So lange die Baumwolle lediglich durch Handbetrieb zu Garnen und

Geweben verarbeitet wurde, wie dies in Indien und im Orient, dann auch

im Abendlande gegen das Ende des 18. Jahrhunderts der Fall war, waren

die daraus hergestellten Kleider und anderen Gebrauchsgegenstände

naturgemäß teuer und konnten nicht in allgemeinen Gebrauch gelangen.

Erst als in England in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die

Spinnmaschinen und mechanischen Webstühle in Gebrauch kamen, wurde das

Fabrikat billiger, so daß Baumwollstoffe auch in minder bemittelten

Kreisen in allgemeinen Gebrauch kommen konnten. Nur sogenannte

Nangkinfabrikate (von ~Gossypium religiosum~) kommen noch aus Ostindien

zu uns. Sonst wird der ganze Bedarf in Europa selbst erzeugt, und

zwar ersetzen die 45 Millionen Spindeln Englands die Handarbeit von

230 Millionen Menschen und spinnen zusammen jährlich einen Faden, der

130mal die Entfernung der Sonne von der Erde durchspannen würde.

Ehe die Verarbeitung der Baumwolle zu Garn beginnt, wird sie

zunächst mit größeren Mengen derselben Sorte gut gemischt, um Garne

von möglichst gleichmäßiger Güte zu erzielen, dann bei 30° C.

getrocknet, in einer Wolf genannten Maschine gelockert, gründlich

gereinigt und, nachdem sie von der Schlag- oder Wattenmaschine in

breite, zusammenhängende, flache Streifen (Watte) gebracht worden,

von der Kratzmaschine in zarte, lockere Bänder verwandelt. Hierauf

werden diese durch die Streckwalze gestreckt und geglättet, dann in

der Vorspinnmaschine verfeinert und erst zu dicken, lockeren und durch

weiteres Verspinnen zu feineren Fäden gedreht. Endlich werden sie auf

der Spinnmaschine zu Garn versponnen, das so fein sein kann, daß ½ kg

desselben 1672 km lang ist, d. h. von Leipzig bis Konstantinopel

reichen würde. Nach der Feinheit des verwendeten Garns unterscheidet

man Kattun (nach der arabischen Bezeichnung für Baumwolle), Indienne

(so genannt, weil ursprünglich aus Ostindien stammend mit allerlei

bedruckten Figuren), Kalikos (ebenfalls ein bedruckter Baumwollstoff,

so genannt, weil er zuerst aus Kalikut bezogen wurde), Nangking (ein

gelbliches oder rötliches Baumwollenzeug, nach dem früheren Bezugsort

in China so genannt), Perkal (dichtes, leinwandartiges Baumwollgewebe,

die gröberen gleichen den Kalikos, die feinsten dagegen sind dichter

als Musselin), Musselin (feinstes, durchscheinendes Baumwollgewebe --

glatt, gestreift, durchbrochen usw. -- aus wenig gedrehtem Garn und

deshalb mit zartem Flaum, nach der Stadt Mossul am Tigris so genannt,

doch ist der ostindische noch immer besonders fein und zart), Jakonett

(französisches, glattes Musselin, nach einem französischen Fabrikanten

so geheißen), Gingan (das ursprünglich ostindische, glatte oder

gestreifte Gewebe in Baumwolle mit Bast, auch in reiner Baumwolle oder

Leinen nachahmt, vom javanischen ~ginggan~ vergehend, verbleichend),

Tüll (netzartiges Zwirnzeug nach dem ersten Fabrikationsort desselben,

der französischen Stadt Tulle, so genannt), Barchent (geköpertes

Baumwollgewebe, ursprünglich mit leinener Kette, auf einer Seite rauh

und wollig), Pikee (vom französischen ~piqué~ gesteppt, mit doppelter

Kette gewebtes Baumwollgewebe mit erhöhtem Muster), Manchester (nach

dem ersten Fabrikationsort so bezeichneter Baumwollensamt) usw.

Früher warf man die beim Egrenieren zurückgebliebenen Samen der

Baumwollpflanze, soweit man sie nicht als Saatgut verwendete, als

nutzlos weg. Bald aber fand man, daß sie zu 20-30 Prozent ein sehr

wertvolles Öl enthalten, das man nun sorgfältig aus ihnen preßt. Ja,

man würde heute die Pflanze lediglich als Ölpflanze kultivieren, wenn

sie nicht auch noch die wertvolle Faser lieferte. Der noch die Hälfte

des Gewichtes Eiweiß enthaltende Preßrückstand dient als wertvolles

Viehfutter.

Über die Anfänge der Baumwollkultur ist wenig Sicheres bekannt. In

der Alten Welt hat sie augenscheinlich in Indien ihren Ursprung

genommen, wo zuerst die niedrige krautige Baumwolle vom Menschen in

Pflege genommen wurde. Zu ihr kam dann später ebenfalls in Indien die

baumförmige Art hinzu, von der in der Folge die heilige dreiteilige

Brahmanenschnur, das Sinnbild der göttlichen Dreiheit, angefertigt

wurde. Die indische Baumwolle, im Sanskrit ~kârpâsi~ genannt, wird

zuerst in den zwischen 600 und 500 v. Chr. entstandenen jüngsten

vedischen Schriften, den Sutras, und zwar schon in Verbindung mit

Gewändern erwähnt. Sicher wurde sie schon damals in Indien in

beträchtlichen Mengen zu Geweben verarbeitet. Von dort aus hat sich

ihre Kultur über Hinterindien nach China verbreitet, wo zuerst der

Kaiser Wu-ti um 600 v. Chr. sich in wertvolle, jedenfalls aus den

Kulturländern im Süden importierte Baumwollkleider hüllte. In der Folge

wurde nach Einführung der Baumwollstaude die Baumwolle im Reiche der

Mitte das am meisten benutzte Zeugmaterial, wenngleich auch noch viel

Hanf und besonders Ramie oder chinesische Nessel zur Herstellung von

Geweben verwendet wird. Indessen läßt sich eine eigentliche Kultur der

Baumwolle in China nicht vor dem 11. Jahrhundert n. Chr. nachweisen,

und manche Gelehrte nehmen an, daß sie sogar erst im 13. Jahrhundert

durch die das Reich erobernden Tataren eingeführt wurde.

Die erste Kunde von der in Indien als Faserstoff zur Herstellung von

leichten Gewändern benutzten Baumwolle verdanken wir dem Vater der

Geschichtschreibung, dem Griechen Herodot (484-424 v. Chr.), der von

460-456 Ägypten, Syrien und Babylonien bereiste und in seinem in

ionischem Dialekte verfaßten Werke über die Geschichte des Orients

und Griechenlands nach der auf seiner asiatischen Reise in Erfahrung

gebrachten Kunde berichtet: „In Indien gibt es wilde Bäume, welche

als Frucht eine Wolle (~eírion~) tragen, die an Schönheit und Güte

die Schafwolle übertrifft. Die Indier machen aus dieser Wolle ihre

Kleider.“ Nach demselben Autor war das indische Hilfskorps des

Xerxes bei seinem Zuge zur Eroberung Griechenlands im Jahre 492 in

solch baumwollene Kleider gehüllt. Auch der Grieche Ktesias aus

Knidos, der von 416-399 Arzt am persischen Hof in Susa war und eine

wertvolle, leider nur in Auszügen erhaltene persische Geschichte

schrieb, weiß von der Baumwolle als einer Gespinstpflanze Indiens

zu berichten. Die Pflanze selbst und ihr Produkt lernten aber erst

die Begleiter Alexanders des Großen auf ihrem Zuge nach Indien

kennen. Die Leute am Indus trugen nämlich baumwollene Gewebe, und

die Baumwolle trat den Makedoniern daselbst so häufig entgegen,

daß sie dieselbe zum Ausstopfen von Kopfkissen und Pferdesätteln

benutzten. Diese Begleiter Alexanders auf seinem Zuge nach Indien

brachten eingehendere Mitteilungen darüber in die Mittelmeerländer,

wo diese Gespinstpflanze bis dahin völlig unbekannt geblieben war;

denn die alten Babylonier, Ägypter und Griechen hatten bis dahin

außer der tierischen Wolle stets nur den Lein zur Herstellung von

Stoffen verwendet. Der Aristotelesschüler Theophrast erwähnt in der

zweiten Hälfte des 4. vorchristlichen Jahrhunderts, daß in Indien

eine Gespinstpflanze ~kárpasos~ gedeihe, aus der hergestellte Stoffe

die Begleiter Alexanders von dort mitbrachten. Dieser Begründer der

Botanik schreibt in seiner Pflanzengeschichte: „Auf der Insel Tylos im

Arabischen Meerbusen (heute Bachraim am Eingang des Persischen Golfes)

sollen viele wolletragende Bäume (~déndra erióphora~) stehen, deren

Blätter wie Weinblätter, nur kleiner sind. Statt der Früchte bringen

sie geschlossene Behälter von Apfelgröße hervor. Werden diese reif, so

nimmt man die darin befindliche Wolle und webt aus ihr sowohl geringe

als auch sehr kostbare Gewänder. Solche Bäume wachsen auch in Indien

und Arabien.“ Diesen Passus schrieb der ältere Plinius um die Mitte des

ersten christlichen Jahrhunderts fast wörtlich ab mit der Bemerkung,

daß diese Bäume ~gossypini~ (Einzahl ~gossypinus~) heißen -- woraus

dann die Botaniker später die wissenschaftliche Bezeichnung ~gossypium~

schufen. Nach ihm soll es wie in Indien und Arabien auch in dem an

Ägypten angrenzenden Negerlande wolletragende Bäume geben, „deren

Kapseln etwa so groß wie Granatäpfel sind“. Auch der römische Dichter

Vergil, der Verfasser der berühmten, Augustus und seinem Geschlechte

gewidmeten Äneis (70-15 v. Chr.) sagt in seinem Georgica benannten

Lehrgedicht über den Landbau: „Im Negerlande gibt es Bäume, die weiche,

weiße Wolle tragen.“ Der griechische Schriftsteller Flavius Arrianus

(geb. um 100 n. Chr. zu Nicomedia in Bithynien, ward 136 unter Hadrian

Präfekt von Kappadokien und starb unter Marcus Aurelius ums Jahr 176)

schreibt in seiner indischen Geschichte: „Die Kleidung der Indier wird,

wie Nearchos (der Flottenführer Alexanders des Großen, der nach dessen

Feldzug nach Indien im Jahre 325 v. Chr. die Flotte vom Indus aus durch

das Erythräische Meer in den Persischen Meerbusen führte und wie er in

seinem „Paraplus“ genannten Reisebericht darüber meldet, auf dieser

Fahrt die Mündungen des Euphrat und Tigris fand) sagt, aus dem Lein

gefertigt, der auf Bäumen wächst. Dieser Lein ist entweder reiner weiß

als jeder andere Lein oder scheint wenigstens weißer, weil die Indier,

die ihn tragen, schwarz sind.“

Durch die Perserherrschaft wurde der Anbau und die Verwendung von

Baumwolle als Gespinstmaterial in Vorderasien allgemeiner. Von Persien,

besonders aber aus Indien führte man in der hellenistischen und mehr

noch zur römischen Kaiserzeit über die Hafenstädte am Roten Meer und

Alexandrien ziemliche Mengen fertiger Baumwollstoffe in die reichen

Städte am Mittelmeer, zumal dem üppigen Rom, aus, wie uns der zu

Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. in letzterer Stadt lebende Sophist

Flavius Philostratos der Ältere berichtet. Außer in Persien, Syrien und

Ägypten wurde nach der Schilderung des griechischen Geschichtschreibers

und Geographen Pausanias in seiner zwischen 160 und 180 n. Chr.

geschriebenen Periegesis oder Reisebeschreibung von Griechenland,

Kleinasien, Syrien, Ägypten und Italien einzig in Elis, im westlichen

Peloponnes, Baumwolle gepflanzt. „Eleia ist das einzige griechische

Land, in der die Baumwolle (~býssos~) gedeiht. Die eleische Baumwolle

ist ebenso zart wie die hebräische, aber nicht so gelb.“ Und Plinius

(23-79 n. Chr.) sagt in seiner Naturgeschichte: „Das baumwollene Zeug

(~býssinon~), welches in der Umgegend von Elis und in Achaia gewonnen

wird, ist bei den Damen so beliebt, daß es früher dem Gewicht nach mit

Gold in gleichem Werte stand.“ Doch hat sich damals die Baumwollkultur

nicht weiter im römischen Reiche verbreitet, und das ganze Altertum

hindurch kam weitaus das meiste an fertigen Baumwollstoffen als

kostbare Handelsware aus dem Orient, besonders aus Indien, nach Europa.

Dies blieb auch so nach dem Untergange der römischen Weltherrschaft,

als die eleische Baumwollindustrie zugrunde gegangen war.

In der Folge dehnten die Araber mit der Ausdehnung ihrer Herrschaft

das Verbreitungsgebiet der Baumwolle weiter aus. Sie brachten die

Kultur dieser Staude mit derjenigen des Zuckerrohrs im 8. Jahrhundert

nach Nordafrika, im 9. nach Sizilien und im 10. nach Südspanien. In

Andalusien beförderte besonders der Kalif Abdurrhaman II. (912-961)

den Anbau dieser Gespinstpflanze. Obschon die Araber selbst viel,

allerdings gewöhnliche Baumwollstoffe herstellten, bezogen sie die

feinsten Baumwollstoffe immer noch aus Indien. Zwei Araber, die im

9. Jahrhundert Indien bereisten, erzählen, daß dort fast völlig

durchsichtige Kleider hergestellt würden, so fein, daß ein ganzer

Rock durch einen Fingerring hindurchgezogen werden könne. Tavernier

berichtet, daß türkische Turbane aus 16 m feinstem, indischem

Musselin zusammengewunden seien, doch nur vier Unzen (= 120 g)

wögen. Die feinsten dieser Gewebe, zu Gantipuru und Datta in Indien

gefertigt, sehe man nicht, wenn sie, auf eine Wiese ausgebreitet, vom

Tau befeuchtet sind. Die Inder nennen sie „gewebten Wind.“

So gebräuchlich im frühen Mittelalter Baumwollstoffe bei den

Muhammedanern waren, so überaus selten waren sie bei den

Abendländern anzutreffen. In seiner Geschichte der Franken hebt der

Geschichtschreiber Gregor von Tours hervor, es sei im Jahre 580 ein

Fremder zu Tours erschienen, der über einem ärmellosen Rock einen

Mantel aus Baumwolle trug; und im Jahre 807 erregten Zelte, die der

Kalif von Bagdad Harun al Raschid (d. h. H. der Gerechte) Karl dem

Großen geschenkt hatte, große Bewunderung bei den Franken, nicht

nur ihrer Größe und Buntheit wegen, sondern vor allem weil sie aus

Baumwollenzeug hergestellt waren. Welchen Wert man bis tief ins

Mittelalter der Baumwolle gab, beweist der Umstand, daß man ihr im

Mittellatein den Namen der Seide oder eine Nebenform desselben, nämlich

~bombix~ oder ~bombax~ gab. Erst im 12. Jahrhundert kam im Volke der

deutsche Name Baumwolle auf, so daß daraus geschlossen werden darf,

daß damals weitere Kreise mit ihr rechneten. So wird im Gedicht „Erec“

des Hartmann von Aue (lebte 1170 bis 1215, nahm an den Kreuzzügen von

1189 und 1197 teil und lernte wohl die Baumwollpflanze in Palästina

oder Syrien kennen) ein Sattelkissen linde sam ein boumwol, d. h.

weich wie Baumwolle bezeichnet, und im 13. Jahrhundert berichtet

ein Autor lateinisch „von der bombaxwolle, welche jetzt beim Volke

boumwolle heißt“. Eine zu Anfang des 14. Jahrhunderts vorkommende, aber

nur vereinzelte Bezeichnung ~cottûn~ im Marienleben des Walther von

Rheinau, in welcher solcher neben „flachs, wolle und sîden“ gefärbt

als Gegenstand des Webens aufgezählt wird, geht auf das italienische

~cotone~ für Baumwolle (und zugleich Baumwollstaude) zurück, das aber

selbst aus dem arabischen ~kutn~ für jene Gespinstpflanze und deren

Produkt stammt. Ebendaher rühren auch das französische und englische

~coton~ und das spanische ~algodon~ (mit dem arabischen Artikel ~al~

-- z. B. auch in Alkohol, Alchemie usw. zu erkennen -- davor). Erst

im 17. Jahrhundert wird jenes arabische Wort als Kattun mit der

Verarbeitung der Baumwolle zu Geweben auch in Deutschland häufiger. Ein

eigenartiges, aus Leinen und Baumwolle gemischtes Zeug wird mit einem

ursprünglich Wollstoff bezeichnenden fremden Wort ~barchât~, später

~barchant~ belegt; aus diesem wurde dann unser Barchent für geköpertes

Baumwollgewebe mit oft leinener Kette.

Die Einführung der Baumwolle als Gespinstfaser neben dem

altgebräuchlichen Lein hat dann in Europa wie in China die Kunst der

Weberei beträchtlich gesteigert. Es konnten nun viel mannigfaltigere

Stoffe hergestellt werden, wie Zwilich und Drilich (als Umdeutschung

des lateinischen ~bilix~ und ~trilix~, woraus später unsere

Bezeichnungen Zwilch und Drilch entstanden) für zwei- oder dreifädig

gewebtes Zeug, dann -- seit dem 14. Jahrhundert -- ~damasch~ für

gemusterte Stoffe aus Seide, Baumwolle oder Leinen nach der Stadt

Damaskus, wo solche zuerst von den Arabern hergestellt wurden. Mit

der Herstellung des Damastes bürgerte sich auch in Europa jene Art von

Weberei ein, welche es versteht, auch in gebleichtes Garn allerlei

Muster zu weben, so daß sie nicht sowohl durch Farbe, als bloß durch

verschiedene Fadenlage zeichnerisch hervorstechen.

Noch das ganze Mittelalter hindurch kamen arabische und indische

Baumwollgewebe über Venedig und Genua, von wo sie durch Säumer über

die Alpenpässe nach Norden gebracht wurden, nach Augsburg und Ulm, wo

bedeutende Stapelplätze dafür waren. Später suchte man die Rohbaumwolle

nach Europa zu bringen und hier zu verarbeiten. Und zwar war es das

für die Herstellung aller Gewebe von den wollenen Tuchstoffen bis

zum Leinengewebe hervorragend tüchtige Flandern, das diesen neuen

Industriezweig zuerst einführte. So entstanden am Ende des 16.

Jahrhunderts in Gent und Brügge die ersten von Christen hergestellten

Gewebe mit fast reiner Baumwolle, die an Güte den arabischen und

indischen bald gleichgekommen sein sollen.

Diese Kattune in Form von buntbedruckten Baumwollengeweben kamen dann

zu Anfang der selbständigen Regierung Ludwigs XIV., die 1661 nach

Mazarins Tode begann, in Frankreich in Mode. Zuerst wurden sie von

den Schiffen der ~Compagnie des Indes~ von der Koromandelküste, wo

Frankreich Kolonien besaß, nach Frankreich importiert, wo die heiteren

Farben, die große dekorative Wirkung und der exotische Stempel dieser

leichten Stoffe sie überall sehr beliebt machte. Man kleidete sich

vielfach damit, ließ Morgenröcke und Möbelüberzüge daraus verfertigen,

so daß die Ware trotz ihres hohen Preises reißenden Absatz fand. Da

diese Stoffe selten waren, kamen einheimische Handwerker auf den

Gedanken, aus dem Orient eingeführte weiße Baumwollengewebe in der

Art der indischen Kattune zu bedrucken und machten damit sehr gute

Geschäfte, da die Beliebtheit des Kattuns immer mehr stieg und zwischen

1670 und 1680 unter der vornehmen Welt geradezu eine Kattunmanie

herrschte. Die Fabrikanten anderer Stoffe und ein Teil der Handwerker

fühlten sich darob so beunruhigt, daß sie sich an den Minister Colbert

wandten, der sich ihrer annahm und im Jahre 1681 die Fabrikation und

den Verkauf dieser gefärbten Tücher strengstens verbot. Die Folge davon

war die Entstehung großer Kattunfabriken in England und der Schweiz.

Auch entstand ein wahrer Kampf zwischen den französischen Behörden und

der kattunsüchtigen Frauenwelt, die sich an das Verbot nicht hielt.

Von 1681-1716 versuchten mehr als 30 Erlasse die Pariserinnen zur

Vernunft zu bringen; doch fruchtete alles nichts. Im Gegenteil, das

Verbotene reizte, und trotz aller Beschlagnahme wurde Kattun nach

Frankreich eingeführt. Dabei waren die Beamtenfrauen die ersten, die

die verbotenen Stoffe trugen. Die seit 1748 als Geliebte Ludwigs XV.

am Hofe lebende Madame Jeanne Antoinette Poisson, die zur Marquise von

Pompadour erhoben wurde und bis zu ihrem Tode 1764 in Versailles einen

großen Einfluß auf die Regierungsgeschäfte ausübte, stattete in ihrem

Schloß Bellevue eine ganze Zimmerflucht mit diesem Stoffe aus. Bald

berieten selbst die Minister über ihre Maßnahmen gegen den Kattun in

Räumen, die mit Kattun ausgeschlagen waren! Da gab am 9. November 1759

die Regierung endlich nach: die Herstellung und der Verkauf des Kattuns

wurde in Frankreich gestattet. Derselbe behauptete von nun an noch

längere Zeit seine Herrschaft. Noch der sonst fortschrittlich gesinnte

Kaiser Josef II. von Deutschland, der von 1765-1790 regierte, verbot

das Tragen von Kattun in seinen Ländern wegen dessen hohen Preises.

Seine Untertanen sollten sich an die altgewohnte Linnenkleidung halten.

In England, wo man zuerst unter Heinrich VIII. (regierte von 1509-1547)

in Lancashire und unter dessen Sohn Eduard VI. (1547 bis 1553) auch

in Manchester und Cheshire Baumwolle zu verarbeiten begann, verstand

man sehr lange keine festen Ketten aus Baumwolle zu machen, sondern

verwandte dazu Leinengarne. Erst 1772 brachte man dieses Kunststück

zustande und vermochte von nun an reine Baumwollengarne anzufertigen.

Als dann der Schotte James Watt 1769 die Dampfmaschine verbessert

hatte, und gleichzeitig die Spinnmaschine und der mechanische Webstuhl

erfunden worden waren, begann dem vermehrten Bedarf an Baumwolle

entsprechend eine größere Zufuhr des Rohmaterials nach England, das

schon 1782 mehr als 33000 Ballen aus Syrien, Makedonien und Cayenne

einführte. Die Länder, welche heute für Baumwollausfuhr in erster Linie

in Betracht kommen, produzierten damals nur für ihren eigenen Bedarf.

Ja Ägypten konsumierte selbst so viel, daß es noch Baumwolle aus Cypern

und Kleinasien kaufen mußte. Nur die Südstaaten Nordamerikas, in

welchen die Baumwollkultur ums Jahr 1770 eingeführt wurde, erzeugten

damals schon in zunehmendem Maße Baumwolle, so im Jahre 1800 bereits

9 Millionen kg. Schon nach Beendigung der napoleonischen Kriege

bezog England 85 Prozent seines Baumwollbedarfes aus Nordamerika. Die

Produktion nahm dort immer mehr zu, so daß jenes Land 1860 4824000

Ballen zu 450 kg ausführte. Da brach 1861 der bis 1865 dauernde

unheilvolle Bürgerkrieg aus, der die Kultur dieser Nutzpflanze

hochgradig behinderte, so daß bald in der Baumwollindustrie, die

von dort aus ihr Rohmaterial hauptsächlich bezog, ein förmlicher

„Baumwollhunger“ ausbrach. Die Folge war, daß sehr hohe Preise für den

Rohstoff bezahlt wurden. Dies bewog die verschiedensten tropischen und

subtropischen Länder, diese wertvolle Nutzpflanze in Kultur zu nehmen.

Indien, das vor dem nordamerikanischen Bürgerkriege nur 9-26 Prozent

der in England verarbeiteten Baumwolle lieferte, lieferte nun während

desselben 50 Prozent des Bedarfes, während Nordamerika von 46-84

Prozent der Einfuhr auf 7 Prozent sank. Aber nach dem Kriege eroberten

die Vereinigten Staaten nicht bloß ihre alte Position zurück, sondern

übertrafen noch ihre früheren Leistungen bedeutend. Während die dortige

Ernte im Dezennium vor dem Kriege 1300 Millionen kg jährlich betrug,

stieg sie im Dezennium nach dem Kriege auf 20000 Millionen kg.

Dieser ungeheure Baumwollverbrauch war erst möglich, als die Spinn-

und Webemaschinen eingeführt waren. Den Anstoß dazu gab im Jahre 1767

der englische Zimmermann Hargraves durch seine nach seiner Tochter

Jenny bezeichnete Spinnmaschine, auf der viel mehr und besseres Garn

als mit der Hand hergestellt zu werden vermochte. 1796 erfand dann

der Engländer Arkwright seine Wasserspinnmaschine, so genannt, weil

sie zuerst durch Wasser getrieben wurde. Beide Systeme vereinigte

dann Crampton in seiner Mêlemaschine. Und so kam ein Fortschritt nach

dem andern, bis besonders in England die heutige Baumwollspinnerei

und -weberei ausgebildet wurde. Heute noch steht dieses Land mit

45 Millionen Spindeln an der Spitze der gesamten Baumwollindustrie

der Welt, ihm folgen die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 16

Millionen Spindeln, dann kommen der Reihe nach Deutschland, Frankreich,

Rußland, Ostindien, Österreich, Italien. Neuerdings macht Japan, wie

allen Industrien, so auch hierin den Kulturstaaten starke Konkurrenz.

Erst im Jahre 1875 wurde die Baumwollspinnmaschine dort heimisch, und

schon 1894 arbeiteten 780000 Spindeln in jenem Lande.

Nach China kam die Baumwollstaude im 10. Jahrhundert, war aber noch im

11. Jahrhundert Gartengewächs. Erst vom 13. Jahrhundert an wurde sie im

freien Felde angepflanzt, doch nie in der Ausdehnung, daß man auf die

Einfuhr von Indien oder Burma hätte verzichten können. Gegen das Ende

des 18. Jahrhunderts brach eine große Hungersnot in Südchina aus; da

verordnete der Kaiser, daß der größte Teil des zum Anbau von Baumwolle

verwendeten Landes dem Getreidebau zurückgegeben werden solle.

Wie die Portugiesen bei den Kaffern und Mungo Park bei den Negern in

Senegambien und Guinea, so fanden Kolumbus, Cortez, Pizarro und Almagro

den Gebrauch der Baumwolle überall in Amerika gebräuchlich.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 11 / 81 段