Rosenöl, das im 9. Jahrhundert n. Chr. zuerst in Persien durch
Ärzte aus den herrlich duftenden Centifolien des Landes gewonnen
wurde. Ihm folgten die Destillate von anderen wohlriechenden
Pflanzenteilen, besonders Orangenblüten, Levkojen, Moschusweide,
Pfefferminze und anderen. Bald war dieser neue Industriezweig an
seinem ältesten Herd, in Schiras in Persien, so verbreitet, daß der
Staat von den Darstellern solcher ätherischer Öle, unter denen das
Rosenöl an Bedeutung weit vorausstand, eine Steuer erhob. Die Kunst
der Destillation kam dann im 10. Jahrhundert durch die Araber nach
Spanien und drang von da über Frankreich allmählich nach Deutschland
vor, wo sie auch zum Extrahieren der verschiedensten ätherischen
Öle benutzt wurde. In Mitteleuropa war die Rose zu selten, als daß
es sich lohnte, aus ihr das Rosenöl darzustellen. Dazu benutzte man
die Fülle der wohlriechenden orientalischen Rosen. In Südeuropa ist
eine Haupterzeugungsstätte des Rosenöls Kasanlik am Südabhange des
Balkans in Bulgarien, wo die rote Damaszenerrose in solchen Mengen an
Hecken gezogen wird, daß trotz der höchst primitiven, unzureichenden
Destillation der Rosenblätter in kupfernen Retorten über direktem
Holzfeuer alljährlich an 3000 kg Rosenöl gewonnen werden. Bedenkt man
nun, daß 5000-6000 kg Blumenblätter der Rose nötig sind, um 1 kg
Rosenöl zu liefern, so kann man sich vorstellen, um was für Mengen von
Rosen es sich dabei handelt, die alle innerhalb eines Monats gepflückt
und bearbeitet werden müssen. Die aufbrechenden Blüten werden in den
ersten Morgenstunden, während welcher der Ölgehalt am größten ist,
gepflückt und sollen noch an demselben Tage destilliert werden. An
schönen, sonnigen Tagen, wenn der Rosenflor in überreicher Menge sich
entfaltet, kommt man mit dieser Arbeit kaum nach, so daß dann viele
Blüten unbenutzt stehen bleiben und verblättern. Welch herrlichen
Anblick diese blühenden Rosenhecken im Mai und Juni gewähren, kann
man sich leicht vorstellen. Bei der ungeheuren Menge an Blüten, die
erforderlich sind, um größere Mengen des Rosenöls zu erzeugen, ist es
kein Wunder, daß 1 kg davon im Großhandel gegen 800 Mark kostet.
Dieses von den Türken Athar, d. h. Äther genannte Rosenöl ist hellgelb,
von sehr intensivem Rosengeruch und erstarrt bei 15-22° C. Infolge
seiner Kostbarkeit ist es kaum je unverfälscht zu haben. Am meisten
dient dazu das denselben Riechstoff in reichem Maße enthaltende und
deshalb sehr ähnlich duftende ätherische Geraniumöl, das in Almeria
in Spanien, dann in Algerien und seit 1887 besonders auf der Insel
Réunion aus den Blättern des hochrote Blüten aufweisenden, bis 1,6 m
Höhe erreichenden Rosengeraniums (~Pelargonium roseum~) gewonnen wird.
Dieses wird wiederum mit dem indischen Lemongrasöl verfälscht, das
aus dem in Südindien heimischen bläulichgrauen Lemongras (~Andropogon
schoenanthus~) gewonnen wird. Wie mit diesen beiden ätherischen Ölen
wird das Rosenöl auch mit dem überaus wohlriechenden, balsamartigen
ätherischen Öle verfälscht, das aus dem Holz des in Argentinien und
Paraguay wachsenden, 18 m hohen Guajakbaumes (~Bulnesia sarmienti~)
gewonnen wird und eine Ausbeute von 5,4 Prozent liefert.
Meist wird von den bulgarischen Rosenölfabrikanten das billige
ostindische, als Palmarosaöl bezeichnete Lemongrasöl zum Verfälschen
benutzt, von dem jährlich an 1000 kg dort eingeführt werden. Demnach
ist also nicht weniger als ein Drittel des bulgarischen „Rosenöls“,
von dem 1 kg im Großhandel, wie gesagt, gegen 800 Mark kostet,
ostindisches Lemongras- oder Palmarosaöl, von dem 1 kg im Großhandel
auf 23 Mark zu stehen kommt. Dabei wissen die schlauen Bulgaren mit der
größten Raffiniertheit die Kontrolle des Staates zu umgehen und die
beaufsichtigenden Beamten zu überlisten. Sie wissen dem Lemongrasöl
durch längeres Stehenlassen an der Sonne seine Schärfe zu nehmen und
ihm einen dem Rosenöl ähnlicheren Geruch zu verleihen und besprengen
dann mit diesem Öl die frischgepflückten Rosenblüten schon auf dem
Felde, so daß der im Destillierraum die Prüfung vornehmende Beamte nie
andere als solche mit Lemongrasöl bespritzte Rosenblumenblätter zu
Gesicht bekommt. Wer nun auch immer für schweres Geld erworbene kleine,
längliche Glasfläschchen mit einigen Tropfen Inhalt aus der Türkei mit
nach Hause bringt, kann sicher sein, kein reines Rosenöl gekauft zu
haben; oft hat er nur Geranium- oder das noch billigere Lemongrasöl
eingehandelt.
Mehr Garantie für reine Ware bieten die südfranzösischen Destillerien
hauptsächlich in Grasse, ein tadelloses Produkt dagegen liefert die
deutsche Firma Schimmel & Co. (Inhaber Gebrüder Fritzsche) in Miltitz
bei Leipzig, die mit zielbewußter Energie die Rosenölgewinnung in
die Hand genommen hat. Schon vor zehn Jahren hatte diese Firma 35
Hektare mit der roten, auch in Kasanlik angepflanzten Damaszenerrose
angebaut, die über 260000 kg Blüten lieferten. Sie bringt jährlich
etwa 100 kg Rosenöl in den Handel, welches an Reinheit und
infolgedessen an Qualität das bulgarische Produkt weit übertrifft
und deshalb im Großhandel das kg auf 1500 Mark zu stehen kommt.
Doch liefert diese Firma auch ein künstliches Rosenöl zu 280 Mark als
Engrospreis. Die von ihr benutzten Vakuumdestillationsapparate, die
bis zu 45000 Liter zu fassen vermögen, entsprechen selbstverständlich
den höchsten Anforderungen der Gegenwart, und die hohe technische
Vervollkommnung bedingt bei gleichem Destillationsprinzip eine viel
rationellere Ausnutzung des Rohmaterials und die Gewinnung eines in
jeder Beziehung ausgezeichneten Produktes. Das Rosenöl selbst besteht
aus einem duftlosen, wachsartigen, festen und einem flüssigen Körper,
welch letzterer der eigentliche Duftträger ist und Rhodinol genannt
wurde. Später stellte es sich heraus, daß es mit dem im Geraniumöl
und Lemongrasöl enthaltenen Geraniol identisch ist, die Bulgaren also
für ihre Verfälschung auf ein ätherisches Öl gestoßen sind, dessen
wichtigster Bestandteil genau derselbe ist wie beim echten Rosenöl.
Die große Verschiedenheit des Duftes ist auf geringfügige Beimengungen
zurückzuführen, die trotz ihrer zurücktretenden Quantität den Charakter
des Duftes bestimmen.
Da nun dem Altertum die Kunst der Destillation fehlte, die, wie
gesagt, erst im 9. Jahrhundert n. Chr. von persischen Ärzten erfunden
wurde, ist das, was die Alten unter Rosenöl verstanden, etwas ganz
anderes, als was wir darunter verstehen. Ihr Rosenöl war eine Art Salbe
(griechisch ~mýron~), die wesentlich aus mit Rosenduft imprägniertem,
fettem Öl, und zwar Olivenöl bestand. In seiner Arzneimittellehre teilt
uns der um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. lebende griechische
Arzt Dioskurides ihre Zubereitung in folgenden Worten mit. „Rosenöl
(~ródinon élaion~) wird so bereitet: Es werden 5 Pfund und 8 Unzen
(lateinisch ~uncia~, im Gewicht von 1/12 Medizinalpfund oder rund
30 g) ~schoínos~ (Lemongras oder wohlriechendes Bartgras, ~Andropogon
schoenanthus~, von dem Dioskurides an einer anderen Stelle sagt, daß es
in Arabien, und zwar die beste im Lande der Nabatäer wachse, frisch,
mit der Hand gerieben, einen Rosengeruch verbreite, gekostet auf der
Zunge heftig brenne und vielfach als Arznei angewendet werde) klein
geschnitten, in Wasser geweicht, in 20 Pfund und 5 Unzen Olivenöl
gekocht und zuweilen umgerührt. Hierauf wird das Öl durchgeseiht und
es werden ihm die Blumenblätter (~pétalon~) von 1000 Rosen zugesetzt;
diese dürfen nicht naß sein, werden aber vorher mit wohlriechendem
Honig gesalbt und im Öle einen Tag lang zu wiederholten Malen mit den
Händen gedrückt und umgerührt. Hat sich nun etwas Hefeartiges zu
Boden gesetzt, so kommt die Masse in einen mit Honig ausgestrichenen
Mischkrug. Die Rosenblätter werden aus dem Öle genommen, ausgedrückt,
in ein anderes Gefäß getan, mit 8 Pfund 3 Unzen eingedickten Öles
übergossen und wiederum ausdrückt. Das letztere Verfahren gibt
die geringere Sorte Rosenöl. Man kann das Verfahren noch zweimal
wiederholen, wodurch man eine dritte und vierte Sorte Öl bekommt.
Jedesmal wird aber das Gefäß erst mit Honig ausgestrichen. Will man
alle diese Rosenölsorten recht stark machen, so wirft man in das zuerst
gewonnene Öl wieder ebensoviel frische Rosenblumenblätter, rührt sie
mit Händen, die mit Honig gesalbt sind, um, drückt sie aus und setzt
dieselben dann auch noch ebenso zur zweiten, dritten und vierten
Sorte. So kann man siebenmal neue Rosen ins Öl bringen, dann aber muß
man aufhören. Auch die Presse wird übrigens mit Honig bestrichen,
und endlich wird das Öl sorgfältig von dem Safte der Rosenblätter
getrennt; denn bleibt von diesem nur das Geringste darin, so verdirbt
das Öl. -- Manche Leute zerstampfen die Rosen, stellen die Masse an die
Sonne, werfen sie dann in Öl und stellen dieses an die Sonne. Manche
dicken vorher das Öl mit einem Zusatz von Kalmus und langdornigem
Ginster ein; andere tun, um ihm eine schöne (rote) Farbe zu verleihen,
Färberochsenzunge (~anchúsa~) hinzu, oder, um die Haltbarkeit zu
befördern, Salz. -- Das Rosenöl wird innerlich und äußerlich vielfach
gebraucht.“
Seit der Gewinnung des echten Rosenöls im 9. Jahrhundert bildet es
als persisches Athar einen sehr wichtigen Handelsartikel im ganzen
Orient und gelangte von Persien aus bis nach Indien und China, wo es
ebenfalls sehr geschätzt wurde. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts
treten uns bestimmte Angaben über den Gebrauch dieses Rosenöls auch
in Europa entgegen. Seit dem 17. Jahrhundert verbreitete sich die
Rosenölindustrie von Persien aus weiter und gelangte damals auch nach
Bulgarien, wo sie aber erst im 19. Jahrhundert die jetzige große
Bedeutung erlangte. Die französische Rosenölindustrie begann um die
Mitte des 19. Jahrhunderts, die deutsche erst 1883.
Wie auf Ceylon und Malakka das in Arabien und Ostindien wildwachsende,
sehr gewürzhaft riechende und duftende Bartgras (~Andropogon
schoenanthus~) als Lemongras zur Gewinnung des wohlriechenden Grasöles
im großen angebaut wird, so ist dies in noch weit größerem Umfange
mit dem in trockeneren Gegenden Südasiens verbreiteten Citronellgras
(~Andropogon citratus~) der Fall, das sich von jenem durch seine
rote Behaarung, die schmalen Blätter und die kurzen Blütenähren
unterscheidet. Das 2-2,5 m hohe Gras wird aus Samen gezogen und
gerade vor dem Blühen geschnitten. Bei sorgfältiger Kultur gibt es zwei
bis drei Ernten im Jahr. In Südindien wird besonders auch das aus den
Wurzelstöcken von ~Andropogon muricatus~ gewonnene Kuskus- oder, wie
die Tamilen sagen, Votiveröl viel benutzt, aber in nicht sehr großen
Mengen nach Europa ausgeführt. Dort wird auch viel Sandelholzöl aus dem
in kleine Späne gehackten, rosenartig riechenden Kernholz des kleinen
Sandelbaumes (~Santalum album~) destilliert, das in allerdings weniger
ertragreicher Qualität auch auf den kleinen Sundainseln gewonnen und
exportiert wird. In der Medizin dient es zur Behandlung der Gonorrhoe
an Stelle des älteren Copaivabalsams. Das wohlriechende Holz dient
zum Fournieren von Möbeln, zur Herstellung von allerlei kleinen
Geräten, Götzenbildern und Rosenkränzen. Am meisten dient es -- bei den
Chinesen zugleich mit Weihrauch -- als Räuchermittel in Tempeln und bei
Begräbnissen; auch die wohlhabenden Araber räuchern mit demselben und
lassen sich daraus wohlriechende Pfeifenrohre schnitzen.
[Illustration:
Tafel 123.
Einbringen des Lavendels zur Destillation von Lavendelöl in Barrême
(~Alpes maritimes~).]
[Illustration:
Tafel 124.
Vorbereitung zur Destillerie von Lavendelöl in Barrême (~Alpes
maritimes~).]
Ebenfalls bei den Chinesen als Parfüm und Medizin sehr beliebt ist die
wohlriechende Wurzel der indischen Komposite ~Saussurea lappa~, die von
Kaschmir aus in bedeutenden Mengen über Kalkutta und Bombay dorthin
exportiert wird. So importiert allein der Hafen Hankau jährlich für
über 100000 Mark dieser Droge, die das ganze Mittelalter hindurch als
Costuswurzel auch in Europa zu den stark begehrten Handelsartikeln aus
dem Oriente gehörte. Auch im Morgenlande wurde sie viel gebraucht.
Während diese aromatische Wurzel heute in der abendländischen Medizin
keine Rolle mehr spielt, ist dies noch bei dem aus den gewürzhaft
riechenden Blättern zweier nahe verwandter australischer Bäume
destillierten Cajaputöl (vom malaiischen ~caju puti~, d. h. weißer
Baum, ~Melaleuca leucadendron~) und beim Eucalyptusöl (von dem bis
130 m Höhe erreichenden, äußerst rasch wachsenden und daher zur
Entsumpfung fieberreicher Gegenden benutzten ~Eucalyptus globulus~) der
Fall. Aus den Blättern einer anderen Myrtazee, ~Amomis caryophyllacea~,
wird in den kleinen Antillen, und zwar bis jetzt fast ausschließlich
von wildwachsenden Bäumen, das Bayöl gewonnen, während aus den Früchten
des hauptsächlich auf Jamaika kultivierten Pimentbaumes das Pimentöl
hergestellt wird. Gleicherweise destilliert man aus den verschiedenen
Gewürzen wie Zimt, Kassia, Gewürznelken, Muskatnuß, Cardamomen, Ingwer,
Kalmus, Anis, Sternanis, Fenchel, Koriander usw. die betreffenden
ätherischen Öle, die mancherlei Verwendung finden. Das gleiche ist
mit den wohlriechenden Lippenblütlern der Fall, wie Pfefferminze,
Fenchel, Melisse, Citronell, Krauseminze, Rosmarin, Lavendel, Thymian,
Basilicum und Salbei, zu denen als eines der wichtigsten tropischen
ätherischen Öle dasjenige eines Halbstrauchs von Indien, Ceylon und
Malakka, ~Pogostemon patschuli~, hinzukommt, das nach der bengalischen
Benennung +Patschuli+ heißt. Diese alle werden durch Destillation aus
den Blättern und übrigen krautigen Pflanzenteilen gewonnen. Mit dem
durchdringend riechenden Patschuli parfümieren die indischen Frauen
ihre Kopfhaare, die Kaufleute die teuren Schale und den Tabak, die
Chinesen ihre Tusche. Auch in Europa wird diese Essenz häufig zu
Parfümerien verwendet, da der Duft derselben der haltbarste unter allen
Pflanzengerüchen ist.
Mit dem Patschuliduft wurden übrigens die Europäer durch die damit
parfümierten indischen Schale bekannt, die früher zu ganz enormen
Preisen verkauft wurden. Einige französische Fabrikanten aber ahmten
sie in so ausgezeichneter Weise nach, daß die Kaufleute das indische
Fabrikat nur durch sein eigentümliches Parfüm zu unterscheiden
vermochten. Natürlich boten die französischen Fabrikanten alles auf, um
zu demselben Parfüm zu gelangen, damit kein Mensch mehr ihr Fabrikat
vom indischen unterscheiden könne und sie dafür dieselben hohen
Preise wie für jenes erhielten. Längere Zeit blieben ihre Bemühungen
erfolglos, bis es endlich gelang, das Geheimnis zu lüften. Das
getrocknete Patschulikraut kam nach Europa und der französische Schal
war fortan auch durch die Nase nicht mehr vom echt indischen, durch
Handarbeit hergestellten, zu unterscheiden.
Das in der Pflanze enthaltene Patschuliöl ist ein Beispiel dafür, wie
der Naturprozeß, durch den der Duftstoff entsteht, erst künstlich
eingeleitet werden muß. Die frisch gepflückten Blätter enthalten
nämlich das Öl noch nicht; sie werden halbtrocken in den Schiffsraum
verpackt und machen nun auf der Reise nach Europa eine Art Gärung
durch, bei welcher erst der Duftstoff entsteht. Ganz ähnlich ist es mit
der Entwickelung von anderen Duftstoffen, z. B. bei den Vanilleschoten,
die in frischem Zustande keine Spur Vanillin enthalten. Erst durch
einen künstlich eingeleiteten Gärungsprozeß kommt es zur Bildung dieses
wohlriechenden Stoffes, der dann in feinen, weißen Kristallen die durch
die Gärung schwarz gewordenen Schoten bedeckt. Ebenso entwickelt sich
das gleich zu besprechende Kumarin der Tonkabohne, des Waldmeisters
und verschiedener Grasarten erst nach dem Trocknen als Heu, wodurch
erst jene Substanzen den bekannten, ihnen eigentümlichen betäubenden
Duft erhalten.
Eines der feinsten und kostbarsten der flüchtigen Öle, dem in Südasien
sogar der allererste Rang eingeräumt wird, ist das +Ylang-Ylangöl+, das
aus den grünlichen Blüten des etwa 20 m hohen, auf den südasiatischen
Inseln heimischen, von den Malaien als Kananga bezeichneten Baumes
~Cananga odorata~, aus der Familie der Anonazeen, gewonnen wird. Es
kommt fast ausschließlich aus den Philippinen über Manila in den Handel
und wird aus den Blüten von kultivierten Bäumen, deren Duft sehr
viel feiner als derjenige der wildwachsenden ist, hergestellt; das
Öl der letzteren, das als Kanangaöl bezeichnet wird, kostet deshalb
auch fast zwanzigmal weniger, nämlich bloß 25 Mark das kg, während
das echte Ylang-Ylangöl von kultivierten Bäumen 480 Mark das kg im
Großhandel kostet. Es ist lichtgelb, etwas leichter als Wasser und von
großem Wohlgeruch. Durch die große Nachfrage und die sehr hohen dafür
bezahlten Preise veranlaßt, wurde es seit Anfang der 1860er Jahre
zuerst auf Luzon, dann auch auf Java dargestellt. Seit vier Jahren
sind mit der Kultur des Kanangabaumes auch auf der französischen Insel
Réunion bedeutende Erfolge erzielt worden, beträgt doch die Zahl der
blütentragenden Bäume dort bereits etwa 200000. Der Baum nimmt zwar
mit jedem Boden vorlieb, gibt aber den meisten Ertrag an Blüten auf
gutem Boden. Auch müssen die Pflanzungen vor dem Winde geschützt
werden, da die Zweige sich sonst durch Aneinanderreiben beschädigen.
Nur die Bäume, die in geschützten Vertiefungen und auf kräftigem,
feuchtem Boden gepflanzt wurden, haben sich als widerstandsfähig und
nutzbringend erwiesen. Bei guter Pflege trägt die Pflanze schon nach 1½
Jahren die ersten Blüten, die aber noch arm an dem wohlriechenden Öl
sind. Die erste volle Blüte pflegt vom vierten Jahre an einzutreten,
steigert sich bis zum zehnten Jahre und bleibt dann eine ganze Reihe
von Jahren auf demselben Ertrag. 10 kg Blüten von einem Baum
entsprechen einer Mittelernte, doch kann ein solcher ausnahmsweise 50
bis 60 kg liefern. Durchschnittlich kann man pro Hektar 2000 kg
Blüten rechnen, die 20 kg höchstwertigen Ylang-Ylangöles im Werte
von 9600 Mark, oder 40 kg minderwertigen Ylang-Ylangöles liefern;
es ist dies also eine mit Rücksicht auf die geringen Erzeugungskosten
sehr rentable Kultur, die auch für die deutschen Kolonien sehr
empfehlenswert wäre.
In Südasien werden schon lange die wohlriechenden Samenkörner einer
strauchartigen Malve (~Hibiscus abelmoschus~) als Parfüm benutzt, z.
B. zwischen die Wäsche gelegt. Sie riechen ähnlich wie Moschus und
kommen deshalb als +Moschuskörner+ in den Handel. Von Indien aus hat
sich der Strauch, dessen unreife Früchte als beliebtes Gemüse gegessen
werden, über die ganzen Tropen und Subtropen verbreitet und wird
besonders in Westindien, speziell Martinique, im großen kultiviert.
In den beiden letzten Jahrzehnten hat sich der Verbrauch des aus den
Moschussamen gewonnenen ätherischen Öles außerordentlich gesteigert.
Ihm im Geruche ähnlich ist das aus der bitteraromatischen Wurzel der
in der zentralasiatischen Steppe heimischen Sumbulpflanze, eines
Doldengewächses (~Ferula sumbul~), gewonnene andere Moschusöl, das
ebenfalls ein Surrogat des echten Moschusöles bildet.
Der echte +Moschus+ stammt bekanntlich von dem zwischen Nabel
und Geschlechtsteilen liegenden, 30-50 g schweren Beutel des
rehähnlichen, auf den Gebirgen Hinterasiens, besonders in Tibet
und der Mongolei lebenden, 1,15 m langen Moschustieres (~Moschus
moschiferus~), der mit einer bräunlichen, schmierigen Substanz von
sehr durchdringendem Geruch gefüllt ist. Diese dient zur Anlockung
und geschlechtlichen Erregung des Weibchens. Der beste Moschus kommt
von der Provinz Jün-nan im südwestlichen China in kleinen, verlöteten
Bleikästen zu 20-30 Stück in den Handel und kostet bis zu 3500 Mark
das kg. In ähnlicher Weise wird auch das +Zibet+ der männlichen
Zibetkatze und das +Bibergeil+ des Bibermännchens verwendet. Sie
sind nebst der +Ambra+ des Pottwales, die meist in größeren Knollen
freischwimmend auf dem Meere angetroffen und gefischt wird, die
einzigen aus dem Tierreiche gewonnenen Duftstoffe, denen in der
Parfümerie eine große Bedeutung zukommt. Obschon wir hier nur die
pflanzlichen Duftstoffe zu besprechen haben, müssen wir sie dennoch
erwähnen, da sie zur Geltendmachung der pflanzlichen Duftstoffe sehr
wichtig sind. So unangenehm sie konzentriert auf unser Geruchsorgan
wirken, so angenehm sind sie stark in Alkohol verdünnt. Was sie für die
Parfümerie so wichtig macht, ist nicht sowohl ihr eigenes Aroma, als
vielmehr ihre Fähigkeit, die Geruchsentwicklung der ihnen beigemischten
pflanzlichen Ingredienzen zu fördern und andererseits wieder zu
fixieren, d. h. eine etwas zu rasche Verflüchtigung zu verhindern.
Hierin werden sie am wirkungsvollsten von den künstlichen Riechstoffen
unterstützt, dem zweiten großen Faktor in der Parfümeriefabrikation,
den wir im wesentlichen der deutschen Riechstoffchemie zu verdanken
haben. Von ihnen war bereits die Rede, so daß wir hier nicht näher
darauf einzutreten brauchen.
Wie das in den Orchideenblüten nicht seltene +Vanillin+, das jetzt
auch künstlich hergestellt wird, sich in konzentrierter Form in den
gegorenen Schoten der Vanillepflanze vorfindet, so ist das in der
Pflanzenwelt als Duftstoff weitverbreitete +Kumarin+, das, wie gesagt,
dem Waldmeister, dem Ruchgras und dem Heu den charakteristischen
Geruch verleiht, in der südamerikanischen +Tonkabohne+ in besonders
hohem Maße angehäuft. Die sie hervorbringenden Tonkabäume (~Dipterix
odorata~) sind 20-27 m hohe Schmetterlingsblütler, die in den Wäldern
Guianas, Venezuelas und Nordbrasiliens heimisch sind. Von dort kommen
die über mandelgroßen, glänzend schwarzen, runzeligen Samen in den
Handel, die sich nach vorübergehendem Einlegen in Rum mit farblosen
Kumarinkriställchen bedecken. Während sie wie die Vanilleschoten
und das Kraut von Waldmeister und Ruchgras frisch fast geruchlos
sind, duften sie jetzt stark nach Heu, indem sich wahrscheinlich das
Kumarin, wie das Vanillin und ähnliche Duftstoffe, aus einer andern
leicht zersetzlichen Substanz erst bildet. Es dient vielfach zur
Parfümerie, als wohlriechende Beigabe zum Schnupftabak, zur Bereitung
von Maitrankessenz und zur Imprägnierung von gewöhnlichen, geruchlosen
Kirschbaumtrieben, die dann als Weichselrohr zur Herstellung von
Pfeifenrohren, Spazierstöcken usw. dienen. In der Medizin wird damit
der penetrante Geruch des Jodoforms gemildert.
Reichliche Verwendung finden auch die in den Blüten und Früchten der
Agrumen, wie auch in den wohlriechenden Blüten der verschiedenen
Gartenpflanzen, wie Veilchen, Reseda, Maiglöckchen, Heliotrop,
Hyazinthen, Tuberosen, Jasmin, Akazien usw. enthaltenen ätherischen
Öle. Die Stadt Grasse in Südfrankreich ist das Zentrum von deren Kultur
und Gewinnung. Dabei werden die gepflückten Blüten mit geschmolzenem
Fett übergossen und umgerührt, erstarrt 24 Stunden liegen gelassen.
Dann wird das Fett wieder geschmolzen und dieser Prozeß wiederholt,
bis das Fett mit dem Riechstoff gesättigt ist. Zur Erreichung dieses
Resultates sind von manchen Blüten bis 6 kg auf 1 kg Fett
erforderlich. Für die feinsten Gerüche verfährt man in der Weise, daß
man große, starke Glastafeln 0,5 cm hoch mit ebensolchem reinem Fett
-- früher Schweineschmalz und Rindstalg, jetzt meist Vaselin -- belegt
und in diese die Blüten, deren Duft man auffangen will, mit dem Kelch
nach oben steckt. Auf die Glastafel wird eine zweite, in derselben Art
zugerichtete gelegt, welche, als Deckel dienend, den Geruch nicht
entweichen läßt; darauf wird eine dritte wiederum mit Blüten besteckt,
Glasseite auf Glasseite gelegt, die man ebenfalls mit einer Deckplatte
versieht, und so fort. Nach 25-30 Tagen ist das Fett mit dem Dufte der
täglich gewechselten Blüten gesättigt. Diese als Pomaden bezeichneten
parfümierten Fette bilden die Grundlage der meisten Parfümartikel.
Aus ihnen kann man durch Extraktion mit Weingeist den Riechstoff als
Essenz erhalten und in einzelnen Fällen ihn auch als ätherisches Öl
für sich abscheiden. Der Sprit gibt dem Parfüm die Frische, und sein
Geruch hat etwas Belebendes. Um nun die verschiedenen, vielfach mit
Phantasienamen belegten Parfümwässer zu erhalten, werden die Essenzen
in mannigfaltiger, als Fabrikgeheimnis geheimgehaltener Weise gemischt
und zur gegenseitigen Durchdringung der Duftstoffe oft längere Zeit in
Holzfässern gelagert.
Mehr von historischem Interesse ist das uns allen aus der biblischen
Geschichte bekannte Nardenöl, mit dem auch die Füße des Heilands
von der Ehebrecherin gesalbt wurden und das im Altertum als
kostbares Parfüm eine große Rolle spielte. Es wurde bei den Alten
aus mehreren wohlriechenden Pflanzen, besonders aus der Familie
der Baldriangewächse, gewonnen. Die echte kostbare Nardensalbe des
Altertums wurde aus der im mittleren Himalaja wachsenden echten
+indischen Narde+ (~Nardostachys jatamansi~) bereitet. Ihre Wurzel
schmeckt bitter gewürzhaft und war neben dem Opium ein wichtiger
Bestandteil des aus etwa 60 verschiedenen Pflanzenstoffen mit Beigabe
der widersinnigsten tierischen Substanzen, wie z. B. des Fleisches von
Giftschlangen, hergestellten Theriaks, eines vom griechischen Leibarzte
des Kaisers Nero, Andromachos, erfundenen berühmten Gegenmittels
gegen den Biß giftiger Schlangen und alle tierischen Gifte überhaupt,
das dieser einst mit einem in Versen abgefaßten Rezept dazu jenem
Kaiser zu Füßen legte. Seither wurde jenes Mittel bis ins vergangene
Jahrhundert, wie das ebenfalls in der römischen Kaiserzeit von einem
andern griechischen Arzte, Menekrates, erfundene Diachylonpflaster, ein
durch Kochen von Bleioxyd in Öl mit Zugabe von Gummiharzen und Harzen
bereitetes Zugpflaster, das bis heute in sehr hohem Ansehen beim Volke
blieb, stets feierlich in aller Öffentlichkeit unter dem Schall von
Trompeten und Trommeln hergestellt. Noch im Jahre 1787 schmetterten die
Pauken und Trompeten bei der gewichtigen Darstellung dieses Theriaks,
zu dessen Herstellung die Vipern in Neapel noch unter den Bourbonen
unter staatlicher Aufsicht gefangen wurden. Das bei den vornehmen alten
Römern besonders zum Salben des Körpers nach dem Bade sehr beliebte
wohlriechende indische Nardenöl ist heute noch in seiner Heimat Indien
ein geschätztes Duft- und Heilmittel, weshalb die Nardenpflanze dort zu
diesem Zwecke von alters her angebaut wird.