Von Samarkand wanderte dieser von den Arabern aufgegriffene neue

Fabrikationszweig über Buchara und Persien westwärts nach Bagdad,

wo 794 ebenfalls die Papierbereitung eingeführt wurde. Die Bagdader

Papierfabriken versorgten bald das ganze Morgenland mit ihren

Erzeugnissen. Der Residenzstadt eiferte bald Damaskus nach, das im

10. Jahrhundert mit anderen kunstgewerblichen Gegenständen, wie

namentlich den nach jener Stadt benannten Damastgeweben, feinsten

Brokaten, Linnen- und Seidenstoffen, dann den weltberühmten Damaszener

Stahlwaren, vorzügliches Papier auf den Markt brachte und in Menge

sogar nach dem Abendlande vertrieb. Unter diesem Papier gab es die

verschiedensten Sorten von Schreibpapier, starkes und schwaches,

glattes und geripptes, weißes und farbiges, daneben Seiden- und

Packpapier. Neben diesem ungleich billigeren Schreibstoff --

der Vorbedingung für die Verbreitung von Bildung, Literatur und

Wissenschaft -- mußten natürlich Papyrus und Pergament völlig

zurücktreten. Letzteres erhielt sich nur in Gegenden, wohin die

trefflichen arabischen Papiere nicht so leicht gelangen konnten,

noch länger im Ansehen. Über Ägypten verbreitete sich die arabische

Papierfabrikation aus Lumpen der nordafrikanischen Küste entlang nach

dem von den Mauren beherrschten Spanien, wo sie im Jahre 1154 in Jativa

bei Valencia ihren ersten Sitz in Europa aufschlug. Wahrscheinlich von

Italien her, das das arabische Papier nach den Ländern nördlich der

Alpen verhandelte und es mit der Zeit selbst zu fabrizieren lernte, kam

die Papiermacherkunst zu Ende des 13. Jahrhunderts nach Deutschland,

wo sich 1290 in Ravensburg, 1312 in Kaufbeuren, 1319 in Nürnberg, 1320

in Augsburg und 1380 in Basel die ersten Papiermühlen in Mitteleuropa

nachweisen lassen. Eine außerordentliche Begünstigung erfuhr die

Papiermacherei durch die Erfindung der Buchdruckerkunst durch den

Mainzer Johann Gensfleisch zum Gutenberg und die durch den Wittenberger

Augustinermönch Martin Luther begründete Kirchenreformation in

Verbindung mit dem durch die Renaissance aufgekommenen allgemeinen

geistigen Aufschwung. Da war es kein Wunder, daß das schöne,

geschmeidige und glatte Leinenpapier den brüchigen, rauhen Papyrus und

selbst das äußerst dauerhafte Pergament, das sich als Schreibmaterial

noch länger als jenes erhielt, bald ganz zum Schwinden brachte. Und

mit ihnen verschwand auch das bis dahin mit dem Papyrus aus Ägypten

als Schreibfeder in Bündeln in den Handel gebrachte ägyptische Rohr,

das als ~kálamos~ bei den Griechen und durch deren Vermittlung als

~calamus~ bei den Römern Jahrhunderte hindurch im Gebrauch war. Dieses

Schreibrohr wurde aus der größten Grasart der Mittelmeerländer, dem

Pfeilrohr (~Arundo donax~), das bis 3,6 m Höhe und 2,5 cm Dicke

erreicht und im Altertum besonders zu Pfeilen benutzt wurde, in der

Weise hergestellt, daß man die knotigen Halme zuschnitt und an der

Spitze spaltete. Dieses Rohr war das einst bei allen Kulturvölkern am

Mittelmeer allein gebräuchliche Schreibgerät und wurde hauptsächlich im

Delta Ägyptens, außerdem auch in Sumpfgegenden Kleinasiens gewonnen.

Erst in der römischen Kaiserzeit kam daneben auch eine aus gerolltem

Kupferblech hergestellte Nachahmung dieses Schreibrohrs auf, von dem

man je ein Exemplar in Herkulaneum, Mainz und Ungarn fand. Doch war

dies jedenfalls mehr eine Kuriosität, die gegenüber dem leichten

und weicher schreibenden Rohr nicht aufkommen konnte. Erst um die

Mitte des 7. Jahrhunderts wurde bei den christlichen Kulturvölkern

die bis dahin allgemein üblich gewesene Schilfrohrfeder durch die

bedeutend elastischere und deshalb eine leichtere und besonders

auch zierlichere und kunstvollere Schrift erlaubende Gänsefeder

ersetzt. Diese erhielt sich im Gebrauch bis zu Anfang des vorigen

Jahrhunderts, als die von dem Prager Aloys Senefelder 1796 aus einem

Stück gehärtetem Stahl, nämlich einer Uhrfeder, zum Beschreiben seiner

lithographischen Steine erfundene Stahlfeder von den Engländern

fabrikmäßig hergestellt wurde. So entstand 1820 in Birmingham die erste

Stahlfederfabrik, und seit 1826 stellte der Inhaber derselben, Josiah

Mason, besondere Spezialmaschinen in den Dienst der neuen Industrie.

Bei den muhammedanischen Völkern des Orients aber ist die altägyptische

Rohrfeder, der ~calamus~ der Römer als ~kelâm~ (arabisch) bis auf den

heutigen Tag als ausschließliches Schreibgerät in Ehren geblieben.

Bei dem im Lauf des 19. Jahrhunderts ins Ungeheure angewachsenen

Papierverbrauch, der bei weitem nicht mehr aus Lumpen gedeckt zu

werden vermochte, sah man sich gezwungen, zu den verschiedenartigsten

Ersatzstoffen zu greifen, deren hauptsächlichste der Holzstoff des

Holzes, besonders des weichen Nadelholzes, dann von Getreidestroh,

Hülsenfrüchten, Heu, Binsen, Brennesseln, Disteln, Ginster und der

verschiedensten Palmenblätter und Grasarten bilden, der in dem um die

Mitte des 18. Jahrhunderts an Stelle der Papierstampfen aufgekommenen

„Holländer“ mit Zuhilfenahme chemischer Mittel gelöst wird. Es ist dies

eine ursprünglich deutsche Erfindung, die in Holland zuerst in Aufnahme

kam und sich von da aus auch in Deutschland Eingang verschaffte.

Auf die Herstellung von Papier aus Holz haben die Wespen, die daraus

ihre leichten und dennoch soliden Nester bauen, den Menschen geführt.

Als ein Engländer, ~Dr.~ Hill, die Papierfabrikanten darüber jammern

hörte, daß sie Mühe haben, genügend Lumpen zusammenzubringen, und

deshalb das Papier so teuer sei, zeigte er einem solchen ein Wespennest

und meinte: „Warum folgen Sie nicht dem Beispiel der Wespen, die bei

der Errichtung ihres Nestbaus Holz zerfasern und daraus einen Brei

machen, den sie in dünnen Lagen mit Speichel zu Papier leimen und

trocknen lassen?“ Das führte zur Entdeckung des Holzpapiers. Am meisten

wird dazu, weil am leichtesten zu beschaffen, das Nadelholz verwendet,

das weit über die Hälfte der jährlich erzeugten 800 Millionen kg

Papier liefert. Es wird hauptsächlich zu dem billigen Zeitungspapier

verarbeitet, indem der zum Zerstören der Lignite und Harze mit

Sulfitlauge gekochte Holzstoffbrei in der gegen das Ende des 18.

Jahrhunderts erfundenen Zylindermaschine zu fortlaufendem, sogenanntem

endlosem Papier ausgewalzt wird. Die Zeitungen Europas und Nordamerikas

verbrauchen jährlich ganze Wälder von Fichten- und Tannenholz. Da nun

eine Einschränkung des Zeitungswesens unmöglich ist und andererseits

die Nadelholzwaldungen nicht entsprechend ihrer technischen

Verarbeitung zu Papier und anderen Erzeugnissen wachsen, so verwendet

man neuerdings als Ersatz dafür die verschiedensten Stroharten, die

leicht zu behandeln und zu bleichen sind und durchschnittlich 45-46

Prozent, Reisstroh sogar 50 Prozent Holzstoff enthalten. Nun reicht

leider auch die jährlich erzeugte Strohmenge bei weitem nicht aus, um

einen erheblichen Teil des Holzes in der Papierfabrikation zu ersetzen,

um so mehr, da Stroh noch zu anderen Zwecken, als Viehfutter, Streu,

Verpackungsmaterial usw. in größeren Mengen verbraucht wird. Nur haben

diese Surrogate des älteren Hadernpapiers leider die Eigenschaft,

unter dem Einfluß von Luft und Licht rasch zu vergilben und brüchig zu

werden; indessen gelang es der Technik, durch besondere Behandlung mit

allerlei Chemikalien aus Holz- oder Strohschliff diejenigen Stoffe,

welche das Gelb- und Brüchigwerden beschleunigen, zu entfernen, ohne

damit die Fasern zu zerstören.

Von anderen Holzstofflieferanten, die als Papierrohstoffe neuerdings

eine zunehmende Bedeutung erlangt haben, sind das im westlichen

Mittelmeergebiet auf trockenen, salzfreien Steppen massenhaft wachsende

+Pfriemen-+ oder +Spartgras+ (~Stipa tenacissima~) zu nennen, das

besonders von englischen Papierfabriken zur Herstellung besserer

Papiere verwendet wird. Diese bereits von uns gewürdigte Grasart mit

äußerst zähen und biegsamen, 40-70 cm langen, graugrünen, nach der

Breitseite zusammengerollten Blättern, hat ihre heutige spanische

Bezeichnung ~esparto~ aus dem lateinischen ~spartum~, während der

andere dafür gebräuchliche arabische Ausdruck ~alfa~ oder ~halfa~ der

zwischen den beiden Ketten des Atlas eingeschlossenen Steppenregion

im mittleren Algerien den Namen gab. Hier werden über 200 Millionen

kg Pfriemengras geerntet, von denen 75 Millionen kg nach England

ausgeführt werden. Ebendorthin geht auch die Produktion von Spanien

und Tripolis von zusammen über 80 Millionen kg, von denen 100 kg

durchschnittlich 10 Mark wert sind.

Ein wichtiges Rohmaterial der indischen und chinesischen

Papierfabrikation bilden die bis zu 55 Prozent Holzstoff enthaltenden

Bambusfasern, die aber für die europäischen und amerikanischen

Papierfabriken ebensowenig in Betracht kommen können, wie der Bast des

Papiermaulbeerbaums. Ein Papierstoff aber, der vielleicht in einiger

Zeit für die amerikanische Papierindustrie größere Bedeutung erlangen

dürfte, sind die als +Bagasse+ bezeichneten ausgepreßten Stengel des

Zuckerrohrs, die sehr reich an Holzstoff sind und beim ausgedehnten

Anbau von Zuckerrohr in großen Mengen bei der Zuckergewinnung abfallen

und nur zum Teil als Heizmaterial Verwendung finden. So wird bereits in

mehreren amerikanischen Fabriken zurzeit Bagassepapier hergestellt.

Von den Tropenpflanzen, unter denen man schon ihres schnellen, üppigen

Wachstums wegen den Ersatz für das Holz als Papierrohstoff in erster

Linie wird suchen müssen, kommen eine Reihe von Grasarten wie das

Bhabur-, Munj- und Cogongras und solche Stauden und Sträucher in

Betracht, die heute schon ihre Fasern zur Herstellung von Seilen,

Matten usw. liefern, wie die vorhin besprochenen verschiedenen

Bananen und Agaven, der Majaguastrauch u. a. m. Aus den Resten der

Seilfabrikate und aus den Abfällen bei der Hanfbereitung werden heute

schon größere Mengen sehr haltbarer Papiere hergestellt, die als

Manilapapiere in den Handel gelangen.

Auch die +Torffasern+ hat man zur Papierfabrikation herangezogen und

stellt daraus, besonders in Amerika, ein gutes und billiges Packpapier

her, das wenig empfindlich gegen Feuchtigkeit ist. Zur Fabrikation von

Druckpapier jedoch eignen sich die Torffasern nicht, da es bis jetzt

nicht hat gelingen wollen, geeignete Bleichverfahren für sie zu finden.

Trotzdem erscheint es bei der großen Menge des verfügbaren Torfes sehr

wohl möglich, daß dieser mit der Zeit einen größeren Teil des Holzes

als Papierrohstoff ersetzen dürfte, um so mehr, da in den letzten

Jahren die Ausbeutung der Torflager, nicht zuletzt der deutschen, im

Vordergrunde des Interesses steht.

Als neuester Papierrohstoff sind die +Weinreben+ zu nennen, mit denen

man zur Zeit in den französischen Weinbaugebieten Versuche macht, die

bisher zufriedenstellende Resultate sowohl hinsichtlich der Ausbeute

als auch in bezug auf das Bleichen ergaben. Eine solche Verwertung der

bisher sozusagen wertlosen Reben wäre den notleidenden französischen

Weinbauern wohl zu gönnen; große Mengen Holz würde man aber dadurch

nicht sparen. Und da zur Zeit die Papierindustrie noch nicht Miene

macht, sich des einen oder des anderen der oben angeführten Rohstoffe

in wirklich ausgedehntem Maße zu bedienen und dadurch den Holzverbrauch

einzuschränken, so wird sie noch auf eine Reihe von Jahren hinaus die

Wälder verwüsten, bis die Holzpreise unerschwinglich geworden sind

und man -- dann freilich viel zu spät -- eingesehen hat, daß unser

Papierbedarf auch ohne die Verarbeitung des zu anderen Zwecken so

notwendigen Nutzholzes gedeckt werden kann.

Das unter dem Namen „chinesisches Seidenpapier“ in China selbst

viel gebrauchte, auch in Deutschland zum Abdruck von Holzschnitten,

Lithographien und dergleichen benützte feine Papier, das durch seinen

Seidenglanz, seine geringe Dicke und Weichheit ausgezeichnet ist, wird

aus den Fasern der jüngeren Triebe des +Bambus+ (meist vom gemeinen

Bambus, ~Bambusa arundinacea~) gewonnen, deren gelbe, knotige, einer

inneren Höhlung ermangelnde Wurzelausläufer uns als Spazierstöcke

dienen. Es gibt 42 Arten dieser ausdauernder holziger Gräser, die sich

besonders im tropischen Asien, namentlich im malaiischen Gebiete,

finden und hier förmliche Waldungen bilden. Einige Arten steigen

im Himalaja bis 3800 m Meereshöhe empor. In Amerika gedeihen

beträchtlich weniger Bambusarten, von denen eine, die ~Chusquea

aristata~, in den Anden Perus bis 4700 m, d. h. an der Schneegrenze

vorkommt. Auch in Asien gehen einzelne Arten weit über die Wendekreise

hinaus, wie z. B. die auch bei uns als Zierpflanze im Freien

aushaltende ~Phyllostachys bambusoides~.

Von besonders wertvollen Vertretern dieser Pflanzengattung seien

~Bambusa arundinacea~ und ~B. tulda~ genannt, die in Ostindien

und Hinterindien wesentlich an der Bildung der Dschungeldickichte

teilnehmen und wegen ihrer hervorragenden Nützlichkeit für den Menschen

auch weit über ihr Vaterland hinaus in den Tropen beider Hemisphären

kultiviert werden. Ihre Stengel werden bis zu 25 m hoch und am Grunde

20-30 cm dick. ~Bambusa brandini~ erreicht eine Höhe von 38 m und

~Dendrocalamus giganteus~ sogar 40 m bei einem Stammumfang von 80 cm.

Aus einem vielfach verästelten, mächtigen Wurzelstock wachsen sie

stoßweise hervor, wobei an einem Bambushalm an drei aufeinander

folgenden Tagen Zuwachslängen von 57, 3 und 48 cm gemessen wurden.

Bei solchem raschen Wachstum kann ein Sproß von 20 m Höhe in

wenigen Wochen ausgewachsen sein. Die jungen Triebe mächtiger

Bambusen durchbrechen die Erde als teilweise mehr als armdicke, mit

scheidenartigen Blättern dichtbedeckte Kegel. Indem sie Wasser zwischen

ihren Blattscheiden hervorpressen, befeuchten und erweichen sie damit

den Boden, was das rasche Hindurchstoßen erleichtert.

Die Bambusstengel bilden starre, tragkräftige und zugleich

biegungsfeste Hohlzylinder, deren Holz außen herum reichlich mit

Kieselsäure imprägniert ist und in denen die Festigkeit noch durch

Einschaltung mehr oder weniger enggestellter Knoten gesteigert ist.

Hier hat also die Natur eine Form des Trägers gewählt, die die

geringste Materialaufwendung mit der größten Leistungsfähigkeit in sich

vereinigt, ganz so wie sie der Mensch, durch theoretische Erwägungen

geleitet, bei künstlich von ihm hergestellten Stützen, z. B. bei

eisernen Hohlträgern, in Anwendung bringt. Erst in einer gewissen

Höhe wachsen aus den allmählich verholzenden Halmen über den Knoten

Seitenzweige hervor, die sich abermals quirlig verzweigen und die

im Verhältnis zu ihrer Länge ziemlich breiten, deutlich gestielten

Grasblätter tragen. Die schwankenden Enden der Seitenzweige und der

sich nach oben verjüngenden Hauptachse tragen schwer an der Menge ihrer

Blätter und neigen sich, in leichtem Bogen überhängend, herab, so daß

das einzelne Bambusgebüsch einer vielstrahligen Fontäne gleicht und

einen äußerst zierlichen Anblick gewährt. Übrigens gibt es auch einige

schlaffe, kletternde Formen, die sich hoher Bäume als Stütze bedienen.

Merkwürdig sind die Blütenverhältnisse dieser Riesengräser. Bei einigen

Arten erscheinen die Blüten alljährlich, während bei anderen nach

einer zuweilen jahrzehntelangen vegetativen Periode -- so hat man in

Vorderindien beim gemeinen Bambus eine 32jährige Periode beobachtet --

ein mit allgemeinem Laubfall verbundenes einmaliges Blühen erfolgt,

wobei die Individuen nach der Fruchtreife absterben. Dann aber blüht

dieselbe Art meist auf weite Strecken zugleich. Die massenhafte

Produktion der mehlreichen Samen, die gekocht eine im Geschmack an

den Reis erinnernde, sehr geschätzte Nahrung für den Menschen bilden,

hat dann häufig eine außerordentlich starke Vermehrung der Mäuse

und Ratten zur Folge, die später, nach Aufzehrung der Bambusfrüchte

über die benachbarten Felder herfallen und diese plündern. Bei

solchen Bambusarten vergehen dann eine Reihe von Jahren, bis aus den

Keimpflanzen wieder stattliche Bestände herangewachsen sind. Noch

andere Bambusarten zeigen hinsichtlich ihres Blühens ein mittleres

Verhalten, indem jährlich einzelne Halme des Stockes ihr Laub abwerfen,

zur Blüte gelangen und nach der Fruchtbildung absterben.

Die Nutzbarkeit der Bambusen ist eine so große, daß sie nur mit

derjenigen der Kokospalme verglichen werden kann. Ohne sie könnte

man sich die Kultur der Malaien und anderer in den Tropen lebender

Volksstämme gar nicht vorstellen. Nicht nur dienen die Samen als

willkommene Speise, die auch zu Brot verbacken wird -- wiederholt

ist, so 1812, durch das Blühen der Bambuse eine Hungersnot in Indien

abgewehrt worden --, auch die jungen, noch weichen Schößlinge werden

gekocht oder in Essig eingemacht gegessen. Sie kommen als ~Achia~

in den Handel. Vornehmlich die Chinesen verwenden sie zur Bereitung

eines beliebten Konfektes, das oft dem Ingwer zugesetzt wird. Junge

Blätter dienen als Viehfutter. Aus den bei aller Härte und Zähigkeit

dennoch leichten Halmen werden Häuser errichtet, welche wegen ihrer

Luftigkeit im Sommer auch von den Europäern bevorzugt werden. Die

Pfosten, Dielen, Sparren, Türen, Fenster und die Dachbedeckung bestehen

aus runden oder gespaltenen und flach ausgebreiteten Bambusstämmen,

die mit Stücken des alsbald zu besprechenden geschmeidigen, sehr zähen

Rotangs verbunden werden. Brücken, Flösse, Zäune, Palisaden, Leitern,

Wasserleitungen, Dachrinnen, Masten für Schiffe und vieles andere

werden aus den Stämmen gemacht. Fast die ganze Hauptstadt von Siam,

Bangkok, schwimmt auf Bambusflössen und aus Bambus sind deren Häuser

errichtet. Aus demselben Material bestehen die Betten, Stühle und

Tische, die Eß- und Trinkgeräte, chirurgischen Instrumente, Haarkämme

und was sonst an Hausrat vorhanden ist. Auch mancherlei Waffen sind aus

ihm verfertigt, wie Blasrohre, Lanzen, Wurfspeere und Pfeile, die große

Leichtigkeit mit unvergleichlicher Härte verbinden. Zugleich damit trug

einst der chinesische Soldat einen mit einem Überzug von gefirnißten

Maulbeerpapier versehenen Sonnenschirm aus Bambus. Ferner werden die

hohlen Stengelteile des Bambus zu Musikinstrumenten der verschiedensten

Art verarbeitet, liefern selbst Resonanzböden und Saiten. Mit Harz

gefüllt dienen sie als Kerzen, deren Hülle zugleich mit der Füllung

in Flammen aufgeht. Die einzelnen Glieder des Rohres werden zu

Wassereimern und verschiedenen Behältern, ja sogar zu Kochtöpfen

verarbeitet. In solchen, die zwar verkohlen, aber vermöge ihrer starken

Imprägnation mit Kieselsäure nicht verbrennen, kocht der Javaner

an einem von trockenem Bambus genährten Feuer die ihm zur Nahrung

dienenden spargelartigen, nur viel dickeren jungen Bambustriebe. Aus

dünnen, schmalen Bambusstreifen flicht er Taue und Stricke, Vorhänge,

Matten, Körbe, Tragkörbe, Hüte, Reusen zum Fischfang, fertigt er

Krausen und Schmuck aller Art. Zerklopfter Bambussplint liefert

ihm Pinsel, Geschabsel des Rohres dient zum Polstern der Möbel und

Matratzen; ein Span von kegelförmigem Querschnitt, dessen scharfe Kante

von der kieselsäurereichen und infolgedessen ungemein harten äußeren

Schicht gebildet wird, gibt ein sehr scharfes Messer. Dieselbe äußere

Schicht dient als Wetzstein für eiserne Werkzeuge. Weil die ganze

Oberfläche des Stammes verkieselt ist, widersteht er allen äußeren

Angriffen und erhält sich sehr lange nicht bloß an der Luft, sondern

auch im Boden. Deshalb ist der Bambus ein so gutes und dauerhaftes

Baumaterial. Einen merkwürdigen Eindruck macht es, wenn ein solches

aus Bambus errichtetes Dorf in Brand gerät. Dabei erhitzt sich nämlich

die Luft in den abgeschlossenen Hohlräumen im Innern der Stengel und

sprengt dieselben mit gewaltigem Knall auseinander. Man glaubt aus der

Ferne starken Kanonendonner zu hören, aus welchem die Eingeborenen der

Molukken deutlich den Ruf „~bambu, bambu~“ hören.

Daß ein so überaus wertvolles Produkt der Tropen auch für uns allerlei

nützliche Gegenstände liefert, kann uns nicht verwundern. Wir

Europäer schätzen die leichten Garten- und Balkonmöbel aus Bambus.

Auf Jamaika wird der Bambus nur zur Erzeugung von Rohmaterial für die

nordamerikanischen Papierfabriken angepflanzt. Die schlanken dünnen

Ruten dienen als Pfefferrohr zu Pfeifenröhren, zu Angelruten, Stützen,

um Pflanzen daran anzubinden, zu Spazierstöcken und Regenschirmstielen;

meist wählt man dazu solche Gerten aus, an denen noch ein knopfförmiges

Stück der Grundachse als Griff gelassen ist.

[Illustration:

Tafel 99.

Zusammenstellung der von den verschiedenen Teilen der Kokospalme

gewonnenen Produkte in einem Exportgeschäfte Ceylons.]

[Illustration:

Tafel 100.

(Phot. Vincenti, Daressalam.)

Eine Bambusgruppe in Deutsch-Ostafrika.]

[Illustration:

Tafel 101.

Ein Riesenbambus auf Ceylon mit jungen Sprossen.]

[Illustration:

Tafel 102.

Rotangpalmen im Botan. Garten zu Buitenzorg auf Java.

(Nach einer in der Sammlung des Botan. Instituts der Universität Wien

befindlichen Photogr. von Heermann.)]

Bei manchen Arten enthalten die Höhlungen der jüngeren, bei anderen

der älteren Stengelglieder ein klares, teilweise süßes Wasser, das

dem Reisenden einen angenehmen Trunk liefert. An den Knoten älterer

Halme mancher Arten, wie beispielsweise des gemeinen Bambus, finden

sich daneben eigentümliche Ausschwitzungen einer schmutzigweißen bis

braunen, ja schwärzlichen Masse, die an der Luft verhärtet. Sie hat

einen zuckerartigen Geschmack, weshalb man sie auch als Bambuszucker

bezeichnet. Sie besteht zu 86 Prozent aus Kieselsäure und verwandelt

sich beim Glühen, wobei die organische Masse zerstört wird, in reine

Kieselerde in Form eines chalzedonähnlichen Körpers, der bald

weiß und undurchsichtig, bald bläulich weiß, durchscheinend und

farbenschillernd aussieht.

Bei der überaus großen Nützlichkeit des Bambus lag es für den

Naturmenschen auf der Hand, dieser geheimnisvollen Ausschwitzung

besondere Heilkräfte zuzuschreiben. Seit undenklichen Zeiten verwenden

sie die Asiaten als kostbare Medizin und übermittelten sie als solche

auch ihren Nachbarn. So kam sie zu den Persern, die sie in ihrer

Sprache als ~tovakschira~, d. h. Rindenmilch bezeichneten. Daraus

bildeten die Araber, die sie auch schon sehr früh von jenen erhielten,

das Wort +Tabaschir+, als welches es heute noch im ganzen Orient

einen gesuchten Handelsartikel bildet. Schon die Ärzte der römischen

Kaiserzeit wandten diese aus dem Orient mit dem Nimbus wunderbarer

in ihr schlummernder Heilkräfte zu ihnen gelangende Droge, die ja

an sich gerade so unlöslich wie reiner Kieselsand ist, gestützt auf

orientalische Traditionen, viel an. Einen Weltruf gewann der Tabaschir

aber erst durch die arabischen Ärzte im 10. und 11. Jahrhundert, so

daß sein Ruhm selbst nach Europa drang. Im Morgenlande hat er bis zur

Gegenwart seine Wertschätzung als hervorragendes Arzneimittel zu wahren

gewußt. Aus den wertvollen Untersuchungen des Geographen Ritter und des

Botanikers Ferdinand Kohn scheint nun mit Sicherheit hervorzugehen, daß

diejenige Substanz, welche die alten Griechen mit ~sákcharon~ und nach

ihnen die Römer mit ~saccharum~ bezeichneten, nicht Rohrzucker, sondern

Tabaschir war. Nach Bopp bedeutet das Sanskrit-Stammwort ~sarkara~

nicht sowohl etwas Süßes, als etwas Festes, Zerdrückbares. Im alten

Indien wurde das Tabaschir als ~sakkar mambu~, d. h. süßer Bambusstein

bezeichnet und erst die Araber haben dann die Bezeichnung ~sakkar~

als ~sukkar~ auf den später erfundenen, dem Tabaschir ähnlichen,

kristallinischen Rohrzucker übertragen.

Ist der Bambus nach dem Prinzipe möglichster Biegungsfestigkeit gebaut,

so repräsentiert der +Rotang+ dasjenige maximaler Zugfestigkeit. Bei

ihm bildet, ganz im Gegensatz zu den biegungsfesten Konstruktionen,

das mechanisch leistungsfähigste Material die Achse und Hohlheit ist

vollkommen ausgeschlossen. Es sind natürliche Taue von 150-200 m

Länge, in denen auch innerlich die einzelnen mechanischen Elemente

nicht parallel nebeneinander herlaufen, sondern durcheinander

geflochten sind, wodurch die Zugfestigkeit bedeutend erhöht wird. Die

Gebrauchsmöglichkeiten des Rotangs werden wie beim Bambus durch fast

unbegrenzte Spaltbarkeit noch außerordentlich vermehrt. So ist er in

seiner Heimat ebensosehr wie der Bambus mit den Lebensgewohnheiten der

Bevölkerung derartig verwachsen, daß sie ihn in der Tat ebensowenig wie

jenen würde entbehren können.

Der Rotang -- richtiger ~rotan~ zu schreiben, wie das malaiische

Wort lautet -- hat wie der Bambus seine Heimat in Südasien und

Indonesien, hauptsächlich im Verbreitungsgebiet der Malaien. Von den

200 Calamusarten des indischen Florengebiets finden sich die meisten

auf der Halbinsel Malakka und den Sundainseln bis Neuguinea. Sie

kommen noch in Nordaustralien vor, aber nur eine Art in Afrika. In

der Neuen Welt fehlen sie ganz. Am Südfuß des Himalaja steigt eine

Art (~Calamus montanus~) bis zu 2000 m Höhe. Sie stellen kletternde

Palmen dar, die aber ihre bis 150 m und mehr langen, glatten,

glänzenden, dünnen Stämme nicht um ihre Stützen herumwinden, wie es

die Lianen tun, sondern mit eigentümlichen Haftapparaten in die Höhe

streben. Häufig sind ihre Blattscheiden so stachelig, daß sie schon

an den Stützen hängen bleiben; in anderen Fällen sind die Blattenden

mit den oberen Fiedern zu bestachelten, peitschenförmigen Anhängen

verlängert, die sich überall, wohin sie gelangen, festkrallen. Jedes

höhere Blatt greift mit seiner leichtbeweglichen, vom Winde hin und

hergeschaukelten, mit widerhakig gekrümmten Stacheln versehenen Geißel

an höhere Baumzweige und auf diese Weise klettert der dünne Rotangstamm

bis in die höchsten Baumwipfel, über denen die häufig außerordentlich

zierlichen Blätter mit ihren Fangspitzen, die keine neuen Stützen

mehr erfassen können, graziös im Winde hin und her schwanken. Da nun

der im Boden hinkriechende Wurzelstock der Rotangpalmen zahlreiche

Schößlinge treibt und außerdem jeder derselben reichlich haselnußgroße,

umgekehrten Tannenzapfen gleichende Früchte von brauner, roter oder

gelber Farbe hervorbringt, von denen ein großer Teil in nächster Nähe

der Mutterpflanze keimt, so bildet der Rotang überall, wo er auftritt,

undurchdringliche Dickichte von unzerreißbaren Tauen, starrend von

Stacheln und Widerhaken, die jeden Eindringling an der Kleidung und

am Körper unbarmherzig verwunden. Immer ist es ein sehr unangenehmes,

schmerzhaftes Wagnis, in ein Rotangdickicht zu dringen, darin zu jagen

oder zu sammeln.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 9 / 81 段