Infolge unausgesetzter, rücksichtsloser Ausbeutung sind die

Kautschukbäume in den zugänglicheren Partien der Flußläufe vielfach

ausgerottet worden; doch ist das Gebiet, in dem sie wachsen, so groß,

daß gleichwohl noch keine Erschöpfung der Produktion eingetreten

ist, obschon das Amazonasgebiet allein jährlich bis 30 Millionen

kg Parákautschuk, so genannt, weil er über Pará ausgeführt wird,

produziert. Immerhin ist es auffallend, daß trotz der enormen Bedeutung

des Kautschuks für das Amazonasgebiet der Baum in seiner Heimat kaum

irgendwo kultiviert wird. Die wildwachsenden Bäume werden von den nach

den flaschenartigen, als ~seringas~, d. h. Spritzen, bezeichneten

Rohformen des Kautschuks seringeros genannten Kautschuksammlern in der

Weise angezapft, daß mit einem kleinen Beile ~V~förmige Einschnitte

in die Rinde geschlagen werden, unter deren Verbindungsstelle kleine

Blechbecher angebracht werden, deren Seiten mit Ton verschmiert

sind, damit nichts von dem reichlich aus den Wunden hervorquellenden

Milchsaft daneben fließe und so verloren gehe. Jeder Einschnitt

liefert innerhalb 1-3 Stunden durchschnittlich 30 ~ccm~ Milchsaft.

Die Schnitte, die nur ganz oberflächlich geführt sein dürfen, damit

der Holzkörper nicht verletzt werde, da sich sonst leicht Bohrkäfer

in die betreffenden Wunden einnisten, werden von unten nach oben

fortschreitend in Horizontalreihen angebracht. Dabei erträgt ein

Baum von 1,25-2,5 m Stammumfang sehr gut 10-20 Einschnitte alle

2 oder 3 Tage, bis er endlich erschöpft ist und eine weitere

Milchsaftabsonderung unterbleibt.

[Illustration:

Tafel 107.

Kautschukbäume (~Hevea brasiliensis~) in Manaos am Amazonenstrom in

Brasilien.]

[Illustration: Das Einschneiden solcher zur Gewinnung des

Kautschuksaftes.]

[Illustration:

Tafel 108.

Das Anzapfen von Kautschukbäumen (~Hevea brasiliensis~) vermittelst

Spiralschnitt auf einer Plantage Ceylons.]

[Illustration: Das Räuchern des vom Kautschukbaum gewonnenen

Kautschuks.]

Die der Kuhmilch ähnliche, trinkbare, nur etwas nach Ammoniak riechende

Flüssigkeit wird dann aus den Blechbechern in ein größeres Gefäß

gegossen und zur Beschleunigung der Gerinnung geräuchert. Man bringt

zu diesem Zwecke die steinharten Früchte der sogenannten Shevonpalme

(~Attalea excelsa~) oder Paránüsse, oder solche von ~Maximiliana

regia~ und ~Euterpe edulis~ zum Glühen, was einen starken, ölhaltigen

Rauch erzeugt. Dieser letztere wird dadurch zusammengehalten, daß man

ein krugartiges, irdenes Gefäß mit enger Mündung darüber aufstellt.

Der Seringero gießt nun mit einer Kürbisschale etwas vom dicklichen

Milchsaft über ein Holz mit spatenähnlich verbreitertem Ende, läßt

den Überschuß desselben in die darunter gestellte große Blechschale

abtropfen und hält dann den hängengebliebenen Teil in den weißen

Qualm, wobei er den Stock in fortwährender Drehung erhält. Durch

die Wärme des Feuers und die bei der Verbrennung entstehenden

kreosotartigen Bestandteile des Rauches nimmt die Milch in kaum 15

Minuten eine gelbe Farbe an und wird fest. Hierauf wird dasselbe

Verfahren wiederholt und eine Schicht legt sich über die andere, bis

man einen Klumpen von der Größe einer Kegelkugel erlangt hat, der

etwa 15 kg wiegt. Dieser wird dann, nachdem er eine Nacht hindurch

getrocknet hat, aufgeschnitten und vom Holze heruntergestreift,

das zu dessen leichteren Lösung vorher mit einer dünnen Tonschicht

bestrichen wurde, und kommt als +seringa+ in den Handel. Er zeigt

auf dem Querschnitt eine deutliche Schichtung, ist außen braun bis

braunschwarz, aber schon in einer Tiefe von 1 cm bernsteingelb.

Aus dem Reste des Milchsaftes, der in den Gefäßen haften bleibt und

deshalb nicht zu Kugeln verarbeitet werden kann, stellt man kleine,

formlose Stücke her, die unter dem Namen ~barrocha~ oder ~sernamby de

seringa~ in den Handel kommen, aber nur zwei Drittel vom Preise des

Kugelfeingummis erzielen. Dieser sogenannte Speckgummi, an dem man

noch an der verschiedenen Farbe die einzelnen Schichten erkennen kann,

ist äußerst elastisch und fest und übertrifft alle anderen Sorten des

Kautschuks bei weitem an Güte.

Eine geringere Sorte ist der ~caucho~ (sprich kautscho), der in

der Weise gewonnen wird, daß man die Bäume fällt und ihnen durch

angebrachte Einschnitte den Milchsaft entzieht, den man in einem vorher

fertiggestellten Erdloch oder in einem ausgehöhlten Holzklotz sammelt.

Hierauf löst man in einer Blechschüssel ein Stück Seife auf, mischt

das Seifenwasser mit dem zerstampften Kraut der ~Betilla nigra~, einer

dort überall vorkommenden Pflanze, und vermengt diese Mischung mit der

Kautschukmilch, die sehr bald fest wird. So entsteht eine Art Block,

den man mehrere Monate liegen läßt, bis das darin befindliche Wasser

zum größten Teil verdunstet ist. Die Herstellung von ~caucho~ auf die

beschriebene Weise wird weniger in Brasilien als in Peru betrieben.

Seine Ausfuhr geht meist über die Anden nach Bolivia, wohin neuerdings

auch der feinere Parágummi des hohen Ausgangszolles wegen, womit

ihn Brasilien belastet, vielfach transportiert wird, um ihn aus den

Hafenplätzen der Westküste Südamerikas zu exportieren.

Wegen der großen Bedeutung des von ihnen gewonnenen Kautschuks hat man

die Heveabäume, deren höchste Ertragsfähigkeit, nebenbei bemerkt, erst

mit dem 24. Jahre beginnt, auch anderwärts in den Tropen angepflanzt,

so besonders auf Ceylon, Malakka und Java in über zehn Millionen

Exemplaren. Es gelang auch, sie dort vollkommen einzubürgern, aber

überall da, wo der Boden nicht recht naß gehalten werden konnte, war

der Ertrag an Milchsaft ein so überraschend geringer, daß die mit

großen Hoffnungen auf reichen Gewinn unternommenen Kulturen wieder

aufgegeben wurden; die Bäume wurden gefällt und an ihrer Stelle

pflanzte man andere Nutzpflanzen an. Da man auch in Südamerika nur im

Überschwemmungsgebiet des Amazonenstroms reichlich guten Kautschuk

gewinnt und sich mit der weiteren Entfernung von diesem nicht nur

die Menge, sondern auch die Güte desselben verringert, obgleich die

Bäume selbst vorzüglich gedeihen, so hätte dieser Umstand schon einen

Fingerzeig dafür geben sollen, daß die Heveaarten eine ganz besondere

Empfindlichkeit gegen Standort und Klima aufweisen, also nur da mit

Erfolg angesiedelt werden können, wo regelmäßige Überschwemmungen den

Boden sehr stark durchtränken. Von den deutschen Kolonien würde daher

besonders das Küstengebiet von Kamerun mit seinen vielen Flußarmen und

feuchten Niederungen einige Aussicht auf erfolgreiche Kautschukkultur

mit Heveaarten darbieten.

Nun hat man glücklicherweise außer diesen auch weniger anspruchsvolle

Kautschukpflanzen kennen gelernt, unter welchen an erster Stelle

die ebenfalls Nordostbrasilien angehörende Euphorbiazee ~Manihot

glaziovii~, ein 8-15 m hoher Baum mit rötlichgrauer Rinde, von

der sich silberweiße Querstreifen in derselben Weise wie bei der

Birke ablösen, langgestielten, fingerförmig geteilten Blättern und

unansehnlichen, gelbroten Blüten, von denen männliche und weibliche

an denselben Blütenständen sitzen, zu nennen ist. Die Frucht ist

eine 2-3 cm große, fast kugelige dreifächerige Kapsel, die mit

drei Längsschlitzen aufspringt und in jedem Fach einen gescheckten,

sehr hartschaligen Samen besitzt. Die Pflanze enthält in fast

allen Teilen, den Milchsaft ausgenommen, Blausäure. Sie ist in der

Provinz Ceara heimisch und wird deshalb auch +Ceara-Kautschukbaum+

genannt. Sie bildet einen wichtigen Bestandteil der Certâoflora

von Nordostbrasilien, einer den Stein- und Sandsteppen ähnlichen

Formation, und wird ebenfalls neuerdings zu kultivieren begonnen. Sie

läßt sich sehr leicht aus Samen und Stecklingen erziehen und wächst

außerordentlich rasch. Diese guten Eigenschaften zeigten sich auch bei

ihrer Überführung nach den Tropenländern der Alten Welt. Überall wo

man den Baum anpflanzte, auf Ceylon, in Vorder- und Hinterindien, auf

Java, in Ost- und Westafrika, gedieh er auch auf ganz geringwertigem

Boden vortrefflich bis zu einer Meereshöhe von 1000 m, gab aber

eine so geringe und minderwertige Ausbeute an Kautschuk, daß man

an allen Orten mit feuchtem tropischen Klima seinen Anbau wieder

aufgab. Nur in Gegenden mit einer halbjährigen Trockenzeit liefert er

einigermaßen Milchsaft zur Kautschukgewinnung. Schon nach vier Jahren

kann er angezapft werden und liefert dann, wenn dies behutsam, ohne

grobe Verletzung des Holzes geschieht, eine Reihe von Jahren hindurch

das Material zum sogenannten Cearakautschuk, dessen Marktpreis 6,50-7

Mark pro kg beträgt. Noch besser ist es aber, mit dem Anzapfen zu

warten, bis der Baum 6-7 Jahre alt geworden ist, da er dann mehr

aushält. Als 8-9jährig liefert er dann bei insgesamt 24 Anzapfungen

im Jahre höchstens 6 kg Kautschuk, der aber geringwertiger als der

echte Parákautschuk ist. Die Gerinnung seines Milchsaftes wird durch

Hinzugießen von Alaunlösung, neuerdings auch mit Zitronensaft oder

einer billigeren Säure bewirkt. Gegenwärtig wird dieser Kautschukbaum

im trockenen, steinigen Gelände von Deutsch-Ostafrika im großen

angebaut, doch sind die meisten der Bäume dort noch nicht alt genug, um

ertragsfähig zu sein.

Ebenfalls in Nordostbrasilien heimisch und sehr anspruchslos an

Boden und Klima ist der 5-7 m hohe +Mangabeirabaum+ (~Hancornia

speciosa~) aus der Familie der Apocynazeen mit schlaff herabhängenden

Ästen, ziemlich großen Blüten und einer pflaumengroßen, gelben,

rotgestreiften, beerenartigen Frucht. Sie ist in ihrer Heimat als

~manguba~ allgemein bekannt und wird hoch geschätzt, da der Fruchtbrei,

in welchem die Samen liegen, sehr angenehm süß-säuerlich schmeckt und

deshalb gerne gegessen wird. Der Baum wächst in den trockenen Gegenden

Brasiliens von Rio de Janeiro bis Pernambuco, besonders in den ~Campos

cerrados~ den Provinzen Bahia und Pernambuco, geht südlich bis S.

Paulo und westwärts durch Matto Grosso bis zu den Grenzen Perus. Die

gelernten Kautschuksammler zapfen zwar nur erntereiche Bäume sachgemäß

an, die herumziehenden Sammler aber haben arg gehaust und die Bestände

stark gelichtet. Der Staat S. Paulo hat daher zum Schutz und zur

Aufmunterung der Anpflanzung dieser Bäume ein Gesetz erlassen, das

weiteste Beachtung verdient. Seine Genügsamkeit in Verbindung mit

früher Ergiebigkeit und verhältnismäßig hoher Ernte lassen ihn für

die trockenen Gebiete von Deutsch-Ostafrika und des Hinterlandes von

Westafrika geeignet erscheinen; jedenfalls dürfte er bessere Resultate

geben als die anderen bisher genannten Kautschuklieferanten.

Ein Baumriese des mittel- und südamerikanischen Urwaldes ist die

den Maulbeer- und Feigenbäumen verwandte ~Castilloa elastica~.

Einzelne Exemplare des Baumes sollen bis 50 m hoch werden, seine

durchschnittliche Höhe ist aber 20-30 m. Die länglich herzförmigen,

hellgrünen Blätter werden bis 30 cm lang und 18 cm breit. Die

achselständigen Blütenstände weisen einzelne weibliche und gehäufte

männliche Blüten auf, aus welch ersteren 3-5 cm breite, flache

Früchte mit zahlreichen Einzelfrüchten hervorgehen. Eigentümlich ist,

daß der Baum zwei Arten von Zweigen besitzt, von denen die einen,

in der Jugend gebildeten, später abgeworfen werden. Der Baum wächst

vom südlichen Mexiko bis Ecuador und dem nördlichen Peru, meist in

Wäldern, aber auch auf den Grasflächen. Da nun die wilden Bestände

durch den rücksichtslosen Raubbau, der beim Abzapfen des Milchsaftes

meist getrieben wird, sich schon bedenklich vermindert haben, pflanzte

man den Baum zuerst in Westindien und Zentralamerika, dann auch an

zahlreichen anderen Orten der Tropen plantagenmäßig an. Er ist nämlich

eine der sichersten und ergiebigsten Kautschukpflanzen und läßt sich

überall da kultivieren, wo der Anbau von Kakao mit Erfolg betrieben

werden kann. Da er dabei in betreff des Bodens nicht zu wählerisch

ist und eine 3-4monatliche Trockenzeit verträgt, so sind Aussichten

auf erfolgreiche Kultur in vielen Tropenländern vorhanden. Allerdings

stehen angepflanzte Bäume in bezug auf die Menge und Beschaffenheit

des Milchsaftes wildwachsenden nach, doch wird wohl diesem Übelstande

bei mehr Erfahrung in der Pflege einigermaßen abgeholfen werden

können. Auch sind die Versuche, den Baum als Schattenbaum für Kakao

und Kaffee zu verwenden, beachtenswert. In den deutschen Kolonien

scheint er in dem feuchtwarmen Küstenklima von Kamerun, Samoa und

Neuguinea fortzukommen. In Kamerun haben allerdings die Kulturen unter

einem Bohrkäfer stark zu leiden; auf Neuguinea lieferten dagegen die

ersten Anzapfungen recht befriedigende Ergebnisse. Die Gerinnung des

Milchsaftes wird in der Heimat dieses Kautschukbaumes meist durch

Hinzufügen von Saft der zerquetschten ~Ipomaea bona nox~, eines sehr

häufigen Unkrautes aus der Familie der Windengewächse, hervorgerufen.

Die von den gewissenlosen Kautschuksammlern vielfach geübte, weil

bequemste Art der Kautschukgewinnung besteht auch hier darin, daß die

Bäume kurz über der Wurzel gefällt werden. Dabei gewinnt der Sammler

eine fünfmal so große Menge Saft als durch das schonende Anzapfen,

das den Baum erhält und eine spätere regelmäßige Wiederholung des

Anschneidens möglich macht.

Der größte Teil des aus Kolumbien kommenden Kautschuks wird von

einem andern hohen Waldbaum aus der Familie der Euphorbiazeen oder

Wolfsmilchgewächse mit gestielten lanzettlichen Blättern, einfachen

Blütenähren und von Fruchtfleisch umgebenen kugeligen Samen, ~Sapium

verum~, gewonnen, der vornehmlich in Höhen von 2-3000 m wächst. Auch

andere Arten derselben Gattung, die in niederen Regionen heimisch

sind, geben guten Kautschuk, während es zweifelhaft ist, ob ~Sapium

biglandulosum~ in Mittel- und Südamerika, von der man zuerst die

Herkunft des kolumbischen Kautschuks ableiten wollte, überhaupt ein

brauchbares Produkt liefert.

Nächst Südamerika ist Afrika das an Kautschukpflanzen reichste Land,

dessen Kautschukerzeugung in den letzten Jahren, zusammen mit der

wirtschaftlichen Erschließung des Erdteils überhaupt, einen bedeutenden

Aufschwung genommen hat. Unter diesen sind die verschiedenen

Landolphia-Arten die weitaus wichtigsten. Es sind dies Schlinggewächse

aus der Familie der Apocynazeen oder Hundsgiftgewächse mit holzigem

Stengel, die sich vermittels Ranken an benachbarte Sträucher oder Bäume

klammern und an diesen bis in die höchsten Baumwipfel emporklettern.

Sie haben 10 und mehr cm lange, eiförmige Blätter, große, bis

3,5 cm lange trichterförmige Blüten mit aufrechten Zipfeln in

dichten Blütenständen und kleinen Orangen gleichende, gelbe oder

rote Beerenfrüchte, in deren gelbem, säuerlichem Fruchtfleisch die

großen vieleckigen Samen eingebettet sind. Diese Früchte bilden

eine Lieblingsspeise der Affen, werden aber auch vom Menschen gerne

gegessen. Diese Landolphia-Arten, von denen jetzt 14 als gute

Kautschuklieferanten bekannt geworden sind, kommen hauptsächlich in

den Urwäldern West- und Mittelafrikas sehr verbreitet vor und bilden

durch den aus ihnen gewonnenen Kautschuk den Reichtum, aber auch,

wie man es durch die Mißwirtschaft im Kongostaat genugsam erfahren

hat, zugleich, wie früher das weiße und schwarze Elfenbein, den Fluch

des Landes. Manche Arten sind aber schon so weit vermindert, ja fast

ausgerottet worden, daß man sich neuerdings dazu bequemen mußte, sie

auch anzubauen, was allerdings seine Schwierigkeiten hat.

Der Kautschuk wird in der Weise aus ihnen gewonnen, daß man die

dickeren Triebe der Lianen anschneidet, worauf der Saft ausfließt und

mitunter schon an der Luft gerinnt. In den einzelnen Gegenden bedient

man sich verschiedener Mittel, um ihn zum Gerinnen zu bringen; meist

aber wird der saure Saft der Früchte derselben Schlingsträucher dazu

verwendet. Schließlich formt man aus ihm kopfgroße Klumpen, die dann

als solche in den Handel gelangen. Bei der Gewinnung des Kautschuks

verfahren die Neger sehr unvernünftig, indem sie sich nicht die Mühe

nehmen, die Liane anzuschneiden, sondern sie hauen sie einfach kurz

über dem Erdboden ab und fangen den auslaufenden Saft auf. Dies ist

natürlich die bequemste Art der Gewinnung desselben, die auch eine

einmalige größere Ausbeute als das Anzapfen liefert; aber dabei

geht die Pflanze zugrunde, und bei der großen Nachfrage und den

hohen Preisen des Kautschuks liegt die Gefahr nahe, daß durch diesen

Raubbau die ganzen Bestände an Kautschuklianen vernichtet werden. Die

Kolonialregierungen suchen deshalb durch Belehrung der Schwarzen und

Gesetze dieses verhängnisvolle Raubsystem möglichst einzuschränken und

die Eingeborenen zu einer vernünftigen Behandlung der so wertvollen

Kautschuklianen anzuleiten.

Den Landolphien nahe verwandt sind die Clitandra-Arten, ebenfalls in

den Urwäldern der afrikanischen Tropen wachsende Klettergewächse,

die man bis jetzt am häufigsten im Kongobecken und in Kamerun

angetroffen hat. Erst in jüngster Zeit hat man ihren hohen Wert für

die Kautschukgewinnung erkannt, und sie nehmen heute schon in dieser

Industrie eine bedeutende Stellung ein. Der Milchsaft ist bei ihnen

außerordentlich reichlich vorhanden, und zwar in derselben Güte wie

bei den besseren Landolphia-Arten, wird auch in derselben Weise

wie bei jenen gewonnen. In Togo und Kamerun werden versuchsweise

neben den Landolphia- auch Clitandra-Arten auf einigen europäischen

Pflanzungen angebaut. Von niederen, strauchartigen Apocynazeen

derselben Gattung und von mehreren Carpodinus-Arten, die an mehr

trockenen Stellen Westafrikas gefunden werden, gewinnt man den in

den fingerdicken, weithin verästelten Rhizomen in verhältnismäßig

großer Menge abgelagerten Kautschuk, der als +Wurzelkautschuk+ aus dem

nördlichen Kongogebiet und Angola in den Handel kommt. Zur Gewinnung

desselben werden die Wurzelstöcke der krautigen, schmalblätterigen,

etwa meterhohen Pflanzen zerschnitten, einige Tage der Sonne

ausgesetzt, dann gegen zehn Tage in Wasser gelegt, hierauf mit

Holzlatten geschlagen und schließlich gekocht. Das dabei gewonnene

Produkt, dem von den Eingeborenen gewöhnlich Würfelform gegeben wird,

ist sehr minderwertig und enthält oft bis zur Hälfte des Gewichts

Rinden- und Holzstücke. In Ostafrika und Madagaskar liefert eine

andere Apocynazee, ~Mascarenhasia elastica~, die vielfach an sumpfigen

Bachufern wächst, einen Kautschuk mittelmäßiger Qualität, der meist mit

Landolphiakautschuk vermischt in den Handel kommt.

Als weit besserer Kautschuklieferant als diese genannten afrikanischen

Arten wächst in denselben Gegenden Westafrikas von der Goldküste bis

zum Kongo ein ebenfalls in die Familie der Apocynazeen gehörender 30 m

hoher Baum, ~Kickxia elastica~, mit grauer Rinde, lanzettlichen,

lang zugespitzten, lederartigen, dunkelgrünen Blättern und gelblichen

Blüten in dichten Trugdolden. Aus ihnen gehen die aus zwei Kapseln

bestehenden, zahlreiche Samen enthaltenden, 15-20 cm langen Früchte

hervor. Dieser Baum ist erst in neuerer Zeit als Kautschuklieferant

entdeckt worden. Im Jahre 1894 brachten eingeborene Händler aus dem

Lagosgebiet eine bis dahin unbekannte Kautschuksorte zum Verkauf an die

Küstenplätze. Bei näherer Untersuchung erwies sich das neue Produkt als

sehr wertvoll; es wurde gern gekauft, gut bezahlt und infolgedessen

bald in großen Mengen von den Eingeborenen auf den Markt gebracht.

Lange kannte man die Pflanze nicht, die diesen Kautschuk lieferte, bis

im Jahre 1898 der Deutsche ~Dr.~ Paul Preuß am Mungofluß in Kamerun die

Pflanze entdeckte und ~Kickxia elastica~ benannte. Von den Franzosen

und Engländern wird sie aber nach einem auf der Goldküste einheimischen

Namen gewöhnlich ~Funtumia elastica~ genannt. Der Baum ist sehr

reich an stark kautschukhaltigem Milchsaft, der in zweierlei Weise

gewonnen wird. Bei der ersten klettert der Eingeborene auf den Baum

und schneidet von der Krone bis fast auf den Erdboden eine Rinne in

die Rinde des Baumes, in welche in bestimmten Abständen schräglaufende

Seitenrinnen einmünden. Der ausrinnende Milchsaft wird in einem Topf am

Boden aufgefangen und nach dem Gerinnen zu Ballen geformt. Wird dieses

Anzapfen vorsichtig gemacht, ohne daß man durch die Rinde hindurch in

den Holzkörper einschneidet, so wächst der Baum weiter und kann im

folgenden Jahre wieder angezapft werden. Bei der zweiten, allerdings

bequemeren Methode wird der Baum gefällt und der aus ihm herauslaufende

Saft gewonnen. Da durch diesen von den Schwarzen mit Vorliebe geübten

Raubbau schon große Kickxiabestände vernichtet wurden, so daß ein

erheblicher Rückgang der Kautschukgewinnung in den nächsten Jahren zu

befürchten ist, hat man auch diesen Baum neuerdings in Plantagenkultur

genommen. So finden sich heute in Kamerun und auf Neuguinea große,

in Togo und Ostafrika kleine Anpflanzungen des Kickxiabaumes, dessen

Kautschuk an Wert dem echten Parákautschuk nur wenig nachsteht. Da

die Nachfrage nach ihm steigt, wird er neuerdings in größerem Maße

auch im Kongostaat angepflanzt, weil er bedeutend schneller wächst

und ertragsfähig wird als die Kautschuklianen, welch letztere durch

die gewissenlose Raubwirtschaft der die Neger dazu mißbrauchenden

Beamten schon bedenklich dezimiert sind. Während die ersten Anzapfungen

der ~Kickxia elastica~ bereits nach 6-7 Jahren ohne irgend welchen

nennenswerten Schaden für die Weiterentwicklung des Baumes vorgenommen

werden können, tritt eine Verwertungsmöglichkeit der Lianen erst nach

20 Jahren ein. Man kommt daher vom Anbau der Lianen mehr und mehr

zurück und pflanzt sie nur noch dort, wo die ~Kickxia elastica~ nicht

fortkommen will. Der Milchsaft der ~Kickxia africana~ dagegen, auf

den man wiederholt von England aus aufmerksam gemacht hat, ist nach

eingehenden Untersuchungen von ~Dr.~ Traun, einer Autorität in der

Kautschukindustrie, ein für die Technik völlig unbrauchbarer Rohstoff,

der, gutem Kautschuk beigemischt, denselben nur entwertet. Es muß daher

vor seiner Verwendung sehr gewarnt werden.

Ein in ganz Westafrika von Senegambien bis an den Kongo vorkommender

Kautschukbaum ist auch ~Ficus vogelii~ aus der Familie der Morazeen

oder Maulbeerbaumgewächse. Er besitzt auf stattlichem Stamm eine

breit ausladende Krone von dunkelgrünen, stark glänzenden, großen

Blättern, deretwegen er von den Eingeborenen gern als willkommener

Schattenspender auf Dorfplätzen angepflanzt wird. Seine haselnußgroßen,

runden, grünen Früchte bilden eine gesuchte Speise der Vögel und Affen.

Der durch Einschnitte aus ihm gewonnene Milchsaft liefert einen nicht

gerade hervorragenden, aber doch gut verkäuflichen Kautschuk, der

besonders gern mit besseren Sorten gemischt in den Handel gebracht

wird. Deshalb hat man neuerdings in Kamerun begonnen, den Baum in

Kultur zu nehmen.

[Illustration:

Tafel 109.

Ein der Kautschukgewinnung dienender indischer Gummibaum (~Ficus

elastica~) mit zahlreichen Luftwurzeln auf Sumatra.]

[Illustration:

Tafel 110.

Allee in einer Anpflanzung von ~Kixia elastica~ in Westafrika.]

[Illustration: Mit Spiralschnitt versehene ~Castilloa elastica~ in

Stephansort auf Neuguinea.]

[Illustration:

Tafel 111.

Blick in eine Gummiwarenfabrik (A.-G. Metzeler & Cie. in München).]

[Illustration:

Tafel 112.

Figürchen aus roher Guttapercha, wie sie von den Eingeborenen von

Brasilien geknetet werden.]

[Illustration: Eine Pflanzung von Guttaperchabäumen (~Isonandra gutta~)

auf Java.]

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 18 / 81 段