Kalifornien und die Erdbebenverwerfung von San Franzisko.]

Das zweite Beispiel ist Kalifornien. Die kalifornische Halbinsel zeigt

an ihren seitlichen Vorsprüngen Schleppungserscheinungen (Fig. 18),

die ein Vorwärtsdrängen der Landmassen nach Südsüdost zu beweisen

scheinen. Die Spitze der Halbinsel ist durch den Stirnwiderstand des

Sima bereits amboßartig verdickt, und die Halbinsel erscheint im ganzen

bereits stark verkürzt, wie aus dem Vergleich mit dem Ausschnitt des

kalifornischen Golfs hervorgeht. Daß die Spitze früher wirklich in der

vor ihr liegenden Einkerbung der mexikanischen Küste gelegen hat,

bestätigt die geologische Karte durch das gleichartige ausgedehnte

Vorkommen von Intrusivgesteinen (postkambrischen) hüben und drüben.

Man braucht aber wohl nicht anzunehmen, daß diese Verkürzung ganz

als Zusammenschub zu deuten ist, es handelt sich offenbar außerdem

auch um ein Gleiten. Wir können die ganze Halbinsel und die nördlich

sich anschließenden Küstenketten als gleitende Randketten betrachten,

die allerdings im nördlichen Teil mit der Hauptscholle wieder fest

zusammenhängen, wodurch die große Ausbauchung der Uferlinie bei San

Franzisko ihre Erklärung als Stauung findet. Diese Auffassung wird in

auffallender Weise bestätigt durch die berühmte Erdbebenverwerfung

von San Franzisko vom 18. April 1906, die nach /Rudzki/[63] in unsere

Fig. 18 eingezeichnet ist. Denn der östliche Teil schnellte hierbei

nach Süden, der westliche nach Norden. Wie zu erwarten, zeigten die

Vermessungen, daß der Betrag dieser Blattverschiebung mit zunehmender

Entfernung von der Spalte immer geringer wurde und in größerer

Entfernung nicht mehr nachweisbar war. Die große nordamerikanische

Scholle strebt also, relativ zum Sima, nach Süden, und ihre westlichen

Randketten erfahren so großen seitlichen Widerstand am Boden des

Pazifik, daß sie an diesem kleben und infolgedessen an dem Hauptteil

der Scholle entlanggleiten. Größtenteils ist diese Gleitbewegung wohl

ein kontinuierliches Fließen; wächst aber das Spannungsfeld über die

Grenze der Bruchfestigkeit hinaus, so kommt eben eine plötzliche

Verwerfung den reinen Fließbewegungen zu Hilfe.

Endlich sei noch kurz des bekannten Unterschiedes zwischen

„pazifischem“ und „atlantischem“ Küstentypus gedacht. Die

„atlantischen“ Küsten stellen Brüche eines Tafellandes dar, während

die „pazifischen“ durch Randketten und vorgelagerte Tiefseerinnen

gekennzeichnet sind. Zu den Küsten mit atlantischem Bau zählt man

auch diejenigen von Ostafrika mit Madagaskar, Vorderindien, West-

und Südaustralien, sowie die Ostantarktis, zu den pazifischen auch

die Westküste Hinterindiens und des Sunda-Archipels, die Ostküste

Australiens mit Neuguinea und Neuseeland, und die Westantarktis. Auch

Westindien mit den Antillen hat pazifischen Bau. Den tektonischen

Unterschieden dieser beiden Typen entspricht auch ein verschiedenes

Verhalten der Schwerkraft[64]. Die atlantischen Küsten sind, abgesehen

von der oben beschriebenen Störung des Kontinentalrandes, isostatisch

kompensiert, d. h. die schwimmenden Kontinentalschollen sind hier

im Gleichgewicht. Dagegen herrscht bei den pazifischen Küsten keine

Isostasie. Bekannt ist ferner, daß atlantische Küsten relativ frei von

Erdbeben und auch von Vulkanen sind, während pazifische an beiden reich

sind. Wo einmal an einer Küste atlantischen Typs ein Vulkan auftritt,

zeigen seine Laven, worauf /Becke/ hingewiesen hat, systematische

mineralogische Unterschiede gegenüber den pazifischen Laven, sie sind

nämlich schwerer und eisenreicher, scheinen also aus größerer Tiefe zu

stammen.

Vom Standpunkt der Verschiebungstheorie ergibt sich noch ein

weiterer Unterschied zwischen diesen beiden Küstentypen, welcher

vielleicht geeignet ist, Licht auf den ursächlichen Zusammenhang

dieser Erscheinungen zu werfen. Die atlantischen Küsten sind nämlich

stets solche, welche sich erst seit dem Mesozoikum, zum Teil noch

erheblich später, durch Spaltung der Scholle gebildet haben. Der vor

ihnen liegende Meeresboden stellt also eine relativ frisch entblößte

Sima-Oberfläche dar und muß daher als relativ flüssig betrachtet

werden. Es kann aus diesem Grunde nicht überraschen, daß diese Küsten

isostatisch kompensiert sind. Bei Verschiebungen ferner erfahren die

Kontinentalränder wegen dieser größeren Flüssigkeit des Simas nur wenig

Widerstand und werden daher weder gefaltet noch gepreßt, so daß weder

Randgebirge noch Vulkane entstehen. Auch Erdbeben sind hier nicht

zu erwarten, da das Sima flüssig genug ist, um alle erforderlichen

Bewegungen ohne Diskontinuität, durch reines Fließen, zu ermöglichen.

Die Kontinente verhalten sich hier, übertrieben ausgedrückt, wie starre

Eisschollen in flüssigem Wasser.

Ganz anders aber bei den alten, tief ausgekühlten Meeresböden vor den

pazifischen Küsten. Hier ist das Sima fast von gleicher, ja bisweilen

vielleicht größerer Zähigkeit als das Sial des Kontinentalrandes.

Die Kontinente verhalten sich hier nicht mehr wie starre Schollen

auf einer Flüssigkeit, sondern wie eine plastische Haut auf einer

sehr zähflüssigen Masse, z. B. wie Schlacken auf einer erstarrenden

Schmelze. Bei Verschiebungen erfahren sie starken Stirnwiderstand

(während die Reibung an ihrer Unterseite, wo das Sima wieder flüssiger

ist, relativ gering ist), so daß Randgebirge aufgeworfen werden,

sobald die Bewegung eine Komponente gegen den alten Tiefseeboden hin

besitzt. Ist sie von ihm fortgerichtet, so haftet die Randkette am

Tiefseeboden, und statt daß dieser sich zieht, zerreißt lieber die

lithosphärische Haut und läßt die Randkette als Girlande zurück,

während der Zwischenraum mit leichtflüssigerem Sima aus der Tiefe

gefüllt wird. Die bis in große Tiefen fortgeschrittene Erstarrung des

alten Meeresbodens befähigt diesen auch, spaltenähnliche Erscheinungen,

die Tiefseerinnen, zu bilden. Bei dem geringen Flüssigkeitsgrade des

Simas wird hier häufig die Spannungsgrenze überschritten werden, bei

der ein plötzliches Zerreißen der lithosphärischen Haut, also ein

Erdbeben, eintritt. Daß auch die vulkanischen Magmen hier eine andere

Zusammensetzung haben, erscheint gleichfalls verständlich.

Erscheinungen der Tiefseeböden.

Man braucht nicht anzunehmen, daß mit dem Zutagetreten des hoch

temperierten Simas am Meeresboden irgendwelche katastrophalen

Ereignisse verbunden wären. Der „kritische Druck“ des Wassers beträgt

ja nur 20 Atm. und wird also schon in 200 m Tiefe erreicht. In größeren

Tiefen tritt also bei noch so großer Erhitzung keine Dampfbildung mehr

ein, sondern das überkritisch erhitzte Wasser sucht nur vermöge seiner

Gewichtsverminderung aufzusteigen, wobei es natürlich bald der Mischung

mit den fast auf den Gefrierpunkt abgekühlten Wassermassen der Tiefsee

anheimfällt. So pflegen ja auch unterseeische Lavaergüsse in aller Ruhe

zu erfolgen. Nach /Bergeat/ haben z. B. in den Jahren 1888, 1889 und

1892 in der Nähe von Vulcano solche unterseeischen Ausbrüche in 700

bis 1000 m Tiefe stattgefunden und eine Zerreißung des von Lipari nach

Milazzo führenden Kabels zur Folge gehabt, wodurch man überhaupt erst

auf sie aufmerksam wurde. Es gilt als eine bekannte Eigentümlichkeit

solcher submarinen Eruptionen, sich fast geräuschlos zu vollziehen[65].

Die Tiefen der drei großen Ozeane sind nicht genau dieselben.

/Krümmel/[66] gibt als mittlere Tiefe des Pazifik 4097, des Indik

3929 und des Atlantik nur 3858 m an, und auf Grund der Ausmessung

der /Groll/schen Tiefenkarten fand /Kossinna/[67] noch größere

Unterschiede, nämlich für den Pazifik 4286 m und den Indik 3977

m. Daß dieser Unterschied der Tiefen kein zufälliger ist, sondern

ein systematischer, und daß er mit dem zwischen atlantischem und

pazifischem Küstentyp zusammenhängt, zeigt am besten der Indik, dessen

Westhälfte atlantischen, und dessen Osthälfte pazifischen Charakter

trägt. Denn hier ist wiederum die Osthälfte erheblich tiefer als die

Westhälfte. Diese Dinge haben für die Verschiebungstheorie deshalb ein

besonderes Interesse, weil ein Blick auf die Karte zeigt, daß es gerade

die ältesten Tiefseeböden sind, welche die größte Tiefe haben, während

diejenigen, welche erst vor relativ kurzen Zeiten entblößt sind, die

geringste Tiefe zeigen.

[Illustration: Fig. 19.

Karte der Tiefseesedimente, nach /Krümmel/.

Die Entstehung der Kontinente und Ozeane · 第 29 / 35 题