Was den Schiffsverkehr der Ägypter nach Südarabien, dem Lande des
Weihrauchs, anbetrifft, so war er wieder besonders lebhaft zur
Ptolemäerzeit. Aber auch damals tat er den Handelsbeziehungen der
Sabäer zum Norden keinen bedeutenden Eintrag. Nach wie vor blieben
diese letzteren, wie uns eine Inschrift aus der Ptolemäerzeit beweist,
die Weihrauchlieferanten aller großen Tempel Ägyptens. Der Reichtum der
Sabäer war immer noch weltberühmt und ihre Unbezwingbarkeit bewährte
sich selbst gegenüber dem Feldherrn des römischen Kaisers Augustus,
der nach anfänglichen Erfolgen von dem uneinnehmbaren Marib abziehen
mußte. Noch heute zeugen die gewaltigen Ruinen, die 20 Stockwerke
hohe Burg Gomdān in Sanaa, der Tempel von Marib, dessen 9,5 m hohe
Mauern ellipsenförmig um eine natürliche Bodenerhöhung verlaufen
und die große Talsperre von Marib, deren Bersten die Araber mit dem
Untergange der Sabäermacht in Zusammenhang brachten, von der einstigen
hohen Kultur jenes Reiches, das außer durch seine eigenen Produkte,
vor allem Weihrauch und Myrrhe, durch seine Lage auf dem Wege von
Indien nach Ägypten und den Ländern am Mittelmeer zum Handelsstaate
prädestiniert war. Sein Machtbereich erstreckte sich bis nach Gaza
am Mittelländischen Meere und überall dem Handelswege entlang besaß
es befestigte Niederlassungen als Ablagen für den Handelsverkehr und
Stützpunkte seiner Macht. Aus spätsabäischer Zeit sind Gold-, Silber-
und Kupfermünzen der Herrscher, die zugleich oberste Priester ihres
Volkes waren, auf uns gekommen. Sie bekunden eine starke Abhängigkeit
von griechischen, später von römischen Vorbildern und zeigen uns die
Könige zuerst in altarabischer Haartracht mit frei herabhängendem,
langem Haar, später in geringelten, langen Strähnen und zuletzt im
kurzen Haar der römischen Imperatoren.
Wie bei den Ägyptern war auch bei den Vorderasiaten, namentlich den
Babyloniern, der Weihrauch ein bei den Gottesdiensten zu Räucherungen
viel gebrauchter Handelsartikel. Herodot berichtet uns im 5.
Jahrhundert v. Chr., daß die Araber alljährlich dem Perserkönige
Dareios (um 500 v. Chr.) einen Tribut von tausend Talenten (= 26200 kg)
Weihrauch abliefern mußten. Derselbe Autor sagt, daß die Weihrauchbäume
in Arabien von vielen kleinen, geflügelten Schlangen bewacht werden.
Wollen nun die Leute den Weihrauch holen, so müssen sie erst Styrax
(griech. ~stýrax~, der aus Stamm und Ästen des in Syrien und Arabien
wachsenden Styraxbaumes, ~Styrax officinalis~, gewonnene, zähflüssige,
graubraune, aromatisch riechende Balsam) anbrennen, um die gefährlichen
Tiere durch den Dampf zu vertreiben.
Welche Rolle dieses Räuchermittel auch bei den Juden spielte, ist uns
aus dem Alten Testament genugsam bekannt. Den Propheten des Alten
Bundes ist das um seiner kostbaren, wohlriechenden Harze wegen viel
beneidete Glücklich-Arabien, das Land der Sabäer, der Inbegriff des
Reichtums. So begreifen wir, daß Jesaias, der seit 740 v. Chr. in
Jerusalem wirkte, da er seinem Volke alle Herrlichkeiten der Erde
versprach, wenn es Jahve die Treue halte und ihm allein diene, ihm (in
Kap. 60, Vers 6) verhieß: „Dann wird die Macht der Heiden zu dir kommen
und die Menge der Kamele wird dich bedecken; sie werden aus Saba alle
kommen und Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.“
Und im Neuen Testament hat die sinnige, die Geburt des Heilandes mit
den verschiedensten außergewöhnlichen Begebenheiten ausschmückende Sage
als Beweis der besonderen Verehrung des Jesuskindleins die uns allen
von Jugend auf bekannte Geschichte von den Weisen (eigentlich Magiern)
aus dem Morgenlande erdichtet, die dem Sterne nach Bethlehem folgten,
um das Kind anzubeten. Und das Kostbarste, was jene Zeit sich erdenken
konnte, brachten sie dem Kindlein dar; so heißt es Matthäus 2, 16:
„und sie taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und
Myrrhen“.
Von den seefahrenden Phönikiern lernten die Griechen den Weihrauch
und seine gottesdienstliche und profane Verwendung als Räuchermittel
namentlich bei Begräbnissen und als Arzneimittel kennen. Das beweist
schon die Übernahme der semitischen Bezeichnung desselben ~lebonah~, d.
h. weiß, in die griechische Sprache als ~líbanos~, woraus dann später
die Römer, als sie diese Droge von den süditalischen Griechen kennen
lernten, ~olibanum~ machten. Später benutzten die Griechen auch die aus
dem griechischen ~thýein~ opfern gebildete Bezeichnung ~thýos~, woraus
das lateinische ~thus~ für Weihrauch wurde. Auch den Griechen war, wie
den Ägyptern und Vorderasiaten, der Weihrauch so sehr der Inbegriff
alles Herrlichen, daß der Dichter Pindar (522-442 v. Chr.), der
erhabenste Lyriker seines Volkes, in einer herrlichen Ode die Seelen
der Abgeschiedenen auf den Gefilden der Seligen unter Weihrauchbäumen
wandeln läßt, während sie noch bei Homer, der diese Droge
überhaupt noch nicht gekannt zu haben scheint, in der Unterwelt auf
Asphodeloswiesen (~Asphodelus ramosus~, einer in den Mittelmeerländern
in Menge wachsenden Lilienart mit weißen Blütentrauben, deren scharfe
Wurzelknollen als Arznei und ihres Reichtums an Stärkemehl wegen auch
als Nahrung gegessen wurden, so auch, wie Porphyrius uns erzählt,
vom Philosophen Pythagoras, der sie sehr liebte) wandelten und
sich hier vornehmlich mit Spiel und Jagd die Zeit vertrieben. Der
griechische Arzt Dioskurides (im 1. Jahrhundert n. Chr.) sagt in seiner
Arzneimittellehre: „Der Weihrauch (~líbanos~) wächst in demjenigen
Teile Arabiens, den man als das weihrauchtragende bezeichnet. Der
beste ist der sogenannte männliche, auch ~stagoniás~ genannt, von
Natur in walzigen Stücken. Er ist weiß, inwendig fettig und brennt,
an die Flamme gebracht, schnell. Man wendet den Weihrauch und den aus
verbranntem Weihrauch gewonnenen Ruß als Arznei an.“ In derselben Weise
wurden übrigens auch nach demselben Autor die Myrrhe und der Myrrhenruß
benutzt.
Der griechische Geschichtschreiber und Geograph Arrianus (ums Jahr 110
n. Chr. in Nikomedien geboren und unter Marcus Aurelius gestorben),
der einzige Schriftsteller des Altertums, der eine genaue Kenntnis der
arabischen Küste besaß, schreibt in seinem Buche über die Umschiffung
des Roten Meeres: „An der Südküste Arabiens liegt der Handelsplatz
Kane in der weihrauchtragenden Gegend. Landeinwärts von Kane liegt
die Hauptstadt des Landes, Sabbatha, in der der König wohnt. Nach
Kane wird der Weihrauch, der im Lande gewonnen wird, wie in ein
gemeinschaftliches Magazin gebracht, was teils auf Kamelen, teils auf
Fellbooten, teils auf eigentlichen Schiffen geschieht. Von Kane aus
wird der Weihrauch weiter verhandelt. -- Das Weihrauchland erstreckt
sich von Kane weiter ostwärts an der Küste hin bis zum Vorgebirge
Syagros und der sachalitischen Handelsstadt Moscha, ist bergig, sehr
schwer zugänglich, hat eine dicke, neblige Luft. Die Weihrauchbäume
sind nicht groß. Der Weihrauch quillt in Tropfen hervor und erstarrt an
der Rinde, wie bei uns in Ägypten das Gummi (~kómmi~). Er wird von den
Sklaven des Königs und verurteilten Verbrechern gesammelt. Die Gegend
ist ungeheuer ungesund, selbst für Leute, die nur vorbeischiffen. Die
Weihrauchsammler sind demnach einem sicheren Tode geweiht; dieser wird
oft noch durch Nahrungsmangel beschleunigt. Auch auf dem Vorgebirge
Syagros ist eine Burg mit einem Weihrauchmagazin und einem Hafen. --
Östlich vom Vorgebirge Syagros liegt an der Südküste Arabiens im
sachalitischen Gebiete die Hafenstadt Moscha, wohin der sachalitische
Weihrauch gebracht wird, welcher von königlichen Beamten verhandelt
wird. Der Weihrauch liegt hier auf einem großen Haufen, der gar nicht
bewacht wird, indem die Götter selbst den Ort schützen. Denn nimmt ein
Schiffer ohne Erlaubnis der königlichen Beamten auch nur ein Körnchen
heimlich oder offen, so ist das Schiff, durch Göttermacht gebannt,
nicht imstande, den Hafen zu verlassen.“
Arrian berichtet auch in seinem Buche über Indien, daß die Leute
Alexanders (des Großen) an der Mündung des Euphrat das Dorf Diridotis
fanden, wohin Kaufleute Weihrauch und anderes Räucherwerk aus Arabien
brachten, und Plinius sagt in seiner Naturgeschichte: „Weihrauch und
Myrrhe (~thus et myrrha~) sind Erzeugnisse Arabiens, doch wächst
die Myrrhe auch im Lande der Troglodyten, der Weihrauch aber sonst
nirgends, und nicht einmal in ganz Arabien, sondern nur in der
Landschaft Saba, wo in einer gebirgigen Gegend die Weihrauchwälder
stehen. Der Weihrauch wird von Saba aus auf einer schmalen Straße,
welche durch das Land der Minäer geht, verführt. -- Den Baum selbst
kennen wir nicht, obgleich die römischen Waffen tief nach Arabien
hinein vorgedrungen sind. Die griechischen Beschreibungen weichen sehr
voneinander ab. -- Als Alexander (der Große) noch ein Kind war und
große Massen Weihrauch auf die Altäre warf, hatte ihm sein Erzieher
Leonides gesagt, er möge erst dann soviel davon vertun, wenn er die
Weihrauchländer erobert habe. Wie nun Alexander später Arabien erobert
hatte, schickte er dem Leonides eine ganze Schiffsladung Weihrauch,
damit er tüchtig räuchern könne. -- In Rom kostet jetzt das Pfund
des besten Weihrauchs 6 Denare (= 3 Mark), das der zweiten Sorte
5 Denare (= 2,50 Mark) und das der dritten Sorte 3 Denare (= 1,50
Mark). Jährlich wird jetzt eine ungeheure Menge von Weihrauch bei
Leichenbegängnissen verbrannt, während man in alten Zeiten den Göttern
nur etwas Mehl und Salz opferte, und gleichwohl waren sie damals
gnädiger als sie jetzt sind.“ Derselbe Autor berichtet weiterhin, daß
Kaiser Nero beim Leichenbegängnis seiner zweiten Gemahlin, Poppaea
Sabina, die er nach Verstoßung der achtbaren Oktavia durch schnöden
Freundschaftsbruch in seinen Besitz gebracht hatte, aber, ihrer
überdrüssig, sie im Jahre 65 durch Mißhandlung in hochschwangerem
Zustande tötete, als Opfer für die Götter mehr Weihrauch verbrennen
ließ, als nach der Berechnung Sachkundiger ganz Arabien in einem Jahre
hervorzubringen vermöge. Allerdings waren die Eigenliebe und die
Gefallsucht dieser Frau sehr groß. Obschon sie nicht mehr jung war,
lebte sie nur der Pflege ihrer Körperschönheit, trug zur Erhaltung
ihres zarten Teints eine Maske, die sie vor dem Sonnenbrande schützen
sollte, und führte auf ihren Reisen und während des Sommeraufenthaltes
stets 500 Eselinnen mit sich, um täglich in deren Milch baden und
so, wie sie glaubte, die Weiße ihrer Haut erhalten zu können. Ferner
berichtete Statius, daß, als der reiche Abascontius seine Gattin
Priscilla bestatten ließ, im langen Leichenzuge, als zur Verbrennung
bestimmt, alle Blumen, die Arabiens und Kilikiens Frühling erzeugt,
auch die Blumen des Sabäerlandes, die Gewürze Indiens, Weihrauch und
Balsam aus Palästina getragen wurden.
Außer als Räucherwerk spielte der Weihrauch bei den Griechen und Römern
auch medizinisch eine wichtige Rolle. Schon die Hippokratiker bedienten
sich seiner bei Asthma, Uterusleiden und äußerlich zu verschiedenen
Salben. Diese Verwendung blieb das Mittelalter hindurch, wie auch die
christliche Kirche von den antiken Kulten das Verbrennen von Weihrauch
in besonderen Räuchergefäßen, die vielfach mit großer Kunst hergestellt
wurden, übernahm und in den römisch- und griechisch-katholischen
Abzweigungen bis auf den heutigen Tag beibehielt. Auch die
katholisierende englische Hochkirche und die Sekte der Irvingianer
bedient sich noch dieses uralten Rauchopfers bei ihren Gottesdiensten.
Vom lateinischen ~incensum~, d. h. das, was (bei den Gottesdiensten)
verbrannt wird, hat der Weihrauch die Bezeichnung ~encens~ im
Französischen und ~incense~ im Englischen. Auch hier bewahrheitet
sich die immer wiederkehrende Tatsache, daß der Mensch in nichts so
konservativ ist, als in Sachen der Religion.
Bedeutende Mengen von Weihrauch verbrauchen auch die Chinesen zu
Opfern und bei Leichenbegängnissen. Sie erhielten ihn seit dem 10.
Jahrhundert von den Arabern. Auch in Indien wird seit dem frühesten
Altertum von einheimischen Commiphoraarten Weihrauch gewonnen und
bei den Gottesdiensten als Brandopfer verbrannt. So wird er schon
um 500 v. Chr. im ~Ayur veda~ Susrutas erwähnt. Dieser indische
Weihrauch, der schon im Altertum neben dem arabischen und heute
noch von den Muhammedanern mit Vorliebe verbraucht wird, stammt von
~Boswellia thurifera~, einer vom Gangesgebiet bis zur Koromandelküste
wachsenden, dem echten Weihrauchbaum sehr nahe verwandten Burserazee,
die Colebrooke 1809 in Ostindien entdeckte. Diesen Baum haben
wahrscheinlich schon die Griechen auf dem Alexanderzuge im Pandschab
kennen gelernt. Jedenfalls wurde auch dieser Weihrauch später neben dem
arabischen verwendet. Dioskurides bezeichnet ihn als ~syagrium~; er
sei bräunlich und werde mit der Zeit gelblich. Er werde absichtlich zu
walzigen Stücken geformt. Außer ihm gebe es noch eine geringe dunkler
gefärbte und eine geringe weiße Sorte. Verfälscht werde dieser wie auch
der arabische Weihrauch mit Pinienharz und Gummi; doch sei der Betrug
leicht zu merken, weil der Gummi nicht brennt, das Pinienharz sich in
Rauch verwandelt, der Weihrauch aber klar brennt. Auch der Geruch gebe
ein sicheres Merkmal, um den Unterschied festzustellen.
In derselben Weise diente auch das dunkelbraune bis grünliche Gummiharz
der im nordwestlichen Indien und in Belutschistan einheimischen
~Commiphora roxburghi~ und das mehr gelbrote ostafrikanische von
~Commiphora africana~. Beide wurden besonders zu Rauchopfern wie auch
arzneilich viel verwendet und kamen als +Bdellium+ in den Handel.
Dieses Bdelliumharz wurde schon von den alten Ägyptern für sich
allein oder mit Myrrhen, Weihrauch und Mastix (dem Harz von ~Pistacia
lentiscus~) in Form einer Kyphimischung zum Rauchopfer oder zur
Herstellung von Arzneien verwendet. Auch die Juden, die es hebräisch
~bdolah~ nannten, benutzten es wie Myrrhe, ebenso die Griechen, die
dieses Harz wie die übrigen Weihrauchharze durch Vermittlung der
Phönikier kennen lernten. Durch die Griechen wurden dann die Römer
damit bekannt gemacht. Plinius erwähnt es, und sein Zeitgenosse, der
griechische Arzt Dioskurides, sagt von ihm: „Das ~bdéllion~ tröpfelt
aus einem arabischen Baume. Das beste ist bitter, durchscheinend,
wie Leim anzusehen, fett, in der Mitte leicht erweichend, ohne
Beimischung von Holzteilen und andern Verunreinigungen. Auf glühende
Kohlen gestreut gibt es einen angenehmen Geruch. Eine zweite Sorte ist
schmutzig und schwarz, bildet größere Klumpen und kommt aus Indien.
Es kommt auch eine Sorte von Petra (der alten Hauptstadt der Nabatäer
in Nordwestarabien bei der Sinaihalbinsel); sie ist trocken, harzig,
bläulich und ist von zweiter Güte. Man verfälscht das Bdellium mit
(arabischem) Gummi; dann ist es aber nicht mehr so bitter und riecht
beim Räuchern nicht so angenehm. Es wird innerlich und äußerlich
angewendet.“ Außer Arrian, dessen Bericht über seine Umschiffung des
Roten Meeres wir vorhin erwähnten, nennt es auch Vegetius als ein
Produkt des fernen Morgenlandes.
Wie von Weihrauch und Myrrhe hat man in einigen altägyptischen Gräbern
auch Überreste von +Mekka-+ oder +Gileadbalsam+ gefunden, die alle
den Toten als Opfergabe mitgegeben wurden. Sein Erzeuger ist der
arabische Balsambaum (~Commiphora opobalsamum~), ein 5-6 m hoher
Baum mit papierdünner, ledergelber Rinde und rutenförmigen Ästen, die
nur nach den Winterregen belaubt sind. Wie sein naher Verwandter,
der echte Weihrauchbaum, ist er im Somalland in Nordostafrika und
im südlichen Arabien heimisch und wurde schon im Altertum nicht
nur in Arabien, sondern auch in Syrien zur Gewinnung eines höchst
wohlriechenden flüssigen Gummiharzes angepflanzt. Dieses ist der
Balsam der alten Schriftsteller, der zwar auch zu gottesdienstlichen
Räucherungen, besonders aber heute noch als hochgeschätzte Arznei
Verwendung findet. Die beste, von selbst ausfließende oder durch Ritzen
des Stammes und der Äste gewonnene Sorte ist dünnflüssig, blaßgelb,
riecht dem Zitronenöl ähnlich und kommt nicht in den Handel, da sie
von den vornehmen Orientalen ausschließlich für sich als Heilmittel
und zu feinen Parfüms und Salben verwendet wird. Eher ist der weniger
wohlriechende, gelbrötliche, trübe, dickflüssige Balsam im Orient zu
kaufen, der dort seit dem Altertum zu rituellen Zwecken und als Arznei
sehr begehrt ist.
Schon die alten Ägypter bedienten sich häufig seiner und nannten ihn
~aham~. Auch die Juden benutzten es gern zu gottesdienstlichen und
profanen Zwecken als Arzneimittel und zur Herstellung wohlriechender
Salben. Ebenso kannten ihn die Schriftsteller des Altertums sehr
wohl als Handelsartikel Arabiens. Der griechische Geograph Strabon
(um 25 n. Chr. gestorben) schreibt, der Balsam (~bálsamon~) werde
an der Küste des Sabäerlandes gewonnen, während ihn der römische
Geschichtschreiber Tacitus (54-117 n. Chr.) nur in Judäa von mäßig
großen Bäumen gewinnen läßt. Auch Theophrast und Plinius sagen, er
gehe nur aus letzterem Lande hervor. Ersterer schreibt in seiner
griechischen Pflanzengeschichte: „Der Balsam wird im syrischen
Tieflande gewonnen, aber, wie man sagt, nur aus zwei großen Gärten. Der
Baum soll die Größe eines Granatbaums und sehr viele Äste haben. Das
Blatt soll ähnlich der Raute, nur mehr weiß und dabei immergrün sein.
Die Frucht soll an Größe, Gestalt und Farbe derjenigen der Terebinthe
gleichen. Ihr Geruch soll ganz herrlich und lieblicher sein als der
Geruch der ausfließenden Tropfen. Um letztere zu gewinnen, soll man
zur Zeit der größten Hitze mit eisernen Nägeln den Baumstamm und
die Äste ritzen. Dann wird der Balsam bis zum Winter gesammelt. Der
Ertrag ist aber gering; denn ein Mann sammelt den Tag über nur eine
Muschel voll. Der Geruch ist ganz ausgezeichnet und so stark, daß
wenig Balsam für einen großen Raum genügt. Übrigens wird kein reiner
Balsam, sondern nur mit fremdartigen Zusätzen gemischter in den Handel
gebracht. Auch die Zweige riechen sehr gut und werden teuer bezahlt,
weswegen man den Baum oft beschneidet. Wilder Balsam soll nirgends
vorkommen. Aus dem größeren Balsamgarten soll man 36 Pfund, aus dem
kleineren 6 Pfund gewinnen.“ Und 350 Jahre später schrieb Plinius in
seiner Naturgeschichte: „Allen andern Wohlgerüchen wird der Balsam
(~balsamum~) vorgezogen, welchen nur Judäa erzeugt. Dort fand er sich
nur in zwei königlichen Gärten. Die zwei Vespasiane (Vespasian und sein
Sohn Titus, die den mit der Zerstörung Jerusalems und der Vernichtung
des jüdischen Volkes als Nation im Jahre 70 n. Chr. endigenden Krieg in
Judäa führten) haben dieses Bäumchen auch der Stadt Rom gezeigt. Das
Land, in welchem es wächst, gehört jetzt uns; es ist aber ganz anders
beschaffen, als es römische und ausländische Schriftsteller beschrieben
haben. Als die Römer Judäa eroberten, wollten die Juden den Balsambaum
ausrotten; allein die Römer verteidigten ihn, und so entstand ein
Kampf um einen Strauch. Jetzt wird er auf Staatskosten angepflanzt
und ist zahlreicher und höher als je. Seine Höhe erreicht nicht ganz
zwei Ellen. Man unterscheidet drei Sorten dieses Strauches. Der frisch
aus gemachten Ritzen fließende Saft heißt Saftbalsam (~opobalsamum~)
und sein Geruch ist ungemein lieblich. Die zarten Tröpfchen werden in
Hörner gesammelt und dann in neue irdene Gefäße gegossen. Der Balsam
gleicht anfangs einem dicken Öl und ist farblos, später wird er rötlich
und hart. Jeder Strauch wird jetzt im Sommer dreimal geritzt und später
abgeschnitten. Auch die Teile des abgeschnittenen Strauches kommen in
den Handel und haben nach der Eroberung Judäas in weniger als fünf
Jahren einen Ertrag von 80 Millionen Sestertien (etwa 12 Millionen
Mark) gegeben. Der Balsam, den man aus den abgeschnittenen Stücken
des Strauches kocht, heißt Holzbalsam (~xylobalsamum~) und wird unter
Salben gekocht. -- Die Verfälschung des reinen Balsams wird recht grob
und großartig betrieben, so daß ein Gefäß reinen Saftes, welches vom
kaiserlichen Schatzamte für 300 Denare (etwa 15 Mark) gekauft wird,
dann durch Verfälschung vermehrt für 1000 Denare (50 Mark) verkauft
wird.“ Der römische Geschichtschreiber Älius Lampridius meldet uns
vom schwelgerischen Heliogabalus, der im Jahre 218 17jährig durch die
Bemühungen seiner ehrgeizigen Großmutter Julia Maesa, der Schwägerin
des Kaisers Septimius Severus, von den Legionen in Syrien zum Kaiser
ausgerufen wurde und bis zu seiner Ermordung durch die Prätorianer im
Jahre 222 regierte, als Ausdruck höchster Verschwendung, er habe sogar
den kostbaren Balsam in Lampen gebrannt.