Landbau weder Flachs noch Hanf. Der erste römische Schriftsteller,
der den Hanf erwähnt, indem er von einem hänfenen Strick spricht,
ist der ums Jahr 100 v. Chr. lebende Satiriker Lucilius. Nach ihm
erwähnt ihn der gelehrte Varro (116-27 v. Chr.) in seiner Schrift über
den Landbau. Er schreibt darin: „Hanf, Lein, Simsen (~juncus~) und
Spartgras (~spartum~) werden auf Feldern gezogen, um aus ihnen Stricke
und Seile anzufertigen.“ Das seit dem zweiten punischen Kriege (218-201
v. Chr.) von Spanien her bei den Römern als Bastpflanze aufgekommene
Spartgras (auch ~Esparto~, von ~Stipa tenacissima~), das bis auf
den heutigen Tag viel von Südspanien und dem westlichen Nordafrika
exportiert wird, schränkte den Anbau des Hanfes in Italien sehr ein.
Doch wurde er in der Zeit der römischen Kaiser stellenweise angepflanzt
und gedieh vortrefflich; denn der 79 n. Chr. beim Vesuvausbruch als
Befehlshaber der bei Misenum stationierten Heimatflotte umgekommene
ältere Plinius berichtet in seiner Naturgeschichte, daß in dem durch
seine Fruchtbarkeit berühmten Landstrich um Reate im Sabinerland der
Hanf baumhoch werde. Sein Anbau fand damals wie heute besonders in den
Niederungsdistrikten Italiens und Siziliens statt.
Nach dem nördlichen Europa verbreitete sich die Hanfkultur ziemlich
spät und nur strichweise, soweit das Klima milde und der Boden
humusreich und feucht ist. Die Pflanze wächst in größeren weiblichen
und kleineren männlichen Individuen. Merkwürdigerweise aber bezeichnet
der Deutsche die letzteren als Fimmel oder Femell (vom lateinischen
~femella~ Weibchen) und die ersteren als Mäschel (vom lateinischen
~masculus~ Männchen), wohl von der Vorstellung ausgehend, daß das
Kürzere und Schwächere weiblich und das Größere, Stärkere männlich
sein müsse. Der Hanf liebt wärmeres Klima als der Flachs und ist
gegen Kälte und Spätfröste sehr empfindlich. Da er aber nur eine
Vegetationsdauer von 90-105 Tagen hat, so läßt er sich in Europa noch
in den Küstenländern der Ostsee kultivieren. Am besten gedeiht er
auf tiefgründigem Humusboden. Man sät ihn, wenn keine Fröste mehr zu
befürchten sind, zieht die kürzeren männlichen Hanfpflanzen aus, sobald
deren Blätter gelb werden, ebenso nach weiteren 4-6 Wochen die höheren
weiblichen, wenn diese gelb zu werden beginnen. Die Gewinnung der zum
Verspinnen oder zur Seilfabrikation usw. bestimmten Fasern erfolgt im
allgemeinen in der beim Flachs angegebenen Weise durch Rotten, Brechen,
Schwingen und Hecheln. Die 1 bis 2 m langen Hanffasern sind weißlich
oder grau und weit gröber als die Flachsfasern; die darin enthaltenen
einzelnen Bastzellen sind 1,5 bis 2,5 cm lang und sehr hygroskopisch.
Die Hanfproduktion Europas und Nordamerikas beziffert sich auf etwa
500 Millionen kg. Davon entfallen auf Rußland 150, Italien 50,
Österreich-Ungarn 87, Frankreich, Deutschland und Vereinigte Staaten je
70 Millionen kg. In Rußland, wo der Hanf wie in Italien südlich vom
unteren Po zum Teil im Lande selbst zu Stricken, Tauen und Segeltuch
verarbeitet wird, gewinnt man als ein Hauptprodukt der Hanfkultur das
aus dem Samen gepreßte Hanföl, das allgemein besonders während der
langen und strengen griechischen Fasten als Speisefett dient. Natürlich
wird solches zu gewinnen in Italien verschmäht, da es an seinem
Olivenöl ein besseres Speisefett besitzt.
Von ausländischen Faserstoffen, die ähnlich wie Hanf verwendet werden,
ist zunächst der +bengalische Hanf+ zu nennen, der von einer bis 2 m
hohen, von Vorderindien bis Australien verbreiteten Leguminose mit
lanzettförmigen, seidenhaarigen Blättern und schönen, großen, gelben
Blüten (~Crotalaria juncea~) gewonnen wird. Aus deren Stengeln
bereitet man auf dieselbe Art wie bei unserem Hanf eine blaßgelbliche,
seidenglänzende Bastfaser. Sie wird deshalb seit alter Zeit fast
überall in Südasien, besonders in Indien, auf Java und Borneo
kultiviert.
Der gleichfalls zur Herstellung von Tauen und Stricken und anderen
Geflechten verwendete +Manilahanf+ stammt von der auf den Philippinen
heimischen Faserbanane (~Musa textilis~), die in großer Menge in
den vulkanischen Gegenden dieser Inselgruppe kultiviert wird. Die
wildwachsenden Pflanzen liefern zwar auch, aber nur sehr wenig
Faserstoff. Man hat diese nützliche Faserpflanze auch in anderen
tropischen Gegenden anzubauen versucht, aber nur mit geringem Erfolg.
So stammt diese Bastfaser, die nach dem Exporthafen Manila so heißt,
fast ausschließlich aus den Philippinen. Die Faserbanane hat im dritten
Jahre eine Höhe von 6 m und einen Stammdurchmesser von 18 cm erreicht
und wird dann vor der Blüte geerntet. Die gefällten Stämme läßt man
einige Tage liegen, um sie saftärmer zu machen und schneidet dann
die Fasern nach kurzer Röstung der Schäfte durch Handarbeit heraus,
indem man sie durch Eisenkämme hindurchzieht. Dadurch werden die
1-2 m langen verholzten Fasern, die aus kurzen, feinen Bastzellen
bestehen, rein gewonnen. Sie kommen in bräunlichen bis gelblichweißen
Strängen von seidenartigem Glanz in den Handel und dienen zur
Anfertigung von Seilerwaren und zu vielen Luxusartikeln, die besonders
geschätzt sind, wenn die Faser mit Seide verwebt wurde, was bei den
Manilataschentüchern u. dgl. der Fall ist. Wegen ihrer Leichtigkeit und
Haltbarkeit im Wasser werden aus ihnen auch Schiffstaue hergestellt,
doch sind sie schwerer zu verarbeiten als der Hanf. Da der Manilahanf
sehr billig ist, wird er von den Schiffern meist nur als Ballast
verladen. Die Insel Manila allein soll jährlich über 31 Millionen kg
davon ausführen. Ungefähr 14 Millionen kg gehen nach den Vereinigten
Staaten, besonders nach New York, etwa 6 Millionen kg nach England
und gegen 2,5 Millionen kg werden in Manila selbst zu Schiffstauen
von 1-15 cm Umfang und bis 200 m Länge verarbeitet. Gröbere und
zugleich geringere Sorten stammen von anderen Musaarten, besonders von
der überall in den Tropen angebauten gewöhnlichen Banane, dem Pisang.
Der +Mauritiushanf+ stammt von einer mächtigen, hohen Staude aus der
Familie der Amaryllideen (+Fourcroya gigantea+), die im tropischen
Mittelamerika heimisch ist und seit 1750 auf der Insel Mauritius, in
neuester Zeit auch in Ostindien zur Fasergewinnung kultiviert wird. Die
bis 2,5 m langen Blätter werden vom dritten Jahre an geerntet und
werden mit der Hand oder mit Maschinen verarbeitet.
Der Familie der Liliengewächse gehört der +neuseeländische Flachs+
(~Phormium tenax~) an, eine ausdauernde Pflanze, aus deren kurzem,
dickem Wurzelstock 1-2 m lange, 2-4 cm breite, graugrüne, lederartige
Blätter hervorsprießen. Sie wächst auf Neuseeland, der Insel Norfolk
und in verschiedenen Teilen Australiens wild, wird aber hier wegen
ihrer Fasern auch kultiviert. Seit alter Zeit dienen die Fasern
der Blätter zu Seilen, gröberen Bekleidungsstoffen und sonstigen
Geflechten, während der bittere Wurzelstock wie die Sarsaparille gegen
Skrofulose und Syphilis verwendet wird. Erst durch den englischen
Entdeckungsreisenden Cook wurde diese Faserpflanze nach 1769 bekannt.
Die durch Verfaulenlassen der Blätter gewonnene Rohfaser ist etwa 1 m
lang, gelblich, stellenweise weißlich und wird erst in Europa, und zwar
fast ausschließlich in England, gereinigt und zu Flechtereien wie Tauen
und gröberen Webereien, namentlich Segeltuch, verarbeitet. Diese sind
biegsamer und leichter als diejenigen aus gewöhnlichem Hanf und werden
selbst bei langem Liegen in Wasser kaum verändert.
Ebenso verhält es sich mit dem +Sanseveriahanf+, der aus den langen,
dickfleischigen, graugrünen, mit dunkleren Bändern quer gestreiften
Blättern einer in mehreren Arten im tropischen Afrika heimischen Lilie
der Gattung Sanseveria gewonnen wird. Am häufigsten wird in Westafrika
~Sanseveria guineensis~, in Ostafrika dagegen ~S. cylindrica~ und
~ehrenbergi~ ausgebeutet. In ihrer Heimat wachsen sie in großen
Beständen wild, meist auf steinigen Steppen im Schatten von Gebüsch;
um jedoch die Gewinnung zu erleichtern, werden sie an verschiedenen
Orten der Tropen kultiviert. Dabei sind sie höchst anspruchslos,
werden außer durch Samen meist durch Wurzelschößlinge, die in großer
Zahl um die Pflanze herum aufschießen, vermehrt und erreichen ein
hohes Alter, so daß eine Anlage erst nach vielen Jahren erneuert zu
werden braucht. Die Aufbereitung der Faser geschieht in mühsamer
Weise wie bei den vorgenannten Arten von Hand, könnte aber, wenn
Pflanzungen in größerem Maßstabe angelegt würden, weit einfacher durch
Maschinenbetrieb gewonnen werden. Die Kultur im großen würde sich sehr
lohnen, da die Sanseveria-Bastfasern von hervorragender Güte liefern.
Von Deutsch-Ostafrika wurden bis jetzt davon nur 154000 kg exportiert.
[Illustration:
Tafel 95.
Anpflanzung von Manilahanf (~Musa textilis~) in Mindanao auf den
Philippinen.]
[Illustration: Zum Trocknen aufgehängter Manilahanf auf San Ramon
auf der Insel Mindanao. (Beide nach einer in der Sammlung des botan.
Instituts der Universität Wien befindlichen Photogr. von ~Dr.~ Hans
Hallier.)]
[Illustration:
Tafel 96.
(Phot. Vincenti, Daressalam.)
Sisalagavenplantage in Deutsch-Ostafrika. Die der Blätter beraubten
Pflanzen haben Blütenschosse getrieben, womit ihre Daseinszeit zu Ende
ist.]
In Mexiko, besonders auf der Halbinsel Yucatan, wird die in
Mittelamerika heimische Sisalagave (~Agave rigida~) gebaut, so
genannt nach der Hafenstadt Sisal in Yucatan, die lange Zeit der
Hauptausfuhrort für den +Sisalhanf+ war. Derselbe wird von den bis
über 1 m langen, dicken, fleischigen Blättern der trockene Standorte
wie ihre Verwandten liebenden Agave gewonnen. Diese gehört zu den
Amaryllisgewächsen und entwickelt am Ende ihrer Vegetationszeit einen
holzigen Schaft von 3-5 m Länge mit rispenförmigen Blüten. Nach dem
Reifen der Früchte stirbt die Pflanze ab. Die Sisalagave wächst am
besten in tropischen und subtropischen Gebieten mit nicht zu großer
Feuchtigkeit und wird noch mit gutem Erfolg auf Boden angepflanzt,
der für andere Kulturgewächse zu schlecht ist. Dort gedeiht sie ohne
Pflege, nur muß anfänglich, solange die Pflanzen klein sind, das
Unkraut niedergehalten werden. Die Fortpflanzung geschieht entweder
durch Wurzelschößlinge, die vom dritten Jahre an als Triebe des
Wurzelstocks reichlich aus dem Boden hervorbrechen und nur abgegraben
und verpflanzt zu werden brauchen, oder durch zwiebelförmige
Brutknospen, die sich ebenfalls in großer Zahl, bis zu 3000, an der
Pflanze bilden, um abzufallen und ihre meist schon vorher gebildeten
Wurzeln in die Erde zu versenken. Ist die Pflanze fünf Jahre alt,
so können bis zu ihrem 15.-20. Jahre zwei- bis viermal jährlich die
ausgewachsenen Blätter abgeschnitten werden. An diesen werden dann
vermittelst einer Maschine die Fasern von den Fleischteilen des Blattes
abgetrennt, gereinigt, getrocknet und gebleicht, um als Sisalhanf in
den Handel zu gelangen. Dieser ist leicht, gelblich-weiß, glänzend,
stärker und elastischer als Hanf, härter und weniger biegsam als
Manilahanf, widersteht der Nässe, braucht also nicht geteert zu werden,
und erlangt unter Wasser sogar eine erhöhte absolute Festigkeit. Er
dient zur Herstellung von Tauen, Segeltuch, Packtüchern, Teppichen,
Papier und als Indiafaser zum Polstern. Mexiko führt davon jährlich
500000 Ballen im Werte von 40 Millionen Mark aus. Seine Kultur ist
neuerdings auch in den deutschen Kolonien, besonders Ostafrika, aber
auch Neuguinea eingeführt worden. Diese führten schon 1907 für 2,2
Millionen Mark aus. Seitdem hat sich die Produktion noch wesentlich
gehoben. Im Jahre 1908 wurden in Ostafrika allein die vorhandenen
Sisalpflanzungen auf 10355 Hektar mit 24 Millionen Pflanzen geschätzt
und kamen fast 3 Millionen kg Sisalhanf im Werte von über 2 Millionen
Mark zur Ausfuhr.
Von einer verwandten Agave, der in Mexiko heimischen ~Agave
heteracantha~, die dort vom Volke ~lechuguilla~ genannt wird,
stammt die im Lande selbst als ~ixtli~, bei uns aber nach dem
Hauptausfuhrhafen Tampico meist als +Tampicofaser+ bezeichnete, zwar
grobe und kurze, aber äußerst haltbare und starke Faser. Sie wird durch
Abschaben der fleischigen Blätter, solange diese noch grün und saftig
sind, gewonnen. Die Faserbündel werden dann ausgehoben, gewaschen, an
der Sonne getrocknet, mit einem Holzkamme wie Frauenhaar gekämmt, in
verschiedenen Längen zu Strähnen gebunden und in Ballen verpackt. Die
Ausfuhr beträgt über 3 Millionen kg jährlich.
Im Gegensatz zu ihr steht die fast ausschließlich in Zentralamerika
von verschiedenen Bromeliazeen aus der engsten Verwandtschaft der
Ananas, besonders von ~Bromelia karatas~ gewonnene +Pitafaser+ oder
das +Hondurasgras+. Aus diesem sehr feinen und festen Faserstoff hat
man früher den sogenannten Ananasbattisthergestellt, während man sich
heute damit begnügt, ihn zu gröberem Flechtwerk zu verwenden. Die
ihn liefernde waldbewohnende Faserpflanze wird nirgends eigentlich
kultiviert. In Mexiko, wo sie auch vorkommt, besteht die ganze Pflege
darin, daß im Walde das Unterholz abgebrannt wird, um den Schößlingen
Platz zu machen, die nach ihrer Anpflanzung sich selbst überlassen
bleiben. Die Besitzer stellen sich nur zur Ausbeutung ein und lichten
vielleicht bei dieser Gelegenheit den Bestand aus, wenn er durch das
Emporschießen von Schößlingen zu dicht geworden ist. Auch auf der
Halbinsel Malakka und den Philippinen wird eine wilde Ananas, wie
anderwärts die als Obst kultivierte eßbare Ananas zur Gewinnung von
Fasermaterial benutzt.
Ein uralter, schon den alten Römern als ~spartum~ bekannter und von
ihnen vielfach zu allerlei Flechtwerk verwendeter Faserstoff rührt vom
sehr zähen +Pfriemengras+ (~Stipa tenacissima~) her, das in den dürren,
beinahe Wüstencharakter aufweisenden, außerordentlich regenarmen und
lufttrockenen Steppen Algeriens, Marokkos und Südspaniens heimisch
ist und von den dortigen Eingeborenen seit Urzeiten zu allerlei
Flechtwerk benutzt wird. So werden heute noch wie im Altertum von der
armen Bevölkerung daraus die als einziges Kleidungsstück dienenden
Schürzen, wie auch die Sandalen, Tragtaschen und Stricke angefertigt,
die von einer geradezu unverwüstlichen Dauerhaftigkeit sind. Die
Römer lernten dieses außerordentlich feste Flechtmaterial von den
Karthagern kennen, die es ausgiebig zu mancherlei Flechtwerk, auch
zur Herstellung von Schiffstauen für ihre zahlreichen Handels- und
Kriegsschiffe, verwendeten. Seit dem 2. punischen Kriege (218-201
v. Chr.) machten sie sich die im 1. punischen Kriege bei den Karthagern
gemachten Erfahrungen mit diesen fast unzerstörbaren Tauen und Netzen
zunutze. So berichtet der römische Geschichtschreiber Livius aus Padua
(59 v. bis 17 n. Chr.) folgende Episode aus dem zweiten punischen
Krieg, als Scipio gegen Hannibals Bruder Hasdrubal kämpfte, 210
v. Chr. Neu-Karthago und 206 das ganze von den Karthagern innegehabte
Südostspanien eroberte: „Während die Römer in Italien gegen Hannibal
kämpften, sandten sie eine Kriegsflotte nach Spanien; diese verwüstete
die Gegend um Neu-Karthago und fand nicht weit von da zu Longuntica
eine gewaltige Menge von getrocknetem Pfriemengras (~spartum~), das
Hasdrubal dort für den Bedarf seiner Schiffe angehäuft hatte. Die Römer
nahmen von dieser Beute, soviel sie brauchen konnten, und verbrannten
das übrige.“ Der ältere Cato, der unversöhnliche Gegner des nach dem
zweiten punischen Kriege wieder aufblühenden Karthago (234-149 v. Chr.)
sagt in seinem Buche über Landwirtschaft, der Landmann müsse aus
~spartum~ geflochtene Seile und Körbe haben, und der Gelehrte Varro
(116-27 v. Chr.) meint: „Der Landwirt muß Hanf, Lein, Binsen und
~spartum~ pflanzen, um daraus Schnüre, Stricke und Seile zu drehen.“
Der aus Spanien gebürtige römische Ackerbauschriftsteller Columella
um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. schreibt: „Wenn die Klauen
eines Ochsen an Entzündung leiden, so schützt man sie durch einen aus
~spartum~ geflochtenen Schuh (~solea spartea~)“, ferner: „Bei der
Olivenernte braucht man außer vielen andern Dingen Seile von Hanf und
von ~spartum~.“
Das von den Spaniern ~esparto~, von den muhammedanischen Nordafrikanern
~halfa~ genannte Pfriemengras mit sehr faserreichen, zähen Blättern
gedeiht auf trockenem, kalkhaltigem Boden am besten; auf sehr sandigem
Boden liefert es eine noch kräftigere, aber kürzere Faser. Es erhebt
sich nicht über 1000 m, treibt im Binnenlande längere und weißere,
aber dünnere und schwächere Fasern als an der Küste, wächst in Büscheln
und pflanzt sich so leicht fort, daß auf dem Boden, von dem es einmal
Besitz ergriffen hat, endlose Ernten eingeheimst werden können. Das
ist die Ursache, weshalb diese Grasart trotz ihrer großen Wichtigkeit
als Faserpflanze nirgends kultiviert wird. Man überläßt ihr einfach
das Gelände, auf dem sie sich angesiedelt hat, und denkt nicht daran,
ihr irgend welche Pflege angedeihen zu lassen. Die Blätter werden zur
Zeit der Reife im Mai und Juni meist noch durch Ausreißen mit den
Händen, indem man sie zum festeren Anpacken um einen Stock wickelt,
geerntet, getrocknet und, in Bündel gebunden, in den Handel gebracht.
Die wichtigste Bezugsquelle ist Algerien, das aus dem über 400 km
langen und 170 km breiten, in den Departements Oran und Algier
gelegenen sogenannten Halfameer jährlich über 100 Millionen kg im
Werte von 10 Millionen Mark bezieht. Nach ihm kommt Spanien mit etwa
48 Millionen kg und hernach Tunis und Tripolis mit immer zunehmenden
Massen. Die Hauptmenge gelangt zur Papierfabrikation nach England, ein
großer Teil wird nach Frankreich, hauptsächlich Marseille, verschifft,
um zu grobem Packtuch, Matten, Körben und Seilerartikeln Verwendung
zu finden. Wie in Nordafrika, so gelangt dieses Rohmaterial auch in
Spanien zu einer sehr vielseitigen Verarbeitung. Unter den hier daraus
verfertigten Gegenständen sind namentlich die dünnen aber starken, in
den Bergwerken verwendeten Seile, sowie die sehr dauerhaften Sandalen
zu nennen, die nicht bloß im eigenen Lande überall von der ärmeren
Bevölkerung getragen, sondern auch in Menge exportiert werden.
Kein eigentliches Gras, sondern ein grasartiges Nixenkraut (Najadazee)
ist das in wenig tiefem Wasser an den Küsten von Europa, Kleinasien,
Ostasien und Nordamerika in dichten Beständen, wiesenartig weite
Flächen bedeckend, wachsende +Seegras+ (~Zostera marina~). Nach
heftigen Stürmen werden oft sehr große Massen von ihm, zum Teil mit
den Wurzeln, ausgerissen, bei abstillender See ans Land geschwemmt und
hier zu ganzen Haufen aufgetürmt oder zu Kugeln geformt. Wie so manche
andere Meergewächse hat es lange fadenförmige Pollen (Blütenstaub),
die im Meere umhertreiben, bis sie von den Narben angezogen und
festgehalten werden. Getrocknet dient es an Stelle der teuren
Pferdehaare zum Stopfen und Polstern von Matratzen, Betten, Möbeln
usw., daneben wird es auch verbrannt und zur Gewinnung von Soda benutzt.
Als vegetabilisches Roßhaar, Baumhaar, Caragate oder +Tillandsiafasern+
kommen die durch Rotten im Wasser ihrer Hautgewebe entkleideten
silberweißen, fadenförmigen, 0,5-1 m langen Luftwurzeln der als
Greisenbart bezeichneten Bromeliazee ~Tillandsia usneoides~ in Form von
schwarzbraunen, dem Roßhaar ähnlichen Fasern von 1 mm Dicke in den
Handel, um ebenfalls an Stelle von Roßhaar zum Stopfen von Matratzen
und Polstern von Möbeln, wie auch zum Verpacken von Glaswaren benutzt
zu werden. Dieses als Überpflanze auf Bäumen lebende Ananasgewächs
kommt im ganzen warmen Amerika von Argentinien bis Carolina in den
Vereinigten Staaten vor und bedeckt in den Wäldern oft in ungeheuren
Mengen weithin die Baumäste, indem es seine dunkeln, roßhaarähnlichen
Zweige wie Bartflechten um sie spinnt und die die Nahrung und das
Wasser aus der Luft an sich reißenden Luftwurzeln tief herabhängen
läßt. Letztere werden neuerdings in Menge gesammelt und kommen
besonders aus den Südstaaten Nordamerikas als Louisianamoos in den
Handel.
In Westindien und Brasilien wird von dem unserem Seidelbaste nahe
verwandten Strauche ~Funifera utilis~, der vielfach zur Fasergewinnung
angepflanzt wird, der einem Spitzengewebe ähnliche rahmweiße, als
Spitzenrinde bezeichnete Bast zum Flechten von Frauenhüten, Kragen und
anderen Gegenständen verwendet, während derjenige des in Ostindien auf
trockenen, felsigen Hügeln wachsenden Strauches ~Marsdenia tenacissima~
aus der Familie der Asklepiadazeen oder Seidenpflanzengewächse als
Jiti oder +Rajmahalhanf+ viel gebraucht wird. Er ist nicht so kräftig
wie unser Hanf, übertrifft ihn aber an Elastizität bedeutend. Seine
häufigste Verwendung ist die zu Fischnetzen, denn dieser Faserstoff
besitzt eine sehr große Widerstandsfähigkeit gegen Feuchtigkeit.
Ein anderer, grober Faserstoff ist der als +Dunchi+ bezeichnete Bast
eines südasiatischen, bis 2,4 m hohen Strauches ~Sesbania aculeata~
aus der Familie der Leguminosen, der in Indien und China auf nassem
Boden und ohne Sorgfalt, die er auch nicht beansprucht, kultiviert
wird. Bisweilen kommt er auch unter dem in Bengalen üblichen Namen
Jayanti in den Handel.
Der Bast des auf Tahiti ~roa~ genannten strauchartigen Nesselgewächses
~Urtica argentea~ liefert die blendend weißen, glänzenden, zu
Seilerartikeln und Luxusgegenständen verarbeiteten +Roafasern+, während
die ebenfalls überall in Ozeanien anzutreffenden Schraubenpalmen
~Pandanus utilis~ (ursprünglich in Madagaskar zu Hause) und
~odoratissimus~ (deren wohlriechende, schon in den ältesten indischen
Sanskritgedichten unter dem Namen ~kekata~ erwähnten Blüten mit
Öl ausgezogen ein in Indien sehr geschätztes Parfüm liefern) die
sehr zähen, zur Anfertigung von Matten und Seilen verwendeten
+Pandanusfasern+ liefert.
Häufig wird in verschiedenen Gegenden Ostindiens die daselbst heimische
einjährige Hanfrose ~Hibiscus cannabinus~ angepflanzt. Diese bis 2,4 m
hohe strauchartige Eibischart mit stacheligem Stengel liefert in den
tief gelappten, säuerlich, etwas herb und schleimig schmeckenden
Blättern ein von den Eingeborenen häufig gegessenes Gemüse, aus den
Samen wird Brenn- und Speiseöl gepreßt, während der braune, rauhe Bast
der Stengel, der schon in der Sanskritliteratur als ~nalika~ erwähnt
wird, als geschätztes Spinn- und Flechtmaterial dient. Es ist dies
der als +indischer+ oder +Gambohanf+, der auch als Jute von Madras
in allerdings mangelhafter Zubereitung in den Handel gelangt. Er ist
weich und geschmeidig, weiß mit einem Stich ins Graugelbe, und besteht
aus wenig glänzenden, feinen und gröbern, 10 bis 90 cm langen, aber
nicht sehr festen Fasern. Obschon mehr dem Flachs und den besseren
Hanfsorten als der Jute ähnlich, wird er auch Bastardjute genannt und
bisweilen der Jute beigemengt. Obgleich die Hanfrose das ganze Jahr
hindurch wächst, wird sie doch nur in der kühlen Jahreszeit gesät. Drei
Monate danach steht sie in Blüte und muß dann zur Gewinnung des Bastes
geschnitten werden.
Ihm sehr ähnlich und nicht selten unter seinem Namen gehend ist der
von einer nahe verwandten Eibischart, ~Hibiscus sabdariffa~, gewonnene
+Rosellahanf+, dessen Hauptproduktionsgebiet die Präsidentschaft
Madras in Südindien ist. Deren Blätter dienen als Salat, während
die fleischigen Blütenkelche von angenehm säuerlichem Geschmack in
Ostindien zur Bereitung von Gelee und Torten, in Westindien, wohin die
Nutzpflanze neuerdings gebracht wurde und ebenfalls ziemlich häufig
angepflanzt wird, auch als Bestandteil von kühlenden Getränken benutzt
wird.