»Ja. Ich sagte ihr: Poupoul hat mich verraten, er bellte. Darauf sagte sie:
so, sein Hund hat dich verraten. Sonst sagte sie nichts. Aber zwei Tage
später sagte sie zu mir: nun kann dich Poupoul nicht mehr verraten, Yann.«
Ich sah Yann an und ein verächtliches Lächeln kam auf meine Lippen. Ich
lächelte über mich. Sie ist ein Kind, diese Rosseherre. O, jawohl, meine
Herrschaften, hier sehen Sie einen Menschenkenner erster Güte vor sich! Ich
werde eine Tournee unternehmen und mich mit einem Ring an der Nase und
einem Pfahl im Hirnkasten gegen Entree sehen lassen!
Zu Yann aber sagte ich mit einem vorwurfsvollen Blick: »Yann, ich wartete
jede Nacht bei Poupons Schlucht. Weshalb kamst du nicht?«
Yann sah mich erstaunt an. »Es ging ja kein Boot hinüber,« antwortete er,
»wie konntest du da reisen?«
Ich lachte laut auf. Ich lachte über mich. Also ganz grundlos waren mir die
Haare zu Berg gestanden -- Yann war es gar nicht in den Sinn gekommen mir
einen Besuch abzustatten. Genug! Fort!
»Die letzten Tage waren die Hölle!« fuhr Yann fort und seine
blutunterlaufenen Augen sprühten und die Adern an seinem Hals schwollen an.
»Dieses Frauenzimmer machte mich verrückt. Hörst du? Toll! Ich glaube, sie
ist besessen und hat mich behext. Das glaube ich! Neulich, in der Nacht --
da konnte ich es nicht tun. Du hast gepfiffen, du gingst so arglos dahin.
Deshalb. Nun, du reist, es ist gut. Ich wußte nicht mehr, was ich tun
sollte. Und wir sind ja doch Freunde, wie? Wenn sie auch bei dir war, was
liegt daran? Lebe wohl, mon très cher ami.«
Yann streckte mir die Hand hin und seine Augen schimmerten feucht. Ich
ergriff seine Hand und wir sahen einander lange in die Augen. Wir hatten
uns gequält, recht und schlecht, wie Menschen es tun müssen, die einander
näherkommen.
Dann griff Yann in die Tasche und zog die goldene Uhr mit dem Springdeckel
heraus.
»Ein Glas mußt du dir einsetzen lassen,« sagte er, »nimm doch! So nimm
doch!«
Ich lächelte. Nein, niemals werde ich diese Menschen verstehen. Die Uhr
aber nahm ich nicht.
»Ich will nichts besitzen, was mehr als zehn Franken wert ist, verstehst
du, Yann?« sagte ich. »Etwas anderes vielleicht?«
Yann suchte in den Taschen und gab mir sein feststehendes Messer.
»Ja, das kann ich brauchen, danke!« Ich griff in meinen Rock und zog die
kleine Flöte heraus. Ich gab sie Yann.
»Merci!« sagte er. »Wieviele schöne Stunden -- nun, lebe wohl! Vergiß mich
nicht!«
Ich schüttelte den Kopf und drückte Yann nochmals die Hand.
Das Segel stieg.
Der »Kommissionär« galoppierte durch die Bai. Wir hatten mehr Wind als
nötig war. Um das »Kamel« spielten schwarze kleine Enten und tauchten und
überschlugen sich. Die Möwen saßen auf den Klippen und ihre Köpfe blendeten
so weiß wie frisch mit Ölfarbe gestrichene Knöpfe. An den Riffen saugte und
atmete das Meer.
Wir durchquerten den Strom und der »Kommissionär« ging auf den andern Bug
über.
Dann passierten wir die versteckte Klippenreihe, wo ich so oft mit dem
Meerkönig gefischt hatte. Das Meer donnerte und die Gischtschleier stoben
in die Höhe. Da sah ich ein kleines wohlbekanntes Segel, das in der
schweren See pendelte. Es kam auf uns zu. »Jean Louis!«
Aber es war nicht der kleine Meerkönig, der im Boot saß. Eine weiße Haube
tauchte unter dem Segel auf.
»Rosseherre -- ho! ho!« schrien die Matrosen.
Das Boot segelte dicht an uns heran. Rosseherre saß mit gebeugtem Rücken am
Steuer, die Augen auf ihren Weg geheftet, die niedere Stirn in hundert
kleine Falten gerunzelt. Sie sah nicht auf.
Eine Woge hob das Boot in die Höhe und trug es fort. Im Nu war das kleine
pendelnde Segel unsern Blicken entschwunden.
»Dieser Satan! Seht an!« schrien die Matrosen und lachten.