Eine noch sehr viel wichtigere Pflanzenfaser Ostindiens als die

ebengenannten ist die +Jute+, die ihren Namen von dem schon im Sanskrit

als ~djuta~ erwähnten indischen ~djut~ d. h. Faser erhielt. Zuerst

wurde dieser in Indien seit den ältesten Zeiten verwendete Faserstoff

durch den Engländer ~Dr.~ Roxburgh bekannt, der im Jahre 1795 an die

Direktion der ostindischen Handelsgesellschaft in London einen Ballen

Faserstoff sandte, den er als „Jute“ der Eingeborenen bezeichnete.

Aber erst im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts fand dieses neue

Flechtmaterial in England Beachtung, nachdem man um 1830 in Dundee

begonnen hatte, es in der Technik zu verwenden. Die Jute wird von

einer mit unsern Linden verwandten einjährigen Pflanze (~Corchorus

capsularis~) gewonnen, die im feuchtwarmen Klima Bengalens heimisch

ist und dort in großer Menge zur Bastgewinnung angepflanzt wird.

Für Bengalen und teilweise auch das benachbarte Assam spielt diese

Gespinstpflanze fast dieselbe Rolle wie die Baumwolle in den Südstaaten

der nordamerikanischen Union. Die Jutepflanze wird 1,5-4,6 m hoch

und gelangt in zwei Spielarten mit hellgrünen oder rötlichen Stengeln

und Blattrippen zum Anbau. An den 2-4 cm dicken Stengeln sitzen

gezähnelte Blätter und weißlich-gelbe Blüten in Trauben geordnet, die

runzelige, kirschengroße, kugelige bis zylindrische Kapseln liefern.

Man gewinnt die sehr festen Fasern von den vier Monate nach der im

März stattfindenden Saat geschnittenen Stengeln, indem man sie von

den Seitentrieben, Blättern und Stengeln befreit und in langsam

fließendem Wasser einer leichten Fäulnis unterwirft. Schon nach einigen

Tagen kann dann der Bast von dem leicht brechenden Holz und der

übrigen Rinde befreit werden. Die besten Sorten sind weißlichgelb bis

silbergrau, von seidenähnlichem Glanz, beim Anfühlen glatt und weich.

Die schlechten Sorten sind bräunlich, hart und holzig. Die Jutefasern

werden dann vermittelst hydraulischer Pressen in Ballen von 180 kg

zusammengepreßt, von denen Bengalen allein jährlich 5,6 Millionen

Stücke ausführt. Über Bombay gingen 1890 1500 Millionen kg derselben

im Werte von 160 Millionen Mark hauptsächlich nach England, um speziell

in Dundee zu gröberen Stoffen wie Decken, Portieren, Sofaüberzügen,

aber auch Hemden verarbeitet zu werden.

Vor wenig mehr als einem Jahrhundert trug die ärmere Bevölkerung

Bengalens noch ausschließlich aus selbst verwebten Jutefasern

hergestellte Kleider, die aber als etwas grob mit der Einführung

billiger europäischer Baumwollwaren mehr und mehr an Beliebtheit

einbüßten. Dafür stieg ihre Wertschätzung in Europa. Da nun

infolgedessen der Jutebedarf hier immer mehr steigt und die

Juteproduktion Bengalens trotz ihrer beständigen Steigerung nicht

genügt, so ist man bemüht, die Kultur der Jutepflanze auch anderwärts,

so in Deutsch-Ostafrika, einzuführen, wo das von der Pflanze verlangte,

gleichmäßig warme, feuchte Klima vorhanden ist und bei rationellerem

Anbau, als er in Nordindien gebräuchlich ist, sehr gute Resultate zu

erwarten wären.

[Illustration: Bild 62.

Die Jutepflanze (~Corchorus capsularis~).]

Sehr nahe verwandt mit dieser Jutepflanze ist die in Südchina

oder Hinterindien heimische ~Corchorus olitorius~, ebenfalls eine

einjährige, 1,5-3 m hohe Pflanze mit gelben Blüten, die sich

frühzeitig als Gemüsepflanze in Indien verbreitete. Sie kam dann

später durch die Perser nach Vorderasien und durch die Araber etwa zu

Beginn der christlichen Zeitrechnung nach Syrien und Ägypten und wird

jetzt noch im östlichen Mittelmeergebiet, wie auch in den Tropen der

ganzen Welt als Gemüsepflanze gebaut, während die Kultur dieser Art als

Faserpflanze auf Bengalen beschränkt blieb.

[Illustration: Bild 63.

Die Ramiepflanze (~Boehmeria tenacissima~).]

Ein ebenfalls sehr wichtiger südasiatischer Faserstoff ist die

+Ramie+, im malaiischen Archipel so genannt. Unter diesem Namen

lernten sie die Holländer in Java, wo sie schon lange in ziemlicher

Menge produziert wird, kennen und vermittelten sie den übrigen

Völkern Europas. In Indien heißt der Faserstoff ~rhea~ und in China

~tschu-ma~. Die seidenglänzenden, geschmeidigen, auffallend starken

Fasern wurden schon seit undenklichen Zeiten in Indien, Siam,

Kambodscha, Cochinchina, Südchina, Japan und der ganzen südasiatischen

Inselwelt zu allerlei Geweben, vom groben Segeltuch und Fischnetz bis

zum eleganten, feinen als Kantonseide oder Seersucker in den Handel

gelangenden Tuch, verarbeitet. Der erste Ballen davon kam 1810 nach

England. Er wird von einer 1,9-2,3 m hohen, ausdauernden, nicht

brennenden Nessel Ostasiens (~Boehmeria tenacissima~) gewonnen. Ein

Wurzelstock der Pflanze treibt bis zu 15 Stengel aus mit ziemlich

spärlichen, wolligen Blättern. Die Ernte erfolgt, sobald die Oberhaut

der Stengel dunkelbraun geworden ist. Die Fortpflanzung geschieht

durch Wurzelausläufer oder Stecklinge; die Pflege der in Reihen

gestellten Pflanzen beschränkt sich auf Lockerung und Reinhaltung

des Bodens von Unkraut. Sie wird hauptsächlich in China, Japan, den

Philippinen, Indien und im Süden der Vereinigten Staaten angebaut.

Das Rohmaterial für die besonders in Frankreich, dann auch in

Deutschland (Emmendingen) und in der Schweiz etablierten europäischen

Ramiespinnereien wird ausschließlich aus China bezogen.

Nicht minder häufig wird das von der nahe verwandten ~Boehmeria nivea~

gewonnene +Chinagras+ in ganz Ostasien, Indien und den Sundainseln

angepflanzt. Die durchschnittlich 1,5 m hohe Pflanze ist ebenfalls

ausdauernd und wird durch Wurzelstöcke vermehrt; sie besitzt auf der

Unterseite weißlich gefärbte Blätter. Unter günstigen Bedingungen in

den Tropen sind die in Mehrzahl aus einem Wurzelstock hervorgehenden

Stengel in 3-4 Monaten schnittreif und können daher zwei- bis dreimal

im Jahre geerntet werden. Sie liefern einen gelblichen Bast, der

gleicherweise einer leichten Verwesung unterworfen wird, bevor man

ihn nach England, wohin er vorzugsweise gelangt, zu „Grasleinen“

verarbeitet, aus welchem man außerordentlich dauerhafte gröbere und

feinere Gewebe herstellt. Chinas Ausfuhr davon beträgt durchschnittlich

11 Millionen kg jährlich, wovon Deutschland etwa 600000 kg im Wert

von über 400000 Mark einführt.

Alle Nesseln enthalten sehr feste Bastzellen in ihren Stengeln, weshalb

man sie früher, bevor man die besseren ausländischen Faserstoffe

einführte, auch bei uns als Gespinstpflanzen schätzte und sogenanntes

„+Nesseltuch+“ daraus herstellte. Einer der größten Gelehrten des

Mittelalters, Albertus Magnus (eigentlich Graf von Bollstädt,

1193-1280), ist der erste, der die gemeine Brennessel (~Urtica urens~)

als Gespinstpflanze erwähnt. Er nennt sie mit Flachs und Hanf zusammen,

fügt aber hinzu, daß Nesselgewebe auf der Haut Jucken verursache, was

flächsenes und hänfenes nicht tue. Neuerdings ist es nun einer Wiener

Firma gelungen, auf einfache, billige Weise die Brennessel zu einer

vorzüglichen Weberfaser zu verarbeiten. Aus 100 kg Nesseln werden

13 kg Fasern von sehr guter Qualität im Werte von 9 Kronen gewonnen.

Da sie die Festigkeit der Bastfasern und die Geschmeidigkeit der

Baumwolle besitzen, kann dieses billige inländische Material, das aus

dem an sonst für Kulturpflanzen unbenützbaren Orten wachsenden Unkraut

gewonnen wird, ganz gut mit der ausländischen Ramie konkurrieren.

Gleicherweise wurde einst aus dem 1-1,25 m hohen Stengel der

wildwachsenden +Malve+ (~Malva officinalis~) oder weißen Pappel

(mittelhochdeutsch ~papele~) eine Gespinstfaser gewonnen, die nach dem

Zeugnisse von Papias und Isidor, dem Bischof von Sevilla (gestorben

636), auch zur Herstellung von Kleidern verwendet wurde. Deren Blüten

geben eine weinrote Farbe, und wenn daher der um 800 v. Chr. lebende

Franke Angilbert von der Tochter Karls des Großen Gisala berichtet, sie

habe in einem malvenen Kleide geprangt, so kann damit sowohl der Stoff,

als die Farbe gemeint sein. Immerhin ist es wahrscheinlich, daß der

Stoff des Gewandes aus Malvenfasern bestand.

[Illustration: Bild 64. Stück einer aus Binsen geflochtenen Matte aus

dem neolithischen Pfahlbau von Wangen am Bodensee. (⅔ natürl. Größe.)]

[Illustration: Bild 65. Geflecht aus schmalen Riemen von Baumbast aus

dem neolithischen Pfahlbau von Wangen am Bodensee. (⅔ natürl. Größe.)]

In vorgeschichtlicher Zeit und im frühen Altertum trug man auch

bei uns in Europa aus +Baumbast+ verfertigte Kleider. So berichtet

der ums Jahr 50 n. Chr. lebende römische Geograph Pomponius Mela,

der uns eine Erdbeschreibung hinterließ, daß die Germanen teils

Wollmäntel, teils solche aus Baumbast trugen. Und wenn diese Sitte

auch nicht mehr aus späterer Zeit bezeugt ist, so hat doch die Sprache

wenigstens unverstandene Erinnerungen an den alten Brauch bewahrt.

Der Bast wurde vornehmlich von der Linde genommen, wie die noch spät

vorkommende Doppelbedeutung des Wortes ~lint~ als Lindenbaum und Bast

zugleich lehrt; und wenn altnordisch ~lind~ der Gürtel bedeutet, so

ist dieser eben in den ältesten Zeiten aus Lindenbast hergestellt

gewesen, wie gleicherweise eine noch späte Glosse (Erklärung eines

dunkeln, veralteten Wortes) ~limbus bast~ auf alte Verwendung dieses

Stoffes zu Kleiderbesatz und ein Zeitwort ~basten~, d. h. schnüren,

nähen, flicken, auf die Anwendung von Bastfaden in der Vorzeit deutet.

Noch heute ist dieses Wort als basteln für sorgfältiges Verrichten

von irgendwelcher feiner Handfertigkeit bei uns gebräuchlich. Zudem

weisen auf die alte Technik des Bastflechtens, die uns schon bei

den neolithischen Pfahlbauern der Schweiz in hoher Vollendung und

in den mannigfaltigsten Produkten wie Mänteln, Matten, Körben usw.

entgegentritt, zwei Wörter hin, die später gleichbedeutend mit weben

wurden, aber ursprünglich nur das enge Zusammenfügen und Verschlingen

der groben Baststränge gemeint haben können, nämlich dringen für

das Drehen und feste Anlegen des Flechtmaterials, wie noch mehrere

alte Belege verraten, später im Sinne zwischen Flechten, Wirken und

Weben schwankend, und ~briden~ für Zwängen, Zusammenfassen, das im

Mittelhochdeutschen aber sowohl für das Netzflechten, als für das

Bortenwirken und Stoffweben gebraucht wurde.

Den Baumbast als Flechtmaterial hat später die Leinfaser, und diese

dann zum größten Teil die Baumwolle verdrängt, welche heute das

am meisten benutzte Gespinstmaterial ist und deshalb wegen ihrer

ungeheuren Bedeutung für die heutige Menschheit in einem besonderen

Abschnitt gewürdigt werden soll. Sie ist aber durchaus nicht die

einzige technisch verwendete +Pflanzenwolle+. Eine solche liefern uns

verschiedene Wollbäume, die in den tropischen Wäldern der ganzen Erde

wachsen; sie kann aber wegen ihrer Sprödigkeit und der geringen Länge

ihrer Fasern kaum versponnen werden und wird deshalb seit langem von

den betreffenden Eingeborenen als Polstermaterial verwendet.

Die gebräuchlichste Pflanzenwolle außer der Baumwolle ist die

+Seidenbaumwolle+, im Sudan +Kapok+ genannt. Sie stammt vom

Seidenwollbaum (~Ceiba pentandra~), der nicht nur in Afrika überall

wächst, sondern auch in Brasilien, dann in ganz Südasien und

Indonesien, vorkommt. Hier pflanzen ihn die Eingeborenen nicht, da sie

ihren Bedarf an Seidenwolle von den wilden Beständen decken können.

Dagegen wird der Kapokbaum außer in Ostafrika in besonders ausgedehntem

Maße in Niederländisch-Indien, speziell Java, und neuerdings auch

auf Neuguinea als Nebenkultur auf Kaffee- und Teeplantagen, als

Stützbaum für Pfeffer und Vanille oder als Schattenbaum zur Einfassung

von Straßen an Wegrändern in etwa 5 m Abstand von den Europäern

angepflanzt. Er ist ein fast im ganzen Tropengürtel verbreiteter

großer Baum aus der Familie der Bombazeen mit starkem, geradem

Stamme und breiten, oberirdischen Brettwurzeln, aber sehr weichem,

von den Eingeborenen zu Kähnen ausgehöhltem Holz, dessen Rinde bei

jungen Bäumen mit starken Stacheln besetzt ist, handförmig geteilten

Blättern und in Büscheln angeordneten, ziemlich großen, weißen Blüten.

Die Frucht ist eine 15 cm lange und 6 cm dicke, länglichrunde,

gurkenähnliche, holzige, fünffächerige, braune Kapsel, welche in

fünf Klappen aufspringt. Darin sind die Samen in kugelige Bäusche

von weißen, seidenglänzenden Fasern eingebettet, welche sich beim

Öffnen der Frucht ausbreiten und zu deren Verbreitung durch den

Wind beitragen. Und zwar geht diese seidige Wolle nicht wie die der

Baumwolle von den Samen, sondern von der inneren Fruchtwand aus, sie

ist also keine Samenwolle, sondern ein Gewebe der Fruchtkapsel.

Da der Kapokbaum keinerlei Pflege beansprucht und in jedem Boden, im

Tieflande, wie in Höhenlagen bis 1000 m gedeiht, so ist seine Kultur

eine sehr einfache. Er verträgt reichliche Niederschläge und entwickelt

sich, wo ihm solche geboten werden, besonders üppig; aber er nimmt

auch mit spärlicherem Regenfall vorlieb und übersteht auch längere

Trockenzeiten verhältnismäßig gut. Er kann leicht durch Stecklinge, wie

auch durch Samen vermehrt werden und wächst sehr rasch. Im 4. Jahre

wird er zuerst tragbar, bringt aber selten vor dem 6. Lebensjahre

größere Erträgnisse. Ein großer Kapokbaum bringt jährlich 1000-1500

Wollkapseln zur Reife, die 1-1,5 kg reine Pflanzenwolle ergeben. Wenn

die Wollkapseln sich zu öffnen beginnen, werden sie geerntet, indem

sie mit langen Bambusstangen, an denen sich oben ein Häkchen befindet,

gepflückt werden. Man läßt sie dann auf einer reinen Unterlage in

der Sonne nachreifen, so daß sie sich ganz öffnen. Dann wird die

Seidenbaumwolle zugleich mit den Samen durch Frauen und Kinder aus

der Fruchtkapsel herausgenommen. Nachdem diese im Verlauf eines oder

einiger Tage an der Sonne völlig ausgetrocknet ist, wird sie entkernt,

was früher von Hand geschah, neuerdings aber durch Maschinen, wie sie

zur Entkernung von Baumwolle dienen, besorgt wird. Das wichtigste

Erzeugungsgebiet für Kapok ist Niederländisch-Indien, und zwar speziell

Java, das jährlich etwa 5 Millionen kg in den Handel bringt. Der

Hauptmarkt Europas dafür ist Amsterdam, wo das Kilogramm nicht unter 1

Mark zu haben ist.

Dem Kapok ähnlich, nur braun statt weiß, ist die Wolle der verwandten

~Ochroma lagopus~, ebenfalls eines großen Baumes mit gelappten Blättern

und an den Enden der Zweige stehenden großen Blüten. Die ganz analog

gebauten Früchte sind 20 cm lang und 5 cm dick. Die Wolle dieser

beiden Bombazeenarten eignet sich wegen ihrer Glätte und Kürze nicht

zum Spinnen, gibt aber ein ausgezeichnetes Polstermaterial für Möbel,

Matratzen, Kissen u. dergl., wird aber auch, da äußerst leicht, zur

Herstellung von Schwimmgürteln und Rettungsringen benutzt. Gepreßter

Kapok trägt nämlich das 36fache seines Gewichtes. Neuerdings findet er

auch in der Chirurgie statt Baumwolle Verwendung.

Die Samen vieler Pflanzen, z. B. des allbekannten Löwenzahns, sind mit

einem Haarschopf versehen, um vom Winde möglichst weit weggetragen

zu werden. Manche dieser Haarschöpfe bestehen aus langen, seidigen

Haaren, die bisweilen als +Pflanzenseide+ in den Handel kommen. In

Westindien und Südamerika wird solche Seide von ~Asclepias curassavica~

gewonnen. Eine Strophantusart Senegals liefert eine rötlichgelbe,

feine Seide. Die beste Pflanzenseide aber, die merkwürdigerweise am

wenigsten zur Verwendung gelangt, wird in Indien aus den Samenhaaren

von ~Beaumontia grandiflora~ gewonnen. Sie ist nicht nur rein weiß und

prächtig glänzend, sondern auch beinahe so fest wie Baumwolle, während

sich sonst die Pflanzenseide gerade durch ihre Brüchigkeit in Mißkredit

setzt. Die einzelnen Samenhaare sind bis 5 cm lang und lassen sich

leicht vom Samen abtrennen.

Während diese Seidenpflanze ungerechtfertigterweise so wenig beachtet

wird, ist eine andere Seidenpflanze, die aus Nordamerika stammende

~Asclepias syriaca~, eine unglückliche Liebe aller Produzenten, an

die immer wieder fruchtlose Spinnversuche verwendet werden, obgleich

die Unbrauchbarkeit der Faser zu Textilzwecken schon längst erwiesen

ist. Die unselige Pflanze, die auch als Zierpflanze in unseren Gärten

wächst, hat wohl ziemlich lange, schön glänzende Samenhaare in ihren

Balgkapseln, aber deren Brüchigkeit ist so groß, daß die Faser für

sich überhaupt nicht versponnen werden kann. Mit Baumwolle zusammen

versponnen, fällt die trügerische Seide beim ersten Waschen aus dem

Gewebe heraus. Nicht einmal zur Herstellung von Schießbaumwolle ist sie

geeignet, da sie nicht schnell genug abbrennt und zudem noch viel zu

viel Asche enthält.

Groben Pflanzenbast, den man für die Herstellung von Besen, Pinseln,

Bürsten u. dgl. mehr verwendet, liefern eine ganze Anzahl von Palmen

in der +Piassavefaser+. Es ist dies ein aus dem spanischen piaçaba

verändertes Wort für die Fasern der südamerikanischen Piassavepalme

(~Attalea funifera~), die zuerst in den Handel kamen; doch erhält

man heute solche Piassave auch von anderen Palmenarten, wie von der

westafrikanischen Weinpalme (~Raphia vinifera~), von der Palmyra-

und der Kitulpalme auf Ceylon (~Borassus flabellifer~ und ~Caryota

urens~) und von der madagassischen Palme ~Dictyosperma fibrosum~. Sie

besteht aus den oft mehr als 1 m langen, festen, bis bindfadendicken,

rotbraunen oder dunkelfarbigen Strängen, welche in großer Zahl

am Stamme dieser Palmen entspringen und entweder aufgerichtet

sind oder mit ihren Enden herabhängen, wobei sie den betreffenden

Palmstämmen ein überaus charakteristisches Aussehen verleihen. Diese

höchst eigenartigen Gebilde sind nichts anderes, als die äußerst

widerstandsfähigen Leitbündel (Blattadern) der Blattscheiden und

Blattstiele, welche auch nach dem Absterben und der Verwesung der

Blätter am Stamme erhalten bleiben.

Die südamerikanische Piassavepalme wird nirgends kultiviert, sondern

die Faser wird ausschließlich von wildwachsenden Bäumen geerntet.

Sie wächst in ganzen Hainen vorzugsweise auf sandigem Boden, ist

stammlos, mit großen, dickstengeligen Blättern, an deren Basis die von

den abgefallenen Blättern stehen gebliebenen, zerschlitzten, festen

Leitbündel eine Hülle von groben Borsten bilden. Nach dem Ablösen

wird die Masse zuerst einige Tage in Wasser aufgeweicht, bis das noch

daran hängende weiche Gewebe abgefault ist; darauf werden die Fasern

getrocknet, gereinigt, gehechelt, in bestimmte Länge geschnitten und

nach der Qualität sortiert. Die Piassavepalmenbüsche liefern je

5-10 kg Fasern jährlich und bleiben bei schonender Behandlung bis 30

Jahre lang ertragsfähig. Die Piassave dient zur Herstellung von Besen,

Bürsten und Seilerwaren. Zur Zeit der alten Kolonialherrschaft betrieb

die portugiesische Regierung die Herstellung dieses Erzeugnisses des

Landes Brasilien als Monopol, das für sie sehr einträglich war. Denn

außer der Piassave erzeugt die Palme eine große Anzahl nußartiger

Früchte, die dicht über dem Erdboden erscheinen und die Größe eines

Truthuhneis erreichen. Diese sogenannte Coquilhonüsse finden zur

Fabrikation von Knöpfen, Rosenkranzperlen, Zigarrenspitzen usw.

Verwendung. Außerdem gewinnt man von ihnen ein wertvolles Schmieröl,

das besonders für Uhren und ähnliche feine Mechanismen geeignet ist.

Hauptexporthafen der Erzeugnisse der Piassavepalme ist Bahia nördlich

von Rio de Janeiro, das jährlich etwa 140000 kg Fasern und 60000 kg

Nüsse exportiert.

Den besonders von den Gärtnern als geschmeidiges und dennoch sehr

starkes Material zum Binden ihrer Pfleglinge an Stützen verwendete

+Raphiabast+ gewinnt man von der an der ostafrikanischen Tropenküste

und auf Madagaskar wachsenden ~Raphia ruffia~. Es ist dies eine

hohe Palme mit 10-15 m langen Blättern, deren Fiedern oft 2 m

lang werden. Sie sind von mächtigen, mit den Epidermiszellen eng

verwachsenen Bastrippen durchzogen, die sich mit der Epidermis

(Oberhaut) in Streifen abziehen lassen. Man schneidet die jüngeren

Blätter ab, wenn sie im Begriffe stehen sich zu entfalten, entfernt

die Mittelrippen der Fiedern und zieht die Epidermis zuerst von

der Unterseite, dann von der Oberseite ab. Die erhaltenen 7-9 mm

breiten und 1-2 m langen sandfarbenen Streifen werden an der Sonne

getrocknet. So erhält man einen hellgelben, zähen und geschmeidigen

Bast von höchst bedeutender Zerreißungsfestigkeit, der zu allerlei

Flechtwerk und in der Gärtnerei als Material zum Binden und Okulieren

benutzt wird. Einzig gegen Feuchtigkeit ist er empfindlich. Den besten

Raphiabast liefert Madagaskar. Er wird in solcher Menge von dieser

Insel ausgeführt, daß man sich genötigt sah, die Ausfuhr durch ein

Gesetz zu beschränken, um einer Ausrottung der Palme vorzubeugen.

Die westafrikanischen Raphiaarten liefern zwar auch Raphiabast, doch

zerfasert dieser leichter als der ostafrikanische.

Technisch noch wichtiger als die eben genannten Faserstoffe ist die

im Handel als +Coïr+ bezeichnete +Kokosnußfaser+, die aus den äußerst

zähen und unverwüstlichen Leitbündeln besteht, welche in einer etwa

zwei Finger dicken Schicht die sehr hartschalige eigentliche Kokosnuß

mit drei Löchern an der Spitze umgiebt. Man gewinnt sie in allen

Ländern, welche Kokospalmen ziehen, so vor allem an den Küsten Indiens

und der indonesischen Inselwelt, als Nebenprodukt bei der Gewinnung der

als Kopra bezeichneten getrockneten, fetthaltigen Kerne, indem man nach

dem Öffnen der Nüsse die Faserschicht abschält und sie zur Isolierung

der Fasern im Wasser einer leichten Fäulnis aussetzt, ein Prozeß, der

zwischenhinein zur Beförderung der Ablösung derselben durch Klopfen mit

hölzernen Hämmern unterbrochen wird. Merkwürdigerweise erhält man bei

Anwendung von fließendem Wasser ein schöneres und helleres Material als

in stehendem Wasser. Auch der Salzgehalt desselben hat einen Einfluß,

indem die Fasern bei zunehmendem Salzgehalt dunkler rot werden. Tausend

Kokosnüsse ergeben bis 60 kg feine, zu Stricken und Tauen und zur

Herstellung von Matten, Läufern, Teppichen usw. verwendbare und bis

12 kg dicke, kürzere Fasern, aus denen man vorzugsweise Bürsten

und Pinsel verfertigt. Dieser Coïr ist entschieden die für gröbere

Geflechte wichtigste Pflanzenfaser, von der die Insel Ceylon allein

etwa 70 Millionen kg jährlich ausführt. Obschon außerordentlich fest,

ist er dennoch sehr leicht und gegen Wasser äußerst widerstandsfähig.

Daraus verfertigte Taue und Stricke sehen zwar nicht so schön aus wie

hänfene, nehmen auch keinen Teer an, aber sie schwimmen auf dem Wasser

und sind fast unverwüstlich, weshalb sie sich namentlich zu Ankertauen

sehr eignen. Für feinere Geflechte wird der Coïr an der Sonne oder

durch schwefelige Säure gebleicht.

Die harte Steinschale der Kokosnuß, die nicht nur von den Eingeborenen

zu allerlei Gefäßen und Schöpflöffeln, sondern wegen ihrer Festigkeit

und Dauerhaftigkeit in der ganzen Kulturwelt eine ausgedehnte

Verwendung für Drechsler- und ähnliche Arbeiten gefunden hat,

verspricht in der Zukunft den Coïr noch an Bedeutung zu übertreffen.

Auf der Suche nach einem Stoff, der besser und nachhaltiger als

Wasser, das seine radioaktiven Eigenschaften außerordentlich schnell

verliert, zur Aufspeicherung der Radiumemanation für ärztliche Zwecke

dienen kann, hat vor zwei Jahren ein amerikanischer Gelehrter,

Rutherford, gefunden, daß die aus der Kokosnuß hergestellte Kohle

die gasförmige Ausstrahlung des Radiums, Thoriums oder Aktiniums

ausgiebig aufzuschlucken und durch längere Zeit festzuhalten vermag.

Auf diesem Ergebnis hat ~Dr.~ Shober in Philadelphia weitere

Forschungen aufgebaut, die ergaben, daß Kokosnußkohle dreihundertmal

so radioaktiv ist als das Wasser und diese Eigenschaft wenigstens

zwei Wochen lang ganz beibehält. Die Herstellung der Radiumkokoskohle

ist sehr einfach und wenig kostspielig, da bei deren Bestrahlung

nichts von den kostbaren Radiumpräparaten verloren geht. Sie ist

ein vollkommen neutraler Stoff, der bei der innerlichen Darreichung

absolut harmlos und dennoch für manche Krankheitszustände sehr wirksam

ist, so daß dieser Umstand, nunmehr auf einfache und billige Weise

Radiumpräparate herzustellen, die Anwendung derselben in der Medizin

ganz außerordentlich erleichtert.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 7 / 81 段