Wirkung der Druckkräfte am Kontinentalrand (schematisch).]

Der Drucküberschuß wächst also im obersten Teile sehr rasch, weil

dort Gestein gegen Luft steht, im nächsten Abschnitt nur etwa zwei

Drittel so rasch weiter, da hier bereits Wasser im ozeanischen Gebiete

vorhanden ist. In der Tiefe des Tiefseebodens wird das Maximum des

Drucküberschusses erreicht. In noch größerer Tiefe wird dieser wieder

kleiner, da jetzt das schwerere Sima im ozeanischen Gebiete liegt

und hier eine schnellere Druckzunahme bewirkt. Und am Unterrande der

Kontinentalscholle müssen die Drucke natürlich ausgeglichen sein.

Diese Druckunterschiede verursachen am vertikalen Kontinentalrande ein

Spannungsfeld, welches bestrebt ist, das Material der Kontinentaltafeln

in die ozeanischen Räume hinauszupressen, und zwar am meisten in der

Schicht des Tiefseebodens[57]. Wäre das Sial leichtflüssig, so würde es

sich in dieser Schicht ausbreiten. Das ist nun nicht der Fall. Aber es

ist doch plastisch genug, um diesen erheblichen Druckkräften merklich

nachzugeben. Das zeigt sich klar in den stufenförmigen Brüchen, welche

den Kontinentalrand in der Regel begleiten (Fig. 13).

Dies seitliche Vorquellen der tieferen plastischen Schichten ist auch

der Grund dafür, daß die Ränder zerspaltener und weit getrennter

Schollen, wie Südamerika und Afrika, in ihrer Küstenlinie die

Parallelität besser bewahrt haben als in der Grenzlinie zwischen

Kontinentalabfall und Tiefseeboden.

[Illustration: Fig. 14.

Girlanden von Nordost-Asien.

(Tiefenlinien 200 u. 2000 m; Tiefseerinnen punktiert.)]

Es ist nicht undenkbar, daß der Vulkanismus aus dem Grunde so häufig

an den Küsten auftritt, weil durch das geschilderte Spannungsfeld

die Simaeinschlüsse der Lithosphäre -- als welche wir /Stübels/

periphere Herde bezeichnen können -- zur Auspressung gelangen können.

Ganz besonders sind diese Bedingungen natürlich bei ozeanischen

Inseln zur Stelle, welche ringförmig von einem solchen Spannungsfelde

umgeben sind[58]. Solche Inseln müßten außerdem in dem Maße, wie ihre

untergetauchten Massen sich seitlich ausbreiten, nach und nach an Höhe

verlieren, so daß sich das Sinken der Korallenatolle auch auf diese

Weise erklären ließe.

Die interessanteste Erscheinung des Kontinentalrandes bilden aber die

Inselgirlanden, die namentlich an der ostasiatischen Küste ausgebildet

sind (Fig. 14). Auf der Grundlage der alten Vorstellungen hat

/Richthofen/ für sie eine Erklärung gegeben[59], die wohl bisher das

größte Ansehen genießt, wenn auch schon verschiedentlich Widerspruch

dagegen erhoben worden ist. /Richthofen/ denkt sie sich entstanden

durch einen vom Pazifik kommenden Zug in der Erdrinde. Zusammen

mit einer breiten Zone des benachbarten Festlandes, die auch durch

bogenförmigen Verlauf der Küste und der Erhebungen ausgezeichnet ist,

sollten die Inselbögen ein großes Bruchsystem bilden. Das Gebiet

zwischen Inselkette und Festlandsküste sei die erste „Landstaffel“,

welche infolge einer Kippbewegung im Westen unter den Meeresspiegel

getaucht sei, während der Ostrand als Inselgirlande herausrage. Auf dem

Festlande glaubte /Richthofen/ noch zwei weitere derartige Landstaffeln

zu sehen, deren Senkung jedoch geringer war. Die regelmäßige Bogenform

dieser Brüche bildete zwar eine Schwierigkeit, doch glaubte man diesen

Einwand mit dem Hinweise auf bogenförmige Sprünge im Asphalt und

anderen Stoffen entkräften zu können. Es muß hervorgehoben werden,

daß diese Theorie ein großes historisches Verdienst besitzt, nämlich

insofern, als die Einführung von Zugkräften einen Bruch mit dem Dogma

vom Gewölbedruck darstellte, und durch ihre Autorität die Zurückführung

sonstiger Randbrüche der Kontinente auf Zugkräfte ermöglichte.

Indessen stehen dieser /Richthofen/schen Erklärung der ostasiatischen

Inselgirlanden schwerwiegende Einwände entgegen. Beim Asphalt und

anderen Beispielen dürften strukturelle Vorbedingungen nötig sein, um

die Bogenform der Risse zu erzeugen. Wo solche fehlen, sehen wir in

der Natur durch Zug meist nur geradlinige Risse entstehen, von den

geplatzten Ölfarben alter Gemälde und den Trocknungsrissen in Lehm

bis zu den Grabenbrüchen der Erdrinde und den Mondrillen. Die oben

eingehend besprochenen Gräben Ostafrikas zeigen uns, wie solche durch

Zug entstandenen Spalten der Lithosphäre aussehen. Wie /Horn/ betont

hat[60], zeigt Ostasien auch tektonisch gar nicht die Merkmale von

Brüchen, sondern von einem Zusammenschub senkrecht zur Küste. Schon aus

der topographischen Karte erkennt man, daß wir nicht ein durch Brüche

zerstückeltes Tafelland wie Ostafrika vor uns haben, sondern daß die

Inselreihen ebenso wie das kontinentale Küstenland aus Faltengebirgen

aufgebaut sind, die zur Küste parallel verlaufen. Namentlich spricht

aber die Tiefenkarte, so unvollkommen sie infolge mangelnder

Lotungen auch heute noch ist, dafür, daß /Richthofens/ Erklärung

einer Abänderung bedarf. Denn sie zeigt, daß zwischen Girlande und

Festlandsrand die Erdoberfläche sich nicht allmählich senkt, sondern

ein Tiefseebecken eingeschaltet ist, welches bereits dicht innerhalb

der Girlande große Tiefen erreicht. Nach unseren Vorstellungen von der

barysphärischen Natur der Tiefseeböden liegt hier zwischen Girlande

und dem Festlande das Sima fensterartig zutage. Die Inselgirlanden

stellen also abgelöste oder in Ablösung begriffene Randketten der

Kontinentalscholle dar.

Um zu einer genaueren Auffassung dieses Ablösungsvorganges zu gelangen,

müssen wir die in den Girlanden auftretenden Gesetzmäßigkeiten etwas

schärfer ins Auge fassen. Sehr auffällig ist ihr übereinstimmender

geologischer Bau. Die konkave Seite der Girlande trägt stets eine

Reihe von Vulkanen, offenbar eine Folge des bei ihrer Biegung hier

entstehenden Druckes, der die Simaeinschlüsse herauspreßt. Die konvexe

Seite dagegen trägt tertiäre Sedimente, während diese am entsprechenden

Festlandsufer meist fehlen. Dies deutet an, daß die Ablösung erst

in jüngster geologischer Zeit vor sich gegangen ist, und daß die

Girlande zur Zeit der Ablagerung dieser Sedimente noch den Rand des

Festlandes bildete. Diese tertiären Sedimente zeigen überall starke

Lagerungsstörungen, eine Folge des bei der Biegung hier auftretenden

Zuges, der zur Zerklüftung und zu vertikalen Verwerfungen führt. Daß

dieser Außenrand der Girlande trotz der mit der Dehnung sonst überall

verbundenen Senkung gehoben erscheint, deutet eine Kippbewegung

der Girlande an, die man sich dadurch verursacht denken kann, daß

sie gemäß der allgemeinen Westwanderung der Kontinentalscholle an

ihren Endpunkten mitgeschleppt, in der Tiefe aber durch das Sima

zurückgehalten wird. Mit demselben Vorgang scheint auch die meist

ihren Außenrand begleitende Tiefseerinne zusammenzuhängen. Es

ist sehr auffällig, daß sich diese Rinne niemals auf der frisch

entblößten Simafläche zwischen Kontinent und Girlande, sondern stets

nur an deren Außenrande, also an der Grenze des alten Tiefseebodens

bildet. Sie erscheint hier als eine Spalte, deren eine Seite von dem

stark ausgekühlten und bis in große Tiefen bereits erstarrten alten

Tiefseeboden und deren andere Seite von dem lithosphärischen Material

der Girlande gebildet wird. Gerade in Verbindung mit der genannten

Kippbewegung der Girlande wäre die Bildung einer solchen Randspalte

zwischen Sial und Sima sehr verständlich. Das frisch entblößte Sima

am Kontinentalrand ist dagegen zu flüssig, um eine Spalte bilden zu

können. Natürlich bedarf aber diese Vorstellung von der Natur der

Tiefseerinnen noch der Kontrolle, namentlich durch Schweremessungen.

Wir werden später auch Fälle kennen lernen, wo noch andere Ursachen für

die Entstehung einzelner solcher Rinnen anzunehmen sind.

Es bestehen aber noch andere Gesetzmäßigkeiten bei den ostasiatischen

Girlanden. Zunächst ist die bauchige Küstenlinie des Kontinents,

dem sie vorgelagert sind, zu nennen. Namentlich, wenn wir außer der

Küstenlinie selber auch die 200 m-Tiefenlinie in Fig. 14 betrachten,

so zeigt sich, daß der Kontinentalrand stets das Spiegelbild einer

S-Form aufweist, während die davor liegende Girlande einen einfachen

konvexen Bogen bildet. Diese Verhältnisse sind schematisch in Fig. 15 B

dargestellt. Die Erscheinung ist bei allen drei in Fig. 14 enthaltenen

Girlanden in gleicher Weise ausgebildet und trifft z. B. auch beim

ostaustralischen Kontinentalrand und seiner einstigen, durch den

Südost-Ausläufer Neuguineas und Neuseeland gebildeten Girlande zu.

Diese bauchigen Küstenlinien kennzeichnen einen Zusammenschub parallel

zur Küste und also auch zur Streichrichtung der Küstengebirge. Sie sind

als horizontale Großfalten zu betrachten. Es handelt sich hierbei um

eine Teilerscheinung in dem gewaltigen Zusammenschub, den das ganze

östliche Asien in der Richtung Nordost-Südwest erfahren hat. Macht man

den Versuch, diese Schlangenlinie der ostasiatischen Festlandsküste

zu glätten, so wächst die Entfernung zwischen Hinterindien und der

Beringstraße, die jetzt 9100 km beträgt, auf 11100 km.

[Illustration: Fig. 15.

Schema der Entstehung von Inselgirlanden.

A Querschnitt; B Aufsicht. (Der stark ausgekühlte Teil des Sima ist

durch Strichelung bezeichnet.)]

Bei dieser Vorstellung eines Zusammenschubes in der Streichrichtung

einer bereits vorhandenen Faltung müssen wir etwas verweilen. Durch

Faltung wird die Struktur einer Kontinentalscholle wesentlich

verändert. Namentlich wenn die einzelnen Gebirgsketten gut voneinander

getrennt sind, muß offenbar eine Art Teilbarkeit nach parallelen

vertikalen Ebenen entstehen (vgl. den schematischen Querschnitt A

in Fig. 15). Wie wird sich ein solches Gebilde bei Zusammenschub in

Richtung der Gebirgskämme verhalten? Ein extremes Beispiel haben

wir in einem Spiel Karten. Legen wir es auf den Tisch, so haben wir

horizontale Schichtung, und ein Zusammenschub führt zu der gewöhnlichen

Gebirgsfaltung, bei der die Falten nur nach oben oder unten ausweichen.

Stellen wir das Spiel aber auf die hohe Kante, so haben wir vertikale

Teilbarkeit; ein Zusammenschub führt jetzt zu seitlichem, horizontalem

Ausweichen der Falten. Schon beim Kartenspiel sehen wir, daß oft

zufällig einzelne Randglieder sich durch abweichende Krümmung

abzweigen, während der Rest geschlossen bleibt. Bei den ostasiatischen

Inselgirlanden wird diese Abzweigung offenbar durch die Westwanderung

der Kontinentalmassen unmittelbar herbeigeführt. Alle Girlanden,

welche wir auf der Erdkarte sehen, namentlich auch die Girlanden

Mittelamerikas, die Antillen, bleiben nach Osten zurück oder doch --

bei den Aleuten -- nach derjenigen Richtung, welche im Diluvium mit

Rücksicht auf die damalige Pollage Osten war.

Sehr auffällig ist ferner die gleichartige Staffelung der Girlanden.

Die Aleuten bilden eine Kette, welche weiter östlich in Alaska nicht

mehr Randkette ist, sondern aus dem Innern kommt. Sie endigen bei

Kamtschatka, von wo ab nun die bisher innere Kamtschatka-Kette mit

den Kurilen als äußerste Kette die Girlande bildet. Diese endigt

wiederum bei Japan, um der bisher inneren Kette Sachalin-Japan den

Platz zu räumen. Auch südlich von Japan läßt sich diese Anordnung

noch weiter verfolgen, bis bei den Sunda-Inseln die Verhältnisse

verworrener werden. Und auch die Antillen zeigen genau dieselbe

Staffelung. Es liegt auf der Hand, daß diese Staffelung der Girlanden

eine unmittelbare Folge der Staffelung der einstigen Randgebirge

der Kontinente ist und also auf das früher besprochene allgemeine

Gesetz der Staffelfalten zurückgeht. Die auffällig gleiche Länge der

Girlanden [Aleuten 2900, Kamtschatka-Kurilen 2600, Sachalin-Japan

3000, Korea-Riu-Kiu 2500, Formosa-Borneo 2500, Neuguinea-Neuseeland

ehemals 2700 km][61] könnte vielleicht auf diese Weise bereits

tektonisch in der Anlage der Randgebirge vorgezeichnet sein; es

könnte aber auch sein, daß sie die Grenze darstellt, bis zu welcher

sich eine Druckübertragung beim Zusammenschub des Kontinentalrandes

geltend macht. Denn wenn wir auf unser Beispiel mit dem Kartenspiel

zurückgehen, so ist klar, daß die sich abzweigenden Randketten

nicht beliebig lang sein können, sondern nur so lang, daß eine

Druckübertragung von den beiden Endpunkten her noch möglich ist.

Betrachten wir die Verteilung der Girlanden im Pazifik, so sehen wir

ein großzügiges System. Namentlich wenn wir Neuseeland als einstige

Girlande Australiens auffassen, so ist die ganze Westküste des Pazifik

mit Girlanden bedeckt, während die Ostküste frei davon ist. Bei

Nordamerika kann man vielleicht in der Abtrennung von Inseln zwischen

50 und 55° Breite, der Küstenausbauchung bei San Franzisko und der

Abtrennung der kalifornischen Randkette noch unentwickelte Anfänge

zur Girlandenbildung erkennen. Im Süden läßt sich möglicherweise die

Westantarktis als Girlande (dann vermutlich Doppelgirlande) ansprechen.

Im ganzen deutet also das Girlandenphänomen auf eine Verschiebung

der westpazifischen Kontinentalmassen, die etwa nach Westnordwest,

also für die diluviale Pollage etwa nach Westen gerichtet war, die

ferner mit der Längsachse des Pazifik (Südamerika-Japan) und mit

der Hauptrichtung der alten pazifischen Inselreihen (Hawaii-Inseln,

Marshall-Inseln, Gesellschafts-Inseln usw.) zusammenfällt. Die

Tiefseerinnen, einschließlich der Tongarinne, sind als Spalten

senkrecht zu dieser Verschiebungsrichtung angeordnet. Es ist wohl

keine Frage, daß alle diese Dinge ursächlich miteinander verknüpft

sind. Stellen wir uns ein kreisrundes Blatt aus Gummi vor, welches

in die Länge gezogen wird, so haben wir ein ähnliches Bild: der eine

Durchmesser wächst, der andere verkleinert sich; durch das Ziehen

des Gummis werden alle Punktgruppen (Inselgruppen) zu Ketten in die

Länge gezogen, und senkrecht zur Zugrichtung reißen Spalten auf. Die

ostasiatischen Inselgirlanden treten hierdurch in enge Beziehung zum

Bau des ganzen pazifischen Ozeans, ebenso wie sie in engster Beziehung

zum Bau von Asien stehen.

Das Zurückbleiben der sich ablösenden Randketten leitet uns hinüber

zu einem allgemeineren Gesetz, nach welchem überhaupt alle kleineren

lithosphärischen Bruchstücke, also namentlich Inseln, aber auch

vorspringende Halbinseln, bei der Westwanderung der Kontinente

zurückbleiben; sie bleiben gewissermaßen im Sima stecken, während die

großen Schollen sich über dasselbe fort verschieben. Es ist nicht

schwer, einzusehen, daß der Grund hierfür in dem Stirnwiderstand der

bewegten Schollen im Sima zu suchen ist, der für kleine Schollen

relativ viel größer ist als für große, weil nämlich die Mächtigkeit

oder Eintauchtiefe der kleineren Schollen nicht entsprechend ihrer

Dimension verkleinert ist[62].

So bleiben nicht nur die Inselgirlanden und die ganz abgetrennten

Inselgruppen im Sima stecken, während die Kontinentalscholle sich

weiterschiebt, sondern auch der zerrissene lithosphärische Lappen

Hinterindiens und der Sunda-Inseln bleibt nach Osten zurück, die

Südspitze Grönlands, Florida, Feuerland und Grahamland. Die

Tiefenkarte der Drakestraße (Fig. 16) mit diesen beiden nach Osten

zurückbleibenden Landspitzen kann geradezu als Illustration für

diese plastischen Deformationen dienen. Noch im Diluvium hat hier

Landverbindung geherrscht, was nur möglich war, wenn beide Landspitzen

noch in der Gegend des Inselbogens der Sandwichinseln lagen. Seitdem

sind sie von da aus nach Westen weiter gewandert, ihre schmale

Verbindung aber ist im Sima stecken geblieben.

[Illustration: Fig. 16.

Die Entstehung der Kontinente und Ozeane · 第 27 / 35 题