Schon die alten Kelten, Germanen und Slawen bedienten sich des Waides

zum Blaufärben. Von den Kelten Britanniens berichtet uns Julius Cäsar

in seiner Beschreibung von der Expedition nach England in seinem Werke

über die Unterwerfung Galliens unter die römische Oberhoheit, sie

seien ihm mit Waid (~vitrum~) blau gefärbt entgegengetreten und sähen

dadurch in der Schlacht überaus wild aus. Auch die Griechen und Römer

bedienten sich des Waides, den erstere ~isátis~ nannten. So spricht

Dioskurides von dem Waid (~isátis~), „dessen sich die Färber bedienen“,

er werde mehr als ellenhoch und seine Blätter würden auf Geschwülste,

Geschwüre und Wunden gelegt. Die Römer nannten ihn, wie uns Plinius

berichtet, nach seiner Bezeichnung im Gallischen ~glastum~. Nach der

uns erhaltenen Verordnung Karls des Großen über die Verwaltung der

kaiserlichen Domänen aus dem Jahre 812 mußte er, wie der Krapp, als

Abgabe bestimmter Dörfer in die königlichen Weiberhäuser zu Händen der

dort mit Spinnen, Weben und Färben der für den königlichen Hofhalt

bestimmten Gewänder beschäftigten Frauen geliefert werden. Der

geringste Teil desselben wird von wildwachsenden Pflanzen gesammelt

worden sein; da er bereits angebaut wurde, wird das meiste von

kultivierten Waidpflanzen abgestammt haben. Diese hieß damals bei den

Franken ~wisdila~, ~ewaisda~ oder ~waisdo~. Im Mittelalter wurde er

allgemein in Mitteleuropa angebaut und bildete hier das wichtigste

Blaufärbemittel. Die ersten Nachrichten über den Anbau des Waides in

Schwaben stammen aus dem Jahre 1276. Noch früher aber scheint er in

Sachsen gepflanzt worden zu sein; denn die Stadt Erfurt war schon im

Jahre 1290 wegen ihres Waidbaues berühmt. Die Erfurter Waidhändler

bildeten die Aristokratie der Stadt und waren so reich, daß sie im

Jahre 1392 die Mittel zur Gründung und später auch für Erhaltung der

einst weithin berühmten, erst 1816 eingegangenen Universität Erfurt

aufbringen konnten, die also gewissermaßen aus den Erträgnissen der

Waidkultur und des Waidhandels errichtet und unterhalten wurde. Daraus

kann man schon ersehen, wie außerordentlich wichtig die Erzeugung und

der Handel mit diesem Farbstoffe im Mittelalter war. Später erwarben

neben Erfurt auch noch Gotha, Arnstadt, Langensalza und Tennstedt das

Recht Waid zu bauen, und zu Anfang des 17. Jahrhunderts beschäftigten

sich damit außer den Einwohnern dieser Städte noch diejenigen von

mehr als 300 thüringischen Dörfern. Erst in der Neuzeit hat die

große Wohlfeilheit des aus Indien eingeführten Indigos den Waid

trotz aller zu seinem Schutze unternommener amtlicher Verfügungen

so ziemlich außer Anwendung gebracht. Umsonst versuchte ihn auch der

edeldenkende und um seine Untertanen besorgte Kaiser Josef II. im

Deutschen Reiche wieder in Aufnahme zu bringen. Nur vorübergehend,

während der verhängnisvollen Kontinentalsperre, legte man sich in

Mitteleuropa wieder eifriger auf seinen Anbau, da damals auch der von

den Engländern aus Indien gebrachte Indigo gesperrt war. Napoleon I.

setzte sogar einen Preis von einer halben Million Franken auf die

lukrative Gewinnung von Indigo aus Waid; doch hat ihn bis auf den

heutigen Tag noch niemand gewonnen, denn auch bei der rationellsten

Verarbeitung liefert 1 Zentner Waid kaum 130 g Indigo, während

die gleich zu besprechende Indigopflanze 30mal mehr davon liefert.

Immerhin wird der Anbau von Waid, der am besten auf trockenem Lehmboden

gedeiht, gegenwärtig noch in beschränktem Maße in Thüringen, Böhmen,

und Frankreich betrieben. Seine Samen liefern gepreßt ein dem Leinöl an

Wert gleichkommendes fettes Öl.

Denselben blauen Farbstoff, wie ihn der Waid liefert, gewinnt man,

wie gesagt, in weit ausgiebigerer Weise aus den +Indigo+arten,

von denen die ostindische ~Indigofera tinctoria~ die wichtigste

ist. Es ist dies eine bis 1,5 m hohe Staude aus der Familie der

Schmetterlingsblütler mit zerstreut stehenden, gefiederten Blättern,

kurzen Trauben, sehr kleinen, dunkelrosenroten und weißen Blüten und

stielrunden, herabgebogenen Hülsenfrüchten. Ihr größtes Anbaugebiet

ist Bengalen, neben dem die andern wenig bedeuten. Vor allem verlangt

sie ein feuchtes, heißes Klima. In gut gedüngtem und gepflügtem Boden

wird der Same in Reihen von 30-50 cm Abstand gesät und mit Erde

leicht bedeckt. Nach drei Monaten werden die Pflanzen kurz vor dem

Beginn der Blüte etwa 12 cm über dem Boden geschnitten und nach der

Faktorei gebracht, wo heute noch wesentlich nach derselben Methode wie

einst im Altertum der Farbstoff aus ihnen gewonnen wird. Beim Binden

und Einfahren der Ernte, deren man in guten Lagen drei, manchmal sogar

vier im Jahre erhält, ist darauf zu achten, daß die Pflanzen nicht

zu sehr gepreßt werden. In Stücke zerschnitten werden sie in großen

gemauerten Kufen mit Wasser übergossen; darin bleiben sie liegen,

bis der Saft in kurzer Zeit in Gärung gerät und eine grünlichgelbe

Farbe annimmt. In dieser als ~nila~ bezeichneten Lösung bildet sich

alsbald eine Schaumschicht und ammoniakalischer Geruch macht sich

geltend. Dabei beginnt sich der Prozeß zu vollziehen, der das in der

Pflanze enthaltene farblose Glykosid Indikan in Zucker und Indigweiß

spaltet und durch Oxydation des letzteren das Indigblau, eben den

Farbstoff Indigo, entstehen läßt. Die in Ammoniak gelöste, Indigweiß

enthaltende Flüssigkeit wird nun in andere Behälter abgezogen, worin

sie durch anhaltendes Schlagen und Rühren mit Schaufeln in innigste

Berührung mit dem Sauerstoff der atmosphärischen Luft gebracht wird.

Dabei färbt sich der gelblichgrüne Saft blau, indem das Indigweiß

durch Sauerstoffaufnahme zu Indigblau oxydiert wird. Letzteres ist

unlöslich, scheidet sich aus und setzt sich bei ruhigem Stehen

als schlammiger Niederschlag ab. Nach dem Ablaufenlassen der klar

gewordenen Flüssigkeit wird der Niederschlag an der Sonne getrocknet

und im halbtrockenen Zustande in backsteinartige Formen gepreßt; diese

werden völlig getrocknet und sind dann versandfertig. 250 kg rohe

Indigopflanzen ergeben 1 kg festen Farbstoff. Die Gesamtproduktion

daran betrug im Jahre 1903 3,4 Millionen kg, davon fielen 2,7

Millionen kg auf Indien, 0,5 Millionen kg auf Holländisch-Indien

und 0,2 Millionen kg auf Mittelamerika. Der Durchschnittswert per

kg beträgt 10 Mark, während er noch vor zwei Jahrzehnten das Doppelte

davon und mehr betrug. Der Preis ist so stark gesunken infolge der vom

deutschen Chemiker A. von Baeyer erfundenen künstlichen Herstellung des

Farbstoffs, so daß sich die Indigokultur nur noch sehr schlecht lohnt

und selbst in Bengalen mehr und mehr zurückgeht.

Der Indigo ist einer der wichtigsten Farbstoffe, der auf Wolle,

Leinen, Baumwolle und Seide das echteste Blau gibt und infolgedessen

schon im hohen Altertum als Deckfarbe zum Malen und zum Färben der

verschiedensten Stoffe benutzt wurde. Zuerst wurde er in seiner

Heimat Indien gewonnen und von da auf dem Handelswege in die westlich

davon gelegenen Länder gebracht. Im Alten Testament wird er einigemal

genannt. Jedenfalls verwandten ihn die Juden so gut wie die Babylonier

und Ägypter, die diesen geschätzten Farbstoff zum Blaufärben schon in

früher Vorzeit durch den Tauschhandel aus Indien bezogen. Von dort

her erhielten ihn auch die Griechen und Römer, die ihm den Namen

~indikón~ beziehungsweise ~indicum~, den indischen (nämlich Farbstoff)

gaben, woraus unsere Bezeichnung Indigo hervorging. Plinius schreibt

in seiner Naturgeschichte darüber: „Als Farbstoff steht das ~indicum~

in hohem Ansehen; es kommt aus Indien und besteht aus einer erdigen

Masse. Wird es gerieben, so ist es schwarz; wird es aber in Wasser

aufgelöst, so gibt es eine prächtige Mischung von Purpur und Blau.

Das echte erkennt man daran, daß es auf brennende Kohlen gestreut

eine herrlich purpurrote Flamme und einen nach Meerwasser riechenden

Rauch gibt. (Tatsächlich entwickelt Indigo bei rascher Erhitzung einen

purpurroten Dampf, verbrennt und hinterläßt nur wenig Asche.) Das

Pfund ~indicum~ kostet 20 Denare (= 12 Mark).“ Dieser Farbstoff wurde

wie die übrigen Produkte Indiens über das Rote Meer und Alexandrien

nach dem Römerreiche gebracht. Als dieses zusammenbrach, verhandelten

die Araber den Völkern des Abendlandes diesen Farbstoff unter der

indischen Benennung ~nila~ oder ~anil~, was blau bedeutet. Davon heißt

er heute noch in Spanien ~anil~ und bezeichnete die Wissenschaft der

Chemie das bei der Destillation des Indigos mit Kali entstehende

Produkt als Anilin. Erst die Araber haben dann im Mittelalter diese

Farbstoffpflanze, die sie auf ihren Handelsfahrten nach Indien in jenem

Lande kennen lernten, in Westasien anzubauen und daraus den Indigo

selbst herzustellen unternommen. So wurde noch im Jahre 1320 Indigo

bei Jericho angepflanzt; doch scheint dieser Anbau als unrentabel bald

aufgegeben worden zu sein. Jedenfalls war es dieser an ein feuchtwarmes

Klima gewöhnten Pflanze hier zu trocken und zu wenig warm.

Lange wußte man im Abendlande nicht, woraus dieser indische Farbstoff

gewonnen werde. So rechnete ihn eine Halberstädter Bergwerksordnung

aus dem Jahre 1705 zu den schürfbaren Mineralien; er hieß deshalb auch

in Verbindung mit seiner Würfelgestalt „indischer Stein“. Und doch

hatte der bis nach China gereiste Venezianer Marco Polo nach seiner

Rückkehr in die Vaterstadt im Jahre 1295 die Gewinnung desselben

nach eigener Anschauung beschrieben. Die Italiener, die ihn von den

Arabern erhalten hatten, waren auch die ersten Abendländer, die ihn

anwandten. Erst nach der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien durch

Vasco da Gama kamen von 1516 an größere Mengen von Indigo nach Europa,

und zwar nahm Portugal diesen Handel an sich, bis sich in der Mitte

des 16. Jahrhunderts die Holländer seiner bemächtigten. Im Jahre 1631

brachten sieben holländische Schiffe 290173 kg Indigo im Werte

von über fünf Tonnen Gold aus Batavia nach Amsterdam. Erst ungefähr

ums Jahr 1600 begann man in Deutschland den Waidküpen etwas Indigo

zuzusetzen, um deren Färbkraft für Blau zu erhöhen und zu beleben.

Dieser kleine Zusatz vergrößerte sich mit der Verbilligung des Indigos

fortwährend, bis schließlich der Waid gänzlich wegfiel. Doch spielte

sich dieser Prozeß keineswegs glatt ab; denn wie bei der Einführung

vieler anderer fremder Stoffe stemmte sich auch hier das Vorurteil und

der Eigennutz der Waidbauern gegen die ausländische „Teufelsfarbe“. So

wurde nämlich der Indigo im ersten ihn streng verbietenden Frankfurter

Reichspolizeierlaß von 1577 betitelt. Das Verbot, ihn zu verwenden,

wurde wiederholt in Erinnerung gebracht, so noch 1654 unter Ferdinand

III. In Sachsen war von 1650-1653 sogar die Todesstrafe auf seine

Verwendung gesetzt, und in Nürnberg mußten die Färber alljährlich

einen feierlichen Eid schwören, kein „Teufelsauge“ -- so hieß dort der

Indigo -- zu benutzen. Zu dieser Verfolgung des Indigos mag zum Teil

die Unkenntnis der Färber beigetragen haben, die ihn in Schwefelsäure

gelöst anwandten und nachher nicht genügend neutralisierten, so daß

manches Stück Zeug infolge davon verdarb. Erst 1740 gab der Deutsche

Barth zu Großenhain in Sachsen ein gutes Verfahren für dessen Anwendung

an, wodurch Mißerfolge ausgeschlossen blieben.

Auch in Frankreich und England war aus Rücksicht für den einheimischen

Waidbau die Einfuhr und Verwendung von Indigo streng verboten, bis

er in letzterem Lande 1661 und in ersterem 1669 unter Colbert wieder

freigegeben wurde. Unbeschränkte Anwendung genoß er aber in Frankreich

erst vom Jahre 1737 an, als den Färbern erlaubt wurde, jedes beliebige

Färbemittel zu verwenden. Seit 1783 wurde der Anbau des Indigos durch

die Engländer in Ostindien in Angriff genommen und bald zu großer

Blüte gebracht, wofür sie in Europa willige Abnehmer fanden, da man

dort diesen vorzüglichen Farbstoff immer mehr schätzen lernte. Noch

vor einem Vierteljahrhundert betrug die für den Anbau des Indigos in

Anspruch genommene Fläche in Bengalen allein 390000 Hektar Landes.

Auch auf der Koromandelküste, auf Ceylon und Java wurde er im großen

angepflanzt, ebenso in Ägypten, wo ihn Mehemed Ali in den 1820er Jahren

einführte. Endlich bemühte sich auch Rußland, ihn in Transkaukasien

heimisch zu machen.

Neuerdings hat aber der Anbau dieses wichtigsten und einträglichsten

Ausfuhrartikels Indiens, das Jahrhunderte hindurch den Weltmarkt

beherrschte und an dem vor allem England sich ungeheuer bereicherte,

zum großen Leidwesen aller Indigopflanzer einen gewaltigen Stoß

erlitten und ist nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber dem +künstlichen

Indigo+, den wir dem Scharfsinne deutscher Chemiker verdanken. Die

erste Indigosynthese gelang 1870 Engler und Emmerling; 1880 vermochte

Baeyer ihn auf verschiedene Art aus Zimtsäure herzustellen und

1890 gab Heumann sein Verfahren an, das in zehnjähriger Arbeit von

der badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen bei Mannheim

zu praktischer Brauchbarkeit ausgebildet wurde, so daß er heute den

Markt vollständig beherrscht und wegen seiner größeren Billigkeit

in Verbindung mit andern guten Eigenschaften, die erlauben, die

mannigfaltigsten neuen Farbenvarietäten, wie rote, gelbe und grüne in

den wunderbarsten Nuancen herzustellen, den natürlichen Indigo immer

mehr verdrängt. So sank seit dessen Aufkommen in den letzten zehn

Jahren die Ausfuhr des natürlichen Indigos im Werte von 75 Millionen

auf ungefähr 10 Millionen Mark. Gleichzeitig stieg die Ausfuhr des

künstlichen Indigos aus Deutschland von 7,5 Millionen Mark im Jahre

1898 auf 38,6 Millionen Mark im Jahre 1908. Damit trat Deutschland

das Erbe Indiens an und heimst statt jenes Landes Reichtum ein.

Der beste Abnehmer für sein vorzügliches Kunstprodukt ist Japan,

das 1908 für 10,7 Millionen Mark davon einführte. Ihm folgen China

mit 7,3 Millionen und die Vereinigten Staaten mit 3,1 Millionen

Mark. Selbst Großbritannien, das alle Anstrengungen machte, seinen

Indigobau zu schützen, führte im Jahre 1908 für 2,7 Millionen Mark

deutschen Indigo ein. Die Einfuhr des meist aus Indien bezogenen

natürlichen Indigos, von dem Deutschland noch 1895 für 21 Millionen

Mark bezog, sank schon 1903 auf 1,8 und 1908 gar auf 0,9 Millionen.

So hat deutsche Intelligenz und Tatkraft statt einer Ausgabe von 20

Millionen eine Einnahme von 40 Millionen Mark jährlich bewirkt. Diese

Tatsache kennzeichnet die überaus große wirtschaftliche Bedeutung

des künstlichen Indigos für den deutschen Handel und die deutsche

Volkswirtschaft.

Auch die alten Azteken in Mexiko, die Inkas in Peru und die übrigen zu

höherer Kultur gelangten Indianerstämme Amerikas verwandten bereits

vor der Ankunft der Europäer eine Art Indigo zum Blaufärben. Doch

wurden nach der Entdeckung dieses Weltteils frühzeitig ostindische

Indigopflanzen nach Amerika eingeführt, und zwar zunächst nach den

Antillen, von wo der englische Gouverneur Lukas 1699 Samen an seine

Tochter in Carolina sandte, die eine Pflanzenliebhaberin war und der

es nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen gelang, das Gewächs zur

Blüte und zur Reife zu bringen. Ihr Vater sandte später einen gelernten

Indigoarbeiter, der die Gewinnung des Farbstoffs unternahm und dabei

so gute Geschäfte machte, daß bald jedermann Indigo bauen wollte.

In wenigen Jahren wurden nicht weniger als 100000 kg nach England

gesandt, und vor dem Kriege im Jahre 1775, der am 4. Juli 1776 zur

Loslösung der 13 nordamerikanischen Kolonien vom Mutterlande führte,

betrug die Ausfuhr 550000 kg. Jetzt ist, wie gesagt, der Indigobau

auf der ganzen Erde bedeutend zurückgegangen, seitdem die Badische

Anilinfabrik in Ludwigshafen bei Mannheim zuerst den europäischen

Markt mit künstlichem Indigo zu versehen begann. Denselben Farbstoff

gewinnt man seit undenklicher Zeit in China aus dem dort heimischen

+Färberknöterich+ (~Polygonum tinctorium~), einer dem Buchweizen

verwandten einjährigen Pflanze, die 1835 in Frankreich und 1838 in

Deutschland eingeführt wurde. Obschon zahlreiche Versuche zur möglichst

rationellen Gewinnung des Farbstoffs damit gemacht wurden, vermochte er

dem echten Indigo keinerlei Konkurrenz zu machen, da 1000 kg seiner

grünen Blätter nur etwa 7,5 kg Indigo geben.

Dem Indigo sehr nahe verwandt ist der von den im Mittelmeer lebenden

kleinen Purpurschnecken der Gattungen Murex und Purpura gewonnene

+Purpurfarbstoff+, der in chemisch reiner Form dem Indigo äußerlich

zum Verwechseln ähnliche, kupferglänzende, violette Kristalle bildet.

Kürzlich hat Professor Friedländer in Wien 1,5 g davon aus dem

farblosen, am Sonnenlicht erst dunkelviolett werdenden Saft einer

bestimmten Drüse von 12000 Purpurschnecken gewonnen. Die chemische

Analyse ergab, daß er seiner Zusammensetzung nach Dibromindigo ist,

d. h. Indigo, in welchem zwei Wasserstoffatome durch zwei Bromatome

ersetzt sind. Nun vermöchte man auch diesen im Altertum so überaus

geschätzten, weil außerordentlich teuern Farbstoff synthetisch

darzustellen und so billig im großen zu verwenden. Doch gibt dieser

Purpur auf der Gewebefaser ein ziemlich unreines, rotstichiges

Violett, das an Schönheit mit unsern modernen Farbstoffen keineswegs

in Wettbewerb treten kann und auch in bezug auf die Echtheit seiner

Färbungen den echten Teerfarben durchaus nicht überlegen ist. Wenn wir

nun bedenken, wie im ganzen Altertum nur die Könige und Vornehmsten

sich solche trotz allen Rühmens übrigens recht unscheinbar dunkle,

fast schwarze, beim seitlichen Darüberblicken einen rotvioletten

Schimmer aufweisende Purpurgewänder leisten konnten -- kostete doch zu

Diokletians Zeit im Jahre 301 das Pfund der besten Purpurwolle noch 950

Mark unseres Geldes -- so geht daraus mit aller Deutlichkeit hervor,

wie überaus gering die Ansprüche der Alten an die Leistungen ihrer

Färber gewesen sein müssen und wie sehr wir moderne Menschen durch die

Erfolge der heute so hoch entwickelten Farbenchemie verwöhnt sind.

Von den zum Gelbfärben Verwendung findenden Pflanzen sind als für

Europa älteste der +Wau+ oder das +Gilbkraut+ (~Reseda luteola~), das

schon die neolithischen Pfahlbauern benutzten und später die Römer

unter der Bezeichnung ~luteum~, d. h. das Gelbe, zur Farbstoffgewinnung

anpflanzten, dann der +Färberginster+ (~Genista tinctoria~) und

die +Färberscharte+ (~Serratula tinctoria~) zu nennen, die in

großen Teilen Europas wild wachsen, aber auch in vielen Gegenden

Deutschlands, Englands und Frankreichs kultiviert wurden, bis sie

durch die Einführung der +Quercitronrinde+ und des +Gelbholzes+ aus

Amerika verdrängt wurden. Erstere ist die Rinde der in mehreren

Varietäten auftretenden und in den mittleren Vereinigten Staaten große

Waldungen bildenden +Färbereiche+ (~Quercus tinctoria~), die, von der

Oberhaut befreit und zu Pulver zermahlen, als Quercitron in den Handel

gelangt und einen der schönsten gelben Farbstoffe liefert, der in

allen Zweigen der Färberei Verwendung findet. Seit 1818 hat man den

Baum in Frankreich und bald hernach auch in Bayern angepflanzt. Das

Färbevermögen seiner Rinde entdeckte Bancroft im Jahre 1784, und zwei

Jahre darauf erhielt er auf eine Eingabe hin vom englischen Parlament

ein Monopol für Einfuhr und Gebrauch dieses neuen Färbemittels auf

eine Reihe von Jahren. Der Farbstoff des Quercitrons, das Quercitrin,

findet sich auch im +ungarischen Gelbholz+ oder +Fiset+, der vom

+Färbersumach+ oder +Perückenbaum+ (~Rhus cotinus~) herrührt, und

den +chinesischen Gelbkörnern+, den unentwickelten Blütenknospen

der ~Sophora japonica~, die beide noch heute in der Färberei

Verwendung finden. Das amerikanische Gelbholz dagegen stammt von dem

auf den Antillen und in Brasilien heimischen +Färbermaulbeerbaum+

(~Maclura tinctoria~), deren färbender Bestandteil, das Morin, in der

Wollfärberei zu Grün und Braun, in der Baumwoll- und Seidenfärberei

aber zu Gelb und Grün benutzt wird.

Eine sehr geschätzte gelbe oder rote Farbe liefert das +Gummigutt+,

der eingetrocknete Milchsaft mehrerer hoher Bäume aus der Familie

der Guttiferen, die in den feuchten Wäldern Südasiens wachsen. In

Kambodscha, Siam und dem südlichen Cochinchina ist es die bis 15 m

hohe ~Garcinia hanburyi~ und in Südindien und auf Ceylon die bis

18 m hohe ~Garcinia morella~, die beide 10-12 cm lange, kurzgestielte,

elliptische Blätter, kleine Blüten und kirschengroße Beeren tragen.

Sind die Bäume 20-30 Jahre alt geworden, so macht man vor Eintritt

der Regenzeit, d. h. von Februar bis April, spiralig verlaufende

Einschnitte in den Stamm, durch welche die Ölgänge der Rinde

angeschnitten werden. Der dabei austretende gelbe Milchsaft wird in

unterhalb aufgestellten Bambusröhren aufgefangen, von denen ein Baum

im Laufe von 3-4 Wochen bis 3 Bambusröhren von 50 cm Länge und 6-7 cm

Dicke voll Saft liefert. Das bald eingedickte Harz wird schließlich

in den Röhren durch Erwärmen am Feuer erhärtet, so daß man es in

Stangenform aus den Hohlzylindern herausschieben oder die Hülle von

ihm ablösen kann. Die erstgenannte Art liefert mehr Gummigutt als die

zweite. Es ist eine außen grüngelbe, innen aber rotgelbe, sehr dichte

Masse, die zerstoßen ein gesättigt gelbes Pulver bildet. Mit zwei

Teilen Wasser verrieben, liefert es eine gelbe Emulsion, in ätzenden

Alkalien dagegen löst es sich mit roter Farbe. Es schmeckt brennend

scharf und übt eine äußerst heftige, abführende Wirkung aus, weshalb

es arzneilich verwendet wird, so in den berüchtigten Morrisonpillen,

die schon bedenkliche, hauptsächlich auf den Gehalt an Gummigutt

zurückzuführende Vergiftungen herbeigeführt haben und deshalb als

gefährlich gemieden werden sollten. Als solche medizinische Droge kam

dieser eingetrocknete südasiatische Milchsaft überhaupt im Jahre 1603

zuerst nach Europa, und wurde 1605 in Frankfurt am Main für einen

Gulden (im Werte von gegen zwei Mark) das Quentchen, d. h. 1,66 g

verkauft; da es aber an Giftigkeit und stark reizender Wirkung dem

Krotonöle verglichen werden kann, so wird es als Abführmittel kaum

mehr verwendet. Dagegen wird es als Wasserfarbe zum Gelbmalen und

zum Färben von Weingeistfirnissen viel gebraucht. Die Hauptmenge des

Gummigutt wird in Kambodscha gewonnen und gelangt über Bangkok, Saigon

und Singapur in den Handel. Letztere Stadt allein führt jährlich etwa

30000 kg im Werte von 150000 Mark aus. Von Kambodscha aus scheint auch

seine Verwendung ausgegangen zu sein. Ein Chinese, der dieses Land von

1295-1297 bereiste, erwähnt diese von ihm ~kiang-hwang~ genannte Droge

als Produkt desselben.

Von weiteren Pflanzen zum Gelbfärben, denen aber geringere Bedeutung

als den vorgenannten zukommt, ist die +Curcuma+ oder +Gelbwurz+

(~Curcuma longa~) zu nennen, eine sonst meist als Gewürz gebrauchte

indische Verwandte des Ingwers, deren Farbstoff Curcumin bei uns

vornehmlich zum Gelbfärben von Zuckerwerk, Likören und Spielwaren,

aber nur selten in der Zeugfärberei Verwendung findet, da es sich auf

die Dauer nicht hält. Mit Alkalien gibt es braunrote Salze, weshalb

mit einer wässerigen Lösung desselben getränkte Papierstreifen zum

Nachweisen derselben dienen. In den +Gelbbeeren+, den Früchten

mehrerer Wegdornarten Südeuropas (hauptsächlich von ~Rhamnus

infectoria~ und ~Rh. amygdalina~), findet sich der Farbstoff Rhamnin,

der heute noch in der Färberei ziemlich ausgedehnte Verwendung findet.

Die +chinesischen Gelbschoten+ aber, die als ~wong-schi~ bezeichneten

Früchte einiger Gardeniaarten, vorzugsweise von ~Gardenia grandiflora~,

werden in ihrem Heimatlande Ostasien, wie in China, so auch in Japan,

zum Gelbfärben von Zeug, besonders Seide, benutzt, sind aber für den

europäischen Handel belanglos. Ihr gelber Farbstoff ist mit demjenigen

des Safrans, dem Crocin, identisch.

Für die alten Kulturvölker des Orients und der Gegenden am Mittelmeer

war einst der +Safran+ (~Crocus sativus~) der geschätzteste

Farbstoff zum Gelbfärben von Gewändern, Schleiern und Schuhen. Die

griechische Bezeichnung ~krókos~ für Safran rührt vom semitischen

~karkôm~ für Gelb her, das seinerseits mit dem indischen ~kurkum~ --

beispielsweise auch in der von uns gebrauchten Bezeichnung Curcuma

für die indische Gelbwurz enthalten -- zusammenhängt. Nach den

Berichten der griechischen und römischen Schriftsteller waren gelbe

Krokus- wie Purpurgewänder die Lust der Orientalen und Kleinasiaten.

Mit solchen schmückten sich nach dem römischen Dichter Vergil die

Phryger; nebst safrangelben Schuhen und der Tiara gehörten sie zur

kennzeichnenden Tracht der Perserkönige. Den Abglanz der geheiligten

gelben Safranfarbe zeigen noch die ältesten, vom Orient beeinflußten

mythischen Vorstellungen der Griechen, wonach die aus dem Morgenlande

zu ihnen gekommenen Götter, wie Dionysos-Bacchus, und Göttinnen wie die

orientalischen Könige und Königinnen das gelbe Safrankleid trugen. Der

in Argos ansässige griechische Dichter Pindar (522-442 v. Chr.) läßt

auch den Argonauten Jason mit einem safranfarbigen Gewande bekleidet

sein, das er abwarf, als er sich anschickte, in Kolchis mit den

feuerspeienden Stieren zu pflügen. Krokosfarbene Gewänder trugen dessen

Gattin Medeia, Iphigeneia bei ihrer Opferung in Aulis nach Äschylos,

die Königstochter Antigone in den Phönikierinnen des Euripides, die an

den Fels geschmiedete Andromeda bei Aristophanes. Nach Vergils Äneis

hatte Agamemnons Gattin Helena von ihrer Mutter Leda eine goldgestickte

~palla~, d. h. Frauenüberwurf und einen mit Krokos umsäumten Schleier

zum Geschenk erhalten und mit nach Mykenä gebracht.

Die Bekanntschaft mit der Safranfarbe geht bei den Griechen bis in die

Zeit der Ausbildung des Heroenmythus zurück. Sie lernten sie von den

Vorderasiaten kennen, die ihrerseits -- nach der vorhin mitgeteilten

Geschichte der Verbreitung des Wortes für Gelb identisch mit Safran

-- die Verwendung dieses Farbstoffs vermutlich von den Indern kennen

lernten. Von den Griechen lernten die Römer und Byzantiner und nach

ihnen die Araber den intensiv gelbfärbenden Farbstoff des Safrans zum

Färben verwenden. Heute ist er als Farbstoff zu teuer, eignet sich aber

als völlig unschädlich zum Färben von Zuckerwerk, Kuchen und Likören.

Reiche Araberinnen färben sich damit die Augenlider, Fingerspitzen und

Zehen.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 14 / 81 段