Ein getreues Bild dieser Tiefenverhältnisse und damit auch des Alters
der Tiefseeböden gibt auch die Verteilung der Tiefseesedimente (Fig.
19), worauf /Krümmel/ mich seinerzeit persönlich aufmerksam gemacht
hat. In überraschender Weise sieht man hier sozusagen die Spur der
Verschiebungen. Der rote Tiefseeton und der Radiolarienschlamm, die
beiden echt „abyssischen“ (Tiefsee-) Sedimente, sind wesentlich auf den
Pazifik und östlichen Indik beschränkt, während Atlantik und westlicher
Indik von „epilophischen“ Sedimenten bedeckt sind, deren größerer
Kalkgehalt mit der geringeren Meerestiefe ursächlich verknüpft ist.
Diese Unterschiede der Tiefe der Ozeane können natürlich durch
verschiedenes spezifisches Gewicht der darunterliegenden Gesteine
verursacht sein. Der mineralogische Unterschied zwischen pazifischen
und atlantischen Laven legt sogar diese Auffassung sehr nahe. Es könnte
ja sein, daß sich die Zusammensetzung der zähen Simaflüssigkeit im
Laufe der Erdgeschichte durch Auskristallisieren gewisser Bestandteile
oder andere Ursachen etwas geändert hat, und daß die Tiefseeböden
deshalb je nach ihrem Alter verschiedene Eigenschaften besitzen.
Allein man sollte dann wohl erwarten, daß gerade junge Meeresböden die
größten, nicht die kleinsten Tiefen aufweisen. Wahrscheinlicher dürfte
es deshalb sein, daß es sich nur um den Einfluß der Temperatur handelt,
daß also die alten Tiefseeböden stärker ausgekühlt und deshalb schwerer
sind als junge. Beträgt nämlich das spezifische Gewicht des Sima 2,9,
so würde es bei Temperaturerhöhung um 100° unter Zugrundelegung des
kubischen Ausdehnungskoeffizienten für Granit 0,0000269 auf 2,892
verändert. Zwei um 100° verschieden temperierte Tiefseeböden, die
miteinander im isostatischen Gleichgewicht stehen, müßten dann einen
Tiefenunterschied von 300 m aufweisen, um welche der wärmere Boden
höher liegt. Es ist freilich schwer vorstellbar, daß z. B. der Boden
des Atlantik seine höhere Tiefentemperatur einen auf Millionen Jahre
zu schätzenden Zeitraum hindurch bewahrt haben sollte, selbst wenn man
den anfänglichen Temperaturunterschied viel höher (etwa 1500°) bemessen
darf. Allein wir wissen ja nicht, aus welcher Quelle die Innenwärme
der Erde überhaupt stammt. Wenn sie, wie manche meinen, durch den
Zerfall der radioaktiven Stoffe erzeugt wird, und sogar wenn sie nur
teilweise durch denselben unterhalten wird, dürfte der Gedanke, daß
frisch entblößte Tiefenschichten vermöge ihres höheren Gehaltes an
radioaktiven Stoffen selbst geologische Zeiträume hindurch erhöhte
Temperatur aufweisen, wohl nicht gänzlich von der Hand zu weisen sein.
Wenn die Verschiebung der Kontinente auf der Flüssigkeit des
barysphärischen Sima beruht, so wäre es merkwürdig, wenn bei diesen
Prozessen das Sima als gänzlich ruhend zu betrachten wäre und seine
Fähigkeit, zu strömen, sich nur darin äußerte, daß es den triftenden
Kontinentalschollen nach unten ausweicht und hinter ihnen wieder
emporsteigt. Es ist vielmehr wohl anzunehmen, daß bisweilen auch
Strömungen selbständigeren Charakters im Sima auftreten. Die Karte gibt
an einigen Stellen durch die Verzerrung früher anscheinend geradliniger
Inselketten eine unmittelbare Anschauung von solchen mehr lokalen
Strömungen des Simas. In Fig. 20 sind zwei Beispiele dafür gegeben,
nämlich das der Seychellen, die einen von Madagaskar nach Vorderindien
gerichteten, von der Mittellinie nach beiden Seiten schnell
abnehmenden Strom anzuzeigen scheinen, und das der Fidschi-Inseln.
Der erstere Strom paßt sehr gut zu unseren Vorstellungen von
dem Zusammenschub der langen lemurischen Halbinsel gegen die
asiatische Scholle, denn er läuft in der Spur von Lemurien, also im
frisch entblößten Tiefseeboden, während die älteren Tiefseeböden
nordwestlich und südöstlich davon sich langsamer bewegen. Die Form
der Fidschi-Inseln dagegen, die an einen zweiarmigen Spiralnebel
erinnert, scheint mit der Bewegungsänderung zusammenzuhängen, welche
Australien erfuhr, als es seine letzte Verbindung (über Tasmanien)
mit Antarktika zerriß und unter Zurücklassung der Girlande Neuseeland
seine noch heute erkennbare Bewegung nach Nordwesten begann, die zur
Kollision mit dem hinterindischen Schelfgebiet führte. Den schon früher
besprochenen Inselbogen zwischen Feuerland und Grahamland, der auf den
ersten Blick gleichfalls hierher zu gehören scheint, möchte ich jedoch
nicht als Ausdruck einer lokalen Strömung auffassen, sondern auf die
allgemeine Verschiebung der Kontinente nach Westen zurückführen. Denn
ein ähnliches Zurückbleiben der kleineren Brocken nach Osten sehen
wir in allen Breiten: Bei Mittelamerika die Antillen, in Ostasien
die Inselgirlanden; ein ähnlicher Inselbogen (Prinz-Edwards-Inseln,
Crozet-Inseln, Kerguelen, Heard-Insel) verbindet auch Südafrika mit
Antarktika, und auch zwischen Australien und Antarktika entspricht
die östlichere Lage Neuseelands einem solchen Bogen über die
Macquarie-Inseln nach Wilkes- oder Viktoria-Land.
[Illustration: Fig. 20.
Oben: Madagaskar und Seychellen-Bank.
Unten: Die Fidschi-Inseln.
(Tiefenlinien 200 und 2000 m; Tiefseerinnen punktiert.)]
Es sei in diesem Zusammenhange auch ganz kurz der mittelatlantischen
Bodenschwelle gedacht. Die Auffassung von /Haug/, welcher den ganzen
Atlantik als eine riesige Geosynklinale und die mittelatlantische
Schwelle als den Beginn der Faltung dieser Geosynklinale betrachten
will, ist heute wohl ganz allgemein als unzureichend erkannt. Wir
verweisen hier nur auf /Andrées/ Kritik[68]. Auch für diese merkwürdige
Erscheinung gibt die Verschiebungstheorie eine einfache Erklärung in
die Hand: Es handelt sich hier wohl um die ehemalige Grabensohle aus
der Zeit, als der Atlantik erst einen relativ schmalen Grabenbruch
darstellte, der mit abgesunkenen Randpartien, Küstensedimenten und
wohl teilweise auch geschmolzenen lithosphärischen Massen angefüllt
war. Die Inseln, welche heute die lange Bodenschwelle krönen, sind
wohl alle bereits zu dieser Zeit als Bruchstücke der Spaltenränder
entstanden, was natürlich nicht hindert, daß ihr sichtbarer Aufbau
ganz vulkanisch sein kann. Als sich dann im weiteren Verlauf der
Verschiebung die atlantische Simaoberfläche wie Gummi auseinanderzog,
nahm dieses sprödere Material an der Ausdehnung nicht teil, sondern
blieb gesammelt, stets die Mitte zwischen beiden Kontinenten haltend.
Die sogenannten Tiefseesande mit Mineralkomponenten bis zu 0,2 mm
Durchmesser, die offenbar in Küstennähe abgelagert sind, aber von der
Valdivia-Expedition und von der deutschen Südpolar-Expedition unter /v.
Drygalski/ mitten im Ozean entdeckt wurden, scheinen besonders auf ein
solches Ziehen des Meeresbodens hinzudeuten, da nur auf diese Weise
alle Teile desselben früher küstennah gewesen sein können.
Über die Natur der Tiefseerinnen[69] läßt sich wohl auf Grund der
bisherigen, sehr dürftigen Beobachtungen noch kein abschließendes
Bild gewinnen. Sie sind, wie schon oben erwähnt wurde, so häufig der
konvexen Seite von Girlanden vorgelagert, daß sich ein ursächlicher
Zusammenhang beider Erscheinungen wohl nicht von der Hand weisen läßt.
Sie liegen hier offenbar an der Grenze zwischen dem lithosphärischen
Material und dem barysphärischen und scheinen jedenfalls relativ
schnellen Prozessen zu entspringen, weil das Sima offenbar noch keine
Zeit gefunden hat, die Vertiefung auszufüllen. Sie befinden sich
immer am Rande des alten Tiefseebodens, z. B. östlich von Japan die
Tuscarora-Rinne, während am entsprechenden Rande der Hauptscholle
(Korea), wo die Simafläche erst frisch entblößt ist, keine Rinne
vorhanden ist. Es scheint also, als sei der alte Tiefseeboden infolge
seiner tiefergehenden Abkühlung und Erhärtung allein dazu befähigt,
solche großen Spalten zu bilden. Die Zugkräfte, welche sie aufrissen,
waren jedenfalls wohl dieselben, welche auch die Abtrennung der
Girlande von der Hauptscholle verursachten. In Fig. 21 ist als
Beispiel der Querschnitt der Yap-Rinne nach /G. Schott/ und /P.
Perlewitz/ wiedergegeben, welche auch die typische „Horst“-Erhebung auf
der der Inselreihe gegenüberliegenden Seite der Rinne zeigt. Die Tiefen
darin sind fünffach übertieft; die gestrichelte Linie entspricht den
natürlichen Verhältnissen.
Bei der tiefen, rechtwinklig gebogenen Rinne südlich und südöstlich
der Insel Neu-Pommern beruht die Entstehung offensichtlich auf dem
gewaltsamen Fortzerren der Insel nach Nordwesten infolge Kollision mit
Neuguinea; die 100 km tief sich hinabsenkende Inselscholle pflügt das
Sima, welches nachströmend das Loch noch nicht ganz gefüllt hat. Den
Zusammenhang dieses ganzen einzigartigen Vorganges mit der Bewegung
Australiens und Neuguineas werden wir später zu besprechen haben. Es
ist dies wohl derjenige Fall, wo wir uns am genauesten Rechenschaft
über die Entstehung einer Tiefseerinne ablegen können.
[Illustration: Fig. 21.
Übertiefter Querschnitt durch die Yap-Rinne.
(Oben gestrichelt die natürlichen Maßverhältnisse.)]
Für die den südamerikanischen Anden westlich von Chile vorgelagerte
Atakama-Rinne scheint sich die Möglichkeit einer noch anderen Erklärung
zu bieten. Berücksichtigen wir nämlich, daß sich bei der Aufstauung
dieses Gebirges alle Schichten unterhalb des Tiefseeniveaus nach
unten stauchen, so muß hierdurch auch der benachbarte Tiefseeboden
mit hinabgezogen werden. Dazu kommt noch ein weiterer Grund für das
Sinken des Kontinentalrandes, nämlich die Abschmelzung der nach unten
gerichteten Gebirgsfaltung und die durch die Westwanderung der Scholle
bewirkte Entführung der geschmolzenen Massen nach Osten. Auch hierdurch
muß der Kontinentalrand sinken und wird das benachbarte Sima mit
hinabschleppen.
Indessen bedürfen alle diese Vorstellungen über die Natur der
Tiefseerinnen noch durchaus der Bestätigung durch weitere genauere
Erforschung, namentlich auch durch Schweremessungen. Bisher liegen
hierüber meines Wissens nur /Heckers/ Beobachtungen über der Tongarinne
vor, welche eine Schwerestörung ergaben, was mit unserer Vorstellung,
daß hier der isostatische Ausgleich durch Nachströmen des Sima noch
nicht erfolgt sei, zu harmonieren scheint. Es wäre aber von großer
Wichtigkeit, die Natur dieser interessanten Schwerestörung durch
weitere Beobachtungen auch an anderen Rinnen genauer kennen zu lernen.
Viertes Kapitel.
Die Verschiebungen der Kontinentalschollen.
Zu irgend einer Zeit hat die lithosphärische Haut den ganzen Erdball
bedeckt. Sie kann damals nicht 100, sondern nur etwa 30 km dick gewesen
sein, und war mit einer „Panthalassa“ bedeckt, deren durchschnittliche
Tiefe /Penck/ zu 2,64 km berechnet, und die wohl nur wenige oder
gar keine Teile der Erdoberfläche frei ließ. Diese Vorstellung paßt
durchaus zu dem, was wir über die älteste Entwickelung des Lebens auf
der Erde wissen. „Es zweifelt wohl kaum jemand ernstlich daran, daß das
Leben des Süßwassers, sowie des festen Landes und der Luft aus dem des
Meeres hervorgegangen ist“[70]. Vor dem Karbon kennen wir noch keine
Vierfüßler und Insekten, vor dem Devon keine Landpflanzen und vor dem
Silur überhaupt keine luftatmenden Tiere.
Durch irgendwelche Kräfte wurde nun diese verschiebbare und selber
plastische Erdhaut aufgerissen, und diesem Aufreißen auf der einen
Seite entsprach auf der anderen Seite ein Zusammenschub. So bildeten
sich die ersten Faltengebirge, und gleichzeitig begann das Meer, sich
in Tiefsee und Flachsee zu gliedern, die auch damals schon durch
einen Steilabfall geschieden waren. /Walther/ schreibt: „Allgemeine
biologische Gründe, die stratigraphische Stellung der heutigen
Tiefseefauna, ebenso wie tektonische Untersuchungen drängen uns die
Überzeugung auf, daß die Tiefsee als Lebensbezirk keine primitive
Eigenschaft der Erde aus den ältesten Perioden ist, und daß ihre
erste Anlage in dieselbe Zeit fällt, wo in allen Teilen der jetzigen
Kontinente tektonische Faltungsbewegungen einsetzen und das Relief
der Erdoberfläche so wesentlich umgestalten[71]“. Diese ersten Risse
der Lithosphäre, in denen die barysphärische Oberfläche zum ersten
Male zutage trat, mögen denjenigen ähnlich gewesen sein, welche heute
die meisten der ostasiatischen Inselgirlanden von der Hauptscholle
trennen. Sie öffneten sich um so weiter, je größere Fortschritte die
Faltung der lithosphärischen Haut machte. Es war ein Vorgang, den wir
etwa mit dem Zusammenfalten eines runden Papierlampions vergleichen
können. Auf der einen Seite Öffnung, auf der anderen Zusammenschub.
Höchstwahrscheinlich ist es die Fläche des allgemein für sehr alt
gehaltenen Pazifischen Ozeans, welche auf diese Weise zuerst ihres
lithosphärischen Mantels beraubt wurde. Schon beim Aufreißen und
auch noch bei der weiteren Öffnung des Risses bröckelten vom Rande
dieses Mantels kleinere Stücke ab, welche im Sima stecken bleibend
als Inseln oder submarine Erhebungen den Tiefseeboden bedeckten.
Die Inselreihen des Pazifik zeigen eine merkwürdige Parallelität;
/Arldt/ hat 19 Reihen ausgemessen, welche alle sehr nahe N 62,5°
West streichen[72]. Es liegt nahe, anzunehmen, daß dieser Strich des
Pazifik jene alte Verschiebungsrichtung andeutet, durch welche sich
dieses Tiefseebecken öffnete[73]. Vermutlich sehen wir das Äquivalent
dieses Aufreißens des Pazifik in den alten Faltungen, welche die
Gneismassive Brasiliens, Afrikas, Vorderindiens und Australiens
durchziehen[74]. Diese Zusammenschübe hatten eine erhebliche Verdickung
des Lithosphärenmantels zur notwendigen Folge, und die Überflutung
desselben muß also im Laufe der Erdgeschichte -- ganz abgesehen vom
Wechsel ihres Ortes -- im ganzen immer mehr abgenommen haben, ein
Ergebnis, das mit der herrschenden Meinung übereinstimmt.
[Illustration: Fig. 22.
Ehemalige und künftige hypsometrische Kurve der Erdoberfläche.
.... für die Zukunft, ---- für die Gegenwart, --. -- für die Vorzeit,
-- -- im Urzustand (zugleich mittleres Krustenniveau).]
Ein wechselndes Spiel von Zug- und Druckkräften in der schwimmenden und
plastischen Erdrinde war also nicht imstande, seine Wirkungen selbst
wieder aufzuheben; denn die Zugkräfte konnten nicht die Falten wieder
glätten, welche die Druckkräfte aufgeworfen hatten, sondern führten nur
zu Zerreißungen. Es war und ist also ein einseitig fortschreitender
Prozeß, bei dem der Lithosphärenmantel fortgesetzt an Oberfläche und
Zusammenhang verliert, während er gleichzeitig an Dicke wächst. In Fig.
22 sind die hypsometrischen Kurven dargestellt, welche hiernach für die
Vorzeit, Gegenwart und Zukunft anzunehmen sind. Das heutige mittlere
Krustenniveau stellt zugleich die ursprüngliche Oberfläche der noch
ungespaltenen Lithosphäre dar.
Es ist einleuchtend, daß dieser Prozeß der Verkleinerung der
Lithosphäre nicht in der ganzen Erdgeschichte dasselbe Tempo behalten
konnte. Je kleiner die Kontinente werden und je mächtiger ihre Schollen
sind, um so geringer wird das Ausmaß neuer Faltungen sein. Mit anderen
Worten: Hat sich die Größe der Lithosphäre verringert, so muß die
Gebirgsbildung in der Erdgeschichte schwächer geworden sein. Und dies
ist in der Tat der Fall.
/E. Kayser/[75] schreibt: „Es ist von großer Bedeutung, daß die
ältesten archäischen Gesteine überall auf der Erde stark gestört und
gefaltet sind. Erst vom Algonkium an finden sich neben gefalteten
hier und da ungefaltete oder nur schwach gefaltete Ablagerungen.
Gehen wir zur nachalgonkischen Zeit über, so sehen wir, wie die
Ausdehnung und Zahl der starren unnachgiebigen Massen hier immer
größer, und dementsprechend der Umfang der faltbaren Krustenteile immer
beschränkter wird. Dies gilt bereits für die carbonisch-permischen
Stauungen. In nachpaläozoischer Zeit schwächten sich die faltenden
Kräfte allmählich mehr und mehr ab, um indes in der jüngeren Jura- und
der Kreidezeit wieder zu erwachen und in der jüngeren Tertiärzeit einen
neuen Höhepunkt zu erreichen. Es ist aber sehr bezeichnend, daß das
Verbreitungsgebiet dieser jüngsten großen Gebirgsstauung selbst hinter
der carbonischen Faltung ganz beträchtlich zurückblieb“. Diese Tatsache
der allmählichen Abnahme der Faltungsvorgänge in der Erdgeschichte
scheint unsere Vorstellungen von der Entwickelung der Erdrinde ganz
besonders zu stützen. Denn die Faltungen müssen naturgemäß um so mehr
abnehmen, je mehr sich die Lithosphäre in Stücke zerteilt und je mehr
die Oberfläche dieser Stücke zusammenschrumpft. Kleine Schollen, wie
z. B. Madagaskar, dürften in Zukunft überhaupt keiner Faltung mehr
unterworfen sein. Auch im Tertiär ist die bedeutendste Faltung, nämlich
die des Himalaja, gerade auf der größten Scholle erfolgt.
Hiernach hat die Annahme nichts Unwahrscheinliches, daß im Mesozoikum
die Lithosphäre nur noch etwa die Hälfte der Erdoberfläche bedeckte.
In Fig. 23 ist der Versuch gemacht, die Erdkarte für die Karbonzeit
zu rekonstruieren. Freilich nicht in dem üblichen Sinne einer
Unterscheidung zwischen Land und Wasser, sondern nur zwischen
lithosphärischer und barysphärischer Oberfläche, oder zwischen
Kontinentalschollen und Tiefseeböden. Die Hinzufügung der
Epikontinentalmeere zu den Meeresräumen wird keine Schwierigkeiten
machen, sobald diese Grundlage gegeben ist, und ist für die
Verschiebungstheorie nicht von unmittelbarem Interesse.
[Illustration: Fig. 23.
Lage der Kontinentalschollen für die Karbonzeit (ohne Rücksicht auf
Wasserbedeckung).]
Die Karte bietet naturgemäß ein fremdartiges Aussehen und wird die
Vermutung nahelegen, daß bei ihrer Zeichnung ziemlich willkürlich
verfahren wurde. Das ist indessen nicht der Fall. Es handelt sich um
eine -- innerhalb der gegebenen Grenzen -- exakte Rekonstruktion,
und es sei erwähnt, daß mehrfache unabhängige Wiederholungen keine
merklichen Abweichungen von der mitgeteilten Karte ergaben. Für die
Rekonstruktion wurde ein Globus von 0,5 m Durchmesser benutzt. Auf ihm
wurde die Form der Kontinente einschließlich der Schelfe auf Pauspapier
durchgepaust, wobei die größeren, um der Kugelform zu genügen, mehrmals
durchgeschnitten wurden. Sodann mußten die /nach/ dem Kartentermin
gefalteten Gebirge, also namentlich die tertiären, geglättet werden.
Für den alpinen Faltengürtel wurde dabei ein Zusammenschub von 10 bis
15° angenommen. Die großen „herzynischen“ Faltungen des Oberkarbons
sind nicht mehr dabei berücksichtigt, so daß hiernach der Zeitpunkt
der Karte das Ende des Karbons oder Anfang des Perms wäre. Die so
ausgeschnittenen und vergrößerten Kontinente wurden nun gleich in
der richtigen Lage zum Äquator auf dem Globus aufgeklebt, d. h.
in diesem Falle so, daß Südafrika dicht beim Südpol lag und der
Äquator durch Deutschland ging. Da das Gradnetz des Globus durch das
Pauspapier hindurch zu sehen war, machte dann die Übertragung auf
eine vorbereitete Gradnetzprojektion keine Schwierigkeiten mehr. Die
Zusammenfügung der Kontinente geschah in erster Linie nach parallelen
Konturen; oft gab die Tiefenkarte noch in anderer Weise Auskunft über
die Triftbahnen der Kontinentalteile, nämlich durch zurückbleibende
Inseln oder unterseeische Bodenerhöhungen. Am sichersten ist die
Zusammenfügung da, wo neben der Parallelität der Konturen auch noch von
hüben nach drüben hinübersetzende tektonische Brücken verwertet werden
konnten (atlantische Spalte); unsicher da, wo nur die biologischen
Beziehungen verwertbar sind, wie rings um Antarktika. Hier stört unsere
Unkenntnis der Konturen und der Landausdehnung sehr. Unter der mir
bis jetzt durchaus wahrscheinlichen Annahme, daß Dekan unmittelbar
mit der madagassischen Ostküste einerseits und der australischen
Westküste andererseits zusammengehangen hat, bleibt nicht genug Platz
für eine zusammenhängende antarktische Landmasse von der Größe, wie sie
unsere heutigen Karten unter hypothetischer Verbindung der bekannten
Küstenstrecken darstellen. Ich habe deshalb hier die Hypothese gemacht,
daß die Westantarktis und König-Eduard-Land, welche zusammen gerade
eine Länge gleich zwei ostasiatischen Inselgirlanden haben (z. B. von
Jesso bis Formosa), tatsächlich eine solche Doppelgirlande darstellen,
welche schon erheblich nach der Seite Südamerikas zurückgeblieben
ist. Der etwas zu kleine Raum, der zwischen Australien, Afrika und
Südamerika für die Ostantarktis bleibt, legt hier die in der Karte
angedeutete Annahme nahe, daß Coatsland nicht mit Viktoria-Land und
Wilkesland zusammenhängt, sondern gleichfalls ein zurückgebliebenes
Kontinentalstück darstellt, bei dessen Heranschiebung das Gesamtareal
der Ostantarktis erheblich kleiner wird. Bei der in der Figur
gezeichneten Lage der Westantarktis wird erreicht, daß dieselbe auch
gleich noch einen Teil der jetzigen australischen Ostküste abdeckt.
Dies ist nicht unerwünscht, denn das Fehlen tertiärer Marinschichten
an dieser Westküste im Gegensatz zur Südküste deutet an, daß das
heutige Ufer noch im Tertiär vom Meere durch eine Gebirgskette, die
spätere Girlande, getrennt war. Und die Girlande Neuseeland, welche,
wie zwei lange Rücken am Meeresboden zeigen, in der Korallensee
zwischen Neuseeland und Australien anzusetzen ist, ist wohl nicht lang
genug, um die ganze australische Ostküste zu decken. Der östliche
Ausläufer Neuguineas erscheint in der Rekonstruktion gleichfalls
als Girlandenteil, etwa ähnlich wie das heutige Kamtschatka. Der
große Kontinentallappen Hinterindien, der heute bei der allgemeinen
Westwanderung der Kontinente stark östlich zurückbleibt, wurde in der
Rekonstruktion nach Westen gedrückt, wodurch einerseits erreicht wird,
daß sich die Schollen hier zum Zusammenschluß nähern, und andererseits,
daß ein einheitlicher Zug von Girlanden entsteht, der von der
Westantarktis über Neuseeland, Neuguinea, die Sunda-Inseln, Japan usw.
bis zu den Aleuten hinauf geht. Erteilt man in unserer Karte der ganzen
Kontinentalmasse eine Rotation nach Westen um die Erdachse, wie es der
Westwanderung der Kontinente entspricht, so sieht man ohne weiteres,
daß diejenige Hälfte des Kontinentalrandes, welche Girlanden trägt
(von Kap Horn über Japan zur Beringstraße), die Rückseite der Scholle
darstellt, während die Seite ohne Girlanden (von Kap Horn über San
Franzisko zur Beringstraße) die Vorderseite wird. Die übereinstimmende,
heute von OSO nach WNW weisende Richtung der pazifischen Inselreihen
wird parallel zum karbonischen Äquator und stimmt mit der Richtung der
Westwanderung der Kontinente überein. Im übrigen enthält unser Kärtchen
noch allerlei bewußte Ungenauigkeiten zum Zwecke besserer Orientierung,
wie z. B. die Entblößungen der Barysphäre zwischen den Girlanden und
der Hauptscholle, die natürlich im Karbon noch nicht bestanden haben,
u. a.
Der Besprechung der einzelnen, in dieser Rekonstruktion angenommenen
Kontinentalverbindungen sei die folgende Tabelle vorausgeschickt,
welche nach /Arldt/ angibt, wie viele von 20 Spezialforschern für die
verschiedenen geologischen Zeiten die im Kopf angegebenen Landbrücken
annehmen oder leugnen[76]. Unter der „lemurischen“ Brücke ist eine
Landverbindung zwischen Madagaskar und Vorderindien, unter der
„gondwanischen“ in etwas ungewöhnlicher Weise eine solche lediglich
zwischen Afrika plus Madagaskar und Australien verstanden. Die
„südgeorgische“ ist der Landweg zwischen Südamerika und Westantarktis,
die Macquarie-Brücke derjenige zwischen Australien und Ostantarktis.
Die indoaustralische Brücke verbindet Hinterindien, z. T. auch
Vorderindien mit Australien, die amerikanische Nord- und Südamerika;
die südpazifische Brücke ist als Kontinent im südlichen Pazifik
gedacht, welcher hier (und nicht über die Antarktis) Australien mit
Südamerika verbinden soll. Die nordpazifische Brücke geht über den
Schelf der Beringstraße. Es ist natürlich eine mißliche Sache, die
Stellungnahme zur Frage der Existenz einer Landbrücke sozusagen
von einer Abstimmung abhängig zu machen. Allein bei dem ungeheuren
Tatsachenmaterial paläontologischer und biologischer Art, welches
hierfür in Betracht zu ziehen ist, und dem Umstand, daß der einzelne
Forscher fast immer ein bestimmtes Spezialgebiet vorzugsweise
berücksichtigt, bleibt kaum ein anderer Weg[77].
Annahme (+) oder Ablehnung (-) von Landbrücken durch 20 Spezialforscher,
nach /Arldt/.
Eurasische Brücke
------------------+
Eurafrische Brücke|
----------------+ |
Arabische Brücke| |
---------------------+ | |
Nordpazifische Brücke| | |
--------------------+ | | |
Südpazifische Brücke| | | |
--------------------+ | | | |
Amerikanische Brücke| | | | |
------------------------+ | | | | |
Indo-australische Brücke| | | | | |
--------------------+ | | | | | |
Macquarie-Brücke| | | | | | |
--------------------+ | | | | | | |
Südgeorgische Brücke| | | | | | | |
-------------------+ | | | | | | | |
Gondwanische Brücke| | | | | | | | |
-----------------+ | | | | | | | | |
Lemurische Brücke| | | | | | | | | |
---------------------+ | | | | | | | | | |
Südatlantische Brücke| | | | | | | | | | |
----------------------+ | | | | | | | | | | |
Nordatlantische Brücke| | | | | | | | | | | |
-----------------------+---+---+---+---+---+---+---+---+---+---+---+---+---
|+ -|+ -|+ -|+ -|+ -|+ -|+ -|+ -|+ -|+ -|+ -|+ -|+ -
Unter- } {| 5|2 1| 2| 2| 2| 2|1 2| 5| 3| 5|1 2| 3|2
Ober- } Kambrium {| 6|3 1|3 | 1| 3| 3|2 3| 6| 4| 6|2 3| 4|3
Unter- } {|6 1|4 1|5 |5 | 4| 4| 5|4 3| 5|1 6| 5| 5| 5
Ober- } Silur {|6 1|4 1|5 |5 | 4| 4| 5|1 7| 5|1 6| 5| 5| 5
Unter- } {|6 |4 1|5 |5 | 4| 4| 5|3 3|1 5|2 4| 5| 5| 6
Mittel-} Devon {|7 1|5 1|5 1|5 1|1 4|1 4| 6|4 4|2 5|1 7| 6| 6| 6
Ober- } {|3 |2 |2 |2 | 1| 1| 2|1 2|1 1| 3| 2| 2| 3
Unter- } {|6 |5 |4 |5 |1 3| 4| 5|1 7|1 5| 7| 5| 5|2 4
Mittel-} Karbon {|7 |5 |5 |5 |1 3| 4| 5| 7|1 5|2 5| 5| 5| 6
Ober- } {|8 |6 |6 |6 | 5| 5| 6| 8|1 6|2 6| 6| 6| 7
Unter- } {|3 1|3 |3 |3 |1 2|1 2| 3|1 2|1 3|2 1| 3|3 1| 5
Mittel-} Perm {|1 2|2 |2 |1 1| 2| 2| 2|1 2|1 2|2 1| 2|1 1| 3
Ober- } {|1 2|3 |3 |2 1| 3| 3| 3|2 1|1 3| 3|1 2|2 1|2 2
Unter- } {|4 1|4 1|5 |4 1|1 3| 4| 5|3 3|1 5| 5|1 4|2 3|2 3
Mittel-} Trias {|5 |4 |4 |4 | 3| 3| 4|2 3|1 4| 4|2 2|2 3|5
Ober- } {|4 3|5 1|6 |5 2|1 4| 5| 6| 8|1 6| 8| 6| 6|6
Rhaet |3 |2 |2 |2 | 1| 1| 2| 2|1 2| 2| 2| 3|3
Lias | 4|5 |5 |2 3| 4| 4| 3| 6|1 5|4 2|2 2| 5|5
Unter- } {|2 1|4 |4 |1 3| 3| 2| 2| 4|1 5|3 1|2 1| 4|4
Ober- }Dogger {| 2|3 |3 | 3| 2|1 2| 3| 3|1 3|1 2| 2| 3| 4
Malm | 6|5 |5 | 5| 4|1 3| 3| 7|1 5| 6| 5| 5| 5
Ältere }Unter- } {|5 3|4 2|6 | 6|1 4|2 3|1 5| 8|1 6| 7| 6| 6| 7
Jüngere} }Kreide{| 1| 1|1 | 1| 1| 1| 1|1 1|1 1|2 | 1| 1|1
Mittel-} {|1 5|1 4|6 | 5|1 4|1 4| 6|3 4|2 5|2 5| 6| 6|3 3
Ober- } {|7 1|2 5|8 | 7|1 6|1 6| 8|4 6|2 7|4 6| 8| 8|8 1
Unteres} {|5 2|3 3|1 5| 6|6 |3 3|1 6|2 5|1 5|7 1|1 5| 6|3 5
Oberes }Eozän {|6 2|1 5|1 5| 6|2 4|1 5| 6| 8| 5|7 1| 6| 6| 6
Oligozän |4 2| 4|2 2| 4|1 4| 4| 4| 6| 4|7 | 4| 4| 5
Miozän |4 4| 6|1 4| 6|1 6| 6| 6|2 6| 6|7 1|3 4| 7|6 1
Pliozän |2 2| 3| 3| 3|1 3| 3| 3|4 | 3|3 1|3 |1 2|3
Quartär |1 3| 3| 3| 3| 3| 3| 3|4 | 3|3 |3 |1 2|4
Die Tabelle enthält nicht nur Landbrücken über heutige Tiefseeflächen,
sondern auch solche über heutige Schelfgebiete, wie die Beringstraße
(„nordpazifische Brücke“), oder sogar solche über heutige Landgebiete,
die aber früher zeitweise Schelfverbindungen waren, wie die zwischen
Nord- und Südamerika, die arabische und die eurasische Brücke. In
letzterem Falle kann man wohl überhaupt kaum von einer Brücke reden.
Wir werden auf diese lehrreiche Tabelle im folgenden wiederholt
zurückgreifen.
Die atlantische Spalte.
Für die am besten bekannten Ränder des Atlantik habe ich in Fig. 24
eine etwas ausführlichere Rekonstruktion zu geben versucht, für deren
Erläuterung ich den Leser bitte, einen guten Atlas zur Hand zu nehmen.
Sie gilt etwa für das Eozän, d. i. für den Beginn des Aufreißens der
großen, nahezu meridionalen Spalte.
Der Schelfrand zwischen Spitzbergen und Hammerfest ist auf /Grolls/
Tiefenkarte durch seinen Steilabfall so gut erkennbar, daß ein Zweifel
über die Schelfnatur der östlich davon liegenden Meeresteile nicht
herrschen kann und somit auch die Angliederung Grönlands so geschehen
muß, wie es unsere Karte zeigt. Bei Grönland bleibt die Südspitze
etwas nach Osten zurück und muß also zur Rekonstruktion wieder nach
Westen gedrückt werden. Für Island wurde angenommen, daß es zwischen
einer Doppelspalte lag, worauf die Form der Tiefenlinien in seiner
heutigen Umgebung hinzudeuten scheint. Es ist, wie früher erwähnt,
nicht unwahrscheinlich, daß seine Entstehung hier auf besondere
Weise zu denken ist. Vielleicht entstand hier zuerst eine einfache
Spalte, die sich mit Sima anfüllte und in die dann geschmolzene
Sialmassen von den Unterseiten der Schollen nachdrangen, die erhärtete
Basaltdecke mit emportragend. Bei der endgültigen Trennung wäre
dann dieser Spaltenboden im Norden an der grönländischen, im Süden
an der europäischen Scholle haften geblieben, während Island das
Verbindungsstück darstellt. Jedenfalls zeigt die rein vulkanische
Natur Islands, daß hier eine besondere Erscheinung irgendwelcher Art
vorliegt, so daß wir nicht erwarten können, seine Konturen bei den
Nachbarschollen wiederzufinden.
In Nordamerika zeigt unsere Rekonstruktion eine Abweichung von der
heutigen Karte, indem Labrador stark nach Nordwesten gedrückt
erscheint. Es wurde angenommen, daß der starke Zug, der schließlich
zum Abreißen Neufundlands von Irland führte, unmittelbar vor dem
Abriß eine Dehnung und oberflächliche Zerreißung der beiderseitigen
Schollenteile bewirkte. Auf der amerikanischen Seite wurde nicht nur
die neufundländische Scholle (einschließlich der Neufundlandbank)
herausgebrochen und um etwa 30° gedreht, sondern ganz Labrador sackte
bei dieser Gelegenheit nach Südosten, so daß der vorher geradlinige
Grabenbruch St. Lorenzstrom-Belle-Islestraße seine jetzige S-förmige
Biegung erhielt. Wahrscheinlich entstand gleichzeitig auch der Graben
der Hudsonstraße, die also bei der Rekonstruktion wieder zu schließen
ist. Auch die Hudsonbai mag teilweise auf eine mit diesen Vorgängen
zusammenhängende horizontale Dehnung der Scholle zurückzuführen sein.
Die Lage des Neufundlandschelfs erfährt also eine zweifache Korrektion,
nämlich eine Drehung und eine Verschiebung nach Nordwest, und paßt
sich dadurch der Schelflinie bei Neu-Schottland wieder an, über die er
gegenwärtig weit hinausragt.
[Illustration: Fig. 24.
Lage der atlantischen Kontinentalschollen im Eozän (ohne Rücksicht auf
die Wasserverteilung).
Die Signaturen beiderseits der atlantischen Spalte bedeuten: in
Grönland-Grinnelland die Grenze zwischen triadischen und devonischen
Ablagerungen; desgl. -Spitzbergen karbonische Ablagerungen;
desgl. -Labrador präkambrische Intrusivgesteine. Von da der Reihe
nach südwärts: algonkische (punktiert), kaledonische (gezahnt),
armorikanische Faltung (doppelt, gefeldert), Streichrichtungen in
Afrika und Brasilien (Grenze punktiert), karbonische Faltung im Kapland
und bei Buenos Aires.]
Den keilförmigen, 5000 m tiefen Teil des Golfes von Biskaya habe
ich als eine buchförmig sich öffnende Spalte betrachtet, bei deren
Öffnung sich Spanien um das Westende der Pyrenäen drehte. Die
Pyrenäenfaltung, namentlich ihr Ostende, wo sie breiter ist und die
Küstenlinie die große Ausbauchung zeigt, entspricht dem Buchrücken,
der den entsprechenden Zusammenschub zu tragen hat. Die Nordküste
Spaniens ist heute allerdings kürzer als der gegenüberliegende Rand
der Biskayaspalte. Es ist möglich, daß sie sich durch Zusammenschübe
inzwischen etwas verkleinert hat; aber namentlich möchte ich annehmen,
daß sich das nördliche Schelfgebiet vor dem Abreißen von Amerika um
fast den ganzen Betrag der Differenz gezogen hat, wobei dann auch
große, bisher landfeste Teile, wie der Kanal, die Nordsee usw., unter
den Meeresspiegel versanken.
Die Azoren dürften Brocken vom Westrande der iberischen Halbinsel sein.
An der afrikanischen Küste folgt nun eine Reihe von Erscheinungen,
welche von der Küste nach Westen oder Südwesten in den Ozean
hineinweisen und ein langsames Einströmen des Sima in die atlantische
Spalte anzudeuten scheinen, nämlich die Kanaren, Kapverden, die
Vulkanreihe von Fernando Póo, der Walfischrücken und ein entsprechender
vom Kap der guten Hoffnung nach Südwesten streichender unterseeischer
Rücken. Die Vulkaninseln Fernando Póo, Principe, St. Thomé und Annobom
bilden die Fortsetzung der durch Kamerun in nordöstlicher Richtung
hindurchziehenden Bruchlinie, welche auch den vulkanischen Kamerunberg
trägt. Vom Standpunkte der Verschiebungstheorie ist diese Stelle
ganz besonders prädestiniert für vulkanische Erscheinungen, da die
beiden großen Lappen von Nordwest- und Südafrika nur unbedeutende
Verschiebungen gegeneinander zu erfahren brauchen, um gerade hier
am Winkel zwischen ihnen bedeutende horizontale Druckkräfte zu
erzeugen, welche die flüssigen Simaeinschlüsse herauspressen. Ob
diese Kamerunlinie auch mit dem noch zu besprechenden Wechsel der
Streichrichtung der alten Gneisfaltungen etwas zu tun hat, der, wie wir
sehen werden, in dieses Gebiet fällt, sei dahingestellt.
Entgegen meiner früheren Darstellung habe ich diesmal vorgezogen,
die atlantische Spalte zwischen Nordamerika und Afrika nicht ganz zu
schließen. Daß sie früher auch hier irgend einmal ganz geschlossen
gewesen ist, halte ich zwar für sehr wahrscheinlich. Aber es ist doch
möglich, daß dieser Teil der Spalte sich schon viel früher geöffnet
hat. Die Gegensätzlichkeit zwischen der spanischen Halbinsel und der
gegenüberliegenden amerikanischen Küste scheint darauf hinzudeuten,
daß hier bereits frühzeitig eine Fortsetzung der mittelmeerischen
Bruchzone vorhanden gewesen ist; das Atlasgebirge begann sich bereits
in der Kreide zu falten (Hauptfaltung allerdings erst im Oligozän) und
findet auf der Gegenseite keine Fortsetzung; auch die große Meerestiefe
im westlichen Teile des Nordatlantik scheint anzudeuten, daß hier
der Meeresboden bereits älter ist. Nach unserer Tabelle scheinen
auch die paläontologischen Befunde anzudeuten, daß die ungehinderte
Landverbindung zwischen Ost und West nur im nördlichen Gebiet
geherrscht hat.
Für Mittelamerika, bei welchem die plastischen Deformationen besonders
groß gewesen sein müssen, möchte ich die Rekonstruktion ausdrücklich
für eine provisorische erklären. Für eine in allen Einzelheiten
begründete Rekonstruktion wären hier umfangreiche Vorarbeiten nötig,
deren Durchführung mir bisher nicht möglich war.
Das Nigerdelta wurde bei der Rekonstruktion stark zurückgeschnitten.
Es ganz fortzulassen, liegt kein zwingender Grund vor, da sich an der
brasilianischen Nordküste eine kleine, ihm entsprechende Einbuchtung
zeigt.
Ganz fortgelassen wurde jedoch auf amerikanischer Seite die
Abrolhosbank. Ihre zackige Kontur stellt sie in scharfen Gegensatz zu
dem weiter südlich recht geradlinig verlaufenden südamerikanischen
Schelfrand und deutet eine besondere Entstehung an. Es dürfte, wie
schon mehrfach erwähnt, nicht unwahrscheinlich sein, daß wir es auch
hier mit geschmolzenen Massen von der Unterseite der südamerikanischen
Scholle zu tun haben, die durch deren Verschiebung an ihrem
rückwärtigen Rande auftauchen. Es ist dabei wohl kein Zufall, daß diese
Massen gerade von derjenigen Stelle zu kommen scheinen, an welcher
die Anden die größte Breite haben, also wahrscheinlich auch die unter
die Schmelzisotherme hinabgesenkten Massen am größten sind. Wenn
sich die Oberfläche der Abrolhosbank über den Meeresspiegel erhöbe,
würde sie wahrscheinlich eine ähnliche basaltische und vulkanische
Haube zeigen, wie Island oder das Dreieck zwischen Abessinien und der
Somalihalbinsel, die wohl ebenso entstanden sind.
Eine besondere Beachtung verdient auch in diesem Zusammenhange
die schon früher besprochene Tiefenkarte der Drakestraße zwischen
Feuerland und Grahamland (vgl. Fig. 16, S. 48). Die früher
zusammenhängende Scholle Südamerika-Westantarktis ist, wie schon dort
auseinandergesetzt, an der schmalsten Stelle bei der Verschiebung nach
Westen stecken geblieben. Die Inselreihe Südgeorgien, Sandwich- und
Südorkneyinseln bilden dies Verbindungsglied, und zwar haben wir die
letzteren beiden Gruppen als gleitende Randketten aufgefaßt, was durch
ihre zueinander und zum Ausläufer von Grahamland gestaffelte Lage
angedeutet wird.
Eine ganz entsprechende, nach Osten zurückbleibende Inselkette bilden
auch die Antillen; auch hier bleibt die schmalste Kette, die kleinen
Antillen, am weitesten zurück, weniger die größeren Brocken, wie Haiti
und Kuba. Diese ganze Anordnung läßt unmittelbar die zur Öffnung des
Atlantik führende Verschiebung der amerikanischen Scholle nach Westen
erkennen und bildet schon allein für sich einen starken Beweis für die
Realität von Kontinentalverschiebungen.
Daß aber wirklich die ganze Breite des Atlantik durch ein solches
Auseinanderziehen der Kontinentalmassen entstanden ist, das lehrt ganz
besonders die strenge Kongruenz der südatlantischen Ost- und Westküste.
Wo plastische Deformationen eingetreten sind, wie bei Mittelamerika
oder bei der Südspitze von Südamerika, ist diese Übereinstimmung
natürlich verloren gegangen. Aber bei den anerkanntermaßen fast ganz
ungestört gebliebenen großen Tafeln von Brasilien und Afrika ist die
Kongruenz noch fast in allen Einzelheiten erhalten. Man vergleiche
diese beiden Küsten auf dem Globus und messe mit dem Zirkel die Länge
der Buchten und Vorsprünge aus: sie sind vollkommen gleich. Wie will
man diese Kongruenz (noch dazu ohne Parallelität) bei einem heutigen
Abstande von 4000 bis 6000 km erklären, wenn man davon ausgeht, daß
das Zwischenland versunken sein soll? Wie eingangs erwähnt, war es
diese äußerst packende Gleichheit der Küstenlinien, welche mich auf
den Gedanken eines unmittelbaren Zusammenhanges dieser Kontinente
brachte, lange bevor ich mit der paläogeographischen Annahme über einen
früheren Landzusammenhang bekannt wurde. Wenn uns nicht ein glücklicher
Zufall diese Konturen so ungestört erhalten hätte, so wäre der Weg zur
richtigen Deutung der Großformen der Erdrinde wohl wesentlich länger
und mühsamer gewesen.
Die atlantische Spalte ist am breitesten im Süden, wo sie zuerst
aufriß. Ihre Breite beträgt hier 6220 km. Zwischen Kap San Roque
und Kamerun liegen nur noch 4880, zwischen der Neufundlandsbank und
dem britischen Schelf nur noch 2410, zwischen Scoresbysund und
Hammerfest 1300, und zwischen den Schelfrändern von Nordostgrönland und
Spitzbergen wohl nur noch etwa 200 bis 300 km. Hier scheint der Abriß
erst in allerjüngster Zeit erfolgt zu sein.
Nach dieser Durchmusterung der Karte gehen wir nunmehr zur Besprechung
der biologischen Beziehungen zwischen der Ost- und Westseite des
Nordatlantik über. Bei dem ungeheuren Tatsachenmaterial können wir
allerdings nicht daran denken, hier alle biologischen Gründe für eine
frühere Landverbindung zwischen Nordamerika und Europa anzuführen.
Man lese die inhaltreiche Zusammenstellung dieser Argumente bei
/Arldt/[78]. Unsere Tabelle, S. 64, zeigt, daß für manche Zeiten
jedenfalls von der Mehrzahl der Fachgelehrten eine Landverbindung
angenommen wird, während freilich zu anderen Zeiten die Landverbindung
durch Transgressionen wieder abgebrochen erscheint. Interessant sind
die von /Arldt/ angegebenen Prozentzahlen identischer Arten hüben und
drüben, die hier in Tabellenform folgen mögen:
===========================================
| Reptilien | Säugetiere
| Proz. | Proz.
===========================================
Karbon | 64 | --
Perm | 12 | --
Trias | 32 | --
Jura | 48 | --
Untere Kreide | 17 | --
Obere Kreide | 24 | --
Eozän | 32 | 35
Oligozän | 29 | 31
Miozän | 27 | 24
Pliozän | ? | 19
Quartär | ? | 30
[Illustration: Fig. 25.
Verbreitung nordatlantischer Organismen, nach /Arldt/.
Punktiert: Gartenschnecke. Gestrichelt: Lumbricinen-Regenwürmer.
Strichpunktiert: Barsche. Schraffiert Nordost-Südwest: Perlmuschel;
desgl. Nordwest-Südost: Hundsfische (Umbra).]
Der Gang dieser Zahlen stimmt erfreulich überein mit unserer Tabelle,
S. 64, nach welcher die Landverbindung im Karbon, in der Trias, dann
allerdings nur für den unteren, nicht mehr den oberen Jura, aber wieder
von der Oberkreide ab das ältere Tertiär hindurch von der Mehrzahl
der Fachgelehrten angenommen wird. Für die Verbreitung derjenigen
Organismen, welche am meisten entscheidend sind, hat /Arldt/ das
Kärtchen Fig. 25 gegeben. Die jungen Regenwurmgattungen der Lumbricinen
sind in ununterbrochenem Zuge von Japan bis Spanien, jenseits des
Ozeans aber nur im Osten der Union verbreitet. Die Perlmuschel kommt
an den Abrißstellen der Kontinente, auf Irland und Neufundland und
den beiderseits angrenzenden Gebieten vor. Noch auffälliger ist die
Verbreitung der Gartenschnecke von Süddeutschland über die britischen
Inseln, Island und Grönland hinüber zur amerikanischen Seite, wo sie
aber nur in Labrador, Neufundland und dem Osten der Union vorkommt.
Ähnliches gilt von der Familie der Barsche (Perciden) und anderen
Süßwasserfischen. Vielleicht wäre noch das gemeine Heidekraut (Calluna
vulgaris) zu nennen, das sich außer in Europa nur in Neufundland und
den daran angrenzenden Gebieten findet, wie denn auch umgekehrt sich
besonders viele amerikanische Arten in Europa ganz auf den Westen
Irlands beschränken. Es spricht manches dafür, daß diese Landbrücke
bei Neufundland und Irland noch bis zum Beginn des Quartärs erhalten
blieb. Außerdem scheint eine zweite Brücke weiter im Norden bestanden
zu haben, die wohl kaum vor der Mitte des Quartärs abriß[79]. Lehrreich
sind in dieser Hinsicht auch die Untersuchungen /Warmings/ und
/Nathorsts/ über die grönländische Flora, welche zeigen, daß an der
Südostküste Grönlands, also gerade auf der Strecke, welche nach der
Verschiebungstheorie noch im Diluvium Skandinavien und Nordschottland
vorgelagert war, die europäischen Elemente überwiegen, während auf der
ganzen übrigen grönländischen Küste einschließlich Nordostgrönland der
amerikanische Einfluß vorherrscht[80]. Ich habe deshalb angenommen,
daß die Trennung der Schollen hier erst zwischen der großen und der
letzten europäischen Eiszeit eintrat. Von Spanien ab südwärts nehmen
die meisten Autoren keine Landverbindung mehr an; als Südgrenze der
Landbrücke wird von /Arldt/ u. a. die 1000 oder 2000 m Tiefenlinie
angenommen. Nördlich von dieser Breite werden in Schottland die weiter
südlich marinen devonischen Sedimente durch Sandsteine ersetzt, es
kommen in Nordirland, den Hebriden, den Färöern, Island, an der Ost-
und Westküste Grönlands und auf Spitzbergen in gleichartiger Weise
Landpflanzen führende Kohlen zwischen zwei basaltischen Lavadecken
vor. Dies deutet auf Landzusammenhang hin, und zwar legt es einen
unmittelbaren Zusammenhang im Sinne der Verschiebungstheorie noch näher
als einen durch einen Brückenkontinent vermittelten. Damit sind wir
aber bereits auf dem Gebiete der geologischen Beweisgründe für die
Verschiebungstheorie, die wir nunmehr in Kürze besprechen wollen.
Für die Zulässigkeit und Richtigkeit unserer Zusammensetzung spricht
eine große Reihe tektonischer Züge im beiderseitigen Bau der
Kontinentaltafeln. Gerade diese Übereinstimmungen bilden wohl den
stärksten Beweis für die Richtigkeit der Verschiebungstheorie und ihren
besonderen Vorzug gegenüber der Hypothese der versunkenen Kontinente;
denn wenn die Schollen wirklich schon bei der Entstehung dieser älteren
Erscheinungen in ihrem heutigen Abstande von so viel Tausend Kilometern
gelegen hätten, so wäre es ein ganz unwahrscheinlicher Zufall, daß sich
die Fortsetzung einer solchen Erscheinung auf der anderen Seite gerade
an derjenigen Stelle befinden sollte, die bei der Rekonstruktion zur
Berührung mit der diesseitigen kommt.
Beginnen wir im Norden, wo die Spalte offenbar erst vor kurzem
aufgerissen und noch nicht sehr breit ist. In Nordostgrönland steht
auf 81° nördl. Br., jäh am Meere abbrechend, ein vereinzelter, noch
ungefalteter Rest karbonischer Ablagerungen an, welche in gleicher
Weise an der gegenüberliegenden Kante Spitzbergens wiedergefunden
werden. Von 75° ab südwärts beginnen auf grönländischer Seite die Reste
einer großen tertiären Basaltdecke, welche hier namentlich die große,
den Scoresbysund im Süden begrenzende Halbinsel zusammensetzt. Außer
dem losgelösten und halbwegs mitwandernden Jan Mayen gehören hierzu
namentlich Island und die Färöer, und weiter südlich taucht diese
Basaltzone wieder am Nord- und Nordwestrande Schottlands auf. Ihre
Verlegung von der grönländischen Seite (im Norden) zur europäischen
(im Süden) entspricht wohl, wie oben erwähnt, dem Umstande, daß an
dieser Stelle die sonst einfache Spalte sich in zwei parallele Spalten
auflöste, welche Island und die Färöer einschlossen.
Auch zwischen Grönland und Nordamerika herrscht die geforderte
Übereinstimmung des Baues. Bei Kap Farvel und nordwestlich davon
treten vielfach präkambrische Intrusivgesteine im Gneis auf, welche man
amerikanischerseits genau an der entsprechenden Stelle, nämlich auf
der Nordseite der Belle-Islestraße, wiederfindet[81]. Beim Smithsund
und Robesonkanal im Nordwesten Grönlands besteht die Verschiebung
nicht in einem Auseinanderziehen der Spaltenränder, sondern in einer
horizontalen Verwerfung von großen Dimensionen, einer sogenannten
Blattverschiebung. Grinnelland gleitet an Grönland entlang, wodurch
wohl auch die merkwürdig geradlinige Begrenzung der beiden Schollen
erzeugt wird. Man kann diese Verschiebung in dem verkleinerten
Ausschnitte aus der geologischen Karte von Nordamerika (Fig. 26)
erkennen, wenn man die Grenze zwischen Devon und Trias[82] aufsucht,
welche in Grinnelland auf 80° 10', in Grönland auf 81° 30' nördl. Br.
liegt. Es geht hieraus hervor, daß Nordamerika seit diesem Abreißen von
Grönland eine mindestens starke, vielleicht überwiegende Südkomponente
der Bewegung besitzt, wie dies nach unseren früheren Ausführungen durch
die Form der kalifornischen Halbinsel und die Erdbebenspalte von San
Franzisko bestätigt wird.
[Illustration: Fig. 26.
Geologische Karte des Smith-Sundes u. des Robeson-Kanals, nach der
Geologic Map of North America.
1 Trias, 2 Devon, 3 Silur, 4 Karbon, 5 Gneis, 6 Vorkambrium, 7
Spättertiär, 8 Kambrium und Unter-Ordovicium.]
Diese Übereinstimmungen beziehen sich freilich zunächst nur auf
relativ benachbarte Küsten. Erheblich beweiskräftiger werden deshalb
diejenigen zwischen Europa und Nordamerika selber sein. Dem sehr
alten (algonkischen) Gneisgebirge der Hebriden und Nordschottlands
entsprechen drüben die Gneisgebirge von Labrador, welche bis an
die Belle-Islestraße nach Süden reichen und sich weit nach Kanada
hineinziehen. Die Streichrichtung ist in Europa Nordost-Südwest,
in Amerika wechselnd von derselben Richtung bis Ost-West. /Dacqué/
bemerkt hierzu: „Daraus kann man folgern, daß die Kette über den
nordatlantischen Ozean hinüberreichte[83].“ Das angeblich versunkene
Verbindungsglied müßte allerdings die gewaltige Länge von 3000 km
besessen haben. Heute liegt die amerikanische Fortsetzung übrigens
nicht in der geraden Verlängerung des europäischen Gebirgszuges,
sondern letztere weist mehrere Tausend Kilometer an jenem vorbei nach
Südamerika. Bei dem rekonstruktiven Zusammenfügen der Schollen nach der
Verschiebungstheorie erfährt dagegen das amerikanische Gebirge gerade
eine solche Querversetzung nach Osten und eine solche Drehung, daß es
unmittelbar an das europäische anschließt und als seine Verlängerung
erscheint.
In Europa folgen, südlich daran anschließend, die Faltenzüge eines
etwas jüngeren, zwischen Silur und Devon aufgeworfenen Gebirges,
welches sich durch Norwegen und Nordengland hindurchzieht. /E. Suess/
nennt es das kaledonische Gebirge. Mit der Frage der Fortsetzung
dieser Gebirgsfaltung in den „Kanadischen Kaledoniden“ (/Termier/),
nämlich den schon kaledonisch gefalteten kanadischen Appalachen, haben
sich /Andrée/[84] und /Tilmann/[85] beschäftigt. Es beeinträchtigt
natürlich nicht die Übereinstimmung, daß diese kanadische Faltung in
Amerika von der gleich zu besprechenden „armorikanischen“ Faltung
noch einmal überarbeitet wurde, was hüben nur im mittleren Europa
(Hohes Venn und Ardennen), aber nicht im nördlichen Europa der Fall
war. Die Berührungsstücke dieser kaledonischen Faltungen dürften in
den schottischen Hochlanden und Nordirland einerseits und Neufundland
andererseits zu suchen sein.
Am schlagendsten ist aber die Übereinstimmung bei dem wiederum südlich
sich anschließenden karbonischen Faltengebirge, welches /E. Suess/ das
Armorikanische Gebirge nennt, und welches die Kohlenlager Nordamerikas
als die unmittelbare Fortsetzung der europäischen erscheinen läßt.
Dieses heute stark eingeebnete Gebirge zieht sich in Europa, aus
dem Innern des Kontinents kommend, in bogenförmigem Verlauf zuerst
gegen WNW, dann gegen W, um an der Südwestküste von Irland und der
Bretagne eine wild zerrissene Küste (sogenannte Riasküste) zu bilden.
Natürlich ist anzunehmen, daß sich die Faltung auch durch den der Küste
vorgelagerten, durch die Abrasion der Brandungswoge abgehobelten Schelf
hindurchzieht. Die Fortsetzung auf der amerikanischen Seite bilden,
wie /Bertrand/ zuerst 1887 entdeckte, die Ausläufer der Appalachen
auf Neuschottland und dem südöstlichen Neufundland. Hier endigt
gleichfalls ein karbonisches Faltengebirge, ebenso wie das europäische
nach Norden gefaltet, indem es eine Riasküste erzeugt und davor wohl
noch den Schelf der Neufundlandbank durchzieht. Seine Richtung, sonst
nordöstlich, geht nahe der Abrißstelle in die rein östliche über.
Die im Karbon besonders gut bekannte Fauna und Flora zeigt eine mit
wachsendem Beobachtungsmaterial immer klarer erkannte Identität. Auf
die zahlreichen Arbeiten hierüber von /Dawson/, /Bertrand/, /Walcott/,
/Ami/, /Salter/ u. a. können wir hier natürlich nicht eingehen. Das
Abbrechen dieser „transatlantischen Altaiden“, wie /E. Suess/ sie auch
nennt, gerade an denjenigen Stellen der beiden Kontinentalränder,
welche aus biologischen Gründen als Pfeiler einer letzten Landbrücke
zwischen den beiden Kontinenten erscheinen, bildet eine sehr scharfe
Kontrolle für die Richtigkeit der Verschiebungstheorie. Wie Fig. 24
zeigt, besteht diese die Probe aber glänzend, indem die beiden freien
Enden der Faltungen bei der Rekonstruktion genau zur Berührung gebracht
werden und das ganze Gebirge als ein zusammenhängender Bogen ohne
Knickung erscheint. Nach der Hypothese der versunkenen Landbrücken
müßte -- was /Penck/ bereits als Schwierigkeit hervorgehoben hat -- das
versunkene Stück größer gewesen sein als die uns bekannte Erstreckung.
Auf der Verbindungslinie liegen einige vereinzelte Erhöhungen des
Meeresbodens, die man bisher als Gipfel der versunkenen Kette
betrachtet hat; nach der Verschiebungstheorie wären es geschmolzene
und aufgequollene Massen von der Unterseite oder auch abgebrochene vom
Oberrande der triftenden Schollen, deren Loslösung gerade in solchen
tektonischen Störungszonen natürlich besonders plausibel ist.
Fast in dasselbe Gebiet fallen auch die Endmoränen der großen
diluvialen Inlandeiskappen Nordamerikas und Europas. Auch diese fügen
sich ohne Lücke oder Knick zusammen, was doch sehr unwahrscheinlich
wäre, wenn die Küsten zur Zeit der Ablagerung ihren heutigen Abstand
von 2500 km gehabt hätten. Das amerikanische Ende liegt heute 4-1/2
Breitengrade südlicher als das europäische.
Weiter im Süden finden wir auf afrikanischer Seite das tertiäre
Atlasgebirge, welches, wie das ganze alpine Faltungssystem, dem es
zugerechnet wird, auf amerikanischer Seite keine Fortsetzung hat[86].
Wie schon erwähnt, tut sich darin kund, daß zur Zeit dieser Faltung
im Westen von ihr bereits ein Stück Tiefseeboden vorhanden war, so
daß die Faltung am Rande der Kontinentaltafel ihr natürliches Ende
fand. Die Azoren, Kanaren und Kapverden sind nach der bereits früher
erörterten Auffassung Brocken vom Kontinentalrande, vergleichbar
mit Kalbeisstücken vor einem schwimmenden Eisberge. So kommt auch
/Gagel/ für die Kanaren und Madeira zu dem Schluß, „daß diese Inseln
abgesprengte Reste des europäisch-afrikanischen Kontinents sind, von
dem sie erst in verhältnismäßig junger Zeit getrennt wurden[87]“.
Daß auch zwischen Südamerika und Afrika einstmals eine Landverbindung
bestanden haben muß, darüber herrscht, wie unsere Tabelle, S. 64,
lehrt, fast völlige Einigkeit. Gestört wurde die Verbindung erst in
der Unterkreide[88], vermutlich durch den schon damals entstehenden,
aber noch nicht sogleich zur völligen Trennung führenden Grabenbruch,
jedenfalls zunächst durch ein Epikontinentalmeer. Im oberen Eozän
brechen dann die letzten Beziehungen ab.
Um auch hier die älteren Strukturen beiderseits zu vergleichen,
benutzen wir die in Fig. 27 wiedergegebene, von /Lemoine/ entworfene
Karte der Streichrichtungen im nordwestlichen Afrika[89]. Die Karte
ist für andere Zwecke entworfen und zeigt daher das, was wir brauchen,
nicht sehr deutlich, aber sie zeigt es doch. Der ganze afrikanische
Kontinent besteht aus einem sehr alten, gefalteten Gneismassiv, in
welchem hauptsächlich zwei etwas verschieden alte Streichrichtungen
vorkommen. Im Sudan herrscht die ältere nordöstliche Streichrichtung
vor, welche sich schon in dem geradlinigen gleichgerichteten Oberlauf
des Niger zeigt und noch bis Kamerun beobachtet wird. Sie schneidet
die Küste unter einem Winkel von etwa 45°. Südlich von Kamerun dagegen
-- auf der Karte gerade noch erkennbar -- tritt die andere, jüngere
Streichrichtung in den Vordergrund, welche etwa von Nord nach Süd weist
und der Küste (auch mit ihren Krümmungen) parallel verläuft.
[Illustration: Fig. 27.