und Flechtmaterial. Ohne weitere Bearbeitung liefert er vorzügliche
Taue, die beim Hausbau das ausschließliche Bindemittel für alle
Balken, Pfosten und Sparren aus Bambus oder Holz bilden. Infolge
des Besitzes dieses vorzüglichen Bindematerials stellen die Malaien
kaum je Stricke aus geflochtenen Pflanzenfasern her; höchstens etwa
aus den geschmeidigeren Blattscheidenfasern der Zuckerpalme (~Arenga
saccharifera~), die noch unverwüstlicher als selbst der Rotang sind.
Mit Rotangtauen werden die auf Bambusflößen errichteten Häuser und
Badeplätze an den Flußufern befestigt, die Hängebrücken und deren
Geländer errichtet, die Palisaden befestigt. Durch Verflechten mehrerer
dünner Rotangstämme werden Gurte, Körbe und ganze Wände geflochten;
häufiger verwendet man nur die kieselsäurereichen, glänzenden äußeren
Schichten als Flechtrohr, während man den weicheren inneren Kern, das
Peddig- oder Markrohr, anderweitig verwendet oder wegwirft. Daraus
stellen besonders die Chinesen Südostasiens die verschiedensten Möbel
und Geräte her, mit denen sie einen schwunghaften Handel treiben. Die
jungen Sprosse vieler Arten werden roh oder gekocht gegessen, das
säuerliche Fruchtfleisch einiger Arten wie Tamarindenmus verzehrt.
Der Rotang wird niemals angebaut; da er in den sumpfigen Wäldern
seiner Heimat in Menge wild wächst, vermag man daraus zur Genüge
seinen Bedarf zu decken. Für den Export werden die 9-10jährigen, also
völlig ausgereiften Stämme, die sich durch einen scharfen Schleim
klebrig anfühlen, abgeschnitten und zur Entfernung der stacheligen
Blätter zwischen enggestellten, geschärften Brettern oder Pflöcken
hindurchgezogen. Dann schneidet man sie in 6-8 m lange Stücke,
von denen 50-100 ein Bündel bilden, das in der Mitte noch einmal
zusammengebogen wird. Der Hauptexporthafen dafür ist Singapur,
daneben Batavia und Makassar. Er kommt zu uns als „spanisches Rohr“
oder „Stuhlrohr“, so genannt, weil besonders Rohrstühle aus ihm
angefertigt werden. Früher benutzten die Korbmacher und Stuhlflechter
nur die äußeren Schichten zum Flechten und warfen das Peddigrohr weg;
neuerdings wird aber auch letzteres industriell verwertet. In den
Fabriken wird das Flechtrohr auf maschinellem Wege vom Peddigrohr
abgetrennt und außerdem auf chemischem Wege die Farbe des Rohrs
verbessert. Wegen ihrer größeren Elastizität und Dauerhaftigkeit
haben die früher verworfenen glanzlosen Peddigstreifen zum guten
Teil die Korbweide verdrängt, die nur noch das Material zu groben
Flechtwerken liefert. Man benutzt sie zum Überflechten von Gefäßen, zu
Sieben, Körben, Matten, Modellbüsten für Schneider und Schneiderinnen
und Luxusartikeln aller Art. Das Flechtrohr dient vorzugsweise zum
Überziehen von Sitzen und Rücklehnen der sog. Joncmöbel, und die beim
Glätten des Flechtrohrs und der Peddigstreifen sich ergebenden Abfälle
dienen in der Putzmacherei und als Polster- und Scheuermaterial. Das
Malakkarohr von ~Calamus scipionum~, eine besonders starke Ware, die
in 1-3 m langen Stäben in den Handel kommt, wird hauptsächlich zu
Spazierstöcken verarbeitet, während das Sarawakrohr von ~Calamus
adspersus~ vornehmlich Peitschenstöcke liefert. ~Calamus draco~ gibt
die weißen und braunen Maniladrachenrohre, und aus den zur Zeit der
Reife mit einem roten Harz bedeckten pflaumengroßen Früchten gewinnt
man das dunkelrote, geruch- und geschmacklose +Drachenblut+, das neben
dem schon im Altertume im Orient und in den Mittelmeerländern bekannten
Drachenblut des Drachenbaumes von der Insel Sokotra am östlichen Zipfel
von Afrika auch bei uns früher als Arzneimittel benutzt wurde, jetzt
aber, in Alkohol oder ätherischem oder fettem Öl gelöst, nur noch zur
Färbung der Tischlerpolitur und von rotem Firnis und Lack dient. Die
beste Sorte gewinnt man dadurch, daß die Früchte in Säcken so lange
geschüttelt werden, bis das Harz abspringt, eine geringere dagegen
durch Auskochen der Früchte mit Wasser, wobei sich das Harz an der
Oberfläche sammelt. Ersteres wird dann zu Stangen und letzteres zu
Kuchen geformt und in Kisten von 50-60 kg von Singapur aus, das
jährlich etwa 30000 kg ausführt, in den Handel gebracht.
XXI.
Die Baumwolle.
Die Baumwolle ist nicht nur die wichtigste aller spinnbaren Fasern,
sondern eine der wichtigsten Waren des Welthandels überhaupt, weshalb
die Engländer für sie die Bezeichnung ~king cotton~, d. h. König
Baumwolle, aufgebracht haben. Wenn auch die wichtigen Nahrungsspender
des Menschen, Weizen, Reis und Mais, in der Weltwirtschaft eine noch
größere Rolle spielen -- nimmt doch allein die Weizenkultur der Welt
eine etwa fünfmal so große Fläche als diejenige der Baumwollstaude
ein, und übertrifft auch der Wert des auf der Erde produzierten
Weizens denjenigen der Baumwolle um das Vierfache --, so ist doch
die Kultur dieser Gespinstpflanze, in deren Fruchtfasern sich etwa
⅘ der Menschheit, d. h. etwa 1200 Millionen, kleiden, von ganz
außerordentlicher Bedeutung. Die jetzige jährliche Weltproduktion
an Baumwolle entspricht nach O. Warburg in Berlin einem Wert von
wenigstens 4½ Milliarden Mark, wozu noch für die Saat mindestens eine
halbe Million Mark hinzukommt. Über 15 Millionen Menschen sind mit der
Erzeugung von Baumwolle beschäftigt. Der Transport von 12 Millionen
Ballen von den Plantagen über das Meer und von den Hafenplätzen in die
Spinnereien kommt wenigstens auf 360 Millionen Mark und entspricht
2400 Dampfschifftransporten zu je 5000 Ballen. Rechnet man noch die
Landtransporte der übrigen 8 Millionen Ballen hinzu, so ergibt es
sich, daß schon der Transport der Baumwolle einem Wert von wenigstens
einer halben Milliarde Mark jährlich entspricht. In den die Baumwolle
verarbeitenden Spinnereien und Webereien, sowie den Nebenbetrieben
stecken über 10 Millionen Mark, die verzinst werden müssen; dabei
finden mehr als 4 Millionen Menschen Beschäftigung, deren Arbeitslohn
über 3 Milliarden Mark jährlich beträgt. Rechnen wir nun die Gewinne
all dieser Fabrikanlagen und der dabei beteiligten Menschen, sowie die
Erträge der Bleichereien, Druckereien, Färbereien, dann der Betriebe
zur Weiterverarbeitung der fertigen Stoffe, ferner der Schneider und
Konfektionsarbeiter beiderlei Geschlechts, wie auch der Groß- und
Kleinhändler, die alle von der Baumwolle leben und durch ihre Arbeit
den Wert derselben erhöhen, hinzu, so gelangen wir zum Schluß, daß die
von der Baumwolle jährlich geschaffenen Werte 10 Milliarden Mark weit
übersteigen.
Diese für die Weltwirtschaft so ungemein wichtige Nutzpflanze, von der
reichlich 25 Millionen Menschen in ihrer ganzen Existenz abhängen, ist
ein zu den Malvengewächsen gehörender Strauch, der in manchen Arten
sogar baumartig auftritt und dann eine Höhe bis zu 5 m erreicht.
Unter den äußerst mannigfaltigen Formen, in denen diese Pflanze gezogen
wird, unterscheidet man fünf schärfer charakterisierte Arten, von denen
drei der Neuen und zwei der Alten Welt angehören.
Bei zweien derselben, nämlich der Baumwollstaude von Peru -- eigentlich
ist sie aber in Brasilien heimisch und wurde von den Stämmen der Inkas
von dorther in Kulturpflege erhalten -- (~Gossypium peruvianum~) und
Barbados -- der bekannten Insel der Kleinen Antillen -- (~Gossypium
barbadense~) läßt sich die meist als Stapel bezeichnete Baumwolle
leicht von den Samen, denen sie die von der Pflanze angestrebte
Flugfähigkeit erteilen soll, ablösen und ist bei ihnen ein Überzug
von kurzen Haaren nicht vorhanden. Dabei sind die Samen der ersteren
nierenförmig und hängen dicht und fest zusammen, während sie bei der
letzteren, die hauptsächlich in den Küstengegenden gedeiht, birnförmig
gestaltet sind und lose nebeneinander liegen. Daher wird erstere von
den Engländern als ~Kidney~, d. h. Nierenbaumwolle und letztere als
~Sea Island~, d. h. Meerinselbaumwolle, bezeichnet.
In die zweite Gruppe mit schwierig sich von den Samen ablösender
Baumwolle, die zudem einen Überzug von kurzen Haaren trägt, gehört
als dritte, ebenfalls in wärmeren Gebieten Amerikas heimische Art die
großblätterige, in höheren Lagen gebaute und deshalb englisch als
Upland bezeichnete rauhe Baumwolle (~Gossypium hirsutum~). Letztere,
die Upland, blüht reinweiß, während die andern vorhin genannten
gelb blühen. Aber auch sie zeigt am Nachmittage gelbe Streifen, ist
am nächsten Morgen fleischfarben geworden, verwelkt dann und fällt
nachmittags ab. Ebenfalls gelbe Blüten wie die drei erstgenannten
besitzt die in Indien heimische kleinblätterige krautige Baumwolle
(~Gossypium herbaceum~), die durch die Araber nach Ägypten kam und
heute in allen Baumwolle liefernden Ländern gebaut wird. Rotblühend
dagegen ist die in Afrika heimische und vielfach noch im Innern dieses
Kontinents wildwachsend gefundene, aber auch in Asien und Amerika
kultivierte baumartige Baumwolle (~Gossypium arboreum~), deren wie bei
den andern Arten gelappte Blätter in den Buchten Zwischenzipfel tragen.
Mit ihr nahe verwandt ist jene Abart, welche einzig in der Gattung
gelbe Wolle hervorbringt, die sogenannte Nangkingbaumwollstaude, die
in China zu Hause ist und dort viel gebaut wird. Sie trägt ihren Namen
~Gossypium religiosum~ mit Unrecht; denn die in Indien in der Nähe der
brahmanischen Tempel gezogene und als heilig geltende Art, aus deren
Wolle die heilige Brahmanenschnur verfertigt wird, ist nicht diese,
sondern die aus Afrika stammende baumartige Art (~G. arboreum~) mit
purpurnen oder gelben Blüten, welche von Oberguinea bis Oberägypten und
Abessinien wildwachsend angetroffen wird.
Alle diese Baumwollarten, von denen Sir George Watt in seiner im Jahre
1907 erschienenen Monographie mit den wichtigeren Kulturvarietäten
nicht weniger als 42 Formen unterscheidet, sind im Laufe der Zeit auf
das mannigfaltigste gekreuzt worden, so daß es überaus schwierig ist,
nachträglich an den einzelnen Arten zu bestimmen, welchen Stammes ihre
verschiedenen Ahnen gewesen sein mögen. Alle Arten sind ursprünglich
ausdauernde Gewächse, auch die krautartige (~G. herbaceum~), die
allein außerhalb des Tropengürtels meist zu einer einjährigen Pflanze
wird. Sie zeigen einen ausgebreiteten Wuchs, indem der behaarte Stamm
reich verästelt ist. Daran sitzen die langgestielten breiten, meist
gelappten Blätter mit spitzen Blattzipfeln und großen, an ebenfalls
langen Stielen in den Achseln der Blätter entstehenden Blüten, die
blaß- bis dunkelgelb, oft am Grunde rotgefärbt oder mit purpurnem
Mal versehen, einzig bei der baumförmigen Art dunkelrot und bei der
Upland weiß sind. Die sehr zahlreichen Staubfäden sind zu einer Röhre
verwachsen, welche außen die kleinen herzförmigen Staubbeutel trägt.
Der von den Staubgefäßen fast ganz eingeschlossene Griffel ist an der
Spitze keulig verdickt und trägt ebenso viele Narben als die Kapsel
Fächer aufweist. Die Frucht wächst zu einer walnußgroßen Kapsel
heran, die sich bei der Reife in drei bis fünf Klappen öffnet, um die
hervorquellenden, von ihrer Wolle umhüllten schwärzlichen Samen dem
Winde preiszugeben, der sie zur Verbreitung der Art verschleppen soll.
Die wilden Baumwollarten haben meist eine gelbe bis bräunlichrote
Wolle, während die Kultursorten durch Auslese von seiten des Menschen
gewöhnlich eine blendend weiße Wolle besitzen. Von diesen zeigen aber
manche Sorten Rückschläge ins Rötliche, so besonders die baumartige, in
den Tempelgärten Indiens gezogene.
[Illustration: Bild 67. Eine blühende Baumwollpflanze (~Gossypium
barbadense~).]
[Illustration:
Tafel 103.
(Phot. F. O. Koch.)
Baumwollpflanzung in Togo.]
[Illustration:
Tafel 104.
Japanische Baumwollspinnerin.]
[Illustration:
(~Copyright by Underwood & Underwood.~)
Mexikaner, aus den Fasern der Magueypflanze (Agave) Seile drehend.]
An Ergiebigkeit der Baumwollfasern ist die westindische (~Gossypium
barbadense~) in Form der Sea Island weitaus die beste und sollte, wo
immer angängig, angepflanzt werden. Sie bringt um ein Viertel bis
ein Drittel mehr und langstapeligere Wolle hervor als die krautige
indische. Nächst dieser dürfte die Uplandspielart für den Anbau an
zweiter Stelle in Frage kommen. Nur in kühleren Gegenden ist die
indische krautartige Baumwolle die gegebene, weil sie klimahärter
als die westindische ist. Je nach den Sorten liefern 500 bis 800
Fruchtkapseln etwa 1 kg Fasern, die aus fast reinem Zellstoff
(Zellulose) bestehen und nur in der innern Höhlung einen schwachen
Belag einer eingetrockneten Eiweißsubstanz als dem einstigen Plasma
der Zelle aufweisen. Jede Faser entspricht einer langgestreckten
Zelle, die bei der krautigen Baumwolle 2,0-2,8 cm, bei der
peruanischen 3,4-3,6 cm, bei der von Barbados (Sea Island) in Ägypten
3,8 bis 4,0, auf dem amerikanischen Festlande in Florida 4,0-4,6,
auf den dem Festlande vorgelagerten Inseln, z. B. Galveston, bis
5,2 cm Länge besitzt. Da die Faser an den letzteren Orten gleichzeitig
einen seidenartigen Glanz gewinnt, so ist ersichtlich, daß das Klima,
insbesondere die Luftfeuchtigkeit, in hervorragender Weise zur
Erzeugung einer guten Baumwollfaser maßgebend ist. Je länger und feiner
sie ist, um so leichter läßt sie sich verspinnen und um so wertvoller
ist sie für die Verarbeitung.
In ganz Südasien sowie in China ist die Kultur der Baumwollstaude eine
uralte. Dasselbe gilt teilweise auch von Ägypten; doch wurde früher
daselbst nur die baumförmige oder eine Varietät derselben kultiviert.
Erst seit dem Anbau der Barbadosbaumwolle (Sea Island), der seit
einigen Dezennien dort eingeführt wurde, hat die ägyptische Baumwolle
einen hervorragenden Platz im Welthandel gewonnen, obwohl sie ja,
wie wir oben sahen, die in Nordamerika selbst gezogene an Güte nicht
erreicht. Auch in Peru stand bereits bei der Entdeckung und Eroberung
dieses Landes durch die Spanier im Jahre 1532 die Baumwollkultur
auf einer hohen Stufe. Diese Nutzpflanze wurde von den Indianern im
staatlich wohlorganisierten Reiche der Inka-Ketschua in großem Maße
angepflanzt und zur Herstellung von buntgefärbten, mit zahlreichen
eckig stilisierten Zeichnungen und Mustern, wie auch Stickereien und
Passementerien versehenen Baumwollstoffen und anderen Erzeugnissen,
namentlich auch Hängematten, verwendet.
Von der Baumwollernte der ganzen Welt, die sich auf 3300 Millionen kg
im Werte von etwa 2700 Millionen Mark beläuft, liefern die Südstaaten
Nordamerikas nicht weniger als 62,5 Prozent. Ihnen folgen Ostindien mit
15 Prozent, China mit fast 8 Prozent und Ägypten mit 7,3 Prozent. Auch
in Buchara, Persien, Brasilien und Japan wird ziemlich viel Baumwolle
gewonnen. Afrika außer Ägypten liefert nur 2,1 Prozent der Welternte,
und zwar sind daran die deutschen Kolonien, besonders Deutsch-Ostafrika
und Togo, mit bloß 3007 Ballen zu 250 kg im Werte von 700000 Mark
beteiligt. Das ist allerdings ein fast verschwindender Bruchteil der
Gesamtsumme von etwa 400 Millionen Mark, die Deutschland jährlich für
Baumwolle ausgibt. Bedenkt man aber, daß die Baumwollproduktion der
deutschen Kolonien Afrikas in den letzten fünf Jahren eine vierzigfache
Steigerung erfuhr, so steht zu erwarten, daß sich Deutschland
hierin allmählich vom amerikanischen Markte emanzipieren und den
eigenen Bedarf aus seinen Kolonien decken könne. Europa, das einst
im Mittelalter, so weit die arabische Herrschaft reichte, Baumwolle
kultivierte, pflanzt solche in geringem Maße noch in Ostrumelien
auf der Balkanhalbinsel und in Griechenland, während Süditalien und
Südspanien den Anbau derselben fast ganz aufgegeben haben.
Die weitaus erste Stelle in der Baumwollindustrie nimmt England ein,
das etwa 20 kg Baumwolle auf den Kopf der Bevölkerung verbraucht,
dann folgt Nordamerika mit ca. 14 kg und an dritter Stelle
Deutschland mit etwa 8 kg auf den Kopf. Letzteres besitzt zur
Zeit mit 9½ Millionen die größte Zahl von Baumwollspindeln auf dem
europäischen Kontinent und verarbeitet jährlich etwa 1800000 Ballen =
800 Millionen kg im Werte von 400 Millionen Mark. Die wichtigsten
Baumwollhäfen Europas sind Liverpool mit 3½ Millionen Ballen, dann
Bremen mit 2 Millionen, Havre mit 820000, Manchester mit 500000,
Genua mit 465000, Barcelona mit 282000, dann erst Hamburg mit 205000
Ballen jährlicher Einfuhr. Man sieht daraus, daß sich der europäische
Kontinent in bezug auf den Baumwollhandel fast ganz von England befreit
hat. England bezieht jetzt beinahe nur so viel, als es für den eigenen
Verbrauch und denjenigen seiner Kolonien bedarf; dafür hat Bremen einen
großen Teil des festländischen Handels an sich zu ziehen vermocht.
Man kann Baumwolle in allen Gegenden zwischen dem 36° nördlicher
und 36° südlicher Breite ziehen, in denen eine verhältnismäßig
hohe Sommertemperatur herrscht und keine heftigen Herbstregen
eintreten; denn die Ernte der Wolle wird durch die letzteren nicht
bloß geschädigt, sondern geradezu vernichtet. Es ist dies eine
Tatsache, die sofort einleuchtet, wenn man bedenkt, daß die Kapseln
in aufgesprungenem Zustande geerntet werden müssen. Am besten gedeiht
die Baumwolle in Niederungen oder im Flachlande mit gleichmäßig
warmem, nicht zu trockenem Klima. Viel Sonne am Tag und reichlicher
Taufall während der Nacht sagen der Baumwollstaude am besten zu. Lange
anhaltender Regen, namentlich bei kühler Temperatur, ist ihr in jedem
Stadium der Entwicklung schädlich; vor der Blüte wirkt eine anhaltende
Dürre ebenfalls schädlich. Das mit ihr zu bepflanzende Feld soll eine
vor Winden gesicherte, sonnige Lage haben. Was die Beschaffenheit des
Bodens anbelangt, so darf er nicht zu schwer, sondern muß durchlässig
und sandig sein, also sind Lehmboden sowie eine dicke Humusschicht
ihr nachteilig. Dagegen verlangt sie einen möglichst hohen Gehalt
an Kieselsäure und muß regelmäßig mit Stallmist und der Asche der
verbrannten Stauden oder Baumwollsamenmehl gedüngt werden.
Die Fortpflanzung der meist mehrjährigen Sorten, die 3-5 Jahre hindurch
tragen, geschieht durch Samen. Der Anbau geschieht in dem uns nächsten
Baumwollande, Ägypten, wo durch Kreuzung der ursprünglich allein
vorhandenen Sudanbaumwolle von Dongola mit der langfaserigen, feinen
Sea Island-Baumwolle von Nordamerika und stetige Auslese der besten
Sorten ebenfalls eine sehr gute Qualität in den letzten 100 Jahren
gezüchtet wurde, in folgender Weise. Die dort die Baumwollkultur
betreibenden Fellachen oder Bauern pflügen zunächst die Felder mit
ihrem von zwei Ochsen gezogenen altmodischen Hakenpflug und bewässern
sie ausgiebig. So vorbereitet werden in sie im März mit einem spitzen
Pflanzstock in Abständen von einem halben Meter 5-7 cm tiefe Löcher
gemacht, in die je 7-10 Samen der zu pflanzenden Baumwollart zu liegen
kommen, welche dann mit der Hand locker mit Erde bedeckt werden. Man
legt nur deshalb so viel Samen in ein Loch, damit durch die vereinte
Kraft der zahlreichen Sämlinge die durch die Sonnenhitze rasch
verhärtende Kruste des Bodens leichter durchbrochen werden könne.
Nach anderthalb Wochen wird die eben keimende Saat leicht überflutet
und hernach entfernt man die überflüssigen Pflänzchen bis auf die
zwei kräftigsten in jedem Loche. Von da an werden die Baumwollfelder
alle 2-3 Wochen berieselt, in der Zwischenzeit wird der Boden mit der
Hacke gelockert und vom Unkraut befreit, später auch mit künstlichen
Düngemitteln versehen. Dabei wird nach Möglichkeit auf die Raupen
zweier der Baumwollkultur besonders schädlicher Kleinschmetterlinge,
die streckenweise bisweilen die ganze Ernte vernichten, Jagd gemacht,
auch die übrigen Schädlinge tierischer und pflanzlicher Herkunft nach
Möglichkeit zu vernichten gesucht.
100-120 Tage nach der Aussaat beginnt die Blütezeit der Stauden,
während welcher die Baumwollfelder einen sehr hübschen Anblick
gewähren. Zweieinhalb bis drei Monate danach reifen die Kapseln. Die
Ernte findet Ende September oder Anfang Oktober, also fünf Monate
nach der Aussaat, statt, wobei alt und jung mithilft. Mit großer
Geschwindigkeit wird, ohne daß dabei die Pflanze beschädigt werden
darf, die aus den aufgeplatzten Fruchtkapseln herausschauende Baumwolle
mit Stehenlassen der holzigen Kapselwände herausgenommen und in den
vorne sackartig aufgerafften hemdartigen Rock gelegt.
Gewöhnlich stehen 10-15 Pflücker unter einem Aufseher und erhalten je
zwei Reihen Baumwollstauden zum Ablesen der Wolle zugewiesen. Sind ihre
Taschen bald voll, so eilen sie auf ein gegebenes Kommando zu dem an
der Zufahrtstraße gelegenen Sammelplatz, um ihre Gürtel zu lösen und
die Baumwolle in auf die Erde ausgebreitete Säcke zu schütten. Während
sie dann zum Weiterpflücken wiederum dem Felde zustreben, suchen
Männer die schlechte Baumwolle sowie alle Verunreinigungen aus dem
Haufen heraus und füllen zuletzt die gute Baumwolle in große Säcke, wo
sie von einem in diese hineingestiegenen Manne mit den nackten Füßen
zusammengepreßt wird. Schließlich werden die Säcke zugenäht und auf
Wagen ins Lagerhaus geschafft.
Die Stauden läßt man dann vom Vieh abweiden und benutzt die
übrigbleibenden Strünke in dem an Feuerungsmaterial so armen Lande
als Feuerungsmaterial für die zahlreichen Dampfpumpen. In holzreichen
Ländern dagegen werden sie später in den Boden gepflügt oder auch
verbrannt und so als Dünger verwendet. Nur ausnahmsweise werden in
Ägypten die Stauden bis auf eine Höhe von etwa 60 cm über dem Erdboden
zurückgeschnitten, um von ihnen noch im nächsten Jahre eine etwas
kleinere Ernte zu erhalten.
Ganz ähnlich wie im Niltal ist auch in den Südstaaten Nordamerikas und
überall anderwärts die Baumwollkultur. Nur die Baumwollernte wird hier
in anderer Weise vorgenommen. Es hat nämlich jeder Arbeiter einen Sack
mit einem Tragband um die Schulter gehängt. Dieser reicht bis zur Erde,
damit ihn der Arbeiter nicht zu tragen, sondern nur zu heben braucht,
wenn er zur nächsten Staude will. Wenn der Sack voll ist, wird er auf
den nächsten Weg gestellt, wo ihn der die Runde machende Wagen, der
auch die leeren Säcke verteilt, aufnimmt. Beschmutzte, beschädigte
oder fehlerhafte Baumwolle wird in eine besondere Tasche getan. Im
Wirtschaftsgebäude muß die Baumwolle auf einem hölzernen Trockenboden
getrocknet werden. Dann werden zunächst die zwei Drittel des Gewichts
ausmachenden Samen durch besondere Maschinen von den Fasern getrennt
-- egreniert, wie der technische Ausdruck lautet. Von der Sorgfalt,
mit der dieses Egrenieren vorgenommen wird, hängt ja die Reinheit der
Baumwolle ab. Dies geschieht in einfachster Weise durch Auszupfen
mit der Hand. Doch haben selbst die Neger eine Vorrichtung erfunden,
vermittelst der das Entfernen der Samen rascher von statten geht. In
europäischen Betrieben geschieht das Entkernen mit den Entkernungs-
oder Ginmaschinen, die an den Mittelpunkten der Baumwollerzeugung,
den Ginstationen, aufgestellt sind. Hernach wird die Baumwolle durch
hydraulische Pressen in 450 kg schwere Ballen gepreßt, die dann in
Säcke von Hanf oder Jute eingenäht und mit Bandeisen verschnürt in
den Handel kommen. Der weitaus größte Teil derselben wird dann in
Fabriken zu den verschiedensten Garnen und Stoffen verarbeitet und nur
ein kleiner Teil dient, entfettet, zur Herstellung von Verbandwatte,
Schießbaumwolle, Kollodium und Chardonnetseide, welch letztere zu einem
neuen aussichtsreichen Industriezweige Veranlassung gegeben hat.