Der lemurische Zusammenschub.]

Die Spuren dieses ungeheuren Zusammenschubes, den die Lithosphäre

hier erfahren hat, sind auch rechts und links von der Schubzone noch

zu erkennen. Die schon im Trias durch einen Grabenbruch vorbereitete,

aber erst im Quartär endgültig vollzogene Loslösung Madagaskars von

der südwestlich davon liegenden afrikanischen Küstenstrecke, das

ganze System junger Grabenbrüche in Ostafrika, zu dem auch das rote

Meer und das Jordantal gehört, bilden Teilerscheinungen davon. Die

Somalihalbinsel erscheint, wie schon früher erwähnt, nach Norden

herumgeschleppt, wobei wohl das abessinische Gebirge aufgestaut wurde,

dessen Abschmelzung von unten zum Herausquellen der Massen im Winkel

zwischen Abessinien und der Somalihalbinsel führte. Auch Arabien spürte

diesen Zug nach Nordosten und zeigt eine dementsprechende plastische

Stauchung, indem die Ausläufer des Akdargebirges wie ein Sporn in die

persischen Gebirgsketten hineindrängen. Die fächerförmige Scharung der

Bergketten des Hindukusch- und Soleimangebirges deutet an, daß hier die

westliche Grenze des Himalajazusammenschubes erreicht ist; ihr getreues

Spiegelbild tritt auch am Ostrande desselben auf, wo die Bergketten von

Burma aus der durch Annam, Malakka und Sumatra vorgezeichneten Richtung

heraus bis zur Nordsüdrichtung herumgeschleppt wurden. Das Aufbrechen

der Arakan-Sumatrakette gerade neben dem Knick von Malakka war schon

früher dahin gedeutet worden, daß diese Kette riß und gleitend nach

Norden in den Zusammenschub hineingezogen wurde. Aber, wie schon

erwähnt, ist wohl das ganze östliche Asien von diesem riesigen

Zusammenschub betroffen worden, der seine westliche Begrenzung in dem

gestaffelten Faltensystem zwischen Hindukusch und Baikalsee und dessen

Fortsetzung bis zur Beringstraße findet, während die Ostgrenze durch

die bauchigen Küstenformen mit den Inselgirlanden Ostasiens gebildet

wird.

Madagaskar besteht wie das benachbarte Afrika aus einer Tafel

gefalteten Gneises mit nordöstlicher Streichrichtung. An der Abrißlinie

sind beiderseits identische marine Sedimente abgelagert, welche

andeuten, daß seit der Trias beide Länder durch einen überschwemmten

Grabenbruch getrennt waren, was auch die madagassische Landfauna

verlangt. Aber noch in der Mitte der Tertiärzeit, als Indien bereits

abgerückt war, sind nach /Lemoine/ zwei Tiere, der Potamochoerus und

der Hippopotamus, von Afrika eingewandert, die, wie /Lemoine/ meint,

höchstens einen Meeresarm von 30 km Breite durchschwimmen konnten[94],

während jetzt der Kanal von Mozambique gut 400 km breit ist. Erst nach

dieser Zeit kann sich also die madagassische Scholle auch untermeerisch

von Afrika losgerissen haben, wodurch sich der weite Vorsprung

erklärt, den Vorderindien in der Verschiebung nach Nordosten gegenüber

Madagaskar bekommen hat.

Auch Vorderindien ist eine flache Tafel aus gefaltetem Gneis. Die

Faltung wirkt noch heute formengebend in dem uralten Arvaligebirge im

äußersten Nordwesten (am Rande der Wüste Tharr) und in den gleichfalls

sehr alten Koranabergen. Nach /Suess/ weist sie im ersteren nach

N 36° O, in letzteren nach Nordost. Beide Richtungen stimmen also

hinreichend mit der afrikanischen und madagassischen Streichrichtung

überein, zumal nach der geringen, bei der Rekonstruktion nötigen

Drehung Indiens. Übrigens tritt hier noch eine etwas jüngere, jedoch

immer noch mesozoische Faltung in den Ghats von Nellore oder dem

Vellakondagebirge auf, welche von Nord nach Süd streicht und vielleicht

mit der gleichfalls jüngeren nordsüdlichen Streichrichtung in Afrika

gleichzusetzen ist.

Vielleicht darf man annehmen, daß die indische Westküste mit der

Ostküste Madagaskars zusammengehangen hat. Beide Küsten bestehen aus

einem auffällig geradlinigen Abbruch eines Gneisplateaus, der den

Gedanken nahelegt, sie könnten nach der Spaltenbildung aneinander

entlang geglitten sein, ähnlich wie Grinnell-Land und Grönland. Am

nördlichen Ende dieses an beiden Küsten etwa 10 Breitengrade langen

Abbruches treten beiderseits Basalte auf. In Indien ist es die bei 16°

Nordbreite beginnende Basaltdecke des Dekan, die aus dem Beginn des

Tertiär stammt und deshalb vielleicht in ursächlichen Zusammenhang

mit der Ablösung gebracht werden darf. Und auf Madagaskar ist der

nördlichste Teil der Insel ganz aus zwei verschieden alten Basalten

aufgebaut.

Die Ostküste Vorderindiens könnte möglicherweise mit der Westküste

Australiens unmittelbar zusammengehangen haben. Sie stellt gleichfalls

einen jähen Abbruch des Gneisplateaus dar. Eine Unterbrechung erfährt

dies nur durch das grabenartig schmale Kohlengebiet des Godávari,

welches aus den unteren Gondwanaschichten besteht. Die oberen

Gondwanaschichten liegen, der Küste folgend, diskordant quer über

seinem Ende.

Daß wir uns überhaupt auf dem Boden der Tatsachen befinden, wenn

wir das Erlöschen der Landverbindung zwischen Indien und Madagaskar

mit der Faltung des Himalaja in Zusammenhang bringen, geht aus der

bisher nicht beachteten Gleichzeitigkeit beider Erscheinungen hervor.

Wie alle größeren Gebirge ist auch der Himalaja das Produkt einer

Mehrzahl von Stauungen; die Hauptrolle aber spielt diejenige in der

jüngeren Tertiärzeit, welche nach unserer Tabelle (S. 64) dem Abbruch

der Landverbindung mit Madagaskar folgte. Daß der Faltungsprozeß des

Himalaja auch heute noch andauert, dafür spricht unter anderem auch die

starke zeitliche Veränderlichkeit der Schwerkraft, die am Fuße seiner

Ketten durch wiederholte Messungen festgestellt wurde.

Gondwana-Land.

Das Gondwana-Land umfaßt einerseits die Verbindung Australiens

über Vorderindien und Madagaskar nach Südafrika und andererseits

diejenige von Australien über Antarktika nach Südamerika. Über

diese Verbindungen gibt uns die australische Tierwelt Aufschlüsse.

/Hedley/ unterscheidet drei Elemente in ihr: zunächst eine älteste,

„gondwanische“ Fauna, die hauptsächlich im äußersten Südwesten

Australiens anzutreffen ist; zweitens eine weitere endemische Fauna

mit den bezeichnenden Kloakentieren, Beutlern usw., ausgebreitet über

das ganze Festland, in einzelnen Vertretern übergreifend bis Neuguinea

und bis zu den Salomoinseln; und drittens als jüngstes Element die

Papua-Fauna, die von Neuguinea her hauptsächlich an der Ostküste von

Queensland vordrängt. Die erste dieser Faunen entspricht offenbar der

Verbindung mit Vorderindien, Madagaskar und Südafrika, die zweite der

antarktisch-südamerikanischen Brücke, und die dritte der heutigen nahen

Berührung mit dem Sunda-Archipel.

Die erste dieser Brücken ist in unserer Tabelle auf S. 64 nach

/Arldt/ als „gondwanische“ Brücke bezeichnet, obwohl man sonst

unter Gondwanaland meist den ganzen Kontinentalkomplex versteht, zu

dem Südamerika, Südafrika, Vorderindien, Australien und Antarktika

gehören. Wie die Tabelle zeigt, herrscht über die Existenz dieser

„gondwanischen“ Brücke fast völlige Einigkeit. Sie erlosch schon

früh, nämlich im Lias oder spätestens Unterdogger, so daß Australien

schon seit dieser Zeit von Südafrika und Madagaskar und damit auch

von Vorderindien abgesperrt wurde. In unserer Tabelle ist übrigens

nur die Verbindung mit Südafrika und Madagaskar, nicht die mit

Vorderindien, berücksichtigt. Da aber Madagaskar mit Vorderindien

eine Einheit (Lemurien) bildet, so ist nicht einzusehen, auf

welche Weise Vorderindien von dieser Gemeinschaft auszuschließen

wäre. Die Regenwürmer Australiens stehen nach /Michaelsen/[95] in

engster Beziehung gerade zu denen Vorderindiens. So verbinden die

Octochaetinen unmittelbar Neuseeland mit Madagaskar und Vorderindien

samt dem nördlichen Hinterindien unter interessanter Überspringung

der dazwischenliegenden Hauptscholle Australiens. Die lebhaftesten

Beziehungen zeigen aber die gattungsreichen Megascolecinen, welche

Australien zum Teil unter Einschluß der Nordinsel Neuseelands oder

des ganzen Neuseelandgebietes mit Ceylon und besonders dem südlichen

Vorderindien, zum Teil außerdem auch dem nördlichen Vorder- und

Hinterindien verbinden (und merkwürdigerweise zum Teil auch mit der

nordamerikanischen Westküste). Dagegen zeigen die australischen

Regenwürmer keine unmittelbaren Beziehungen zu Afrika oder gar

Südamerika. Wir dürfen hiernach vielleicht annehmen, daß in der

gondwanischen Brücke Vorderindien sogar das nächste Glied war, welches

mit Australien vielleicht unmittelbar zusammenhing.

Die zweite, antarktische Brücke Australiens hat dessen Beziehungen zu

Südamerika zum Gegenstand. Diese Beziehungen sind sehr bekannt, denn es

gehört hierher namentlich die eigenartige Säugetierfauna Australiens,

welche im schroffen Gegensatz zu der des Sunda-Archipels steht, wie

/Wallace/ zuerst erkannte (/Wallace/-Grenze der Säugetiere). Sie

besteht nämlich wesentlich aus Beuteltieren, deren nächste Verwandte

die südamerikanischen Beutelratten sind. Diese zweite Fauna /Hedleys/

hat die besondere Eigentümlichkeit, daß sie keine kältescheuen Formen

enthält. Schon /Wallace/ bemerkte über die Verbindung mit Südamerika:

„Aber welchen Beweis wir auch haben mögen, der eine frühere Verbindung

dieser Länder zu involvieren scheint, er deutet darauf hin, daß

dieselbe, wenn sie überhaupt vorhanden war, nach ihren kalten südlichen

Grenzen zu lag, da die tropischen Faunen im ganzen keine Ähnlichkeit

zeigen“. Diese Worte beziehen sich zwar nur auf die Säugetiere. Aber

bei der Besprechung der Reptilien, Amphibien und Fische sagt er

gleichfalls: „Es ist wichtig, hier zu bemerken, daß die Hitze liebenden

Reptilien kaum einen Beweis einer nahen Verwandtschaft zwischen den

beiden Regionen liefern, während es die Kälte aushaltenden Amphibien

und Süßwasserfische im Überfluß tun“[96]. Auch die Regenwürmer haben

diese Landbrücke nicht benutzt. Da man auf diese Weise geradezu auf

Antarktika als Verbindungsstück der Brücke hingewiesen wird, und da

dasselbe obendrein auch auf dem größten Kreis zwischen Australien und

Südamerika liegt, also den kürzesten Weg darstellt, so ist es nicht zu

verwundern, daß die von wenigen Autoren statt dessen vorgeschlagene

„südpazifische“ Brücke, die nur auf der Merkatorkarte die kürzeste

Verbindung vortäuscht, fast einstimmig abgelehnt wird, wie unsere

Tabelle, S. 64, zeigt. Nur /Burckhardt/ vertritt ihre Existenz vom

Devon bis zum Eozän, in einem Falle von /Katzer/, in zwei anderen von

/Arldt/ unterstützt. Er hat für seine Annahme keinen biologischen,

sondern einen geologischen Grund: Es finden sich an der Westküste

Südamerikas zwischen 32 und 39° Südbreite grobe porphyrähnliche

Konglomerate, die von früheren Autoren als vulkanisch angesprochen,

von /Burckhardt/ aber als verfestigtes Strandgeröll betrachtet

werden. /Burckhardt/ fand nun, daß dies Konglomerat weiter östlich

überall durch Sande ersetzt wird. Er schloß hieraus, daß es sich um

eine Küstenlinie handeln müsse -- und zwar im Mündungsgebiet eines

großen Flusses --, bei welcher die Verteilung von Wasser und Land

gerade umgekehrt war wie heute. Westlich im Gebiet des Pazifik Land,

östlich davon im Gebiet des heutigen Landes Wasser. Das gröbere

Geröll entspräche dann dem Strande, der feinere Sand dem tieferen

Wasser. Dagegen hat /Simroth/[97] geltend gemacht, daß keinerlei

biologische Anzeichen für die Existenz einer solchen Landmasse im

Südpazifik, die womöglich von Südamerika bis nach Australien reichen

soll, angeführt werden können, und daß /Burckhardts/ Beobachtungen,

auch wenn ihre unmittelbare Deutung richtig ist, auch schon durch die

Annahme befriedigt werden, daß der östliche Teil der Anden und ihr

östliches Vorland damals einen langen schmalen, von Norden nach Süden

weisenden Meeresarm darstellten. Der Fluß, dessen Größe wohl immer nur

recht unsicher wird geschätzt werden können, kann umgebogen sein, und

sein Hinterland nicht im Westen, sondern im Norden oder Süden gehabt

haben. Im übrigen bieten gerade die Beobachtungen aus Südamerika,

wie im Kapitel über die Polwanderungen gezeigt werden wird, noch so

viel Widerspruchsvolles, daß hier doppelte Vorsicht am Platze ist.

Die Mehrzahl der Fachgelehrten hat denn auch angenommen, daß die in

Rede stehende südpazifische Brücke nicht existiert hat, und daß für

/Burckhardts/ Beobachtungen eine andere Erklärung gesucht werden

muß[98].

Statt dessen interessieren uns nunmehr in unserer Tabelle die

Südgeorgische Brücke zwischen Südamerika und Westantarktis und die

Macquarie-Brücke zwischen Australien und Ostantarktis. Wegen unserer

Unkenntnis der Antarktis sind hier die Angaben der Tabelle anders zu

bewerten als die früheren. Denn viele Autoren haben es offensichtlich

nur deshalb unterlassen, eine Landbrücke anzunehmen, weil sie mangels

Beobachtungen noch keine Ursache hatten, es zu tun. Es kommt hier also

hauptsächlich nur auf die bejahenden Urteile an. Unsere Tabelle scheint

dann zu zeigen, daß die Macquarie-Brücke bereits im oberen Eozän, die

südgeorgische aber erst im Pliozän ganz abbrach, nachdem sie schon

seit dem Oligozän stark behindert war. Aus biologischen Gründen hat

man übrigens eine doppelte Brücke angenommen, die eine von Wilkesland

über Tasmanien nach Westaustralien, die andere über die Westantarktis

nach Neuseeland und Neuguinea. Die beiden Einwanderungsströme zeigen

charakteristische Unterschiede.

Die südgeorgische Brücke brach erst im Pliozän ab, konnte aber nach der

Isolierung Australiens diesem nichts mehr liefern.

Die dritte Fauna /Hedleys/ ist die jüngste, von den Sunda-Inseln

eingewanderte. Die heutige Lage Australiens gewährt keine Absperrung

mehr gegen die Tier- und Pflanzenwelt der Sunda-Inseln. Die

altertümlichen australischen Säugetiere dringen im Sunda-Archipel

immer weiter vor, so daß man die /Wallace/-Grenze schon weit jenseits

der Schollengrenze zwischen den kleinen Sunda-Inseln Bali und Lombok

hindurch und weiter durch die Makassarstraße zieht, und andererseits

wanderten der Dingo (wilder Hund), Nagetiere und Fledermäuse u. a.

postdiluvianisch nach Australien ein. Die junge Regenwurmgattung

Pheretima, welche mit großer Lebenskraft auf den Sunda-Inseln, den

südostasiatischen Küstengebieten von der Malaiischen Halbinsel bis

China und auf Japan die meisten älteren Gattungen verdrängt hat, hat

auch Neuguinea vollständig erobert und bereits auf der Nordspitze

Australiens festen Fuß gefaßt. Alles dies beweist einen regen Austausch

von Fauna und Flora, der erst in jüngster geologischer Zeit begonnen

haben kann. Er zeigt deutlich, daß man ohne Kontinentalverschiebungen

nicht auskommt, denn in der gegenwärtigen Lage könnte sich natürlich

die Eigenart der australischen Tierwelt nicht entwickelt haben.

[Illustration: Fig. 29.

Tiefenkarte der Umgebung von Neuguinea, Nach den Tiefenkarten der

Ozeane von /Groll/.]

Auch bei Australien bestätigt die Tiefenkarte aufs schönste unsere

Annahme, daß hier jüngst eine Kollision dieser großen Scholle mit den

zerteilten Ketten des Sunda-Archipels stattgefunden hat. Betrachten

wir die beiden südlichsten Reihen der Sunda-Inseln (Fig. 29). Die

genau westöstlich streichende Kette von Java, Bali, Lombok, Soembava,

Flores, Wetter usw., biegt sich bei Annäherung an die große Tafel

Australien-Neuguinea in spiraligem Bogen allmählich nach Nordost,

Nord, Nordwest, West, Südwest. Die ihr vorgelagerte Timorkette bezeugt

schon durch ihre gestörte, wechselnde Richtung die Kollision mit dem

australischen Schelf und wird weiterhin in derselben energischen Weise

in einer Spirale zurückgebogen. Die australische Tafel erfaßt hier,

aus Südosten herandrängend, die ursprünglich geradlinigen, nach Osten

weisenden Inselreihen und schiebt sie vor sich her. Und eine sehr

interessante Ergänzung zu diesem Vorgang sieht man auf der Ostseite

Neuguineas. Als Nordende der großen australischen Tafel aus Südosten

kommend, hat Neuguinea die Inseln des Bismarckarchipels gleitend

gestreift, hat dabei aber Neupommern an seinem früheren Südostende

erfaßt und mit sich geschleppt, die lange Insel um mehr als 90°

herumdrehend und sie halbkreisförmig biegend. Die tiefe Rinne, die

der Meeresboden im Süden und Osten dieser Insel aufweist, zeugt von

der Gewaltsamkeit dieses Vorganges, da das Sima sie noch nicht wieder

auszufüllen vermocht hat.

Zwei unterseeische Rücken verbinden Neuguinea und Nordostaustralien

mit den beiden neuseeländischen Inseln und scheinen den Weg der

Verschiebung zu weisen, vielleicht als geschmolzene, zurückgebliebene

Massen von der Unterseite der Scholle. Auch auf biologischem Wege ist

/Hedley/ zu dem Resultat gekommen, daß Neuguinea mit Neukaledonien, den

neuen Hebriden und den Salomoinseln eine Einheit bildet.

Auch Australien, insbesondere sein südwestlicher Teil, wird von einer

ähnlichen Gneistafel mit welliger Oberfläche gebildet wie Vorderindien

und Afrika. Sie fällt längs der Küste mit einem langen Steilrande,

der „Darling Range“ und ihrer nördlichen Fortsetzung zum Meere ab.

Vor dem Steilrand liegt ein abgesunkener Streifen flachen Landes, der

aus paläozoischen und mesozoischen Schichten aufgebaut und an wenigen

Stellen von Basalten durchbrochen ist, und vor diesem wieder ein

schmaler, bisweilen ganz verschwindender Gneiszug an der Küste. Die

genannten Sedimente enthalten am Irvinflusse auch ein Kohlengebiet.

Es liegt nahe, anzunehmen, daß diese australische Westküste einstmals

die Fortsetzung der indischen Ostküste einschließlich Ceylons gebildet

hat, schon nach den Konturen und der Tiefenkarte, aber auch weil

gerade manche biologische Beziehungen (Regenwürmer) Südwestaustralien

besonders eng an Ceylon anschließen. Die heutige Streichrichtung

der Gneisfaltung ist in Australien überall meridional gerichtet und

würde also bei dieser Angliederung an Vorderindien in Nordost-Südwest

verwandelt und somit parallel zur dortigen Hauptrichtung werden.

Im Osten Australiens verlaufen die wesentlich im Karbon gefalteten

australischen Kordilleren längs der Küste von Süden nach Norden, um

hier in einem staffelförmig nach Westen zurückweichenden Faltensystem,

dessen einzelne Falten immer genau nordsüdlich verlaufen, zu endigen.

Ebenso wie bei den staffelförmigen Falten zwischen Hindukusch und

Baikalsee zeigt dies die seitliche Grenze des Zusammenschubes an; die

riesenhafte Andenfaltung, welche, in Alaska beginnend, durch vier

Erdteile hindurchzieht, erreicht hier ihr Ende. Die westlichsten Ketten

der australischen Kordilleren sind die ältesten, die östlichsten die

jüngsten. Tasmanien bildet eine Fortsetzung dieses Faltensystems.

Interessant ist im Bau des Gebirges die spiegelbildliche Ähnlichkeit

mit den südamerikanischen Anden, wo wegen der Lage jenseits des Poles

die östlichsten Ketten die ältesten sind. Indessen fehlen in Australien

die jüngsten Ketten. /Suess/ findet sie in Neuseeland wieder[99],

dessen Gebirge in der Trias-Jura-Zeit gefaltet wurde[100]. Schon diese

Verhältnisse legen die Annahme nahe, daß Neuseeland im Karbon noch ein

Randschelf neben den australischen Kordilleren, im Jura eine Randkette

derselben bildete, die sich erst im Tertiär als Girlande ablöste.

Hiermit stimmt die Verteilung der marinen tertiären Randsedimente

Australiens überein. Der breite Streifen tertiärer Sedimente, der die

ganze Südkante Australiens begleitet und sich durch die Bass-Straße

hindurchzieht, deutet an, daß hier im Tertiär mindestens schon

ein überschwemmter Grabenbruch Australien von Antarktika trennte;

vielleicht war sogar die völlige Trennung schon erfolgt bis auf

den tasmanischen Anker, der erst etwas später durchgerissen wurde.

Die Fortsetzung dieser tertiären Sedimente findet man erst auf

Neuseeland wieder, während die australische Ostküste völlig frei von

ihnen ist. Zur Zeit der Ablagerung scheint also Neuseeland noch mit

Australien landfest gewesen zu sein. Die zwischen beiden gelegene

Lord-Howe-Insel kann erst in jüngster Zeit isoliert worden sein; dort

sind große Knochen von Landtieren gefunden worden, welche den riesigen

Eidechsengattungen Megalania und Notiosaurus zugeschrieben werden.

Diese Tiere, die in Australien Zeitgenossen der großen Beuteltiere

gewesen sind und also in sehr junger Zeit gelebt haben, können

unmöglich auf einer so kleinen Insel gehaust haben.

Über die permokarbonischen Glazialablagerungen im Gebiet des alten

Gondwanalandes wird im folgenden Kapitel berichtet werden.

Die Angliederung Australiens in der Rekonstruktion der karbonischen

Urkontinentalmasse ist aus dem Grunde besonders schwierig, weil wir

den Bau von Antarktika noch nicht genügend kennen. Namentlich in der

Ostantarktis sind die Konturen noch auf lange Strecken unerforscht,

so daß wir nicht in der Lage sind zu beurteilen, wie eine probeweise

ausgeführte Angliederung überhaupt paßt. Es ergeben sich infolgedessen

hier noch mehrere Möglichkeiten, welche namentlich die Lage Neuguineas

erheblich ändern würden. Auf meine Wahl, die nur zur Stütze für die

Vorstellung getroffen wurde, lege ich keinen großen Wert, insbesondere

ist auch die Verschiebung der Westantarktis an der Ostantarktis

entlang rein hypothetisch. Hierdurch wurde erreicht, daß das Ende der

Gebirgskette von Grahamland, nämlich König Edward VII. Land, neben die

Ketten des Viktorialandes und Tasmaniens zu liegen kommt und seine

unmittelbare Fortsetzung in der Girlande Neuseeland findet.

Fünftes Kapitel.

Polwanderungen.

Über die Frage der Pollage in früheren geologischen Zeiten herrscht

gegenwärtig in der Geologie eine Verwirrung, die nach dem Gesamtstand

unserer Kenntnisse nicht mehr notwendig erscheint, wenn sie auch

historisch verständlich ist.

Nach dem Vorgange von /Laplace/ waren die Geophysiker anfangs geneigt,

praktisch in Betracht kommende Polwanderungen ganz zu leugnen, da

sie nachweisen konnten, daß geologische Massenverlagerungen, wie

Sedimentation, Bildung von Inlandeisdecken, Hebungen und Senkungen

nur äußerst geringe Änderungen der Trägheitsachse der Erde und damit

auch der Rotationsachse verursachen können, vorausgesetzt, daß

die Erde sich wie ein starrer Körper verhält. Es ist auch leicht

einzusehen, daß in letzterem Falle die Trägheitsachse -- bei der

Kugel noch durch jeden beliebigen Durchmesser repräsentiert -- beim

abgeplatteten Rotationsellipsoid, wie es die Erde darstellt, eben

durch die Abplattung in dem Grade festgelegt ist, daß ganz ungeheure

Deformationen des Ellipsoids dazu gehören, sie auch nur um ein geringes

zu ändern.

Die Resultate des Internationalen Breitendienstes entsprechen auch

tatsächlich nahezu diesen Anschauungen. Diese Messungen haben uns,

wie im dritten Kapitel erörtert wurde, mit einer sehr geringfügigen

kreisenden Bewegung des Rotationspoles bekannt gemacht, den sogenannten

Polschwankungen, nach denen der Pol eine eigentümliche, bisweilen

spiralig sich zusammenziehende, dann wieder sich erweiternde Kurve

um eine mittlere Lage (den Trägheitspol) beschreibt, ohne sich dabei

aber mehr als etwa 20 m von diesem zu entfernen. Die Natur dieser

kreisenden Bewegung ist gut bekannt; sie besteht, abgesehen von

einer erzwungenen jährlichen Schwingung, aus der freien /Euler/schen

Bewegung um den Trägheitspol, welche bei starrer Erde nur 305 Tage

Umlaufszeit haben sollte, infolge der Plastizität des Erdkörpers aber

eine solche von 423 Tagen hat. Man hat sich also vorzustellen, daß

von Zeit zu Zeit durch Erdbeben oder andere geologische Ereignisse

eine minimale Verlagerung der Trägheitsachse eintritt; dann schießt

jedesmal der Rotationspol im rechten Winkel zu dieser Verlegung aus

und beginnt seine kreisende Bewegung, die allmählich spiralig wieder

zur Ruhe kommt, meist aber schon vorher wieder durch eine neue kleine

Verlagerung der Trägheitsachse einen neuen Impuls erhält. Diese

Verlagerungen der Trägheitsachse sind jedoch so minimal, daß sie sich

aus den bisherigen Beobachtungsreihen nicht mit einiger Sicherheit

erkennen lassen, sondern nur aus der Bewegung des Rotationspoles

erschlossen werden. Es läßt sich nachweisen, daß diese /Euler/sche

Kreisbewegung nur bei starren, nicht bei flüssigen Körpern möglich ist,

und so scheinen unsere Erfahrungen über Polschwankungen in der Tat das

alte /Laplace/sche Vorurteil gegen große Polwanderungen zu stützen.

Indessen hat man doch schon vor längerer Zeit eingesehen, daß dies

ein Trugschluß ist, und eine Autorität wie Lord /Kelvin/[101] hat z.

B. das Ergebnis seiner Untersuchung über diesen Gegenstand in die

Worte gekleidet: „Wir können nicht nur zulassen, sondern sogar als

höchst wahrscheinlich behaupten, daß die Achse größter Trägheit und

die Rotationsachse, immer nahe beieinander, in alten Zeiten sehr weit

von ihrer gegenwärtigen geographischen Position entfernt gewesen

sein können, und daß sie nach und nach um 10, 20, 30, 40 oder mehr

Grade gewandert sein können, ohne daß dabei jemals eine wahrnehmbare

plötzliche Störung, sei es des Wassers oder des Landes stattgefunden

hat.“ Namentlich /Schiaparelli/[102] hat der Frage, wie sich die Dinge

bei einer nichtstarren Erde stellen, eine lichtvolle Untersuchung

gewidmet, auf deren Resultate wir kurz eingehen wollen. Er behandelt

nacheinander die drei Fälle einer völlig starren Erde, einer völlig

flüssigen Erde und einer solchen mit verzögerter Anpassung der

Abplattung an die jeweilige Pollage. Im ersten Teil kommt er zu dem uns

bereits bekannten Resultat, daß selbst große geologische Veränderungen

nur äußerst geringfügige Lagenänderungen der Trägheitsachse mit sich

bringen, und daß die Rotationspole die /Euler/sche Kreisbewegung um

die Trägheitspole beschreiben. Ganz anders im zweiten Fall, der einer

flüssigen Erde mit sofortiger Anpassung der Abplattung an die Rotation

entspricht. Es leuchtet ein, daß jetzt die Abplattung nichts mehr zur

Festlegung der Rotationsachse beisteuern kann. Sie folgt automatisch

und ohne Widerstand der jeweiligen Lage der Rotationsachse und damit

auch der Trägheitsachse. Hierdurch wird diese frei beweglich, d. h.

nur noch durch die Unregelmäßigkeiten der Massenverteilung an der

Erdoberfläche oder im Erdinnern bestimmt. Das Maximum der Trägheit,

welches der Trägheitsachse entspricht, ist also jetzt nur wenig

verschieden von den Trägheitswerten anderer Achsenlagen, und es genügen

daher sehr kleine geologische Veränderungen, um außerordentliche

Polwanderungen zu erzeugen. Die Erdpole würden in diesem Falle

außerordentlich empfindlich gegenüber den geologischen Vorgängen sein,

und es wäre zu erwarten, daß sie in lebhafter, meßbarer Bewegung

wären. Die /Euler/sche kurzperiodische Bewegung wäre verschwunden,

oder genauer, das fortwährende Wandern ihres Zentrums verhindert ihre

Entfaltung; statt dessen treten lange schwingungsartige Bewegungen sehr

großer Amplitude auf, deren Geschwindigkeit und Periode /Schiaparelli/

in einem Zahlenbeispiel auf 200 km/Jahr, bzw. 100 bis 200 Jahre

berechnet. Man gewinnt also den Eindruck, daß diese Annahme sofortiger

Anpassung der Abplattung an die Rotation über das Ziel hinausschießt.

Um so wichtiger ist das Ergebnis der dritten Annahme, nämlich der der

verzögerten Anpassung. Und zwar stellt sich /Schiaparelli/ vor, daß

die Abplattung ihre gegebene Orientierung so lange beibehält, also

der Ellipsoidpol (/Schiaparelli/ nennt ihn pôle d'équilibre) so lange

unverändert bleibt, bis der Rotationspol eine bestimmte Entfernung

_k_ von ihm überschreitet, worauf dann der Ellipsoidpol, immer in der

Entfernung _k_, ihm zu folgen beginnt. Macht jedoch der Rotationspol

in seiner Bahn eine schärfere Wendung, so daß sich sein Abstand vom

Ellipsoidpol wieder verringert, so bleibt dieser sogleich wieder

still liegen, und zwar so lange, bis der Rotationspol wiederum die

Entfernung _k_ überschreitet. Mit anderen Worten: der Ellipsoidpol

wird vom Rotationspol so nachgeschleppt, als ob beide durch eine

Leine von der Länge _k_ miteinander verbunden wären. Vom dritten Pol,

dem Trägheitspol, haben wir noch nicht gesprochen; sein Abrücken vom

Ellipsoidpol bildet für den Rotationspol die Veranlassung, seine

Wanderung zu beginnen.

Die ganze Bewegung spielt sich hiernach in zwei Phasen ab: in der

ersten Phase verhält sich die Erde wie ein starrer Körper, der

Ellipsoidpol verharrt ungeändert in seiner Lage; geologische Ursachen

bewirken sehr kleine Verlagerungen des Trägheitspoles, auf welche

der Rotationspol mit der /Euler/schen Kreisbewegung reagiert. Dies

ist, um es vorweg zu nehmen, das Bild, welches wir heute sehen. Die

zweite Phase der Bewegung aber beginnt dann, wenn die Abweichung des

Rotationspoles vom Ellipsoidpol infolge einer stärkeren Verlegung des

Trägheitspoles die kritische Größe _k_ überschreitet. Dann ändern sich

mit einem Schlage die ganzen Verhältnisse. „Die wesentliche Bedingung

dafür, daß großartige Polwanderungen als Folge der allmählichen

Anpassung auftreten, besteht aber darin, daß durch irgendeine Ursache

der Abstand zwischen Rotations- und Ellipsoidpol größer wird als die

Konstante _k_.“ Der Ellipsoidpol wird nunmehr hinter dem Rotationspol

im Abstand _k_ hergezogen, zwingt nun aber seinerseits wieder den

Trägheitspol, die neue Orientierung der Abplattung zu berücksichtigen.

Zu der bisherigen Bewegung des Trägheitspoles, die nur durch die

geologischen Vorgänge bestimmt ist, tritt also nun noch eine zweite,

nämlich die Tendenz, mit dem von ihm selber in Bewegung gesetzten

Ellipsoidpol mitzugehen. Da auf diese Weise die Wirkung immer wieder

erneut zur Ursache wird, so werden schon kleine erste Ursachen

(geologische Prozesse) imstande sein, ganz ungeheure Polwanderungen

zu erzeugen. Sie müssen nur so groß sein, daß der Rotationspol um

mehr als _k_ vom Ellipsoidpol fortgedrängt wird. Leider ist es

noch nicht möglich, über die Größe von _k_ ein Urteil zu haben.

/Schiaparelli/ berechnet ein Zahlenbeispiel, bei welchem _k_ = 300 m

herauskommt, aber natürlich ist dies eine ganz unsichere Schätzung;

aus den Polschwankungen scheint nur so viel hervorzugehen, daß _k_

> etwa 20 m sein muß. /Schiaparelli/ meint: „Es ist wahrscheinlich,

daß die Erde, indem sie sich infolge der Abkühlung verfestigte, den

Wert dieser Konstante fortschreitend vergrößert hat, und ihn noch

heute vergrößert. Wenn dies zutrifft, und wenn wir annehmen, daß die

Intensität der geologischen Prozesse immer dieselbe bleibt, wird sich

die Wahrscheinlichkeit großer Wanderungen der geographischen Pole,

die ja durch die Anpassung verursacht werden, fortschreitend im Laufe

der Zeit verringern. Hieraus leitet sich eine wichtige Folgerung ab;

nämlich selbst wenn es gelungen wäre zu zeigen, daß solche Bewegungen

für die Gegenwart unmöglich seien (was noch nicht geschehen ist), so

könnte man den Schluß noch nicht auf die Zeiten ausdehnen, wo durch

die Bewegungen der Erdkruste die Alpen, die Anden und der Himalaja

um mehrere Kilometer emporgehoben wurden; und noch weniger auf die

ältesten Zeiten der Erdgeschichte.“

Wir müssen uns allerdings erinnern, daß auch ohne Änderung von _k_

zeitweise wieder die erste Phase der Bewegung eintreten kann, die sich

so abspielt, als ob die Erde absolut starr und die „Leine“ zwischen

Rotations- und Ellipsoidpol schlaff wäre, nämlich wenn die Polbahn eine

scharfe Biegung macht oder einen Umkehrpunkt hat. Das Vorhandensein der

/Euler/schen Periode spricht dafür, daß wir uns gegenwärtig in einem

solchem Zwischenstadium befinden, aber wir müssen jeden Tag gewärtig

sein, daß der Radius der /Euler/schen Kreisbewegung größer als _k_

wird und dann der Pol sozusagen durchgeht, wobei dann die /Euler/sche

Periode nicht mehr in Erscheinung tritt. Vielleicht herrschte derselbe

Ruhezustand auch sehr lange in der Sekundärzeit. Die im folgenden zu

besprechende auffällig rasche tertiäre Polwanderung nach der langen

Zeit relativer, zum Teil auch wohl völliger Ruhe erfährt hierdurch eine

ganz neue, eigenartige Beleuchtung.

Die geologischen Tatsachen drängen, wie in neuerer Zeit immer

mehr anerkannt wird, durchaus zu der Annahme, daß die Pole in den

verschiedenen geologischen Zeiten an verschiedenen Orten gelegen haben.

So kommt /E. Kayser/[103] in bezug auf die große Polverschiebung im

Tertiär zu dem Resultat: „Wir möchten glauben, daß sie schon deshalb

schwer zu umgehen sein wird, weil ohne sie die monatelange Polarnacht

mit ihrer ungeheuren Wärmeausstrahlung ein nahezu unüberwindliches

Hindernis für die Entwickelung solcher Baumfloren sein würde, wie wir

sie im Tertiär Grönlands und Spitzbergens antreffen.“ Auch /Hoernes/

hält es in seinem Referat über diese Frage[104] für „in hohem Grade

unwahrscheinlich, daß eine abweichende Verteilung von Land und Meer

und vertikale Höhendifferenzen daran Schuld tragen sollten, daß

Nordamerika in ungleich höherem Grade vereist war als Europa. Viel

wahrscheinlicher ist es, daß eine andere Lage des Poles an dieser

Erscheinung die Schuld trägt“. /Eckardt/[105] hebt insbesondere mit

Recht hervor, daß ohne Polverlegung die Ausdehnung der diluvialen

Eiskappe -- namentlich in Amerika -- in Konflikt mit der Lage der

Klimagürtel der Erde kommen müßte. Von Spezialforschern haben besonders

/Neumayr/, /Nathorst/ und /Semper/ auf die Notwendigkeit hingewiesen,

für den Beginn des Tertiärs eine andere Pollage anzunehmen, und zwar

nahm /Neumayr/ eine Verschiebung um 10°, /Nathorst/ um 20° und /Semper/

um 20 bis 30° in der ungefähren Richtung auf die Beringstraße an. (Es

wird gezeigt werden, daß 40° am besten den Tatsachen entspricht.)

Der Wahrheit am nächsten kommen wohl zwei Arbeiten von nicht streng

fachmännischer Seite, nämlich die des Ingenieurs /Reibisch/[106]

und die des Physikers /Kreichgauer/[107], welche für die Zeiten

nach der Kreide zu fast identischen Resultaten gelangen. Leider hat

/Reibisch/ seine von der Kreide ab ganz zutreffenden Vorstellungen

in die wunderliche Zwangsjacke einer strengen „Pendulation“ der Pole

auf einem „Schwingungskreise“ eingekleidet, die als physikalisches

Kreiselgesetz höchstwahrscheinlich falsch ist und auch zu manchen

Widersprüchen mit den Beobachtungen führt. Daher hat auch /Simroths/

umfangreiche biologische Beweisführung[108] nicht zur Annahme dieser

Pendulationstheorie geführt. Sie enthält auch naturgemäß keine

Beweise für die von /Reibisch/ behauptete strenge Gesetzmäßigkeit der

Polbewegungen, aber sie bringt doch wichtige Belege für die Richtigkeit

großer Polverlegungen, namentlich derjenigen des Tertiär, in der

ungefähren Richtung des /Reibisch/schen Schwingungskreises, und sie

enthält beachtenswerte Gedanken und Feststellungen über das Stagnieren

der Entwickelung an den Orten beständigen Tropenklimas [Ecuador und

Sumatra, den „Schwingungspolen“][109] und die schöpferische Kraft

des „Schwingungskreises“, wo die großen Klimaschwankungen durch die

Nötigung zu immer neuen Anpassungen die Entwickelung der Lebewelt

mächtig förderten.

/Kreichgauer/ vermeidet die schädliche Schematisierung und spricht nur

von Polwanderungen, die sich auf unregelmäßigen Kurven vollziehen.

Er leitet sie teilweise aus der Gesamtheit der klimatologischen

Anzeichen ab -- hauptsächlich aber in einer nicht immer überzeugenden

Weise aus den Streichrichtungen der jeweiligen Gebirgsfaltungen. Zur

Karbonzeit lag nach ihm der Nordpol im nördlichen Pazifik, der Südpol

bei Südafrika; dann näherte sich der Nordpol den Aleuten, so daß

Südafrika eisfrei wurde, und in dieser Lage verharrten die Pole in der

ganzen Sekundärzeit, die /Kreichgauer/ überspringt. Erst mit Beginn des

Tertiär begann eine neue große Wanderung, die über Alaska fort bis nach

Grönland (Quartär) hineinführte, von wo der Pol seit der Eiszeit wieder

auf seinen heutigen Platz zurückgegangen ist. Die Fachgeologen haben

seine ungewöhnlich klaren Gedankengänge nur wenig beachtet und nehmen

hauptsächlich daran Anstoß, daß /Kreichgauer/ die Pollage bis in die

ältesten Zeiten zu rekonstruieren versucht und dabei zu einer Wanderung

um etwa 180° kommt. Dies letztere gäbe nun freilich an sich keinen

Grund zur Beanstandung. Aber man wird zugeben, daß die Klima-Anzeichen

für die vorkarbonische Zeit immer spärlicher und schwieriger werden, so

daß man wohl am besten tut, diese alten Zeiten vorläufig außer Betracht

zu lassen.

Die Übereinstimmung zwischen /Reibisch/ und /Kreichgauer/ in den

bestbekannten jüngeren geologischen Abschnitten deutet an, daß ihr

Ergebnis der Wahrheit bereits sehr nahe kommt. Der folgende Versuch,

die Pollagen bis zum Karbon zurück zu verfolgen, bestätigt dies, denn

das Ergebnis ist auch hier im wesentlichen das gleiche. Dabei gelingt

es, durch die Verschiebungstheorie eine Anzahl von Widersprüchen zu

beseitigen, welche -- wie die permokarbonische Vereisung der ganzen

Südhalbkugel -- die Aufgabe bisher schlechterdings unlösbar machten.

Diese Fähigkeit der Verschiebungstheorie, die Dinge zu vereinfachen und

auch sehr verwickelte Knoten zu lösen, wird sich gerade hier besonders

schön zeigen. Daß wir zugleich auch in den Kontinentalverschiebungen

die Ursache der Polwanderungen zu sehen haben, wird im nächsten Kapitel

erläutert werden.

Es kann nicht ganz mit Stillschweigen übergangen werden, daß in der

heutigen geologischen Literatur immer noch häufig Polwanderungen ganz

geleugnet werden. Die Verwirrung erscheint mir nicht einmal dadurch

erklärbar, daß man ohne Einführung der Kontinentalverschiebungen

naturgemäß zu Widersprüchen kommt. Es ist wohl der Wahn von einer

fortdauernden, merklichen Abkühlung der Erde, dessen Ketten die

Geologie noch immer nicht abgestreift hat, und der hier den Gedanken

nahelegt, die Innenwärme der Erde könnte früher ein gleichmäßiges,

warmfeuchtes Klima erzeugt haben. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir

auch gestehen, daß dieser Trugschluß nahe liegt. Die beiden kalten

Zonen der Erde machen nach /Supan/ nur 12 Proz., die heiße Zone 50

Proz. der Erdoberfläche aus; es ist deshalb, wie /Eckardt/ hervorhebt,

ganz allgemein viermal wahrscheinlicher, eine tropische Ablagerung als

eine polare zu finden[110]. Dazu kommt, daß während des größten Teiles

der Erdgeschichte der Nordpol in den Pazifik, der Südpol auf Antarktika

fiel, von wo wir fast keine Beobachtungen haben und teilweise auch

nicht haben können. Und endlich muß man sich vergegenwärtigen, daß die

Geologie -- auch heute noch! -- wesentlich europäisch orientiert ist;

und Europa war eben im Tertiär und in der ganzen Sekundärzeit tropisch

oder subtropisch. Nachdem aber Spuren von Inlandvereisung für das

Permokarbon, Devon, das Kambrium, ja schon für das Algonkium gefunden

sind, haben wir offenbar diesen ganzen Vorstellungskreis aufzugeben.

Die vielfach hervortretende Neigung, die Polverlegung, deren

Unabweisbarkeit man eingesehen hat, wenigstens so klein als möglich

zu halten, ist unlogisch und dient dazu, die Forschung zu verwirren

und aufzuhalten. Wenn der Pol 10° wandern kann, so braucht er nur

18mal längere Zeit, um 180° zurückzulegen, ohne daß neue Ursachen

hinzuzutreten brauchen. Wir sind also bei der Bestimmung früherer

Pollagen lediglich auf die geologischen Befunde angewiesen und haben

diese ohne Rücksicht auf die heutige Pollage zu deuten.

Es soll nicht geleugnet werden, daß das Klima eines Ortes nicht nur

von seiner geographischen Breite, sondern in hohem Grade auch von

der Verteilung von Wasser und Land abhängt. Allein es heißt doch das

Pferd vom Schwanz aufzäumen, wenn man, wie vielfach geschehen, alles

aus diesen Unregelmäßigkeiten herleiten will und Polwanderungen als

entbehrlich bezeichnet. Die Haupterscheinung bildet doch die Lage der

Klimagürtel, und demgemäß muß der erste Schritt der Versuch sein, die

Pollage aus den Beobachtungen abzuleiten. Dies ist gewissermaßen die

erste Näherung bei der Lösung des Problems. Erst wenn die ungefähre

Pollage gefunden ist, ist es angezeigt, die durch Land und Meer

bedingten Abweichungen von den Klimazonen heranzuziehen und auf diese

Weise eine zweite Näherung für die Pollage zu erhalten, wovon aber

in der vorliegenden Skizze noch ganz abgesehen werden muß. Bei der

Breitenschätzung nach dem Charakter des Fundes müssen natürlich alle

verfügbaren klimatischen Anzeichen verwertet werden, wie außer der

Größe und Art der Fossilien auch die rote lateritische Bodenfarbe der

Tropen und die gelbe der gemäßigten Breiten[111], ferner Windkanter

als Wüstenmerkmal, Salzlager als solche für Trockenheit und Wärme,

Korallen als tropische Meeresbewohner, desgleichen Nummuliten, Rudisten

u. a., Kohlen und Torfbildung als Anzeichen für die äquatoriale und

die beiden gemäßigten Niederschlagszonen, Jahresringe an Bäumen,

Glazialerscheinungen, und dergleichen mehr.

Es wäre zweckmäßig, für alle gut untersuchten Gegenden der Erde nach

solchen Gesichtspunkten für jedes Zeitalter die Breitenschätzung

auszuführen, wie es versuchsweise in der graphischen Darstellung Fig.

30 für Deutschland geschehen ist. Wenn diese Kurve -- deren genauere

Begründung auch nur für Deutschland den Rahmen unserer Darstellung

weit überschreiten würde -- für eine Reihe verschiedener Länder mit

einiger Sicherheit ermittelt ist, so lassen sich aus ihnen, wenn

noch die relative Verschiebung der Kontinente berücksichtigt wird,

durch Rechnung oder Messung am Globus die sukzessiven Pollagen

leicht und sicher ermitteln. Die von /Dacqué/ entworfene Klimakurve

der Vorzeit[112] ist ein erster Schritt in Richtung dieser viel

versprechenden Methode, leidet aber an dem grundsätzlichen Mangel,

daß sie nicht für eine bestimmte Gegend gelten soll, sondern für die

ganze Erde. Wir können aber natürlich von einem vorzeitlichen Klima der

ganzen Erde ebensowenig reden wie von dem Gesamtklima der heutigen Erde.

[Illustration: Fig. 30.

Die Entstehung der Kontinente und Ozeane · 第 32 / 35 题