus am Dom zu

Regensburg gestorben), der Verfasser der ersten Naturgeschichte in

deutscher Sprache, bemerkt dazu, es sei nicht gut, wenn dieses Mittel

allgemein bekannt würde, denn dann wäre kein Schloß mehr sicher. Diese

Wirkung des Krautes galt als sehr weitgehend, indem bei Berührung mit

demselben dem Gefesselten die Ketten und Bande, wie dem Zahnkranken

die hohlen Zähne ausfallen sollten, das Pferd seine Hufeisen verliere

usw. Außer dem Specht kennen auch Elster, Rabe, Wiedehopf und Schwalbe

diese Eigenschaft des Krautes. Der Specht mit seiner Springwurz war im

römischen Altertum das Symbol des Blitzes; wie dieser alles spalten und

öffnen kann, so der Specht beziehungsweise die Springwurz. Auch in der

germanischen Göttersage spielt sie eine gewisse Rolle. Als sich nämlich

Gerda weigerte, Fros Weib zu werden, und selbst die Lockung durch die

goldenen Äpfel nichts nutzten, so drohte man ihr mit der Springwurz,

die sie schon zwingen werde. Deshalb wurde letztere auch Zähmezweig

genannt. Sonst dienten die Samen als Purgierkörner und der Saft als

Blutreinigungsmittel bei Flechten und anderen Hautausschlägen. Daher

empfahl Karl der Große den Anbau des „Pillenkrautes“.

Mit dem zauberkundigen jüdischen Könige Salomo hängt auch der

+Salomonssiegel+ (~Polygonatum anceps~ und ~P. multiflorum~) zusammen;

dieser soll die Siegeleindrücken gleichenden Narben der vorjährigen

Sprosse am wagrecht im Boden kriechenden Wurzelstock verursacht haben,

um anzuzeigen, daß der Pflanze besondere Kräfte innewohnen. Er soll sie

auch als Sprengmittel beim Tempelbau verwendet haben.

Einen ähnlichen unterirdischen Wurzelstock besitzt der +Wurmfarn+

(~Polystichum filix mas~), der nur in der an Zauber reichen

Johannisnacht mit goldenem Lichterglanz blüht. Es sind dies die Sporen,

die aber nur mit Hilfe des Teufels erlangt werden können, die von

großer Kraft gegen Verhexung, Irregehen und Erkrankung im allgemeinen

sein und immerwährende Jugend, Glück, Reichtum und die Erfüllung aller

Wünsche verleihen sollten. Wird der „Wünschelsame“ in den Schuhen

getragen, so sollte er unsichtbar machen.

Die +Siegwurz+ oder der +Allermannsharnisch+ verhilft zu Sieg und

schützt gegen Zauberei und Krankheit, die dem Menschen auf niedriger

Kulturstufe auch nur Folge von Verhexung ist. Und zwar unterschied

das Volk zweierlei Art: die weibliche Siegwurz war ~Gladiolus~ (von

~gladius~ Schwert) ~communis~. Schon die schwertförmigen Blätter

sollten die Schutzwirkung anzeigen, und die von netzigen Fasern, den

Resten der Blattgefäßbündel, bekleidete rundliche Knolle erschien

wie ein Panzerhemd oder Harnisch. Die männliche Siegwurz dagegen

war ~Allium victorialis~. Ihre längliche Zwiebel hat ebenfalls eine

netzfaserige Hülle; dem sie Tragenden sollen sieben Hämmer nichts

anhaben können, daher wird sie auch „Siebenhämmerlein“ genannt. Um

für alle Fälle die gewünschte Schutzwirkung zu besitzen, wurden die

beiden Wurzeln als Mann und Frau zusammengetan. Noch bis in unsere

Zeit verlangten die Bauern in Norddeutschland in den Apotheken „He un

Se“, d. h. Er und Sie, und nagelten sie zum Schutze gegen Zauberei

und Teufelsspuk an ihre Türen. Auch in der Schweiz hängt man ~Allium

victorialis~ gegen Unwetter und Hexerei in der Wohnung auf; aufs Bett

gelegt wirke es gegen Albdrücken und in ein Tuch eingebunden heile es

Zahnschmerzen und Kopfweh. Der vorhin angeführte Arzt Tabernaemontanus

sagt in seinem Kräuterbuch, daß die Bergknappen sie mit sich führen,

um damit die Gespenster und bösen Geister zu vertreiben, von denen

sie angefochten werden. Besonders aber ward sie von den Landsknechten

hochgehalten, die sie als Amulett stets bei sich trugen, um hieb-,

stich- und schußfest zu sein.

Das durch zwei hodenförmige, als Reservestoffbehälter dienende Knollen

ausgezeichnete +Knabenkraut+ (~Orchis maculata~) diente zu Liebeszauber

und war als „Heiratswurz“ gesucht. Wird die Pflanze am Johannistage

ausgerissen, so bleibt sie monatelang grün und hält alle Krankheit

von den Bewohnern fern. Wird sie in die Kleider genäht, so erwirbt

sie dem Träger derselben die Zuneigung der Menschen. Die handförmig

geteilten Knollen des breitblätterigen Knabenkrautes aber dienten

als „Teufelshand“ als Talisman gegen den bösen Blick, Verhexung und

Krankheit, die natürlich wie alles Unerklärliche auch auf Zauberei

zurückgeführt wurde. Wer sie bei sich trägt, hat Glück im Spiel und

immer Geld im Beutel; nur darf man sie nicht im Hause aufbewahren,

da sonst den Kühen die Milch schwindet. Sie ist aber nur dann eine

Glückshand, wenn sie am Johannistage mittags oder nachts 12 Uhr

ausgegraben wurde.

Besonders stark beschäftigte die Volksphantasie die so geheimnisvoll

nie auf dem Boden, sondern stets nur auf Bäumen wachsende +Mistel+

(~Viscum album~), die im Winter, während sonst alles abstirbt,

weitergrünt; deshalb vermochte sie allein den Sonnengott Balder zu

töten, als der tückische Loki den blinden Hödur bewog, einen aus

Mistelholz geschnitzten Pfeil gegen ihn abzuschießen. Besonders

zauberkräftig war die allerdings äußerst selten auf einer Eiche

wachsend gefundene Mistel, die die allerschlimmsten Krankheiten heilte,

alle Giftwirkung aufhob und allem Fruchtbarkeit verlieh. Schon bei den

Kelten genoß sie das größte Ansehen. War eine solche Rarität entdeckt,

so holten sie die Druiden in feierlichem Aufzuge am sechsten Tage nach

dem Neumond. Zuerst wurden unter dem Baum allerlei Opfer dargebracht,

dann schnitt der weißgekleidete Oberpriester die zauberkräftige Pflanze

mit goldener Sichel ab und verbarg sie in seinem Mantel. Als Sühne für

den Frevel wurden dann zwei weiße Stiere geopfert und bei dem darauf

folgenden Opferschmause besondere Riten beobachtet. Die Mistel heißt

noch heute in der Altmark „Heil allen Schaden“. Am wirksamsten ist

eine mit dem Pfeil vom Baume geschossene Mistel, die man, ehe sie zu

Boden fällt, mit der linken Hand auffängt; dazu muß aber die Sonne im

Zeichen des Schützen stehen und der Mond im abnehmenden Licht sein. Da

die Zweige der Mistel immer gabelig sind, so erblickte man darin eine

Wünschelrute, welche Türen zu verborgenen Schätzen öffnen und Diebe

bannen sollte. Sie hilft gegen Albdrücken und verleiht Fruchtbarkeit.

So wurde sie als segenspendendes Symbol am Julfest in der Halle

aufgehängt und band man Zweige von ihr in der Christnacht an die

Obstbäume, damit sie im kommenden Jahre recht reichlich Frucht tragen

möchten.

Geheimnisvolle Kräfte barg nach altgermanischem Glauben auch der dem

Donnar heilige +Haselstrauch+ (~Corylus avellana~). Wurden Runen in

einen Haselstock geschnitten und das richtige Zauberlied dazu gesungen,

so war das für die verschiedensten Dinge gut: es machte unverwundbar,

der fliegende Pfeil wurde dadurch im Fluge gehemmt, wunde Glieder

wurden geheilt, Feuer, Sturm und Wellen gedämpft, der Sieg errungen,

streitende Männer versöhnt, Gefangene gelöst und die Minne der Frauen

errungen. Diese Macht ist wohl dem frühen Blühen der Hasel, vor allen

anderen Pflanzen unserer Zone, zuzuschreiben. Daher war sie auch

ein Sinnbild des Lebens und seiner Neuerstehung nach dem Winter,

das Fruchtbarkeit verlieh. Hasel- und Holderzweig zusammengebunden,

schützten vor dem wilden Heer, verscheuchten die Irrlichter,

bewahrten vor Diebstahl und Verhexung, bannten Giftschlangen und

entzauberten verhexte Gegenstände. Unter dem Haselstrauch, der eine

Mistel trägt, wohnt der Haselwurm oder Schlangenkönig, eine weiße,

gekrönte Schlange von fabelhafter Stärke, die durch den dicksten

Eichbaum wie nichts hindurchfuhr. Um ihn einzufangen, mußte man den

betreffenden Haselstrauch im Namen Gottes begrüßen, ihn ausgraben, den

darunterliegenden Wurm durch Hersagen eines gewissen Zauberspruches

„besprechen“ und mit Beifuß bestreuen; das nahm ihm seine Kraft. Im

Besitze des Haselwurmes kannte man alle geheimen Kräfte der Pflanzen,

war gegen alle bösen Geister und alle Zauberei übelwollender Menschen

gesichert, fand alle verborgenen Schätze, konnte durch alle Türen

brechen, war unverwundbar und unsichtbar. Sogar der Böse mußte einem

zu Willen sein. Aber in jeder Nacht zwischen 11 und 12 Uhr mußte der

Haselwurm mit einem Ei und Raute gefüttert werden.

Auch der +Wacholderstrauch+ (~Juniperus communis~) galt den alten

Deutschen als mit wunderbaren Zauber- und Heilkräften begabt und

spielte als solcher in Sitte und Sage eine große Rolle. Noch heute

hält das Volk große Stücke auf den Kranawitt- oder Machandelbaum,

dessen Beeren und aus dem Holz gewonnenes Öl seit dem Altertum als

Volksheilmittel viel gebraucht werden. Wacholderreisig verwendeten die

alten Germanen zu ihren Opfern und beim Verbrennen der Toten. Nach

altem Volksglauben schützt der Rauch verbrannter Zweige vor Ansteckung

und vertreibt böse Geister und Schlangen.

Eine Allerweltszauberpflanze war ferner der +Alraun+ oder das Erd-,

Gold- oder Galgenmännlein, so genannt, weil er unter dem Galgen aus dem

Samen eines unschuldig gehängten jungen Diebes hervorgehen sollte. Doch

ist die Erlangung desselben mit allerlei Gefahren verbunden. Der in der

Wurzel hausend gedachte Geist schrie beim Herausgraben so entsetzlich,

daß man vor Entsetzen starb; daher benutzte man bei deren Gewinnung

einen schwarzen Hund, der aber bei diesem Geschäft das Leben einbüßte.

Die Wurzel mußte an einem Freitag vor Sonnenaufgang ausgegraben

werden, und zwar legte man sie zuerst ringsherum frei, schlug drei

Kreuze, sprach einen Zauberspruch, band einen Strick daran und ließ

sie durch den schwarzen Hund, an dem kein weißes Haar sein durfte,

vermittelst des Schwanzes herausziehen, nachdem man sich vorher die

Ohren sorgfältig mit Wachs verstopft hatte. Eben diese Gewinnungsart,

die stets gleich geschildert wird, erzählte eine alte Frau in Göttingen

~Dr.~ Crome. Das dabei im Jahre 1820 unter dem Hochgericht auf dem

Leineberge bei jener Stadt gewonnene „Alruneken“ habe den Mann, der

es sich mit Hilfe des Teufels verschaffte, sehr reich gemacht. Solche

Alraune verschafften nicht bloß Reichtum, sondern schützten vor allem

Zauber, machten ihren Besitzer unsichtbar, öffneten die verschlossenen

Türen, bewahrten vor Blitzschlag, gaben Glück zu jedem Tun, Gesundheit

und kinderlosen Frauen Fruchtbarkeit. Sie mußten sehr heimlich

gehalten, am besten in einem Holzkästchen verwahrt werden und wurden

bloß beim Schätzeheben, Wahrsagen und sonstiger von ihnen verlangter

Arbeit hervorgeholt. Man setzte ihnen bei jeder Mahlzeit etwas zu

essen und zu trinken vor, wusch sie alle Freitage oder Sonnabende mit

Wein oder Wasser, zog ihnen an Neumonden frische Kleider aus weißer

oder roter Seide an. Starb ihr Besitzer, so wurde der Alraun auf den

jüngsten Sohn vererbt; starb dieser aber vor dem Vater, so erhielt ihn

der älteste Bruder. Er war der beste Talisman gegen Erkrankung, und

da er sonst noch alle möglichen guten Eigenschaften aufwies, so wurde

er geradezu mit Gold aufgewogen und ein schwunghafter Handel mit ihm

getrieben.

Schon das früheste Altertum hat ihn gekannt und verehrt. Er wurde

ursprünglich aus der fleischigen Pfahlwurzel einer im ganzen

Mittelmeergebiet heimischen Nachtschattenart, der ~Mandragora

officinalis~ mit grünlichgelben Blüten und gelben Beeren von 1,5 cm

Durchmesser, gewonnen. Diese sollte der menschlichen Gestalt ähnlich

sein, was schon Pythagoras bezeugt, und wurde deshalb als ein

mit Zauberkraft wie alle Geister Verstorbener ausgestattetes

Erdmännlein oder Erdweiblein -- denn man unterschied auch hier

zweierlei Geschlechter -- angesehen. Aber ganz abgesehen von ihrer

Zauberkraft, barg die Wurzel betäubende Stoffe, weshalb man sie im

Altertum zur Schmerzlinderung vor chirurgischen Operationen gab. Noch

im Mittelalter wurde ihr Saft mit demjenigen von Bilsenkraut und

Mohn als Betäubungsmittel verabreicht. Im Abendlande, wo die echte

Mandragora nicht mehr gedeiht, ersetzte man sie vielfach durch die

rübenförmige Wurzel der +Zaunrübe+ (~Bryonia dioica~), die an Zäunen

und Hecken wächst. Ihr Saft dient seit alter Zeit als Abführmittel

und sie selbst als Alraun, der zu mannigfaltiger Zauberei, namentlich

aber zu Liebeszauber benutzt wurde. Noch heute ist auf dem Lande der

Glaube verbreitet, daß, wenn ein Mädchen auf dem Gange zur Kirmeß ein

Stückchen Wurzel der Zaunrübe in die Schuhe lege, ihr alle Burschen

zufliegen werden. Der ältere Plinius berichtet, daß sie vor Raubtieren

schütze und Knochensplitter aus Wunden ziehe, den Ertrag der Milch

vermehre und das Verderben derselben verhindere. Die Jungfrau von

Orleans soll einen Alraun besessen haben, daher ihre Erfolge. Der

in der Bibel mehrfach erwähnte ~dudaim~, von Luther mit „Lilien“

übersetzt, wird vielfach als Alraun gedeutet, ist aber wahrscheinlicher

die auch heute noch im Orient vielfach zu Liebeszauber benutzte Frucht

von ~Cucumis dudaim~.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 29 / 81 段