ebenso leicht schimmelnde Tinten im Gebrauch, die alle in gleicher
Weise mit dem zugespitzten und an der Spitze gespaltenen Schreibrohr
~calamus~ auf die Schreibrollen aus Papyrus oder Pergament aufgetragen
wurden. Unsere Bezeichnung Rubrik kommt ja aus dem lateinischen
~rubrum~ das Rote, von der kurzen, seit der altägyptischen und
römischen bis fast in unsere Zeit rotgeschriebenen Inhaltsangabe
als Aufschrift bei Aktenstücken und am Eingang von amtlichen
Verfügungen. Schon im 3. Jahrhundert n. Chr. begann man die Tinte
in der heute noch gebräuchlichen Weise anzufertigen, indem man eine
stark gerbstoffhaltige Galläpfelabkochung mit Eisenvitriol versetzte.
Dadurch entstand ein feiner Niederschlag von gerbsaurem Eisenoxydul,
der durch schleimige Verdickungsmittel, wie arabischer Gummi, später
auch Dextrin, in Suspension erhalten wurde. Erst seit einem halben
Jahrhundert kennt und benutzt man klare, filtrierbare +Gallustinten+,
in denen das Eisen in gelöster gerbsaurer und gallussaurer Verbindung
enthalten ist und sich erst nach dem Schreiben in unlöslicher Form auf
dem Papier niederschlägt. Die erste derartig zubereitete Tinte, die
heute noch als Vorbild der meisten im Handel befindlichen Gallustinten
gelten kann, war die im Jahre 1855 von Leonhardi in Dresden erfundene
+Alizarintinte+, so genannt, weil sie außer Indigo auch noch Krapp
zugesetzt erhielt. Da man aber später erkannte, daß die Indigobeigabe
an sich genügt, um der Tinte gehörige Schwärze zu verleihen, ließ
man den Krappzusatz als überflüssig weg. Neuerdings ersetzt man die
Indigolösung in zunehmendem Maße durch andere sauer reagierende
Lösungen von Farbstoffen, besonders Anilinfarben.
Die +Blauholztinten+ werden aus Blauholzextrakt unter Anwendung von
doppeltchromsaurem Kali, Chromalaun und verschiedenen in der Färberei
als Beizen gebrauchten Salzen und Säuren dargestellt. Gegenüber den
Gallustinten haben sie den Nachteil, daß die Schriftzüge leichter
vom Papier entfernt werden können; dagegen kommt ihnen der Vorteil
einer vorzüglichen Kopierfähigkeit zu. Ihrer Billigkeit wegen benutzt
man sie, z. B. in Form der Kaisertinte, häufig für Schulzwecke.
Die +Anilintinten+ sind halb- bis einprozentige Lösungen der
entsprechenden, auf chemischem Wege dargestellten Farben in Wasser
unter Zusatz von Oxalsäure und Zucker. In bezug auf Echtheit und
Beständigkeit stehen sie den Gallus- und Blauholztinten bei weitem
nach, besitzen aber große Kopierfähigkeit, die sich mit der Menge des
darin gelösten Farbstoffs steigert. Vor der Anwendung der Anilinfarben
stellte man die rote Tinte meist aus Pernambukholz oder aus der
Kochenille gewonnenem Karmin, die blaue dagegen aus Indigokarmin oder
Berlinerblau her.
Wie die Tinte der Abendländer im Altertum und Mittelalter aus Ruß,
der durch Verbrennen von Öl oder Holz vorzugsweise von harzreichen
Koniferen gewonnen wurde, wird auch die +Tusche+ der Chinesen und
Japaner, mit der sie vermittelst eines feinen Haarpinsels auf
Papier meist vom Papiermaulbeerbaum schreiben, aus Ruß gewonnen,
und zwar vornehmlich aus dem Ruße des Sesamöles, der mit dem bei
allen Ostasiaten so beliebten Patschuli parfümiert wird, was ihm
den typischen echten Geruch gibt. Dieses Parfüm, das auch zum
Parfümieren der indischen Schale und anderer Erzeugnisse Ostindiens
dient, ist der haltbarste unter allen Pflanzendüften und wird aus
den durch einen reichen Gehalt an ätherischem Öl wohlriechenden
Blättern des südindischen Halbstrauches ~Pogostemon patschuli~ in
Bengalen gewonnen, wo er auch, wie auf Ceylon und Malakka, kultiviert
und ~patschapat~ oder ~patschuli~ geheißen wird. Schon im Altertum
gelangte die chinesische Tusche durch indische Vermittlung nach den
Mittelmeerländern, wo sie bei den Griechen ~indikón mélan~ und bei den
Römern ~indicum nigrum~, d. h. schwarzes Indigo (eigentlich schwarze
indische Farbe) hieß. Vitruvius bezeichnet es als kohlschwarz, auch
Plinius erwähnt es in seiner Naturgeschichte an der vorhin von uns
erwähnten Stelle, und der weitgereiste Grieche Arrian im 2. Jahrhundert
n. Chr. sagt in seinem Bericht über die Umschiffung des Roten Meeres,
daß es nebst seidenen Zeugen und seidenen Fäden von der Stadt Minnagara
an der Indusmündung über Alexandrien in den Handel gelange.
Wie alle orientalischen Völker die Wohlgerüche über alles lieben
und sich und ihre Waren nach Möglichkeit parfümieren, so sind sie
auch besondere Freunde bunter Farben, die sie in der Kleidung und
ganzen Lebensführung zur Geltung kommen lassen. Weniger angenehm für
unseren Geschmack ist ihre mit diesem gesteigerten Farbenbedürfnisse
zusammenhängende Freude am +Schminken+. Wie die Orientalinnen in ihren
Frauengemächern, haben auch die vornehmen Frauen in ganz Vorderasien
und Ägypten sich schon im höchsten Altertume geschminkt und ihre
Haare, Handflächen und Fingernägel gefärbt. In den Grabkammern der
alten Ägypter hat sich uns ein reiches Inventar von wohlriechenden
Salben und Schminken mit allem übrigen Toilettenzubehör vornehmer
Damen gefunden, das uns von der großen Bedeutung dieser Artikel
Kunde gibt. Bei den Ägypterinnen war der zwerghafte, unterwachsene
und bucklige Besa, ein durchaus nicht einheimischer, sondern aus dem
asiatischen Orient mit der ganzen höheren Toilettenkunst eingeführter
Gott, der Toilettengott, den wir sehr häufig auf Schminkbüchsen und
anderen Toilettegegenständen abgebildet finden. Von ihnen und den
vornehmen Asiatinnen Syriens, Phönikiens und Kleinasiens nahmen dann
naturgemäß die wohlhabenden Griechinnen, und von diesen wiederum die
Römerinnen der späteren Zeit diese von uns als Unsitte empfundene
Gewohnheit des Färbens und Schminkens hauptsächlich des Gesichtes an.
Aus vielen Stellen griechischer Schriftsteller geht hervor, daß es
bei den griechischen Damen ganz allgemein Sitte war, das Gesicht zu
schminken. Die dazu verwandte weiße Farbe war Bleiweiß, während das
Rot von der Färberochsenzunge (~Anchusa tinctoria~), von der Pflanze
~paidéros~, von Maulbeeren und von ~phýkos~ (einem Tang, zweifellos
der Lackmusflechte) gewonnen wurde. So führt Athenaios eine Stelle
des Dichters Eubulos in einem Stück, das Die Kranzverkäuferinnen
heißt, an, in der es heißt: „Wie die blonden Augenbrauen mit Ruß oder
Antimonsalbe, so werden die Wangen mit Bleiweiß und Maulbeersaft
beschmiert; und geht nun die Dame im Sommer aus, so fließen von den
Augen her zwei schwarze Tintenbäche auf die Wangen, von den Wangen
aber rote Streifen auf den Hals, und die Haare der Stirne reiben sich
am Bleiweiß grau.“ Gleicherweise sprechen römische Schriftsteller vom
Schminken der römischen Damen, bei denen besonders roter Lackmus zum
Färben der Wangen benutzt wurde. Aber alles Eifern dagegen war umsonst,
die Sitte blieb bestehen. Schon der Athener Xenophon, der Schüler des
Sokrates (440-355 v. Chr.) sagt: „Wenn ich eine Dame sehe, die sich
dick mit Bleiweiß angestrichen hat, um weißer zu erscheinen als sie
wirklich ist, und sich auch dick mit Färberochsenzunge angepinselt
hat, um röter zu erscheinen als sie wirklich ist, und die Schuhe mit
hohen Absätzen trägt, um größer zu erscheinen als sie wirklich ist,
dann muß ich doch bemerken, daß dergleichen Betrug wohl mitunter Fremde
täuschen kann, aber diejenigen gewiß nicht, welche die Dame näher zu
beobachten Gelegenheit haben. Denn sie sieht früh morgens, bevor sie
sich geschmückt hat, ganz anders aus, als wenn sie Toilette gemacht
hat; und ist sie angepinselt, so verrät doch jeder Schweißtropfen, jede
Träne, jeder Wassertropfen den Pinsel.“
Zu allen Zeiten hat der Mann „die Herrin des Liebreizes, der Anmut und
der Liebe“, „die Palme der Liebe und Anmut für ihren Gatten“, „welche
geschützt ward von ihrem Manne“, und wie sonst die Wendungen zur
Kennzeichnung der Frau in den altägyptischen Grabdenkmälern lauten,
gewähren lassen, wenn sie auch von ihrem Triebe nach Putz auf falsche
Bahnen geleitet wurde. Denn wie vor 5000 Jahren gelten noch heute
die Worte des Prinzen und Gaufürsten Ptah-hotep, der im alten Reich
unter dem König Tet-kara der 5. Dynastie (2750-2625 v. Chr.) lebte
und dessen im Papyrus Prisse, dem ältesten Moralbuche der Welt, uns
erhaltenen Anstands-, Sitten- und Weisheitslehren Jahrtausende hindurch
als Richtschnur und Norm im Pharaonenlande dienten. Sie lauten: „Wenn
du weise bist, sorge für dein Haus, liebe deine Frau in Züchten, nähre
sie, kleide sie und schmücke sie, das ist die Lust ihrer Glieder. Gib
ihr Wohlgerüche, erfreue sie, so lange du lebst; denn sie ist ein Gut,
das seines Besitzers würdig sein soll. Sei kein Tyrann. Freundliches
Wesen erreicht mehr als Gewalt. Munter ist alsdann ihr Atem und munter
ihr Auge, das sie im Spiegel schaut. Gern mag sie wohnen in deinem
Hause und mit Lust und Liebe darin arbeiten.“
XXIII.
Der Kautschuk und die Guttapercha.
Wenn man den Stengel einer Wolfsmilch- oder einer andern
Milchsaftpflanze abbricht, so erscheint an den Bruchflächen ein
Tropfen dichten, weißen Milchsafts, der zahlreiche Stoffe wie Gummi,
Zucker, Eiweiß, Gerbstoffe, verschiedene Salze und Alkaloide, ferner
häufig Harze und Kautschuk in Form kleiner Körnchen und manchmal auch
eigenartig gestaltete Stärkekörner enthält. Er befindet sich in einem
System dünnwandiger Röhren und dient teils als Reservenährlösung, teils
aber als wichtiges Schutzmittel für die Pflanze. Wird eine solche
nämlich verletzt, so tritt der unter starkem Druck im Individuum
gehaltene Milchsaft rasch in großen Mengen aus und bedeckt, an der Luft
schnell erhärtend, die Wundfläche mit festem Verschluß, so daß keine
Krankheitserreger in sie hineindringen können.
Begreiflicherweise hat diese Eigenschaft frühzeitig die Aufmerksamkeit
des Menschen erregt, der ja zunächst alle Erzeugnisse der Schöpfung
nur nach ihrem Gebrauchswert für sein eigenes Dasein zu beurteilen
pflegt. So haben die Indianerstämme Brasiliens schon seit langer
Zeit den rasch vertrocknenden, dicken Milchsaft eines stattlichen
Baumes aus der Familie der Euphorbiazeen oder Wolfsmilchgewächse
der von ihnen bewohnten Wälder technisch zur Herstellung von
weichen und zugleich elastischen Flaschen und andern Gegenständen
benutzt, indem sie einen Klumpen Lehm am Ende eines Stockes in die
dickflüssig gewordene Milchsaftmasse tauchten, die sie nach dem
Anschneiden der betreffenden Bäume mit Steinbeilen durch eine Rinne
aus Schilfrohr in daruntergestellte Kalabassen, d. h. ausgehöhlte
Flaschenkürbisse, geleitet hatten. War der federnde Harzüberzug
erstarrt, so wurde der trockene Lehm ausgeklopft und zurück blieb eine
als Wassergefäß benutzbare Flasche mit engem Hals, die sehr elastisch
und unzerbrechlich war. Um nun den ganzen Prozeß zu beschleunigen,
wurde die so gewonnene Form über einem Feuer getrocknet, dessen
Rauch der ursprünglich hellbraunen Kautschukflasche eine dunkle Farbe
verlieh. Solche kamen früher als „Negerköpfe“ in den Handel und werden
von Pará an der Mündung des Amazonenstroms heute noch in dieser Form
ausgeführt. Auch Schuhe, in denen es sehr angenehm zu marschieren
war und die die Füße trocken hielten, was in den morastigen Wäldern
von nicht zu unterschätzender Bedeutung war, Spielbälle und Fackeln
wurden aus diesem wegen seiner Federkraft im Deutschen zunächst
Federharz genannten Stoff verfertigt. Die Indianer bezeichneten ihn als
~kautschu~ oder ~kahutschu~, welch fremdartiger Name sich dann bald
einbürgerte, und zwar zunächst bei den Franzosen als ~caoutchouc~ (mit
unhörbarem ~c~ am Ende).
Es war nämlich der französische Gelehrte Charles Marie de la Condamine
(in Paris 1701 geboren und 1774 ebendort verstorben), der Europa
mit diesem neuartigen Stoffe bekannt machte, nachdem ihn allerdings
schon der Spanier Gonzalo Fernandez d’Oviedo y Valdes in seiner 1536
erschienenen „Allgemeinen Geschichte Indiens“ (d. h. Amerikas, das man
zuerst für Indien ansah) erwähnt hatte bei Gelegenheit der Beschreibung
des Ballspiels der Indianer. Er sagt von letzterem, es werde anders
gespielt und auch der Ball sei aus einer andern Masse hergestellt als
derjenige, dessen sich die Christen bedienen. Nach ihm beschrieb der
Jesuit Charlevoix den „~batos~“ genannten Ball der Indianer als eine
Kugel aus einer festen, außerordentlich elastischen Masse. „Er springt
höher als unsere Bälle, fällt auf den Boden und springt viel höher
wieder auf, als die Hand ihn nach unten warf; er fällt nieder und
springt von neuem, obgleich dieses Mal weniger hoch, und so nimmt die
Höhe der Sprünge allmählich ab.“ Diesen eigenartigen Stoff bezeichnet
der spanische Geschichtschreiber Antonio de Herrera Tordesillas zum
erstenmal als Gummi; aber ihn nach seinem Ursprunge bekanntgemacht zu
haben gebührt durchaus dem Franzosen la Condamine. Dieser Gelehrte
hielt sich von 1736-1744 in Südamerika auf, zuerst als Teilnehmer an
der von der französischen Akademie der Wissenschaften organisierten
Gradmessung in Peru, nach welcher er dann Brasilien bereiste, wobei
er diesen Rohstoff bei den Indianern kennen lernte. Er brachte Proben
davon mit nach der Heimat und reichte 1751 darüber eine Denkschrift
bei der Akademie der Wissenschaften zu Paris ein. Doch fanden seine
Mitteilungen über die merkwürdigen Eigenschaften des elastischen
Baumharzes aus Brasilien ebensowenig Beachtung wie die etwas späteren
von Fresneau und Aublet du Petit-Thouar. Man betrachtete den
Kautschuk als eine Kuriosität, mit der man nichts anzufangen wußte,
und glaubte endlich seinen ganzen Nutzwert erschöpft zu haben, als
man die Fähigkeit desselben entdeckte, Bleistiftstriche durch Reiben
damit vom Papier zu entfernen. Zu diesem Zwecke ward er längere Zeit
hindurch in geringen Mengen eingeführt; doch war er noch so teuer, daß
ein würfelförmiges Stück von 12 mm Seitenlänge nicht weniger als 3
Mark kostete. In England erhielt er davon den Namen „~india rubber~“,
der ihm bis heute verblieb, während er in Deutschland die lateinische
Bezeichnung „~Gummi elasticum~“, auch schlichtweg nur Gummi bekam. Doch
nannte man ihn hier in Anlehnung an das französische ~caoutchouc~ auch
Kautschuk, wobei das k am Schlusse betont wurde.
In den Jahren 1761 und 1768 veröffentlichte der französische Chemiker
Macquer seine chemischen Untersuchungen über den Kautschuk, der bei
gewöhnlicher Temperatur einen höchst elastischen Stoff darstellt.
Bei 0° verliert er jedoch diese Eigenschaft fast ganz, ohne indessen
brüchig zu werden. Die gewöhnlichen Lösungsmittel wirken auf ihn
gar nicht ein und selbst gegen starke chemische Agenzien verhält er
sich sehr indifferent, nur konzentrierte Schwefel- und Salpetersäure
zersetzen ihn. Bei Temperaturerhöhung ändern sich seine chemischen
und physikalischen Eigenschaften. Bei 50° wird er etwas weicher,
bei 100° fängt er an stark zu kleben, bei 120° schmilzt er und geht
bei 200° in eine braunschwarze, schmierige Masse über, welche durch
Abkühlen nicht wieder in ihren früheren Zustand zurückkehrt. Noch
weiter erhitzt, verbrennt er an der Luft mit rötlicher, stark rußender
Flamme. Im Jahre 1791 stellte Grassart in Paris Röhren aus Kautschuk
her, indem er Streifen desselben um Glasröhren wickelte und die Ränder
durch Erwärmen verklebte. Doch wurden solche anfänglich kaum technisch
benutzt. Noch im Jahre 1820 kannte man kaum eine andere Verwendung des
Kautschuks als zum Auswischen von Bleistiftstrichen, wie solches nach
dem Vorschlage des Chemikers Priestley seit dem Jahre 1770 geübt wurde,
dann zu Verschlüssen und Röhrenverbindungen an chemischen Apparaten, zu
elastischen Verbänden, luftdichten Firnissen und zum Wasserdichtmachen
von Leder und Geweben nach dem Vorgange des Engländers Samuel Peal
seit 1791. Um 1820 wurden in Paris die ersten Bougies und Katheter
aus Kautschuk verfertigt. In jenem Jahre nahm der Engländer Hancock
ein Patent auf elastische Gewebe mit Kautschukstreifen; gleichzeitig
gelang es 1820 Stadler in Wien, den Kautschuk in Fäden zu ziehen
und diese, übersponnen, zu elastischen Geweben zu verbinden, eine
Industrie, die dann namentlich von Reithofer in Wien erfolgreich
weiter entwickelt wurde. Damals begann auch Macintosh in Glasgow seine
ersten Versuche zur Anfertigung wasserdichter Stoffe durch Auftragen
von Kautschuklösung auf Gewebe. Er nahm 1823 ein Patent darauf, doch
verschwanden die Übergewänder aus seinem wasserdichten Zeug bald
wieder, weil sie in der Kälte hart und unelastisch wurden, in der Wärme
dagegen leicht zusammenklebten. Im Jahre 1830 machte Thomas Hancock
die ersten Versuche mit der Herstellung von Überschuhen aus Kautschuk,
den sogenannten Gummischuhen. Doch vermochte diese Industrie erst
von 1836 an einen Aufschwung zu nehmen, als es Chaffee in Roxburgh
(Nordamerika) und Nickels in England gelang, Maschinen zu erfinden,
welche den Kautschuk durch bloßes Kneten bei mäßiger Wärme in einen
erweichten, fast unelastischen Körper umwandeln, der mit Leichtigkeit
jede gewünschte Gestalt annimmt.
Trotz allen diesen Errungenschaften blieb der Kautschuk ein Stoff von
nur untergeordneter industrieller Bedeutung, bis der Amerikaner Charles
Goodyear zu Newhaven im Staate Connecticut 1839 das Vulkanisieren
desselben erfand durch Imprägnieren mit Schwefel und Erhitzen. Dadurch
wurden ihm die Nachteile des unangenehmen Geruchs und der Veränderung
durch die Temperatur genommen und hatte man es in der Hand, durch
geringen Zusatz von geschmolzenem Schwefel, mit dem sich der Kautschuk
zu einer eigenen Masse verbindet, und kurzem starken Erhitzen bei
allen Temperaturen weich bleibenden Gummi, durch stärkeren Zusatz von
Schwefel in Verbindung mit langdauerndem Erhitzen dagegen als Ebonit
bezeichneten Hartgummi von hornartiger Beschaffenheit zu erzeugen.
Diese Erfindung erst ermöglichte eine unbeschränkte Anwendung des
Kautschuks und verschaffte diesem Pflanzenprodukt eine ungeheure
Bedeutung, die heute noch immer zunimmt. Den Anstoß zu diesem
Aufschwung gab die Entdeckung des ~Dr.~ Lüdersdorff in Berlin, daß
dem durch Terpentinöl aufgeweichten Kautschuk die nach dem Trocknen
zurückbleibende Klebrigkeit genommen wird, wenn man ihm Schwefel
beimischt. Auf diese Beobachtung baute Goodyear seine Erfindung auf,
die er sofort nach amerikanischer Art im großen technisch verwertete,
indem er alle möglichen Gebrauchsartikel daraus anfertigte. Im Jahre
1842 kamen die ersten vulkanisierten Kautschukartikel aus seiner
Fabrik nach Europa, aber erst die Weltausstellung vom Jahre 1851 im
Kristallpalast in London und noch mehr diejenige von 1855 zu Paris
verschafften seinen äußerst mannigfaltigen Erzeugnissen allgemeine
Anerkennung und Nachahmung in der ganzen Kulturwelt.
Welchen Aufschwung die Kautschukindustrie seither genommen hat, dessen
sind wir alle Zeugen. Tatsächlich gibt es heute kaum einen Zweig der
Industrie, der nicht in irgend einer Form Kautschuk verwendet, so daß
man ohne Übertreibung sagen kann, dieser Stoff begleite den Menschen
von der Wiege bis zum Grabe. Schon der Säugling saugt die ihm als
Ersatz oder wenigstens als Ergänzung der Muttermilch verabreichte
Tiermilch mit dem Gummisauger und streckt sich behaglich auf seiner
weichen Gummiunterlage aus. Dann spielt er mit seiner Gummipuppe
oder greift zum Gummiball. Mit einem Schwamm aus weichem Gummi wird
er gewaschen und mit einem Kamm aus hartem Gummi wird er gekämmt,
und so geht es das ganze Leben hindurch fort. Es ist ganz unmöglich,
alle Gebrauchs-, Sport- und Luxusgegenstände aus Kautschuk, die der
Kulturmensch der Gegenwart im täglichen Leben verwendet, auch nur
aufzuzählen. Es sei hier beispielsweise nur an die Pneumatik der
Fahrräder und Automobile erinnert, dann an die mancherlei Verwendung,
die dieser Stoff in der Chirurgie, Orthopädie, Chemie, Elektrotechnik,
Meteorologie, Luftschiffahrt usw. findet. Es ist im Laufe eines
Menschenalters so weit gekommen, daß wir uns die moderne Kultur ohne
Kautschuk und seine Derivate überhaupt nicht mehr vorstellen können.
Entsprechend dem ins ungeahnte gesteigerten Bedarf ist auch die
Gewinnung des so kostbaren Stoffs mit Riesenschritten vorwärtsgegangen.
Während der Jahresverbrauch an Kautschuk im Jahre 1840 noch kaum
400000 kg betrug, ist er 1909 auf über 68 Millionen kg im Werte von
etwa 500 Millionen Mark gestiegen. Davon lieferte Südamerika 42,8
Millionen kg, Afrika 23,4 Millionen kg und Asien und Polynesien 1,8
Millionen kg. Deutschlands Einfuhr an Kautschuk beträgt rund 153
Millionen Mark.
Der Kautschuk ist eine Substanz, die sich in Form mikroskopisch
kleiner Kügelchen in geringem Maße bei den milchenden Pflanzen auch
Mitteleuropas wie Mohn, Zichorie oder Wolfsmilch findet, während er
in den Milchsäften zahlreicher Tropenpflanzen einen überwiegenden
Bestandteil bildet, der sich beim Stehen des Saftes vielfach von selbst
abscheidet. Er findet sich im Milchsaft der betreffenden Pflanzen in
ähnlich feiner Verteilung wie die Butter in der Milch und sammelt
sich beim Stehen desselben wie jene an der Oberfläche in Form eines
Rahmes an. Das Zusammenballen der Kautschukkügelchen erfolgt, indem
das Ganze durch den Rauch gewisser Nüsse und Hitze oder durch den
Zusatz von Alkalien, Säuren oder Salzen zur Gerinnung gebracht wird.
Hierbei gerinnen aber die Eiweißstoffe des Milchsaftes, nicht der
Kautschuk, und dabei kleben die kleinen Kautschuktröpfchen zusammen,
wie im Blute der gerinnende Faserstoff, das Fibrin, die Blutkörperchen
zusammenballt. Infolgedessen ist der Kautschuk stets ausgiebig mit
Eiweißstoffen durchsetzt und dadurch leicht geneigt, in Fäulnis
überzugehen oder einen üblen Geruch anzunehmen. Durch Zentrifugieren
kann er allein rein und geruchlos erhalten werden. Chemisch besteht
er im wesentlichen aus einem zu den Polyterpenen (C_{10}H_{16})
gehörenden Kohlenwasserstoff, gemengt mit Harz, wenig ätherischem Öl,
Wachs, Eiweiß und Fett. Seine chemische Beschaffenheit wechselt aber
bei den verschiedenen Pflanzenfamilien, was schon aus der voneinander
abweichenden Beschaffenheit der verschiedenen Handelssorten gefolgert
werden kann. Diese Kohlenwasserstoffe stehen durch ihre Zusammensetzung
den ätherischen Ölen, durch ihre Nichtflüssigkeit, ihr Verhalten gegen
Lösungsmittel und ihre Zersetzungsprodukte den Harzen nahe.
Der älteste technisch zur Anwendung gelangte Kautschuk stammt
vom +brasilianischen Kautschukbaum+ (~Hevea brasiliensis~), der
am Amazonenstrom und an dessen großen Zuflüssen, besonders in
den ausgedehnten Wäldern an der rechten Seite des Stromes, am
Madeira, Tapajoz und Purus wächst. Diese Flüsse werden allein der
Kautschukgewinnung wegen auf weite Strecken hinauf mit Dampfern
befahren. Der hohe, schlanke Baum erreicht eine freie Stammhöhe bis zu
15 m und trägt dann eine lockere, luftige Krone von langgestielten,
dreizähligen Blättern, kleinen, unscheinbaren, rispig angeordneten,
teils männlichen, teils weiblichen Blüten und dreifächerigen
Kapseln, deren Fächer mit zwei Klappen aufspringen und je einen
großen, länglichen, gescheckten Samen enthalten. Letzterer enthält
ein dem Leinöl ähnliches fettes Öl und wie die Blätter Aceton und
Blausäure. Beim Aufspringen der Kapseln wird der Samen eine Strecke
weit fortgeschleudert und so durch den Urwald verbreitet. Mit diesem
verwandte Heveaarten wachsen in Guiana und weiter südlich bis zum Rio
Negro, der sich bei der Stadt Manaos in den Amazonenstrom ergießt,
dann in Venezuela am Orinoko und seinen Zuflüssen bis zu den Anden
von Peru und Bolivia. Sie bilden keine kompakten Wälder, sondern
wachsen zerstreut zwischen anderen Bäumen, so daß man nur selten
zwei oder drei Heveabäume nebeneinander findet. Sie sind auf die
Niederungen beschränkt, in denen ein heißes, feuchtes Klima herrscht
und eine ausgeprägte Regenzeit sich einstellt, infolge deren ihr
Besiedelungsgebiet regelmäßig alle Jahre einmal überschwemmt wird.