Balsambaums. Noch der Venezianer Prosper Alpino, der 1617 64jährig
als Professor der Botanik in Padua starb, sah, als er Ägypten um 1590
besuchte, im Sultansgarten von Matarie, wenige Kilometer nordöstlich
von Kairo, den echten Balsambaum angepflanzt. Er berichtet uns darüber
in einem 1592 veröffentlichten eigenen Dialog. Seither wurde er erst
wieder im letzten Jahrhundert von Europäern gesehen. Einst besaß
dieser Balsam, den wir neben Myrrhe und Würze aller Art als Ladung
der von Gilead im Ostjordanland nach Ägypten ziehenden Karawane der
Ismaeliter erwähnt finden, an die Jakobs Söhne ihren später zu so
hoher Stellung in Ägypten gelangten Bruder Joseph verkauften, eine
große Bedeutung als Handelsartikel auch des Abendlandes. War er doch
ursprünglich das heilige Salböl der christlichen Kirche, das zum
sogenannten Chrisma -- deshalb bei uns auch Chrisam genannt -- benutzt
wurde, wie ihn die morgenländischen Kulte bereits in gleicher Weise
verwendeten. Erst als das den Balsam erzeugende Land Arabien und Syrien
in die Hände der Muhammedaner fiel und dieser Handelsartikel infolge
der gespannten Beziehungen mit den Christen immer seltener wurde und
schließlich fast gar nicht mehr zu haben war, ist dann nach Entdeckung
der Neuen Welt durch eine päpstliche Bulle im 16. Jahrhundert der aus
dem nördlichen Südamerika bezogene Perubalsam zum heiligen Salböl
befördert worden, als welches es seither ausschließlich dient. Übrigens
werden auch die nach Verletzung der Rinde ausgeschwitzten Gummiharze
einiger anderer amerikanischer Balsambäume als des Perubalsambaums, so
besonders dasjenige des in Westindien und dem nördlichen Südamerika
heimischen westindischen Elemibaumes (~Commiphora plumieri~ -- so
genannt nach dem 1646 zu Marseille geborenen Franziskaner Charles
Plumier, den Ludwig XIV. dreimal nach Amerika schickte, um besonders
von Guiana aus Heilpflanzen nach Frankreich zu bringen; er starb, als
er eine vierte Reise antreten wollte, im Hafen von Sta. Maria bei
Cadix), auch aus der Familie der Burserazeen oder Balsambäume wie
die Erzeuger der vorhin genannten wohlriechenden Gummiharze. Dessen
ausgeschwitzter Balsamharz wird als +westindisches Elemi+ bezeichnet,
im Gegensatz zum viel länger bekannten +ostindischen Elemi+, das in
Indien ebenfalls seit Urzeiten zu gottesdienstlichen Räucherungen, als
Arzneimittel und zur Herstellung von wohlriechenden Salben dient. Ein
dem westindischen Elemi sehr ähnliches wohlriechendes Gummiharz liefert
auch der im nördlichen Südamerika heimische +brasilische Elemi+baum
(~Commiphora ambrosiaca~), dessen nach Verletzungen aus der Rinde
ausfließender Balsam, an der Luft erhärtet und in großen, unförmlichen,
zusammengebackenen, blaßgelblichen Klumpen in den Handel gelangt. Es
riecht eigentümlich aromatisch und dient außer zu Räucherungen auch
zur Herstellung von Salben und Pflastern. In gleicher Weise wird das
+Caranna+- oder +Mararaharz+ von der am Orinoko wachsenden ~Amyris
caranna~, das die Eingeborenen Guianas von alters her bei Quetschungen
und Wunden gebrauchen, und das von dem ebenfalls in Guiana wachsenden
Baume ~Amyris heptaphylla~ gewonnene +Conimaharz+ verwendet. Letzteres
stellt eine Art Kopal dar und wird auch als solches zur Herstellung von
Firnissen und Lacken benutzt.
Auch verschiedene solche wohlriechende Gummiharze bergende Hölzer
werden zu gottesdienstlichen und medizinischen Räucherungen benutzt,
so das Holz des orientalischen Balsambaums (~Commiphora opobalsamum~)
und das ebenfalls balsamisch riechende +Gafaholz+ von ~Commiphora
erythraea~ auf den Dahlakinseln an der Küste der italienischen Kolonie
Erythräa am Südufer des Roten Meeres. Letzteres wird besonders in
der muhammedanischen Welt zu Räucherungen in den Moscheen und zum
Beräuchern der Wassergeschirre benutzt.
Als Surrogat der teuren orientalischen Myrrhe diente den Griechen,
wie wir von Dioskurides erfahren, zu Räucherungen und als Heilmittel
die kleingeschnittene Wurzel der +Pferdesellerie+ (~hipposélinon~),
einer besonders in Böotien wildwachsend gefundenen Pflanze (~Smyrnium
olusatrum~), die getrocknet als böotische Myrrhe in den Handel
gelangte. Am brauchbarsten sei sie, meint jener Arzt, wenn sie den
angenehmen Geruch der echten Myrrhe habe.
Ein wertvolleres Räuchermittel, das auch zur Herstellung von
Arzneien eine ziemliche Bedeutung besaß, war den Griechen wie den
vorderasiatischen Völkern, von denen sie seine Verwendung kennen
lernten, der +Styrax+, ein wohlriechendes Gummiharz, das bereits in
den hieroglyphischen Texten als ~minaki~ erwähnt wird. Bei den regen
Handelsverbindungen mit Syrien und Babylonien kann es uns nicht
wundern, daß dieses wohlriechende Balsamharz aus Syrien, wo es im
Altertum in ziemlicher Menge gewonnen wurde, schon frühe nach dem
Niltal gelangte, um so mehr die Ägypter einen so ungemein großen Bedarf
an solchen Räuchermitteln und wohlriechenden Drogen zur Herstellung
von gottesdienstlichen Räucherungen und Salben und Arzneien hatten.
Durch die Phönikier wurde dieses Gummiharz nach Griechenland gebracht,
was nach Herodots Aussage noch zu seiner Zeit, im 5. vorchristlichen
Jahrhundert, der Fall war. Die Hippokratiker bedienten sich seiner
vielfach als Heilmittel, besonders bei den Frauen zur Beförderung
der Menstruation. Der um 25 n. Chr. verstorbene griechische Geograph
Strabon aus Amasia am Südrande des Schwarzen Meeres gibt als Vaterland
des dieses Balsamharz liefernden Baumes Arabien und das Taurusgebirge
in Nordsyrien an. Er sagt darüber: „Hoch auf dem Rücken des
Taurusgebirges, bei der Stadt Selge, wächst der Styraxbaum (~stýrax~)
in großer Menge. Von ihm kommen die Styraxlanzenschäfte, welche denen
von der Kornelkirsche ähnlich sind. In den Stämmen dieser Bäume wohnt
eine Art Holzwürmer. Diese bohren sich Gänge durch die Rinde und aus
ihnen fällt dann das Wurmmehl, das sich unten um den Stamm sammelt.
Danach tropft auch eine Flüssigkeit heraus, welche wie Gummi leicht
zusammenbackt. Sie vermischt sich am Boden mit dem Wurmmehl und mit
Erde; ein Teil aber bleibt am Stamme kleben und ist rein. Auch der am
Boden liegende unreine Styrax wird gesammelt; er riecht besser als
der reine, ist aber in anderer Hinsicht schwächer wirkend. Er wird
besonders zum Räuchern gebraucht.“
Um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. sagt der aus Kilikien
stammende griechische Arzt Dioskurides von ihm: „Der Styrax (~stýrax~)
tröpfelt aus einem Baume, der dem Quittenbaum ähnlich ist. Für den
besten gilt der gelbe, fette, harzige, der weißliche Klümpchen enthält,
recht lange wohlriechend bleibt und beim Erweichen eine honigartige
Flüssigkeit ausschwitzt. So ist der syrische aus Gabale, ferner der
aus Pisidien und Kilikien beschaffen. Der dunkelfarbige, zerreibliche,
kleienartige taugt nichts. Selten ist der durchsichtige, gummi- und
myrrhenartige Styrax. Man verfälscht den Styrax mit dem aus dem Baume
kommenden Wurmmehl, dem man Honig, pulverisierte Schwertlilienwurzel
und sonst allerlei beimischt. Es gibt auch Leute, welche Wachs und
Talg mit Gewürzen und Styrax an der heißen Sonne kneten, dann durch
ein weites Sieb in kaltes Wasser treiben, wodurch wurmartige Stücke
entstehen, die als Wurmstyrax verkauft werden und bei Unerfahrenen für
echten Styrax gelten. -- Der Styrax hilft gegen mancherlei Übel, man
verbrennt ihn auch so, daß man viel Ruß gewinnt, den man ebenfalls
braucht (namentlich für schwarze Tinte zum Schreiben). Von Syrien wird
auch die Styraxsalbe in den Handel gebracht.“ Ähnlich drückt sich
sein Zeitgenosse Plinius aus. Er sagt nämlich: „Syrien erzeugt in der
oberhalb Phönikiens gelegenen Gegend den Styrax (~styrax~); auch wird
der von Pisidien, Sidon, Cypern und Kilikien gerühmt, nicht aber der
von Kreta. Der beste ist der braunrote, fettigzähe aus dem syrischen
Amanus. Verfälscht wird der Styrax mit Zedernharz und Gummi, auch mit
Honig und bittern Mandeln. Vom besten kostet das Pfund 17 Denare (etwa
10 Mark). Der Styrax wird innerlich und äußerlich gebraucht.“ Dieses
Styrax ist das der Benzoe verwandte balsamisch riechende Gummiharz
des Styraxbaumes (~Styrax officinale~), eines 4-7 m hohen, strauch-
bis baumartigen Gewächses mit kurzgestielten, eiförmigen, unterseits
weißfilzigen Blättern, endständigen Trauben wohlriechender Blüten und
filzigen, grünen Steinfrüchten. Er wächst in Südeuropa, Kleinasien,
Syrien, Cypern und Kreta.
An die Stelle dieses festen Styrax, der den alten Kulturvölkern allein
bekannt war, ist seit dem 17. Jahrhundert der +flüssige Styrax+
getreten, der aus dem unter der Rinde liegenden Splint des in Lykien
und Karien wachsenden Amberbaums (~Liquidambar orientalis~) durch
Kochen mit Wasser und Abpressen gewonnen wird. Das wiederum getrocknete
Holz dient mit gepreßter Borke in der griechischen Kirche als
+Christholz+ neben Weihrauch zu rituellen Räucherungen und kam früher
als +Weihrauchrinde+ in den Handel.
Außer dem Holz des Amberbaums wurden im Altertum wie heute noch im
Orient, besonders aber bei den verschiedenen südasiatischen Völkern,
andere wohlriechende Hölzer zu Kultzwecken, beim Gottesdienst und bei
feierlichen Opfern verbrannt. Unter ihnen sind das +Sandelholz+ und das
+Aloeholz+ weitaus die wichtigsten. Ersteres ist das höchst aromatisch,
rosenartig riechende, gelbe Kernholz oder Holz von älteren Stämmen des
an der Malabarküste heimischen, aber in ganz Vorder- und Hinterindien,
besonders auf den Sundainseln, angepflanzten Sandelbaumes (~Santalum
album~ -- weiß genannt, weil das geruchlose Splintholz weiß ist).
Die Hindus, Malaien und Chinesen benutzen das wohlriechende Holz zu
mancherlei kostbaren Gerätschaften und zu Götzenbildern. Die Buddhisten
schnitzen sich mit Vorliebe Rosenkränze daraus und die Chinesen
bedienen sich des Holzes zugleich mit Weihrauch als Räuchermittel
in den Tempeln und bei Leichenbegängnissen. Auch die wohlhabenden
Inder und Araber räuchern in ihren Häusern mit demselben und lassen
sich daraus Pfeifenrohre schneiden. Letzteres dagegen, das als Aloe
gerühmte Räucherwerk des Alten Testaments, ist ein dunkelbraunes, sehr
hartes und sprödes Holz, das von ~Aquilaria agallocha~, einem Baume
Hinterindiens stammt. Es enthält nur wenig wohlriechendes Harz; man
schneidet daher die harzfreien Teile weg oder gräbt die Stämme in die
Erde, wobei dann das ganze Holz gleichmäßig damit durchtränkt wird.
Die Kulturvölker des Altertums schätzten es hoch und bezahlten es sehr
teuer. Der um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. lebende griechische
Arzt Dioskurides nennt es in seiner Arzneimittellehre ~agállochon~ und
sagt, es sei ein punktiertes, wohlriechendes Holz, das aus Indien und
Arabien gebracht werde und zum Kauen diene, um dem Munde Wohlgeruch zu
verleihen, auch zum Räuchern statt Weihrauch, und außerdem in manchen
Fällen als Arznei benutzt werde. Nach dem Untergange des Römerreiches
wurde es nur noch im üppigen Byzanz verwendet und kam erst wieder,
als das Abendland zur Zeit der Kreuzzüge mit dem Morgenlande in
Beziehungen trat, durch die Araber nach Europa. Es galt im Mittelalter
als besonders heilkräftig, während es jetzt noch in Ostasien in der
Parfümerie und zu Heilzwecken Verwendung findet. In seiner Heimat
Hinterindien wird es regelmäßig in den Tempeln verbrannt. Napoleon I.
benutzte es in seinen Palästen mit Vorliebe zu Räucherungen als Parfüm.
Endlich sind noch zwei nicht in den europäischen Handel gelangende
Produkte zu nennen, die bei den ostasiatischen Kulturvölkern eine
große Rolle spielen. Erstens der +Sumatra-+ oder +Borneokampfer+,
ein dem gewöhnlichen Laurineenkampfer ähnliches, zugleich aber etwas
nach Patschuli riechendes festes ätherisches Öl von weißer Farbe
und kristallinischem Aussehen, das in den Stämmen des hohen, auf
Sumatra und Borneo wachsenden Kampferbaums oft in großen, mehrere
Pfund schweren Stücken ausgeschieden wird, sonst das ganze Kernholz
zur Konservierung und zum Schutze vor Insektenfraß und Pilzinvasion
durchtränkt. Bevor der echte oder Laurineenkampfer aufkam, war er
wie heute noch in China und Japan der allein als Räuchermittel bei
gottesdienstlichen und andern feierlichen Handlungen verwendete, der
dort auch zum Einbalsamieren der Leichen Vornehmer dient. Er ist sehr
teuer und kam zu Beginn des Mittelalters als wertvolle Arznei und
kostbares Räuchermittel nach Syrien, wo ihn der griechische Arzt Aetios
aus Amida im 6. Jahrhundert als ~kaphura~ zuerst erwähnt. Ins Abendland
kam er durch die Vermittlung der sich seiner häufig bedienenden
arabischen Ärzte und wird um 1070 in Italien vom jüdischen Arzt Simon
Seth und um 1150 von der gelehrten Hildegard, Äbtissin des Klosters
Rupertsberg bei Bingen, erwähnt. Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts
wurde er durch den weit billigeren ostasiatischen Laurineenkampfer
ersetzt. Zweitens der in Cochinchina, Java und Amboina aus der
Komposite ~Blumea balsamifera~ gewonnene +Blumea-+ oder +Ngaikampfer+,
der seiner Kostbarkeit wegen in seiner Heimat und in China nicht mehr
zu Räucherungen, wohl aber als Arzneimittel und in letzterem Lande auch
zum Parfümieren der feinen Schreibtusche verwendet wird.
[2] Wenn neuerdings der nordamerikanische Forscher Breasted in
seiner eben deutsch im Verlag von Carl Curtius in Berlin ~W~
erschienenen, sonst sehr lesenswerten „Geschichte Ägyptens“ an
dieser und an allen anderen Stellen das Wort ~anti~ mit Myrrhe,
statt wie sämtliche übrigen Forscher mit Weihrauch übersetzt, so
ist er darin vollkommen im Irrtum, wie mir der beste Kenner der
Materie, Prof. G. Schweinfurth in Berlin-Schöneberg, auf eine
persönliche Anfrage hin eingehend zu begründen die Freundlichkeit
hatte.
XXVI.
Die pflanzlichen Wohlgerüche.
Die Hervorbringung von Duftstoffen ist eine ungemein verbreitete
Erscheinung in der Pflanzenwelt. Von den niederen Pilzen bis
hinauf zu den höchsten Blütenpflanzen wird dieser Weg mit Vorliebe
eingeschlagen, um die verschiedenen Insekten zur Verschleppung
der Sporen oder zur Befruchtung der Blüten durch Übertragung des
Blütenstaubs herbeizulocken. Auch bei den Tieren steht die Ausbildung
von Duftstoffen in engster Beziehung zur Fortpflanzung, und zwar wenden
sie hier die Männchen zur Anlockung und geschlechtlichen Erregung der
Weibchen an. Man denke außer vielen anderen nur an den Duftstoff der
Schmetterlinge, des Bibers, des Moschustieres und der Zibetkatze, welch
beide letzteren dem Menschen die stärksten überhaupt existierenden
Parfüme lieferten. Daß Wohlgerüche auch auf den Menschen anregend und
belebend wirken, ist eine längst festgestellte Tatsache, die neuerdings
auch durch wissenschaftliche Versuche belegt wurde. So konnte man
beispielsweise feststellen, daß ein Mann, der unter gewöhnlichen
Bedingungen am Ergographen 1 kg mit dem Daumen hochzuheben vermochte,
unter dem Banne des Geruches von Tuberosen 1 kg und 100 g hochhob.
In ähnlicher Weise die Psyche anregend und dadurch die Muskelkraft und
die körperliche Leistungsfähigkeit überhaupt steigernd wirken andere
Wohlgerüche. Vor allem wird aber die geistige Tätigkeit, besonders
die Phantasie durch gewisse Düfte angeregt, die bei den verschiedenen
Menschen ganz verschieden bevorzugt werden. So liebte der große Dichter
Friedrich Schiller beim Geruche faulender Äpfel, die er sich stets in
der Schublade seines Schreibtisches hielt, Viktor Hugo dagegen bei
demjenigen der wilden Winde zu dichten. Starke Düfte wie Moschus regen
auf, und unangenehme Gerüche können empfindsame Menschen geradezu
krank machen. So wurde der große Albrecht von Haller durch den Geruch
von Käse, der Herzog von Epérnay durch denjenigen des Hasen geradezu
ohnmächtig; Knoblauchgeruch entkräftete Heinrich III. von Frankreich,
spornte dagegen Heinrich IV. zu den tollsten Streichen an.
In besonders nahen Beziehungen stehen Wohlgerüche zur Mystik und
zum Geschlechtsleben. Im vorigen Abschnitt haben wir gesehen, wie
das Verbrennen wohlriechender Harze und solche enthaltender Hölzer
schon sehr früh in den Gottesdienst der orientalischen Kulturvölker
eingeführt wurde, um durch die Geruchsorgane die Sinne zur leichteren
suggestiven Aufnahme übersinnlicher Eindrücke in das für solche
Dinge empfängliche Gemüt vorzubereiten und es so in Ekstase zu
versetzen. Von den morgenländischen Religionen ging dieser Gebrauch
auf die abendländischen über und spielt heute noch eine bedeutende
Rolle im Kulte. Vom Verbrennen solch wohlriechender Drogen wie
Weihrauch, Myrrhen und bei den alten Europäern namentlich von Holz und
getrockneten Beeren des Wacholders, rührt auch der in den deutschen
Sprachgebrauch übergegangene französische Ausdruck Parfüm her, der aus
dem Lateinischen ~per fumum~ abzuleiten ist, was „durch den Rauch“,
d. h. durch die Verbrennung gewisser Substanzen erzeugter Wohlgeruch
bedeutet.
Alles deutet darauf hin, daß sich das Weib zuerst der Wohlgerüche als
sexuellen Reizmittels bediente und erst weit später dieselben zur
Verdeckung eigener übler Gerüche verwendete. Es ist durchaus kein
Zufall, daß bei allen Verführungsszenen im Alten Testament Parfüms
erwähnt werden. So weit wir in der Geschichte zurückzugehen vermögen,
finden wir wohlriechende Salben und Öle im Inventar vornehmer Frauen
und Hetären, und zwar war schon im alten Reiche in Ägypten die
Verwendung der Wohlgerüche so spezialisiert, daß für alle Körperteile
besondere Parfüms zur Anwendung gelangten. Von den Orientalen, die bis
auf den heutigen Tag große Liebhaber von Wohlgerüchen sind, so daß
sie sogar das Konfekt nach unserm Empfinden übermäßig parfümieren,
übernahmen die Griechen und Römer diese Vorliebe für Wohlgerüche. Als
die Makedonier im Gefolge Alexanders des Großen nach der Niederlage
des Dareios bei Gaugamela am 1. Oktober 331 v. Chr. die luxuriösen
Zelte des persischen Großkönigs Dareios plünderten, waren sie nicht
nur über die mancherlei darin befindlichen Kostbarkeiten, sondern
vor allem auch über den unermeßlichen Reichtum an wohlriechenden
Salben und köstlichen Gewürzen erstaunt. Doch bald lernten sie an
diesen Produkten einer verfeinerten Kultur selbst große Freude haben,
und so war bald auch in den reichen Griechenstädten der Luxus an
Parfümen ein gewaltiger, so daß sich schließlich die Gesetzgeber
genötigt sahen, dagegen einzuschreiten. Das von den Alten wegen der
in dieser Stadt herrschenden Vorliebe für diese wohlriechende Blume
als „veilchenduftend“ bezeichnete Athen trieb in den drei letzten
vorchristlichen Jahrhunderten die Parfümverschwendung so weit, daß für
die verschiedenen Teile des Körpers besondere Salben im Gebrauch waren.
Dort rieben die üppigen Frauen die Haare mit einem Parfüm aus Majoran
ein, Kinn und Nacken dagegen mit einem solchen aus Thymian und die Arme
mit einem aus Minze. In dem verweichlichten Rom der Cäsaren wurde die
Verschwendung mit Wohlgerüchen auf die Spitze getrieben. Damals war
das unter dem Konsulat des Licinius Crassus aufgebrachte Gesetz, das
in Italien den Verkauf ausländischer Parfümerien verbot, schon längst
als unhaltbar aufgegeben, und von weither bezog man die kostbarsten
Essenzen, den Veilchenduft von Athen, Rosenöl aus Kyrene, Nardensalbe
aus Assyrien, Hennablütenextrakt aus Ägypten usw. Die Verwendung der
Parfüms stand ganz im Dienste der Liebesgöttin Venus, und der Handel
mit den Wohlgerüchen wurde meist von Kurtisanen, Kupplerinnen und
Bordellwirten ausgeübt.
Man macht sich keinen rechten Begriff von den Unsummen, die damals in
Rom für Wohlgerüche und kostbare Salben ausgegeben wurden. Zahllos
sind die von den alten griechischen und römischen Schriftstellern
genannten Drogen, die zur Bereitung der täglich nach dem Bade zur
Geschmeidigmachung des Körpers angewandten Salben verwendet wurden.
Die hauptsächlichsten sind das Rosen-, Lilien-, Veilchen-, Narzissen-,
Myrten-, Majoran-, Thymian-, Minzen-, Basilikum-, Iris-, Narden-,
Kalmus-, Kardamom-, Balsamholz-, Zimt-, Kassia-, Malabathron- (von der
ostasiatischen Kassienart ~Cinnamomum dulce~), Safran-, Weihrauch-,
Myrrhen- und Galbanumöl.
In seiner Naturgeschichte berichtet uns der beim Vesuvausbruch, der
Pompeji und Herkulanum verschüttete, 79 n. Chr. umgekommene ältere
Plinius, daß wohl die Perser die Erfinder der Salben seien; „denn diese
schmieren sich bis zum Triefen damit ein. Das erste Salbenkästchen hat,
so viel mir bekannt, Alexander nach der Besiegung des Darius unter den
Sachen vorgefunden, die dieser König mit sich führte. Später hat sich
der Gebrauch der Salben auch bei uns verbreitet. Man schätzt sie hoch,
man glaubt, sie gehören zu den Annehmlichkeiten des Lebens, ja man geht
so weit, daß man die Leute noch einsalbt, wenn sie tot sind.“
Die Namen der Salben sind teils von ihrem Ursprung, teils von ihren
Bestandteilen, teils aus anderer Veranlassung hergenommen. Bald hat
man der einen, bald der andern den Preis zuerkannt, bald hat man die
einzelnen Salben am liebsten aus dem einen, bald aus dem andern Lande
bezogen. Sie bestehen aus einem mit einem Riechstoff imprägnierten
Öl und sind vorzugsweise mit Drachenblut (dem blutroten Harz des
Drachenblutbaumes von Sokotra, der bekannten Insel Ostafrikas) oder
Färberochsenzunge gefärbt. Dabei bewirkt eine Beimengung von Harz
oder Gummi, daß sich der Riechstoff nicht so schnell verflüchtigt.
Verfälscht werden die Salben auf vielerlei Art.
Es gibt Leute, welche die Salben lieber dickflüssig als dünnflüssig
haben, die sich also mit ihnen lieber beschmieren als begießen lassen.
Marcus Otho hat sogar den Kaiser Nero dahin gebracht, daß er sich die
Fußsohlen salben ließ, was doch wohl barer Unsinn ist. Man hörte auch
von einem einfachen Bürger, der die Wände seiner Bäder salben ließ.
Der Kaiser Cajus (Caligula) ließ die Badesessel salben, und später
machte sich auch ein Sklave des Nero dieses kaiserliche Vergnügen.
Die Liebhaberei für Salben hat sich sogar in die römischen Feldlager
eingeschlichen, und an festlichen Tagen werden die Adler der Legionen
und andere bestäubte, von Lanzenspitzen umstarrte Feldzeichen gesalbt.
Wann der Gebrauch der Salben sich unter den Römern verbreitet habe,
wage ich nicht zu sagen. Jedenfalls ist es aber gewiß, daß im Jahre der
Stadt 565 (188 v. Chr.), nach Besiegung des Antiochus (im Jahre 190)
und Asiens, die Zensoren Publius Licinius Crassus und Lucius Julius
Cäsar das Gesetz gaben, daß niemand ausländische Salben verkaufen
dürfe. „Jetzt aber ist es längst so weit gekommen, daß gar manche sie
sogar in die Getränke tun und sich so auch inwendig parfümieren. Es
ist auch eine Tatsache, daß Lucius Plotius, Bruder des Konsuls und
Zensors Lucius Plancus, als er von den Triumvirn geächtet war und sich
im Salermitanischen verborgen hielt, durch seinen Salbengeruch verraten
wurde. Wird ein solcher Mensch totgeschlagen, so erleidet die Welt eben
keinen großen Verlust.“ Plinius kann sich also mit diesem übermäßigen
Parfümgebrauch, der durch griechischen Einfluß aufkam, nicht recht
befreunden. Anderthalb Jahrhunderte später weiß uns der in Naukratis
in Ägypten geborene und im luxuriösen Alexandreia lebende Grieche
Athenaios manch interessanten Zug von der Salbenmanie der üppigen
Griechen jener reichen Handelsstadt zu erzählen. So sagt er, daß es bei
den Reichen Sitte sei, nach der Mahlzeit Salben in goldenen Gefäßen
herumzugeben und man sich den Spaß mache, einem schlafenden Gaste das
Gesicht tüchtig damit einzuschmieren.
Um zu zeigen wie sich ein echter griechischer Stutzer salbt, führt
dieser sehr belesene Grammatiker Athenaios eine Stelle aus der Alkestis
des Dichters Antiphanes an, wo es heißt: „Wenn er sich gebadet, läßt
er sich aus einem goldenen Becken Hände und Füße mit ägyptischer
Salbe einreiben, mit phönikischer Salbe dagegen Wangen und Brust,
mit Minzensalbe die Arme, mit Majoransalbe die Augenbrauen und das
Haupthaar, mit Thymiansalbe Knie und Hals.“ Dann führt er eine Stelle
aus dem Gedichte Prokris an, wo vorgeschrieben wird, wie dem Schoßhund
der Prokris abgewartet werden soll. ~A.~: „Mach dem Hündchen ein
weiches Lager aus milesischer Wolle zurecht und lege eine hübsche
Purpurdecke darüber.“ -- ~B.~: „Du lieber Gott!“ -- ~A.~: „Koch ihm
Weizengraupen mit Gänsemilch (wohl mit Honig gemischte Milch, worin
Lebern eingeweicht sind)!“ -- ~B.~: „Potz tausend!“ -- ~A.~: „Salbe ihm
die Füße mit megallischer Salbe!“ --
Derselbe Autor berichtet: „König Antiochos Epiphanes (A. IV., syrischer
König aus dem Stamm der Seleukiden, regierte 175-163 v. Chr., reizte
durch grausame Tyrannei die Juden zum Aufstand unter den Makkabäern
und machte einen erfolglosen Angriff auf Ägypten) pflegte sich in
öffentlichen Bädern unter der Menge des badenden Volkes mit zu baden
und ließ jedesmal ganze, mit den kostbarsten Salben gefüllte Fäßchen
mitbringen. Bei dieser Gelegenheit sagte einmal jemand zu ihm: ‚Ihr
Könige seid doch recht glücklich, daß ihr so herrliche Salben führt
und einen so angenehmen Wohlgeruch verbreitet!’ Der König gab keine
Antwort, kam aber am anderen Tage wieder, brachte ein gewaltiges Gefäß
mit, das mit der kostbaren Myrrhensalbe, welche ~stáktē~ heißt, gefüllt
war, und ließ es über dem Kopfe dessen, der ihn glücklich gepriesen
hatte, ausgießen. Sobald dies geschehen war, sprangen alle, die sich
im Badehause befanden, scharenweise auf, rannten herbei, um auch etwas
von der Salbe zu erwischen und sich damit einzuschmieren. Auch der
König rannte in derselben Art herbei, und wie nun der Boden schlüpfrig
war und einer über den andern herfiel, so gab es ein laut schallendes
Gelächter.“ Späterhin schreibt er: „Bei einem großen, feierlichen
Aufzuge, den derselbe König bei Gelegenheit der Daphnischen Spiele
abhielt, befanden sich auch 300 Weiber, welche aus goldenen Urnen
Salben umherspritzten.“
Auch bei öffentlichen Schaustellungen liebte man im üppigen Rom der
Kaiserzeit, das Publikum mit Wohlgerüchen zu bespritzen; so schreibt
der römische Philosoph und Tragödiendichter Lucius Annaeus Seneca (2-65
n. Chr.), besser als Erzieher und Leiter des jugendlichen Nero bekannt,
in einer seiner Episteln: „Heutzutage hat man sogar die Erfindung
gemacht, in verborgenen Röhren Wasser, das mit Safran gemischt ist,
bis zu einer ungeheuren Höhe emporzupumpen, um die Leute im Theater
damit zu bespritzen und zu parfümieren. Man hat die Kunst erfunden,
das Theater plötzlich mit Wasser zu füllen und es so in einen Teich
zu verwandeln, und wieder trocken zu legen; ebenso hat man die Kunst
erfunden, bei Schmausereien dem Speisesaal bei jedem Gericht eine neue
Decke zu geben.“