Es konnte nun nicht fehlen, daß verschiedene aus Linnen bestehende

Handelsartikel, vornehmlich Tücher und Kleider, durch den

regen Schiffsverkehr der Griechen frühzeitig auch nach Italien

hinübergebracht wurden. Nach Diogenes von Laerte soll zur Zeit, als der

von Samos gebürtige griechische Philosoph Pythagoras nach Kroton in

Unteritalien übersiedelte -- es war im Jahre 529 v. Chr. --, das Tragen

des ionischen Linnenkleides daselbst noch ungebräuchlich gewesen sein,

so daß sich Pythagoras wie alle übrigen Einwohner jener Stadt in weiße

Wolle kleidete. Dagegen berichtet uns der römische Geschichtschreiber

Livius, daß die Etrusker um Veji nach der Mitte des 5. Jahrhunderts

v. Chr. sich linnener Panzerhemden bedienten, oder daß wenigstens ihr

König, wenn er zu Pferd in die Schlacht zog, einen solchen trug. Denn

als A. Cornelius Cossus den König Tolumnius von Veji in der Schlacht

tötete, weihte er dessen ~thorax linteus~ dem Tempel des Jupiter

~feretrius~ auf dem Kapitol in Rom, wo ihn Kaiser Augustus noch sah und

die Weihinschrift las, als er den genannten Tempel, der zu verfallen

drohte, wieder herstellte. Und von einer anderen etruskischen Stadt,

Tarquinii, meldet er, daß sie gegen das Ende des zweiten punischen

Krieges, der von 218-201 v. Chr. dauerte, Leinwand zu Segeln an die

damals neu zu erbauende römische Flotte beisteuerte. Derselbe Livius

berichtet von den tapferen, das Hochland des Appennins bewohnenden

und kulturell von den Etruskern stark beeinflußten Samniten, die in

drei Kriegen (343-341, 326-304 und 298-290 v. Chr.) gegen die Römer

kämpften, bis sie von ihnen 290 unterworfen wurden: „Als die Samniten

den Entschluß gefaßt hatten, auf Tod und Leben gegen die Römer zu

kämpfen, warben sie 40000 Mann, umzäunten mitten im Lager einen Platz

von 200 Schritt Durchmesser, bedeckten ihn mit linnenen Tüchern und

ein alter Priester las beim Opfer aus einem alten linnenen Buche vor.“

Es hatte also die weiße Leinwand an sich schon etwas Sakrales, und

derselbe Autor bemerkt in seiner Geschichte Roms mehrmals, daß auch bei

den Römern die ältesten Urkunden und Verträge auf Leinwand geschrieben

seien und in Tempeln aufbewahrt würden.

Als dann die Römer die Erbschaft der Samniten und der Griechen

übernahmen, wurden auch die orientalischen Linnenkleider, wenigstens

bei den Vornehmen, die sich solchen Luxus leisten konnten, Sitte. Aber

bis weit in die Kaiserzeit hinein waren solche nicht Erzeugnisse der

heimischen Industrie, sondern fremde Importware, die um schweres Geld

vom Morgenlande eingehandelt werden mußte. So führt der römische Redner

und Schriftsteller Cicero (106-43 v. Chr.) in einer seiner berühmten

Reden gegen Gajus Verres, der als Statthalter von Sizilien während der

Jahre 73-71 nicht weniger als 40 Millionen Sesterzien (= 6 Millionen

Mark) aus jener Provinz erpreßt hatte und darob im Jahre 70 angeklagt

wurde, neben dem Purpur von Tyrus, Weihrauch, wohlriechenden Essenzen,

feinen Weinen, geschnittenen Steinen und Perlen auch Linnenkleider als

Gegenstände des verschwenderischen Luxus seiner Zeit an, so wie wir

etwa sagen würden: Diamanten und Spitzen. Aber nicht nur sich selbst

kleideten die vornehmen Römer in diese kostbaren Erzeugnisse der

morgenländischen Industrie, sondern auch ihre Geliebten, jene gefällige

Freundinnen, deren körperliche Reize durch die purpurfarbigen und

goldgestickten, infolge ihrer Feinheit schleierartig durchsichtigen

linnenen Gewänder von Tyrus, Kos und Amorgos, den berühmtesten Zentren

ihrer Herstellung, mehr verraten als verhüllt wurden. Selbst die

Dienerschaft trug kostbares Linnen, so besonders die jungen Sklaven,

die bei den schwelgerischen Gastmählern servierten.

Mehr und mehr wurde die fremde Leinwand zumal im Rom der Kaiserzeit

populär. Um das zuschauende Volk vor der Sonne zu schützen, ließen

reiche Magistrate und Cäsaren Schutzdächer aus Leinwand über die

Theater und Amphitheater wie auch über die Gerichtsstätte, das Forum,

spannen. Beim Wechsel der Mode, über den schon früh, noch zur Zeit der

Republik, geklagt wurde, erschienen stets wieder neue Kleiderformen,

Tücher, Binden usw. aus Leinenstoff, so beispielsweise der ~supparus~.

Ursprünglich war dies die Bezeichnung eines kleinen Segels, dann

eines Frauengewandes; denn, wie in Athen, bürgerten sich in Rom und

in dessen westlichen und nördlichen Provinzen jeweilen zuerst linnene

Frauengewänder vor solchen für die Männer ein. Dann wurde es vornehme

Sitte, ein Stück feines Linnen als Schmucktuch in oder an der Hand

zu tragen, ganz nach Art jener „Handtücher“ im ursprünglichen Sinne

des Wortes, die auch die vornehmen Griechen zu Herodots Zeit im

5. vorchristlichen Jahrhundert getragen hatten. Dieses, nach dem

damit abzutrocknenden Schweiße als ~sudarium~ bezeichnete feine,

weiße Linnentüchlein wurde als ~manipulum~ (von ~manus~ Hand, also

„Handtuch“) nicht nur die ganze römische Kaiserzeit hindurch als Zierde

und Auszeichnung des vornehmen Standes getragen, sondern dann auch

von den Byzantinern übernommen. Auf allen Darstellungen des höfischen

Lebens jener Zeit, von denen diejenigen auf den berühmten Mosaiken der

Kirche San Vitale in Ravenna mit der Darstellung des Kaisers Justinian

und seiner Gemahlin Theodora die bekanntesten sind, tritt uns bei den

vornehmen Männern des kaiserlichen Gefolges dieses viereckige, feine,

weiße Linnentüchlein außen am Gewand angeheftet entgegen. Und während

es bei uns in die erst später erfundenen Gewandtaschen wanderte, um als

gemeines Taschentuch einem praktischen Zwecke zu dienen, hat es in der

Hand der Dorfschönen besonders bei den Südslawen als Ziertuch immer

noch den alten Adel gewahrt. Die konservativste aller menschlichen

Einrichtungen, die Kirche, hat dieses alte „Handtuch“, das ~manipulum~

der spätrömischen Zeit, als ein Stück gestickten Brokats am Arme des

katholischen Meßpriesters erhalten, während es in der griechischen

Kirche zum Orarion umgebildet wurde.

In den luxuriösen Bädern des alten Rom dienten dichtgewebte

Leinwandtücher zum Abtrocknen und als Tischdecken. Letztere waren

unter dem Namen ~mantelia~ oder ~mantela~ dazu bestimmt, den aus

kostbarem Holz -- meist ~citrum~, d. h. harzreichem, duftendem Holz

verschiedener Koniferenarten, besonders einer auf dem Atlasgebirge in

Afrika wachsenden Zypresse -- bestehenden Tisch gegen Beschädigungen

der beim Speisen aufgetragenen Schüsseln zu schützen. Solche nahmen die

germanischen Barbaren bei ihren räuberischen Einfällen in römisches

Gebiet an sich und benutzten sie als willkommene Umschlagtücher, deren

lateinische Bezeichnung zum deutschen Mantel wurde.

Auch die in Theater und Amphitheater ausgespannten großen Tücher zum

Spenden von Schatten waren aus Leinen verfertigt. Plinius (23-78

n. Chr.) erzählt uns darüber: „Der erste, der solche Tücher aus

Leinwand ausspannte, war Lentulus Spinther bei den Apollinischen

Spielen im Theater. Dann spannte der Diktator Cäsar über das ganze

Forum, ferner über die Heilige Straße von seinem Hause bis an das

Kapitol eine Leinwanddecke aus. Auch Marcellus, Schwestersohn des

Augustus, hat das Forum mit einer Leinwanddecke überzogen. Neulich

haben sogar himmelblaue, mit Sternen übersäte leinene Segeltücher

im Amphitheater des Nero gehangen; die über den Höfen seines Hauses

sind rot.“ Später wurde noch weit größerer Prunk mit diesen als ~vela~

bezeichneten Sonnentüchern getrieben.

Trotz allem Fortschreiten des Luxus, der große Mengen von Leinwand

bedurfte, hat aber Italien südlich von Rom -- und dieser Teil der

Halbinsel war ja in den ersten Zeiten der römischen Weltherrschaft

gerade der zunächst gebende und empfangende, derjenige, auf den

gleichsam das Gesicht der Hauptstadt gerichtet war und über den der

Weg in die wichtigsten Provinzen des römischen Reiches führte -- auch

in späterer Zeit nur verhältnismäßig sehr wenig Flachs angebaut. Der

149 v. Chr. gestorbene ältere Cato, der unversöhnliche Gegner des nach

dem zweiten punischen Kriege (218-201 v. Chr.) wieder aufblühenden

Karthago, erwähnt in seinem Buche über die Landwirtschaft nicht einmal

den Flachs. Auch Columella, der römische Ackerbauschriftsteller des 1.

Jahrhunderts n. Chr., legt dieser Kultur keinen Wert bei. Er erwähnt

zwar den Flachs, aber er zählt ihn mit Bohnen, Linsen, Erbsen und

anderen Arten von ~legumina~, also Gemüsen, zur Gewinnung von Leinsamen

zu Speisezwecken auf. Erst der im Jahre 79 n. Chr. beim Vesuvausbruche

umgekommene ältere Plinius lenkt die Blicke seiner Landsleute auf

die Asien und Ägypten seit langem bereichernde Leinkultur, für die

sich auch Italien eignen würde. Aber in diesem Lande gab sich nur

der ehemalig etrurische und keltische nördliche Teil eingehender mit

dieser Kultur ab. So sagt Plinius in seiner Naturgeschichte: „Die

Anwendung des Leins erstreckt sich über alle Länder und Meere, denn

mit Hilfe leinener Segel schiffen wir von der sizilischen Meerenge in

6-9 Tagen nach Alexandrien, von Gades (Cadix in Spanien) in 7 Tagen

nach Ostia (an der Tibermündung), aus Afrika dahin in 2 Tagen. Die

Leinpflanze wächst aus einem ganz unbedeutendem Samen und muß, wenn sie

dem Menschen dienen soll, erst bis zur Feinheit der Wolle verarbeitet

werden. Damit weben die Ägypter, Gallier und Germanen leinene Segel.“

Berühmt durch seinen Flachsbau war schon im 1. Jahrhundert n. Chr.

Spanien, aus dem überaus feines Linnen besonders nach Rom ausgeführt

wurde. Hier muß diese Kultur schon alt gewesen sein; denn der

Geschichtschreiber Livius berichtet, daß die Iberer in der Schlacht

bei Cannae (216 v. Chr.), jenem glänzenden Siege Hannibals, in dessen

Gefolgschaft sie gegen die Römer kämpften, nach Landessitte farbig

gesäumte Linnenröcke trugen. Nach Strabon trieben besonders die

Emporiten eine ausgedehnte Leinwandindustrie, und trugen die wilden,

räuberischen Lusitanier im heutigen Portugal Linnenharnische. Plinius

rühmt die feinen Siebe aus Flachsfäden als ursprünglich spanische

Erfindung und nennt die ferne Stadt Zoelae am Strande des Atlantischen

Ozeans im Lande der rohen Asturer als Flachs bauend. Besonders berühmt

für ihr feines Leinen war Saetabis und Tarraco (die heutigen Städte

Xativa und Tarragona), wo das Produkt die phönikische Bezeichnung

~carbasus~ trug, die ihrerseits wiederum mit dem indischen Namen

~karpasi~ für Baumwolle zusammenhängt.

Der ältere Plinius (23-79 n. Chr.) gibt uns eine ausführliche

Schilderung der Leinkultur bei den alten Römern: „Der Lein (~linum~)

wird vorzugsweise auf sandiges, einmal gepflügtes Land gesät und

wächst ungemein schnell. Im Frühjahr gesät wird er schon im Sommer

gerauft. Das Reifen derselben erkennt man am Schwellen des Samens und

am Gelbwerden der Pflanze. Nun wird er ausgerissen, in Bündel gebunden,

die man mit der Hand umspannen kann. Diese Bündel werden 6 Tage lang

an die Sonne gehängt, wobei der Samen ausfällt. Dieser hat Heilkräfte,

wurde auch sonst jenseits des Padus (Po) in eine ländliche süße Speise

getan; jetzt wird er nicht mehr gegessen, wohl aber bei Opfern. Nach

der Weizenernte werden die Flachsstengel in Wasser gelegt, das von

der Sonne durchwärmt ist, und durch ein Gewicht unter die Oberfläche

gedrückt. Ob sie gehörig gerottet (~macerari~) sind, sieht man daran,

daß sich der Bast (~membrana~) leicht ablösen läßt. Dann werden sie an

der Sonne getrocknet und hernach auf einem Stein mit einem besonderen

hölzernen Hammer geklopft. Die der Rinde am nächsten liegenden

Schichten sind von geringem Wert und werden besonders zu Lichtdochten

verwendet. Gleichwohl werden auch sie durch die eisernen Haken gekämmt

(gehechelt), bis sie ganz entrindet sind. Das innere Mark (~medulla~)

wird noch mehrfach nach Glanz, Weiße und Weichheit unterschieden. Den

Flachs zu hecheln und zu sortieren ist eine Kunst; denn aus 50 Pfund

Flachsbündeln müssen 15 Pfund reiner Flachsfäden gemacht werden. Auch

das gesponnene Garn und das fertige Gewebe wird noch durch Eintauchen

in Wasser und Klopfen veredelt. Das kumanische Garn aus Kampanien

eignet sich trefflich zu Fisch- und Vogelfang, ja zum Fangen der

Wildschweine in Netzen. Die Fäden der Ebergarne sind aus 150 einfachen

Leinfäden zusammengesetzt. Gezupfte Leinwand, vorzüglich aus Segeln der

Schiffe, wird vielfach in der Heilkunst gebraucht. -- Man färbt auch

Leinwand. Dies soll zu Alexanders (des Großen) Zeit zuerst geschehen

sein. Seine Flotte fuhr (326 v. Chr.) mit farbigen Flaggen den Indus

hinab. In der Schlacht bei Actium (31 v. Chr.) trug das Admiralsschiff,

auf welchem sich Kleopatra und Antonius befanden, purpurfarbige Segel.“

Ganz Gallien bis zum äußersten Norden wird von Plinius als Flachs

bauend und Leinwand webend geschildert. Die Anfänge der flämischen

Leinenindustrie reichen wenigstens bis zum 1. Jahrhundert n. Chr.

zurück, und daß auch die Gegend um Reims feine Leinwand erzeugte, das

lehrt uns die italienische Sprache in dem Worte ~renso~ für eine von

dort bezogene besonders gute Qualität. Selbst bis zu den Germanen

jenseits des Rheins, fährt Plinius fort, ist diese Kunstfertigkeit

gedrungen. „Das germanische Weib kennt kein schöneres Kleid als das

linnene; dort sitzen sie in unterirdischen Räumen (Grubenwohnungen)

und spinnen und weben.“ Ungefähr dasselbe sagt der Geschichtschreiber

Tacitus (54-117 n. Chr.) in seiner Germania: „Die Frauen kleiden

sich wie die Männer, nur daß sie sich häufiger als diese in linnene

Tücher hüllen, die sie mit roter Farbe verzieren.“ Die Männer trugen

also noch die Wollkleidung, selbst Felle, während die Frauen auf

ihren Hackfeldern Flachs zogen und sich mit daraus hergestellten

Linnenkleidern schmückten.

All dieser Flachs war der einjährige, von ~Linum usitatissimum~,

der im Gegensatz zum minder wertvollen mehrjährigen der Pfahlbauern

erst sehr spät aus Westasien nach Mitteleuropa gelangte. Durch seine

einjährige Vegetationsdauer eignete er sich auch viel besser für die

rauhen Gegenden Germaniens. Und zwar wurde diese Kulturpflanze wie im

Griechischen ~línon~, so im Lateinischen ~linum~ und von da bei allen

Nordvölkern Lein bezeichnet. Nur in Westgermanien kam die mit dem

Begriff Flechten zusammenhängende Bezeichnung Flachs für ihn auf.

Bei den Kelten und Germanen hat sich dann die vom Süden her durch die

Römer vermittelte Sitte der linnenen Kleidung sehr rasch eingebürgert;

ja, diese Völkerschaften beeinflußten sogar ihre vormaligen Lehrmeister

in der Weise, daß sie ihnen neue Verwendungen des Linnens lehrten. So

haben die Gallier zuerst mit Pferdehaaren oder Vogeldaunen gestopfte

Leinwandsäcke als Polster und Kissen verwendet und sie in der Folge

auch in Italien populär gemacht, wo man sich zum Sitzen und Liegen

bis dahin bloßer Lagen von Decken und weichen Stoffen bedient hatte.

Sie waren es ebenfalls, die durch alle Schichten der Bevölkerung

zuerst das Hemd aus Leinen trugen, wofür sie den zuerst beim heiligen

Hieronymus vorkommenden Namen ~camisia~ aufbrachten, woraus später

das französische ~chemise~ für Hemd wurde. Vor ihnen hatten nur Frauen

vornehmen Standes Leinwand unmittelbar am Körper getragen, und vom

römischen Kaiser Alexander Severus, der von 222 an regierte und im

Jahre 235 unweit Mainz von aufrührerischen Soldaten ermordet wurde,

schreibt sein Biograph Lampridius, daß er weißes Linnen als Unterkleid

liebte, weil es nichts Rauhes (wie die sonst getragene Wolle) habe.

Einige Dezennien später schenkte Kaiser Aurelian seinem Volke

weiße, mit Ärmeln versehene Tuniken, die in verschiedenen Provinzen

angefertigt waren, darunter auch ungefärbte linnene aus Ägypten und

Afrika.

Im Laufe der Völkerwanderung hat sich das linnene Kleid bei allen

Germanenstämmen als gewöhnliche Volkstracht eingebürgert. Die Westgoten

trugen über den Leinenhemden, die uns vom Berichterstatter Sidonius

Apollinaris, der mit den Ältesten derselben im Namen des byzantinischen

Kaisers verhandelte, als sehr schmutzig bezeichnet werden, Pelze, und

die Franken neben den ledernen auch linnene Hosen. Von den Germanen kam

dann der Flachsbau mit dem dem Lateinischen entnommenen Namen zu den

Slawen. Wie die deutsche Hausfrau bis in die Neuzeit selbst gesponnenes

Leinenzeug als ihren wertvollsten Schatz aufspeicherte, so bildete

Leinwand in den Grenzgebieten der Germanen und Slawen das gewöhnliche

Tauschmittel. Als solches wird sie aber auch in altnordischen Gesetzen

genannt; in Skandinavien bildete sie neben dem einheimischen Wollstoff

eine sehr gerne in Tausch genommene Wertsache. Endlich fand beim

Weiterrücken der Kultur der Leinbau an der Ostsee und in Rußland eine

neue Heimstätte, wo sie bis auf den heutigen Tag zunehmende Bedeutung

erlangte.

Es kann nicht unsere Sache sein, die Bedeutung des Flachses durch das

Mittelalter, wo jedermann wenigstens am Tage -- nachts lag man nackt

im Bett -- Leinenhemden trug, bis zur Jetztzeit zu illustrieren. Es

genüge nur daran zu erinnern, welche große Bedeutung Leinenzeug, zumal

die Brabanter und Venezianer Spitzen, im 17. und teilweise noch im 18.

Jahrhundert genoß, bis schließlich auch hierin der ältere Lein durch

die jüngere Baumwolle, die ihren Siegeszug durch die ganze Welt antrat,

verdrängt wurde.

Der Lein gedeiht am besten in feuchtem, kühlem Klima; bei Trockenheit

bleibt er kurz im Stengel. Die beste Qualität wächst auf humosem

Lehmboden unter dem Einfluß des Seeklimas, so in den Ostseeprovinzen

Rußlands, in Belgien, Holland und vor allem Irland. Gepflanzt wird

er gewöhnlich nach frisch umgebrochenem Rotklee oder nach Getreide.

Weil er dem Boden viel Nährsalze entzieht, versagt er nach sich

selber. Er wird möglichst frühzeitig gesät und braucht zur Vollendung

seines Wachstums 90-120 Tage. Sobald das untere Drittel der Stengel

gelblich geworden ist wird er gerauft, auf dem Felde getrocknet, dann

die Samenkapseln an einem eisernen Kamm abgeriffelt. Zur Gewinnung

des Rohflachses werden die Stengel zur Zerstörung des Pflanzenleims,

der den Bast, das eigentliche Fasermaterial verbindet, gerottet,

d. h. in weichem, möglichst kalkfreiem Wasser einer gelinden

Fäulnis unterworfen, bis sich der Bast leicht vom inneren Holz

abstreifen läßt, was in 10-14 Tagen der Fall ist. Dann werden die

sortierten Stengel mit der Brake gebrochen, um den holzigen Kern

des Flachsstengels in kleine Stückchen zu zerlegen, die dann durch

Schwingen mit Hilfe eines hölzernen Messers entfernt werden. Zuletzt

werden noch die bandartig zusammenhängenden Fasern gehechelt, d. h.

durch Eisenkämme gezogen, welche alle Unreinlichkeiten, sowie die

kurzen und verwirrten Fasern zurückhalten. Diese heißen +Werg+ oder

+Hede+ (alt- und mittelhochdeutsch ~rîste~) und dienen zum Polstern

oder auch zur Herstellung grober Gespinste und Gewebe. Die glatten,

gleichmäßigen Strähne aber liefern den eigentlichen Flachs, der früher

in vielen Häusern zu Leinengarn gesponnen wurde, eine Manipulation,

die gegenwärtig fast ausschließlich durch Maschinen besorgt wird. Die

Spinnmaschine, welche in ihren Grundzügen von Ayres konstruiert wurde,

ist neben dem vom Engländer Cartwright im Jahre 1787 konstruierten

mechanischen Webstuhl eine der wunderbarsten und nützlichsten

Erfindungen des menschlichen Geistes. Sie zieht nicht nur den Faden

aus, sondern dreht und wickelt ihn zugleich auf die Spule.

Der ausgehechelte Flachs hat Fasern von 30-60, höchstens 70 cm Länge,

die durch den Rest des Pflanzenleims zusammengehalten werden. Sie

bestehen aus festen, fast bis zum Verschwinden des Hohlraums verdickten

sogenannten Bastzellen. Der beste Flachs mit den längsten Fasern ist

lichtblond oder silbergrau mit Seidenglanz. Die Gesamtproduktion

Europas wird auf 700 Millionen kg geschätzt; davon entfallen 500

Millionen kg auf Rußland und etwa 100 Millionen kg auf Deutschland

und Österreich. Auch Ägypten und Nordamerika erzeugen große Mengen

desselben. Die Fabrikationsdistrikte für leinene Gewebe sind für

Deutschland besonders in Schlesien und Westfalen (um Bielefeld)

gelegen. Seit langem ist besonders das Brabanter Leinen in Form von

Battist wegen seines überaus feinen Gewebes berühmt. Auch Irland

liefert sehr gute Leinen, ebenso das nördliche Böhmen.

Sehr viel später als der Lein ist der +Hanf+ (~Cannabis sativa~), ein

naher Verwandter des Hopfens, in die Länder am Mittelmeer und nach

Europa gelangt. Die alten Babylonier, Ägypter, Juden und Phönikier

haben ihn noch nicht gekannt. Zuerst wird er in Indien zwischen 800

und 900 v. Chr. als angebaute Nutzpflanze unter dem Namen ~bhanga~

erwähnt, dann in dem um 500 v. Chr. verfaßten chinesischen Buche

Schu-king. Seine Heimat ist Zentralasien, wo er in Turkestan bis zum

Baikalsee, aber auch südlich vom Kaspischen Meer und in Südrußland

stellenweise noch als Wildling gefunden wird. Dort irgendwo muß er von

einem uns unbekannten Volksstamme zuerst als Nährpflanze zur Erlangung

der ölreichen Samen, dann als Genußpflanze zur Gewinnung des Haschisch

und zuletzt erst als Gespinstpflanze gezogen worden sein und sich

langsam als Kulturpflanze allseitig ausgebreitet haben. Zu den mit

ihren zahlreichen Herden nomadisierenden Skythen in Südrußland kam er

als Genußmittel, indem diese sich nach dem Berichte des Vaters der

Geschichte, Herodot (484-424 v. Chr.), in der Weise berauschten, daß

sie in geschlossenen, kleinen Filzzelten (Jurten) Hanfsamen auf heiß

gemachte Steine warfen und die sich dabei entwickelnden betäubenden

Dämpfe einatmeten, bis sie, in Ekstase geratend, „vor Freude brüllend“

daraus herausrannten. Von den Thrakern berichtet derselbe Autor,

daß sie aus den Fasern dieser Pflanze Kleider webten. Damals, im

5. vorchristlichen Jahrhundert war diese Pflanze den Griechen noch

unbekannt. Erst später erhielten sie dieselbe aus dem Balkan unter

dem Namen ~kánnabis~, der dann unverändert von den Römern übernommen

wurde. Und die Balkanstämme, die ihn den Griechen vermittelten, gaben

ihn dann auch nordwärts in die Donaugegenden und nach Germanien ab.

In Albanien als ~kanep~, bei den Tschechen und Slawen als ~konop~

bezeichnet, gelangte er als ~hanaf~ zu den Germanenstämmen. Aus

diesem althochdeutschem Worte ist dann mittelhochdeutsch ~hanef~ und

neuhochdeutsch Hanf geworden. Nach einer sehr ansprechenden Vermutung

Schraders liegt die einfachste Form des Namens im tscheremissischen

(einer Sprache des Kaukasus) ~kene~ Hanf vor, während der zweite

Bestandteil ~bis~ oder ~pis~ in der syrjänischen und wotjakischen

(sibirischen Stämmen) Benennung der Nessel ~piš~ seine Entsprechung

finden würde, so daß also ~cannabis~ eigentlich „Hanfnessel“ bedeuten

würde.

Von Griechenland wanderte die Kenntnis und der Anbau des Hanfes erst in

verhältnismäßig später Zeit nach Sizilien und Unteritalien und von da

nach Mittel- und Norditalien. Der ums Jahr 200 n. Chr. in Alexandrien

und Rom lebende Grieche Athenaios, der uns in seinen auf uns gekommenen

15 Büchern ~Deipnosophistai~ wichtige Nachrichten über Leben und

Leistungen der alten Griechen hinterließ, berichtet von König Hieron

II. von Syrakus (regierte von 269-215 v. Chr.), er habe ein ungeheures

Prachtschiff bauen lassen, zu dem er von allen ihm bekannten Ländern

je das Vorzüglichste in seiner Art kommen ließ. Pech und Hanf habe er

vom Rhonefluß in Gallien bezogen. Dort muß also zu seiner Zeit der Hanf

besonders gut gediehen sein. Zu den Kelten, die sich seiner Samen, wie

wir aus anderer Quelle wissen, auch als Ölspender und Betäubungsmittel

bedienten, was bei den Griechen und den von diesen damit beschenkten

Römern durchaus nicht üblich war, wird er jedenfalls nicht durch

griechische Vermittlung über die Kolonie Massalia, dem heutigen

Marseille, sondern direkt von Osten her aus der Donaugegend gekommen

sein.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 5 / 81 段