gottesdienstlichen Handlungen der Orientalen der +Weihrauch+, von
welchem die Alten, wie auch von der Myrrhe, verschiedene, größtenteils
nach den Orten der Herkunft benannte Arten unterschieden. Ihre Erzeuger
sind verschiedene Boswellia-Arten, von denen ~Boswellia carteri~, der
echte Weihrauchbaum, von den Altägyptern ~anti~ genannt, der wichtigste
war. Die Weihrauchbäume sind, wie die Myrrhenbäume, in Nordostafrika
nahe dem Kap Guardafui und auf einem beschränkten Saum der mittleren,
als Hadramaut bezeichneten Südostküste Arabiens heimisch. In deren
Stämme werden zu Ende Februar oder Anfang März und dann noch zweimal
jeweilen innerhalb Monatsfrist von den Eingeborenen tiefe Einschnitte
gemacht, aus denen ein milchweißer Saft reichlich ausfließt, nach
einiger Zeit erstarrt er zu gelben Körnern, die dann von den Stämmen
abgelöst oder am Boden aufgelesen werden. Sie schmecken aromatisch,
etwas bitter, erweichen im Mund und geben, auf glühende Kohlen
gestreut, einen angenehmen balsamischen Geruch von sich. Wie dieser
Geruch den Menschen angenehm war, so dachte man sich, werde er auch
die Götter erfreuen. So verbrannte man schon im ältesten Ägypten zu
Ehren der Himmlischen den Weihrauch (~anti~), den man als eine der
größten Kostbarkeiten mit der Myrrhe und den Gewürzen Indiens aus dem
südlichen Arabien bezog. Wegen dieser aufs höchste geschätzten Produkte
wurde jenes Land von allen weiter westwärts wohnenden Völkern, denen
es dieselben übermittelte, stark beneidet und glücklich gepriesen.
Das Land Jemen in der Südwestecke Arabiens war ihnen das „Glückliche
Arabien“. Hier bestand in frühest nachweisbarer Zeit schon in der
ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends das Reich von
Machīn, das dann später von demjenigen von Saba vernichtet und abgelöst
wurde. Von den Sabäern berichtet der griechische Geschichtschreiber
Diodoros aus Sizilien, daher Siculus genannt, der zur Zeit Cäsars
und Augustus’ in 40 Büchern die bis zum Jahre 60 v. Chr. reichende
Geschichte fast aller damals bekannten Völker schrieb: „Die Sabäer
wohnen im Glücklichen Arabien, haben zahmes Vieh in unermeßlicher
Menge und so viel Balsam, Kassia, Zimt, Kalmus, Weihrauch, Myrrhen,
Palmen und andere wohlriechende Gewächse, daß das ganze Land von einem
wahrhaft göttlichen Wohlgeruch durchzogen ist, den selbst die Seefahrer
aus beträchtlicher Entfernung wahrnehmen; es ist ihnen dann zumute, als
röchen sie die fabelhafte Ambrosia.“
Der um 25 n. Chr. gestorbene griechische Geograph Strabon berichtet auf
Grund eigener Anschauung auf Reisen und des Studiums älterer Geographen
in seiner 17 Bücher umfassenden Geographika: „Im Lande der Sabäer, dem
gesegnetsten Arabiens, wächst Myrrhe, Weihrauch, Zimt und Balsam. Sie
holen auch Gewürze aus dem Negerlande, wohin sie mit ledernen Kähnen
fahren. Ihr Vorrat an dergleichen Herrlichkeiten ist so groß, daß sie
Zimt, Kassia und dergleichen wie Brennholz verbrennen und die reichsten
von ihnen, die Gerrhäer, alle Geräte im Hause wie Ruhebetten, Dreifüße,
Milchtöpfe, Teller usw. von Gold und Silber, und auch die Türen, Wände,
Decken mit Elfenbein, Gold, Silber und Edelsteinen geziert haben.“
Der griechische Philosoph Theophrast, Schüler des Aristoteles,
schreibt in seiner Pflanzengeschichte schon im 4. Jahrhundert v. Chr.:
„Weihrauch (~líbanos~), Myrrhe (~smýrnē~) und Balsam (~bálsamon~)
kommen aus Arabien und werden durch Einschnitte gewonnen oder quellen
von selbst aus den Bäumen hervor, die teils auf dem Gebirge wild
wachsen, teils auf eigenen Feldern am Fuß der Gebirge kultiviert
werden. Der Weihrauchbaum soll nur etwa fünf Ellen hoch und sehr ästig
sein. Seine Blätter sollen denjenigen des Birnbaums ähnlich, nur viel
kleiner und sehr grün sein; die Rinde soll glatt wie beim Lorbeer sein.
Der Myrrhenbaum ist noch kleiner, strauchartiger, der Stamm soll hart,
an der Erde hin und her gebogen und dicker als ein Unterschenkel sein.
Andere beschreiben diese Bäume anders. Seefahrer, welche das Gebirge
gesehen haben, berichten, die Bäume seien dort durch Einschnitte
verwundet, die Tropfen fielen teils herab, teils blieben sie am Baume
kleben. Man breite aus Baumblättern geflochtene Matten darunter, oder
stampfe den Boden fest. Der von den Matten stammende Weihrauch und die
Myrrhe seien klar und durchscheinend, die vom Erdboden aufgelesenen
weniger, und die von den Bäumen geschabten seien durch Rindenstücke
verunreinigt.
Auf dem Gebirge der Sabäer fanden die Seefahrer keine Wächter, weil
dort kein Einwohner dem andern stiehlt. Diesen Zustand benutzten die
Fremden, sammelten große Massen dieser Stoffe und fuhren damit weg.
Übrigens hörten sie, daß die Sabäer ihren Weihrauch und ihre Myrrhe in
den Sonnentempel bringen, der von bewaffneten Wächtern beschützt wird.
Dort tut ein jeder seine Ware auf einen Haufen und legt auf diesen ein
Täfelchen, worauf der Preis angegeben ist. Kommen nun die Kaufleute, so
sehen sie nur nach den Täfelchen. Billigen sie den Preis, so nehmen sie
die Ware und legen das Geld hin.
Die Stücke Weihrauch, die in den Handel kommen, sind sehr verschieden
und manche wohl so groß, daß sie die Hand füllen können. Von der
Myrrhe hat man eine Sorte von natürlichen Tropfen, eine andere in
künstlich gestalteten Stücken.“ Der griechische Schriftsteller Flavius
Arrianus (um 100 n. Chr. zu Nikomedia in Bithynien geboren, ward 136
unter Hadrian Präfekt von Kappadokien und starb unter Marcus Aurelius)
berichtet in der Geschichte der Feldzüge Alexanders des Großen nach
den besten Quellen: „Als Alexander in die Wüste der Gedrosier (jetzt
Mekrân in Beludschistan) kam, standen dort viele ungewöhnlich große
Myrrhenbäume, die noch niemand ausgebeutet hatte. Die phönikischen
Kaufleute, die dem Heere folgten, führten ganze Ladungen von Myrrhe
weg.“ Und Plinius endlich sagt in seiner Naturgeschichte über dieses
Pflanzenprodukt: „Die Myrrhe (~myrrha~) wächst an mehreren Stellen
Arabiens, namentlich da, wo der Weihrauch wächst. Auch kommt eine
geschätzte Sorte von Inseln, und die Sabäer holen sogar Myrrhen
jenseits des Meeres bei den Troglodyten. Die Bäume sind dornig, wachsen
teils wild, teils absichtlich gepflanzt; aus ihnen schwitzt die Myrrhe,
kommt in Beutel gepackt zu uns, und die Salbenhändler sortieren sie
dann nach dem Geruch und der Fettigkeit. Auch Indien liefert eine
Myrrhensorte, aber eine schlechte.“
Endlich schreibt der griechisch-ägyptische Großkaufmann Kosmas
Indikopleustes (d. h. der Indienfahrer), ein Zeitgenosse des
oströmischen Kaisers Justinian I. (483-565 n. Chr.), der mit seinem
Freunde und Kollegen Menas von Alexandrien -- beide gingen im höheren
Alter ins Kloster -- eine Reise nach Ostafrika und Indien machte:
„Das Land, welches den Weihrauch hervorbringt, ist an der Südgrenze
von Äthiopien gelegen, im Innern des Kontinents; aber der Okeanos
reicht noch darüber hinaus. Daher ziehen die benachbarten Bewohner
Barbarias nach dem Hochland, und im Handelsverkehr führen sie von
dort die meisten Spezereien aus. Weihrauch, Kassia, Kalmus und vieles
andere, und sie schaffen es auf dem Seewege nach Adule (dem heutigen
Zeila in Massaua) und Glücklich-Arabien, nach Indien und Persien.
Schon im Altertum pflegte das zu geschehen; denn die Königin von Saba,
welche Christus die Königin von Mittag nennt, brachte Wohlgerüche und
Kostbarkeiten zu Salomo, welche auf der afrikanischen Ostküste heimisch
sind, ferner Ebenholz, Affen und Gold aus Äthiopien, da sie Äthiopien
benachbart jenseits des Roten Meeres wohnte.“ Hier erweist sich
allerdings der biedere Religiöse (denn er schrieb seinen Reisebericht
erst als Mönch) nicht als völlig bibelfest, da er die Geschenke der
Königin von Saba mit den Produkten zusammenwirft, die Salomo auf seinen
wiederholt ausgeführten Expeditionen nach Ophir (im jetzigen Rhodesia)
holen ließ. Später haben dann erst wieder arabische Geographen vom
Weihrauchlande aus eigener Anschauung Zuverlässiges zu berichten gewußt.
Sehr groß war der Verbrauch des Weihrauchs zu gottesdienstlichen
Räucherungen schon im alten Ägypten. Dabei wurden daselbst wie bei der
Myrrhe verschiedene Sorten unterschieden, die je nach der Gottheit,
der die Räucherung galt, verschieden gewählt wurden. So führt eine
Inschrift des Tempellaboratoriums in Edfu aus der Zeit der Ptolemäer
14 Sorten Anti-Harz (Weihrauch) neben 8 Sorten Ab-Harz (eine Abart der
Myrrhe) auf. Von den 14 Anti-Harzsorten bildeten 11 die erste und 3
die zweite Qualität. Alle hatten besondere Namen und sollten aus den
Augen der betreffenden Gottheit, der sie geweiht waren, herausfließen.
An den Festen der Gottheit, der sie entsprungen sein sollten und der
sie deshalb geweiht waren, wurde nur die betreffende Sorte, und zwar
in gewaltigen Mengen verbraucht. So steht im Osiristempel in Dendera
geschrieben, man solle am Osirisfeste im Monat Choiak besonders mit der
zweiten Sorte der ersten Qualität die Räucherbecken füllen; denn es
heißt: „Es entsteht aus dem Auge des Osiris ein Anti-Harz in Wahrheit,
herauskommend aus dem linken Auge; seine Farbe ist rötlich.“
In Nachahmung dieser ägyptischen Sitte benutzten auch die alten
Juden nach ihrem Auszuge aus Ägypten den Weihrauch zu ihren
gottesdienstlichen Räucherungen, wie schon im 2. Buch Mose 30, 34 u. f.
zu lesen ist. „Und der Herr (Jahve) sprach zu Mose (am Sinai um 1280
v. Chr.): Nimm zu dir Spezerei, Balsam, Bdellium, Galbanum und reinen
Weihrauch, von einem so viel als vom andern, und mache Räucherwerk
daraus, nach der Apothekerkunst gemengt, daß es rein und heilig sei.
Und sollst desselben tun vor das Zeugnis (nämlich die Bundeslade) in
der Stiftshütte, wo ich mich dir offenbaren werde. Das soll euch das
Allerheiligste sein. Und desgleichen Räucherwerk sollt ihr euch nicht
machen, sondern es soll dir heilig sein dem Herrn. Wer ein solches
machen wird, daß er damit räuchere, der soll ausgerottet werden von
seinem Volke.“
Infolge seiner überaus großen Wertschätzung und vollkommenen
Unentbehrlichkeit bei den gottesdienstlichen Funktionen nicht nur bei
den Ägyptern, sondern auch bei den Kulturvölkern Vorderasiens und am
Mittelmeer war der Handel mit Weihrauch noch viel mehr als derjenige
mit Myrrhe ein sehr wichtiger Faktor und brachte den Völkern, die
sich mit seiner Erzeugung und seinem Transport abgaben, reichen
Gewinn. Ja, man kann sagen, daß kaum ein anderes Pflanzenerzeugnis im
Altertum einen derartigen Einfluß auf das Wirtschaftsleben und die
ganze Kulturentwicklung der beteiligten Völker ausgeübt hat, wie die
wohlriechenden Gummiharze Weihrauch und Myrrhe. Welchen Reichtum er
den Völkern Glücklich-Arabiens brachte, haben wir bereits gesehen.
Allerdings ist die Menge von Gold, die sie besaßen, im Lande selbst
gewonnen worden. Dann aber brachte ihnen der Zwischenhandel mit
den indischen und ostafrikanischen Waren reichen Gewinn. Wie uns
griechische und römische Schriftsteller berichten, muß einst im
südlichen Teil des Roten Meeres ein großer Verkehr von Handelsschiffen
bestanden haben, die Waren aus Indien und Ostafrika holten. So
sagt uns Arrians Bericht über die Umschiffung des Roten Meeres
(~Periplus maris erythraei~) aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., daß die
Einwohner Glücklich-Arabiens aus Makrolus an der Küste Ostafrikas
Weihrauch, Myrrhe, Kankamon (ein der Myrrhe ähnliches Gummiharz)
und anderes Räucherwerk, von anderen Häfen derselben Küste aber
Elfenbein, Hörner des Nashorns, Schildplatt und Sklaven bezogen,
aus Indien aber erhielten sie Reis, Sesamöl, Zucker („~sacchari~“),
Pfeffer, Baumwollgewebe, Seidenstoffe, Indigo, das ingwerartige
Gewürz und Heilmittel Costus, Zimtkassia, Narde und Nardensalbe, das
wohlriechende, ebenfalls zu Räucherungen dienende Gummiharz Bdellium,
Onyx und andere Edelsteine, murrhinische Gefäße und Stahlwaren.
Von Südarabien aus wurden diese Produkte auf dem Landwege weiter
expediert. Die Hauptkarawanenstraße dafür, die berühmte Weihrauchstraße
des Altertums, führte zunächst nach Syrien, wo sie sich teilte,
um einerseits nordostwärts nach Babylonien und südwestwärts nach
Ägypten abzuzweigen. Sie verödete erst als zu Beginn der römischen
Kaiserherrschaft die unternehmenden ägyptischen Kaufleute regelmäßig
mit ihren Schiffen in den südarabischen Häfen erschienen und die
verschiedenen stark begehrten Handelsartikel an Ort und Stelle kauften.
Die Folge davon war, daß die am Karawanenhandel beteiligten Stämme,
ihres früheren reichen Verdienstes beraubt, teilweise nach Nordarabien
auswanderten und sich dort fruchtbarere neue Niederlassungen
erkämpften, oder als Söldner in die Dienste der Parther und Römer
traten. Diese semitischen Stämme aus Südarabien werden im Alten
Testament als Ismaeliten bezeichnet, d. h. als Nachkommen Ismaels,
des Sohnes Abrahams und seiner Nebenfrau Hagar, die später von ihrem
Manne samt dem Sohne verstoßen und in die Wüste geschickt wurde. Es
sei beispielsweise nur an den Bericht in 1. Mose 37, 25 erinnert, in
welchem die Söhne Jakobs hinter dem Rücken des Vaters ihren jüngsten
Bruder Joseph an eine nach Ägypten ziehende Karawane verkauften: „Und
sahen einen Haufen Ismaeliten kommen aus Gilead (dem Ostjordanland) mit
ihren Kamelen, die trugen Würze, Balsam und Myrrhe und zogen hinab nach
Ägypten.“
[Illustration: Bild 68. Darstellung eines Weihrauchbaums im Grabtempel
der Königin Hatschepsut in Der el Bahri. (Nach Dümichen.)
Die Inschrift lautet: „Grünende Weihrauchbäume 31 Stück, herbeigeführt
unter den Kostbarkeiten des Landes Punt für die Majestät des Gottes
Amon, des Herrn der irdischen Throne. Niemals ist Ähnliches gesehen
worden seit Erschaffung des Weltalls.“]
Dieser Handelsverkehr der Sabäer und Minäer, wie die Angehörigen des
älteren Reiches von Machīn von den griechisch-römischen Schriftstellern
bezeichnet werden, reicht in sehr hohes Altertum zurück. So bezogen
schon die Ägypter der ältesten Dynastien Weihrauch, Myrrhe und die
übrigen für ihre Gottesdienste gebrauchten Räucherharze von ihnen.
Außerdem aber haben je und je mächtige Herrscher des Pharaonenlandes
eigene Expeditionen zu Schiff nach Südarabien ausgesandt, um diese
kostbaren und wichtigen Produkte in größeren Mengen zu holen. Das
Land, das diese heiligen Gummiharze hervorbrachte, hieß bei den alten
Ägyptern ~taneter~, d. h. Gottesland. Es galt ihnen als die Heimat
ihrer Götter, die nach allgemeinem Glauben einst dort wohnten und von
dort her nach dem Niltal gelangt sein sollten. Die in den Inschriften
gebräuchliche geographische Bezeichnung für dieses Land ist ~Punt~
(eigentlich ~Pun~, da das ~t~ am Schlusse nur der weibliche Artikel
ist; da aber dieser Name einmal eingeführt ist, so behalten wir ihn
bei). Es umfaßte außer Südarabien die gegenüberliegende Küste von
Afrika und wurde schon sehr früh von den Ägyptern selbst aufgesucht.
Schon vor dem Jahre 3000 v. Chr., zur Zeit der Könige der 1. und
2. Dynastie, die sich als Grabstätten Pyramiden aus an der Sonne
getrockneten Lehmziegeln errichteten, sandten die machtvollen Herrscher
des Niltals, die in Memphis in Unterägypten residierten, ihre Schiffe,
wie nach Syrien, um als wertvolles Bauholz für das holzarme Land
Zedernstämme von den Abhängen des Libanon und andere Güter zu holen, so
nach dem Lande Punt, um die wohlriechenden Harze, die man zum Räuchern
und zu den im Leben des Orientalen so wichtigen Salben und Schminken
brauchte, auf direktem Wege zu beschaffen. Genauere Nachrichten über
solche Expeditionen erhalten wir durch die Denkmäler erst aus der
Zeit des Königs Sahurê der 5. Dynastie, der von 2743 bis 2731 v. Chr.
herrschte, und die sich bereits unter König Snofru (2930-2906) zu
entwickeln beginnende älteste ägyptische Seemacht mächtig förderte. Wir
erfahren von ihm, daß er eigene Schiffe nach Punt sandte, die 80000
Maß Weihrauch (~anti~), 6000 Gewichte Elektron (eine Legierung aus
Gold und Silber) und 2600 Stäbe einer kostbaren Holzart, vielleicht
Ebenholz, nach der Hauptstadt Memphis brachten. Kürzlich entdeckte
Reliefs aus seinem Pyramidentempel schildern die Heimkehr dieser
Flotte und diejenige einer anderen, die aus Phönikien mit semitischen
Gefangenen und einheimischen Matrosen anlangte. Es ist dies die älteste
Darstellung seetüchtiger Fahrzeuge und syrischer Semiten, die wir
besitzen.
Während der 6. Dynastie (2625-2475 v. Chr.) waren die Gaufürsten
von Elephantine die Erforscher der südlich und östlich von Ägypten
gelegenen Länder und führen in ihren Grabinschriften den Titel
„Karawanenführer, der seinem Herrn die Erzeugnisse der Fremdländer
überbringt“. Einer derselben, namens Harchuf, brachte dem König
Phiops II. einen Zwerg aus dem Lande Punt mit, wofür er von jenem
einen Anerkennungsbrief erhielt, auf den er so stolz war, daß er ihn
auf der Vorderseite seines Grabes bei Assuan einmeißeln ließ als
ein Zeichen der großen Gunst, die er beim Könige genoß. Von einer
größeren Expedition nach dem Lande Punt erfahren wir erst wieder
während der 18. Dynastie. Veranlaßt wurde sie von der energischen
Tochter und Erbin Thutmosis I., Hatschepsut, die mit ihrem Halbbruder
Thutmosis II. verheiratet war und nach dessen Tode von 1516-1481
v. Chr. selbständig regierte. Um die oberste der drei Terrassen ihres
Grabtempels in Der el Bahri westlich von Theben mit den Bäumen, die den
Weihrauch, das heilige ~anti~, hervorbrachten, zu schmücken, entsandte
sie eine Expedition nach dem Gotteslande Punt, deren Einzelheiten sie
in Inschriften und äußerst lebendigen szenischen Darstellungen an den
Wänden eben jener Tempelhalle schildern ließ. Im neunten Jahre ihrer
Regierung lief die aus fünf großen Seeschiffen bestehende Flotte durch
einen Kanal im östlichen Delta ins Rote Meer aus und fuhr südwärts
nach dem Lande Punt. Dort angekommen, wurde der ägyptische Admiral vom
Fürsten Parihu, seiner Frau Ati, zwei Söhnen und einer Tochter aufs
freundlichste aufgenommen. Nach dem Austausch der üblichen Geschenke
und der Aufstellung der mitgebrachten Statuen der Königin und der
beiden Hauptgötter Ägyptens, Amon und Ra, wurden die gewünschten
Produkte des Landes Punt gegen die von zu Hause mitgebrachten Waren
getauscht. Eine Darstellung mit der erklärenden Inschrift „Belasten der
Transportschiffe“ zeigt uns das Einladen der Waren mit allen Details.
Wir sehen darauf, wie ägyptische Matrosen bemüht sind, drei in Kübeln
gepflanzte, blattlos gezeichnete, starkstämmige, knorrige Bäume, die
ausdrücklich als ~anti~, d. h. Weihrauchbäume, bezeichnet werden,[2]
die Landungsbrücke hinauf auf das Verdeck des Schiffes zu tragen, wo
bereits fünf andere solche Weihrauchbäume zwischen den aufgestapelten
Schätzen sichtbar sind.
Die sechszeilige, hieroglyphische Inschrift erklärt den Vorgang in
folgender Weise: „Das Belasten der Transportschiffe mit einer großen
Menge von herrlichen Produkten Arabiens, mit allen kostbaren Hölzern
des heiligen Landes, mit Haufen von Weihrauchharz, mit grünenden
Weihrauchbäumen, mit Ebenholz, mit reinem Elfenbein, mit Gold und
Silber aus dem Lande Amu, mit dem wohlriechenden Tesepholze, mit
Kassiarinde (Zimtkassia), mit Ahamweihrauch (vom Balsambaum), mit
Mestemschminke, mit Anāuaffen (~Cynocephalus hamadryas~), Kophaffen
(~Cynocephalus babuinus~) und Tesemtieren, mit Fellen von Leoparden des
Südens, mit Frauen und ihren Kindern. Niemals ist gemacht worden ein
Transport gleich diesem von irgend einer Königin seit Erschaffung des
Weltalls.“
Wie werden die Einwohner Thebens gestaunt haben, als diese seltsamen
Dinge alle vom ägyptischen Befehlshaber „Ihrer Majestät“ überbracht
wurden! Die Weihrauchbäume aber ließ sie, 31 an der Zahl, auf der
obersten Terrasse ihres schönen Totentempels dem Gotte Amon zu Ehren
aufstellen und rühmt sich in der Inschrift: „Ich habe ihm ein Punt
gemacht in seinem Garten, wie er mir befohlen hatte..., es ist groß
genug für ihn, um sich darin zu ergehen.“ Neuerdings hat man hinter
diesem ihrem Totentempel, in welchem ihr und ihrem Vater der übliche
Totendienst abgehalten wurde, ihr und nicht weit davon ihres Vaters
Grab gefunden.
Die Beziehungen zum Lande Punt blieben auch unter ihren Nachfolgern
der 18. und 19. Dynastie erhalten und öfter melden uns die Inschriften
an den Tempelwänden von Expeditionen dahin. So lieferte der Handel
mit Punt Thutmosis III., der 54 Jahre, und zwar wie astronomisch
bestimmt wurde, vom 3. Mai 1501 bis zum 17. März 1447 v. Chr. regierte,
regelmäßige und reiche Einkünfte. Auch Haremheb, der von 1350-1315
über Ägypten herrschende Begründer der 19. Dynastie, entsandte nach
einer urkundlichen Inschrift an den Wänden seiner Grabkammer eine
erfolgreiche Expedition nach Punt. Dies wiederholten seine großen
Nachfolger, vor allen Sethos I. (1313-1292) und Ramses II. (1292-1225
v. Chr.). Besonders unter letzterem muß ein reger Schiffsverkehr nicht
nur im östlichen Mittelmeer, sondern auch durch den Süßwasserkanal
der Landenge von Suez nach den Küsten des Roten Meeres stattgefunden
haben. Aber nicht nur jene machtvollen Könige, sondern auch die reichen
Priesterschaften der großen Tempel des Amon, Ra und Ptah besonders
in der Reichshauptstadt Theben besaßen ihre eigenen Flotten auf dem
Mittelmeer und im Roten Meere, welche, wie die Inschriften melden,
„die Erzeugnisse von Phönikien, Syrien und Punt in die Schatzkammern
des Gottes lieferten“. Es muß also damals die Schiffahrt in Ägypten in
größerem Maßstab als je zuvor betrieben worden sein.
[Illustration: Bild 69 u. 70. Die Weihrauchexpedition der Königin
Hatschepsut. Oben: Ankunft der Flotte im Lande Punt. Die Schiffe sind
an am Ufer stehende Bäume gebunden worden. Unten: Die Schiffe werden
mit Weihrauchbäumen, Weihrauch in Säcken, Affen und anderen Schätzen
des Landes beladen. (Nach Dümichen.)]
Später hat dann der dritte König von Israel, Salomo (993-953),
unter dem die jüdische Königsmacht ihren höchsten äußeren Glanz
erreichte, wohl in Nachahmung der ägyptischen Herrscher, ebenfalls
eine Handelsexpedition nach Punt und darüber hinaus nach dem Goldlande
Ophir, das wir neuesten Feststellungen zufolge in Rhodesia zu suchen
haben, entsandt. Die von ihm in Ezeon-Geber im Lande der Edomiter am
Ufer des Schilfmeeres erbauten Schiffe bemannte er mit der Schiffahrt
kundigen Knechten des phönikischen Königs Hiram von Tyrus, seines
Bundesgenossen. Jene Expedition brachte dem Salomo 420 Zentner Gold,
und da sie sich so überaus rentabel erwies, ließ er sie mehrfach
wiederholen. So heißt es in 1. Könige 26-28, wo ausführlich darüber
berichtet wird: „Die Schiffe Salomos aber kamen in dreien Jahren einmal
und brachten Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen“ -- letztere
von indischen Kaufleuten eingetauscht. Auch die Königin von Saba „aus
dem Lande Reich-Arabien“ -- wahrscheinlich die Königin Bilkis der
sabatäischen Inschriften -- kam, wie in 1. Könige 10, 2 zu lesen ist,
„gen Jerusalem mit sehr viel Volk mit Kamelen, die Spezerei trugen und
viel Goldes und Edelgestein“. Es sind dies dieselben Dinge, die bis
dahin die Minäer aus dem Lande Punt nach Ägypten und Syrien verhandelt
hatten. Später ließ dann auch der ägyptische König Nekau der 26.
Dynastie -- der Pharao Necho der Bibel (612-596 v. Chr.) --, dessen
Schiffe im Mittelmeere und im Roten Meere fuhren, und der den Kanal
von Bubastis nach Suez wollte erneuern lassen, von ihm dienstbaren
phönikischen Schiffsleuten ganz Afrika umfahren. Jedenfalls sind jene
damals auch in das Innere, nach Rhodesia, gelangt, wo man in den Ruinen
von Simbabwe allerlei phönikische und ägyptische Altertümer fand. Das
war die letzte Umseglung Afrikas, von der wir wissen, vor derjenigen
Vasco da Gamas im Jahre 1497; denn die um 460 v. Chr. unternommene
Afrikafahrt des karthagisch-punischen Admirals Hanno die Westküste
Afrikas entlang, wobei er die ersten Gorillas zu Gesicht bekam, endete
vor der Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung.
[Illustration:
Tafel 117.
Blick zum Terrassentempel der Königin Hatschepsut in der Gräberstadt
Der el Bahri westlich von Theben, in welchem die im Text abgebildete
und beschriebene Expedition nach dem Lande Punt zur Erlangung von
Weihrauchbäumen dargestellt ist.]
[Illustration: Ein Weihrauchbaum (~Boswellia carteri~) auf den
Kalkbergen von Fartak in Südarabien. (Nach einer in der Sammlung des
Bot. Instituts der Universität Wien befindlichen Photogr. von Prof.
~Dr.~ O. Simony.)]
[Illustration:
Tafel 118.
Ernte von Orangenblüten auf den Feldern der Parfümerie B. Court in
Grasse.]