Es leuchtet unmittelbar ein, daß sich diese Lehre von der Isostasie
in keiner Weise mit der Schrumpfungshypothese und ihrer Vorstellung
vom „Gewölbedruck“ und dem „Zusammenbruch des Erdballes“ vereinigen
läßt. Die geologische Wissenschaft ist damit vor die Aufgabe gestellt,
eine neue Grundhypothese zu schaffen, welche die Schrumpfungshypothese
ersetzen und das gesamte Tatsachenmaterial unter Einschluß des
geophysikalischen zu einem Gesamtbilde vereinigen kann.
Aber statt dessen sehen wir heute nur zwei Teillösungen des Problems in
einem für beide gleich hoffnungslosen Kampf gegeneinander verstrickt,
nämlich die Hypothese der Brückenkontinente und die Hypothese der
Permanenz der Ozeane und Kontinente.
Die Verfechter der Brückenkontinente halten sich an die heute wohl
als gesichert zu betrachtende Tatsache, daß die enge Verwandtschaft
der Fauna und Flora heute weit getrennter Kontinente durchaus breite
Landverbindungen für die Vorzeit erfordert[19]. Die immer reichlicher
zuströmenden Einzelfunde lassen das Bild dieser Zusammenhänge immer
deutlicher vor unseren Augen erwachsen, und heute schon herrscht
bei den wichtigsten dieser Landbrücken unter den verschiedenen
Fachgelehrten eine sehr weitgehende Übereinstimmung. Wir verweisen
in dieser Hinsicht auf die im vierten Kapitel gegebene tabellarische
Übersicht über die ablehnende oder zustimmende Stellung von 20
Fachgelehrten zu den einzelnen Brücken. Als gesichert gelten eine
bisweilen behinderte Landverbindung zwischen Nordamerika und Europa,
die erst in der Eiszeit endgültig abbrach, ferner eine solche zwischen
Afrika und Südamerika, die, schon mit der Kreide behindert, im Eozän
endgültig abbrach, eine dritte, die „lemurische“ Brücke zwischen
Madagaskar und Vorderindien, die im Untereozän abbrach, aber noch bis
zum Miozän einen beschränkten Formenaustausch zuließ, und endlich eine
„gondwanische“ Brücke zwischen Afrika plus Madagaskar und Australien,
die im Lias oder Unterdogger abbrach und vermutlich Antarktika enthielt.
Auch zwischen Südamerika und Australien muß unbedingt früher eine
bequeme Landverbindung geherrscht haben, aber die Ansicht, daß diese
durch einen Brückenkontinent im südlichen Pazifik gebildet worden sei,
wird nur von ganz wenigen Fachgelehrten vertreten. Die meisten nehmen
an, daß diese Verbindung über Antarktika ging, welches gerade auf der
kürzesten Verbindung zwischen den beiden Kontinenten liegt.
Daneben ist natürlich eine große Anzahl von Brücken anzunehmen, die
heute durch Schelfmeere ersetzt sind. Die Anhänger der Hypothese der
Brückenkontinente haben bisher gar keinen Unterschied gemacht zwischen
Brücken über Tiefsee und Brücken über Schelfe. Für die ersteren werden
in diesem Buche neue Anschauungen entwickelt, für die letzteren aber,
dies sei besonders betont, bleiben die bisherigen Anschauungen vom
Versinken und Wiederauftauchen des trockenen Landes in vollem Umfange
bestehen, und wir haben z. B. nicht das geringste einzuwenden gegen
die bisherige Vorstellung, daß an der Beringstraße vom Eozän bis zum
Quartär Landverbindung zwischen den beiden großen Kontinentalschollen
geherrscht hat, und daß sie erst dann versank, ebenso wie sie bereits
früher, namentlich in der Trias, zeitweise versunken gewesen war[20].
Nur das Versinken von Landbrücken bis zum Tiefseeboden ist es, was, wie
gezeigt werden wird, der Kritik nicht standzuhalten vermag, aber ohne
daß wir deshalb die Landverbindung entbehren können.
Gegenüber diesen Anhängern der Hypothese der Brückenkontinente
verfechten die Anhänger der Permanenzhypothese den Satz: „Die großen
Tiefseebecken bilden permanente Erscheinungen der Erdoberfläche und
haben mit geringen Änderungen ihrer Umrisse schon seit der ersten
Sammlung des Wassers an derselben Stelle gelegen, an der sie jetzt
liegen“[21]. Sie gehen aus von der oben erörterten Tatsache, daß auf
den Kontinenten keine Tiefseeablagerungen in irgendwie beträchtlicher
Ausdehnung vorkommen, daß also die Kontinentalschollen als solche
unbestritten permanent sind. Hierdurch entsteht aber für die
Konstruktion von Brückenkontinenten eine große Verlegenheit. Denn
wenn deren Erhebung nicht durch anderweitige entsprechende Senkungen
kompensiert wird, so enthalten die übrigbleibenden, sehr verkleinerten
Tiefseebecken bei weitem nicht Raum genug für die Wassermenge der
Ozeane. Es müßten dann -- mit Ausnahme hoher Gebirge -- alle Kontinente
einschließlich der emporgehobenen Brückenkontinente, mit einem wenn
auch nicht sehr tiefen Meere vollständig überflutet gewesen sein. Eine
solche allgemeine Überflutung durch eine „Panthalassa“ wird aber in der
Geologie nur für die allerälteste Zeit angenommen, und es ist klar,
daß wir durch diese Konsequenz für die in Frage kommenden Zeiten, wo
wir gerade Landbrücken zwischen trockenen Kontinenten brauchen, ad
absurdum geführt werden. Um dieser von /Willis/ und /Penck/ betonten
Schwierigkeit zu entgehen, müßten wir die sehr unwahrscheinliche, sonst
durch nichts begründete Annahme machen, daß die Gesamtwassermenge
der Erde sich gerade in entsprechendem Tempo vermehrt hat, wie die
Landbrücken abgesunken sind. Diese Hypothese ist aber ernstlich noch
von niemand vertreten worden.
Weiter fußen die Anhänger der Permanenzhypothese auch auf den
geophysikalischen Ergebnissen, die wir oben skizziert haben. Ein
Absinken von Kontinenten zum Tiefseeboden erscheint unmöglich.
Zwar läßt sich ein Untertauchen von Landgebiet bis zur Schelftiefe
durchaus physikalisch erklären. Es kommen dafür sogar mehrere Ursachen
in Betracht, deren jede für sich allein ausreichen dürfte. Einmal
kann durch Zugkräfte eine Zerrung der ja plastisch zu denkenden
Kontinentalscholle eintreten, welche mit Höhenschrumpfung verbunden
sein muß; und zweitens besteht durchaus die Möglichkeit, daß es bei
größeren Polverlagerungen in dem Quadranten, von dem sich der Pol
fortbewegt, infolge des Nachhinkens der Erde bei der Einstellung
auf das neue Rotationsellipsoid zu großen Überflutungen kommt,
worauf /Simroth/[22] u. a. hingewiesen haben. (Und umgekehrt in dem
Quadranten, auf den sich der Pol zubewegt, zu großen Trockenlegungen).
Dieses „Absinken“ bis zu Schelftiefen hat zweifellos z. B. an der
schon oben erwähnten Beringstraße, in der Nordsee und dem Kanal, im
Ägäischen Meere, in der Bassstraße zwischen Tasmanien und Australien,
und an vielen anderen Stellen stattgefunden und ist geophysikalisch
auch durchaus einwandfrei. Für diese Fälle gilt zweifellos das
allgemeine Gesetz, daß die so erzeugten Abweichungen vom mittleren
Kontinentalniveau um so seltener auftreten, je größer sie sind[23].
Etwas ganz anderes wäre aber ein Absinken bis zur Tiefseestufe,
welche 5000 m unterhalb der Kontinentalstufe, von dieser durch ein
Häufigkeitsminimum getrennt, liegt. Die Größe dieser Senkung sowohl wie
die Gleichartigkeit der erreichten Tiefe dürften für diejenigen, welche
auch hier am Versinken der Landbrücken festhalten wollen, sehr schwer
zu erklären sein.
Aus diesen Widersprüchen gibt es nur einen Ausweg: wenn wir annehmen,
daß die Kontinentalschollen nicht nur in vertikaler Richtung zu
isostatischen Ausgleichsbewegungen befähigt sind, sondern auch zu
Bewegungen in horizontaler Richtung. Tun wir diesen nur durch seine
Neuheit seltsam erscheinenden, in Wahrheit aber geophysikalisch
wie geologisch durchaus vorbereiteten Schritt, so haben wir die
Möglichkeit, breite Landverbindungen auch da zu rekonstruieren, wo
heute die Tiefsee liegt, und zwar ohne in Konflikt mit der Isostasie
zu kommen, und ohne daß uns die Wassermenge der Erde Schwierigkeiten
macht. Wir nehmen also an, daß die nordamerikanische Kontinentalscholle
früher dicht neben der europäischen gelegen, ja mit ihr eine einzige
Scholle gebildet hat, daß diese große Scholle sich spaltete und die
beiden Teile sich im Laufe der Zeiten weiter und weiter voneinander
entfernten. Ebenso nehmen wir an, daß Südamerika und Afrika einst
unmittelbar zusammenhingen, sich abspalteten und immer mehr voneinander
entfernten. Um das alte Gondwanaland zu rekonstruieren, schieben
wir auch Antarktika und Australien konzentrisch auf Südafrika
zusammen und nehmen auch hier eine Aufspaltung einer einzigen großen
Kontinentalscholle an. Um Lemuria zu rekonstruieren, brauchen wir
dagegen nur die Falten von Hochasien zu glätten, wodurch Vorderindien
schon von selbst zur Berührung mit Madagaskar und dies mit Afrika
gebracht wird.
Es wird Aufgabe der folgenden Abschnitte sein, zu zeigen, daß diese
Verschiebungstheorie eine große Reihe überraschender Vereinfachungen
liefert, und daß sie geeignet ist, die Gesamtheit unserer heutigen
Kenntnisse zu einem Bilde zusammenzufassen. Eine so kleine Schrift
wie die vorliegende kann dazu natürlich nur eine Skizze liefern, die
Ausführung erfordert liebevolle Einzelarbeit auf einer langen Linie.
Einige geschichtliche Bemerkungen seien vorausgeschickt. Die
Vorstellung einer Verschiebung der Erdrinde in horizontaler Richtung
über die magmatische Unterlage fort ist schon vielfach erörtert worden,
namentlich von /Evans/ und /Kreichgauer/, nach welchen sich die ganze
Rinde als einheitliche Kugelschale verschieben sollte[24]. Von direkten
Anklängen an die im folgenden vertretenen Anschauungen sind mir nur
folgende Schriften zu Gesicht gekommen:
/H. Wettstein/[25] stellt sich die Erdrinde als fließend vor. Die
Kontinente, deren Schelfe er allerdings nicht mit berücksichtigt, sind
horizontal verschiebbar und erleiden bei den Verschiebungen starke
Deformationen. Alle Kontinente wandern nach Westen, gezogen durch die
Flutkräfte der Sonne im festen Erdkörper[26]. Die Ozeane hält er jedoch
für versunkene Kontinente, und über die „geographischen Homologien“ und
andere Probleme des Erdantlitzes äußert er phantastische Vorstellungen,
die wir hier übergehen.
Im Jahre 1907 hat /Pickering/[27] die wegen der Parallelität der Küsten
ja naheliegende Vermutung ausgesprochen, Amerika sei von Europa-Afrika
abgerissen und um die Breite des Atlantik fortgezogen worden. Aber
er denkt sich diesen Vorgang leider verbunden mit der von /G. H.
Darwin/ angenommenen einstmaligen Abschleuderung der Mondmasse von der
Erde[28], deren Spur man noch im pazifischen Becken sehe, und verlegt
damit die Entstehung des Atlantik in eine graue Vorzeit.
Am nächsten kommt eine Arbeit von /Taylor/[29] der
Verschiebungstheorie. Er nimmt speziell im Tertiär bedeutende
horizontale Verschiebungen der Kontinente an und bringt sie teilweise
mit den großen tertiären Faltungssystemen in Zusammenhang. Für die
Lostrennung Grönlands von Nordamerika kommt er zur gleichen Vorstellung
wie die Verschiebungstheorie. Beim Atlantik nimmt er jedoch an,
daß nur ein Teil seiner Breite durch Fortziehen der amerikanischen
Schollen entstanden sei, während der Rest abgesunken sei und die
mittelatlantische Bodenschwelle darstelle. Er sieht in der „Polflucht“
des Landes das gestaltende Prinzip für die Anordnung der großen
Gebirgsketten auf der Erde und begegnet sich dabei mit /Kreichgauer/.
Die Verschiebung von Kontinenten spielt bei ihm eine untergeordnete
Rolle und wird nur sehr kurz begründet.
Als Geophysiker lernte ich diese Arbeiten naturgemäß erst kennen,
als ich mich bei der Ausarbeitung der Verschiebungstheorie
in der geologischen Literatur umsah. Die erste Idee der
Kontinentalverschiebungen kam mir einst bei Betrachtung der
Weltkarte unter dem unmittelbaren Eindruck von der Parallelität der
atlantischen Küsten. Erst nach Jahr und Tag, als ich zufällig mit den
paläontologischen Ergebnissen über frühere Landverbindungen im Süd-
und Nordatlantik bekannt wurde, entschloß ich mich, die in Betracht
kommenden Wissenschaften systematisch auf die Wahrscheinlichkeit
solcher großen Verschiebungen zu durchmustern. 1912 erfolgten die
ersten beiden Veröffentlichungen der Verschiebungstheorie[30], denen
1915 die ausführlichere Darstellung in der ersten Auflage dieser Arbeit
folgte.
Zweites Kapitel.
Die Natur der Tiefseeböden.
Die Theorie von der Verschiebung der Kontinente findet ihre tiefere
physikalische Begründung erst durch eine neue Auffassung über die
Natur der Tiefseeböden, die wir in dem Satz formulieren können: /Die
Tiefseeböden sind nicht Teile der Lithosphäre, sondern bestehen bereits
aus dem schwereren Material der Barysphäre/. Die oberste Erdhaut,
die Lithosphäre, soll also nicht mehr die ganze Erde umspannen,
sondern in Gestalt der Kontinentalschollen nur noch etwa ein Drittel
der Erdoberfläche bedecken, während auf den übrigen zwei Dritteln
der Erdoberfläche bereits die Barysphäre entblößt ist. Fig. 2 zeigt
schematisch einen Vertikalschnitt durch einen Kontinentalrand nach der
neuen Anschauung.
[Illustration: Fig. 2.