Während in der Alten Welt die Flachskultur, die wir außer bei den

neolithischen Pfahlbauern zuerst in Vorderasien, speziell Babylonien

und dann Ägypten antreffen, dann auch die schon früh aus Indien nach

Persien gebrachte Hanfkultur, sowie in China die Seidenzucht neben

der Wollverwertung dem Baumwollbau lange voranging, scheint sich in

Amerika die Webekunst und Färberei direkt an der Gespinstfaser der

westindischen Baumwollpflanze entwickelt zu haben. Nicht nur finden

wir die verschiedensten Gewebe und Fabrikate aus Baumwolle als

Grabbeigaben in den Gräbern der alten amerikanischen Kulturvölker

von Peru bis Mexiko, sondern die Berichte der Spanier zur Zeit der

Entdeckung Amerikas bezeugen, daß wie auf den Antillen, so auch in

ganz Mittel- und dem warmen Südamerika die Kultur und Verarbeitung

der Baumwolle überall eingeführt war. So benutzten die Azteken, die

Bewohner Mexikos zur Zeit der Conquista, außer der Baumwolle auch

die Faser der Agave als Gespinstmaterial, während sie den Flachs nur

zur Gewinnung seiner fetten Samen anbauten. Wie sie pflanzten auch

die übrigen amerikanischen Kulturvölker, die Mayas in Yucatan, die

Chibchas in Kolumbien und die Ketschuas im alten Peru die Baumwolle,

um daraus Gewebe anzufertigen, die als gesuchte Handelsartikel weithin

transportiert wurden. Um sie zu färben und auf ihnen die zierlichsten

Muster zu malen, benutzten sie bereits den Indigo, die Cochenille und

das Brasilholz. Baumwollzeuge dienten überall in Amerika an Stelle des

Geldes als beliebtestes Tauschmittel; sogar schon Papier, ja selbst

Panzerhemden wurden daraus verfertigt. Ebenso waren die Segel ihrer

aus mehreren walzenförmigen, an den Enden zugespitzten Binsenbündeln

hergestellten floßartigen Fahrzeuge aus Baumwolle gewebt. Mit diesen

sogenannten ~balsas~ wagten sie sich handeltreibend der Küste entlang

bis hinauf zur Mündung des Rio San Juan am 4. Grad nördlicher Breite.

Wunderbare Erzeugnisse speziell der altperuanischen Webekunst sind

uns in den Gräbern des Totenfeldes von Ancon bei Lima erhalten

geblieben. In ihnen waren die Toten in Hockstellung, von Decken und

Tüchern umhüllt und mit einem reichen Inventar von Beigaben zum

Leben im Geisterreich ausgestattet, in brunnenartigen Vertiefungen

mit Seitennischen bestattet. Außer prächtig gemusterten und gefärbten

Geweben aus Lamawolle, Baumwolle oder Pflanzenfaser, fanden sich

auch mannigfaltige Kleidungsstücke, bei denen an den querlaufenden

Fäden bunte Federchen in hübschen Mustern geknüpft waren, nebst den

Webegeräten, vermittelst welcher sie hergestellt waren.

Leider hat sich diese hochstehende Kultur nicht weiter entwickeln

können, sondern sie ging unter den rohen Händen der goldgierigen

christlichen Konquistadoren bis auf kümmerliche Reste unter. Nur an

ganz vereinzelten Stellen hat sich in abgelegenen Andentälern die

alte, heimische Hausindustrie in der Verarbeitung der Baumwolle zu

buntgemusterten Stoffen erhalten. Diese neuweltliche Baumwollkultur

steht natürlich außer allem Zusammenhang mit der altweltlichen

Ausbildung derselben. Beide haben sich vielmehr ganz selbständig aus

den ihnen zu Gebote stehenden, eine natürliche Wolle als Ersatz der

älteren Tierwolle darbietenden Pflanzen entwickelt.

Während die vorderasiatischen Gebiete unseren Vorfahren im Mittelalter

schon die aufs kunstreichste hergestellten, hochgeschätzten

Baumwollstoffe lieferten, die vielfach nach der Stadt Mossul am Tigris

als Musseline bezeichnet wurden, waren diese über die Herkunft dieser

Stoffe noch in vollständiger Unkenntnis befangen. Noch bis ins 17.

Jahrhundert berichten uns die abendländischen Gelehrten in ihren

Chroniken, daß der Baumwollstoff das Produkt der Wolle des tatarischen

oder syrischen Pflanzenschafs, Barometz genannt, sei, dessen Früchte

von der schönsten weißen Wolle bedeckte Lämmer enthalten. „Und daran

wuchs“, schreibt Sir John Mandeville, ein englischer Ritter, der viele

Länder bereiste, um deren Gebräuche und Wunder kennen zu lernen, „eine

Art Früchte, als ob es Kürbisse wären; und wenn sie reif sind, kann man

sie essen, und man findet darinnen ein kleines Tier mit Fleisch, Bein

und Blut, als wie ein kleines Lamm, außen mit Wolle bedeckt; und man

ißt beides, Frucht und Tier, und das ist ein großes Wunder. Und auch

ich habe von dieser Frucht gegessen; aber obgleich es wunderbar ist, so

weiß ich doch, daß Gott noch wunderbarer ist in seinen Werken.“

Andere wieder berichteten, dieser Barometz sei ein Lamm, das mit seinem

Nabel auf dem Stamm der betreffenden Pflanze befestigt sei und sich von

den ringsum wachsenden Gräsern ernähre; wenn aber das Futter aufgezehrt

sei, so verwelke der Stamm und sterbe das Tier. So unglaublich schien

unseren in größter Unwissenheit über alles, was jenseits der von ihnen

bewohnten Länder geschah, dahinlebenden Vorfahren im Mittelalter die

Möglichkeit des Vorkommens pflanzlicher Wolle, daß sie eben solche

Märchen sich aufbinden ließen. Und dieses Märchen vom Schaf, das in

Früchten auf Bäumen wachse, war noch lange nicht das Wunderbarste, das

unsere biederen Ahnen damals glaubten und als verbürgte Wahrheit in

ihren Chroniken aufzeichneten.

XXII.

Die Farb- und Gerbstoffpflanzen.

Die Kunst der Färberei hat sich im Anschluß an die Körperbemalung und

Tätowierung entwickelt, die auch der vorgeschichtliche Europäer vor

Zehntausenden von Jahren ausübte. Nebst Amulettschmuck sind Knollen

von durch Eisengehalt rotem Ocker, der mit Tierfett vermischt zum

Bemalen des Körpers diente, die ältesten nachweisbaren kosmetischen

Gegenstände des Menschen. Dabei war es ja naheliegend, die Schmuckfarbe

von der menschlichen Haut auf die geglättete Innenseite der zum

Wärmeschutz umgehängten Tierfelle und später auch an die Außenseite

der aus Leinfasern gewebten ältesten Kleidungsstoffe zu übertragen.

So haben schon die neolithischen Pfahlbauern, und noch in erhöhtem

Maße diejenigen der Bronzezeit, ihre neben den Fellen der erlegten

Beutetiere getragenen Leinenkleider, wie wir aus der Verzierung

ihrer gleicherweise bekleideten Idole aus gebranntem Ton schließen

dürfen, mit einfachen linearen Ornamenten aus Erd- und Pflanzenfarben

bedeckt. Neben Ruß und Roteisenstein dienten ihnen, nach den in ihren

Kulturresten gefundenen Samen zu schließen, die Beeren des Attichs,

einer Holunderart (~Sambucus ebulus~), zu einem hellen Blau, das Kraut

des Wau (~Reseda luteola~) zu Gelb und vermutlich die Wurzeln der

gemeinen Färberröte (~Rubia tinctorum~) zu einem schön leuchtenden Rot.

Wahrscheinlich benutzten sie auch die aus den zerquetschten Blättern

des Waids (~Isatis tinctoria~) gewonnene dunkelblaue bis schwarzgrüne

Farbe, mit der sich nach dem Berichte Julius Cäsars die ihm bei seiner

Landung in England im Jahre 55 v. Chr. entgegentretenden Britannier an

Gesicht und Leib abschreckend bemalt hatten. Bei allen Naturvölkern

werden dieselben Farbstoffe, die zur Hautbemalung dienen, trocken

oder mit Wasser, seltener Fett oder Öl verrieben, auf ihre Fell- oder

Zeugkleidung übertragen.

Die Chinesen, Inder, Perser, Babylonier, Syrer und Ägypter kannten

und übten die Färberei seit uralter Zeit. Wie überall sonst dienten

gefärbte Kleider auch bei ihnen als gesuchte und deshalb kostbare

Gegenstände des Schmuckes und der persönlichen Auszeichnung. Schon

in der Genesis wird erzählt, daß Israel seinem viel jüngeren Bruder

Joseph einen „bunten Rock“ machte, um ihn zu erfreuen. In den Büchern

Moses werden blau, purpurn und scharlachrot gefärbte Kleider als

besonders kostbar erwähnt. Vorzugsweise wurde von den Phönikiern in

Tyrus die Färberei und der Handel mit gefärbten Stoffen betrieben,

und der aus dem Safte der zerquetschten, im Mittelländischen Meere

lebenden Purpurschnecken (~Murex brandaris~ und ~M. trunculus~)

gewonnene, vom Sonnenlichte nicht abschießende, sondern immer

leuchtkräftiger werdende, dunkelviolettrote Purpur, der als Symbol

priesterlicher und fürstlicher Würde galt, soll in jener phönikischen

Stadt erfunden worden sein. Bereits die ältesten Ägypter verstanden

ihre Leinenkleider, wie auch die aus demselben Material verfertigten

Binden, mit denen sie ihre mumifizierten Toten einwickelten, kunstreich

zu färben und unterschieden ihre Hauptgötter an den verschiedenen

Farben ihrer heiligen Gewänder. Der römische Naturforscher Plinius

der Ältere, um die Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts, berichtet

voll Bewunderung von dem eigentümlichen Verfahren der hochentwickelten

ägyptischen Färberei, wonach das Zeug in die heiße Farbbrühe getaucht

und einfarbig herausgezogen, später aber mit noch anderen Farben

geschmückt wurde. Es scheint, als ob hier schon von Färberei mit

Wachsdeckung in Verbindung mit nachfolgender Zeugdruckerei die Rede

sei. Die Produkte des ägyptischen Kunstfleißes wurden weit verführt,

und werden sowohl von jüdischen, als von griechischen Schriftstellern

häufig erwähnt. Der Sitz der ägyptischen Linnenmanufaktur und -färberei

war die alte Hauptstadt Memphis in Unterägypten, woselbst die

bedeutendsten tyrischen Kleider- und Stoffhändler besondere Faktoreien

und Färbereien besaßen. Auch die von ihnen in Tyrus selbst zu färbenden

Zeuge, Gewänder und Teppiche bezogen sie zum großen Teil aus Ägypten,

wie im Klagelied des im Jahre 598 v. Chr. mit dem König Jojachin von

Juda von den Assyriern nach Mesopotamien abgeführten Propheten Hesekiel

über die Zerstörung von Tyrus zu lesen ist.

Die alten Griechen scheinen auf kunstvoll gefärbte Kleider weniger

gehalten zu haben; denn sie trugen, im Gegensatz zu den prunkliebenden

Orientalen, meist ungefärbte Gewänder. Dies war wenigstens in der

klassischen Zeit der Fall; aber noch im 7. und teilweise noch im

6. vorchristlichen Jahrhundert hatten auch sie, vom phönikischen

Handelsimport beeinflußt, vielfach buntfarbige Gewänder getragen,

mit denen sie in späterer Zeit nur noch die Statuen ihrer Götter

bekleideten und die ihre Schauspieler als Abzeichen der alten Zeit

trugen, wenn sie in den als gottesdienstliche Handlungen aufgefaßten

öffentlichen Schauspielen die in längstvergangener Zeit lebenden Heroen

darstellten, als ob sie noch unter den Sterblichen wandelten. In

demselben Sinne brachten auch die attischen Jungfrauen der Stadtgöttin

Pallas Athene an dem ihr geweihten Feste der Panathenäen ein kunstvoll

farbig verziertes Obergewand, das ~péplon~, zu einer Zeit dar, da

sonst niemand mehr in Athen solch orientalisch bunte Kleider trug. Bei

den Römern war eine rote Verbrämung des weißen, als Toga bezeichneten

Obergewandes die Auszeichnung der noch nicht mannbaren Knaben und der

Standespersonen. Die Ritter trugen den rotgestreiften Mantel, die

~trabea~. Bei Trauer wurde die Toga schwarz gefärbt. Bei den Spielen im

Zirkus unterschieden sich die verschiedenen Parteien durch die Farbe

ihrer Anzüge und Plinius spricht von Grün, Orangerot, Grau und Weiß.

Als Farbmaterial benutzte man im Altertum nach dem Pflanzenverzeichnis

des Dioskurides und anderer Autoren Safran, Waid, Färberginster, Krapp,

Alkanna, Galläpfel, die Samen des Granatapfels und einer ägyptischen

Akazie, verschiedene Früchte und als Phykos bezeichnete Farbflechten.

Da man außerdem Alaun, Eisen- und Kupfervitriol anwandte, muß das

Beizen schon bekannt gewesen sein. Von allen diesen Farbpflanzen wurde

aber außer Safran, der mehr als Gewürz diente, Wau, Waid und Krapp

keine einzige von den Römern angebaut.

Auch bei den Kelten und Germanen der frühgeschichtlichen Zeit war die

Kunst des Färbens ziemlich ausgebildet. So berichtet der römische

Geschichtschreiber Tacitus (74-118 n. Chr.) von den deutschen Frauen,

daß sie ihre Kleidung mit Rot zu verzieren pflegen. Aus Gallien führt

er purpurrot färbendes Kraut an, womit er jedenfalls die zu jener Zeit

auch in Germanien bekannte und angewandte gemeine Färberröte oder

Krapppflanze meinte. Die Kultur dieser Pflanze wurde dann, wie wir

bald sehen werden, im späteren Mittelalter in gewissen Landschaften

Mitteleuropas sehr intensiv betrieben. Ebenso geschätzt war bei den

frühgeschichtlichen Mitteleuropäern der zum Blaufärben benutzte

Waid, der unter diesem Namen für Westgermanien bezeugt ist und im 6.

Jahrhundert bei den Goten unter dem Namen ~wizdila~ gebräuchlich war.

Auch die gelbfärbende Färberdistel wurde auf Wiesen und an feuchten

Orten, wo sie wild wächst, gesammelt und von den Frauen zum Färben

benutzt.

Die Entwicklung der Färberei wurde in Europa im 5. Jahrhundert durch

die Wirren der Zeit der Völkerwanderung erstickt, blühte aber im

Orient weiter, dessen bunte Textilstoffe von der tyrischen Blütezeit

ab im ganzen Abendland hochgeachtet waren. Besonderen Ruf für ihre

Produkte erlangten in ihm die Perser und Syrer, die gleich den

Indern die kunstvollsten Webereien und Stickereien in den buntesten

Farbenzusammenstellungen, wie sie nur die glanzvolle Beleuchtung unter

dem südlichen Himmel eingab, schufen. Im Morgenlande übertrug sich auch

die seit alter Zeit beobachtete Standesunterscheidung durch Farben

der Gewänder auf die Muhammedaner, bei denen Grün die Auszeichnung

der Familie des Propheten, der grüne Turban aber das Kennzeichen des

Hadschi, d. h. desjenigen ist, der die vom Propheten vorgeschriebene

Pilgerreise nach Mekka absolviert hat. Ähnlich wie in Indien heute

noch den einzelnen Kasten, wie auch den verschiedenen Rangstufen

innerhalb derselben genau vorgeschrieben ist, welche Farben und in

welcher Zusammenstellung sie dieselben tragen dürfen. Die europäischen

Fabrikanten kennen diese Gesetze ganz genau und haben eigene

Musterbücher dafür.

In Indien steht die Kunst der Färberei auf derselben hohen Stufe

wie vor tausend Jahren. Hier gibt man den Zeugen an den Stellen der

Zeichnung, die anders gefärbt werden sollen, einen Überzug von Mastix,

den weder kalte, noch warme Farbstofflösung aufzulösen vermag. Ist

das Gewebe in der betreffenden Farblösung gefärbt, so braucht man nur

den Mastix in Spiritus aufzulösen, unter dessen Hülle dann der Grund

des Zeuges in seiner ursprünglichen Färbung zum Vorschein kommt.

Die Malaien Indonesiens verfahren in ähnlicher Weise beim Färben

ihrer Sarongs oder Lendentücher, ihrem oft einzigen, jedenfalls aber

wichtigsten Kleidungsstück, dem sie die zierlichsten Muster zu geben

wissen. Auf einem Kohlenfeuer wird eine bestimmte Wachsmischung flüssig

gemacht, in einen pfeifenkopfähnlichen Behälter oben an einer dünnen

Kupferröhre gegossen und fließt von da durch die Röhre ab, durch

welche es vermittelst Fingerdruck auf das Zeug geleitet wird. Hier

deckt es alle jene Stellen, welche nicht in der betreffenden Farbe

koloriert werden sollen. Natürlich muß die Zeichnung von beiden Stellen

gleichmäßig mit der Wachslösung bedeckt werden, damit die Farbe nicht

von einer Seite eindringen könne. Nach dem Färben in kalter Farblösung

wird das Wachs durch Kochen in heißem Wasser entfernt und dieselbe

Prozedur für alle folgenden Farben vorgenommen, soviel solcher zur

Anwendung gelangen. Mit dieser sogenannten +Battikfärberei+ vermögen

die Malaien besonders des östlichen Java die wunderbarsten Effekte zu

erzielen und farbige Muster von staunenswerter Grazie zu erzeugen.

Auch die Bewohner der polynesischen Inseln färbten, ehe sie die

europäischen Baumwollstoffe kennen lernten, ihre mit Holzklöppeln

breit geschlagenen Lendentücher aus weichem Baumbast mit den

verschiedensten einfachen Mustern. Unsere Museen bergen teilweise

bemerkenswerte Proben dieser verzierten polynesischen Tapa. Noch sehr

viel kunstvoller verstanden die alten Peruaner und Mexikaner vor der

Zerstörung ihrer hohen Kultur durch die goldgierigen Spanier ihre

Lama- und Baumwollgewebe, wie auch Lederarbeiten mit Farbmustern zu

bemalen. Proben mexikanischer Gewebe, die Fernando Cortez an Karl

V. nach Europa sandte, erregten durch ihre Schönheit nicht geringes

Aufsehen. Und wer je das Berliner Völkermuseum besuchte, wird von den

zahllosen hübschen Mustern überrascht sein, welche in den Umhüllungen

und Beigaben der Mumien von Ancon und anderer Gräberfelder in Peru aus

der Zeit der Inkas zutage gefördert wurden. Sie gefielen den modernen

Europäern in so hohem Maße, daß diese schematisierten Muster auf

zahllosen Erzeugnissen der heutigen Textilindustrie kopiert wurden

und uns häufig, besonders an Tischdecken, entgegentreten. Auch die

Indianerinnen Nordamerikas wußten einst Fasern und Schnüre zu färben,

mit denen sie die Kleider und Mokassins, d. h. Schuhe aus weichem

gegerbtem Leder, wie auch die Zeltdecken aus Büffelhaut schmückten.

Heute noch üben die von der Kultur noch nicht zugrunde gerichteten

Indianerstämme Alaskas, wie besonders die Thlinkiten und Bella-kula,

ihre hochentwickelte Färbekunst auf Leder und Holz zur Freude der

ethnographischen Sammlungen aus. Als Färbemittel gebrauchen die

verschiedenen Indianerstämme Zinnobererde, Büffelbeeren, Blaubeeren,

Gelbholz, Quercitron, Galläpfel usw.

Durch die Vermittlung der Kreuzzüge, die das Abendland in nähere

Verbindung mit dem Morgenlande brachten, gelangte die Schönfärbekunst

im 12. und 13. Jahrhundert wiederum nach Europa, abgesehen von Spanien,

das in den Mauren treffliche Färbekünstler besaß. Zunächst wurde diese

für das übrige Europa neue Kunst in Italien geübt, das ja durch seine

Schiffahrt in regster Verbindung mit dem Oriente stand. Zuerst war

es Florenz und dann Venedig, deren Färbereien bald den höchsten Ruhm

im Abendlande erlangten. Ein Einwohner der erstgenannten Stadt hatte

im 13. Jahrhundert das Geheimnis der Darstellung der blaufärbenden

Orseille aus einer Flechte in Kleinasien erworben und brachte durch

die Einführung derselben in die Praxis seiner Vaterstadt unermeßliche

Vorteile. In Venedig erschien 1548 das erste Werk über Färberei von

Giovanni Ventura Rosetti, das großes Aufsehen erregte und nicht

wenig dazu beitrug, das Interesse an der Färberei in ganz Europa zu

erwecken. Nördlich der Alpen gewann sie zuerst größere Bedeutung in

Flandern, dessen Tuch- und Leinenweberei in hoher Blüte stand. Von

hier aus verbreitete sich die Kunst der Schönfärberei allmählich über

die anderen Länder Europas. In Deutschland war es der mächtige Bund

der Hansa, der auch diesem Erwerbszweig große Aufmerksamkeit schenkte.

Er ließ zuerst aus Italien, dann aus Flandern geschickte Färber als

Lehrmeister der einheimischen kommen. Diese bildeten damals schon

stattliche Zünfte, so in Augsburg 1390 und bald darauf auch in anderen

schwäbischen Städten. Nach London ließ König Eduard III. von England

ums Jahr 1373 Färber aus Flandern kommen, die das einheimische Gewerbe

in die Höhe brachten, so daß die Zunft der Färber 100 Jahre später

in London so stark vertreten war, daß sie eine eigene Kompagnie der

städtischen Miliz bildete.

Von großem Einfluß auf die Entwicklung der Färberei war die Entdeckung

von Amerika, indem dadurch nicht allein alle Verkehrsverhältnisse von

Grund aus verändert wurden, sondern auch eine Menge wichtiger neuer

Farbstoffe wie Rot- und Blauholz, Cochenille, Orlean und Quercitron

in den Handel kamen. Nicht minder bewirkte die Auffindung des Seewegs

nach Ostindien einen vermehrten und zugleich billigeren Bezug des bis

dahin sehr kostbaren Indigo. Weil sich aber durch dessen Einfuhr die

Waidbauern beeinträchtigt fühlten, so hatte der edle indische Farbstoff

in Europa mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Auf Anstiften

der einheimischen Waiderzeuger verbot ihn ein Edikt der Königin

Elisabeth in ganz England; zugleich wurden die im Lande befindlichen

Vorräte zerstört. Die Verwendung von Indigo wurde sogar mit Todesstrafe

bedroht; erst im Jahre 1661 unter Karl II. wurde seine Einfuhr und

Anwendung wieder gestattet.

Zu Anfang des 16. Jahrhunderts kam der Krappbau aus dem Orient nach

Schlesien und Holland und 100 Jahre später auch nach Südfrankreich.

Die Purpurfärberei mit der seit 1526 getrocknet als Cochenille von

Mexiko in den Handel kommenden Schildlaus des Nopalkaktus nahm einen

unerwarteten Aufschwung, als im Jahre 1650 der Holländer Cornelius

Drebbel das Zinnsalz als Ersatz des Alauns einführte und auf Grund

seiner Erfindung eine großartige Färberei besonders für Rot bei London

errichtete. Ein Landsmann von ihm, Adrian Brauer, war es, der 1667

die Wollfärberei in England einführte. Nachdem man in der Mitte des

16. Jahrhunderts Indigo und Blauholz in England eingeführt hatte,

eignete sich das Land erst mit Ende des 18. Jahrhunderts die Färberei

mit Quercitron und Türkischrot, vorzugsweise auf Bankrofts Betreiben

hin, an, dessen 1790 erschienenes Werk über Färberei die Grundlage der

neueren Kunst bildete. In Frankreich begann sich die Färberei erst

unter Ludwig XIV. zu heben, als der seit 1660 als Generalkontrolleur

der Finanzen an der Spitze der Verwaltung stehende Staatsmann Colbert

durch d’Albo eine tüchtige Färberordnung aufstellen ließ, die 1669

in Paris veröffentlicht und von den segensreichsten Folgen war. Und

als später die französische Akademie diesem Zweige des Kunstgewerbes

ihre Aufmerksamkeit zuwandte, und 1762 Joannes Althen, ein Armenier,

das Geheimnis der Türkischrotfärberei zuerst nach Frankreich gebracht

hatte, entwickelte sich die Färbekunst in diesem Lande so gewaltig, daß

es darin bald an der Spitze aller übrigen Länder zu stehen kam.

Um 1700 entdeckte man in Berlin das Berlinerblau, und 1740 erfand Barth

die Sächsischblaufärberei mit Indigosulfosäuren. Die neueste Zeit hat

die Färberei durch das Studium des Verhaltens der Beizen gegen die

Farbstoffe sehr gefördert; außerdem häuften sich die Entdeckungen aus

dem Mineralreich, und in neuen Verbindungen der organischen Chemie

lernte man die wertvollsten Rohmaterialien für glänzende Farben

kennen. Erregte in dieser Beziehung schon das Murexid aus Harnsäure

großes Aufsehen, so wurden alle bisherigen Erfolge seit 1859 durch

die Entdeckung der Teerfarben, und zwar zunächst des Fuchsins, noch

weit übertroffen. Diese beherrschen jetzt vollständig die Färberei und

geben Farben in allen Nüancen von einer Leuchtkraft und vielfach auch

Echtheit, wie sie vorher ganz unbekannt waren. Zudem wurden allerlei

Verfahren gefunden, um einige der wichtigsten Pflanzenfarbstoffe

wie Alizarin und Indigo künstlich herzustellen, so daß der Krappbau

ganz und die Indigopflanzungen Indiens wenigstens zum größten Teile

eingestellt wurden.

Wenden wir uns nun nach diesem kurzen Überblick über die Geschichte der

Färberei zu den einzelnen Farbpflanzen, und zwar sei mit einer der

ältesten und wichtigsten begonnen, welche die dem naiven Empfinden des

primitiven Menschen am stärksten in die Augen stechende und deshalb

am meisten zusagende Farbe, nämlich die rote, in großer Leuchtkraft

liefert. Es ist dies der +Krapp+, oder die +Färberröte+ (~Rubia

tinctorum~), eine 60-90 cm hohe Staude mit dornig scharfen Stengeln

und Blättern, gelben Blüten und schwarzen Früchten. Ihre technische

Bedeutung verdankt sie dem kurzen, knorrigen Wurzelstock von 20-30 cm

Länge und 5-12 mm Dicke, der außen von einer rotbraunen Rinde bedeckt,

innen aber gelbrot ist. Die Pflanze gedeiht am besten auf humusreichem

Boden und wird durch Ausläufer vermehrt, die man im März setzt. Im

Herbst wird das Kraut, das ein gutes Viehfutter bildet, gemäht, wonach

man die Stöcke zum Schutz gegen die Winterkälte mit Erde bedeckt.

Die Ernte der Wurzeln geschieht erst im Spätherbst des dritten, im

Morgenland sogar erst des fünften und sechsten Jahres. Nach der

Entfernung der wenig wertvollen Oberhaut werden die Wurzeln zunächst

getrocknet und kommen dann zerschnitten, meist aber gemahlen, als

Krapp in den Handel. Er bildet ein grobes, safranfarbiges Pulver von

eigentümlichem Geruch und säuerlichsüßem Geschmack, das begierig

Feuchtigkeit aus der Luft an sich zieht und infolgedessen leicht

zusammenbackt. Deshalb muß es sorgfältig vor Luft und Licht geschützt

werden. Durch mehrjährige Aufbewahrung verbessert der Krapp seine

Qualität, geht aber nach dem 5. bis 6. Jahre zurück. Außer den

gewöhnlichen Pflanzenbestandteilen enthält er ein farbloses Glykosid,

Ruberythrin, das sich unter dem Einfluß eigentümlicher Fermente langsam

in Zucker und einen roten Farbstoff, das Alizarin, zersetzt. Daher

kommt es, daß der Krapp beim Aufbewahren an Kraft des Färbevermögens

gewinnt.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 12 / 81 段