Das aus einer anderen Baldrianart, ~Nardostachys grandiflora~, in

Nepal gewonnene Öl riecht weniger angenehm, aber stärker als das

aus der echten indischen Narde gewonnene. Die arabische Narde wurde

wahrscheinlich aus dem wohlriechenden Nardenbartgras (~Andropogon

nardus~) hergestellt, das wohl der griechische Schriftsteller Flavius

Arrianus (um 100 n. Chr. zu Nikomedia in Bithynien geboren, ward 136

unter Hadrian Präfekt von Kappadokien, starb unter Marc Aurel) in

seiner Darstellung von Alexanders des Großen Feldzug nach Asien im

Sinne hatte, als er schrieb: „Als Alexander durch eine Wüste gegen

das Land der Gedrosier (eine iranische Landschaft, etwa dem heutigen

Beludschistan entsprechend) vorrückte, fand er viele wohlriechende

Nardenwurzeln, welche von den Phönikiern gesammelt, vom Heere aber in

solcher Menge zertreten wurden, daß die ganze Gegend danach roch.“

Die italienische Narde dagegen wurde aus dem Lavendel, die kretische

Narde aus ~Valeriana italica~ und ~V. tuberosa~ und die gallische oder

keltische Narde aus ~Valeriana celtica~ und ~V. saliunca~ gewonnen,

deren Wurzeln noch jetzt von Triest aus nach dem Orient ausgeführt

werden, wo man sie zur Herstellung einer nach dem Bade zum Salben

des Körpers beliebten Salbe benutzt. Letztere Baldrianart hat ihren

Namen nach einer alten, schon vom griechischen Arzte Dioskurides im 1.

Jahrhundert n. Chr. erwähnten ligurischen Bezeichnung erhalten. Dieser

Autor schreibt nämlich in seiner Arzneimittellehre: „Die keltische

Narde wächst auf den ligurischen Bergen, wo sie ~saliunka~ genannt

wird. Es ist dies ein kleiner Strauch, der samt den Wurzeln gesammelt

und in Bündelchen gebunden wird. Die Blätter sind länglich, gelblich,

die Blüten quittengelb. Nur die Stämmchen und Wurzeln sind wohlriechend

und im Gebrauch.“ Außerdem unterscheidet er eine indische und syrische

Narde. „Letztere“, fährt er fort, „hat ihren Namen nicht davon, daß

sie wirklich in Syrien wächst, sondern nur deswegen, weil die Seite

des Gebirges, auf welchem sie wächst, nach Syrien zu liegt, während

die entgegengesetzte Seite sich nach Indien hinneigt. Letztere ist am

besten frisch, leicht, gelb, von starkem Wohlgeruch. Die indische Narde

dagegen, die nach dem Flusse Ganges ~gangitis~ heißt, ist kraftloser,

da sie auf nassen Stellen wächst. -- Aus diesen wird die Nardensalbe

(~nárdinon mýron~) auf verschiedene Weise mit allerlei Zusätzen

bereitet.“

XXVII.

Die Arzneipflanzen.

So lange es Menschen gibt, haben sie allerlei Verletzungen und

Krankheiten zu erleiden gehabt, gegen die sie Linderungs- und

Heilmittel anzuwenden suchten. Diese entnahmen sie zumeist der

sie umgebenden Pflanzenwelt, der sie Zauberkräfte mancherlei Art

zuschrieben, die sie sich zu Nutzen machten. So entwickelte sich in

engstem Zusammenhang mit der Ausübung von Zauberei die älteste Medizin

der Naturvölker, deren Spuren sich noch zahlreich in unserem Volkstume

nachweisen lassen. Und während fürsorgliche Frauen und mitleidige

Stammesgenossen die erste und in leichteren Fällen einzige Handreichung

taten, wurden in schwierigeren Fällen die erfahrenen Alten der Sippe

zur Übernahme der Behandlung zugezogen. Auf solche Weise erhoben sich

die Erfahrensten des Stammes, denen die Sippengenossen volles Vertrauen

entgegenbrachten, zu Zauberpriestern und Ärzten in einer Person. Manche

unter ihnen genossen nicht nur zeitlebens das größte Ansehen, sondern

wurden nach ihrem Tode als machtvolle Geister göttlich verehrt.

Ein solcher vergöttlichter Weiser und Arzt seines Volkes war dem

uralten Kulturvolke der Ägypter I-em-hotep („der in Frieden kommt“),

meist gekürzt Imhotep genannt, der uns als der älteste mit Namen

bekannte Arzt der Welt entgegentritt und später zum Gott der Heilkunde

erhoben wurde. Als solcher war er der gute Arzt der vergöttlichten

Menschengeister und der lebenden Menschen, dem man in Krankheitsfällen

Opfer und Gelübde darbrachte, damit er die Krankheit zum Guten wende

und Heilung eintreten lasse. Denn von jeher wurde der über die

Anwendung eines Heilkrautes gesprochene Heilsegen für wichtiger und

wirkungsvoller gehalten als seine guten Eigenschaften als solche,

und über allem stand das durch Opfer erlangte Wohlwollen solcher im

Geisterreiche waltender Heilgewaltiger. Daß nun dieser Heilgott der

alten Ägypter eine wirkliche, im Volksbewußtsein durch die Jahrtausende

lebendig gebliebene Persönlichkeit war, darüber kann durchaus kein

Zweifel bestehen. Und tatsächlich haben die neuesten Forschungen der

altägyptischen Literaturdenkmäler ergeben, daß der Gegenstand solch

nachhaltiger Verehrung, dessen Name als der eines weisen Priesters und

mächtigen Zauberers, eines geschickten Arztes und großen Baumeisters

durch die ganze ägyptische Geschichte hindurch unvergessen blieb, ein

Zeitgenosse des Königs Zoser war, mit dem Manetho, ein ägyptischer

Priester aus Sebennytos, der unter Ptolemäus I. (305-285 v. Chr.)

lebte und in griechischer Sprache eine leider bis auf die von Julius

Africanus und Eusebius uns mitgeteilten Bruchstücke und den kurzen

Auszug bei Josephus verloren gegangene Geschichte seines Landes

schrieb, die dritte Dynastie beginnen läßt. Dieser König Zoser

herrschte vor den Erbauern der großen Pyramiden bei Gise von etwa

2980 v. Chr. an und begründete die Vorherrschaft der unterägyptischen

Stadt Memphis, die er zu seiner Residenz erhob. Seiner Regierungszeit

gehören die ersten größeren Steinbauten des Niltals an, und unter

ihm begannen die in zunächst staffelförmigen Pyramiden errichteten

Königsgräber, statt aus ungebrannten, nur an der Sonne getrockneten

Lehmziegeln wie zuvor, aus Steinquadern gebaut zu werden. Unter ihm

hat nun als einflußreicher Beamter seines Hofes und sein Hauptratgeber

Imhotep gelebt, der sich schon im Leben solchen Ansehens bei seinem

Könige erfreute, daß er sein Grab dicht neben dem Grabe seines Königs

in der Stufenpyramide von Sakkara bei Memphis erhielt. Nach einer alten

Tradition hatte er den ehrenden Beinamen „Herr der Geheimlehre und der

Zahlen“. Die Gelehrtesten seines Volkes, die Schreiber, hatten ihn zu

ihrem Schutzherrn erwählt. Und wer unter ihnen fromm war, weihte ihm

regelmäßig eine Spende aus dem Wasserbehälter seines Schreibzeugs,

ehe er seine Arbeit begann. Noch nach Jahrhunderten kannte das Volk

die ihm zugeschriebenen Sprichwörter, und 2500 Jahre nach seinem Tode

war er zum Gott der Heilkunde geworden, in welchem die Griechen, die

ihn Imuthes nannten, ihren eigenen Heilgott Asklepios zu erkennen

glaubten. Als Gott wurde er auf einem Sessel sitzend abgebildet,

mit einem einfachen Lendentuche und Hals- und Armbändern wie seine

vornehmen Volksgenossen angetan, in der Rechten den Zauberstab mit

dem Kopf des Schakals, also des Tieres, das als Wächter des Eingangs

in die Unterwelt gedacht war, an der Spitze und in der Linken den

Nilschlüssel, das Symbol des Lebens, haltend.

Die ursprüngliche und angesehenste ärztliche Gottheit der alten Ägypter

war aber die Göttin Isis, der man nicht nur die Entstehung zahlreicher

Krankheiten, sondern auch die Macht zuschrieb, sie wieder zu heilen.

Ihre göttliche Wunder- und Heilkraft bewies sie dadurch, daß sie ihren

von Seth (der personifizierten Dürre) erschlagenen Sohn Horus (die am

Himmel aufsteigende junge Sonne) wieder zum Leben erweckte. Sie lehrte

dann die Menschen die Krankheiten erkennen und heilen. Die Erfindung

vieler Arzneimittel wurde auf sie zurückgeführt. Wegen der großen

Erfahrung, welche sie in der Arzneikunde besaß, brachte man Kranke

mit Vorliebe in ihren Tempel, damit sie während des Schlafes durch

einen von ihr eingegebenen Traum erführen, welches Mittel sie zu ihrer

Heilung anwenden sollten.

Als dritte medizinische Gottheit galt den alten Ägyptern der Gott

Thot (von den Griechen mit ihrem Hermes identifiziert). Von ihm heißt

es im ärztlichen Papyrus Ebers, so genannt, weil ihn der bekannte

Schriftsteller Prof. Georg Ebers während seines Aufenthaltes in

Theben-Luxor im Winter 1872/73 von einem dortigen Kopten erwarb -- er

befindet sich jetzt auf der Leipziger Universitätsbibliothek und ist,

trotzdem er zur Zeit der 18. Dynastie (1580-1350 v. Chr.) geschrieben

wurde, noch so gut erhalten, als ob der Schreiber, der ihn beschrieb,

erst sein Schreibrohr beiseite gelegt habe --, er sei derjenige, „der

da die Bücher macht, die Erleuchtung schenkt den Schriftgelehrten und

Ärzten, die sich in seiner Nachfolge befinden, um (die Menschen von

ihrer Krankheit) zu erlösen.“ Er hieß eigentlich Tehuti und wurde schon

zur Zeit der ersten Dynastie des Reichs um 3400 v. Chr. als Urheber und

Beschützer des Schrifttums bezeichnet, als „Schreiber der Wahrheit“,

„Herr der göttlichen Worte“, „Darreicher der Schriften“ usw. Beim

Aburteilen der Seelen in der Unterwelt durch die Götter führte er Buch

über die Wägung der Herzen. Er wurde ibisköpfig dargestellt, mit dem

Henkelkreuz als dem Zeichen des Lebens in seiner Rechten und einer

Papyrusrolle in der Linken. Der Mittelpunkt seiner Verehrung war die

Hohe Schule von Sesennu (dem Hermopolis der Griechen), wo vornehmlich

die Schreiber und Ärzte ausgebildet wurden. Der um 180 n. Chr. lebende

griechische Sophist Claudius Älianus leitet in seinen 14 Büchern

„Vermischte Erzählung“ den Namen dieses Gottes irrtümlicherweise

von ~thouod~ Säule her, weil er als Erfinder aller Künste und

Wissenschaften seine Weisheit in steinerne Säulen grub. Aus diesen

hieroglyphischen Inschriften schöpften die Priester in den ältesten

Zeiten ihr Wissen, merkten sich die dort verzeichneten Regeln der

Arzneikunde und trugen sie nach Erfindung des Papiers in die 42 Rollen

des Thot (von den Griechen entsprechend der Identifizierung des Thot

mit ihrem Hermes hermetische Bücher genannt) ein.

Da die Krankheit bei den alten Ägyptern wie bei allen Völkern durch

den Zorn der Götter herbeigeführt sein sollte und eine Versöhnung

mit denselben nach der später aufgekommenen Lehre nur durch die

Diener derselben bewerkstelligt werden konnte, so übten die Priester

zugleich die Arzneikunde aus. Sie wurden in den verschiedenen

Tempelschulen des Landes wie in den heiligen Schriften, so auch in

der Arzneikunde unterrichtet und gingen dann zum Abschluß ihrer

Studien nach Heliopolis, der berühmtesten medizinischen Hochschule

von Ägypten, wo sie sich zu Spezialärzten für die verschiedenen

Krankheiten des Menschen ausbildeten. Schon damals war die Heilkunde

weitgehend spezialisiert, und es gab Augenärzte, die wegen dem schon

damals verbreiteten Trachom sehr viel zu tun hatten und, nach einer

Stelle im Papyrus Ebers, die von der „Öffnung des Gesichts in den

Pupillen hinter den Augen“ handelt, offenbar schon Staroperationen

ausführten, dann Kopfärzte, Ohrenärzte, Zahnärzte, die, wie man an

den Kiefern mancher Mumien fand, bereits künstliche Zähne einzusetzen

verstanden, Bauchärzte, Gliederärzte usw. Zahlreiche auf den Denkmälern

abgebildete und in den Gräbern gefundene chirurgische Instrumente,

wie Scheren, Lanzetten, Messer, Rasiermesser, Pinzetten, Sonden,

Metallstäbchen zum Glühen, wie auch das Zubehör einer reichhaltigen

Reiseapotheke beweisen, daß man schon im 3. Jahrtausend v. Chr.

auch eine reiche chirurgische Tätigkeit entfaltete. Ferner sprechen

vorzüglich geheilte Knochenbrüche an Mumien für eine große praktische

Erfahrung im Einrichten von solchen und von Verrenkungen, wie auch

für die Wundbehandlung im allgemeinen. Szenen, welche uns das Anlegen

von Verbänden an diesem oder jenem Glied von Verwundeten und Kranken,

das Darreichen von Arzneien, das Anlegen von Schröpfköpfen, die

Vornahme verschiedener Operationen, wie Amputation und Kastration,

veranschaulichen, finden sich auf verschiedenen Denkmälern. Zur

durchgängig an den Knaben geübten Beschneidung, die wir beispielsweise

auf einer Darstellung am Tempel des Chonsu in Karnak an den Kindern

Ramses’ II. der 19. Dynastie (1292-1225 v. Chr.) dargestellt finden,

dienten wie zu andern chirurgischen Eingriffen des Kultes Messer aus

Feuerstein. Solche wurden auch in den Riten zahlreicher anderer Völker

noch lange nach Einführung der Metalle als Werkzeugmaterial wenigstens

bei gottesdienstlichen Handlungen beibehalten.

Die altägyptischen Ärzte übten keinerlei Privatpraxis aus, sondern

standen im Solde des Staates. Sie wohnten wie die übrigen Priester

mit ihren Familien in eigenen Häusern, bildeten aber unter sich eine

durch strenge Satzungen geordnete Korporation, die auch in der Ausübung

ihrer Kunst sich gewissenhaft an die vorgeschriebenen medizinischen

Regeln des Thot zu halten hatte. Befolgten sie dieselben und starb

der Kranke, so waren sie aller Verantwortung enthoben, hielten sie

sich aber nicht an die vorgeschriebene Norm und gingen sie eigene Wege

in der Methodik der Behandlung, so wurden sie mit dem Tode bestraft,

und zwar auch dann, wenn der Ausgang der Krankheit ein günstiger war.

Jeder Kranke wurde umsonst auf Staatskosten behandelt, mußte aber bei

seiner Erkrankung nicht in das Haus des Arztes, sondern in den Tempel

schicken, um ärztliche Hilfe zu erbitten. Dabei hatte der Bote genau

anzugeben, an welchem Übel der Betreffende erkrankt sei, worauf der

Arzt des Heiligtums nach irgend einem der Spezialisten des Kollegiums

sandte und ihn in das Haus des betreffenden Patienten beorderte. Wenn

auch die ärztliche Behandlung vollständig umsonst war, da ja die

Priester vom Staate besoldet wurden und zu ihrem Unterhalt besondere

Ländereien und sonstige Einkünfte erhielten, so war es doch Sitte,

daß die Patienten nach ihrer Genesung demjenigen Heiligtum, das ihnen

den Arzt gesandt hatte, je nach Vermögen einfache oder ansehnlichere

Geschenke darbrachten oder zum Unterhalt der in den Tempelhöfen

gehaltenen heiligen Tiere beitrugen.

Bei allen Völkern des Altertums waren die ägyptischen Ärzte um

ihrer großen Erfahrung und Geschicklichkeit in der Behandlung der

verschiedenen Krankheiten willen berühmt. Und obschon bei den Römern

zu Ende der Republik und zu Beginn der Kaiserzeit die sehr angesehenen

griechischen Ärzte eine überaus erfolgreiche Tätigkeit entfalteten,

ließ man beispielsweise, wie uns Plinius berichtet, unter der Regierung

des Kaisers Tiberius Claudius (41-54 n. Chr.) beim Ausbruch einer

schrecklichen und furchtbar verheerend wirkenden Seuche ägyptische

Ärzte nach Italien kommen, die mit ihren Kuren viel Geld verdienten.

Die als Ärzte die Heilkunde ausübenden Priester bildeten den niedersten

Stand der Priesterschaft. Weit höher standen im Ansehen des Volkes

die als Propheten bezeichneten Mitglieder des Priesterkollegiums,

die nicht durch äußere Mittel, sondern durch Beschwörungen und

Zaubermittel, wie auch durch Amulette allein mit Hilfe der Dämonen die

Krankheiten zu bannen verstanden. So wurde auch bei diesem Volke, als

es bereits sehr hoch in seiner Kultur gestiegen war, der beim Anwenden

eines Mittels gesprochene Zaubersegen als noch viel wirksamer als

die Arznei selbst betrachtet. Zu dieser Priesterkaste der Propheten

gehörten auch alle die Weisen, Wahrsager und Zauberer, welche in den

Büchern Moses, besonders im II. Kap. 7 und 8, als mächtige Zauberer

mit ihren Beschwörungen Wundertaten vor dem Pharao verrichteten, aber

von Mose, dem Jahve beistand, besiegt wurden. In den verschiedenen

auf uns gekommenen ärztlichen Papyri wird jeweilen nicht nur die bei

den verschiedenen Krankheiten anzuwendenden Heilmittel in genauer

Rezeptierung, sondern auch die bei deren Anwendung auszusprechende

Zauber- und Beschwörungsformel als das Allerwichtigste dabei sorgfältig

angegeben. Schon bei ihrer Herstellung in den als asit bezeichneten, in

besonderen Tempelräumen eingerichteten Laboratorien, an deren Wänden

die heiligen Vorschriften zur Bereitung der Arzneien angegeben waren,

mußten gewisse Zeremonien beobachtet und bestimmte Segen zu deren

Wirksammachung gesprochen werden. Manche Kombinationen von Heilmitteln

führte man direkt auf alte berühmte Heilkünstler oder gar Götter

zurück. Die zahlreichen auf uns gekommenen Rezepte sind recht kurz

gehalten und bestehen vielfach nur in Andeutungen, weil das einzelne

als althergebracht und also allgemein bekannt vorausgesetzt wurde. Zur

Herstellung der auf den medizinischen Papyri genannten Einreibungen,

Salben, Umschläge, Pflaster, Tränke, Abkochungen, Speisemischungen,

Klistiere usw., auf denen genau angegeben war, wann und wie sie zu

applizieren oder einzunehmen waren, wurden allerlei pflanzliche und

tierische Produkte, wie auch Mineralbestandteile zuerst sorgfältig

mit der Wage gewogen und dann gemischt. Außer Natron, Brechweinstein,

Antimon und Eisen bildeten zahlreiche pflanzliche Produkte nebst

Wasser, Wein, Palmenwein, Essig, Honig, Menschen- und verschiedene

Tiermilch, Blut, Galle, Fett und Exkremente der verschiedensten Tiere,

auch Männer- und Frauenurin usw. eine wichtige Rolle. Die Mittel wurden

für 4, 8, 9 oder 10 Tage verordnet. Die zahlreichen Rezepte zu Mitteln

gegen Hautkrankheiten lassen darauf schließen, daß dieses Übel trotz

aller Reinlichkeit damals im Pharaonenreiche sehr häufig war. Als

Beispiele lassen wir drei Rezepte folgen:

„Desgleichen ein Mittel zu bewirken das Harnen:

Honig }

pulverisierte Johannisbrotschalen } je 1 Teil. Daraus eine Kugel zu

pulverisierte Keuschbaumsamen } machen.

Arznei für Leibesöffnung:

Milch ⅓ tena }

~nequant~-Pulver ¼ Drachme } zu kochen, umzuschütteln, zu essen.

Honig ¼ Drachme } Für vier Tage.

Weihrauch (~anti~) } je 1 Teil. Gegen den Durst, das Stoßen,

Blut von der Eidechse } das Stechen im Auge. Rupfe die Haare aus,

Blut von der Wanze } schmiere es darauf, um gesund zu machen.“

Wie wir durch Aristoteles erfahren, galt für jeden ägyptischen Arzt

die gesetzliche Norm: die Entwicklung der Krankheit einige Tage zu

beobachten und erst am vierten Tage mit einem entsprechenden Heilmittel

wirksam einzugreifen. Die Kuren scheinen auch vielfach gelungen zu

sein, so daß sich der Ruf der ägyptischen Ärzte weithin über die

Mittelmeerländer verbreitete. Schon in Homers Odysse heißt es ja von

Ägypten und seinen Bewohnern:

„... Dort bringt die fruchtbare Erde

Mancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung,

Dort ist jeder ein Arzt und übertrifft an Erfahrung

Alle Menschen ...“

Dieser Ausspruch hat insofern seine Berechtigung, als jeder Ägypter,

um das Gesamtwohl des Volkes zu fördern, sich außer der täglichen

äußerlichen Reinigung alle Monate einmal drei Tage hindurch durch

Brech- und Abführmittel, Waschungen und Klistiere auch innerlich

zu reinigen und gewisse diätetische Vorschriften zu beobachten

hatte, da nach althergebrachter Annahme die meisten Krankheiten aus

Unreinigkeiten des Magens, der Eingeweide und der Haut entstehen

sollten. „Eben dieser Diät wegen“, sagt Herodot im 5. vorchristlichen

Jahrhundert, „sind die Ägypter neben den Libyern das gesundeste Volk

der Erde.“ Das Volk lebte sehr einfach und badete täglich, um alle

Ansteckungsstoffe, namentlich den gefürchteten Aussatz, vom Körper

fernzuhalten. Aus denselben Gründen trug man auch nicht wollene,

sondern leinene Kleider und mied gewisse Speisen, wie Schweinefleisch,

Seefische und Saubohnen. Selbst den Königen war für den täglichen

Verbrauch ein bestimmtes Quantum von Speisen und Getränken

vorgeschrieben, das nicht überschritten werden durfte.

Da die altägyptischen Ärzte aus religiöser Scheu vor dem Leichnam ihn

nicht sezierten und die Einbalsamierer eine besondere Zunft bildeten,

die außerhalb des Priesterkollegiums stand und sich im allgemeinen

wohl keines besonders guten Rufes erfreute, da man ihnen schöne

Frauenleichen erst am dritten oder vierten Tage nach dem Tode überließ,

so herrschten bei den Ärzten höchst abenteuerliche Vorstellungen

über den anatomischen Bau des menschlichen Körpers, auf die wir hier

allerdings nicht eintreten können. Nur das eine sei erwähnt, daß man

glaubte, das Herz nehme bis zum 50. Jahre jährlich um zwei Quentchen

zu, um von da an jährlich um ebensoviel abzunehmen, so daß notgedrungen

der Tod vor dem vollendeten hundertsten Lebensjahre erfolgen mußte.

Dieselbe Stellung wie der Heilgott Imhotep bei den Ägyptern nahm

bei den alten Griechen der göttliche Asklepios ein, der etwa im 13.

vorchristlichen Jahrhundert in Thessalien gelebt haben soll. Die

ausschmückende Sage hat ihn zu einem Sohne des Lichtgottes Apollon

und der Königstochter Koronis gemacht, der zu Trikka in Thessalien,

der Wiege seiner Verehrung, geboren und nach dem frühen Tode seiner

Mutter vom weisen Kentauren Cheiron erzogen wurde, der ihn besonders

in der Heilkunst unterrichtete. Da er sogar Verstorbene erweckte,

erschlug ihn dann nach der Sage Zeus mit dem Blitz, in der Befürchtung,

die Menschen möchten durch ihn ganz dem Tode entzogen werden; nach

anderer Überlieferung geschah dies auf die Beschwerde des Gottes

der Unterwelt hin. Bei Homer und Pindar ist Asklepios noch als

einfacher Mensch gedacht, dessen Vergöttlichung eben begann. Seine

Söhne Podaleirios und Machaon erscheinen in der Ilias als Ärzte im

Heere der Griechen. Sie und ihre Nachkommen, die Asklepiaden, hatten

sich durch einen feierlichen Eid verpflichten müssen, ihre Kunst

nur den dazu Berechtigten und unter den herkömmlichen Bedingungen

zu lehren. Bei ihrer Behandlung spielte die Inkubation (griechisch

~enkoimésis~ genannt) die größte Rolle. Sie bestand darin, daß der

Kranke an geweihter Stätte -- eben im Tempel des Heilgottes -- auf

dem Felle des von ihm geopferten Tieres schlief, um im Traume vom

Heilgotte eine Offenbarung über das anzuwendende Mittel zu erlangen.

Meist leiteten die Priester, die zugleich Ärzte waren, die Inkubation

ein und legten die Träume der Kranken aus, oder träumten wohl auch

selbst für diese. Das übliche Opfer der Genesenen war ein Hahn, den

auch Sokrates nach seinem Tode (399 v. Chr.) durch das ihm auferlegte

Trinken des Schierlingsbechers dem Heilgotte darzubringen befahl. Und

zum Danke an den Gott hingen die Geheilten Votivtafeln mit dem Bericht

über die von ihnen angewandte Kur im Tempel auf. Eine größere Anzahl

derselben haben die neuesten Ausgrabungen zu Epidauros am äginetischen

Meerbusen in der Argolis, wo in Griechenland der Hauptsitz seiner

Verehrung war, zutage gefördert. Von diesem Orte aus verbreitete sich

der Asklepioskult über ganz Griechenland, die ägäische Inselwelt und

die Küste von Kleinasien, wo besonders in Kos, Knidos, Trikka, Pergamon

und Athen sich einst vielbesuchte Heiligtümer von ihm befanden.

Diese waren stets in gesunder Lage auf Anhöhen in heiligen Hainen,

in der Nähe von Quellen und Heilwassern errichtet, und auch die von

den Heilpriestern den Kranken befohlene Tempelkur bestand in auch

nach unseren viel weiter geförderten Anschauungen recht zweckmäßigen

hygienischen Verordnungen. So kann es uns nicht wundern, daß der

Asklepiosdienst sich mit der griechischen Kolonisation weithin in den

Ländern am Mittelmeer verbreitete. Das Symbol des Gottes, der von den

Bildhauern bärtig, im Gesichtsausdruck dem Zeus ähnlich, nur milder

und jugendlicher, dargestellt wurde, war die Schlange, und zwar die

gelbliche Natter (~Coluber aesculapi~), die in seinen Tempeln gehalten

und bei der Gründung neuer Kultstätten in diese übergeführt wurde. So

gelangte die Äskulapschlange mit dem Dienst des in Italien Äskulap

genannten Asklepios aus Epidauros nach Rom, als dort sein Kult im

Jahre 293 v. Chr. bei einer Pest auf Befehl der sibyllinischen Bücher

eingeführt wurde. In dieser Stadt stand der Tempel des Heilgottes

auf der Tiberinsel. Mit den Römern kam dann diese Schlangenart, die

sich in Südeuropa vornehmlich auf felsigem, spärlich mit Buschwerk

bestandenem Boden aufhält und hier eine Länge von 1,5 m erreicht,

an alle natürlichen Thermen nördlich der Alpen, wo Kranke Genesung

suchten. Deshalb wird dieses in jeder Beziehung anmutige Tier heute

noch überall, wo einst Römerbäder standen, z. B. in Schlangenbad, Baden

bei Wien usw., gefunden.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 28 / 81 段