Geschichtschreiber Älius Spartianus: „Kaiser Hadrian teilte zu Ehren
seiner Schwiegermutter Gewürze (~aroma~) unter das Volk aus und ließ
zu Ehren (seines Vorgängers) Trajan über die Stufen des Theaters
(wohlriechenden Mekka-) Balsam und (zur Parfümierung in Wein gelösten)
Safran fließen.“ Zu dessen Zeit wurden auch die Statuen in den Theatern
mit duftenden Essenzen aller Art, besonders auch dem sehr beliebten
Safran gesalbt, von welchem nach dem griechischen Arzte Dioskurides
Thessalos behauptete, er sei das einzige wirklich gut riechende Ding.
Es gab damals auch hohle Bildsäulen aus Erz, die mit feinen Poren
bedeckt waren, aus welchen man wohlriechende Essenzen herauszupressen
vermochte, so daß die Luft ringsum mit Wohlgerüchen erfüllt war. Auch
bei Gastmählern der Vornehmen war die Einrichtung getroffen, daß aus
den Kuchen und dem Obst bei der geringsten Berührung wohlriechende
Parfüms, mit Vorliebe in Wein gelöster Safran herausflossen. Und von
Kaiser Heliogabalus (eigentlich Valerius Avitus Bassianus, wurde als
Oberpriester des syrischen Gottes Elogabalus, dessen Namen er selbst
annahm, auf Anstiften seiner Großmutter Julia Mäsa, der Schwägerin des
Kaisers Septimius Severus, 218 17jährig von den syrischen Legionen
zum Kaiser ausgerufen, zog 219 in Rom ein, wohin er den orgiastischen
Dienst seines Gottes verpflanzte und ein schwelgerisches, wollüstiges
Leben führte, bis er schon 222 von der Leibgarde, den Prätorianern,
ermordet wurde) berichtet sein Biograph Älius Lampridius: „Kaiser
Heliogabalus ließ die Polster, auf denen er mit seinen Gästen bei
Tische lag, oder die Betten, auf denen er ruhte, mit Rosenblättern
füllen, ließ die Säulenhallen mit Rosenblättern bestreuen und ging
auf diesen spazieren, oder er gebrauchte statt der Rosen allerlei
Blumen wie Lilien, Veilchen, Hyazinthen und Narzissen. Er badete nur
in Teichen, deren Wasser mit edlen Essenzen oder mit Safran gemischt
war. Die Polster, auf denen er gewöhnlich bei der Mahlzeit lag, waren
mit Hasenhaar oder Rebhuhnfedern ausgestopft. -- Einst lud Heliogabalus
die vornehmsten Herren zu Gast und wies ihnen als Sitz Sofas an, die
mit Safran gepolstert waren.“ Auch andere antike Schriftsteller melden
allerlei von solchem, erst durch orientalische Einflüsse in das Rom der
Cäsaren gekommenen extravaganten Luxus.
Nach dem Untergange der römischen Weltherrschaft beschränkte sich
die Anwendung der feineren Parfümerien wesentlich auf das an Kultur
höher stehende Morgenland und die Vornehmen von Byzanz, während das
die Weltflucht predigende Christentum des Abendlandes solchem Luxus
nicht gewogen war. Unter den Arabern, die, wie alle Orientalen,
Wohlgerüche sehr lieben, wurde mit den Parfümen besonders von Rosen
ein großer Luxus wenigstens unter den Vornehmen, die sich solches
leisten konnten, getrieben. Und diese Liebhaberei verbreiteten sie
überall in Nordafrika, Spanien und Sizilien, wo sie Fuß faßten. Hier
war im Gegensatz zum asketischen Christentum überall eine Stätte
frohen Lebensgenusses. Wie in Bagdad so wurden auch in Andalusien
Blumengärten angelegt und heitere Feste gefeiert. Zur Zeit der
Abbaditenherrschaft hatte Sevilla beispielsweise 400000 Einwohner und
war ganz Andalusien durch die Fülle seiner reichbewässerten Kulturen
ein Paradies, von dessen Herrlichkeiten sich als letzte Zeugen die
auf Mandelbäume gepfropften Rosen erhielten. Als Beispiel des hier
im Fürstenhause herrschenden Luxus sei erwähnt, daß, als einmal der
Lieblingsgattin des als Dichter hervorragend begabten Abbaditenfürsten
Muchtamid die Lust ankam, es den Weibern aus dem Volke nachzumachen,
die sie mit bloßen Füßen Lehm treten sah, dieser duftende Spezereien
zerreiben und auf den Boden des Saales ausstreuen ließ, so daß sie
ihn ganz bedeckten. Alsdann ward Rosenwasser darauf gegossen, und mit
Vergnügen wateten die vornehmen Damen in der schlammartigen Masse von
Myrrhen, Weihrauch, Zimt, Ambra und Moschus. Erst durch den Einfluß
der Kreuzzüge und der arabischen Ärzte kam auch im Abendlande die
Anwendung von Wohlgerüchen bei den Wohlhabenden auf und drang während
der Renaissance in breitere Volksschichten zunächst in den reichen
Städten Italiens, später auch Mitteleuropas ein. Aus ihrer Heimat
Florenz verpflanzte Katharina von Medici 1533 bei ihrer Vermählung mit
Franz I. Sohn, dem nachmaligen König Heinrich II., den übermäßigen
Gebrauch von Parfümen an den französischen Hof, der dann unter Ludwig
XIV. und XV. die Verwendung von Wohlgerüchen beinahe so weit trieb,
als es die Vornehmen im kaiserlichen Rom getan hatten. Wie der Kaiser
Nero seine Gemächer stets mit Rosenessenzen parfümiert haben wollte,
liebte Ludwig XIV. in einer stark nach Orangenblüten duftenden
Atmosphäre zu leben. Der allmächtige Minister Richelieu, der seit 1624
unter Ludwig XIII. die Geschicke Frankreichs leitete, verließ nur
selten sein scharfparfümiertes Arbeitszimmer. Zu seiner Zeit war der
Geruch faulender Äpfel sehr beliebt und man rieb deren zersetztes, mit
Gewürznelken und Zimt gespicktes Fleisch mit Fett zusammen, um sich
mit der so erhaltenen Masse die Haare zu parfümieren. Es ist dies die
Pomade, die von den faulen Äpfeln ~pommes~ ihren Namen erhielt und
deshalb eigentlich wie im Französischen Pommade geschrieben werden
sollte. So üppig auch der französische Hof war, so war er in bezug auf
Reinlichkeit kein Muster, und hier wurden die Parfüme zum großen Teil
zum Verdecken der eigenen üblen Gerüche verwendet. Im Gegensatz zur
Badfreundlichkeit des Mittelalters war jene Zeit sehr wasserscheu; bis
zum König hinauf mied man als Nachwirkung der mittelalterlichen Askese
nach Möglichkeit selbst das tägliche Waschen von Gesicht und Händen mit
Wasser, befeuchtete vielmehr nur diese Körperteile bei der Toilette
mit Parfümen, und war daneben äußerst sparsam mit dem Wechseln der
Leibwäsche, die viele Wochen anbehalten wurde, bis man sich endlich
zum Wechseln derselben entschloß. Besonders unter dem liederlichen
Ludwig XV. wurde die Verschwendung in der Anwendung von Parfümen eine
heillose, so daß dessen eine Mätresse, die Pompadour, jährlich dafür
mehr als eine halbe Million Franken ausgab. Und zwar waren damals die
stärksten Düfte die beliebtesten, so außer Peau d’Espagne besonders
Moschus, Zibet, Ambra und sogar ~Asa foetida~ (Teufelsdreck). In den
Räumen, in denen sich der König aufhielt, mußte jeden Tag mit den
Parfümen gewechselt werden. Noch die Kaiserin Josephine überfüllte ihr
Schlafzimmer mit Moschusduft, während der Kaiser Napoleon I. sich mit
Kölnischem Wasser überschwemmte.
Heute verwenden selbst die Vornehmen nicht mehr solch übertriebene
Parfümierung, die nur ein Zeichen stumpfer Geruchsnerven und unfeiner
Art ist. Am meisten Parfümluxus treiben noch die elegant sein wollenden
Frauen, deren Geruchsorgan, wie durch eingehende wissenschaftliche
Versuche festgestellt wurde, überhaupt weniger fein empfindet als
dasjenige der Männer, so daß ihnen ein Parfüm noch angenehm ist, das
letzteren vielfach schon unangenehm stark erscheint. Aber wenn auch
heute bedeutend weniger ausgiebig wie früher parfümiert wird, so ist
dennoch der Verbrauch an Parfümen sehr viel größer als je in der
parfümwütigsten Vergangenheit, weil derselbe sich nicht mehr auf die
höchsten Kreise, die sich diesen Luxus erlauben konnten, beschränkt,
sondern sich auf alle Volkskreise gleichmäßig ausgedehnt hat, so daß
die Herstellung derselben einen bedeutenden Industriezweig darstellt.
Und zwar wird heute im Gegensatz zum Altertum nicht sowohl der Körper,
als die getragene Leibwäsche und die Schränke und Behälter, in denen
sie aufbewahrt wird, parfümiert, wobei jedes Individuum am besten sein
eigenes, seiner Persönlichkeit entsprechendes Parfüm wählt und dann
auch beibehält. Denn es ist entschieden als ein Fehler zu bezeichnen,
daß man die Wohlgerüche alle Tage wechselt, wie es zwar auch manche
Modeköniginnen tun, die immer das Parfüm gebrauchen, das nach ihrem
Geschmack zur Farbe ihrer jeweiligen Toilette zu gehören scheint. Es
ist ein Zeichen viel höherer Kultur und feinerer Sitte, wenn Damen
unter allen Umständen den von ihnen als sympathisch empfundenen und
deshalb gewählten Wohlgeruch immer, als unzertrennlich von ihrer
Art und Person wählen, gleich der Rose, Lilie oder Nelke, die auch
stets nur ihren spezifischen, ganz zu ihnen gehörenden und mit zur
Kennzeichnung ihres Wesens dienenden Duft aufweisen. Am raffiniertesten
wird der Parfümgebrauch in Frankreich getrieben, wo die eleganten
Damen in die Säume ihrer Röcke und in die Achselseiten der Taillen
schmale Streifen getrockneten Parfüms in Pulverform einnähen lassen,
der bei jeder Bewegung des Rocksaumes und der Gestalt fein berauschend
emporwirbelt. Dabei wird das Haar niemals parfümiert, da es bei
jeder Person seinen eigenen Wohlgeruch hat, der sich nur bei der
allergrößten, peinlichsten Reinlichkeit bei Anwendung vielfacher
Waschung zeigt, und um so mehr hervortritt, je mehr das Haar gereinigt
und gepflegt wird. So soll, um nur zwei Beispiele anzuführen, nach Ada
von Gersdorff, das nun weiß werdende Blondhaar der deutschen Kaiserin
Auguste Viktoria einen feinen, an Veilchenduft erinnernden Geruch
aufweisen, während das einst dunkle, nun ebenfalls grau werdende
Haar der Königinwitwe Margarita von Italien einen zarten Ambraduft
aushauchen soll. Beide Fürstinnen parfümieren es niemals.
Europa verbraucht jährlich etwa 1 Million kg flüssiges Parfüm,
800000 kg Pomaden und Essenzen, außerdem aber ungeheure Mengen
parfümierter Seifen, Puder, Räucherkerzen, Waschwässer usw. Die
meisten Parfüms liefert Frankreich, das jährlich für über 12 Millionen
Franken davon ins Ausland versendet, während Deutschland in demselben
Zeitraum für gegen 2 Millionen Mark ein- und für 6½ Millionen Mark
ausführt. Erst neuerdings ist auch England in den Wettbewerb mit
jenen beiden Ländern getreten. In Frankreich ist die Südküste an der
Riviera der Produktionsort der meisten Wohlgerüche, und zwar ist
das Zentrum dieser Industrie das Städtchen Grasse, wenige Stunden
westlich von Nizza, dann auch Cannes und Nizza selbst, wo gewaltige
Kulturen wohlriechender Blumen angelegt sind, um dem Bedarfe der
Parfümfabriken zu genügen. Diese verarbeiten jährlich ebenfalls über 1
Million kg der verschiedensten wohlriechenden Blumen und Kräuter und
beschäftigen dabei etwa 15000 Menschen. Die Kunst der Parfümgewinnung
aus Blumen ist hier erst in der Neuzeit aufgekommen. Und zwar sind
die zur Parfümgewinnung verwandten Stoffe des Pflanzenreichs fast
stets ätherische Öle, die aus den Blüten, Blättern, Fruchtschalen
oder anderen Teilen der betreffenden Pflanze durch Auspressen, durch
Destillation mit Wasserdampf oder durch Zusammenbringen mit Fetten,
die sie aufnehmen, gewonnen werden. Die Destillation mit Wasserdampf
wird da angewendet, wo der Duftstoff, wie z. B. in den Blüten der
Rose, quantitativ ein für allemal ausgebildet ist. Dadurch würde man
nun bei anderen Blüten, wie Jasmin, Tuberose und dergleichen, die
während ihrer Blütezeit immer nur ganz geringe Mengen Parfüm auf einmal
bilden, da sie durch den Wasserdampf getötet werden, bloß minimale
Mengen des Duftstoffes gewinnen. Hier wendet man das Zusammenbringen
mit einem das Parfüm gierig aufsaugenden Körper wie Fett an. Bei
diesem Prozeß, den die Franzosen Enfleurage bezeichnen, kommen die
betreffenden wohlriechenden Blüten auf hölzernen Gestellen zwischen
zwei Fettschichten zu liegen, an die sie ihren Riechstoff abgeben,
indem das Parfüm der vom Fett durch Gaze getrennten Blüten durch
darüber geleitete Luft auf dieses Medium übertragen wird. Das Fett --
früher reines Tierfett, jetzt bevorzugt man das geruchlose Vaselin --
wird dann durch Extraktion mit Äther von dem eingedrungenen ätherischen
Öl befreit oder kommt direkt als Pomade in den Handel. Auch nach der
Extraktion ist meist noch so viel Duftstoff im Fett enthalten, daß
dieser Rückstand als Haarpomade verkauft werden kann. Aus 1000 kg
Jasminblüten lassen sich durch Destillation 200 g ätherisches Öl
entziehen; bei der Enfleurage aber gewinnt man aus demselben Quantum
etwa 1800 g ätherisches Öl und überdies noch die vorgenannte
Menge bei der schließlichen Destillation. Dies macht also zusammen
2 kg Duftstoff.
[Illustration:
Tafel 119.
Ein Feld von zur Parfümgewinnung angepflanzten Tuberosen in
Südfrankreich.]
[Illustration: Rosenernte auf den Feldern der Parfümerie B. Court in
Grasse (Südfrankreich).]
[Illustration:
Tafel 120.
Das Sortieren der Rosen zur Gewinnung von Rosenöl.
(Parfümerie B. Court in Grasse.)]
[Illustration: Das Extrahieren der ätherischen Öle im Wasserbad.
(Parfümerie B. Court in Grasse.)]
[Illustration:
Tafel 121.
Rosenernte der Firma Schimmel & Co. in Miltitz bei Leipzig.]
[Illustration:
Tafel 122.
Destillierraum für Rosenöl der Firma Schimmel & Co. in Miltitz bei
Leipzig.]
Je mehr Farbe und Gerbstoff eine Blüte ausbildet, um so weniger
Riechstoff entwickelt sie. Weiße Blüten bilden, besonders wenn sie auf
die Befruchtung durch in der Dämmerung fliegende Falter angewiesen
sind, sehr starke Wohlgerüche aus, dann kommen die mehr auf den Besuch
von Taginsekten eingerichteten gelben und roten und erst zuletzt die
blauen Blüten. Grüne Blüten sind stets geruchlos, während bräunliche
und schmutzigrote, faulendem Fleisch ähnlich gefärbte, zur Anlockung
der die Befruchtung bei ihnen vollziehenden Aasfliegen jenen angenehme,
für uns aber unangenehme indoloide Düfte entwickeln. Eine Überfülle
von Licht erhöht wohl die Menge des Parfüms, vermindert aber dessen
Feinheit; deshalb sind viele im Norden gezogene Duftstoffe an Qualität
viel feiner als im Süden gewonnene. So übertrifft deutsches Rosenöl
an Feinheit das bulgarische, das übrigens auch mit weniger Sorgfalt
gewonnen wird, und Südengland bringt das wohlriechendste Lavendel- und
Pfefferminzöl hervor.
Die meisten Pflanzen verdanken ihren Geruch einem komplizierten Gemisch
verschiedener Verbindungen, und gerade die charakteristischsten
darunter finden sich oft in äußerst geringer Menge, so daß die
naturgetreue künstliche Nachahmung derselben zu den schwierigsten
Aufgaben der chemischen Technik gehört. Seltener ist ein einzelner
Stoff der alleinige oder wesentliche Geruchsträger, wie das Iron der
Iris- oder Schwertlilienwurzel, das identisch ist mit dem Jonon in der
Veilchenblüte -- deshalb wird erstere im Volksmund auch Veilchenwurzel
genannt --, das Vanillin in der Vanilleschote, das Kumarin in der
Tonkabohne, im Waldmeister und Ruchgras, das Eugenol im Nelkenöl, der
Zimtaldehyd im Kassia- oder Zimtöl. Eine Analyse des Blumenduftes
ist deshalb meist ausnehmend schwierig, weil selbst Stoffe, die
quantitativ nur in Spuren vorhanden sind, oft die gewichtigsten
Faktoren im Konzert der verschiedenen Geruchskomponenten bilden. So
sind Hauptbestandteile des höchst aromatisch riechenden Nelkenöls die
schon längst bekannten beiden Duftstoffe Eugenol und Karyophyllen.
Mischt man nun auch diese beiden Körper im richtigen Verhältnis, wie
sie in den Gewürznelken enthalten sind, so hat diese Komposition
durchaus noch nicht den Geruch des Nelkenöls. Da wurde im Laboratorium
der größten deutschen Parfümfabrik, von Schimmel & Co. in Miltitz bei
Leipzig, die Beobachtung gemacht, daß das allererste Destillat des
ätherischen Öls ganz geringe Mengen eines äußerst intensiv und ganz
anders riechenden Körpers enthielt. Setzte man nur wenige Tropfen
von diesem dem Eugenol-Karyophyllengemisch zu, so erzielte man dann
erst den charakteristischen Geruch des natürlichen Nelkenöls. Eine
solche Substanz ist z. B. der Anthranilsäuremethylester, der dem
Orangenblütenöl seinen Duft verleiht; mit seiner Hilfe kann man eine
ganze Reihe noch anderer feiner Blumendüfte synthetisch erzeugen.
Allerdings sind das alles mehr oder weniger glückliche Nachahmungen
des Naturprodukts. Zu einem künstlichen Aufbau eines natürlichen
Parfüms gelangt man meist nur dann, wenn der Geruchsträger ein
einheitlicher Stoff ist. Eine solche Synthese gelang beim Vanillin
aus Eugenol und beim Veilchenduft Jonon (identisch mit dem Iron
der Schwertlilienwurzel) aus Geraniol, dem mit dem Rhodinol der
Rose identischen ätherischen Öl des Geraniums und wohlriechender
Grasarten. Ein Surrogat dagegen ist der künstliche Moschus, zu dessen
Herstellung ein Zufall geführt hat. Als Bauer nämlich das Butyltoluol
(das Toluol wird durch Destillation des Steinkohlenteers gewonnen)
mit Salpetersäure behandelte und dabei in jenes drei Nitrogruppen
einführte -- dieselben Gruppen, die beispielsweise aus dem Glyzerin den
gefürchteten Sprengstoff Nitroglyzerin hervorgehen lassen -- erhielt
er eine Substanz, die dem natürlichen, fast unerschwinglich teuren,
der sexuellen Anreizung des Weibchens dienenden Sekret des männlichen
Moschustieres täuschend ähnlich duftet.
Die Duftstoffe gehören den verschiedensten Körperklassen an. Die
ätherischen Öle sind Verbindungen von Kohlenwasserstoffen und enthalten
teilweise auch sauerstoffhaltige Körper. Viele scheiden beim Erkalten
einen Stearopten genannten festen Körper von anderer Zusammensetzung
als das flüssig bleibende Eläopten aus. Teilweise sind die Duftstoffe
Alkohole, wie das Geraniol (identisch mit Rhodinol), das riechende
Prinzip des kostbaren Rosenöls, oder das aus dem billigen Terpentinöl
gewonnene Terpineol, das dem Fliederparfüm seinen charakteristischen
Duft verleiht. Der Benzylalkohol ersetzt zusammen mit Benzylacetat den
Wohlgeruch des Jasmins, der Zimtalkohol duftet nach Hyazinthen, das
Menthol -- auch ein Alkohol -- gibt der Pfefferminze ihr würziges,
erfrischendes Aroma. Von Aldehyden ist das Citral der Träger des
Zitronengeruchs, Anisaldehyd derjenige des blühenden Weißdorns;
auch das Vanillin der Vanille und das Piperonal des Heliotrops sind
Aldehyde. Das Nitrobenzol ist das synthetische Bittermandelöl.
Künstlich gewinnt man auch das Neroliöl genannte Öl der Orangenblüten,
einen wesentlichen Bestandteil des Kölnischen Wassers. Eine wichtige
Gruppe bilden auch die Ester, Verbindungen aus organischen Säuren und
Alkoholen, weil sie nicht nur Geruchs-, sondern auch Geschmacksträger
sind, und zwar vermitteln sie gewöhnlich Geschmack und Geruch von
Obstsorten, wie Birne, Apfel, Ananas usw. Schon im Jahre 1850
erschienen sie als die ersten künstlich zusammengesetzten Parfüms im
Handel, und zwar zuerst auf dem englischen Markt als ~apple-oil~ und
~pear-oil~. Heute verwendet man sie meist für Limonaden, Fruchtbonbons
und dergleichen mehr. Geruch und Geschmack stehen ja in engem
Zusammenhang, und erst die Kombination von Geruchs- und Geschmackssinn
vermittelt die Geschmacksabstufungen. Der leichteste Schnupfen hebt ja
nicht nur die Geruchs-, sondern auch die Geschmacksempfindung mehr oder
weniger auf.
Manche Duftstoffe riechen verdünnt und unverdünnt ganz gleich,
so z. B. der Moschus; andere wieder duften nur in chemischer
Reinheit sehr angenehm, während die geringste Verunreinigung einen
widerwärtigen Mißgeruch bewirkt. Andere wieder, wie das Jonon,
Vanillin und Kumarin, riechen in konzentrierter Form unangenehm
scharf und kampferartig und erst in sehr großer Verdünnung lieblich.
Die Gegenwart mancher Duftstoffe läßt andere selbst in den kleinsten
Dosen stark hervortreten, so beispielsweise der Kampfer die im Schweiß
enthaltenen Duftstoffe. Daher kommt es, daß, wenn jemand ein kürzlich
erst aus dem kampferhaltigen Behälter geholtes Kleid anhat, er schon
beim leichtesten Schwitzen einen unangenehm starken Schweißgeruch
verbreitet. Wie sich einerseits das Geruchsorgan gegen bestimmte Düfte
abstumpfen kann, so daß man sie vorübergehend oder dauernd nicht mehr
riecht, so kann dasselbe andererseits auch durch Übung sehr verfeinert
werden, was uns die Tee-, Hopfen- und Zigarrenhändler beweisen, die
Unterschiede der von ihnen zu beurteilenden Ware herausriechen, die ein
Ungeübter gar nicht herauszufinden vermag.
Man sollte meinen, das Vermögen, die Wohlgerüche zum Teil genau zu
kopieren und auf künstlichem Wege vielfach in größerer Vollkommenheit
darzustellen, habe die betreffenden Naturprodukte langsam verdrängen
müssen. Dies ist aber durchaus nicht der Fall, sondern der Verbrauch
der Drogen selbst steigt vielmehr und beide, Natur- und Kunstprodukt,
beherrschen nebeneinander den Markt, wie dies beispielsweise bei
der Vanille der Fall ist. Da viele Laien unbegreiflicherweise eine
unbezwingliche Scheu vor allen chemischen Kunstprodukten empfinden,
wird auch trotz allen Triumphen der Chemie in Zukunft stets das
Naturprodukt neben dem Kunstprodukt in Ehren gehalten werden und seine
alte Stellung behaupten.