zerschlitzten Blätter der verschiedensten Palmen- und Pandanusarten den
Eingeborenen zu den mannigfaltigsten Flechtereien in Form von Matten,
Körben usw. In ganz Südasien, Madagaskar und der Inselwelt des Stillen
Ozeans finden wir besonders ~Pandanus odoratissimus~ teils wild, teils
angebaut. Dieser palmenartige Strauch, dessen 3-5,5 m hoher Stamm
stelzenartig auf zahlreichen Luftwurzeln ruht, hat seine 1 m langen,
starren, schwertförmigen Blätter in schöner Schraubenlinie gestellt und
trägt hängende, zapfenartige Blütenstände, die ihres Wohlgeruches wegen
in den Wohnungen aufgehängt werden. Die mit einem Stein weichgeklopften
Früchte geben einen aromatischen Saft und liefern auf vielen Inseln,
gebacken, ein würziges Volksnahrungsmittel, das aber meist nur
gegessen wird, wenn Mangel an Brotfrucht herrscht. Die Blütenknospen
und der untere Teil der Blätter werden als Gemüse verspeist und aus
den Fasern der Blätter werden Matten, Segel, Schürzen, Körbe u.
dgl. mehr geflochten. Gleicherweise wird ~Pandanus utilis~ auf die
mannigfaltigste Weise ausgenutzt; auch dessen mandelartige Fruchtkerne
werden gegessen.
Wichtiger als sie ist für uns Europäer die südamerikanische
strauchartige +Panamapalme+ (~Carludovica palmata~), aus deren noch
jungen, zusammengefalteten Blättern die nicht nur auf dem ganzen
amerikanischen Festlande und in Westindien, sondern neuerdings auch
bei uns so beliebten Panamahüte geflochten werden. Es ist dies eine
bloß 2-3 m hoch werdende Palme, die in Kolumbien, Ekuador und Peru
wild wächst und nicht kultiviert wird. Um ein möglichst weißes Material
zu erzielen, werden die in den Wäldern gesammelten, unentfalteten
Blätter zunächst kurz in heißes Wasser getaucht, dem der Saft einiger
Zitronen beigemischt wurde, dann werden sie, nachdem sie aller Rippen
und gröberen Fasern beraubt sind, zunächst im Schatten und dann in der
Sonne getrocknet und mit dem Nagel des rechten Daumens in ganz schmale
Streifen zerschlitzt, um zu Körbchen, Zigarrentaschen usw., besonders
aber zu Hüten geflochten zu werden. Der überaus hohe Preis dieser
sogenannten Panamahüte ergiebt sich nicht sowohl aus der Schwierigkeit,
als aus der Langwierigkeit ihrer Herstellung. Bei täglich
sechsstündiger Arbeitszeit braucht ein Arbeiter zum Flechten eines
gewöhnlichen 4 Mark-Hutes 6-7 Tage. Ein Hut im Wert von 5 bis 12 Mark
beansprucht bereits 14 Tage, ein feiner, etwa 100 Mark kostender sogar
6 Wochen Arbeitszeit. Am feinsten, leichtesten und schönsten gearbeitet
sind diejenigen von Montecristi, die auch von allen die berühmtesten
sind. Die gewöhnlichen derselben kosten 10-16, die halbfeinen 20-30
und die feinen 40-200 Mark, ja noch mehr. Von gleichfalls sehr guter
Qualität sind die Hüte von Santa Elena, die zwar nicht so fein, aber
durch regelmäßiges, festes Flechtwerk, fein geschlungenen Rand und rein
weißes Material in hohem Maße ausgezeichnet sind. Da sie über Panama
exportiert werden, nennt man sie so, obschon sie nicht dort hergestellt
werden.
Weiter kommen für uns noch die Faserstoffe in Betracht, die der
Papierfabrikation dienen. Wie die Mexikaner bei der Eroberung ihres
Landes durch Fernando Cortez im Jahre 1519 außer Baumwolle die
Fasern der Agave als Material für Kleidungsstoffe, Papier, Bindfaden
und Stricken benutzten, so bedienten sich die Hindus zum Schreiben
ihrer heiligen Bücher der Palmblätter und teilweise auch eines aus
Birkenrinde verfertigten Papieres, während das uralte Kulturvolk
der Chinesen anfänglich Tafeln aus Bambusrohr, später Seide und
Papier aus der Rinde des Papiermaulbeerbaums und zuletzt aus
Baumwollumpen angefertigtes Büttenpapier zum Schreiben gebrauchten.
Der in China heimische, durch schöne, große Blätter ausgezeichnete
+Papiermaulbeerbaum+ (~Broussonetia papyrifera~) wird gegenwärtig
in größtem Maßstabe auch in Japan, China und auf vielen Inseln des
großen Ozeans nach Art der Weiden kultiviert, weil die Innenrinde
der zweijährigen Zweige das Material zu den außerordentlich schönen,
festen und haltbaren chinesischen und japanischen Papieren gewährt,
deren Festigkeit gestattet, sie wie gewebte Zeuge zu Regenschirmen,
Zimmerwänden, Taschentüchern usw., ja, mit Öl getränkt, sogar zu
wasserdichten Kleidungsstücken und statt Fensterglas zu verwenden. Es
ist dies ein Milchsaft führender Baum von 9-12,5 m Höhe mit süßlich
schmeckenden, fleischigen Beeren, die überall in Ostasien gern gegessen
werden.
Die alten Ägypter aber bedienten sich zur Herstellung ihres Papieres
der Stengel der +Papyrusstaude+ (~Cyperus papyrus~), die diesem Produkt
überhaupt den Namen gab. Es ist dies eine ursprünglich im tropischen
Afrika heimische Sumpfpflanze, deren dreikantige, fingerdicke Halme
5 m hoch werden und an ihrer Spitze eine Kugel von hunderten,
strahlenförmig auseinanderschießenden, dünnen Zweigen mit den Blättern
und Blütenrispchen tragen. Sie wächst in allen Flüssen des tropischen
Afrika in ungeheuren Mengen und beteiligt sich an der Bildung der
Pflanzenbarren, welche den Lauf der größeren Ströme zuweilen verstopfen
und die so undurchdringlich sind, daß Reisende auf Dampfschiffen, die
von ihnen eingeschlossen wurden, kaum mehr loskommen konnten und der
Gefahr des Verhungerns ausgesetzt waren.
Einst wuchs der Papyrus im alten Ägypten in Menge wild und wurde bei
dem zunehmenden Bedarfe seiner Stengel auch angebaut, besonders in
den zahlreichen Kanälen, die das sonst dürre, weil regenarme Land
durchzogen. Heute ist er aus diesem Lande gänzlich verschwunden und
ist erst wieder in Nubien am Oberlaufe des Nils und seiner Zuflüsse
zu treffen, wo er mit dem +Ambatsch+ (~Herminiera elaphroxylon~),
einem bis 7 m hohen Hülsenfrüchtler mit wundervollen Blüten, dessen
Holz ungemein leicht und schwammig ist, so daß die Eingeborenen ihre
floßartigen Fahrzeuge daraus verfertigen, und der +Pistie+ (~Pistia
stratiotes~), einer Wasserlinse von riesigen Ausmessungen, jene
erwähnten undurchdringlichen Pflanzenbarren bildet.
[Illustration:
Tafel 97.
Der Pineta genannte Pinienwald bei Ravenna.]
[Illustration: Ein Papyrusdickicht am Flusse Anapo bei Syrakus auf
Sizilien.]
[Illustration:
Tafel 98.
(Nach Phot. von W. Busse in „Karsten u. Schenck,
Vegetationsbilder“.)
Ein Kapokbaum in Togo. Auf der Wiese junge Ölpalmen.]
Die alten Ägypter bauten aus den Stengeln des Papyrus ebenfalls
floßartige Fahrzeuge. In einem solchen fuhr nach der altägyptischen
Sage die Göttin Isis über die Lotosblumen, weshalb auch die Krokodile
einem jeden Papyrusnachen mit heiliger Scheu ausweichen sollten. Wenn
nun der jüdische Prophet Jesaias, der seit 740 v. Chr. in Jerusalem
wirkte, ein „Wehe“ über das Volk, das in Fahrzeugen von Papyrusschilf
fährt, ausruft, so ist das ein Beweis, daß diese altägyptische Sitte
den Völkern des Altertums wohl bekannt war. Auch Stricke und Taue
wurden damit hergestellt. So wird schon in der Odyssee ein Tau aus
Papyrusbast (~býblos~) erwähnt, und der griechische Geschichtschreiber
Herodot meldet uns, daß, als der persische König Xerxes, der seinem
Vater Dareios 485 v. Chr. nachfolgte und vier Jahre darauf mit einem
Heer von einer Million Mann und einer Flotte von 1200 Schiffen zur
Unterjochung Griechenlands aufbrach und zur Übersiedelung seines Heeres
nach Europa eine Schiffbrücke über den Hellespont schlagen ließ, zum
Befestigen der Schiffe Leinen- und Papyrustaue verwendet wurden. Auch
Körbe, Matten, Segel und andere Geflechte wurden in Ägypten aus Papyrus
angefertigt, ebenso Sandalen, die zu benützen den ägyptischen Priestern
ausschließlich erlaubt war. In einem Korbe aus Papyrus setzte jene
Jüdin nach dem Berichte im Alten Testament ihr erstgeborenes Kind,
das Mosesknäblein, in einem Papyrusdickicht am Nile aus, wo er von
der ägyptischen Prinzessin aufgefunden und an Sohnes Statt angenommen
wurde. In der Heilkunde brauchte man den Papyrusbast zum Anlegen von
Bandagen und zum Trocknen und Erweitern von Fisteln.
Aus dem Mark der Pflanze stellte man Lampendochte her. Die Asche
dieser Pflanze galt mit Wein eingenommen als Schlafmittel und
sollte, in Wasser aufgeweicht, Schwielen heilen. Die fleischigen
Grundachsen des Papyrus bildeten, wie wir früher sahen, ein wichtiges
Volksnahrungsmittel. Mit den pinselartigen Blütendolden schmückte man
die Tempel der Götter und flocht Kränze für deren heilige Bildsäulen,
wie für die zu ehrenden Könige. Plutarch erzählt, daß, als der König
Agesilaos von Sparta, einer der berühmtesten Feldherrn des Altertums,
nach verschiedenen Siegen über die Perser und Thebaner 361 einen Zug
nach Ägypten unternahm, er sich über einen ihm als Zeichen besonderer
Verehrung überreichten Papyruskranz so gefreut habe, daß er sich beim
Abschied vom Könige Ägyptens einen zweiten solchen erbat. Der um 200
n. Chr. in Alexandreia lebende Grieche Athenaios aus Naukratis in
Ägypten verspottete allerdings diejenigen, die Rosen in einen Kranz von
Papyrus einflechten; er fand dies ebenso lächerlich, als wenn jemand
Rosen zu einem Kranze von Knoblauch verwenden wollte.
So zahlreich auch die Verwendung der Papyrusstaude im alten Ägypten
war, so bestand doch späterhin ihre Hauptbedeutung darin, daß aus
ihr das allgemein gebräuchliche Schreibmaterial gewonnen wurde.
Heute noch lebt ihr Name in unserer Bezeichnung dafür: Papier fort.
Dieses Schreibmaterial, dessen sich schon die Priester der ältesten
ägyptischen Dynastien zum Aufschreiben ihrer Mitteilungen und Gebete
in heiligen Schriftzeichen, den Hieroglyphen, bedienten, wurde in
folgender Weise bereitet: Die schwammigen, dreikantigen Stengel
wurden in meterlange Stücke geschnitten, der Länge nach gespalten
und die einzelnen hautartigen Schichten von innen, wo die feinsten
Fasern lagen, nach außen vermittelst einer Nadel in dünnen Streifen
abgezogen, die zuerst ausgewaschen und dann mit Beigabe von etwas
Klebstoff -- meist Kleber -- auf Bretter ausgebreitet wurden, und zwar
schichtenweise zuerst neben- und dann übereinander. Hierauf wurde die
Masse durch Schlagen mit Hämmern gepreßt, getrocknet und schließlich
mit einer Muschel oder einem größeren Tierzahn geglättet. Selbst der
beste, durch Benetzen und Ausbreiten an der Sonne gebleichte Papyrus
war gelblich und gerippt, nicht glatt. Man erkannte an ihm deutlich
die quer übereinander gelegten Fasern. Gewöhnlich wurde mit der aus
Ölruß mit Wasser und arabischem Gummi hergestellten Tinte nur auf einer
Seite geschrieben, da die Farbe durchschlug. Um den zerbrechlichen
Stoff nicht zu knicken, wurde er gerollt und in einer Leinwandhülle
aufbewahrt, die wohl auch mit Pech überzogen war, um den Inhalt vor
Feuchtigkeit zu schützen.
[Illustration: Bild 66. Papyrusernte im alten Reich.
Darstellung aus dem Grabe des Ptah hotep (5. Dynastie. 2750-2625
v. Chr.)
(Nach Dümichen.)]
Die Papierfabrikation ist in Ägypten eine uralte Kunst, die bereits
im alten Reiche zu hoher Blüte gelangt war. Im Grabe des Ptah hotep
aus der Zeit der 5. Dynastie (2750-2625 v. Chr.) finden wir eine
interessante Darstellung der Papyrusernte. Am Nil, dessen Ufer mit
einem prächtigen Flor von Lotosblüten mit Knospen und Blättern
eingefaßt ist, durch den sich träge ein Krokodil bewegt, sehen wir wie
die Papyrusstauden geschnitten und in dicken Bündeln auf den Rücken von
Männern zur Bearbeitung fortgetragen werden. Aber erst aus römischer
Zeit haben wir eine ausführliche Beschreibung der Papierbereitung
daraus durch den älteren Plinius (23-79 n. Chr.), der verschiedene
Sorten Papier (~charta~) beschreibt. „Das feinste Papier aus den
innersten Schichten der Papyrusstengel“, sagt er, „hieß in alter
Zeit das hieratische und wurde nur zu heiligen Schriften gebraucht.
Aus Schmeichelei nannte man es später Augustuspapier. Eine zweite,
etwas weniger feine Sorte heißt nach des Augustus Gemahlin Livia das
livianische Papier und erst die dritte heißt das hieratische Papier.
Die nächstfolgende, aus noch weiter außen befindlichen Schichten
der Papyrusstengel bereitete Sorte heißt die amphitheatrische. Aus
dieser stellt Fannius in Rom ein so vortreffliches Papier her,
daß das Erzeugnis seiner Fabrik fürstliches Papier heißt. Eine
geringere Qualität aus noch weiter außen befindlichen Schichten
der Papyrusstengel heißt die saitische nach der Stadt Sais (in
Unterägypten), wo eine schlechte Papyrussorte verarbeitet wird. Das
taniotische Papier kommt von den Schichten, die der Rinde noch näher
liegen, hat seinen Namen von einer Stadt und wird nicht nach der Güte,
sondern nach dem Gewichte verkauft. Das emporetische Papier taugt
nicht zum Schreiben, sondern bloß zum Einwickeln des guten Papiers
und anderer Waren. Die Breite der Papierbogen (~plagula~) ist sehr
verschieden. Die besten sind 13 Finger breit, die hieratischen 11,
die fannianischen 10, die amphitheatrischen 9, die saitischen sind
noch schmäler. Das emporetische Papier (Packpapier) ist nicht über 6
Finger breit. Außerdem kommt beim Papier die Feinheit, Dichtigkeit,
Weiße und Glätte in Anschlag. Zwanzig Papierbogen heißen im Handel
ein ~scapus~. -- Das augusteische Papier widerstand, wie es anfangs
zubereitet wurde, wegen seiner allzugroßen Feinheit dem Schreibrohr
nicht genügend, ließ auch die Schrift durchscheinen, so daß sie auf
der Rückseite an Lesbarkeit litt; es war auch so durchsichtig, daß es
nicht gut aussah. Diesen Fehlern hat Kaiser Claudius (Sohn des Drusus,
Stiefsohn des Augustus, 9 v. Chr. in Lyon geboren, ward 41 n. Chr.
nach Caligulas Ermordung von den Prätorianern zum Kaiser ausgerufen,
überließ sich ganz der Leitung seiner schlimmen Gemahlin Messalina und
der Freigelassenen Pallas und Narcissus, war schwelgerisch und träge,
doch Freund der Wissenschaften, errichtete große Bauten, wurde 54
durch seine zweite Gemahlin Agrippina mit einem Pilzgericht vergiftet)
dadurch abgeholfen, daß er die erste Lage auf dem Brette aus Schichten
zweiter Güte legen ließ und diese mit quergelegten Schichten erster
Güte decken ließ. Er vergrößerte auch die Breite der Bogen.“ Außer der
sehr feinen, weißen ~charta claudia~ und der ähnlichen noch glatteren
~charta fannia~ unterschied man später noch die ~charta salutatrix~ als
viel begehrtes Briefpapier, dann die ~charta macrocolla~ mit Blättern
in Form langer Streifen und die ~charta nigra~, ein schwarzes Papier,
auf welches die Schrift farbig aufgetragen wurde.
So versorgte Ägypten im Altertum das ganze ausgedehnte Römerreich mit
seinem Papier, das selbst den Weg nach Gallien und Britannien fand. Da
nun aber der Papyrus nicht alle Jahre gleich gut gedieh, gab es öfter
erhebliche Preisschwankungen und bisweilen sogar Papierteuerungen.
So schreibt derselbe Plinius: „Es gibt Jahre, in denen der Papyrus
mißrät. Unter Tiberius (geb. 42 v. Chr., Stiefsohn des Augustus, durch
Heirat der Kaiserstochter Julia im Jahre 12 v. Chr. Schwiegersohn des
Augustus, wurde 4 n. Chr. von Augustus adoptiert und regierte, nachdem
er im Jahre 14 nach des Augustus Tod vom Senat als Kaiser anerkannt
worden war, bis 37, da er am 16. März auf seinem Schloß auf Kapri
bereits im Todeskampf durch Macro mit Kissen erstickt wurde) trat
so großer Mangel an Papier ein, daß eigene Beamte vom Senat mit der
Verteilung desselben beauftragt wurden, weil sonst die ganze Verwaltung
in Verwirrung gekommen wäre.“
Welche Dimensionen der Anbau und Verbrauch der Papyrusstaude und die
Papierfabrikation im alten Ägypten angenommen haben muß, kann man aus
dem riesigen Nachlasse von Papyrusrollen und aus den Zeugnissen der
Schriftsteller des Altertums entnehmen. Der Geschichtschreiber Diodor
berichtet uns, daß schon Ramses II. der 19. Dynastie (1292-1225
v. Chr.) in Theben eine sehr umfangreiche Reichsbibliothek errichten
ließ. Berühmt war im Altertum die von Ptolemaios Philadelphos
(regierte 285-247 v. Chr.) außer dem Museion in Alexandrien errichtete
Bibliothek, die es auf die erstaunliche Zahl von 400000 Papyrusrollen
brachte und erst von den Arabern verbrannt wurde. Mit dieser
alexandrinischen rivalisierte unter Eumenes II. (regierte 197-159
v. Chr.) und Attalos II. (folgte seinem Bruder 159 und starb als
Verbündeter Roms 138 v. Chr.) diejenige von Pergamon in Kleinasien mit
damals schon 200000 Bänden. Dies erregte die Eifersucht des ägyptischen
Königs Ptolemaios VI. Philometor (der von 181-145 v. Chr. regierte)
dermaßen, daß er ein Gesetz gegen die Ausfuhr des Papiers aus seinem
Lande erließ. Dies nötigte dann Eumenes, das nötige Schreibmaterial
aus besonders präparierten und mit einer Kreideschicht überzogenen
Schaffellen herstellen zu lassen. Dieses gelangte als ~charta
pergamena~, d. h. pergamenisches Papier in den Handel, und daraus
wurde dann später die Bezeichnung Pergament. Dieser äußerst dauerhafte
Papierersatz spielte besonders im Mittelalter eine sehr wichtige Rolle
und hat sich zum Aufdruck von Doktordiplomen bis auf den heutigen Tag
im Gebrauch erhalten.
Die ägyptischen Papierfabriken, die unter Tiberius hoch besteuert
wurden, waren sehr gut eingerichtet und arbeiteten schon nach dem
Prinzip der Arbeitsteilung. Man unterschied da ~glutinatores~ (von
~gluteum~ Kleber), d. h. Leimer, ~malleatores~ (von ~malleum~
Hammer), d. h. Hämmerer usw. Während die Papyruspflanze bei den
alten Ägyptern ~natit~ hieß, nannten sie die Griechen wahrscheinlich
nach dem ägyptischen Wort ~papuro~, d. h. königlich, ~pápyros~. Für
den Bast der Papyruspflanze diente die schon bei Homer und dann bei
Herodot vorkommende Bezeichnung ~býblos~, woraus dann ~býblon~ für
Schriftrolle wurde. Aus dieser griechischen Bezeichnung machten die
Römer, die die Schriftrollen aus Ägypten durch griechische Vermittlung
erhielten, ihr ~biblium~ im Sinne von Buch, im Pluralis ~biblia~
lautend, und aus der Aufschrift ~biblia sacra~, d. h. heilige Bücher,
entstand dann unser Wort Bibel. Die einheimische alte Bezeichnung
der Römer für das Schriftstück war ~liber~, d. h. Bast, weil sie als
ältestes Schreibmaterial „den Bast einiger Bäume“, wie sich Plinius
ausdrückt, benutzten, später aber auch zum Privatgebrauch auf Leinwand
und auf Wachs schrieben. Aus dem lateinischen ~liber~ im Sinne von
Schriftstück ging dann die französische Bezeichnung ~livre~ für Buch
hervor, während die deutsche Bezeichnung dafür von Buche herrührt, aus
deren Holz die Stäbe genommen waren, in welche die alten Germanen die
Runen einschnitten, die man zu allerlei Zauber und zur Erforschung
der Zukunft benutzte. Die Buchenstäbe mit den verschiedenen Runen
wurden dann gemischt und ein einzelner, der gelten sollte, daraus
hervorgezogen. Das war dann der entscheidende Buchenstab, nach späterer
Redeweise: der Buchstabe, und die Gesamtheit derselben das Buch.
Die blühende Papierindustrie Ägyptens wurde nun nicht, wie dies
gewöhnlich behauptet wird, infolge der Eroberung durch die Araber
vernichtet, sondern diese setzten sie zunächst fort und brachten die
von ihnen aus Ägypten nach Syrien verpflanzte Papyrusstaude am Ende des
9. Jahrhunderts nach Sizilien, wo sie dieselbe in dem danach Papireto
benannten Flüßchen bei Palermo ansiedelten, um sie ebenfalls zur
Papierfabrikation zu verwenden. Dort wuchs sie reichlich bis zum Jahre
1591, in welchem auf Veranlassung des damaligen Vizekönigs die ganze
Gegend wegen des vom Papireto ausgehenden Wechselfiebers trocken gelegt
wurde und damit auch der Papyrushain verschwand. Noch jetzt heißt jene
Örtlichkeit ~piano del papireto~, d. h. Ebene des Papyrushains. Heute
findet sich der Papyrus in größeren Beständen nur noch am Flüßchen
Anapo bei Syrakus und im Süden und Osten jener Insel wild, häufig
jedoch als Zierpflanze in den Gärten der Reichen kultiviert. Die
Exemplare in den europäischen Gewächshäusern scheinen alle aus Sizilien
zu stammen, wo die Stengel des Papyrus nur noch zum Kalfatern der
Schiffe dienen.
Die Papyrusindustrie erlosch von selbst, als im Zeitalter der Kreuzzüge
durch die Vermittlung der Araber das chinesische +Büttenpapier+ nach
Europa kam und man es hier selbst darzustellen vermochte. In China
bediente man sich nämlich schon längere Zeit eines anderen Papieres
als in Ägypten, indem schon im Jahre 123 v. Chr. der Ackerbauminister
Tsai-lün aus dem Bast des Papiermaulbeerbaums, aus chinesischem Gras
und sogar aus den Fasern des Bambusrohres Papier zu bereiten lehrte.
Ums Jahr 610 n. Chr. kam diese Kunst nach Korea und Japan. Unter den
chinesischen Kriegsgefangenen, die im Jahre 751 n. Chr. nach dem
damals muhammedanischen Samarkand kamen, befanden sich auch solche,
die sich auf die Papierfabrikation verstanden. Hier wurden sie zur
Ausübung ihrer Kunst angehalten und fabrizierten Papier aus dem ihnen
dazu zur Verfügung gestellten Material. Hier haben die Araber zum
erstenmal leinene und baumwollene Lumpen, sogenannte Hadern, zur
Papierfabrikation benutzt, indem sie dieselben nach einer Mazeration
in Wasser in Mörsern zerstampften und zu Papier preßten. Später wurden
dann an Stelle von Menschenhänden vom fließenden Wasser getriebene
maschinelle Einrichtungen als sogenannte Papierstampfen von ihnen zu
Hilfe genommen und in der Folge zu eigentlichen Papiermühlen ausgebaut.