Schon sehr früh, nämlich im 5. Jahrtausend v. Chr. muß der Lein in

Babylonien gepflanzt worden sein; denn man hat Spuren von ihm bereits

in altchaldäischen Gräbern der vorbabylonischen Zeit entdeckt. Wie er

bei den Babyloniern hieß, ist bis jetzt nicht bekannt geworden. Sein

Name dürfte aber ähnlich wie im Hebräischen ~pischta~ gelautet haben.

Im Sanskrit hieß er nach dem um 500 v. Chr. verfaßten ~Ayur Veda~

Susrutas ~akasa~, im Altägyptischen ~māhi~, bei den Griechen ~línon~

und von diesen entlehnt bei den Römern ~linum~. In Ägypten tritt er uns

als Kulturpflanze schon zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends

entgegen. In einem Ziegel der Stufenpyramide von Daschur, die bald nach

3000 v. Chr. gebaut wurde, fanden sich Bastfasern und Samenkapseln,

die Unger als vom einjährigen Kulturlein stammend bestimmte. Aber erst

ein Jahrtausend später, beim Beginn des mittleren Reiches, zur Zeit

der 11. Dynastie (2160-2000 v. Chr.), hatte seine Kultur in Ägypten

eine bedeutendere Entwicklung erlangt und findet man infolgedessen auch

ziemlich häufig in Gräbern Leinsamen unter den Totenspeisen. So fand

Mariette in einem 1881 geöffneten Grabe der 12. Dynastie (2000-1788

v. Chr.) in Theben vortrefflich erhaltene Kapseln von Leinsamen,

die völlig der heute noch in Ägypten und Abessinien gepflanzten Art

entsprechen.

Erst im mittleren Reich (2160-1788 v. Chr.) begann die in der Folge

für die Ägypter so wichtige Leinentechnik in Aufnahme zu kommen,

nachdem der Lein vorher lange vorzugsweise nur seiner nahrhaften,

fetten Samen wegen kultiviert worden war, während die Menschen sich

noch in Wollenstoff kleideten. Von da an wurde für den Ägypter das

linnene Gewand der Gegenstand seines Stolzes und der Auszeichnung den

„Barbaren“ gegenüber. Aber nicht bloß die Lebenden trugen es, und

zwar in um so feinerer Qualität, je vornehmer sie waren, sondern auch

die Toten wurden bei der Einbalsamierung in Leinwandbinden gewickelt,

nachdem noch im alten Reiche zur Zeit der Erbauer der großen Pyramiden

von Giseh, von der 3. bis 6. Dynastie (2980-2475 v. Chr.) letzteren,

die überhaupt auch noch nicht mumifiziert wurden, ausschließlich grobe

Wollengewänder in die Gruft mitgegeben worden waren. Vom mittleren

Reiche (2160-1788 v. Chr.) an galt es den Ägyptern überhaupt als

Greuel, einen Leichnam in Wollengewändern zu bestatten. Dazu mußten

unbedingt Linnenstoffe verwendet werden. Auch ihre Priester durften,

wie Herodot berichtet, +nur+ reinlinnene Unterkleider tragen und

höchstens außerhalb des Tempels einen wollenen Mantel überwerfen.

Ägypten deckte damals nicht nur seinen ganzen Bedarf an Flachs, sondern

es exportierte noch ziemlich viel seiner feinen, von den Griechen meist

als ~býssos~ bezeichneten Leinengewebe, die im Auslande zur Herstellung

von Prunkkleidern für die Vornehmen äußerst begehrt waren. Das ganze

Altertum ist des Lobes voll über die unnachahmlich feinen ägyptischen

Byssusgewänder, und dieses Lob begreifen wir vollständig, wenn wir

die außerordentliche Feinheit der Mumienbänder der Reichen und die

halb durchsichtige Gewandung nicht nur an den bildlichen Darstellungen

an den Wänden der Totenkammern, sondern auch an den vornehmen Toten

direkt in Berücksichtigung ziehen. Als Beispiel der Feinheit dieser

Byssusstoffe berichten Herodot und Plinius, daß der ägyptische König

Amasis (ägyptisch Amose) II. der 26. Dynastie, der von 570 bis 526

v. Chr. regierte, den Spartanern und dem Tempel der Athene zu Lindos

auf der Insel Rhodos je ein linnenes Panzerhemd mit Tierbildern und mit

Fäden aus Gold und Baumwolle durchwirkt von solcher Feinheit der Fäden

geschenkt habe, daß jeder derselben aus 360 Einzelfäden bestand.

[Illustration: Bild 61.

Aus Flachsschnüren geknüpftes, engmaschiges Netz aus dem neolithischen

Pfahlbau von Robenhausen im Kanton Zürich. (⅔ natürl. Größe.)]

Verschiedene altägyptische Wandmalereien zeigen uns die ganze

Bearbeitung des Flachses, vom Raufen der Pflanze auf den Feldern, vom

Rösten und Kämmen derselben bis zum kunstvollen Weben am Webstuhl.

Zum Lockern der Fasern wurde der Flachs in der ältesten Zeit in

Kesseln gekocht und sodann mit keulenförmigen Hölzern geschlagen.

Später dagegen wurde er auf kaltem Wege „geröstet“ und vermittelst

Holzkämmen, von denen das ägyptische Museum in Berlin zwei besitzt,

gehechelt. Das Spinnen und Weben wurde von den Frauen und teilweise

auch Männern als besonderes Gewerbe betrieben. Wie dieses Handwerk

ausgeübt wurde, erkennen wir an verschiedenen Grabgemälden des

mittleren Reiches. Spindeln aus Holz und Leder von einfacher und

komplizierter Form sind uns vielfach in den Gräbern erhalten, und das

Bild der Spindel gehört mit unter die Hieroglyphenzeichen. In einem

Grabe von Beni Hassan ist u. a. ein Ägypter dargestellt, der mit der

Spindel hantiert. Derselbe hockt vor einem aufrechtstehenden, oben

gegabelten Stabe, an den der Flachsfaden geknüpft ist. Ein Näpfchen

zum Befeuchten der Finger beim Drehen des Fadens steht am Fuße des

Stabes. Eine andere Darstellung zeigt sechs unter der Kontrolle einer

Aufseherin arbeitende Frauen, von denen drei Spinnerinnen einen Faden

ziehen, eine vierte dagegen mehrere einfache Fäden zu einem stärkeren

zusammendreht. Von den beiden Weberinnen besorgt die eine den Aufzug,

die andere den Einschlag. Bei zwei anderen Spinnerinnen vertritt der

schlanke Körper selbst den Stab, indem sie das fertige Stück Faden um

sich selbst herumdrehen. Daß gewandte Frauen auch mit zwei Spindeln

zugleich umzugehen verstanden, bezeugen dem mittleren Reich (2980-2475

v. Chr.) angehörende Wandgemälde. Von den beiden in Beni Hassan beim

alten Theben dargestellten Weberinnen besorgt die eine die Kette des

wagrecht am Boden aufgespannten Webstuhls, die andere den Einschlag,

der mit einem gekrümmten Holze durchgezogen wird, wobei die Öffnung

durch zwei zwischen die Fäden der Kette geschobene Holzstäbe bewirkt

wird. Auf demselben Wandgemälde webt ein Mann in einen zwischen einem

Rahmen ausgespannten Stoff ein schachbrettartiges Muster. Daß aber

später viel bessere Webstühle benutzt wurden, zeigt ein Wandgemälde

aus der Totenstadt Theben, in welchem ein Weber an einem ähnlich wie

die Webstühle der Neuzeit gebauten Webstuhle sitzt und mit den Füßen

den Apparat bedient, der das Weberschiffchen hin- und herfliegen läßt.

Herodot (484-424 v. Chr.), der selbst in Ägypten war, führt als etwas

Bemerkenswertes an, daß die ägyptischen Weber gegen die sonstige

Gewohnheit den Einschlag nicht aufwärts, sondern niederwärts zu werfen

pflegen.

Durch wohlerhaltene Reste können wir uns selbst davon überzeugen,

daß die wegen ihrer Feinheit bei allen Mittelmeervölkern berühmten

altägyptischen Gewebe tatsächlich an Zartheit und Genauigkeit

unübertroffen waren. Dabei begnügte man sich nicht mit einfachen,

glatten Zeugen, sondern stellte auch wellen-, bogen- oder

zickzackförmig gestreifte, flechtwerk-, schachbrett- oder mäanderartig

gemusterte und solche mit einem feinen Arabeskenwerk von zierlich

geschlungenen Spirallinien her, zwischen welche sich Rosetten, Sterne,

Lotosblüten, gebüschelte Papyrusstengel, Skarabäen, Uräusschlangen, die

geflügelte Sonnenscheibe, Namensschilder und Hieroglypheninschriften

als füllende Elemente einschmiegen. Die verschiedenen dabei zur

Anwendung gelangenden Farben waren, wie uns Plinius berichtet, nicht

aufgemalt, sondern die Zeuge wurden in verschiedene Kessel mit

Farbstofflösungen getaucht und dennoch schließlich verschiedenfarbig

und schöngemustert herausgezogen. In einem Grabe zu Beni Hassan sehen

wir den Eigentümer die Länge der fertigen Leinwand ausmessen; dabei

steht ein Schreiber, der die Zahl der fertig verpackten Ballen ausmißt.

Aus Leinwand ~huma~ wurde vor allem der über den Hüften mit einem

Gürtel zusammengehaltene, bis an die Knie oder Knöchel reichende

Leibrock ~sten~, daneben vielfach auch das Überkleid ~hbos~

hergestellt. Herodot sagt von den Ägyptern: „Alle Ägypter tragen

eine Gewandung aus Leinen, die immer frisch gewaschen ist, was ihnen

die größte Angelegenheit ist. Die Gewandung der Priester ist nur

von Leinen, die Sandalen nur von ~býblos~ (Papyrus); eine andere

Kleidung und andere Beschuhung dürfen sie nicht tragen. Ihr Anzug sind

leinene Röcke, an den Beinen mit Franzen besetzt. Darüber tragen sie

weiße, wollene Oberkleider. Keiner jedoch geht mit wollenem Anzug in

den Tempel, noch wird einer damit begraben, und das stimmt mit dem

sogenannten arphyschen (einem ägyptischen) und mit dem pythagoräischen

Geheimdienst überein.“ Ungeheuer war auch der Verbrauch an Leinwand

für die Einhüllung der Mumien in die oft über 400 m langen Binden.

Darüber sagt Herodot: „... Alsdann waschen sie die Toten und umwickeln

den ganzen Leib mit Bändern, die aus Leinenzeug und ~býssos~ (feinste

Leinwand) geschnitten sind; sie streichen auch (arabischen) Gummi

darunter, dessen sich überhaupt die Ägypter statt des Leimes bedienen.“

Außer gewöhnlichen Stoffen zu Kleidern wurden auch namentlich für den

Export kunstvoll gewirkte, mit Goldfäden durchzogene, bunte Gewänder

in Weiß, Rot, Gelb, Grün, Blau und Schwarz, oft mit den schönsten

Mustern angefertigt. Aber auch Halstücher und Mäntel, Teppiche, Decken,

Panzer, Netze, Zelte, Taue und Segel wurden aus Flachs hergestellt.

So berichtet derselbe Herodot, daß die Ägypter zu der gewaltigen

Schiffbrücke, die der Perserkönig Xerxes, der seinem Vater Dareios

Hystaspis 485 v. Chr. gefolgt war und mit einem Landheer von einer

Million Mann und einer Flotte von 1200 Schiffen im Jahre 482 aufbrach,

um Griechenland zu unterjochen, über den Hellespont bauen ließ, die

Taue aus Byblos (Papyrus) und Flachs liefern mußten.

Von der Feinheit des in Ägypten erzeugten Flachses weiß auch noch

Plinius zu berichten, der in seiner Naturgeschichte schreibt: „Der

Flachs der Ägypter hat zwar die geringste Stärke, bringt ihnen

aber einen großen Gewinn. Es gibt dort vier Sorten: den tanischen,

pelusischen, butischen und tentyritischen; eine jede führt den Namen

von der Landschaft, in der sie wächst.“

Schon zur Zeit des Auszugs der Juden aus Ägypten (um 1280 v. Chr.)

muß es im Niltal ausgedehnte Flachskulturen gegeben haben, um den

großen Bedarf an Linnengewändern für den eigenen Bedarf und den damals

schon sehr ausgedehnten Export nach Syrien, Kleinasien und die Länder

am Ägäischen Meere zu bestreiten. Deshalb muß eine Flachsmißernte

damals in Ägypten einen großen Verlust in volkswirtschaftlicher

Beziehung bedeutet haben; denn sonst hätte man eine solche Mißernte

nicht unter die sieben Plagen gerechnet, die von Jahve, dem Gott der

Juden, durch Mose über die Ägypter verhängt wurden, da der Pharao

sie nicht aus seinem Lande ziehen ließ. „Und der Herr ließ Hagel

regnen über Aegyptenland, so grausam wie desgleichen dort noch nie

beobachtet worden war, seit Leute darin wohnen. Und der Hagel schlug in

Aegyptenland alles, was auf dem Felde war, beides Menschen und Vieh,

und schlug alles Kraut auf dem Felde und zerbrach alle Bäume auf dem

Felde. Also ward geschlagen der Flachs und die Gerste; denn die Gerste

hatte Schosse getrieben und der Flachs Knoten gewonnen. Aber Weizen und

Roggen ward nicht geschlagen; denn es war spätes Getreide.“ 2. Mose 9,

23 u. f.

In Palästina wurde bereits Flachs angebaut als die Juden von diesem

Lande Besitz nahmen. Wir erfahren dies aus dem Umstande, daß die

Kundschafter, welche Josua aussandte, auf dem Dache eines Hauses

unter Flachsstengeln verborgen gehalten wurden, die hier offenbar

zum Rösten an der Sonne ausgebreitet lagen. Die Verwendung des

Flachses muß bei den alten Juden eine recht vielfache gewesen sein;

so finden wir ihn zu Schnüren, Saiten, Lampendochten, Gürteln, wie zu

den verschiedenartigsten Kleidungsstücken verwendet. Feine linnene

Gewänder waren ihren Priestern, wie denjenigen Ägyptens, denen sie

diesen Brauch entlehnten, bei der Ausübung ihres Amtes als Tracht

vorgeschrieben. Grobe Gewänder aus ungeröstetem Flachs bildeten

hingegen die Bekleidung der ärmeren Volksklassen. Hier scheinen wie

anderwärts besonders die Frauen sich mit der Bearbeitung des Flachses

abgegeben zu haben. Auch in ganz Vorderasien, speziell Babylonien muß

nach dem um 25 n. Chr. gestorbenen griechischen Geographen Strabon seit

den ältesten Zeiten eine sehr rege Flachsindustrie bestanden haben. Er

bezeichnet insbesondere die Stadt Borsippa (einst am Euphrat gelegener

Stadtteil Babylons) als ein großes Industriezentrum für Leinen, das

dort jedenfalls fabrikmäßig hergestellt wurde. Derselbe Autor sagt von

den Babyloniern, daß sie einen leinenen, bis zu den Füßen gehenden

Rock, und darüber einen wollenen tragen. Auch von den Indiern sagt

er, sie tragen blumige Leinenkleider. Schon lange vor Strabon wußte

Herodot (484-424 v. Chr.) von den Assyrern zu berichten: „Die Assyrier,

welche stromabwärts Waren nach Babylon bringen, tragen einen leinenen

Rock, der bis zu den Füßen reicht,“ und an einer andern Stelle: „Die

Assyrier, welche im Heere des Xerxes (482 v. Chr.) dienten, trugen

leinene Panzer.“

Solche leinene Panzer müssen in ganz Westasien bis Griechenland

schon lange getragen worden sein; denn bereits in der Ilias werden

sie als ~linothṓrēx~ bei einigen auf seiten der Troer kämpfenden

kleinasiatischen Bundesgenossen erwähnt. Auch sonst ist der homerischen

Welt Linnen bekannt, aber zunächst wohl nur als fremdländische

Importware. So läßt in der Ilias Achilleus seinem ihn nach Troja

begleitenden Erzieher Phoinix ein weiches Bett zurecht machen, dem

als Decke Schaffelle und zarte Leinwand dienten, und in der Odyssee

bereiten die Phäaken dem Odysseus ein Lager aus leinenen Decken. Aber

der Gebrauch von linnener Gewandung war bei den ältesten Griechen

durchaus nicht gebräuchlich. Mit dieser ägyptisch-vorderasiatischen

Sitte scheinen sie erst durch die solche Ware auf ihren Schiffen

feilbietenden phönikischen Kaufleute bekannt gemacht worden zu sein.

Denn die bei ihnen übliche Bezeichnung ~chitṓn für das später unter

dem eigentlichen Kleide aus Schafwolle getragene leinene ärmellose

Unterkleid entstammt offenkundig dem phönikischen Worte ~kitonet~ für

Leinwand.

Die ältesten Griechen trugen wie alle übrigen arischen Stämme

ursprünglich nur wollene Gewandung, die bei ihnen die ältere

Fellkleidung abgelöst hatte. Zuerst wurde nur das Hemd aus Wolle

angefertigt und darüber trug man noch einen Fellüberwurf. Dann wurde

auch letzterer durch einen Wollmantel ersetzt. Solchermaßen waren auch

die Griechen der älteren Zeit gekleidet, bis sie durch die Vermittlung

der Phönikier ein kurzes, ärmelloses, leinenes Untergewand unter ihrem

wollenen Obergewand zu tragen begannen. Zuerst hatten die Ionier in

Asien das lange herabfließende Kleid aus Leinwand von ihren reichen

Nachbarn in Karien angenommen, und von ihnen ging dann diese Tracht

zu den blutsverwandten, früh die morgenländische Zivilisation bei sich

aufnehmenden Athenern über. Erst gegen die Zeit des peloponnesischen

Krieges, der von 421-404 v. Chr. währte, kam, wie der zeitgenössische

Geschichtschreiber Thukydides (470-402 v. Chr.) berichtet, auch bei

den Athenern das altgriechische wollene Untergewand wieder zu Ehren.

Er sagt: Nur unter den reicheren Bürgern hätten die älteren, am

Hergebrachten hängenden Leute den ihnen liebgewordenen Luxus linnener

Unterkleider nicht aufgeben wollen. Seitdem trugen nur die Frauen noch

linnene Stoffe, deren feinere Sorten als Byssos aus dem Morgenlande

eingeführt wurden.

Schon in den homerischen Epen werden, vermutlich noch ausschließlich

auf dem Handelswege aus Phönikien oder Ägypten eingeführte,

linnene Gewänder erwähnt. Die ~othónē~ wenigstens, ein feines

linnenes Frauenkleid von weißer Farbe, war, wie der Name und der

Zusammenhang der Stellen, in denen sie erscheint, lehrt, ein Erzeugnis

westasiatischer, nicht griechischer Kunstfertigkeit. Die auch sonst

mit semitisch-phrygischem Luxus umgebene Königin Helena, die eben ein

Gewand gewebt hat, doppelt und purpurn, in welchem die Kämpfe der Troer

und der Achäer zu schauen waren, eilt nach dem Dichter in die weiße

~othónē~ gehüllt aus dem Gemache. Auf dem runden Prunkschilde des

Achilleus sah man tanzende Jünglinge in Chitone gekleidet, während die

Jungfrauen mit der zarten ~othónē~ angetan waren. In dem Wunderschlosse

der Phäaken sitzen die Mägde webend und die Spindel gleich den im

Winde bewegten Blättern der Zitterpappel drehend; auch sie sind in

die von Salböl triefende ~othónē~ gekleidet, die als dichtgewebt und

mit Fransen, einer spezifisch westasiatisch-babylonischen Erfindung,

versehen hervorgehoben wird. Ebenso ist das bereits erwähnte Lager, das

die Phäaken dem Odysseus auf dem Schiffe bereiten und mit dem sie ihn

ans Land tragen, statt wie sonst mit Pelzen und Wollstoffen mit zartem

Linnen bedeckt. Auch die als weiß hervorgehobenen Segel der homerischen

Schiffe müssen aus Leinwand bestanden haben; nur das Tauwerk und

die Riemen, in denen die Ruder sich bewegten, waren aus Rindshaut

hergestellt. In der Odyssee, dem jüngeren homerischen Gedicht, wird ein

Schiffsseil aus ~býblos~ (Papyrus) erwähnt, das wie die linnenen Gewebe

auf dem Wege des Tauschverkehrs aus Ägypten eingehandelt wurde.

Über den Anbau der Leinpflanze selbst auf griechischem Boden liegen aus

älterer Zeit keine bestimmten Zeugnisse vor. Der im 8. vorchristlichen

Jahrhundert lebende griechische Dichter Hesiod erwähnt nirgends in

seinen Gedichten den Flachs. Dagegen erwähnt der um die Mitte des 7.

vorchristlichen Jahrhunderts lebende griechische Lyriker Alkman aus

Sardes in Lydien Leinsamen neben Mohn- und Sesamsamen als Genußmittel.

Als solches erwähnt ihn auch der im 4. vorchristlichen Jahrhundert

lebende Theophrast, der hinzufügt, der Flachs verlange zu seiner

Kultur einen guten Boden. Die späteren Schriftsteller wie Vergil und

Columella sagen von ihm, er sauge den Boden stark aus. Letzterer sagt

in seiner Schrift über den Landbau: „Wo der Lein nicht reichlich

wächst und gut bezahlt wird, sollte man ihn nicht säen, da er das Land

sehr aussaugt. Jedenfalls verlangt er sehr fetten, etwas feuchten

Boden und wird von Anfang Oktober bis Mitte Dezember gesät. Will man

recht zarte Fäden erzielen, so sät man ihn auf recht mageren Boden.

Man kann die Aussaat auch im Februar vornehmen.“ In bezug auf seinen

Anbau in Griechenland, der während der römischen Zeit allgemein war,

berichtet der Grieche Pausanias in seiner zwischen 160 und 180 n. Chr.

verfaßten Reisebeschreibung von den Bewohnern der Landschaft Elis,

in der das panhellenische Heiligtum von Olympia lag, daß sie je nach

der Beschaffenheit des Bodens Hanf oder Lein pflanzten. Jedenfalls

nahm der Lein zu keiner Zeit in der griechischen Bodenwirtschaft die

hervorragende Stellung ein, wie in manchen Gegenden des asiatischen

Kontinents, besonders in Persien und Babylonien, wo sich alle Vornehmen

und die Priester ausschließlich in Linnengewänder kleideten. Und zwar

waren diejenigen der letzteren, gleich denen aller vorderasiatischen

Kulte, wie die der ägyptischen Priester weiß als Symbole der reinen

Gottesdiener. Nach Philo warf der Hohepriester das bunte Gewand ab,

sobald er das Allerheiligste betrat, und trat im weißen Linnenhemde

vor die Gottheit. Diese asiatisch-ägyptische Kultussitte, der auch die

Juden huldigten, ging dann später in Europa auf die ähnliche Satzungen

befolgenden Pythagoräer, die Orphiker, die Priester des Isis und

des Mithras zur römischen Kaiserzeit und auf alle gottesdienstliche

Funktionen Ausübenden über und erhielt sich als weißes Chorhemd bis auf

den heutigen Tag.

Von dem Lande der ältesten Flachskultur, Babylonien, drang diese

Industrie sehr früh auch zu den Bewohnern von Kolchis in Transkaukasien

vor, die später bei den Umwohnern einen besonderen Ruf für ihre

ausgezeichneten Leinenstoffe erhielten. Diese müssen auch von

besonderer Güte gewesen sein, denn Herodot sagt: „Einzig die Kolchier

kommen den Ägyptern gleich, wie auch ihre ganze Lebensweise und die

Sprache Ähnlichkeit mit derjenigen der letzteren hat. Die kolchische

Leinwand wird von den Hellenen sardonische genannt, die jedoch, welche

von Ägypten kommt, nennt man ägyptische.“ Solches sardonisches Leinen

wurde wie ägyptisches viel nach Griechenland importiert und hier von

den Vornehmen, die sich gern in solch feine, teure Ware kleideten,

gekauft. Wie bei den übrigen Asiaten war solches Leinen meist bunt

gefärbt und glänzend durchwirkt und wegen ihrer höchsten Feinheit halb

durchsichtig, wie es von den Reichen gerade so geschätzt wurde wie

an den vorderasiatischen Höfen. Eine spezielle, in Asien wohl seit

alten Zeiten gebräuchliche Anwendung des Flachses war die zu linnenen

Panzern, durch welche das Geschoß des Feindes, wie die Zähne und

Krallen der bekämpften Raubtiere wenigstens einigermaßen abgehalten

wurden. Von dem vom ägyptischen König Amasis II. (570-526 v. Chr.) den

Spartanern und dem Tempel der Athene zu Lindos auf Rhodos geschenkten,

auf das prächtigste mit Tierbildern und Goldfäden durchwirkten leinenen

Panzerhemd, einem Meisterwerk der ägyptischen Kunstfertigkeit, war

bereits die Rede. Solche schönbestickte Panzerhemden waren auch in

ganz Vorderasien geschätzte Schmuckstücke der Anführer, während

die gemeinen Soldaten unbestickte trugen. So waren nach Herodot

die Assyrier und Perser vielfach mit solchen linnenen Panzerhemden

bekleidet, und auch die Bemannung der phönikischen und kleinasiatischen

Schiffe im Kriegszug des Xerxes (482-480 v. Chr.) trug die bei ihnen

landesüblichen linnenen Panzer. Xenophon berichtet in seiner Anabasis,

der Heimkehr der zehntausend Mann griechischer Truppen nach der

unglücklichen Schlacht von Kunaxa im Jahre 401 v. Chr., daß sowohl die

im armenischen Hochlande hausenden Chalyber, als auch die Mossynöken

an der Südküste des Schwarzen Meeres bis über die Knie reichende

kittelartige linnene Panzer trugen, die zum besseren Schutze gegen

allfällige Verletzungen ihres Trägers gepolstert waren.

Durch das ganze griechische Altertum wird öfter der linnene Panzer

erwähnt. So trug in der Ilias nicht nur der halbbarbarische Asiate

Amphios, Sohn des Merops, einer der troischen Bundesgenossen,

sondern auch ein Grieche, Ajax, der Führer der Bogen und Schleuder

statt der Speere und Schilde führenden Lokrer, wie die Chalyber

des Xenophon solche Linnenpanzer. In dem um die Mitte des 7.

vorchristlichen Jahrhunderts von Delphi ergangenen, später berühmt

gewordenen Orakelspruch werden die Bewohner von Argos mit dem sie

charakterisierenden Beiwort die linnenbepanzerten belegt. In einem

Gedicht des als Zeitgenosse der Sappho um 600 v. Chr. lebenden

griechischen Lyrikers Alkaios aus Mytilene auf Lesbos wird unter

anderen Kriegswaffen auch der Linnenpanzer genannt, und solche Panzer

sah der Verfasser des griechischen Baedeker, Pausanias, noch um die

Mitte des 2. christlichen Jahrhunderts als sehr alte Weihgeschenke

öfter in den von ihm besichtigten Tempeln aufgehängt. Derselbe Autor

berichtet, daß auch in den aus Söldnern sehr verschiedener Herkunft

bestehenden karthagischen Heeren der Linnenpanzer einen wichtigen

Bestandteil ihrer Bewaffnung ausmachte.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 4 / 81 段