Verwendung. Es ist dies ein in mehr oder weniger dicken Krusten,
seltener auch Tropfen von Zweigen indischer und hinterindischer
Sträucher und Bäume wie ~Aleurites lactifera~, ~Schleichera
trijuga~, ~Butea frondosa~, besonders aber Feigenarten wie ~Ficus
religiosa~ und ~indica~ abgelesenes Harz, das durch die Weibchen
der Lackschildlaus (~Coccus lacca~) hervorgebracht wird. Diese
sammeln sich an den betreffenden Zweigen so massenhaft an, daß jene
von ihnen geradezu rot bestäubt erscheinen. Nach ihrer Befruchtung
stechen sie ihre lebende Unterlage an und scheiden durch Umwandlung
des von ihnen aufgesaugten Saftes in ihrem Körper die Harzmasse
als Exkret aus, die die Tierchen völlig umhüllt und oft auf die
darunter befindlichen Zweige herabtropft. Unter dieser schützenden
Umhüllung, in welcher der aufgebrauchte weibliche Organismus zugrunde
geht und der Nachkommenschaft als Wiege dient, entwickeln sich die
jungen Schildläuse, bis sie, reif geworden, dieselbe durchbohren
und ausschlüpfen. Der Lack wird nun samt den Zweigen von den Bäumen
abgebrochen und von jenen abgelöst, und zwar meist erst nach dem
Ausschlüpfen der Schildläuse, um die Produktion nicht herabzusetzen.
Früher wurde der undurchbohrte Lack, der noch die jungen Schildläuse
und damit viel roten Farbstoff enthält, höher geschätzt als jetzt und
speziell in Indien zur Gewinnung eines scharlachroten, dem Karmin
der Cochenille an Leuchtkraft sehr nahe kommenden, zur Färbung von
Baumwolle und Seide verwendeten Farbstoffs benutzt, der daselbst heute
noch als +Lacklack+ in den Handel kommt. Entzieht man der Masse den
roten karminartigen Farbstoff mit schwacher Sodalösung, so entsteht
der gelblichbraune +Körnerlack+, aus dem man durch Schmelzen und
Auffangen der bei 140° geschmolzenen Masse auf Bananenblättern den
+Schellack+ in Form von glänzenden, braunroten, dünnen, flachen Stücken
mit muscheligem Bruch gewinnt. Der Schellack schmilzt leicht, löst
sich größtenteils in Weingeist und Äther, in Alkalien und gesättigter
Boraxlösung; er kann auch durch Chlor gebleicht werden, wodurch er
für die Herstellung von farblosen Firnissen besonders geeignet wird.
Man gebraucht ihn namentlich zur Bereitung der Weingeistfirnisse,
der Tischlerpolitur, des Siegellacks, verschiedener Kitte und in der
Feuerwerkskunst, auch bildet er die Hauptmasse des Marineleims und der
Elektrophorkuchen. In Borax aufgelöst dient er als Wasserfirnis zum
Steifen und Wasserdichtmachen der Filzhüte, zum Firnissen von Papier
und, mit feinem Ruß versetzt, als unauslöschliche Tinte.
In China und Japan dagegen wird der Lack durch Einschnitte in Stamm
und Äste des zu den Terebinthen oder Balsamgewächsen gehörenden
Firnissumachs (~Rhus vernicifera~) gewonnen. Es ist dies ein daselbst
heimischer, zur Lackgewinnung vielfach auch angepflanzter äußerst
giftiger Baum, dessen Ausdünstungen schon schädlich sind und dessen
übelriechender Saft, auf die Haut gebracht, starke Entzündung derselben
mit Bildung von schmerzhaften Geschwüren hervorruft. Er erreicht
eine Höhe von 8-10 m und hat gestielte, eiförmige, zugespitzte,
unten mit feinen Haaren bedeckte Blätter, die nicht giftig sind. In
dem durch Einschnitte in die Rinde ausfließenden weißen Milchsaft
ist das Lakkol enthalten, das durch ein Lakkase genanntes Ferment an
der Luft in den glänzend schwarzen Lack umgewandelt wird. Aus diesem
Produkt stellen die Ostasiaten, besonders die Japaner, durch Mischen
mit dem Öle der ~Bignonia tomentosa~, eines Kletterstrauches mit
großen trompetenartigen Blüten, oder der ~Perilla ocymoides~, mit
Zusatz von Zinnober, wenn die Farbe eine rote sein soll, sonst ohne
solchen, ihren berühmten Lackfirnis her. Schon im Mittelalter war bei
ihnen dieser prächtige, fast unverwüstliche Firnis im Gebrauch, um
mit ihm fast alle Holzgegenstände des täglichen Gebrauchs, Eß- und
Trinkgeschirr, wie auch kleine und große Möbel, selbst ganze Tempel zu
überziehen. Schon aus der Zeit des 12.-15. Jahrhunderts sind uns Namen
berühmter Lackkünstler überliefert, und um 1700 hatte die Lackkunst
besonders durch den Maler Ogata Korin ihren Höhepunkt erreicht. Die
ersten japanischen Lackwaren gelangten in der zweiten Hälfte des 16.
und zu Beginn des 17. Jahrhunderts durch die seit 1557 auf der Insel
Macao an der Mündung des Perlflusses 133 km südöstlich von Kanton
niedergelassenen Portugiesen und dann aus Manila, der Hauptstadt der
durch die seit 1569 von den Spaniern besetzten Philippinen, nach
Europa. War doch das durch die Reisebeschreibung des Venezianers
Marco Polo aus dem 13. Jahrhundert als Zipangu im Abendlande bekannte
Japan 1543 von den Portugiesen entdeckt und von ihnen der erste
Handelsverkehr mit jenem kunstsinnigen Volke angebahnt worden. Sie
brachten dann die Jesuiten ins Land, als deren berühmtester Missionar
der heilige Franz Xaver zu nennen ist. Aber von 1617-1637 gab es dann
Reibereien zwischen den Vertretern beider Nationen, die damit endigten,
daß die zahlreichen unter den Japanern gewonnenen Christen wieder
ausgerottet und die Portugiesen vertrieben wurden. Dafür erhielten
die Holländer, die seit 1609 freien Zutritt und Erlaubnis zum Handeln
erlangt hatten, eine allerdings recht beschränkte Möglichkeit der
Ausfuhr japanischer Kunstgegenstände, unter denen außer Porzellan-
und Metallgegenständen hauptsächlich Lackartikel eine wichtige Rolle
spielten. Da diese letzteren bei den Vornehmen Europas großen Beifall
fanden und viel begehrt wurden, suchten die Holländer sie bald auch
nachzuahmen, was ihnen indessen nicht gelang. Eine ganze Sammlung
japanischer Lackarbeiten besaß im 18. Jahrhundert die unglückliche
Königin Marie Antoinette; diese ist jetzt im Louvre zu sehen.
Heute wird der Japanlack in folgender Weise gewonnen und benutzt.
Zuerst wird der Milchsaft des im Japanischen ~urushi-no-ki~ genannten
Lackbaums in der Weise gewonnen, daß man die Bäume einschneidet, den
zwischen den Schnittflächen sich ansammelnden, rasch trocknenden,
zähen schmutzigweißen, an der Sonne erst braun und dann schwarz
werdenden Saft auskratzt und sammelt. Der beste Lack wird im August
gewonnen, und zwar aus dem Stamm; der von den Ästen herrührende ist
härter und zäher. Er enthält 60-80 Prozent Lack- oder Urushinsäure
(C_{14}H_{18}O_{2}), 3-6 Prozent Gummi, 1-3 Prozent Eiweiß, 10-30
Prozent Wasser und eine geringe Menge giftiger, flüchtiger Säure.
Infolge des letzteren ist das Sammeln des Lackharzes eine gefährliche
Beschäftigung und wird nur von der ärmsten Volksklasse geübt. Das
Lackieren selbst ist viel weniger gefährlich und es beschäftigen sich
damit zahlreiche Personen. Die Gefährlichkeit dieser Arbeit wird durch
den Umstand vermindert, daß diejenigen, die eine heftigere Vergiftung
damit durchmachten, eine solche nicht mehr zu befürchten haben.
Die japanische Industrie hütete bis vor kurzem sorgfältig das Geheimnis
ihres Lackes vor den Augen der Europäer, und obschon die Holländer
mit großem Eifer bestrebt waren, dasselbe zu erfahren, konnten sie
doch die Qualität des japanischen Lackes nicht erreichen, der erst
neuerdings als Rhus- oder Japanlack auf den europäischen Markt
gelangt. In Japan ist seine Verwendung eine sehr allgemeine. Da diese
vulkanische Insel kein so vorzügliches Kaolin und solchen Lehm wie
das meist aus alten Sedimentformationen aufgebaute benachbarte China
besitzt, kamen seine Bewohner schon früh dazu, ihre Gefäße statt aus
gebranntem Ton und Porzellan wie die Chinesen aus Holz herzustellen
und dieses durch einen Harzüberzug wasser-, feuer- und säuredicht zu
machen. Dazu wurde außer dem Harz von Euphorbien und Anacardiazeen
vor allem das Harz des Lackbaumes benutzt. Die alten Lackerzeugnisse,
unter welchen 600-700jährige Arbeiten vorkommen, sind die besten und
widerstandsfähigsten. Echte Lackgefäße werden auch von siedendem
Wasser nicht beschädigt; auch Säuren und andere Ätzflüssigkeiten können
ihnen nichts anhaben. Nur im Feuer geht der Lack zugrunde, wenn das
seinen Grundstoff bildende Holz zu Kohle gebrannt ist. Das damit zu
überziehende Holz wird zuerst geglättet, jede Fuge mit Papier oder Werg
ausgefüllt und dann mit dünnem Bast oder Hanf überklebt, worauf die aus
Ocker und Pappe bestehende Schicht kommt. Auf diese Grundierung werden
je nach Art des Objektes und der Feinheit des gewünschten Überzuges
3-30 dünne Lackschichten aufgetragen. In die obere Schicht kommen die
Farbstoffe, besonders Zinnober und Goldstaub, und schließlich der
Glanzstrich. Die Hauptsache dabei ist, daß die einzelnen Lackschichten
gut trocknen, was nicht in trockener, sondern in etwas feuchter Luft
geschehen muß, weshalb auch der echte japanische Lack in alter Zeit in
feuchten Gruben oder in der Nähe von Wässern auf schwimmenden Kähnen
getrocknet und poliert wurde.
Die hochentwickelte japanische Lackindustrie hat nicht nur die
Abendländer zur Nachahmung gereizt, sondern auch deren einheimische
Firnisverwendung in weitgehendem Maße beeinflußt. Weniger war dies bei
der indischen und persischen Lackfabrikation der Fall, die sich seit
dem Altertum selbständig entwickelte. Die Produkte derselben stehen
nicht auf der Höhe der japanischen Lackarbeiten und haben ein für
unseren Geschmack zu buntes Aussehen. Sowohl Muster als Farben sind
zweifellos von ihr der einheimischen Schalfabrikation entlehnt, die in
diesen Ländern eine uralte einheimische Industrie ist, deren Produkte
früher auch von den Damen des Abendlandes, besonders um die Mitte des
letzten Jahrhunderts viel mehr als heute geschätzt wurden.
Wie die buntgemusterten Schale und Lackarbeiten ist der aus dem
indischen Lacke hergestellte rote Siegellack ebenfalls eine Erfindung
und ein Erzeugnis Ostindiens, das aus jenem Lande ums Jahr 1560 durch
die Portugiesen nach Europa gebracht wurde und hier als „spanisches
Wachs“ bald weitere Verbreitung fand. Vorher hatte man hier allgemein
auf Wachs -- die Babylonier mit ihren hübsch aus Halbedelsteinen
geschnittenen Siegelzylindern auch auf weichem, später gebranntem Ton
-- gesiegelt, und zwar durften bis zur Aufnahme des roten indischen
Siegellacks nur Kaiser und Könige in rotem Wachs siegeln. Später wurde
bei uns der rote indische Siegellack auf mancherlei Weise nachgeahmt.
[Illustration:
Tafel 115.
Allee des kautschukliefernden indischen Feigenbaumes (~Ficus elastica~)
im Botanischen Garten von Peradeniya auf Ceylon. Die Bäume sind mit
schmalen, hohen Wurzelstützen, sogenannten Tafelwurzeln, zum Schutze
gegen das Umgeworfenwerden durch Orkane ausgestattet.]
[Illustration: Japanische Bronze- und Lackarbeiter.]
[Illustration:
Tafel 116.
Altchinesische Fruchtschale in geschnitzter Lackarbeit (Peking-Lack).
Aus „Berichte des k. ethnographischen Museums in München 1909“.
Durchmesser 45 cm bei 14 cm Höhe. Die dünne Holzwandung ist nach
Ausgleichung aller Unebenheiten und Verbindungsnähte durch feines Werg
und Papier mit Gaze überzogen; darüber liegt eine Schicht aus einer
Mischung von Schmirgel- oder Sandsteinpulver und einem harzigen oder
tierischen Bindemittel, die nach vollständiger Trocknung mit einem
Polierstein sorgfältig geglättet ist. Auf diese Unterlage, die an
kleinen Bruchstellen nachgeprüft werden kann, sind drei Lackschichten
aufgetragen, die vom Künstler einzeln bearbeitet wurden. Den Grund
bildet eine ledergelbe Schicht, der eine braungrüne Lage folgt,
und über beide ist eine zinnoberrote Decke gelegt. Die in diese
drei Lackschichten eingeschnittene Ornamentierung zeigt ein in der
chines. Kunst gewohnheitsmäßig wiederkehrendes, auch von den Japanern
übernommenes Dekorationsmotiv, nämlich den Drachen als symbolisierten
Blitz in einer stilisierten Regenwolke.]
Während der Lack in Indien außer zu Siegellack besonders zur
Gewinnung des roten Farbstoffs benutzt wird, verwenden wir ihn
zu den verschiedensten schützenden Überzügen namentlich auf
Gegenständen von Holz oder Pappe (~papier mâché~). Der meiste Lack
kommt aus den Gangesländern, Siam und Annam zu uns, und zwar ist der
Hauptausfuhrhafen dafür Kalkutta.
Von nicht aus solchem indischen Lack hergestellten Firnisüberzügen,
die technisch in Europa und allen Kulturländern von Bedeutung sind,
ist der wichtigste der aus Zelluloid, d. h. nitrierter, mit einer
alkoholischen Lösung von Kampfer und je nach Bedarf auch Farbstoffen
und Rizinusöl versetzter Baumwolle oder Seidenpapier hergestellte
+Zaponlack+, den man verwendet, um blanke metallische Flächen,
die keiner erheblichen Wärme und keinen starken mechanischen Angriffen
ausgesetzt sind, vor der Einwirkung von Luftgasen oder Säuren zu
schützen. Außer der Elektrotechnik haben sich auch andere Industrien
die Vorteile desselben zunutze gemacht. So ist z. B. heute fast alles
Silber zum Schutze gegen Oxydierung in Zaponlack getaucht. Wenn man
häufig gebrauchte silberne Geräte einige Zeit nachdem man sie gekauft
hat besieht, bemerkt man, daß gewisse gelbliche Stellen des Lackes
abgeblättert sind. Das ist eben der infolge des starken Gebrauchs
abgegriffene Zaponlack.
XXV.
Die duftenden Pflanzenharze.
Wie sich der Mensch gerne zu festlichen Anlässen mit wohlriechendem
Öle salbt und die Kleidungsstücke mit parfümiertem Wasser besprengt,
so verwendet er seit Urzeiten gerne zu gottesdienstlichen Handlungen
Räucherungen von duftenden Hölzern und Harzen, als deren vornehmstes
der Weihrauch sich bis auf unsere aufgeklärte Zeit erhalten hat.
Schon im vierten und fünften vorchristlichen Jahrtausend haben die
alten Kulturvölker des Morgenlandes ihren Göttern teils in Verbindung
mit blutigen oder unblutigen Opfern, teils mit Gebet und Gesang
Weihrauch, Myrrhen und Galbanum geopfert, um sie durch den dabei
ausströmenden Wohlgeruch zu erfreuen. Nach der Mitteilung des Vaters
der Geschichtsforschung Herodot, verbrannten die Chaldäer beim Feste
des Bel in Babylon alljährlich für tausend Talente, d. h. 4710000 Mark
Weihrauch, und nach Plutarch brachten die Ägypter morgens, mittags und
abends der Sonne ein Weihrauchopfer dar. Auch bei den Juden wurden
morgens und abends auf dem vor dem Vorhange des Allerheiligsten in
der Stiftshütte und später im Tempel stehenden, mit Gold überzogenen
Räucheraltar allerlei wohlriechende Spezereien, vor allem auch
Weihrauch, verbrannt. Bei den Griechen kam der Gebrauch des Weihrauchs
zum Opfer durch Vermittlung der Phönikier etwa im 7. vorchristlichen
Jahrhundert auf, bei den Römern erheblich später, in Verbindung mit
Weinspenden, während vorher Met oder Milch der Herdentiere dazu gedient
hatte. Die Christen betrachteten anfänglich solche Rauchopfer als
heidnische Greuel; aber bereits im Verlaufe des 4. Jahrhunderts drangen
sie auch in den christlichen Kultus ein, nur verbot man, diese Gott und
den Heiligen allein zukommende Ehrung nach römischer Sitte auch den
kaiserlichen Bildsäulen zukommen zu lassen.
Der Weihrauch und die anderen beim Verbrennen duftenden Pflanzenharze
wurden im heidnischen wie im jüdischen und zuletzt im christlichen Kult
in Metallgefäßen verbrannt, die an Ketten getragen und hin und her
geschwungen wurden, um die Tempelräume mit Wohlgerüchen zu erfüllen.
Solche bronzene Räucherpfannen (lateinisch ~turibula incensoria~)
wurden mehrfach in Pompeji gefunden und sind schon in altägyptischen
Tempeldarstellungen abgebildet. In nichts ist ja der Mensch so
konservativ als im Kult. Und damit der Gottheit dargebrachte Rauchopfer
lassen sich bis in das früheste Altertum zurückverfolgen. Aus der
biblischen Geschichte kennen wir sehr wohl den Wert, der auf solche
Räucherharze gelegt wurde, und wissen aus der Weihnachtsgeschichte wie
die Weisen aus dem Morgenlande, die dem Sterne nachgegangen waren,
bis sie das Jesuskindlein in Bethlehem fanden, anbetend vor ihm
niederfielen und ihre Schätze auftaten und ihm Gold, Weihrauch und
Myrrhen als das Kostbarste, was es damals gab, schenkten.
Beim altisraelitischen Gottesdienst wurde neben Weihrauch und
Myrrhe auch ~chelbenah~, was (erhärtete) Milch bedeutet, lateinisch
~galbanum~, geopfert, eine Droge, die der berühmte griechische Arzt
Hippokrates, der große Aristotelesschüler Theophrastos und andere als
~chalbánē~ erwähnen. Es ist dies der am Stengel und an der Basis des
persischen Doldengewächses ~Ferula galbaniflua~ freiwillig austretende
erhärtete Milchsaft, der in Form von mehr oder weniger verklebten,
außen grünlichbraunen Körnern, die oft zu einer gleichartigen Masse
vereinigt sind, in den Handel gelangt. Er ist in der Kälte spröde,
zwischen den Fingern knetbar, riecht stark aromatisch, schmeckt etwas
bitter, terpentinartig und diente früher auch als Arzneimittel, indem
man ihm eine gewisse Einwirkung auf das Uterinsystem zuschrieb. Heute
wird er bei uns nur noch äußerlich als leicht hautreizendes Pflaster
unter der Bezeichnung Mutterharz verwendet. Noch im Mittelalter war
er eine nicht unwichtige Droge, die als ein Handelsartikel Venedigs
mehrfach erwähnt wird und sich auch unter den Effekten des im Jahre
1360 in England gefangenen Königs Johann von Frankreich befand.
Wichtiger war den alten Kulturvölkern des Morgenlandes die aus Arabien
stammende +Myrrhe+, ein in unregelmäßigen Körnern oder Knollen
von Nuß- bis Faustgröße in den Handel gelangendes, gelbliches bis
braunes, durchscheinendes Gummiharz verschiedener in Nordostafrika
und Südarabien heimischer Terebinthenarten, von denen der echte
Myrrhenbaum, ~Commiphora~ (d. h. Gummierzeuger) ~myrrha~, der
wichtigste ist. Von dem nur etwa 6-8 m hohen Baum fließt das
Myrrhenharz von selbst nach austrocknenden Winden, die die Rinde zum
Bersten bringen, nachdem sich das Holz durch vorausgegangene Regen
mit Wasser gefüllt hat, aus in Form eines milchig trüben, gelblichen
Saftes und erstarrt, allmählich dunkler werdend, zu einer eigentümlich
balsamisch riechenden und gewürzhaft bitter schmeckenden Masse, die
sich beim Erhitzen aufbläht und einen angenehmen Geruch verbreitet.
Die Myrrhe enthält verschiedene ätherische Öle, Gummi und Harz und
hat ihren Namen aus dem arabischen ~murr~, was bitter bedeutet. Seit
den ältesten Zeiten bildete sie neben dem Weihrauch einen wichtigen
Bestandteil der Räucherungsmittel und wohlriechenden Salben, die im
Orient bei allen gottesdienstlichen Handlungen zur Anwendung gelangten.
Der griechische Geschichtschreiber Plutarch berichtet uns, daß die
Priester im Tempel der Isis täglich dreimal räucherten, und zwar des
Morgens mit Balsam, gegen Mittag mit Myrrhen (~bal~) und am Abend mit
~kyphi~, einer Mischung von 16 und mehr verschiedenen Ingredienzen, bei
deren Anfertigung auf die Heiligkeit der Zahl vier Rücksicht genommen
werden mußte.
Das Kyphi ist ein in den hieroglyphischen Inschriften ungemein häufig
erwähntes heiliges Räuchermittel. Das altägyptische Totenbuch nennt
verschiedene Bestandteile desselben; außerdem haben uns griechische
Schriftsteller so ausführliche Mitteilungen darüber hinterlassen, daß
wir die wichtigsten Bestandteile desselben kennen. Allerdings stieg die
Zahl der Ingredienzen, die anfänglich nur wenige betrugen, im Lauf der
Jahrhunderte auf mehrere Dutzend. Deren Mischung wurde in den Tempeln
selbst vorgenommen, und nach Plutarch las man den Salbenreibern und
Räuchermittelmischern während ihrer Arbeit aus heiligen Schriften
vor, damit ihre Gedanken dabei auf das Göttliche gerichtet seien. Aus
den Inschriften an den Tempelwänden und dem Texte der Papyri erfahren
wir von der harzigen Ausschwitzung eines nicht näher definierbaren
arabischen Baumes aus der Familie der Myrrhenbäume, aus welcher die
Salbenreiber der ägyptischen Tempel in besonderen Laboratorien (~asit~)
ein Räuchermittel herstellten. Dann wird das Produkt des ebenfalls
arabischen Tesepbaumes (vermutlich auch einer Commiphora-Art) häufig
in den Kyphirezepten erwähnt, auch fand dessen Gummiharz wie die
Myrrhe beim Einbalsamieren der Leichen Verwendung. Die wichtigsten
Bestandteile des Kyphi aber waren verschiedene Weihrauch- und
Myrrhenarten; daneben gelangte auch Mastixharz zur Anwendung, von dem
man zur Zeit der Pharaonen schon drei Sorten, nämlich schwarzes, weißes
und rotes unterschied.
Bei den alten Ägyptern dienten Myrrhen auch als Arznei, zum Würzen
von Wein und zum Herstellen von wohlriechenden Salben, mit denen bei
festlichen Anlässen vor allem das Haupthaar gesalbt wurde. Auf letztere
nimmt das älteste uns aus der altägyptischen Literatur erhaltene
Gedicht aus dem mittleren Reich (2160-1788 v. Chr.) Bezug, nämlich das
„Lied des Harfners“, der den Schmausenden in den Häusern der Reichen
während des Mahles vorsang und sie folgendermaßen zum Lebensgenusse
aufforderte.
„Folge deinem Wunsch, dieweil du lebst,
Lege Myrrhen auf dein Haupt,
Kleide dich in feines Linnen
Getränkt mit köstlichen Wohlgerüchen,
Den echten Dingen der Götter.
Vermehre deine Wonne noch mehr,
Laß dein Herz nicht müde sein,
Folge deinem Wunsch und deinem Vergnügen
Und schaffe dir ein Schicksal auf Erden
Nach den Wünschen deines Herzens,
Bis jener Tag der Trauer zu dir kommt;
Denn Osiris erhört ihr Schreien nicht,
Und keinen Menschen ruft die Totenklage aus dem Grabe zurück.
Feiere den frohen Tag und ruhe nicht an ihm!
Denn siehe, niemand nimmt seine Güter mit sich,
Und noch keiner kehrte zurück, der dorthin gegangen ist.“
Auch bei den Juden im Alten Testamente ist viel von Myrrhen zu
gottesdienstlichen Räucherungen und als profanes Duftmittel bei
festlichen Anlässen die Rede. Was alles an solchen Wohlgerüchen damals
bekannt war, zählt uns der um 800 v. Chr. lebende Dichter des Hohen
Liedes auf, wenn er in Kap. 4, 13 von der Geliebten sagt, ihr Körper
dufte „wie Zypern mit Narden, Narden mit Safran, Kalmus und Kinnamom
(Zimt), mit allerlei Bäumen des Weihrauchs, Myrrhen und Aloē (dem zu
Räucherungen verwandten wohlriechenden Aloeholz), mit allen besten
Würzen“. Und in Kap. 5, 5: „Meine Hände troffen von Myrrhen(-salbe)
und Myrrhen liefen über meine Finger.“ In Kap. 3, 10 spricht er zur
Geliebten: „Der Geruch deiner Salben übertrifft alle Gewürze.“
Von den Ägyptern und Vorderasiaten gelangte der Gebrauch der Myrrhe
als gottesdienstliches Räucherwerk und Parfüm bei festlichen Anlässen
zu den Griechen und Römern, die sie in ähnlicher Weise wie die Ägypter
anwandten. Als geschätztes Heilmittel empfehlen sie die römischen Ärzte
Scribonius Largus und Alexander Trallianus (im 6. Jahrhundert n. Chr.).
Cornelius Celsus spricht von einer schwarzen, bei Augenkrankheiten
angewandten Myrrhe. Auch im Dispensatorium des Valerius Cordus wird
die Myrrhe angeführt. Die heilige Hildegard nennt im 12. Jahrhundert
~mirrha~ und empfiehlt sie gegen allerlei Erkrankungen. So hat sich die
Myrrhe als geschätztes Heilmittel, wenn auch nicht als Räucherwerk, bis
auf unsere Tage auch im Abendlande im Gebrauch erhalten.