Streichrichtungen in Afrika, nach /Lemoine/.]

Denselben Wechsel der Streichrichtung finden wir nach /E. Suess/ in

Südamerika wieder. „Die Karte des östlichen Guayana... zeigt mehr oder

minder ostwestliches Streichen der alten Felsarten, aus welchen dieses

Gebiet besteht. Auch die eingelagerten paläozoischen Schichten, welche

den nördlichen Teil der Mulde des Amazonas ausmachen, verfolgen diese

Richtung, und der Verlauf der Küste von Cayenne gegen die Mündung des

Amazonas ist daher quer auf das Streichen... Soweit der Bau Brasiliens

heute bekannt ist, muß angenommen werden, daß auch bis Kap San Roque

der Umriß des Festlandes das Streichen des Gebirges quert, aber von

diesem Vorgebirge an wird allerdings bis nach Uruguay hinab die Lage

der Küste durch das Gebirge vorgezeichnet.“ Auch hier folgen die

Flußläufe in großen Zügen der Streichrichtung. Schieben wir Südamerika

zur Rekonstruktion an Afrika heran, wozu eine Drehung Südamerikas

um etwa 45° erforderlich ist, so wird der jetzt West-Ost fließende

Amazonas parallel zum Oberlauf des Niger. Die Streichrichtung des

nördlichen Teiles von Südamerika fällt dann mit derjenigen im Sudan

zusammen, und selbstverständlich auch die andere Streichrichtung

südlich Kap San Roque mit derjenigen südlich von Kamerun. -- Daß dieser

Wechsel der Streichrichtung hüben und drüben gerade an denjenigen

Stellen eintritt, die bei der Rekonstruktion zur Deckung gebracht

werden, müßte nach der Hypothese der versunkenen Landbrücken wiederum

ein Zufall sein, ebenso wie die Erreichung der Parallelität der

Streichrichtungen nach der für die Rekonstruktion nötigen Drehung

Südamerikas.

Nach der Verschiebungstheorie gibt uns dieser Wechsel der

Streichrichtung auch eine Erklärung für den eigenartigen Knick, den

die Spalte gerade hier erfährt. Die Zugkräfte, welche sie aufrissen,

waren anscheinend so orientiert, daß die Spalte eigentlich nicht genau

von Süden nach Norden, sondern etwa von Südsüdost nach Nordnordwest

aufreißen sollte. Sie wurde aber durch die nordsüdliche Streichrichtung

wegen der leichteren Teilbarkeit der Scholle nach dieser Richtung

abgelenkt, bis sie bei Kamerun bzw. Kap San Roque an das andere

Faltungssystem herankam, welches sie allzuweit aus der Richtung

abgelenkt hätte. Daher wurde dieses System quer durchgerissen in einem

fast rechten Winkel zur bisherigen Richtung[90].

Ganz im Süden Afrikas findet sich noch ein von Ost nach West

streichendes karbonisches Faltengebirge (die Zwarten Berge); kurz vor

Erreichung des Ufers biegt zwar ein Arm desselben (die Cedar-Berge)

nach Norden ab, um bald zu endigen. Aber dies ist offenbar eine

lokale Abzweigung, während die Hauptstreichrichtung Ost-West ist.

Die Verlängerung dieser Kette trifft in der Rekonstruktion auf die

nach der Karte zunächst durch nichts hervorgehobene Partie südlich

von Buenos Aires. Die dort befindlichen Sierren wurden nun in der Tat

ganz neuerdings von /Keidel/[91] als eine gleichfalls karbonische

Faltung erkannt, welche mit dem Kapgebirge in Bau und Geschichte

völlig übereinstimmt. Diese karbonische (und teilweise vorkarbonische)

Sierrenfaltung scheint weiter westlich ebenso wie der afrikanische

Zweig nach Norden abzubiegen und sich an die „Präkordilleren“

anzuschmiegen. Man wird zugeben, daß gerade diese Beziehung ein sehr

schlagender Beweis für die Richtigkeit der Verschiebungstheorie ist.

An keiner anderen Stelle dieser beiden großen Kontinentaltafeln sind

karbonische Faltungen vorhanden. Heute sind die beiden Schelfränder

um 6220 km voneinander entfernt. Ist es da wirklich gestattet,

anzunehmen, sie seien nur durch Zufall gerade so gelegen, daß sie bei

der Rekonstruktion zur Berührung gebracht werden? Die rekonstruktive

Zusammenfügung der beiden Schollen Südamerika und Afrika läßt der

Phantasie durchaus keinerlei Spielraum. Denn die Ränder haben sich

hier so genau kongruent erhalten, daß man den einen Kontinent um

keine 100 km gegen den anderen verschieben könnte. Die Sierren von

Buenos Aires brauchten also nur um einige Hundert Kilometer nördlicher

oder südlicher zu liegen, um zu einer Diskrepanz in Gestalt einer

unerklärten horizontalen Verwerfung bei der Zusammenfügung zu führen.

Dies tun sie aber nicht, sondern sie liegen gerade an der Stelle, wo

sie nach der Verschiebungstheorie zu erwarten sind.

Von den Gegnern der Verschiebungstheorie werden diese Verhältnisse

meist nicht richtig gewürdigt. Es kommt nicht so sehr auf die bloße

Tatsache an, daß eine solche alte Faltung drüben auch ihre Fortsetzung

findet, als vielmehr auf die Frage, ob diese Fortsetzung richtig liegt.

Nehmen wir, um uns die Größenordnungen klar zu machen, an, daß bei

der heutigen Entfernung beider Küsten eine jenseitige Küstenstrecke

von 2000 km als Ort der Fortsetzung in Frage kommt, und daß alle 200

km-Abschnitte dieser Strecke gleiche Wahrscheinlichkeit für sich

haben. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, daß sich die Fortsetzung der

Faltung durch Zufall gerade in demjenigen Teilabschnitte befindet,

der durch die Rekonstruktion mit dem diesseitigen Faltungsende zur

Berührung gebracht wird, gleich 1/10, d. h. man kann bereits 9 gegen

1 wetten, daß dies Zusammentreffen /kein/ Zufall ist. Wenn aber an

mehreren Stellen gleichzeitig dieser „Zufall“ eintreten soll, so

potenziert sich die Unwahrscheinlichkeit. Betrachten wir in diesem

Sinne, von Norden nach Süden gerechnet, die Eiszeitmoräne als erste,

das algonkische Gebirge als zweite, das kaledonische als dritte, das

karbonische als vierte Übereinstimmung, den Streichrichtungswechsel

bei Kap San Roque-Kamerun als fünfte und das Kapgebirge als sechste

Übereinstimmung, und nehmen wir der Einfachheit halber für jeden dieser

Fälle dieselben Bedingungen an, so wird die Wahrscheinlichkeit, daß

uns hier ein Zufall täuscht, gleich (1/10)⁶ oder 1:1000000, d. h. wir

können 999999 gegen 1 wetten, daß die Verschiebungstheorie Recht hat.

Man mag gern glauben, daß diese Zahl übertrieben ist; aber man soll

bei seinem Urteil berücksichtigen, daß sich die Wahrscheinlichkeit

potenziert, wenn sich die Übereinstimmungen addieren. Es ist deshalb

meines Erachtens nicht mehr möglich, an der prinzipiellen Richtigkeit

der Verschiebungstheorie zu zweifeln.

In unserer Tabelle kommt noch die „amerikanische“ Brücke zwischen Nord-

und Südamerika und die „nordpazifische“ Brücke zwischen Nordamerika

und Sibirien vor, die wir noch in diesem Zusammenhange kurz besprechen

wollen, um gewisse Mißverständnisse zu beseitigen. Die Betrachtung

der Karte zeigt sofort, daß die jetzige Schollenverbindung zwischen

Süd- und Mittelamerika nicht auf zufälliger Berührung beruht.

Diese Schollen haben offenbar von alters her zusammengehangen, wenn

auch zeitweise, wie unsere Tabelle lehrt, unter Wasser. Damit steht

keineswegs im Widerspruch, daß sich Südamerika eher von Afrika ablöste

und seine Wanderung nach Westen begann, als Nordamerika. Denn die

Bewegung Südamerikas bestand anfangs wohl vorwiegend in einer Drehung

etwa um Panama als Mittelpunkt. Gerade bei Mittelamerika legen die

Konturen nahe, daß sich hier bei der Ablösung und in der folgenden Zeit

bedeutende plastische Deformationen vollzogen. Unsere Tabelle zeigt

vier Perioden, in denen diese Brücke von Panama anscheinend über Wasser

gelegen hat, nämlich 1. Silur und Devon, 2. Perm bis Mittel-Trias, 3.

Kreide, 4. vom Miozän ab; aber nur die vierte ist ganz unbestritten.

Dieses vierte Auftauchen darf man vielleicht mit der Abwanderung der

amerikanischen Schollen in Zusammenhang bringen. Stellt man sich

vor, daß die Abtrennung Südamerikas eine Drehung dieser Scholle um

bisher 45° mit sich brachte, und daß die atlantische Spalte von Süden

nach Norden fortschritt, so ist einleuchtend, daß dieser Vorgang

zu bedeutenden Stauchungen und Zerrungen des mittelamerikanischen

Schelfgebietes führen mußte, welche zur Zertrümmerung und Verkleinerung

der Bruchstücke führte, gleichzeitig aber letztere, namentlich an

ihrem Westrande, mehr aus dem Wasser herauswachsen ließ. Durch

dieses drehende Abrücken Südamerikas erklärt sich auch, warum die

Andenfaltung am Nordende dieses Kontinents nach Osten zurückbog und nur

eine schwache Fortsetzung in den Antillen fand. Das Verbindungsstück

zwischen den beiden großen Schollen war eben schmal und plastisch.

Auch für die Beringstraße muß ein schon früher (S. 9) erwähntes

Mißverständnis beseitigt werden[92]. /Diener/ hat gemeint, wenn

man Nordamerika an Europa heranrücke, so werde dadurch zwischen

Amerika und Asien eine breite Tiefseeöffnung geschaffen, während

die Paläontologie zur Annahme einer früheren Landbrücke über den

heutigen Schelf führt[93]. In der Tat zeigt unsere Tabelle, daß eine

solche Landverbindung 1. im Silur und Devon, 2. vom Mittelkarbon bis

Mittelperm, 3. im Lias und Dogger und 4. von der Kreide bis zum Quartär

angenommen wird; besonders in der letzteren Periode ist seit dem Beginn

des Tertiär diese Landbrücke recht sicher. Wenn sie im Miozän und

Pliozän von einzelnen Forschern geleugnet wird, so darf man vielleicht

annehmen, daß die Nähe des Pols in dieser Zeit die Verbindung durch

Vereisung zeitweise unwirksam gemacht hat. Hierüber wird im nächsten

Kapitel Ausführlicheres mitgeteilt werden. Jedenfalls genügt bereits

ein Blick auf die Tiefenkarte, um zu sehen, daß nichts uns berechtigt,

anzunehmen, die beiden Schollen seien früher getrennt gewesen und erst

neuerdings zur Berührung gelangt. Aber /Dieners/ Annahme ist nicht

richtig. Unsere auf dem Globus ausgeführte Rekonstruktion ist gewiß

in manchen Punkten schwierig und unsicher, würde aber durchaus nicht

verbessert, wenn man die Schollen bei der Beringstraße abreißen ließe.

Es handelt sich eben auch bei Nordamerika mehr um eine Drehung als um

eine Parallelverschiebung, wie ja schon die nach Norden abnehmende

Breite des Atlantik nahelegt. /Diener/ hat nur auf der Merkatorkarte

recht.

Lemurien.

In bezug auf die „lemurische“ Landbrücke zwischen Madagaskar und

Vorderindien zeigt unsere Tabelle (S. 64) eine Übereinstimmung der

Ansichten, wie sie vollkommener wohl kaum irgendwo erwartet werden

kann. Für die gesamte Vorzeit bis zum Beginn des Tertiär wird eine

solche, offenbar stets so gut wie ungestörte Landverbindung angenommen,

vom Eozän ab herrschte aber nach der Ansicht der Mehrzahl, die vom

Pliozän ab unbestritten ist, Trennung. Es ist nicht ohne Interesse,

daß der Abbruch des Austausches kein momentaner war, sondern letzterer

vom Eozän bis zum Miozän anscheinend in beschränkter Weise noch

andauert. Es gibt eben viele „peregrine“ Formen sowohl im Tier- wie im

Pflanzenreich, welche zur überseeischen Ausbreitung in gewissen Grenzen

befähigt sind, und daher wird das völlige Erlöschen des Austausches

erst eintreten, nachdem die Schollen bereits einen gewissen Abstand

voneinander erreicht haben.

Nach den bisherigen Anschauungen nahm man an, daß diese Landverbindung

zwischen Vorderindien und Madagaskar bei unveränderter Lage dieser

beiden Teile durch einen jetzt versunkenen Brückenkontinent „Lemuria“

gebildet wurde. Auf unserer Rekonstruktion (Fig. 23, S. 61) finden

wir an Stelle dieses langgestreckten Brückenkontinents eine lange,

von Hochasien ausgehende Halbinsel von genau derselben Form wie jene

hypothetische Lemuria. Aber das Dreieck Vorderindien bildet auf ihr die

Südspitze dieser langen Zunge und hängt unmittelbar ohne Brücke mit

Madagaskar zusammen. Für eine versunkene Lemuria im alten Sinne bleibt

kein Platz.

Betrachten wir das heutige Kartenbild. Die riesigen, wesentlich

im Tertiär gebildeten Falten des Himalajagebirges bedeuten den

Zusammenschub eines erheblichen Stückes der Erdrinde, durch dessen

Rekonstruktion die Umrisse des asiatischen Kontinents ganz andere

werden. Wahrscheinlich nahm das ganze östliche Asien über Tibet und

die Mongolei hinweg bis zum Baikalsee und vielleicht sogar bis zur

Beringstraße an diesem Zusammenschub teil; beschränken wir uns aber auf

die höchste, im Mittel etwa 4000 m über dem Meere liegende Region, die

in der Schubrichtung 1000 km mißt, und nehmen wir (trotz der größeren

Höhe) nur eine gleiche Verkürzung wie bei den Alpen, nämlich auf den

vierten Teil ihrer ursprünglichen Erstreckung, an, so erhalten wir eine

Verschiebung Vorderindiens um 3000 km, so daß es vor dem Zusammenschub

neben Madagaskar gelegen hätte.

[Illustration: Fig. 28.

Die Entstehung der Kontinente und Ozeane · 第 31 / 35 题