Außer diesen erwähnten Bastarten dienen die getrockneten und

zerschlitzten Blätter der verschiedensten Palmen- und Pandanusarten den

Eingeborenen zu den mannigfaltigsten Flechtereien in Form von Matten,

Körben usw. In ganz Südasien, Madagaskar und der Inselwelt des Stillen

Ozeans finden wir besonders ~Pandanus odoratissimus~ teils wild, teils

angebaut. Dieser palmenartige Strauch, dessen 3-5,5 m hoher Stamm

stelzenartig auf zahlreichen Luftwurzeln ruht, hat seine 1 m langen,

starren, schwertförmigen Blätter in schöner Schraubenlinie gestellt und

trägt hängende, zapfenartige Blütenstände, die ihres Wohlgeruches wegen

in den Wohnungen aufgehängt werden. Die mit einem Stein weichgeklopften

Früchte geben einen aromatischen Saft und liefern auf vielen Inseln,

gebacken, ein würziges Volksnahrungsmittel, das aber meist nur

gegessen wird, wenn Mangel an Brotfrucht herrscht. Die Blütenknospen

und der untere Teil der Blätter werden als Gemüse verspeist und aus

den Fasern der Blätter werden Matten, Segel, Schürzen, Körbe u.

dgl. mehr geflochten. Gleicherweise wird ~Pandanus utilis~ auf die

mannigfaltigste Weise ausgenutzt; auch dessen mandelartige Fruchtkerne

werden gegessen.

Wichtiger als sie ist für uns Europäer die südamerikanische

strauchartige +Panamapalme+ (~Carludovica palmata~), aus deren noch

jungen, zusammengefalteten Blättern die nicht nur auf dem ganzen

amerikanischen Festlande und in Westindien, sondern neuerdings auch

bei uns so beliebten Panamahüte geflochten werden. Es ist dies eine

bloß 2-3 m hoch werdende Palme, die in Kolumbien, Ekuador und Peru

wild wächst und nicht kultiviert wird. Um ein möglichst weißes Material

zu erzielen, werden die in den Wäldern gesammelten, unentfalteten

Blätter zunächst kurz in heißes Wasser getaucht, dem der Saft einiger

Zitronen beigemischt wurde, dann werden sie, nachdem sie aller Rippen

und gröberen Fasern beraubt sind, zunächst im Schatten und dann in der

Sonne getrocknet und mit dem Nagel des rechten Daumens in ganz schmale

Streifen zerschlitzt, um zu Körbchen, Zigarrentaschen usw., besonders

aber zu Hüten geflochten zu werden. Der überaus hohe Preis dieser

sogenannten Panamahüte ergiebt sich nicht sowohl aus der Schwierigkeit,

als aus der Langwierigkeit ihrer Herstellung. Bei täglich

sechsstündiger Arbeitszeit braucht ein Arbeiter zum Flechten eines

gewöhnlichen 4 Mark-Hutes 6-7 Tage. Ein Hut im Wert von 5 bis 12 Mark

beansprucht bereits 14 Tage, ein feiner, etwa 100 Mark kostender sogar

6 Wochen Arbeitszeit. Am feinsten, leichtesten und schönsten gearbeitet

sind diejenigen von Montecristi, die auch von allen die berühmtesten

sind. Die gewöhnlichen derselben kosten 10-16, die halbfeinen 20-30

und die feinen 40-200 Mark, ja noch mehr. Von gleichfalls sehr guter

Qualität sind die Hüte von Santa Elena, die zwar nicht so fein, aber

durch regelmäßiges, festes Flechtwerk, fein geschlungenen Rand und rein

weißes Material in hohem Maße ausgezeichnet sind. Da sie über Panama

exportiert werden, nennt man sie so, obschon sie nicht dort hergestellt

werden.

Weiter kommen für uns noch die Faserstoffe in Betracht, die der

Papierfabrikation dienen. Wie die Mexikaner bei der Eroberung ihres

Landes durch Fernando Cortez im Jahre 1519 außer Baumwolle die

Fasern der Agave als Material für Kleidungsstoffe, Papier, Bindfaden

und Stricken benutzten, so bedienten sich die Hindus zum Schreiben

ihrer heiligen Bücher der Palmblätter und teilweise auch eines aus

Birkenrinde verfertigten Papieres, während das uralte Kulturvolk

der Chinesen anfänglich Tafeln aus Bambusrohr, später Seide und

Papier aus der Rinde des Papiermaulbeerbaums und zuletzt aus

Baumwollumpen angefertigtes Büttenpapier zum Schreiben gebrauchten.

Der in China heimische, durch schöne, große Blätter ausgezeichnete

+Papiermaulbeerbaum+ (~Broussonetia papyrifera~) wird gegenwärtig

in größtem Maßstabe auch in Japan, China und auf vielen Inseln des

großen Ozeans nach Art der Weiden kultiviert, weil die Innenrinde

der zweijährigen Zweige das Material zu den außerordentlich schönen,

festen und haltbaren chinesischen und japanischen Papieren gewährt,

deren Festigkeit gestattet, sie wie gewebte Zeuge zu Regenschirmen,

Zimmerwänden, Taschentüchern usw., ja, mit Öl getränkt, sogar zu

wasserdichten Kleidungsstücken und statt Fensterglas zu verwenden. Es

ist dies ein Milchsaft führender Baum von 9-12,5 m Höhe mit süßlich

schmeckenden, fleischigen Beeren, die überall in Ostasien gern gegessen

werden.

Die alten Ägypter aber bedienten sich zur Herstellung ihres Papieres

der Stengel der +Papyrusstaude+ (~Cyperus papyrus~), die diesem Produkt

überhaupt den Namen gab. Es ist dies eine ursprünglich im tropischen

Afrika heimische Sumpfpflanze, deren dreikantige, fingerdicke Halme

5 m hoch werden und an ihrer Spitze eine Kugel von hunderten,

strahlenförmig auseinanderschießenden, dünnen Zweigen mit den Blättern

und Blütenrispchen tragen. Sie wächst in allen Flüssen des tropischen

Afrika in ungeheuren Mengen und beteiligt sich an der Bildung der

Pflanzenbarren, welche den Lauf der größeren Ströme zuweilen verstopfen

und die so undurchdringlich sind, daß Reisende auf Dampfschiffen, die

von ihnen eingeschlossen wurden, kaum mehr loskommen konnten und der

Gefahr des Verhungerns ausgesetzt waren.

Einst wuchs der Papyrus im alten Ägypten in Menge wild und wurde bei

dem zunehmenden Bedarfe seiner Stengel auch angebaut, besonders in

den zahlreichen Kanälen, die das sonst dürre, weil regenarme Land

durchzogen. Heute ist er aus diesem Lande gänzlich verschwunden und

ist erst wieder in Nubien am Oberlaufe des Nils und seiner Zuflüsse

zu treffen, wo er mit dem +Ambatsch+ (~Herminiera elaphroxylon~),

einem bis 7 m hohen Hülsenfrüchtler mit wundervollen Blüten, dessen

Holz ungemein leicht und schwammig ist, so daß die Eingeborenen ihre

floßartigen Fahrzeuge daraus verfertigen, und der +Pistie+ (~Pistia

stratiotes~), einer Wasserlinse von riesigen Ausmessungen, jene

erwähnten undurchdringlichen Pflanzenbarren bildet.

[Illustration:

Tafel 97.

Der Pineta genannte Pinienwald bei Ravenna.]

[Illustration: Ein Papyrusdickicht am Flusse Anapo bei Syrakus auf

Sizilien.]

[Illustration:

Tafel 98.

(Nach Phot. von W. Busse in „Karsten u. Schenck,

Vegetationsbilder“.)

Ein Kapokbaum in Togo. Auf der Wiese junge Ölpalmen.]

Die alten Ägypter bauten aus den Stengeln des Papyrus ebenfalls

floßartige Fahrzeuge. In einem solchen fuhr nach der altägyptischen

Sage die Göttin Isis über die Lotosblumen, weshalb auch die Krokodile

einem jeden Papyrusnachen mit heiliger Scheu ausweichen sollten. Wenn

nun der jüdische Prophet Jesaias, der seit 740 v. Chr. in Jerusalem

wirkte, ein „Wehe“ über das Volk, das in Fahrzeugen von Papyrusschilf

fährt, ausruft, so ist das ein Beweis, daß diese altägyptische Sitte

den Völkern des Altertums wohl bekannt war. Auch Stricke und Taue

wurden damit hergestellt. So wird schon in der Odyssee ein Tau aus

Papyrusbast (~býblos~) erwähnt, und der griechische Geschichtschreiber

Herodot meldet uns, daß, als der persische König Xerxes, der seinem

Vater Dareios 485 v. Chr. nachfolgte und vier Jahre darauf mit einem

Heer von einer Million Mann und einer Flotte von 1200 Schiffen zur

Unterjochung Griechenlands aufbrach und zur Übersiedelung seines Heeres

nach Europa eine Schiffbrücke über den Hellespont schlagen ließ, zum

Befestigen der Schiffe Leinen- und Papyrustaue verwendet wurden. Auch

Körbe, Matten, Segel und andere Geflechte wurden in Ägypten aus Papyrus

angefertigt, ebenso Sandalen, die zu benützen den ägyptischen Priestern

ausschließlich erlaubt war. In einem Korbe aus Papyrus setzte jene

Jüdin nach dem Berichte im Alten Testament ihr erstgeborenes Kind,

das Mosesknäblein, in einem Papyrusdickicht am Nile aus, wo er von

der ägyptischen Prinzessin aufgefunden und an Sohnes Statt angenommen

wurde. In der Heilkunde brauchte man den Papyrusbast zum Anlegen von

Bandagen und zum Trocknen und Erweitern von Fisteln.

Aus dem Mark der Pflanze stellte man Lampendochte her. Die Asche

dieser Pflanze galt mit Wein eingenommen als Schlafmittel und

sollte, in Wasser aufgeweicht, Schwielen heilen. Die fleischigen

Grundachsen des Papyrus bildeten, wie wir früher sahen, ein wichtiges

Volksnahrungsmittel. Mit den pinselartigen Blütendolden schmückte man

die Tempel der Götter und flocht Kränze für deren heilige Bildsäulen,

wie für die zu ehrenden Könige. Plutarch erzählt, daß, als der König

Agesilaos von Sparta, einer der berühmtesten Feldherrn des Altertums,

nach verschiedenen Siegen über die Perser und Thebaner 361 einen Zug

nach Ägypten unternahm, er sich über einen ihm als Zeichen besonderer

Verehrung überreichten Papyruskranz so gefreut habe, daß er sich beim

Abschied vom Könige Ägyptens einen zweiten solchen erbat. Der um 200

n. Chr. in Alexandreia lebende Grieche Athenaios aus Naukratis in

Ägypten verspottete allerdings diejenigen, die Rosen in einen Kranz von

Papyrus einflechten; er fand dies ebenso lächerlich, als wenn jemand

Rosen zu einem Kranze von Knoblauch verwenden wollte.

So zahlreich auch die Verwendung der Papyrusstaude im alten Ägypten

war, so bestand doch späterhin ihre Hauptbedeutung darin, daß aus

ihr das allgemein gebräuchliche Schreibmaterial gewonnen wurde.

Heute noch lebt ihr Name in unserer Bezeichnung dafür: Papier fort.

Dieses Schreibmaterial, dessen sich schon die Priester der ältesten

ägyptischen Dynastien zum Aufschreiben ihrer Mitteilungen und Gebete

in heiligen Schriftzeichen, den Hieroglyphen, bedienten, wurde in

folgender Weise bereitet: Die schwammigen, dreikantigen Stengel

wurden in meterlange Stücke geschnitten, der Länge nach gespalten

und die einzelnen hautartigen Schichten von innen, wo die feinsten

Fasern lagen, nach außen vermittelst einer Nadel in dünnen Streifen

abgezogen, die zuerst ausgewaschen und dann mit Beigabe von etwas

Klebstoff -- meist Kleber -- auf Bretter ausgebreitet wurden, und zwar

schichtenweise zuerst neben- und dann übereinander. Hierauf wurde die

Masse durch Schlagen mit Hämmern gepreßt, getrocknet und schließlich

mit einer Muschel oder einem größeren Tierzahn geglättet. Selbst der

beste, durch Benetzen und Ausbreiten an der Sonne gebleichte Papyrus

war gelblich und gerippt, nicht glatt. Man erkannte an ihm deutlich

die quer übereinander gelegten Fasern. Gewöhnlich wurde mit der aus

Ölruß mit Wasser und arabischem Gummi hergestellten Tinte nur auf einer

Seite geschrieben, da die Farbe durchschlug. Um den zerbrechlichen

Stoff nicht zu knicken, wurde er gerollt und in einer Leinwandhülle

aufbewahrt, die wohl auch mit Pech überzogen war, um den Inhalt vor

Feuchtigkeit zu schützen.

[Illustration: Bild 66. Papyrusernte im alten Reich.

Darstellung aus dem Grabe des Ptah hotep (5. Dynastie. 2750-2625

v. Chr.)

(Nach Dümichen.)]

Die Papierfabrikation ist in Ägypten eine uralte Kunst, die bereits

im alten Reiche zu hoher Blüte gelangt war. Im Grabe des Ptah hotep

aus der Zeit der 5. Dynastie (2750-2625 v. Chr.) finden wir eine

interessante Darstellung der Papyrusernte. Am Nil, dessen Ufer mit

einem prächtigen Flor von Lotosblüten mit Knospen und Blättern

eingefaßt ist, durch den sich träge ein Krokodil bewegt, sehen wir wie

die Papyrusstauden geschnitten und in dicken Bündeln auf den Rücken von

Männern zur Bearbeitung fortgetragen werden. Aber erst aus römischer

Zeit haben wir eine ausführliche Beschreibung der Papierbereitung

daraus durch den älteren Plinius (23-79 n. Chr.), der verschiedene

Sorten Papier (~charta~) beschreibt. „Das feinste Papier aus den

innersten Schichten der Papyrusstengel“, sagt er, „hieß in alter

Zeit das hieratische und wurde nur zu heiligen Schriften gebraucht.

Aus Schmeichelei nannte man es später Augustuspapier. Eine zweite,

etwas weniger feine Sorte heißt nach des Augustus Gemahlin Livia das

livianische Papier und erst die dritte heißt das hieratische Papier.

Die nächstfolgende, aus noch weiter außen befindlichen Schichten

der Papyrusstengel bereitete Sorte heißt die amphitheatrische. Aus

dieser stellt Fannius in Rom ein so vortreffliches Papier her,

daß das Erzeugnis seiner Fabrik fürstliches Papier heißt. Eine

geringere Qualität aus noch weiter außen befindlichen Schichten

der Papyrusstengel heißt die saitische nach der Stadt Sais (in

Unterägypten), wo eine schlechte Papyrussorte verarbeitet wird. Das

taniotische Papier kommt von den Schichten, die der Rinde noch näher

liegen, hat seinen Namen von einer Stadt und wird nicht nach der Güte,

sondern nach dem Gewichte verkauft. Das emporetische Papier taugt

nicht zum Schreiben, sondern bloß zum Einwickeln des guten Papiers

und anderer Waren. Die Breite der Papierbogen (~plagula~) ist sehr

verschieden. Die besten sind 13 Finger breit, die hieratischen 11,

die fannianischen 10, die amphitheatrischen 9, die saitischen sind

noch schmäler. Das emporetische Papier (Packpapier) ist nicht über 6

Finger breit. Außerdem kommt beim Papier die Feinheit, Dichtigkeit,

Weiße und Glätte in Anschlag. Zwanzig Papierbogen heißen im Handel

ein ~scapus~. -- Das augusteische Papier widerstand, wie es anfangs

zubereitet wurde, wegen seiner allzugroßen Feinheit dem Schreibrohr

nicht genügend, ließ auch die Schrift durchscheinen, so daß sie auf

der Rückseite an Lesbarkeit litt; es war auch so durchsichtig, daß es

nicht gut aussah. Diesen Fehlern hat Kaiser Claudius (Sohn des Drusus,

Stiefsohn des Augustus, 9 v. Chr. in Lyon geboren, ward 41 n. Chr.

nach Caligulas Ermordung von den Prätorianern zum Kaiser ausgerufen,

überließ sich ganz der Leitung seiner schlimmen Gemahlin Messalina und

der Freigelassenen Pallas und Narcissus, war schwelgerisch und träge,

doch Freund der Wissenschaften, errichtete große Bauten, wurde 54

durch seine zweite Gemahlin Agrippina mit einem Pilzgericht vergiftet)

dadurch abgeholfen, daß er die erste Lage auf dem Brette aus Schichten

zweiter Güte legen ließ und diese mit quergelegten Schichten erster

Güte decken ließ. Er vergrößerte auch die Breite der Bogen.“ Außer der

sehr feinen, weißen ~charta claudia~ und der ähnlichen noch glatteren

~charta fannia~ unterschied man später noch die ~charta salutatrix~ als

viel begehrtes Briefpapier, dann die ~charta macrocolla~ mit Blättern

in Form langer Streifen und die ~charta nigra~, ein schwarzes Papier,

auf welches die Schrift farbig aufgetragen wurde.

So versorgte Ägypten im Altertum das ganze ausgedehnte Römerreich mit

seinem Papier, das selbst den Weg nach Gallien und Britannien fand. Da

nun aber der Papyrus nicht alle Jahre gleich gut gedieh, gab es öfter

erhebliche Preisschwankungen und bisweilen sogar Papierteuerungen.

So schreibt derselbe Plinius: „Es gibt Jahre, in denen der Papyrus

mißrät. Unter Tiberius (geb. 42 v. Chr., Stiefsohn des Augustus, durch

Heirat der Kaiserstochter Julia im Jahre 12 v. Chr. Schwiegersohn des

Augustus, wurde 4 n. Chr. von Augustus adoptiert und regierte, nachdem

er im Jahre 14 nach des Augustus Tod vom Senat als Kaiser anerkannt

worden war, bis 37, da er am 16. März auf seinem Schloß auf Kapri

bereits im Todeskampf durch Macro mit Kissen erstickt wurde) trat

so großer Mangel an Papier ein, daß eigene Beamte vom Senat mit der

Verteilung desselben beauftragt wurden, weil sonst die ganze Verwaltung

in Verwirrung gekommen wäre.“

Welche Dimensionen der Anbau und Verbrauch der Papyrusstaude und die

Papierfabrikation im alten Ägypten angenommen haben muß, kann man aus

dem riesigen Nachlasse von Papyrusrollen und aus den Zeugnissen der

Schriftsteller des Altertums entnehmen. Der Geschichtschreiber Diodor

berichtet uns, daß schon Ramses II. der 19. Dynastie (1292-1225

v. Chr.) in Theben eine sehr umfangreiche Reichsbibliothek errichten

ließ. Berühmt war im Altertum die von Ptolemaios Philadelphos

(regierte 285-247 v. Chr.) außer dem Museion in Alexandrien errichtete

Bibliothek, die es auf die erstaunliche Zahl von 400000 Papyrusrollen

brachte und erst von den Arabern verbrannt wurde. Mit dieser

alexandrinischen rivalisierte unter Eumenes II. (regierte 197-159

v. Chr.) und Attalos II. (folgte seinem Bruder 159 und starb als

Verbündeter Roms 138 v. Chr.) diejenige von Pergamon in Kleinasien mit

damals schon 200000 Bänden. Dies erregte die Eifersucht des ägyptischen

Königs Ptolemaios VI. Philometor (der von 181-145 v. Chr. regierte)

dermaßen, daß er ein Gesetz gegen die Ausfuhr des Papiers aus seinem

Lande erließ. Dies nötigte dann Eumenes, das nötige Schreibmaterial

aus besonders präparierten und mit einer Kreideschicht überzogenen

Schaffellen herstellen zu lassen. Dieses gelangte als ~charta

pergamena~, d. h. pergamenisches Papier in den Handel, und daraus

wurde dann später die Bezeichnung Pergament. Dieser äußerst dauerhafte

Papierersatz spielte besonders im Mittelalter eine sehr wichtige Rolle

und hat sich zum Aufdruck von Doktordiplomen bis auf den heutigen Tag

im Gebrauch erhalten.

Die ägyptischen Papierfabriken, die unter Tiberius hoch besteuert

wurden, waren sehr gut eingerichtet und arbeiteten schon nach dem

Prinzip der Arbeitsteilung. Man unterschied da ~glutinatores~ (von

~gluteum~ Kleber), d. h. Leimer, ~malleatores~ (von ~malleum~

Hammer), d. h. Hämmerer usw. Während die Papyruspflanze bei den

alten Ägyptern ~natit~ hieß, nannten sie die Griechen wahrscheinlich

nach dem ägyptischen Wort ~papuro~, d. h. königlich, ~pápyros~. Für

den Bast der Papyruspflanze diente die schon bei Homer und dann bei

Herodot vorkommende Bezeichnung ~býblos~, woraus dann ~býblon~ für

Schriftrolle wurde. Aus dieser griechischen Bezeichnung machten die

Römer, die die Schriftrollen aus Ägypten durch griechische Vermittlung

erhielten, ihr ~biblium~ im Sinne von Buch, im Pluralis ~biblia~

lautend, und aus der Aufschrift ~biblia sacra~, d. h. heilige Bücher,

entstand dann unser Wort Bibel. Die einheimische alte Bezeichnung

der Römer für das Schriftstück war ~liber~, d. h. Bast, weil sie als

ältestes Schreibmaterial „den Bast einiger Bäume“, wie sich Plinius

ausdrückt, benutzten, später aber auch zum Privatgebrauch auf Leinwand

und auf Wachs schrieben. Aus dem lateinischen ~liber~ im Sinne von

Schriftstück ging dann die französische Bezeichnung ~livre~ für Buch

hervor, während die deutsche Bezeichnung dafür von Buche herrührt, aus

deren Holz die Stäbe genommen waren, in welche die alten Germanen die

Runen einschnitten, die man zu allerlei Zauber und zur Erforschung

der Zukunft benutzte. Die Buchenstäbe mit den verschiedenen Runen

wurden dann gemischt und ein einzelner, der gelten sollte, daraus

hervorgezogen. Das war dann der entscheidende Buchenstab, nach späterer

Redeweise: der Buchstabe, und die Gesamtheit derselben das Buch.

Die blühende Papierindustrie Ägyptens wurde nun nicht, wie dies

gewöhnlich behauptet wird, infolge der Eroberung durch die Araber

vernichtet, sondern diese setzten sie zunächst fort und brachten die

von ihnen aus Ägypten nach Syrien verpflanzte Papyrusstaude am Ende des

9. Jahrhunderts nach Sizilien, wo sie dieselbe in dem danach Papireto

benannten Flüßchen bei Palermo ansiedelten, um sie ebenfalls zur

Papierfabrikation zu verwenden. Dort wuchs sie reichlich bis zum Jahre

1591, in welchem auf Veranlassung des damaligen Vizekönigs die ganze

Gegend wegen des vom Papireto ausgehenden Wechselfiebers trocken gelegt

wurde und damit auch der Papyrushain verschwand. Noch jetzt heißt jene

Örtlichkeit ~piano del papireto~, d. h. Ebene des Papyrushains. Heute

findet sich der Papyrus in größeren Beständen nur noch am Flüßchen

Anapo bei Syrakus und im Süden und Osten jener Insel wild, häufig

jedoch als Zierpflanze in den Gärten der Reichen kultiviert. Die

Exemplare in den europäischen Gewächshäusern scheinen alle aus Sizilien

zu stammen, wo die Stengel des Papyrus nur noch zum Kalfatern der

Schiffe dienen.

Die Papyrusindustrie erlosch von selbst, als im Zeitalter der Kreuzzüge

durch die Vermittlung der Araber das chinesische +Büttenpapier+ nach

Europa kam und man es hier selbst darzustellen vermochte. In China

bediente man sich nämlich schon längere Zeit eines anderen Papieres

als in Ägypten, indem schon im Jahre 123 v. Chr. der Ackerbauminister

Tsai-lün aus dem Bast des Papiermaulbeerbaums, aus chinesischem Gras

und sogar aus den Fasern des Bambusrohres Papier zu bereiten lehrte.

Ums Jahr 610 n. Chr. kam diese Kunst nach Korea und Japan. Unter den

chinesischen Kriegsgefangenen, die im Jahre 751 n. Chr. nach dem

damals muhammedanischen Samarkand kamen, befanden sich auch solche,

die sich auf die Papierfabrikation verstanden. Hier wurden sie zur

Ausübung ihrer Kunst angehalten und fabrizierten Papier aus dem ihnen

dazu zur Verfügung gestellten Material. Hier haben die Araber zum

erstenmal leinene und baumwollene Lumpen, sogenannte Hadern, zur

Papierfabrikation benutzt, indem sie dieselben nach einer Mazeration

in Wasser in Mörsern zerstampften und zu Papier preßten. Später wurden

dann an Stelle von Menschenhänden vom fließenden Wasser getriebene

maschinelle Einrichtungen als sogenannte Papierstampfen von ihnen zu

Hilfe genommen und in der Folge zu eigentlichen Papiermühlen ausgebaut.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 8 / 81 段